Der Tag nach dem Schweizer Jubeltag

Ich bin Schweizerin. So von Grund auf. So mit Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern, Urur…. ihr ahnt es schon. Und ja, ich bin dankbar, hier geboren worden zu sein. Ich finde nicht alles toll hier, einiges nervt mich, ärgert mich, langweilt mich, aber: Es hätte schlimmer kommen können, viel schlimmer. Dazu beigetragen habe ich nichts. Ich habe mir diesen Geburtsort nicht ausgesucht, es war schlicht und einfach nur Glück.

Gestern hat die Schweiz gefeiert. Wie alt sie nun genau wurde, darüber stritt man sich ein wenig in den sozialen Medien, die einen griffen auf 1291 zurück, die anderen auf 1848 – feiern tut man den 1. August übrigens seit 1891. Auf Facebook quoll meine Timeline über. Schweizer Flaggen, Schweizer Kühe, Schweizer Alphörner, Schweizer Fähnchen, Schweizer Würste, Schweizer Alpen, Schweizer Städte, Schweizer Musik. Lobreden auf die Schweiz zu Hauf, ihre Schönheit wurde in allen Tönen gelobt. Der ganze Schweizer Stolz zeigte sich in Worten und Bildern.

Neben all den Oden an die Schweiz kamen immer wieder in Nebensätzen die kleinen Spitzen mit rein: Der böse Islam müsse raus, der mache die schöne Schweiz kaputt. Die bösen Flüchtlinge sollen bitte dahin, wo sie herkamen, sie machen die schöne Schweiz kaputt. All die, welche nicht im Sinne der so Sprechenden sind und denken, würden auch am besten die Koffer packen und gehen. Damit man als guter Schweizer Bürger schön unter sich ist und die schöne Schweiz fortan ungestört geniessen kann. Schliesslich geht es uns hier gut. Schliesslich haben wir hier alles und haben dafür viel gearbeitet.

Gut, irgendwann holten wie die Italiener rein, damit sie helfen, weil wir ohne nicht mehr klar kamen. Aber he, die Italiener gehören heute quasi dazu. Das sind keine richtigen Ausländer, die haben auch so einen netten Akzent. Die mögen wir. Wir meinen nur die anderen. Dass die Kinder der Italiener damals als „Tschinggen“ verschrien wurden, das haben wir vergessen (oder verdrängen es oder finden, das sei ja nicht böse gemeint gewesen).

Dass viel von unserem Gut-Gehen von nicht immer ganz sauberen Finanzgeschäften abhängt, das will man auch nicht hören. Nazi-Gold? Alte Geschichten! Ich erinnere mich noch gut daran, als Stuart Eizenstat kam und die Schweizer Banken in die Knie zwang. Ich erinnere mich gut an damals, als die Bergier Kommission eingesetzt wurde. Der eine wurde als geldgeiler Anwalt betitelt, die anderen als Nestbeschmutzer. Wer konnte es wagen, an unserer weissen Weste zu kratzen?

Eine weisse Weste haben wir generell immer. Wir sind neutral, wir mischen uns nirgends ein. Dass wir Waffen verkaufen, hat damit nichts zu tun, von irgendwas müssen wir ja leben. Wir würden die ja auch allen verkaufen, die zahlen, insofern spricht das für unsere Neutralität.

All das, was wir also von all denen haben: Von der Mitarbeit der Italiener, von den Geldgeschäften und Waffenverkäufen (und vielen mehr), das möchten wir nun gerne behalten – und nicht teilen. Wir sind ja nicht Mutter Theresa – oder wie Polo Hofer sein halbes Leben lang sang: kein Kiosk. Und genau das haben sie gestern gefeiert. Sichtbar. Lesbar.

Heute feiern sie nicht mehr. Heute bleibt nur noch das Motzen über all jene, welche die arme schöne Schweiz kaputt machen. Und über all die Dummen, die nicht mitmotzen, sondern dieses ganze Gerede von Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit nicht mehr lesen mögen. Und nun erklärt sich auch der Anfang meines Artikels hier: Liebe Leute, denen ich nun auf die Füsse getreten bin,: Ich kann nirgendwohin zurück (wurde mir schon vorgeschlagen bei früheren Artikeln). Ich bin schon da, wo ich herkomme. Und ich bin gerne hier. Und ja, ich finde auch, wir müssen aufpassen, dass es der Schweiz gut geht. Aber ich finde, wir haben auch eine Verantwortung als Menschen. Menschen helfen Menschen. Wo man das kann, soll man das tun. Wenn Menschen in Not sind, sollte man nicht einfach wegschauen, sondern menschenwürdige Lösungen zu finden versuchen. Für alle Beteiligten.

Ich sage nicht, dass es einfach ist, ich sage nicht, dass es Patentlösungen gibt, nur: Schotten dicht und alle anderen verdammen, hat noch nie zu was Gutem geführt.

Während ich das alles schreibe, sitze ich hier an meinem Pult in meinem Arbeitszimmer, das Fenster ist offen und es ist unglaublich still. Ab und an höre ich ein paar Vögel, dann und wann ein paar Kinderstimmen. Die Sonne scheint, alles grünt vor dem Fenster und ich denke für mich: Es ist unglaublich schön hier. Ja, ich bin dankbar, kann ich so leben, dankbar für alles, was ich hier in diesem Land habe und all die Möglichkeiten, die ich in meinem Leben hatte. Dieses Glück haben nicht alle auf dieser Welt. Und ja, es ist schlicht nur Glück, verdient haben wir es alle hier nicht.

6 Comments

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  1. Von Glück sprichst du, in der Schweiz geboren zu sein. Weshalb? Die Schweiz kann auch sehr engstirnig sein, du schreibst das in anderen Worten ja auch selbst und bist kritisch in Bezug auf manch deiner Landsleute. Ich bin Deutscher, lebe in der Schweiz und kann mir ein Leben anderswo genauso gut vorstellen. Nicht falsch verstehen. Es ist nicht Undank oder Desrespekt. Du siehst das Schöne in oder an der Schweiz, doch diese Schönheit hat seinen Preis oder seine Schattenseiten. Ich denke, sehr viele Menschen ausserhalb der Schweiz sind ungemein glücklicher als Schweizerinnen oder Schweizer. Geld macht nicht glücklich. Hunger auch nicht. Doch es gibt zwischen materiellem Reichtum und existentiellem Elend eine Mitte. Glück hängt nicht vom Land ab, sondern kommt nach meinem Verständnis von Innen.

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    • Das ist doch genau, was ich schrieb? Wogegen also sträubst du dich? Dass die Schweiz doch schöne Berge hat? Dass wir durchaus ein funktionierendes Sozialsystem haben? Dass die Städte schön sind?

      Was genau stört dich? Kannst du es benennen? Ich habe so viele Schwächen der Schweiz aufgezählt, nur gesagt, das sie durchaus schön ist. Genau das scheint dich zu stören. Wieso? Weil nicht schön sein kann, was nicht perfekt ist? Krankt nicht daran unsere ganze Ethik? Weil nur schwarz oder weiss sein darf??

      Die Schweiz ist bildschön. Bei jeder Dok denke ich es wieder. Die Bilder von der Natur, den Bergen, den Dörfern, Städten – wunderbar. Und doch: Ich wäre immer gegangen. So idealistisch. Zu eng, zu geldgeil, zu borniert, zu .. alles.

      Aber auch gar nicht so übel. So im weltweiten Vergleich. Und nur das meinte ich hier.

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      • Liebe Sandra, vielen Dank für dein Feedback. Ich verstehe sehr gut, dass du mich nicht verstehst. 🙂 Ich finde deinen Beitrag übrigens sehr gut! Und als Ausländer liebe ich die Schweiz. Mich stört nichts, Sandra. Hat die Schweiz schöne Berge? Die Berge in der Schweiz finde ich genauso schön wie die Berge anderswo. Das Schweizer funktionierende Sozialsystem sagt nichts darüber aus, wie gut oder schlecht es den Menschen in CH wirklich geht. Wie krank macht oder ist die Gesellschaft in CH? Frag die Ärzte, die Spitäler, die Pharma Industrie, die Krankenkassen und so weiter. Wie happy sind wir wirklich in diesem Land? Sind Schweizer Städte schön? Rom ist auch sehr schön. Und Paris erst! Istanbul! Ein Traum! Die Schweiz ist bildschön? Dalmatien fällt mir da ein. Im weltweiten Vergleich ist Überhöhung vielleicht eine Anmassung? Um wieviel mehr Geschichte haben entwickelte Kulturen im Vergleich zur Schweiz?

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  2. Jeder Mensch hat eine Entwicklungsphase im Leben, wo er für sich die Grenzen für fast alles absteckt. Danach fallem ihm Änderungen unglaublich schwer, weil Menschen eben so erzogen sind. Dies erklärt ebenfalls, warum eine Generation so mit Ausländern hadert und die nächste oder übernächste diese Ausländer als Einheimische empfindet. Dazu noch ein wenig Populismus und schön stönen die Leute mit staatlicher Genehmigung. Man sollte jedem Land mal klar machen, wo es Wäre, würden all die Dinge entfernt, die Bürger stören. Es wäre nicht mehr ihr geliebtes Land, sondern ein völlig fremdes.

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