Geld regiert die Welt

Man denke sich ein Land, das niedrigere Steuern hat als die meisten der umliegenden Länder. Dazu ist es ein nettes kleines Ländchen, idyllisch gelegen und sauber aufgeräumt. Es bietet gewissen Komfort für die, welche sich diesen leisten können, dass es auch viele andere hat, die kaum überleben mit dem, was sie verdienen, wollen wir mal aussen vor lassen, das ist nun nicht Thema und passt nicht ins Konzept.

Nun denkt sich doch so mancher kluge Kopf, vor allem, wenn er noch ein paar Konten hat, die gut gefüllt sind und Umsätze macht, die ein paar Nullen am hinteren Ende aufweisen, dass er das Geld nicht abgeben, sondern behalten möchte. Wäre da nicht dieser üble Fiskus, der einem die Spass an der Freud verdirbt und immer was vom Kuchen abhaben will. Je nach Land eher viel. Doch der kluge Kopf ist ja nicht umsonst klug, er kennt dieses nette kleine Land, er zieht um. Nun ist er nicht einfach ein kluger Kopf, sondern der kluge Kopf einer Firma, die er mit umzieht. Dadurch, dass diese Firma nun im kleinen Ländle sitzt, zahlt sie viel weniger Steuern als sie im Ursprungsland und in vielen anderen Ländern gezahlt hätte. So weit so gut. Man könnte fast sagen, dass sie nun glücklich bis ans Lebensende leben und das eingesparte Geld in grossen Schlucken aus den aufgetischten Champagnergläsern trinken.

Doch weit gefehlt. Nun hat man zwar was eingespart. Der Sieg macht ein oder zwei Jahre glücklich. Dann fängt man an, nach links und rechts zu schauen und sieht: Ja hallo, die Firmen, die hier ihren Ursprung haben, zahlen weniger Steuern als wir. Wir armen Zugezogenen werden quasi geschröpft. Das geht ja gar nicht, dass die in diesem Land eine solche Ungleichbesteuerung befürworten. Wir könnten noch viel mehr an Steuern einsparen, wenn wir wie die behandelt würden. Dienst am Land und andere ethischen Überlegungen sind egal, dass jede Steuerersparnis dieser Firma die Steuerkasse des Staates schwächen würde, damit den Schwächsten der Gesellschaft, die wir ja nicht erwähnen wollten, noch mehr genommen würde, bleibt ebenfalls aussen vor. Das ist ist nur idealistisches Geschwafel, das interessiert an dieser Stelle nicht. Auch die hier genutzte Infrastruktur, die ja auch den Firmen zugute kommt und deren klugen Köpfen dienlich ist, soll das Land doch bitte selber finanzieren. Darauf kann man keine Rücksicht nehmen, zumal man ja am längeren Hebel sitzt argumentationstechnisch.

Die klugen Köpfe der zum Zwecke der Steuerersparnis eingereisten Firmen überlegen sich, was sie tun könnten, um diesen Umstand zu ändern. Und merken natürlich sehr schnell, dass kein Mittel so gut wirkt, wie Drohungen. Wenn wir diesem Land drohen, dass wir wieder gehen, wenn sie unsere Forderungen nicht erfüllen, werden die schnell einlenken. Dann verlassen wir sie nämlich mit wehenden Fahnen und sie verlieren sämtliche Steuereinnahmen (und ein paar Arbeitsplätze) und nicht nur den Teil, den wir einsparen könnten, wenn wir unsere Forderungen durchbringen.

Nun hat das Argument durchaus etwas für sich, rein rechnerisch geht es auf. Das sieht natürlich auch der Wirtschaftsverband dieses kleinen Landes und hält schnell Vorträge, die den Firmen nach dem Munde reden. Gebügelt und krawattet sitzen sie da, reden davon, dass die Schweiz sich das leisten kann, leisten muss. Sind ja nur ein paar Milliarden (dass am Anfang der Gespräche um die Unternehmenssteuerreform „nur“ von Millionen die Rede war, ignorieren wir hier). Für einen guten Zweck quasi. Wir müssen uns so verhalten, wie die anderen das wollen, sonst haben sie uns nicht mehr gern. Das haben sie eh schon nicht, nur wenn sie Steuern sparen können. Und davon wollen sie noch mehr haben, sonst entziehen sie uns das letzte Bisschen Liebe.

Und das Ende der Geschicht’? Die Vortragenden werden gut entlöhnt von den klugen Köpfen der Drohenden, weil sie die Sache unter Dach und Fach gebracht haben. Und so werden immerhin die glücklich und zufrieden leben, bis dass der Tod sie scheidet. Ethik und Moral ignorieren wir mal schön weiter. Die zählen in dieser Geschichte nicht, da alle, die darauf  pochen entweder idealisierende Ignoranten der tatsächlichen harten Realität und Wirtschaft sind oder aber unvermögende Neider.

Robert Walser (*15. April 1878)

Am 15. April 1878 kommt Robert Walser in Biel zur Welt, besucht ebenda die Schule und macht später eine Banklehre. Nach einer kurzen Anstellung in Basel zieht Robert Walser 1895 nach Stuttgart, wo er sich als Schauspieler versuchen will, was allerdings ohne Erfolg bleibt. Schon damals ein guter Wanderer läuft er zurück in die Schweiz und landet schliesslich 1896 in Zürich. Es folgen diverse Anstellungen als Schreibkraft.

1898 erscheinen erste Gedichte Walsers in der Berner Zeitung Der Bund. Durch sie wird man ausserhalb der Schweizer Grenzen auf ihn aufmerksam und er wird auch in der Zeitschrift Die Insel publiziert mit seinen Gedichten. Obwohl er durch diese Publikationen in Kontakt mit den literarischen Kreisen Münchens kommt, bleibt er vorerst in Zürich wohnen, wo er Militärdienst leistet 1905, danach zunächst als Gehilfe bei einem Ingeneur arbeitet, schliesslich eine Ausbildung zum Diener macht und eine kurze Zeit als ebensolcher arbeitet auf Schloss Dambrau in Oberschlesien. Auch diese Karriere ist nicht von Dauer, 1906 verschlägt es ihn nach Berlin, sein Bruder Karl lebt da und macht ihn mit den ansässigen Literaten- und Künstlerkreisen bekannt.

In dieser Berliner Zeit entstehen Walsers Romane Geschwister Tanner, Der Gehülfe und Jakob von Gunten. Diese wie auch kürzere Prosatexte kommen in der Literaturszene bei Autoren wie Hesse, Kafka oder Tucholsky ausnehmend gut an, der Zugang zu einem breiteren Publikum blieb ihm aber verwehrt. Leben kann er von seiner Schreiberei kaum. 1913 zieht Walser in die Schweiz nach Biel zurück, es entstehen weitere kleine Prosastücke, die sowohl in Zeitungen wie auch in kleinen Bänden erscheinen. Neben dem Schreiben ist es vor allem das Wandern, das Robert Walser begeistert. Ganze Tage und auch Nächste wandert er durch die Gegend, verarbeitet diese Eindrücke auch in seinem literarischen Werk. 1921 zieht Walser nach Bern, in dieser Zeit entstehen viele Entwürfe zu Gedichten, Prosastücken  und sogar ein Roman. Alles in millimeterkleiner Schrift, die nur selten mit Tinte ins Reine geschrieben wird und so lange nicht zu entziffern ist.

1929 verstärken sich Robert Walsers gesundheitlichen Probleme, er leidet zunehmend an Angstzuständen und Halluzinationen, hört Stimmen. Er kommt in die Heilanstalt Waldau bei Bern, wo er weiter schreibt, immer noch Miniaturen, wie er seine Entwürfe in Millimeterschrift nennt. 1933 wird Robert Walser gegen seinen Willen nach Herisau in die dortige Heil- und Pflegeanstalt übersiedelt. Er hört auf zu schreiben, behält nur noch die Liebe zu ausgedehnten Spaziergängen bei. Auf einem solchen stirbt er am 25. Dezember 1956 an einem Herzschlag.

Werk und Wirkung

Robert Walsers literarisches Werk greift sehr stark seine beruflichen Erfahrungen auf. Das Angestelltentum sowie auch das Dienen sind Motive, die sich in verschiedenen seiner Werke aufgreifen lassen. Auch die ausgedehnten Spaziergänge finden ihren Niederschlag in der Literatur.  In einer ab und an naiven Sprache und auf spielerische Art greift Robert Walser zudem die Umstände seiner Zeit auf und unterlegt den oberflächlich heiter wirkenden Werken eine zweite Ebene, die von den existentiellen Ängsten der damaligen Zeit spricht und auch auf eine sehr feine Beobachtungsgabe der Gesellschaft schliessen lässt.

Obwohl Robert Walser in literarischen Kreisen hoch geschätzt wird, kann er beim breiten Publikum nicht Fuss fassen. Er fühlt sich als Versager, was seine von Natur schon zu Depressionen neigende Verfassung unterstützt.

Erst in neuerer Zeit wird Walser wieder entdeckt und die Grossartigkeit seines literarischen Werkes auch von einem grösseren Kreis erkannt. Leider sind einige seiner Werke verschollen, darunter mindestens drei Romane sowie auch Prosastücke und Gedichte. 1960 erscheint die von Jochen Greven editierte Gesamtausgabe, welche die vorher verstreut publizierten Werke vereint. Noch heute kommen immer wieder neue Funde ans Tageslicht.

Gelassenheit
Seit ich mich der Zeit ergeben,
fühl’ ich etwas in mir leben,
warme, wundervolle Ruh!

Seit ich scherze unumwunden
mit den Tagen, mit den Stunden,
schliessen meine Klagen zu.

Und ich bin der Bürd entladen,
meiner Schulden, die mir schaden,
durch ein unverblümtes Wort:
Zeit ist Zeit, sie mag entschlafen,
immer findet sie als braven
Menschen mich am alten Ort.
(Robert Walser, in: Die Gedichte, Suhrkamp Verlag)

Werke von Robert Walser

  • Geschwister Tanner (1907)
  • Der Gehülfe (1908)
  • Jakob von Gunten (1909)
  • Prosastücke (1916/17)
  • Der Spaziergang (1917)
  • Kleine Prosa (1917)
  • Seeland (1920)

Arthur Honegger: Die Fertigmacher

Bernies einziger Fehler ist es, als Kind einer unverheirateten Mutter geboren zu werden. Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf, eine Odyssee des Schreckens beginnt. Mit einem Jahr kommt er, einem Vormund unterstellt, in eine Pflegefamilie. Dass ihn der Pflegvater mag und für ihn einsteht, nützt ihm wenig, der Vormund hat ihn von vornherein als künftigen Zuchthäusler abgeschrieben und tut alles, diese Prophezeiung zu erfüllen. Mit 14 kommt Bernie zur Abklärung in ein Heim. Das Resultat zeigt einen intelligenten normalen Jungen, der wieder heim darf. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, beschliesst der Vormund trotzdem, ihn nicht bei den Pflegeltern zu lassen, stattdessen kommt Bernie in ein Heim für schwererziehbare Kinder.

Schien das Leben bislang schon schwer genug, so lernt Bernie, dass es noch schlimmer geht. Prügelstrafen, Drohungen, Unterdrückung, Willkür – ein Leben ohne Rechte, ständig den Launen der Heimleiter und Lehrer ausgeliefert

Wie ich das alles hasste, diese ganze Bande Verrückter, zu der ich gehörte. Wie ich diesen Fritschi hasste, die Gehilfinnen, die Stallmeister und die Lehrer. Ich weinte beinahe vor Hass und Zorn, und dass ich für immer bei solchen Menschen leben musste.

Bernie merkt bald, dass sein Schicksal wohl besiegelt ist, er keine Möglichkeit hat, Gerechtigkeit zu erreichen. Die einzige Chance ist, möglich angepasst und unauffällig die Anweisungen zu befolgen. Nicht mal dann hat man die Gewähr, dass alles gut geht.

„Du hast keine Chance, nicht wahr?“

„Ich verstehe dich nicht“, sagte ich.

„Du kommst nie mehr aus diesem Heim heraus?“

„Nein, ich muss dableiben, ich habe keine andere Wahl.“

Bernie hat keine Wahl, er bleibt aber trotzdem nicht in diesem Heim. Die nächste Station ist ein Bauernhof, wo er als Verdingbub unter grausamen Verhältnissen ein Jahr überstehen muss, danach geht die Reise weiter in eine Arbeitserziehungsanstalt – eine weitere Steigerung an Schrecken, der fast in den Tod führt.

Arthur Honeggers Roman trägt autobiographische Züge. Beim Lesen entsteht ein Kloss im Hals. Man fühlt sich hilflos solcher Ungerechtigkeit gegenüber, man schämt sich, dass solche Dinge möglich sind. Man ärgert sich, dass man nichts tun kann und niemand damals etwas tat. Das Buch wirft Fragen auf: Wie können Menschen so sein? Was bringt es Menschen, andere so zu behandeln, Kinder von vornherein abzuschreiben und ihnen Gewalt anzutun? Wie können alle andern wegschauen, nichts tun? Was ist ein Mensch? Wozu ist er fähig?

Der Roman Arthur Honeggers schildert mit einer klaren Sprache und sachlich die Geschichte eines Jungen, der durch seine Geburt stigmatisiert und der Willkür derer ausgeliefert war, welche die Macht hatten, über ihn zu entscheiden.

Es ist ein Roman über eine dunkle Zeit der Schweizer Geschichte. Das Thema der Verdingkinder ist noch lange nicht aufgearbeitet, die Kinder von damals haben kaum je irgendeine Form von Genugtuung erfahren. Geschichten wie die von Bernie gab es viele. Bücher wie das von Arthur Honegger helfen hoffentlich, diese in Erinnerung zu rufen und endlich hinzuschauen und die Vergangenheit anzunehmen – mit allen moralischen Pflichten, die daraus resultierten.

Fazit:

Ein aufwühlendes Buch, das trotz seiner Sachlichkeit Emotionen weckt. Ein Buch, das darauf verzichtet, zu moralisieren, aus welchem aber die fehlende Moral laut schreit. Ein Buch, das gelesen werden sollte, weil die Geschichte nicht vergessen werden darf. Ein Buch, das gelesen werden sollte, weil es an sich lesenswert ist.

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 340 Seiten

Verlag: Verlag Huber

Preis: CHF 48.90

Arthur Honegger: Die Fertigmacher. Roman mit einer Dokumentation von Charles Linsmayer, Verlag Huber, Frauenfeld 2004.

 

Zu kaufen bei: Bild und Bild

Neonazis wollen aufs Rütli

Neonazis planen, am 5. August auf dem Rütli eine Grosskundgebung mit dem Namen „Patriotische Feier der nationalen Bewegung“ durchzuführen. Neonazis aus dem Umfeld der PNOS (Partei national orientierter Schweizer) riefen dazu auf. Da politische Anlässe auf dem Rütli nicht gestattet werden, verzichten sie auf ein Bewilligungsgesuch. Die Polizei ist informiert, es bleibt zu hoffen, dass der Spuk ein Ende hat, bevor er richtig anfängt.

Die Grosskundgebung friedlich durchzuführen wäre sicher ein kleineres Übel als eine gewaltsame Durchführung. Als Erfolg liesse sich auch das nicht verbuchen, da es ein Übel bliebe. Neonazis eine öffentliche Plattform zu bieten, auf welcher sie ihre Ideologien verkünden und verbreiten können, ist nicht zu verantworten. Eine solche Kundgebung verstiesse ganz klar gegen  Antirassismus-Strafrechtsnorm Art. 261bis StGB und ist damit tunlichst zu verhindern. 

Quelle: http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2012/07/15/Schweiz/Neonazis-zieht-es-wieder-aufs-Ruetli