Beate Maxian – Nachgefragt

b-maxian_credit-michael-maritsch-0386Die Österreicherin Beate Maxian wurde in München geboren und verbrachte ihre Jugend u.a. in Bayern und im arabischen Raum. Heute lebt sie mit ihrer Familie abwechselnd in Oberösterreich und Wien und arbeitet neben dem Schreiben als Moderatorin und Journalistin sowie als Dozentin an der Talenteakademie. Ihre in Wien angesiedelten Krimis um die Journalistin Sarah Pauli haben eine treue Leserschaft erobert und sind Bestseller in Österreich. Des Weiteren ist Beate Maxian die Initiatorin und Organisatorin des ersten österreichischen Krimifestivals: Krimi-Literatur-Festival.at

Beate Maxian stand mir für ein paar Fragen Red und Antwort:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin eine in Bayern geborene österreichische Autorin. Der Beruf meines Vaters hat mich schon als Kind in die Arabischen Emirate, nach Jordanien und Afrika geführt. Möglich, dass ich deshalb an der Historie von Völkern und Epochen so interessiert bin. Generell bin ich ein sehr weltoffener, neugieriger Mensch, verliere mein Herz schnell an liebe Mitmenschen, die Tierwelt, schöne Regionen und Kulturstätten. Mein beruflicher Weg hat mich zuerst in die Spielfilmindustrie und zum Fernsehen geführt und danach Schriftstellerin werden lassen.

 Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Bücher und die darin enthaltenen Geschichten haben mich schon als Kind fasziniert. Für mich gab es keine schöneren Geschenke als Bücher. Das ist noch heute so. Mit sieben Jahren hab ich meine Eltern wissen lassen, Schriftstellerin werden zu wollen. Ich lebe somit meinen Kindheitstraum und bin sehr froh, dass es so gekommen ist.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Ich glaube, dass es nur bis zu einem bestimmten Punkt Handwerk ist. Denn wenn man Romane und Kurzgeschichten ausschließlich nach einem vorgegebenen Schema aufbaut, nimmt man dem Erzählten seine Seele und das merken Leser/Leserinnen. Letztendlich machte es die richtige Mischung aus Sprache, Erzählkunst und Handwerk aus.

Ich hab schon immer viel gelesen. So denke ich, bekommt man ein gutes Gespür für Sprache und den Aufbau von Geschichten. Da ich als Regieassistentin und Produktionsleiterin für die Filmproduktion gearbeitet habe, waren mir Dramaturgie und Erzählstruktur vertraut. Und Sprache hat mich schon immer begeistert.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Leonardo da Vinci soll einmal gesagt haben: Er behaue nicht den Marmor, er lege die Figur frei, die darin steckt. So ähnlich ist meine Herangehensweise. Ich schreibe nicht strukturiert, nach einem vorab erarbeiteten Exposee, weil mich das meiner Kreativität beraubt. Ich habe ein Thema, eine Idee, einen Ausgangspunkt, eine oder zwei Figuren. Dann beginne ich zu recherchieren, mache Notizen und zeitgleich beginne ich die Geschichte zu erzählen. Anfangs oftmals unstrukturiert. Ich reihe Szenen aneinander, wie Filmsequenzen und lege so nach und nach die Geschichte frei. Ich begleite letztlich meine Figuren auf ihrer Reise, beobachte und lenke, je nachdem, was gerade wichtig ist. Natürlich muss ich meine Figuren kennen, eine Bindung zu ihnen haben, um sie die Geschichte, die ich mir ausgedacht habe, wirklich erleben zu lassen. Aber diese Bindung ergibt sich, weil die Figuren ja ein Teil meiner Gedankenwelt sind.

Wann und wo schreiben Sie?

Ich schreibe zumeist zuhause an meinem Schreibtisch, umgeben von wandhohen Bücherregalen. Für mich der perfekt Ort. Wenn ich mit einem Roman beginne, schreibe ich durchwegs tagsüber, etwa zwischen fünf und zehn Stunden täglich. Sobald es in die Endphase geht, schreibe ich nahezu rund um die Uhr.

 Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich liebe meinen Beruf und genieße das Schreiben, daher stellt sich die Frage nach Feierabend oder Ferien nicht wirklich. Ich schreibe, wenn ich schreibe und hab frei, wenn ich meine, für heute fertig zu sein. Mein Notizblock und mein Laptop begleiten mich sogar in den Urlaub.

Abschalten kann ich wunderbaren in Museen, wobei mir auch dort Geschichten einfallen. Denn das Denken kann man ja zum Glück nicht abstellen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich kämpfe nicht, aber ich fordere mich täglich heraus, die passenden Wörter zu finden. Es ist ein bisschen wie komponieren, denn es kommt auf die Sprachmelodie an, ob mir eine Szene gefällt oder ob ich sie umschreibe. Aus dem Grund lese ich mir meine Kapitel auch laut vor.

Geschichten zu erfinden und erzählen zu können, macht mir Freude. Und wenn Leser/Leserinnen mir schreiben oder zu Lesungen kommen und mir erzählen, wie viele vergnügliche, spannende … Stunden sie mit meinen Büchern verbracht haben, dann freut mich das ebenfalls sehr.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Geschichten liegen auf der Straße. Man muss nur mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen, beobachten und zuhören. Oftmals sind es nur Sätze, die mich inspirieren, dann wieder Ereignisse. Die Idee zu Tödliches Rendezvous z.B. war eine Mischung aus der Tatsache, dass arbeitslose Frauen über 40 schwer einen neuen Job bekommen und einer für mich erschreckenden Folge der Kinderserie „Die Dinos“. In einer Folge mussten Dinosaurier an ihrem 70. Geburtstag in den Vulkan springen, um den anderen Dinosauriern nicht zur Last zu fallen. Die Aussage, fand ich schon sehr scheußlich, doppelt erschreckend, dass das in einer Sendung für Kinder verpackt wurde. Aus dem heraus hat sich dann der erste Fall für meine Journalistin Sarah Pauli entwickelt.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Eine Leserin meinte: Sie glaubt, dass ich ein sehr warmherziger Mensch bin, weil meine Hauptfigur Sarah Pauli oft empathisch reagiert.

Tatsächlich ist Empathie für mich persönlich sehr wichtig im Umgang miteinander. So gesehen, steckt dieser Teil von mir in Sarah Pauli. Auch gewisse Rituale, die sie pflegt, wie etwa zu Silvester rote Unterwäsche zu tragen, hat sie von mir.

Mit „Mord in Schönbrunn“ erschien gerade der sechste Band einer Reihe um die Journalistin Sarah Pauli. War von Anfang an klar, dass es eine Reihe werden sollte oder hat sich das so entwickelt?

Als ich den ersten Band geschrieben habe, war nicht klar, dass es eine Reihe werden wird. Doch meinem Verlag und den Leser/Leserinnen hat meine Sarah Pauli so gut gefallen, dass es nach Erscheinen des ersten Falls bald klar war, dass wir weitermachen. Dafür bin ich dankbar, denn Sarah ist mir sehr ans Herz gewachsen.

Alle Ihre Figuren kämpfen mit Beziehungsproblemen, so hat es zumindest den Anschein. Ist das Zufall oder sind Liebe und Beziehungen immer die Grundmotive allen Handelns?

Liebe und Beziehungen begleiten uns ein ganzes Leben, ebenso die damit verbundenen Höhen und Tiefen. Mich interessiert, wie Menschen miteinander umgehen. Wie sie reagieren. Wobei ich bis jetzt nicht das Gefühl hatte, dass alle meine Figuren mit Beziehungsproblemen kämpfen. Das sollte ich mal beobachten. J

Es gibt die Unterscheidung zwischen großer Literatur und Unterhaltungsliteratur. Krimis sind da meist dem zweiten Bereich zugeordnet. Was halten Sie von solchen Kategorien?

Ich halte nichts davon Literatur in Kategorien einzuteilen. Für mich ist das eine verstaubte Darstellung. Wer zieht den Strich zwischen E- und U-Literatur und weshalb? Die Grenzen sind längst verwischt und überholt. Der Schreibstil des Autors/der Autorin gefällt mir oder gefällt mir nicht. Die Geschichte spricht mich an oder nicht.

Sie schreiben Krimis – wieso haben Sie sich für das Genre entschieden? Wären Liebesromane nicht erbaulicher?

Diese Frage hat sich mir nie gestellt. Ich schreibe Krimis, weil ich sie selbst gerne lese. Ich schreibe unter meinem Pseudonym Marlene Lucas Familienromane (der erste erscheint im Herbst 2017 im Heyne Verlag), weil ich sie gerne lese.

Ich überlege mir beim Schreiben nicht welches Genre ich bediene, sondern nur, welche Geschichte ich erzählen möchte. Gut möglich, dass ich irgendwann einmal einen Thriller oder einen Liebesroman schreibe. Ideen dazu habe ich jedenfalls.

Ich las kürzlich, Liebesromane müsste es auf Rezept geben, denn sie seien Heilung für die Herzen der Leser. Was sind so gesehen Kriminalromane und Thriller?

Sie sind ein spannendes Abenteuer ohne selbst in Gefahr zu geraten. Generell ist lesen etwas Wunderbares und jedes Buch, egal welches Genre, sollte die Herzen der Leser/Leserinnen heilen und berühren.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist deine Meinung dazu?

Ich hab mich mit dem Thema Selfpublishing bis jetzt nicht auseinandergesetzt, kann daher auch kein seriöses Statement abgeben. Kann aber verstehen, dass man diesen Weg wählt, wenn man keinen Verlag bekommt. Und einige Autoren haben damit ziemlichen Erfolg.

Ich persönlich habe das Glück mit Goldmann und Heyne zwei großartige Verlage gefunden zu haben. Ich fühl mich dort wohl, habe tolle Lektorinnen und eine perfekte literarische Heimat für meine Figuren.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Die Geschichte und die Figuren müssen mich faszinieren, begeistern und unterhalten.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Da gibt es eine ganze Reihe und ich entdecke auch heute noch viele neue. Es sind zu viele, um sie aufzählen zu können, deshalb nur einige, die mich schon in jungen Jahren nachhaltig begeistert haben: Milan Kundera, Gerhard Roth, John Irving, Agatha Christie, Pearl S. Buck, Ruth Rendell …

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreiben.

Nie aufhören an sich selbst zu glauben.

Schreiben.

Kritisch mit dem eigenen Text umgehen.

Schreiben.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Nachgefragt – bei mir

Kürzlich kam es zu einem Rollentausch – ich war die Befragte. Sabine Ibing (sie war unlängst meine Interviewpartnerin und hat Einblicke in ihren Autorenalltag gewährt) stellte mir Fragen und ich stand Red und Antwort – ab und an ein wenig sehr ausschweifend.

Interview mit Sandra Matteotti (von Sabine Ibing)

Sandra, ich würde dich der Einfachheit halber als Allrounder und Lebenskünstlerin vorstellen. Du bist Dr. der Philosophie, hast einen Master in Germanistik, arbeitest als freie Journalistin und Lektorin, führst einen Blog namens Denkzeiten: Philosophie, Literatur und das ganz normale Leben. Dort berichtest du über Bücher, Schriftsteller und gibst uns mit deinen täglichen philosophischen Gedanken manch Nachdenkliches auf. Du hast zu zeichnen begonnen und neu häkelst du auch noch. War das dein Ziel, als du damals dein Studium begonnen hast?

Ein konkretes Ziel hatte ich sicher nicht, zumindest dachte ich nicht, dass ich dann irgendwann mal gerne häkeln werde, als ich mich für ein Studium an der philosophischen Fakultät entschied (nachdem ich mich zuerst für Medizin eingeschrieben hatte, dann aber wegen der vielen Chemie mit Juristerei begann und nach der absolvierten Zwischenprüfung beschloss, dass ich lieber etwas Schöngeistiges hätte statt trockener Paragraphen). Die Juristerei streifte ich dann im Rahmen meiner Dissertation nochmals und befand sie dann als gar nicht mehr so trocken, im Gegenteil. Ich habe mir das Studium mit Deutsch- und EDV-Unterricht verdient, war als freischaffende Journalistin auf der Piste, arbeitete als Datenbankentwicklerin in einer Privatbank und als Paralegal Tax in einer Wirtschaftskanzlei. Ich bin wohl vom Naturell her einfach sehr neugierig und interessiert. Den Rest erspar ich hier mal, da ich wohl eh schon weit abgeschweift bin (eine Schwäche…).

Kurze Antwort: Ja und nein… irgendwie 😉

Sag ich doch, Allrounder, Lebenskünstler …

Du rezensierst Bücher. Bei dir finde ich glücklicherweise gute Literatur, solche Bücher sind in der Bloggerwelt heute nicht so einfach aufzuspüren. Vor Kurzem hast du mit dem Malen begonnen und sehr viel Häme erhalten, als du die Erstlingswerke präsentiert hast. Ich fand es sehr mutig, die Gehversuche ins Netz zu stellen. Selfpublisher stellen oft ihre unlektorierten, fehlerhaften Bücher ins Netz. Kann man das vergleichen?

Ich denke nicht, aus verschiedenen Gründen. Beim Malen gibt es nicht grundsätzlich richtig oder falsch (klar gibt es Techniken, die man lernen kann und bei denen man Dinge dann richtig oder falsch machen kann). Es gibt ganz viele verschiedene Stile, es kommt immer drauf an, was man will. Ich will kein realistischer Maler sein, dazu fotografiere ich zu gut und zu gerne. Ich mag Illustrationen, mag es, Dinge zu vereinfachen. Vor allem mag ich es, Dinge schnell zu Papier zu bringen. Wer dann meint, er müsse irgendwelche Perspektiven beanstanden, die in seinen Augen nicht da sind, dann zeigt der eher seine Natur als dass er meine Zeichnung disqualifiziert. Ich kann alle Perspektivenarten zeichnen – einwandfrei, habe das lange genug geübt. Das ist aber schlicht nicht mein Anspruch in einem „quick sketch“. Und nein, ich bin nicht perfekt, es ist ein weiter Weg dahin, wo ICH hinwill. Wer mich wo anders haben will, soll am besten ganz weit weg von mir. 😉

Nun aber zu den Büchern: Grammatik ist leider nicht so frei wie die Malerei, hier gibt es richtig oder falsch. Beim Aufbau einer Geschichte gibt es zwar grundsätzlich viel mehr Offenheit, aber auch da gibt es etwas, das eine Geschichte haben muss: Sie muss packen – und zwar den Leser. Ich habe mal ein Buch fürs Lektorat erhalten, das strotzte vor Fehlern. Ich schrieb dem Autoren, dass er doch wenigstens einmal drüber lesen solle, denn da seien plötzlich Figuren im Zimmer, die nie reingekommen sind, Menschen wechseln ihre Namen, etc. Der gute Mann meinte, das sei sein Stil, der müsse UNBEDINGT so bleiben. Ich habe das Lektorat abgelehnt. Denn: Das ist vielleicht Stil, aber ganz schlechter.

Heute wird wenig Wert auf Lektorat und Korrektorat gelegt. Jeder denkt, er könne ja schreiben (und ja, grundsätzlich klappt das gut, einfach Buchstaben aneinanderreihen), das reiche schon. Wer einen möge, der lese sicher gütig über die Fehler hinweg. Das mag bei Orthographie stimmen, da viele Leser die auch nicht beherrschen, bei grammatischen Fehler wird es schwieriger und beim Aufbau der Geschichte, der Wahl der Konflikte, deren Auflösung, etc…. da wird es ganz eng. Und da trotz allem immer Herzblut in einem Buch steckt, finde ich es halt sehr schade, wenn Bücher durch die Maschen fallen, weil sie grundlegende (und korrigierbare) Dinge vernachlässigen.

Schwierig ist halt auch, einen Lektoren zu finden, der wirklich weiß, was er tut. Irgendwie scheint es heute so zu sein, dass jeder, der gerne liest, denkt, er wäre deswegen auch ein guter Lektor. Das führt oft zu Frustrationen bei den Autoren und sie denken sich (verständlicherweise), dass sie so das Geld auch sparen könnten.

Auch wichtig zu wissen: Ein Lektorat ist noch kein Korrektorat. Auch da gibt es gerne Vermischungen. Ich korrigiere zwar Fehler auch während des Lektorats, wenn sie mir auffallen, allerdings fallen sie mir beim Lektorat viel weniger auf, als wenn ich einfach normal ein Buch lese – da sticht mir jeder Fehler ins Auge. Wieso? Weil ich mich beim Lektorat auf ganz andere Dinge konzentriere. Dabei werde ich ein wenig betriebsblind (wie man es auch bei eigenen Texten oft wird).

Nach welchen Kriterien suchst du Bücher aus? Welche Romane interessieren dich? Du bekommst auch Verlagsbücher zugesandt, liest du sie alle?

Ich suche Bücher nach ihren Themen aus. Wenn mich ein Thema, das behandelt wird, anspricht, kommt das Buch in meine Auswahl. Ganz selten reicht schon ein Autor, der mich in der Vergangenheit überzeugte. Die Bücher, die ich von Verlagen kriege, lese ich alle an. Wenn sie mich nicht packen, leg ich sie weg.

Wie viel Seiten gibst du einem Buch? Brichst du Bücher ab? Wenn ja, warum? Und bewertest du auch angelesene Bücher?

Mir die Zeit erstens zu schade, sie mit nicht lesbaren Büchern zu verschwenden, zweitens würde daraus sowieso keine positive Rezension, insofern ist der Verlag wohl fast besser dran, wenn ich es weglege. Ich habe mal begonnen, Rezensionen von nicht fertig gelesenen Büchern zu schreiben. Ich denke ja nicht grundsätzlich, dass diese Bücher keinem gefallen, oft ist es auch Geschmacksache, aber ich habe es dann doch gelassen. Zu schreiben, aus welchen Gründen mir ein Buch nicht gefällt, hilft einem Leser wohl auch nicht wirklich weiter, da soll er besser ganz frei an das Buch herangehen.

Es hat noch nie so viele Bücher wie heute gegeben. Der Massendruck hat zur Verflachung des Buchmarkts geführt, meine Meinung. Und deine? Wie findet man gute Bücher?

Sehe ich genauso. Ich frage mich bei vielen Büchern, was ein Lektor darin gesehen hat, als er sie durchwinkte und damit in den Verlag aufnahm. Schreiben ist ein bisschen zu einem Jekami geworden. Das macht die Büchersuche um einiges schwieriger als sie früher war. Online Romane zu kaufen finde ich grundsätzlich immer schwieriger, es sei denn, man hat eine Rezension gesehen, die einen wirklich überzeugte. In der Buchhandlung kann man wenigstens in Bücher reinlesen – das hilft ab und an doch, da ich einige Bücher schon nach den ersten Seiten weglege… Es gibt Romane, da weiß ich schon beim ersten Satz, dass das mit uns nichts wird. Ein wenig mehr Zeit gebe ich dem Buch. Aber meistens bestätigt sich der Eindruck.

Leider sprechen mich immer weniger Bücher an. Ob das an mir liegt oder daran, dass es immer mehr nichtssagende und verwirrende Bücher gibt, weiß ich nicht. Oft habe ich das Gefühl, Autoren bemühen sich heute, so zu schreiben, dass man gar nicht mehr weiß, was einem da überhaupt erzählt werden soll. Ich frage mich dann immer, wieso man nicht einfach erzählt, was man erzählen will, sondern es in unglaublich bemühende Strukturen packt. Das ist vielleicht so ein neumodischer Trend, weil man immer wieder denkt, das Rad neu erfinden zu müssen. Ich persönlich mag runde Räder.

Was würdest du einem Selfpublisher empfehlen, zu tun, bevor er dir sein Buch zur Kritik freigibt?

Er soll mich erst mal fragen, ob ich es überhaupt haben will. Und er muss mir auch nicht erzählen, dass ich sein Buch sicher lieben werde und überhaupt etwas verpassen würde, wenn ich es nicht lesen würde. Und er soll mir das Buch nicht in einem Massenmail anbieten, ich werde – wenn schon – gerne selber angeschrieben. Sonst klingt es etwas unglaubwürdig, dass das Buch exakt meinen Geschmack trifft…E-Books muss man mir gar nicht anbieten, die lese ich schlicht nicht. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, ich lese einfach sehr ungern am Bildschirm.

Du bist Lektorin, eine ziemlich gute, wie ich finde. Das ist ein Job und der Autor ist dein Kunde. Man muss nicht mögen, was man liest. Ist es schwer etwas zu lektorieren, zu dem man keinen Bezug findet? Erzähl mir ein wenig über kauzige und uneinsichtige Autoren, du musst keine Namen nennen.

Danke für die Blumen! Ein Beispiel brachte ich oben. Ich habe einmal eine Kindergeschichte lektoriert, mit deren Inhalt ich wenig anfangen konnte. Trotzdem fand ich den Aufbau grundsätzlich gut, es war alles drin, was eine Geschichte braucht, es war kindgerecht. Ergo: Der Autor hat alles richtig gemacht. Wir haben das Buch durch das Lektorat noch klarer gemacht, die Geschichte hat dadurch gewonnen. Das ist ein schönes Erlebnis, wenn der Autor nachher sagt: Jetzt gefällt es mir wirklich, so ist es super, genau das wollte ich. Deswegen liebe ich diese Arbeit.

Es gibt in der Tat Genres, die ich nicht lese. Ob ich sie lektorieren würde? Ich tendiere zu nein, denn ich bin mit den Strukturen da nicht so vertraut, wie ich es für meine Arbeit und meine Ansprüche erwarte. Klar kenne ich die theoretischen Aufbaumaximen, aber ich sehe Lektorat nicht als mechanisches Abarbeiten von Theorien. Bücher müssen leben, sie verdienen ein Lektorat, das alles aus ihnen herausholt, was in ihnen steckt. Ich bleibe da lieber in meinen vertrauten und geliebten Gewässern und überlasse andere anderen. Ich denke aber, man merkt es einem Buch an, ob ein Lektor hinter dem Text und dem Genre steht oder nicht.

Hast du es schon einmal abgelehnt, ein Buch zu lektorieren und warum?

Ja, schon mehrfach. Ich lehne dann ab, wenn ich meinen Namen nicht unter ein Buch setzen möchte, weil es mir vom Inhalt her nicht passt (Gründe dafür können vielfältig sein). Unterbezahlt arbeite ich auch nicht, ich überlasse Lektoren mit Hungerlohnpreisen gerne dieses Feld, um das sie mit immer noch tieferen Preisen buhlen, und nutze die Zeit selber für etwas anderes. Das Argument, das Autoren gerne ins Feld führen, dass sie leben müssen und drum nicht mehr zahlen können, gebe ich gerne so zurück: Ich habe auch meine Rechnungen zu zahlen.

Nun hätte ich es fast vergessen! Herzlichen Glückwunsch! Die Schweizer Wirtschaftszeitung hat dich auf Platz 13 bewertet, von den Menschen, die am präsentesten, bzw. bekanntesten in der Social Media in der Schweiz agieren. Du bist eine Berühmtheit! Ist es dir wichtig, dich mitzuteilen, in der Öffentlichkeit zu stehen?

Mich mitzuteilen ist mir ein Bedürfnis, ja. Ich habe viele Ideen, ich interagiere gerne, ich diskutiere gerne. In der Öffentlichkeit will und muss ich nicht stehen, das liegt mir nicht wirklich und war auch nie ein Anliegen von mir. Meine Internetpräsenz wuchs eigentlich aus der Lage heraus, dass ich als alleinerziehende Mutter mit einem SNF-Projekt für meine Dissertation mehrheitlich allein zu Hause saß und das Internet die einzige Möglichkeit für einen Austausch war. Am Anfang tobte ich mich in Elternforen aus, dann kam Facebook irgendwann – und meine Blogs natürlich. Ich muss schreiben, ich kann nicht ohne. Und mittlerweile gilt das auch fürs Zeichnen und Häkeln. Das Leben ist bunt, das Leben ist schön. Eine Statistik macht das nicht aus, es sind mehr die Inhalte, die man dem Leben selber gibt.

Welche drei Bücher haben dich in den letzten drei Jahren so richtig begeistert? Welchen druckfrischen Roman würdest mir raten zu lesen und von welchem soll ich lieber die Finger lassen?

Huff – ich habe ein Spatzenhirn – oder ein Nudelsieb anstelle des Gehirns. Ich kann dir wohl kaum Titel nennen…. da mich immer wieder neue Bücher begeistern oder eben auch frustrieren. Aber ich geh mal in meinen Blog und suche 😉

Bin mal schnell weg – Wieder da:

Die Liste ist sehr willkürlich und absolut nicht die Realität wiederspiegelnd, da selektiv und aus dem Bauch heraus hier und heute entschieden 😉

Finger weg? Die habe ich sowieso vergessen, da gleich weggelegt. Nur einer ist mir noch im Kopf: Ein neues Buch über die Familie von Thomas Mann. Ich habe mich freudig draufgestürzt, da ich alles über Thomas Mann lese (und alles von ihm gelesen habe), nur: Es war eine herbe Enttäuschung. Plätscherte so dahin, streifte kleine, nichtssagende Geschichtchen und hatte gar nichts vom Charakter, vom Flair Thomas Manns und dessen Familie.

Ich danke dir, dass du dir Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten.

Sehr gerne!

Hanni Münzer – Nachgefragt

Hanni sehr schönes PortraitHanni Münzer hatte schon immer eine lebhafte Fantasie (zum Leidwesen von Eltern und Lehrern) und verschlang bereits als Sechsjährige jedes Buch. Nicht alles war jugendfrei. Aus der Leidenschaft zu lesen, entwickelte sich die Leidenschaft zu schreiben.
2013 veröffentlichte die in Wolfratshausen Geborene ihr Debüt Die Seelenfischer. Es war ein Experiment, das versehentlich gelang. Plötzlich war sie Autorin. Ihr neuster Roman: Honigtot.

Hanni Münzer hat sich die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Eine ganz normal Verrückte aus Bayern, glücklich verheiratet, zwei Kinder, ein Hund. Sie ist vorlaut, mit der Neigung zum zivilen Ungehorsam, erzählt gern schmutzige Witze (Spitzname:„Dirty Hanni“), nimmt sich aber selbst nicht zu ernst. Und sie liebt und lebt in ihren Geschichten.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe schon immer geschrieben. Da könnte man mich genauso fragen, was mich zum Essen, Trinken oder Lieben anhält. Schreiben ist für mich ein natürlicher Reflex, ich entkomme ihm nicht.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

„Talent ist zwar eine Voraussetzung, aber Können muss man sich hart erarbeiten.“ Das ist das Zitat eines fiktiven Musiklehrers aus meinem Buch „HONIGTOT“. Es ist wahr, für eine gute Geschichte muss man sich schinden. Recherche ist das A und O und: lesen, lesen, lesen. Man sollte nie aufhören zu lernen, vor allem von den Großen des Genres. Einen Schreibkurs habe ich nie besucht.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Erst die Idee, dann die Recherche. Das ist der schönste Part: Ich marschiere mit der Liste der Bücher, die ich dazu lesen muss in meine Buchhandlung vor Ort, und komme mit doppelt so vielen wieder heraus. Mindestens. Bücher sind für mich wie Schuhe, ich muss sie alle haben. Hier endet die Vorbereitung. Ich gestehe: Am Anfang steht die Planung, am Ende regiert das Chaos.

Wann und wo schreiben Sie?

So oft ich kann, verschwinde ich in meinen Schreibkeller.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich muss nicht abschalten. Schreiben ist für mich Entspannung pur, mein Gehirn hat immer Ferien. Die Geschichten und Ideen suchen mich zu jeder Tages- und Nachtzeit heim. Oft treibt es mich mitten in der Nacht an den PC. Mein Mann schimpft. Ich höre erst auf zu schreiben, wenn er nach einer warmen Mahlzeit verlangt. Oder der Hund mir die Leine vor die Füße legt. Mein Mann behauptet ja, ich könne mich nicht „Abschalten“, weil ich im wahrsten Sinne des Wortes eine Schreibmaschine wäre. Stimmt nicht, ich genieße die Zeit mit ihm, meiner Familie, meinen Freunden, dem Hund, dem Garten, dem Sport. Nicht zuletzt mit einem guten Buch. Und tausend anderen Dingen …

Hanni mit HundWas bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich habe das große Glück, dass aus einem Hobby, das für mich Berufung war, ein Beruf geworden ist, von dem ich derzeit sogar leben kann. Das Einzige, womit ich als Autor kämpfe, ist die Zeit. Sie zerrinnt mir zwischen den Händen.

Die größte Freude, die ich als Autor erlebe, ist der direkte Kontakt zu meinen Lesern. Gerade zu „HONIGTOT“ haben mich viele Leser angeschrieben, weil das Buch sie berührt hat, darunter auch einige Zeitzeugen. Für diese Sternstunden lebe und schreibe ich und dafür bin ich vor allem zutiefst dankbar. Kürzlich schrieb mir eine Leserin, meine erfundene Geschichte von Adam und Eva und der ersten Ameise Moriah aus „Honigtot“, habe es sogar als Hauptthema in die Predigt eines Pfarrers gebracht, der sie mit der Bergpredigt verknüpft hat. Wenn das mein alter Pfarrer Braun wüsste: Der ist daran verzweifelt, dass er mich nicht zum Glauben hinführen konnte.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist Ihre Sicht der Dinge?

 Diese Stimmen kenne ich nur vom Hörensagen. Verlage sind Unternehmen und müssen wirtschaftlich arbeiten, davon hängt die Zahl ihrer Arbeitsplätze ab. Die Konkurrenz ist groß und die veränderten Marktbedingungen machen es nicht leichter. Dass hier, wie in jeder anderen Branche auch, hart um und mit der Ware „Autor“ gefeilscht wird, ist nachvollziehbar. Es geht immer um Umsatz und Gewinn. Auch der Autor ist Unternehmer. Etwas Methusalix finde ich das Abrechnungssystem im Computerzeitalter. Verlage könnten wenigstens quartalsweise abrechnen. Doch vorwiegend gilt die jährliche Abrechnungsweise mit Zahlungsziel 30-60 Tage, selten die halbjährliche, für die muss man kämpfen. Ich für meinen Teil kann jedoch sagen, dass ich bei meinem Wunschverlag Piper untergekommen bin und sehr glücklich über die bisherige Zusammenarbeit bin.

Ihr Roman Honigtot greift ein historisches Thema auf. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?

Alles. Wieviel Zeit haben Sie?

Die Erzählungen meiner Stiefoma weckten in mir sehr früh das Interesse für die deutsche Vergangenheit. Wir sind mütterlicherseits Sudetendeutsche, väterlicherseits stamme ich zu einem Drittel von einer mobilen, ethnischen Gruppe ab. (So nennt man jetzt politisch korrekt ‚Zigeuner‘). Denkt man an diesen unsäglichen 2. Weltkrieg hat man sogleich die Bilder von Tod und Zerstörung im Kopf: Rollende Panzer, marschierende Soldaten, Bombenhagel, verwüstete Städte und Landstriche, vor allem aber auch Auschwitz mit seinen entsetzlichen Leichenbergen.

Diese Bilder wollte ich nicht heraufbeschwören. Ich wollte zeigen, was der Krieg mit den Seelen der Menschen machte, die das braune Regime damals zu unerwünschten Kreaturen erklärt hat. Wie diese Familien die Zeit erlebten, wie sie fühlten und litten und ums Überleben kämpften.

Und ich wollte den mutigen Frauen jener Zeit ein Denkmal setzen.„Honigtot“ lebt von seinen starken Frauengestalten. Elisabeth, die wie eine Löwin um ihre Liebe und später um ihre Kinder kämpft, ihre leidenschaftliche Tochter Deborah, die, um ihren Bruder zu schützen, zu allem bereit ist, und ihre toughe Freundin Marlene, die Widerstandskämpferin. Sie stehen stellvertretend für all jene Frauen, die in der heutigen Zeit ebenso für ihre Liebe, ihre Familie und ihre Kinder kämpfen müssen. Das ist der eigentliche Irrsinn: Es gibt immer noch zu viel Krieg und Unrecht auf dieser Welt. Der Mensch bleibt sich in seinen schlechten Taten treu, er lernt nicht dazu.

Hatten Sie auch Bedenken deswegen?

Niemals. Der Feind der Erinnerung ist das Vergessen. Die Erinnerung, zu welch furchtbaren Taten der Mensch fähig ist, sei es aus Machtgier, ideologischer Verblendung oder, weil jemand wie Hitler und seine Helfershelfer das anarchistische Umfeld geschaffen haben, das diese Monster damals straffrei wirken ließ, muss wachgehalten werden. Ich bin nur eine kleine Stimme, aber es ist eine Stimme.

Im Roman sieht man sich mit einer sehr prägenden Vergangenheit konfrontiert – sie prägt sogar, wenn man die genauen Hintergründe nicht kennt. Kann man seiner Vergangenheit entkommen oder ist sie immer präsent?

Mein Buch behandelt ja auch die Themen Schuld und Sühne und die Frage: Gibt es so etwas wie eine Erbsünde? Wie sehr wirkt sich das geistige Erbe, das vier Generationen Frauen in „Honigtot“ einander weitergeben, aus? Ist die Schuld unserer Väter vielleicht unsere Erbsünde? Wird es unserer Generation der Kriegsenkel je möglich sein, diese Schuld zu büßen?

Kürzlich fragte mich jemand dazu sinngemäß: Wenn uns die historischen Ereignisse wie eine unaufhaltsame Strömung treiben, sind wir noch für unsere Taten verantwortlich?

Ja, das sind wir.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Inspirationen und Ideen kommen, wenn sie wollen, nicht, wenn ich es will. Ich bin ihnen daher hilflos ausgeliefert. Natürlich hat die Idee zu einer Geschichte viele Wurzeln, sie wächst durch die eigenen Gedanken, Erlebnisse und Begegnungen, Gefühle und Emotionen.

Auch folge ich einem unbändigen Trieb der Neugierde, lese gerne, unterhalte mich gerne, reise gerne und interessiere mich für alles, insbesondere die unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Es beschäftigt mich sehr, nachzuvollziehen, warum der einzelne Mensch ist, wie er ist. Woher kommt das Böse, wie entsteht das Gute? Wie vorher erwähnt, recherchiere ich mit Leidenschaft. Oft ergeben sich dadurch neue Anregungen, ich entdecke einen Namen, dessen Schicksal ich weiterverfolge, knüpfe Gedankenfäden, die ich weiterspinne. So entstehen Geschichten.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Hanni Münzer steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Das ist eine hinterlistige Frage. Ich liebe sie alle; auch die Bösen. Die Guten müssen ja in der Relation gut sein können. Natürlich habe ich besonders an meiner Protagonistin im „SEELENFISCHER“, der Journalistin Rabea Rosenthal, gefeilt, eine kämpferische Weltverbesserin mit Idealismus-Virus:-). Sie hat auf meiner Webpage sogar ihre eigene Form der Zehn Gebote. Mir steht auch der Jesuit Simone nahe. Er hat einen unmöglichen Kleidungsstil, kocht gerne, zitiert Shakespeare und erzählt noch unter Folter Jesuitenwitze. Besonders aber beschäftigen mich meine vier Protagonistinnen in „HONIGTOT“, ich kann sie nicht loslassen. (Siehe oben zum historischen Thema.)

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein, warum? Buch ist Buch und Meinung ist Meinung. Die habe ich auch, als Bürger. Ich wünsche mir weniger Politik und Staat und dafür mehr Volksentscheide. Die Iren haben es uns gerade wunderbar vorgemacht mit ihrer Abstimmung für die Homo-Ehe.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Wenn ich könnte, würde ich Tag und Nacht lesen, meine Lektüre ist auch stark stimmungsabhängig. An melancholischen Tagen lese ich Orhan Pamuk, Michel Houllebecq, Toni Morrison. Aber oft will ich vor allem eines: lernen. Ach, es gibt so viele großartige Kollegen, deren Bücher mich berühren und zum Nachdenken anregen. Alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Es ist kein Geheimnis, dass ich J.R.R. Tolkien verehre, sein sprachliches Spektrum ist genial. Er hat im Ersten Weltkrieg als Soldat das Gemetzel an der Somme mitgemacht und seine Erlebnisse in der Ring-Trilogie verarbeitet. Ich bewundere auch Richard Adams. Sein „Watership down“ ist magisch. Adams engagiert sich stark für den Tierschutz. Tiere sind ebenso Gottesgeschöpfe und ich finde, eine Gesellschaft sollte sich auch daran messen lassen, wie sie mit seinen Tieren und der Natur umgeht. Ansonsten lese ich sehr bunt. Jane Austen, weil sie zeitlos ist, Mark Twain, wegen seiner scharfen Zunge, aber vornehmlich Biographien von Zeitzeugen wie die von Egon Hanfstängl oder Hannah Arendt. Sehr lehrreich ist Robert Dallek´s „Kennedy – Ein unvollendetes Leben“. Es lässt die Verknüpfungen von Militär und Wirtschaft in den USA aufscheinen, auf die bereits Eisenhower in seiner berühmten Abschiedsrede 1961 hingewiesen hat. Auch Evelyne Levers „Madame de Pompadour“ ist ein Leseerlebnis. Die Pompadour war eine bewundernswerte Frau mit einem starken Charakter, künstlerisch multibegabt und von hoher intuitiver Intelligenz. In der heutigen Zeit wäre sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau oder ein gefeierter Impressario geworden. Eine wenig differenzierte Welt erinnert sich heute an sie mit Vorliebe als Matratze eines Königs.Das ist traurig.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  1. Das Wichtigste: Nehmen Sie sich Zeit! Eine Geschichte muss wachsen.

  2. Recherche, Recherche, Recherche – aus Büchern, nicht aus dem Internet. Da steht zuviel Blödsinn.

  3. Bloß kein W-Lan am Arbeitsplatz …

  4. Sätze nicht überfrachten. Muss der Leser wirklich wissen, ob Ihre Figur, „lange, dunkle, leicht gelockte Haare“ hat, auf dem „schief ein avantgardistisch anmutendes Hütchen sitzt, dessen schillernde Pfauenfeder sich sacht im vom smaragdblauen Meer herüberwehenden Wind bewegt“? (Seufz, ich wünschte, ich würde das selber genauso beherzigen)

  5. Schreiben Sie keinen Thriller, wenn Sie kein Blut sehen können.

  6. Machen Sie sich auf Kritik gefasst, die Welt hat nicht auf ihr Buch gewartet…

Oh, das waren jetzt sechs …

Ich bedanke mich sehr herzlich für diese sehr ausführlichen, spannenden und aufschlussreichen Antworten.

Michael Kibler – Nachgefragt

©Ralf Kopp
©Ralf Kopp

Michael Kibler wurde 1963 in Heilbronn geboren, studierte an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt, im Hauptfach Germanistik mit den Nebenfächern Filmwissenschaft und Psychologie. 2005 veröffentlichte er den ersten Krimi Madonnenkinder, es folgen weitere Darmstadt-Krimis mit dem Ermittlerteam um Margot Hesgart und Steffen Horndeich. Neben den Krimis schreibt Kibler schreibt auch Sachbücher, hat schon einige Krimi-Kurzgeschichten veröffentlicht und zudem als Texter und PR-Profi tätig. Michael Kibler lebt in Darmstadt, wo er Lesungen, Stadtführungen durch Darmstadt und Schreib-Workshops anbietet. Von ihm erschienen sind Madonnenkinder, Opfergrube, Sterbenszeit u. v. m.

Michael Kibler hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu sich und seinem Schreiben zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich versuche mal, das auf zehn Stichpunkte zu reduzieren: Geboren im Sternzeichen Fisch – viele Umzüge in der Kindheit – in Darmstadt Heimat gefunden – leidliches Abi, guter Studienabschluss – Artikel in McDonald‘s-Kino News erster bezahlter Text – Groschenromane für Bastei – Festanstellung in Öffentlichkeitsarbeit, aber nur kurz – freiberuflich Texter Vollzeit – erfolgreiche Krimireihe – Schriftsteller Teilzeit.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Während der Schulzeit haben mir Deutscharbeiten immer dann Spaß gemacht, wenn ich eine Geschichte erzählen durfte. Erst mit knapp 20 habe ich dann angefangen, eigene fiktive Geschichten zu schreiben.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Natürlich braucht es Phatasie, aber gerade beim Schreiben von Kriminalliteratur geht ohne Handwerk überhaupt nichts. Man muss wissen, wann man wie Wendungen einbaut, Erzählenswertes von nicht Erzählenswertem trennt, Spannung erzeugt et cetera. Dazu hat weniger mein Germanistikstudium beigetragen, als das Nebenfachstudium der „Filmwissenschaft“. Ich habe mich über Alfred Hitchcock prüfen lassen – da habe ich etwa sehr viel über das Geschichtenerzählen gelernt. Und ich habe mir sofort fünf McGuffins gekauft. Ansonsten lernt man sehr viel über jedes ernst gemeinte Lektorat.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Bevor ich die erste Zeile des Buches schreibe, ist die Geschichte bereits komplett recherchiert. Das liegt auch daran, dass meine Krimiplots eher komplexer Natur sind. Wenn ich diese Geschichte sauber erzählen will und ohne lose Enden zu Ende bringen möchte, kann ich auf ein Drehbuch beim Schreiben nicht verzichten.

Wann und wo schreiben Sie?

Das Wann ist nicht so festgelegt, wobei ich tendenziell das eigentliche Buchschreiben eher in den Abendstunden praktiziere. Ich schreibe meistens an meinem Schreibtisch. Da ich angefangen habe, mit einem Spracherkennungsprogramm zu arbeiten, geht das im Moment auch kaum woanders, denn am Schreibtisch steht der schnelle Rechner. Gut, dass ich mich dort wohlfühle.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich bin bekennender Serien-Junkie, wobei beim Seriengucken der Übergang zwischen Abschalten und Fortbildung fließend ist. Dank der modernen Smartphones hat man inzwischen auch immer einen Notizblock dabei – sehr praktisch. Ja, ich bin durchaus in der Lage, mir selbst freizugeben. Ironischerweise kommen mir immer dann die besten Ideen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein heißt, dass für mich der Beruf Berufung ist. Aber die Berufung ist ja auch Beruf – und muss damit professionell ausgeübt werden, damit man davon seine Existenz bestreiten kann. Wie jeder Autor, welcher der Spiegel-Bestsellerliste nicht mit jedem Buch einen Besuch unter den ersten zehn Plätzen abstattet, ist der Kampf auch immer wieder ein materieller. Ebenfalls, und ich denke da geht es den meisten Kollegen gleich, ist es anstrengend, stets die nötige Selbstdisziplin und Selbstmotivation aufzubringen. Die Freuden? Der Lohn ist nicht nur ein materieller: Wenn mir Leser erzählen, dass bestimmte Stellen meiner Bücher sie sehr berührt haben, dass meine Geschichten gerne gelesen werden – das ist einfach unbeschreiblich.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Das ist ganz klar der berufliche Teil der Berufung. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, die, um zu existieren, schwarze Zahlen schreiben wollen und müssen. Ebenfalls müssen Autoren ein angemessenes Honorar bekommen, unabhängig davon, ob sie vom Schreiben leben oder es nebenberuflich betreiben. Dass diese beiden gegensätzlichen Positionen nicht ohne Konflikte ausgetragen werden, ist völlig klar. Das Verlagswesen verändert sich, ganz besonders durch die Digitalisierung der Bücher. Ich denke nicht, dass das Verlagswesen am Ende ist, aber es wird neben der klassischen Lieferkette Autor-Verlag-Leser weitere, neue Vertriebswege geben. Wohin die Reise geht, kann ich auch nicht sagen.

Sie wohnen in Darmstadt, schreiben Krimis in und um Darmstadt. Beschränkt das nicht ein wenig die kritische Sicht, weil man zu nah dran ist? Nehmen Sie Rücksicht, um niemandem auf die Füsse zu treten?

Mit „Sterbenszeit“ habe ich ja nun einen Krimi veröffentlicht, dessen Handlung sich über die ganze Bundesrepublik zieht. Die Motivation: „Endlich mal niemandem auf die Füße treten, den ich kenne.“ Im Ernst: Meine Krimis beschäftigen sich mit Menschen, ihren Motivationen, ihren Nöten, ihren Affekten. Dass sich diese Geschichte in meinem persönlichen Umfeld ansiedeln kann, hat aus meiner Sicht viele Vorteile, eben weil man das Umfeld kennt. Ich halte jedoch ganz bewusst stadtspolitische Aspekte aus meinen Büchern heraus. Erstens bin ich kein Politiker und zweitens wären die Themen bereits oft erledigt, wenn das Buch in Druck ginge. Ansonsten bin ich da ganz pragmatisch: Orte, an denen etwas Positives passiert, werden mit richtigem Namen genannt, Orte, bei denen das nicht so ist, bekommen ein fiktiven Namen. So bleiben meine Füße heil und die Leser können sich ganz auf die Geschichte konzentrieren.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Jede meiner Geschichten hat quasi einen Startschuss im Kopf: eine Begebenheit, eine Nachricht aus dem Radio, ein geschichtliches Ereignis. Um nach diesem Startschuss den Marathon zu laufen respektive zu schreiben, braucht es drei Dinge: erstens Fantasie, zweitens (Lebens-) Erfahrung, die die Fantasie speisen kann, und drittens saubere Recherche. Wichtig, gerade im Zeitalter des ewigen Löschens und Verbesserns ist die Disziplin, eine Geschichte zu Ende zu erzählen und dieses Ende dann als solches zu akzeptieren. Erst dann ist wieder Platz für die kommende Geschichte.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Kibler steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich behaupte immer, meine Geschichten und meine Figuren seien in keiner Weise autobiografisch. Und ich kann bis heute nicht verstehen, warum die Menschen, die mich ein wenig besser kennen, dann immer breit grinsen. Ich denke, und das meine ich jetzt ohne Scherz, dass sich in jedem meiner Bücher meine grundsätzliche Lebenseinstellung und auch meine Werteskala wieder finden. Sicher kann ich Figuren beschreiben, die diese Werte nicht teilen, aber die kommen dann entweder nicht gut weg, oder die Geschichte basiert auf rabenschwarzem Humor. Und wenn ich meine Bekannten darum bitte, ihr Grinsen zu erklären, dann muss ich schon feststellen, dass die eine oder andere Eigenheit meiner Person auch auf meine Figuren abfärbt. Was definitiv der Fall ist: Keine meine Figuren ist ein Alter Ego.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Zunächst hat der Krimi einen großen Vorteil: Per Definition ist ein Spannungsbogen vorgegeben. Meist steht die Frage „Wer war es?“ im Vordergrund, manchmal auch die Frage „Warum tat er es?“. Wenn ich nun beim Schreiben nicht die ersten 20 Seiten völlig verbocke, habe ich eine gute Chance, dass der Leser meine Geschichte bis zur letzten Seite verfolgt. Das Schöne daran: Rund um den Spannungsbogen kann ich Geschichten und Themen einflechten, die mir persönlich wichtig sind. Via Krimi die bösen Seiten ausleben zu können – das halte ich für ein Klischee. Denn es steckt viel zu viel Arbeit, Recherche und Konstruktion in der Geschichte, um damit spontane Affekte, Hinterhältigkeit oder Wut zu befeuern. Ich kann mir allerdings vorstellen, woher dieses Klischee stammt: Hat man beim Schreiben alles richtig gemacht, schimmern Arbeit, Recherche und Konstruktion nicht mehr zwischen den Worten hervor. Was nicht heißt, dass nicht der eine oder andere Seitenhieb zwischen den Zeilen versteckt sein könnte, den die entsprechenden Personen auch durchaus identifizieren können. Don’t mess with a writer! 😉

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Einen politischen Auftrag haben Politiker. Ein Autor hat einen anderen Auftrag: eine gute Geschichte zu erzählen. Das ist sein Job. Dass darin politische Themen aufgegriffen werden können ist eine Möglichkeit, aber keine Verpflichtung. Politische Ereignisse spiegeln sich in meinen Büchern eher weniger, sehr wohl aber gesellschaftliche Fragen. Dabei ist es mir wichtiger, unterschiedliche Sichtweisen auf ein Problem zu beleuchten als einseitig Position zu beziehen. Ich halte es da mit Steven Spielberg, dessen Satz in einem Interview mir sehr gefallen hat: „Ich weigere mich, auf komplizierte Fragen einfache Antworten zu geben.“

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Einer der Autoren, die ich am aller liebsten lese, ist Steven King. Ihm gelingt meist, was ich an Büchern am meisten schätze: Wenn ich die Buchdeckel zuschlage, habe ich das Gefühl, Menschen und ihre Geschichte kennengelernt zu haben. Wenn mich die Personen fesseln, kann ich Schwächen in der Geschichte billigend in Kauf nehmen. Kings epische Beschreibungen von Horror sind überhaupt nicht mein Ding, dennoch lese ich seine Bücher. Zu sagen, er habe mich geprägt – nun, vielleicht pathetisch, auf der anderen Seite jedoch: ja.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreibe. Schriftsteller unterscheiden sich von Nicht-Schriftstellern genau dadurch. Und nicht dadurch, dass sie sagen, sie müssten mal ein Buch schreiben.

Schreibe zu Ende. Richtigen Platz im Kopf für die nächste Geschichte gibt es immer erst, wenn die vorige zu Ende erzählt worden ist.

Schreibe weiter. Auch wenn du beim Schreiben nicht das Gefühl hast, dass dir jetzt gerade der Meisterwurf gelingt. Das ist unerheblich. Denn sonst wirst du Punkt Zwei nie erfüllen.

Suche dir Sparring-Partner. Das Bild ist wörtlich zu nehmen: Ohne Training wird man nicht besser. Ach ja, wenn du boxen lernen willst, brauchst du als Sparringpartner einen Boxer. Wenn du schreiben lernen willst, einen, der mit Texten zu tun hat.

Trainiere für den Marathon im dicken Fell. Möchtest du erreichen, dass der Rest der Welt an deinen Texten teilhat, trittst du vom Spielfeld des reinen Schreibens auf das größere und härtere Spielfeld mit dem Namen „Literaturmarkt“. Ein dickes Fell ist hier hilfreich, Ausdauer, Beharrlichkeit und eine Packung Schmerztabletten sind unerlässlich.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Thommie Bayer – Nachgefragt

BayerThommieThommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Thommie Bayer hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und zu seinem neusten Roman Die kurzen und die langen Jahre zu beantworten:

 

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich war ein liebes, aber freches Kind, habe die Schule vor dem Abitur verlassen, Malerei studiert, Rockmusik gemacht und dann mit dreißig das Schreiben entdeckt. Ich habe meine große Liebe gefunden, bin seit fast dreißig Jahren mit ihr verheiratet und lebe seit ebenfalls fast dreißig Jahren am richtigen Ort.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Etwas anderes als Songtexte zu schreiben war lange ein Traum, gewagt habe ich es erst, als mein damaliges Leben in die Brüche ging.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich bin nicht der Typ, der zuerst lernt und dann loslegt, ich muss gleich loslegen und dann aus jedem Fehler, den ich mache, lernen. Die besonderen Bücher sind nie nur Handwerk, aber ohne Handwerk wären sie nichts.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich mache nur minimale Pläne und minimale Notizen – es fügt sich fast alles beim Schreiben.

Wann und wo schreiben Sie?

Immer zuhause an meinem Schreibtisch. Unterwegs kann ich allenfalls überarbeiten, kontrollieren, korrigieren. Entstehen muss es zuhause.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich habe entweder immer Ferien oder nie, je nach Definition. Ich glaube, ich schalte nicht ab. Ich bin glücklich, wenn es läuft und halte aus, wenn es nicht läuft. Es schaltet sich sozusagen manchmal von selbst ab. Oder mich.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich glaube, es bedeutet für mich, aufmerksam zu sein, auf Menschen, auf Sprache, auf Motive, Haltungen, Entwicklungen, Selbsttäuschung, Demagogie, Rhetorik… Ich kämpfe mit der Angst, mich zu wiederholen, und freue mich, wenn die Leser immer wieder das Bündnis mit mir eingehen.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe Glück gehabt. Es geht mir gut mit meinem Verlag, ich fühle mich dort gemocht und geschätzt und unterstützt. Natürlich will jeder Künstler mehr (Werbung, Lob, Vorschuss), aber die Verlage müssen existieren, und Aufmerksamsein heißt auch, die Interessen und Notwendigkeiten anderer zu kapieren.

Was ist in Ihren Worten das Thema von Die kurzen und die langen Jahre ?

Eine platonische Liebe. Verlust. Die Ankunft im eigenen Leben.

Sie zeichnen in dem Buch eine eher düstere Sicht der Liebe. Eigentlich jede Liebesgeschichte, wie sie im Buche steht, ist meilenweit entfernt. Ist die Liebe so düster?

Auch. Ja. Als Urlaub vom Leben wäre die Liebe missverstanden. Sie ist das Leben selbst, und das ist oft auch düster.

Ist eine der Figuren in dieser Geschichte je glücklich? Sylvie schreibt in einem ihrer Briefe, sie sei es ab und an gewesen. Wo aber sind die Glücksmomente im Buch?

Sie sind schon da, aber wir erfahren mehr von den Verlusten. Diese Verluste wären aber keine, wenn nicht das Glück verloren ginge.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Das weiß ich nicht. Ideen kommen. Zum Glück.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Thommie Bayer steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Meine männlichen Hauptfiguren sind oft eine Art Mischwesen aus der ausgedachten Figur und mir selbst. Ich bevölkere mich mit denen und bevölkere sie mit mir.

„Das Leben ist eines der schrecklichsten und es endet meistens mit dem Tod“ oder „Das Leben ist eines der besten“ – was passt? Würden Sie sich als Optimisten oder Pessimisten sehen?

Trauriger Optimist. Oder skeptischer Optimist. Oder zufriedener Querulant.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Kunst darf zwar alles, auch die Menschheit erziehen oder belehren wollen, aber mich persönlich interessiert nur die Kunst, die einfach existieren will. Das Bild, das gemalt werden will, die Geschichte, die erzählt sein will, die Musik, die gehört werden will.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Seele. Sprache. Haltung.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ohja. Die Liste wäre lang. Wobei das mit der Prägung wohl keine so große Rolle spielt, jedenfalls nicht mehr. Anfangs war das sicher Kurt Vonnegut, aber inzwischen bewundere ich viele Kollegen, eifere aber keinem mehr nach.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Keine Angst vor Freundlichkeit. Keine Angst vor Liebe. Keine langen Aufzählungen. Keine langen Beschreibungen. Kein fünfter Tipp.

Ich bedanke mich herzlich für diesen Einblick in Ihr Schreiben. Ich wüsste gerne, wer am Schluss die Tipps nochmals nachzählt.

Husch Josten – Nachgefragt

Husch Josten
josten_web_rechtsHusch Josten wurde 1969 in Köln geboren, studierte Geschichte und Staatsrecht und arbeitete als Journalistin. Mit ihrem Debütroman In Sachen Joseph (2010) wurde sie für den aspekte-Literaturpreis nominiert. 2012 erschien ihr zweiter Roman, Das Glück von Frau Pfeffer, 2013 die Kurzgeschichten Fragen Sie nach Fritz. Husch Josten lebt als Schriftstellerin in Köln.

Husch Josten hat mir ein paar Fragen zu ihrem Schreiben und ihrem neusten Buch Der tadellose Herr Taft beantwortet. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

1969 in Köln geboren. Rheinländerin. In Paris und Köln studiert. In diesen Städten wie auch in London als Journalistin gearbeitet – und das sehr gerne. Dann der erste Roman – ein Glück.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich wollte nie etwas anderes tun, was, aus heutiger Sicht, ein Geschenk ist: so früh zu wissen, was man wirklich machen möchte mit seinem Leben. Im Alter von sechs Jahren die erste Schreibmaschine zu Weihnachten: Eine blaue Plastikmaschine aus dem Spielwarenladen. Mit Farbband.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Durchs Lesen und Schreiben. Ich habe viel gelesen und immer geschrieben, geübt, probiert, experimentiert. Das Handwerk habe ich dann von der Pieke auf in der Lokalredaktion gelernt – vor allem durch einen Kollegen, Uli heißt er, der redigierte. Ihn rufe ich noch heute an, wenn es eine heikle, strittige Frage zur Grammatik gibt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich denke eine Geschichte von Anfang bis Ende. Dann recherchiere und notiere ich viel. Erst danach beginne ich zu schreiben.

Wann und wo schreiben Sie?

Ich habe ein Büro, mein Schreibzimmer, wo ich außerhalb meines Zuhauses jeden Tag arbeite.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Beim Lesen, Feiern, Kochen, im Gespräch… Aber natürlich arbeitet es danach oder manchmal auch dabei, ganz unbemerkt, in mir weiter und ich denke schon wieder erste Sätze…

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Inspiration kann in jedem winzigen Detail stecken. Ehrlich: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Es passiert einfach.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Husch Josten steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist das alte, unlösbare Rätsel: Was ist wahr, was nicht, kann überhaupt etwas Geschriebenes nicht wahr sein? Mit Sicherheit kann ich sagen, dass manche Themen, über die ich schreibe, mich schon lange vorher bewegt haben und in der einen oder anderen Gestalt immer wieder vor mir aufgetaucht sind.

Was ist in Ihren Augen die Botschaft von Der tadellose Herr Taft?

Ich habe keine Botschaft, das ist für mich nicht die Aufgabe der Literatur. Ich erzähle seine Geschichte.

Ist die heutige Welt gedankenlos, dass sie Themen kaufen muss, über die sie sich Gedanken machen kann?

Auf jeden Fall glaube ich, dass uns viele Gedanken nur streifen und wir sie schnell weglegen, insbesondere dann, wenn sie unbequem sind, schwierig.

Verkaufte Taft vielleicht Themen, weil er sich selber nicht mehr darum kümmern konnte nach Veronikas Weggang? Verlegte er damit quasi nach Aussen, was er im Innern verloren hatte?

Möglicherweise. Das hängt davon ab, wer die Geschichte in welcher Verfassung liest. Jeder Leser findet in Daniel Taft etwas anderes, er ist eine Projektionsfläche. Mit seinen Ideenkarten findet er jedenfalls die ihm wichtige Gelegenheit, “von sich Reden zu machen”.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Schriftsteller tragen Verantwortung, natürlich, aber das muss nicht notwendig eine politische sein. Dass sie aber hinsehen, beobachten, benennen – in anderer Sprache und Form als es die Journalisten tagtäglich tun – das liegt ihrer Arbeit meines Erachtens bestenfalls zugrunde.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine gute Geschichte und eine schöne, besondere Sprache.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Das sind vor allem zwei: Thomas Mann und Philip Roth. Aber ich lese auch sehr gern Maeve Brennan, Thomas Bernhard, John Cheever, Saul Bellow, Ingeborg Bachmann…

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Mir fallen nur zwei ein, die mir aber wesentlich erscheinen: Es ernst meinen und anfangen.

Hans Rath – Nachgefragt

©Alexander Hörbe
©Alexander Hörbe

Hans Rath studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie in Bonn. Er lebt mit seiner Familie in Berlin, wo er unter anderem als Drehbuchautor tätig ist. Mit der Romantrilogie Man tut, was man kann, Da muss man durch und Was will man mehr hat Rath sich eine große Fangemeinde geschaffen. Zwei der Bücher wurden bereits fürs Kino verfilmt. Sein Roman Und Gott sprach: Wir müssen reden! ist ebenfalls ein Bestseller.

Hans Rath hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin in einer niederrheinischen Kleinstadt aufgewachsen und hätte dort nach dem Abitur eine Banklehre machen sollen. Zum Glück konnte ich mich diesem Plan meines Vaters durch ein Philosophiestudium entziehen. Das hat mich aber auch erst auf Umwegen dazu geführt, es als freier Autor zu versuchen. Heute lebe ich mit meiner Familie in Berlin.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

In der Tat wollte ich schon immer Autor werden. Wie zuvor angedeutet, hat mich aber niemand dazu ermutigt, es zu versuchen. Deshalb brauchte es einige Jahre, bis ich es dann doch riskiert habe.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Das kommt sehr auf den Einzelfall an. Handwerk ist in der Tat nicht ganz unwichtig, und es kann einem viel Zeit ersparen, es zu erlernen, statt es sich durch Ausprobieren anzueignen. Mein Weg war geprägt von dem Prinzip Versuch und Irrtum. Ich habe deshalb sehr viel geschrieben, darunter zwei komplette Romane, bevor mein erstes Buch veröffentlicht wurde. Aber auch diese Routineübung hat etwas für sich.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich recherchiere sehr viel. Leider ergibt sich meistens beim Schreiben, dass ich nichts davon verwenden kann. Ich plane meine Bücher außerdem, allerdings nicht zu detailliert, denn sonst würde ich mich beim Schreiben langweilen. Der Weg ist also vorgezeichnet, aber vieles ergibt sich auch auf der Reise.

Wann und wo schreiben Sie?

Vorzugsweise Zuhause und tagsüber. Wenn ich es vermeiden kann, verzichte ich auf Wochenendschichten. Leider gelingt mir das nicht immer. Nachtschichten mag ich überhaupt nicht. Früher war das anders, aber inzwischen bin ich wahrscheinlich einfach zu alt für solche Anstrengungen – ich merke übrigens, dass das inzwischen auch für Partys und ähnliches gilt.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Das ist nicht ganz einfach. Ich muss mich schon anstrengen, abzuschalten. Meine Frau und mein Sohn helfen mir dabei. Die fordern schlicht Zeit mit mir ein. Ich werde also glücklicherweise zum Entspannen gezwungen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich bin in der glücklichen Lage, mit meinen Traumjob ein gutes Leben zu führen. Manchmal ist das sehr anstrengend, oft lassen sich Dinge nicht so planen, wie man es sich wünscht und hin und wieder ist der Druck, den jeder Job mit sich bringt, auch in einem Traumjob deutlich spürbar. Aber am Ende des Tages möchte ich definitiv mit niemandem tauschen.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist Ihre Sicht der Dinge?

Ich müsste Ihnen jetzt ein Loblied auf den Rowohlt-Verlag im allgemeinen und das Rowohlt-Imprint „Wunderlich“ im besonderen singen, da ich mich dort bestens betreut und aufgehoben fühle. Die Probleme der Branche sehe ich natürlich, dennoch halte ich nicht viel davon, ständig das System für alle möglichen Missstände verantwortlich zu machen. Ich persönlich versuche, meine Energie anders einzusetzen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Keine Ahnung. Ich habe keine Rituale, um meine inneren Quellen anzuzapfen, falls Sie das meinen. Allerdings gibt es auch fast nichts, was mich nicht interessiert. Vielleicht bringt es mich auf Ideen, wenn ich nicht gezielt nach Ihnen suche.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Hans Rath steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich glaube, dass ein Autor alle seine Figuren auf irgendeine Art mögen sollte. Deshalb habe ich Verbindungen zu allen Charakteren und keine spezielle Identifiaktionsfigur. Was den autobiographischen Anteil betrifft, so ist dass einerseits von Buch zu Buch verschieden und andererseits schwierig in Zahlen auszudrücken. Vom Gefühl her würde ich aber sagen, Fiktion und Realität halten sich insgesamt in etwa die Waage.

Ihr letztes Buch handelte von Gott, nun kam mit Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch der Teufel ins Spiel. Was macht diese beiden Figuren spannend?

Gott und der Teufel stehen für den ältesten Konflikt der Menschheitsgeschichte. Und obwohl die Welt täglich komplizierter und undurchschaubarer wird, scheint das simple Prinzip von Gut und Böse sich nicht abzunutzen. Im Gegenteil. Ich stelle fest, das, sich schwierige Strukturen am Ende oft als simpler Dualismus entpuppen.

Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch ist eine moderne Form der Faustsage. Was reizte Sie an dem Stoff?

Ich finde, wenn man den Fernseher einschaltet, wird man schneller von der Existenz des Teufels überzeugt, als von der Gegenwart Gottes. Außerdem scheint auf den entfesselten Märkten nur wenig zu existieren, das nicht käuflich ist. Die Frage nach dem Teufel und der Käuflichkeit der Seele liegt also nahe. Der moderne Mensch hält sich gern für unbestechlich und autark, im Grunde sind aber nur die Methoden der Verführung subtiler geworden.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Nicht zwangsläufig. Ich glaube, jeder Autor hat eine politische Verantwortung, aber die muss sich nicht darin äußern, dass man sich ständig zum Weltgeschehen meldet. Ich finde es im Gegenteil manchmal schwierig, wenn man den Eindruck gewinnt, dass bei manchen Autoren die politische Haltung zu einem Teil des Marketings geworden ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Och, nicht viel. Hinreißende Charaktere, eine grandiose Story, ein perfektes Erzähltempo, stilistische Brillanz und ein fantastischer Humor reichen schon.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Sehr viele, obendrein müsste ich noch eine Menge Filme aufzählen. Allerdings kann ich kein für mich ultimativ wichtigstes Kunstwerk nennen. Ich finde, es sind Momente, die Bücher oder Filme für einen persönlich wichtig machen. Deshalb tue ich mich auch immer schwer mit Hitlisten. Vielleicht soviel: Ich mochte den neuen Don Winslow, „Missing New York“ und halte viel von David Nicholls, weiß aber noch nicht, ob sein neuestes Buch auf meinem Nachtisch landen wird. Und wenn ich demnächst ins Kino gehe, dann wegen Liam Neeson oder wegen Denzel Washington.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Ich gebe angehenden Schriftstellern nur sehr ungern Tipps, weil es dafür Verlage, Agenten oder auch Schreibseminare gibt. Aber soviel: Wenn man schreiben will, dann ist es das Wichtigste, das auch zu tun. Ich kenne nicht wenige Leute, die von ihren Buchideen schwärmen, aber noch nie eine Zeile der betreffenden Story zu Papier gebracht haben. Deshalb ist das meiner Ansicht nach die wichtigste Regel: Wer wirklich schreiben will, der muss schlicht damit anfangen. Alles weitere wird sich dann finden.

Herzlichen Dank für diesen humorvollen, persönlichen und informativen Einblick!

Arno von Rosen – Nachgefragt

vonRosenArnoIch denke, jeder hat das Potential, ein böser oder ein guter Mensch zu sein, es ist nur die Frage, was wir morgens vor dem Spiegel entscheiden, zu sein.

Arno von Rosen hat sich die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinem  Roman „Der Bestseller Ölprojekt Glacier Aurum“ zu beantworten.

 

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Biographien sind immer eine schwierige Angelegenheit, wenn man sie selber erzählen soll, denn jeder Mensch neigt dazu, sich selbst zu erhöhen. Ich versuche es kurz und präzise zu halten. Mein Familienstammbaum geht bis in das Jahr 1279 zurück und es befanden sich einige illustre Vorfahren unter meinen Ahnen. Ich wurde 1964 in Uelzen/ Niedersachsen geboren, und bin dort und in Marburg aufgewachsen. Mit 17 Jahren habe ich mein Elternhaus verlassen und so ziemlich alles gemacht, was einem die Miete bezahlt. Ob Portraitzeichnungen, Speisekarten, Messedekorationen, Schaufenstergestaltung, aber auch Kurierfahrer oder Fabrikarbeiter. Mit Mitte 20 war ich schon Vater und habe mein Vagabundenleben mit einer kaufmännischen Ausbildung auf stabilere Füße gestellt. Später verkaufte ich Edelkarossen eines Stuttgarter Unternehmens oder habe Veranstaltungen weltweit geplant und durchgeführt, eigentlich der beste Job meines Lebens bis dato. Danach vergingen noch Jahre als Unternehmensberater in Europa, von England über Österreich bis nach Polen, bevor ich mich 2007 mit einer eigenen Firma selbstständig gemacht habe, welche ich noch heute betreibe.

 

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Das ist jetzt bestimmt ein Klischee: Ich habe schon früh angefangen, Liedertexte, Gedichte und Kurzgeschichten zu verfassen, aber ich wollte nie, dass jemand sie liest. Deshalb habe ich auch aufgehört, meine Zeichnungen zu verkaufen. Ich kann mich schwer von meinen Arbeiten trennen oder diese in die Öffentlichkeit zerren. Mein erstes richtiges Buch habe ich in den 90ern verfasst, aber es liegt noch bei mir in einer Schublade – oder in einem alten Karton. Den Roman „Der Bestseller Ölprojekt Glacier Aurum“ habe ich von 2007 bis 2009 geschrieben, auch den wieder nur für mich. Auslöser für dieses Buch waren meine Erlebnisse als Unternehmensberater und die Menschen, die ich in dieser Zeit getroffen habe. Da auch niemand aus meiner Familie von der Schreiberei wußte, hatte ich keinen Druck, etwas zu veröffentlichen.

 

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Es hilft sehr, wenn man verschiedene Techniken des Schreibens beherrscht, sei es durch einen Uniabschluß oder durch Volkshochschulkurse. Schreiben kann aber jeder Mensch, wenn er in der Lage ist, die Beobachtungen in seinem Umfeld in Worte zu fassen.Ich selber habe ja früh angefangen, aber geholfen hat mir, dass ich mich sehr gut ausdrücken kann. Trotzdem ist es ein weiter Weg vom guten Sprechen bis zum flüssigen Satz, der nicht nur aus Hilfsverben und Adjektiven besteht. Wirklich verbessern kann man sich nur, wenn man ständig schreibt, und in Abständen die alten Texte wieder überarbeitet, ohne diese zuvor gelöscht zu haben. Daran kann man seine eigene Entwiklung feststellen.

 

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Mein erstes Buch war reine Fantasie und deshalb schwieriger zu schreiben, als der aktuelle Roman, wo ja bereits Handlungsstränge existiert haben. Ich führe nur eine Charakterliste, die mir Anhaltspunkte über die einzelnen Figuren im Buch liefert. Die Entwicklung dieser Romanfiguren findet aber während des Schreibprozesses statt, so dass es mich oft selbst überraschte, welche Facetten ich da zu sehen bekam. Obwohl ich die meisten Orte im ersten Buch selber gesehen habe, ist Recherche ein wichtiger Bestandteil für mich und kostet eine Menge Zeit. Ich lege viel Wert darauf, dass die Orte und Ereignisse auch überprüfbar sind. Wer meinem Buch folgt, wird auch das finden, worüber ich schreibe; aber Vorsicht, es könnte dann Gänsehaut auslösen. Was ich aber wirklich jeden Abend mache ist, mir die letzten 20 Minuten jedes Tages für meine Geschichten zu reservieren. Manchmal reicht es dann nur für ein paar Sätze, aber oft werden ganze Schreibtage daraus.

 

Wann und wo schreiben Sie?

Die ersten paar Jahre heimlich in meinem Büro, wenn ich die nötige Zeit hatte, aber jetzt gerade habe ich mein Manuskript für mein drittes Buch offen und mache weiter, wenn das Interview beendet ist. Da ich in meinem Arbeitszimmer werkeln kann, wann ich möchte, gibt es auch keine festen Uhrzeiten. Sitze ich nachts an einem meiner zahlreichen Computer, tippe ich die Texte als E-Mail und schicke sie mir selber zu, um sie am nächsten Tag einzufügen. Es gibt allerdings nur einen PC, auf dem ich alle Daten für meine Bücher speichere, die stecken dann in einem virtuellen Safe, versteckt auf der Festplatte.

 

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Aktuell bin ich bei 2017 Tagen ohne Unterbrechung, die ich mit meinen verschiedenen Projekten fülle. Schreiben ist aber fast wie Ferien, so eine Art Aktivurlaub für mein Gehirn. Entspannen kann ich mich beim Kochen, aber auch daraus habe ich schon ein Projekt gemacht. Bei meinen notwendigen Reisen freue ich mich immer, interessante Menschen beobachten zu können. Davon gibt es viel mehr, als man sich allgemein vorstellt. Tatsächlich ist es sogar chillig, auf Facebook mit meinen engeren Freunden zu kommunizieren, auch wenn dabei inzwischen 4000 Nachrichten pro Monat rumkommen – und das sind nur die, an denen ich direkt beteiligt bin. Also wieder eine gute Übung, Informationen auf ein verständliches Maß zu reduzieren, wenn sie so wollen, als Fingerübung.

 

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Schreiben ist Spaß, und wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich nichts anderes mehr machen. Wirklich schwer ist es, sein Publikum zu finden, denn aus meiner kaufmännischen Tätigkeit weiß ich, dass nicht das beste Produkt ganz oben auf der Liste oder im Internet steht, sondern das am besten beworbene. Verlage haben da einfach bessere Möglichkeiten und Kapazitäten, ein Buch nach vorne zu bringen. Ich habe über die sozialen Netze schon einige Manuskripte zu lesen bekommen, die es verdient hätten veröffentlicht zu werden, aber es fehlt den Autorinnen (es waren bis jetzt nur Frauen) an Zeit, Wissen, Geld und Durchhaltevermögen, diesen harten Weg zu beschreiten, der mit vielen Absagen gepflastert ist und für den man ein gutes Selbstbewußtsein benötigt. Die Freude generiere ich aus dem Schreiben selber, denn ich mache es ja nicht für eine Zielgruppe, sondern nur für mich. Wenn Leser/innen es für spannend und lesenswert halten, ist das für mich das Sahnehäubchen.

 

Die Diskussion, was besser sei, ob Verlag, Eigenproduktion, Book on Demand, Papier oder Ebook läuft heiss. Was ist Ihre Meinung dazu? Ist nur ein Verlagsbuch ein gutes Buch? Muss es in Papierform da sein oder reicht eine elektrische Version? Wer oder was entscheidet über Qualität?

Ein wirklich schwieriges Thema, das inzwischen mit vielen Emotionen zu kämpfen hat. Ich kann es nur aus Kaufmannssicht betrachten. Wer unabhängig ist, fährt sicher gut und preisgünstig damit, über kostenlose Online-Portale ein eBook zu erstellen.Das habe ich auch gemacht, aber inzwischen ein Druckhaus gefunden, wo ich selber kostengünstig produzieren lasse. Book on Demand lohnt sich für die wenigstens, denn wenn Zwischenhändler ins Spiel kommen, wird die Wertschöpfungskette zu lang. Das treibt den Preis nach oben. Ein guter Verlag nimmt einem die ganze Arbeit von Marketing und Vertrieb ab, also ein Plus für kaufmännische Neulinge. Für mich persönlich muss ein Buch gedruckt sein, deshalb habe ich auch keinen Reader. Ich lese aber Texte von Kollegen, die mich darum bitten, oder für die ich mich interessiere, online. Über die Qualität entscheidet wie so oft das Schicksal, denn selbst J. K. Rawling wurde mindestens ein dutzend Mal abgelehnt, bevor sich jemand etwas bei ihrer Geschichte gedacht hat. Auch J. R. R. Talkien galt lange als unlesbar mit seinem „Herr der Ringe“. Heute schütteln wir den Kopf darüber, aber die Qualität ist da, sie liegt nur nicht immer da, wo wir sie suchen.

 

Jedes Jahr kommen tausende Bücher auf den Markt. Ist dieser nicht irgendwann übersättigt? Macht es diese Bücherflut schwerer für einen Autoren oder belegt Konkurrenz das Geschäft?

Die Bücherflut war nie größer als zurzeit, das stimmt. Stelle ich mir aber vor, dass ich einen Wälzer wie den „Herr der Ringe“ in zwei Tagen lesen kann, natürlich fast ohne zu schlafen, der Schreibprozess hingegen jedoch fast 15 Jahre gedauert hat, kann ich mir eine Übersättigung kaum vorstellen. Vor Konkurrenz habe ich weniger Angst (eigentlich keine), als vor den Zukunftsvisionen von ein paar Verrückten, die mit Hilfe von Schreibprogrammen automatisch Bücher estellen wollen für jeden, der gerne Autor wäre. Dann verkommt der Erfahrungswert eines guten Buches zu einer Konserve mit jeder Menge Inhaltsstoffen, die uns weder nützen, noch uns einen Nährwert bringen können, sondern nur einen kurzen, belanglosen Zeitvertreib. Dies wäre nicht mein Weg, ist aber für die Industrie interessant, da sie dann endlich den Autor abkoppeln kann aus der Gewinnkette. Eben: Turbo-Kapitalismus, wie ich ihn auch in meinem Buch beschreibe. Gewinn heiligt alle Mittel, zumindest für einige.

 

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Wie es andere Autoren und Schriftsteller machen, weiß ich nicht. Ich stelle mir vor, was ich persönlich spannend, interessant, oder witzig finden würde, und überlege mir dann, wie man es schriftlich fixieren kann, so dass es beim Lesen genauso wirkt. Ich weiß, dass viele Autoren gerne das Schlusskapitel zuerst verfassen und sich dann darauf zubewegen. Ich schreibe chronologisch, da für mich das Ende offen ist. Einen roten Faden gibt es, aber ich überlasse gerne meinen Akteuren die Führung ihres eigenen Lebens. Bei manchen endet es in einem Fiasko, aber das ist ja dann nicht meine Schuld. Manchmal reicht aber auch eine Granittür in einem Bürogebäude, die man kaum sieht, um meine Fantasie zu beflügeln, weil ich mir denke. „Wer baut eine Tür ohne Schloß in die Außenfassade eines Glas- und Marmorpalastes, die offensichtlich regelmäßig benutzt wird, obwohl der Eingang keine 20 Meter entfernt liegt.“ Schon geht es los mit der Story.

 

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Arno von Rosen steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es gibt Parallelen zu meinen Figuren, aber die Nerven von denen habe ich nicht. Ich stürze mich nicht gerne in Unbekanntes und mein sehnlichster Wunsch wäre es, ein Spießer zu sein. Aber was ich auch versuche, immer laufen mir Abenteuer über den Weg, selbst wenn ich nur harmlos essen gehen will. Vielleicht entdecke ich auch nur, was andere ignorieren, wer weiß das schon. Ich denke, jeder hat das Potential, ein böser oder ein guter Mensch zu sein, es ist nur die Frage, was wir morgens vor dem Spiegel entscheiden, zu sein. Da hatte ich immer Glück, denn ich bin nicht leicht in Versuchung zu führen.

 

Wieso schreiben Sie einen Krimi? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Beides. Erstens weil die Geschichte schon da war und weil man seinen Figuren Eigenschaften geben kann, für die man selber nicht den Willen oder den Mumm besitzt.Ich glaube Michelangelo hat mal auf die Frage, wie er die Figur des David so vollendet erschaffen konnte, geantwortet: „Die Figur war schon immer da, ich habe nur den überflüssigen Stein entfernt“. So ähnlich war es bei meinem Roman, ohne den Vergleich ziehen zu wollen. Thriller lese ich gerne, aber mein Herz gehört der Sience Fiction, weshalb ich auch gerade an Kurzgeschichten in dem Genre arbeite, aber darüber reden wir ein anderes Mal.

 

Ihr Krimi beginnt harmlos, handelt von zwei Autoren, die einen Roman schreiben. Erst die Verkaufsstrategie löst eine Lawine aus und plötzlich sieht man sich mit Wirtschaftsverbrechen und unlauteren Machenschaften konfrontiert. Wiederspiegelt diese Verkaufsstrategie metaphorisch gesehen Ihre Erfahrungen?

Absolut. Genau so findet heute das Internet und ihre Verkaufplattformen statt. Ich kenne persönlich Genies auf diesem Gebiet, die ihnen alles darüber sagen könnten, wenn sie nur den Glauben dafür aufbringen würden. Ich habe bei der Darstellung der technischen Möglichkeiten stark untertrieben, damit es glaubwürdiger klingt. Mit dem Wissen über die diversen Spionageaffären der vergangenen zwei Jahre konnte ich gut umgehen, da mir die Praktiken vertraut waren. Ich habe bewußt harmlos angefangen, damit jeder nachvollziehen kann, wie schnell aus einer alltäglichen Situation ein nervenaufreibendes Spiel um Leben und Tod werden kann, denn so ist das Leben wirklich. Alles beginnt mit dem Sonnenschein am Morgen, aber bereits den Abend sehen viele Menschen nicht mehr, aus den unterschiedlichsten Gründen. Deshalb sollte man auch jedem Tag etwas Gutes abgewinnen, selbst wenn es einem mal nicht so gut geht. Mit dem ersten Kapitel auf der Insel führe ich die Leser/innen zunächst auf eine falsche Fährte, aber der Kreis schließt sich wieder, versprochen.

 

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Ich finde schon, denn als Autor nimmt man viele politische, soziale und wissenschaftliche Themen auf, ob für die eigene Arbeit oder im Austausch mit Kollegen, Freunden oder dem Paket-Mann, der gerade an meiner Tür geklingelt hat, weil der Nachbar nicht da ist. Ich würde mich aber nie auf die Seite einer Partei schlagen, weder in einer Diskussion noch in einem Wahlkampf. Das muss jeder für sich selber entscheiden. Ich halte es für meine politische Pflicht, Vorhaben zu bewerten oder zu kritisieren.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Gute Frage. Früher musste es ein bestimmter Autor sein, dem ich mein Lesevergnügen bereits anvertraut habe, seit Jahren bekomme ich aber aber die meisten Bücher empfohlen. Wenn es mich nach maximal 100 Seiten nicht anspricht, landet es im Regal. Zurzeit wird viel Wert auf ein reisserisches Cover gelegt, das einem schon alles verspricht. Ich lese tatsächlich die Klappentexte der Bücher und wenn der interessant ist, folgt ein Kapitel aus der Mitte. Springt dann der Funke über, landet es auf meinem Nachttisch. Dafür reicht auch schon mal ein einziger Satz.

 

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Sie haben mich doch noch erwischt Frau Matteotti, denn das ist eine furchtbare Frage für mich, weil meine bewunderten Schriftsteller fast alle mausetot sind. Ich liebe die Geschichten von Mark Twain, Dumas, Tolstoi, Tolkien und natürlich von Asimov, Silverberg, Philipp K. Dick und so weiter. Davon habe ich mehr als 5000 Bücher gelesen. Von heute finde ich Grisham, Rawlings und natürlich Schätzing gut, aber niemand hat für mich Pate gestanden, denn ich möchte niemandem nacheifern. Ich versuche, meinen eigenen Stil zu verfolgen, sofern ich einen besitze. Außerdem habe ich mir auch nie Gedanken gemacht, wie andere Autoren das für sich interpretieren und ob sie einen bestimmten Stil haben.

 

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Sag niemandem, das du schreibst, denn die wenigsten bringen es fertig, ein Buch wirklich zu Ende zu schreiben.

 

Schreibe so oft du kannst, denn sonst verlierst du den Faden.

 

Schreibe viele klare und kurze Sätze. Wenn du selber den Satz mehr als einmal lesen musst, um ihn zu verstehen, ist er zu lang und zu verschachtelt.

 

Schreibe nicht alles auf, was in deinem Kopf ist, sondern lass dem Leser Platz für seine eigene Variante der Geschichte.

 

Schreibe für dich und nicht weil du damit Geld verdienen oder berühmt werden willst.

Ich bedanke mich für dieses Interview, für die spannenden, ausführlichen und Einblick gewährenden Antworten.

Rolf von Siebenthal – Nachgefragt

Rolf_von_SiebenthalRolf von Siebenthal, Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Sprachlehrer. Er arbeitete viele Jahre bei einer Tageszeitung und im Schweizer Verkehrsministerium, heute ist er selbstständiger Journalist und Texter. Er lebt mit seiner Familie in der Nordwestschweiz. Von ihm erschienen sind die beiden Kriminalromane Schachzug (2013) und Höllenfeuer (2014).

Rolf von Siebenthal hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinen Romanen zu beantworten, worüber ich mich sehr freue.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich habe Jahrgang 61 und bin ausgebildeter Sprachlehrer, arbeitete lange bei einer Tageszeitung und ein paar Jahre im Bundesamt für Verkehr. Heute bin ich selbstständiger Journalist und Texter.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Das Schreiben fällt mir ziemlich leicht, Schriftsteller wollte ich nie werden. Auch heute noch betrachte ich mich eher als Journalist denn als Autor.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

In den 14 Jahren bei einer Tageszeitung habe ich meinen Schreibstil ständig verbessern können. Doch mit dem ersten Krimi tat ich mich schwer. Deswegen habe ich tatsächlich einen einwöchigen Schreibkurs in Norddeutschland besucht. Dort haben mir erfahrene Kursleiter geholfen, meine Stärken und Schwächen zu erkennen. Für mich hat sich das sehr gelohnt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Bei „Schachzug“ probierte ich vieles aus, änderte, korrigierte, löschte – und fluchte. Bei „Höllenfeuer“ hatte ich von Anfang an einen ziemlich genauen Plot, an den ich mich dann auch hielt. Das ist für mich die bessere Variante.

Wann und wo schreiben Sie?

Früh am Morgen, der Ort spielt keine Rolle.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich kann einen Text zur Seite legen und mich mit anderen Dingen beschäftigen. Wenn ich aber am Schreiben bin, kreisen die Gedanken ständig um die Geschichte.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Journalist passt besser zu mir als Schriftsteller. Schreiben ist für mich ein Hobby, keine Berufung. Am Anfang hat mir das Krimischreiben keinen grossen Spass gemacht, meine Texte waren miserabel. Es hat zwei bis drei Jahre gedauert, bis ich meinen Stil gefunden hatte. Doch noch immer betrachte ich mich als Lehrling. Mit der Erfahrung nimmt auch die Freude zu.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe eine Agentin in Berlin. Für mich ist sie ein Glücksfall, weil sie mir die Suche nach einem Verlag und die anschliessenden Verhandlungen abgenommen hat. Leider kann sie nichts daran ändern, dass sich mit Büchern kaum Geld verdienen lässt.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Mein deutscher Verlag gibt sogenannte „Regionalkrimis“ heraus. Er schätzt es sehr, wenn die Schweiz in meinen Texten klar zum Vorschein kommt. Von deutschen Lesern höre ich das ebenfalls. Ansonsten könnten meine Geschichten aber überall spielen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Häufig verstecken sich Geschichten in Gemeindeblättern, Vereinsheften, Anzeigern. Ich lese alles, was mir in die Finger kommt. Dann stelle ich mir immer die Frage: Was wäre, wenn? Ein Beispiel: Kürzlich hat der Gemeindepräsident von Wintersingen (BL) bei Grabungen in seinem Garten Knochen gefunden. Später stellte sich heraus, dass sie von einem jungen Mann stammen, der vor über 100 Jahren starb. Aber was wäre, wenn die Knochen nur 10 oder 20 Jahre alt wären?

Am Anfang von „Höllenfeuer“ standen die Serien, die alle Zeitungen in der Sommerflaute bringen. Ein beliebtes Thema sind jeweils „Ungelöste Kriminalfälle“.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Rolf von Siebenthal steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Nein, ich identifizeire mich nicht mit den Figuren. Beim Journalisten Bollag spielt meine Berufserfahrung natürlich eine Rolle. Ich weiss aber nicht in jeder Situation, wie er reagieren würde. Das ist immer eine Annäherung und gilt auch für die anderen Figuren. Froh bin ich über Rückmeldungen von Testlesern, die eine Figur möglicherweise anders einschätzen.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist das, was ich selber gerne lese.

Ihr Krimi Höllenfeuer bewegt sich zwischen politischen und privaten Themen, vereint komplizierte Liebesgeschichten und Geschäftsbeziehungen, verknüpft alte und neue Fälle. Was reizt Sie an der Verbindung dieser verschiedenen Ebenen, am Knüpfen solcher komplexer Netze?

Beschreibungen von Menschen, Landschaften, Mittagessen etc. sind nicht meine Stärke. Meine Krimis leben vom Plot, es muss viel passieren. Deswegen stecke ich viel Zeit in die Planung. Danach fällt mit das Schreiben viel leichter.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Wenn sich ein Autor äussern will, finde ich es in Ordnung. Aber hört ihm auch jemand zu?

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo, Spannung, interressante Charaktere und eine abwechslungsreiche Geschichte.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mir gefallen angelsächsische Autoren wie Michael Connelly oder Ian Rankin gut. Die haben Tempo, gute Plots und eine schöne Sprache.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Viel lesen und schreiben, die eigenen Stärken und Schwächen suchen, Texte den Stärken und Schwächen anpassen, Kritik nicht persönlich nehmen. Und nur schreiben, was man selber gerne lesen möchte.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Sabine Ibing – Nachgefragt

Sab 2Gerade kam Sabine Ibings Roman Zenissimos Jagd auf den Markt, eine Geschichte, die das Thema Stalking behandelt. Sabine Ibing hat sich bereit erklärt, mir ein paar Frage zu Ihrem Schreiben und ihrem Roman zu beantworten.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin Europäerin und meine Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle. Für mich sind Nationalitäten zweitrangig, Charakter zählt. Geboren wurde ich in Hannover. Freiheit und Demokratie ist etwas, für das ich stehe und für das ich kämpfe. Ich bin neugierig und weltoffen und lerne gern dazu. Das durchzieht mein ganzes Leben. Nach dem Studium mit Abschluss zur Dipl. Sopäd und Dipl. Sozarb. (von dem mir alle abgeraten haben) hätte ich durch Beziehungen gute Jobs in Ämtern erhalten können. Das war das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte, darum habe ich abgelehnt. Ich verfolgte stets zielstrebig meinen Weg und kämpfte für meine Ideen. Eins auf die Nase zu bekommen, gehört dazu. Wichtig für mich ist, sich nicht beirren zu lassen und nicht zu jammern. Ich bin eine EU-Globetrotterin. Von Hannover zog ich nach Teneriffa, von dort nach Dietzenbach, bei Frankfurt und nun wohne ich in der Schweiz.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schriftstellerei gehörte nicht zu meinen Berufswünschen, allerdings musste ich in meinem Job viel schreiben, Sachtexte. Auf Teneriffa bin ich durch Zufall dazu gekommen, für eine Zeitung kleine Artikel zu verfassen. Das hat mir Spass gemacht. Schliesslich kam ein befreundeter Journalist aus Österreich auf die Idee, ich könnte eine Kurzgeschichte über das Chatten schreiben, möglichst witzig und ein wenig warnend. Die meisten Menschen wussten damals mit Chats nichts anzufangen, kaum einer hatte Internet. Meine Aufgabe war also, das Thema locker zu erklären. Die Geschichte gefiel ihm und sie wurde in zwei Zeitschriften veröffentlicht. Als nun einige Leser fragten, wie der Roman heisse, aus dem die Story stammt, meinte mein Freund: »Jetzt hast du ein Problem. Du musst das Buch angehen, auf jeden Fall!« So entstand mein erster Roman. Schreiben hat mir Freude bereitet und so bin ich dabei geblieben.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Nein, ich habe noch nie einen Kurs besucht. Meine Lehrer mochten meine Aufsätze gern und behaupteten, ich besässe grosse Fantasie. Von daher liegt sicher etwas in den Genen. Ich habe mich vor kurzem mit jemandem unterhalten, der sagte, die meisten Leute hätten Probleme mit Plots und Spannungsbögen. Darüber habe ich vorher nie nachgedacht, sondern meine Geschichten ohne Regeln entwickelt, einfach so, wie sie im Kopf entstanden. Intuitiv habe ich es wohl richtig gemacht. Es gibt ein gewisses Handwerk, das man sich aneignen muss. Klappert man auf den Tasten los und liest hinterher seinen Text, fällt auf, dass Wortwiederholungen enthalten sind, Füllworte und unrunde Sätze. Stück für Stück verbessert man sich beim Überarbeiten. Man sollte auf sich selbst achten, sich entwickeln wollen. Mich persönlich ärgern in Büchern schräge Metaphern, zu viele Hilfsverben und Ansammlungen von Adjektiven. Ich hasse elend lange Sätze, die zusätzlich verschachtelt sind. Von daher bemühe ich mich diese Dinge zu unterlassen. Ich lese seit Kindesbeinen ziemlich viel. Ich bin überzeugt, dass dies einen Menschen aufmerksam für Sprachgefühl und Aufbau von Geschichten macht, bei der eigenen Sprachgestaltung hilft.

Auch Grammatik und Semantik sollte man nicht aussen vor lassen, sich damit befassen. Manchmal lese ich einen von mir konstruierten Satz und muss lachen, weil er semantisch völligen Blödsinn ergibt. Auch wenn man Wortwiederholungen zu ersetzen versucht, kommt nicht immer etwas Gutes dabei heraus und man belässt es besser bei der Wiederholung. Man kann zum Beispiel aus dem Apotheker einen Pillendreher machen, allerdings bekommt das sofort eine andere Bedeutung. Noch mal zum Thema Schreibkurs. Ich bekam vor kurzem eine Einladung für einen ziemlich kostenintensiven Kurs. Ich hatte soeben ein Buch der einen Seminarleiterin gelesen und war entsetzt, wie viel Grammatikfehler, Wortwiederholungen, Adjektive usw. enthalten waren. Der Text war für mich nicht lesbar. Angeblich war der Text lektoriert vom Verlag. Auch der Plot hat mich nicht vom Hocker gerissen. Wie sollte die mir etwas beibringen? Man muss bei Schreibkursen wirklich aufpassen, denn die werden von Hintz und Kunz angeboten.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Die Geschichte entsteht im Kopf, einschliesslich ihres Schlusses. Ich erstelle per Mindmap einen groben Handlungsablauf sowie Verästelungen zu Randbegebenheiten. Das Wichtigste sind für mich die Figuren. Sie erhalten Namen, die Namen müssen passen. Dann entwickle ich das Innenleben: Gestalt, Aussehen, Beruf, Alter, Charakter, Eigenarten usw. Dabei erwachen die Protagonisten in meinem Kopf, ich sehe sie lebendig vor mir stehen. Ich male gern Landkarten. Das heisst, ich halte Örtlichkeiten fest, damit ich während des Schaffens Wege verfolgen kann. Recherche ist eine massgebliche Sache. Das habe ich zum grössten Teil erledigt bevor ich anfange, die ersten Sätze auf das Papier zu bringen. Man sollte doch wissen, worüber man schreibt.

Wann und wo schreiben Sie?

An meinem Schreibtisch im Arbeitszimmer oder auf der Terrasse am grossen Tisch, auch mal im Urlaub, dann meist auf Papier. Wenn ich an einem Projekt dran bin, nehme ich mir Zeit. Mein Mann und ich haben ein kleines Geschäft, Ernährungsberatung. Sobald da viel zu tun ist, geht das vor. Mir bleibt aber dennoch genügend Zeit für das Schreiben. Ideen werden sofort im Notizbuch festgehalten.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man das sieht. Ich beobachte gern Menschen und Situationen. Interessantes notiere ich. Insofern ist man immer bei der »Arbeit«. Natürlich hat man Urlaub und Freizeit, ich schreibe ja nicht vierundzwanzig Stunden. Allerdings, wenn mich eine Idee packt, dann kann es sein, dass ich bis in die Nacht daran sitze, nichts sehe, nichts höre. Da ich nicht ausschliesslich Schriftsteller bin, habe ich hier keinen stringenten Tagesablauf.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Schreiben macht mir Spass. Ich versuche, in meinen Geschichten auch Themen aufzunehmen und etwas zu vermitteln. Und ich freue mich sehr, wenn anderen Menschen meine Bücher gefallen.

Womit ich kämpfe? Das sind eher organisatorische Dinge. Wie schaffe ich es als unbekannter Autor mit einem kleinen Verlag in die Buchläden … Vor kurzem bekam ich die Antwort, wenn ich zu einem Bestseller aufsteige, würde man mich in der Buchhandelskette auslegen … Einer Kollegin aus unserem Verlag wurde gesagt, man würde ihr Buch nicht ins Sortiment nehmen, da sie unbekannt sei. Man mag das Risiko nicht eingehen, dass das Buch nicht verkauft würde, man müsse wirtschaftlich rechnen. Soll man nun lachen oder weinen? Marketing ist bei Büchern das A und O, darum mache ich ganz viel Wirbel, um mein Buch bekannt zu machen, obwohl das gar nicht meine Art ist. Schauen Sie sich die grossen Verlage an: Da werden 50 Blogger bestückt (die Bücher grandios verpackt, damit ein Foto in Facebook erscheint), 100 Bücher verlost, Lesezeichen, Tierchen, Tassen usw. zum Buch entwickelt, und es wird überall beworben. Das kann ein kleiner Verlag nicht leisten. Derzeit habe ich kaum Zeit zum Schreiben, weil ich verschiedene Marketingaktionen starte. In einem grossen Verlag gibt es dafür eine eigene Abteilung. Und aus der Schweiz auf den deutschen Markt zu kommen, ist schwer, wenn man nicht bei einem deutschen Verlag unter Vertrag ist. Umgekehrt sind die Schweizer Buchläden voll mit deutschen Büchern, also den Bestsellern, über die zusätzlich gebloggt wird.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist Ihre Sicht der Dinge?

Das Verhältnis zu den Verlagen …hmm. Es kommen immer mehr Bücher auf den Markt, allein schon durch die Selfpublisher, und man man muss aktiv sein, um gesehen zu werden. Mit den elektronischen Medien ist das natürlich leichter. Heute ist auch der Autor gefragt, sich zu positionieren, man kann sich nicht nur auf den Verlag verlassen. Die Verlagslektoren der Grossen machen es sich gegenwärtig ziemlich einfach. Vor kurzem sagte bei Facebook ein solcher, er nähme nur Manuskripte an, die eigentlich fertig sein, es gäbe genug davon. Die Verlage suchen sich oft die erfolgreichen Selfpublisher und Autoren der kleinen Verlage heraus. Einige Autoren lassen auf eigene Kosten ihr Manuskript lektorieren, bevor sie es Verlagen anbieten, um eine Chance zu haben. Und ich glaube, dass die Verlage aktuell noch mehr geneigt sind, nur Bücher auf den Markt zu bringen, die sich absehbar gut verkaufen. Das heisst, literarische Perlen bleiben eher unentdeckt. Skandalbücher haben mehr Chancen, selbst wenn sie schlecht geschrieben sind.

Ich denke, dass sich sehr viel in den nächsten Jahren auf dem Markt ändern wird, viele Autoren sich von den Verlagen lösen und eigenständig arbeiten werden, sich E-Verlagen anschliessen. In den Anfängen des Internets habe ich behauptet, das hat bald jeder, E-Mails werden die Briefpost ablösen. Man hat mich ausgelacht. Und nun behaupte ich, das Papierbuch wird es nur noch in eingeschränkter Form geben in der Zukunft. Buchläden und Verlage wissen, was das bedeutet, trotzdem gibt es wenig Bewegung nach vorn. Oft kommt mir die Branche vor wie die drei Affen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Mich interessieren schräge Typen und interessante Geschichten, die das Leben schreibt. In meinen Beruf habe ich einiges erlebt und die Welt bietet genügend Stoff. Man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Sabine Ibing steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Identifikation mit einer Figur gibt es bei mir nicht. Natürlich muss man sich in jede Figur hineinversetzen, aber das ist man nicht selbst. Nur mit der Sicht einer gewissen Distanz betrachtet kann ich die Protagonisten realistisch wiedergeben. Lasse ich eine Person eine Meinung vertreten, kann das meine sein oder auch nicht, sie muss zu dem Charakter passen. Ich beobachte Menschen, erlebe Dinge um mich herum und diese Eindrücke sind bleibend, sie kehren in meinen Geschichten wieder. Das ist klar. Selbst wenn ich bei der Gestaltung einer Person zunächst an jemanden denke, so entwickelt sich mein Charakter selbstständig, wird eine eigene Persönlichkeit. Das ist ein Prozess.

Zenissimos Jagd handelt von einem Stalker. Wie kamen Sie auf dieses Thema, was interessierte sie daran?

Sowohl in meinem Berufsleben bei meinen Klienten wie auch im privaten Umfeld bin ich diesem Problem häufig begegnet. Darüber spricht man in der Öffentlichkeit nicht gern. Ich habe gesehen, wie sehr Menschen darunter leiden, wie ohnmächtig man der Situation gegenübersteht. Ich erlebe immer wieder, wie schwer es manchem fällt, loszulassen. Es wird jemand zum Stalker, dem man das gar nicht zugetraut hätte. Natürlich nicht in der schweren Form, die ich beschreibe. Es sind Menschen wie du und ich, verzweifelte Typen, die nicht begreifen können, dass eine Beziehung vorbei ist. Bei anderen ist es purer Hass. Sie wollen den Expartner verletzen, provozieren. Plötzlich tauchen sie überall auf, wo der/die Ex sein »Revier« hat: setzen sich an den Nebentisch im Restaurant, mischen sich ins Gespräch ein, besuchen seine/ihre Freunde, reden schlecht über den/die Verflossene/n, fahren im gleichen Bus, ziehen ins Nebenhaus ein usw. Ich nenne das im fremden Revier wildern. Wird der Gestalkte darauf aggressiv, dann heisst es: »Seht ihr, so ist er/sie wirklich!« Das passiert tagtäglich, dagegen kann man nichts machen. Heftig wird es, sobald die sozialen Netzwerke hinzugezogen werden, wenn z.B. Nacktfotos auftauchen …

Zenissimos Jagd ist ein Krimi ohne Ermittler, wieso schalteten die Verfolgten keinen Detektiv ein, wenn die Polizei schon nicht helfen wollte?

Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen. Ein Detektiv ist ziemlich teuer und durch meinen Beruf habe ich öfter mit echten Detektiven zu tun gehabt. Die sind weder Rockford noch Matula, sonderne beschäftigen sich in der Regel als freie Kaufhausdetektive oder beschatten ev. mal einen Ehepartner, machen Videowandüberwachungen, etc.. Wenn Sie die Typen kennen würden, kämen Sie nicht auf die Idee, sie in eine Geschichte einzubinden. Carina war ja der Meinung, man könne das aussitzen, alles höre auf, wenn sie keine Angst zeigt. Das ist ein typisches Verhalten. Ich halte das länger aus als du! Und dabei merken die Opfer nicht, wie sehr sie sich isolieren. Das ist ein schleichender Prozess.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Er hat keinen Auftrag, aber eine Meinung. Manche Menschen engagieren sich politisch, andere nicht, manchen ist es egal was passiert. Ein Schriftsteller ist ein Mensch. Wer ein politischer Typ ist, wird sich äussern, wer nicht, der lässt es. Ich war in Deutschland immer politisch aktiv. Warum sollte ich mich ändern, bloss weil ich Bücher schreibe?

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Gute Frage. Die Geschichte und die Personen müssen mich berühren. Oder das Thema muss spannend sein. Auf jeden Fall sollte es eine Aussage haben. Liebesromane sprechen mich überhaupt nicht an, Kitsch ebensowenig. Das lasse ich bleiben, denn kitschige Romane können mich wütend machen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Es gibt viele Schriftsteller die ich mag. Rückblickend muss ich sagen, dass jede Zeit ihre Bücher hatte. Mit 14 -18 habe ich »Désirée« gelesen, Jack London, Gwen Bristow, Peal S. Buck, Karl Marx, Friedrich Engels, Mao (bitte nicht lachen). Das würde ich heute nicht mehr lesen. Aber Sartre, Salinger, Böll, Brecht, Schiller, Heine, Ringelnatz, Reiner Kunze, John Steinbeck, Shakespeare habe ich zur gleichen Zeit verschlungen, damit kann ich heute noch was anfangen. Später habe ich mein Herz für die Südamerikaner entdeckt wie z.B. Gabriél, García Marques oder Isabel Allende. Und noch später habe ich die arabische Literatur lieben gelernt, wie Jamil Ahmad, Abbas Khider, Khaled Hosseini. »Die dunkle Seite der Liebe« von Rafik Shami gehört eindeutig zu meinen Lieblingsbüchern. Ich lese gerne Krimis und Thriller, doch sie sollten intelligent sein. Das stupide Abschlachten liegt mir nicht. Ich mag Thriller, die ein wenig über den Horizont hinausblicken, wie damals Michael Crichton und heute Marc Elsberg, auch politische Thriller lese ich gern. Ebenso mag ich juristische Storys wie von John Grisham oder Ferdinand von Schierach und gute historische Romane, also wirklich historisch, keinen Liebeskitsch in der Altstadt. Und gute Fantasy lese ich auch. Ich bin ein Steven King Fan, schon zu den Zeiten, als er sich noch Richard Bachmann nannte, selbstverständlich Tolkin, die 29 Bände »Schwert der Wahrheit«, auch die »Tintentrilogie«. Für guten Humor bin ich immer zu haben, wie bei »Fleisch ist mein Gemüse« oder »Projekt Rosie«.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Ich sehe immer wieder, dass manche Neulinge mit dem letzten Wort im Werk die Veröffentlichung anstreben. Das wird nichts. Man muss überarbeiten, das Werk ein wenig liegen lassen und wieder überarbeiten. Auf keinen Fall sollte man sein Buch gleich über Amazon Kindle hochladen oder über einen Selbstdruck sofort in die Veröffentlichung geben. Auch wenn sich kein Verlag findet und man sich entschliesst selbst zu publizieren, ist ein Lektorat und ein Korrektorat unentbehrlich. Das kostet Geld, klar. Aber wer dazu nicht bereit ist, wird nur Spott ernten. Ein guter Lektor ist eine wichtige Begleitung, so wie ein Coach. Er berät, wie man seinem Buch den letzten Schliff gibt. Und Fehler machen wir alle, Korrektur ist nötig. Ein Rechtschreibprogramm ist nur eine minimale Stütze. An sich arbeiten, an seinem Erzählstil, an der Semantik, an der Grammatik, sich selbst infrage stellen, das alles schult.

Ich bedanke mich herzlich für diese ausführlichen Antwort, die einen schönen Einblick in Ihren Schreiballtag und die Hintergründe Ihres neuen Werkes gaben.

Michael Herzig – Nachgefragt

Michael Herzig

herzigmichaelMichael Herzig wird1965 in Bern geboren. Nach der Matur arbeitet er als Musikjournalist und Schallplattenverkäufer, träumt von einem Leben als Rockstar – ein Traum, der nicht in Erfüllung geht. 1998 bis 2014 arbeitet Michael Herzig im Sozialbereich und leitet u.a. niederschwellige, sozialmedizinische Einrichtungen für Drogen- und Alkoholabhängige, psychisch Kranke, Langzeitarbeitslose und Sexarbeiterinnen. 2007 veröffentlicht Michael Herzig seinen ersten Kriminalroman, danach folgen Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften sowie weitere Krimis. Für Töte deinen Nächsten erhält er die mit 10’000 Franken dotierte Zürcher Auszeichnung für herausragende literarische Neuerscheinungen. Im Grafit Verlag Dortmund sind von Michael Herzig bislang vier Romane mit der ebenso eigenwilligen wie leidenschaftlichen Stadtpolizistin Johanna di Napoli erschienen: Saubere Wäsche (2007), Die Stunde der Töchter (2009), Töte deinen Nächsten (2012), Frauen hassen (2014). Michael Herzig lebt in Zürich.

Michael Herzig hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin jemand mit vielen Interessen und arbeite sowohl gerne strukturiert betriebswirtschaftlich als auch kreativ chaotisch. Darum gehe ich diversen Beschäftigungen nach.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Mit Schreiben habe ich als Teenager begonnen. Damals habe ich vor allem amerikanische und französische Autoren der fünfziger bis siebziger Jahre verschlungen, die Beat Generation und die Existentialisten beispielsweise. Zusammen mit Punkrock hat mich das animiert, düstere und gewalttätige Kurzgeschichten zu schreiben. Einige dieser Texte habe ich 20 Jahre später in meine Krimis eingebaut.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

So simpel es klingt: mein Deutschlehrer war eine wichtige Motivationsquelle. Nach der Schule habe ich journalistische Erfahrung gesammelt und später in einer Weiterbildung die PR-Schreibe erlernt. Nur kreatives Schreiben habe ich nie gelernt. Mein Rezept: lesen, lesen, lesen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich beginne strukturiert und höre chaotisch auf. Am Anfang steht eine Idee, anschliessend folgen in einem iterativen Prozess Recherche, Figuren und Plot. Beim Schreiben kommen mir dann meistens bessere Ideen, weshalb ich dreiviertel der Vorbereitung wieder über den Haufen werfe.

Wann und wo schreiben Sie?

Am liebsten unter einem Baum in einem blumigen Garten. Aber es geht auch im Zug oder in einem Wartezimmer.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wie andere auch: mit Lesen, Musik, gutem Essen, Liebe oder was auch immer.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Für mich ist Autor kein Status, an dem ich hänge. Ich schreibe, weil ich den kreativen Prozess liebe. Das Drum und Dran interessiert mich weniger. Aber stehe ich natürlich vor demselben Berg, wie alle anderen auch.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe vor allem mit dem Grafit Verlag in Dortmund zu tun, der mir keinen Grund gibt, zu jammern. Aber ich kriege schon mit, wie die Verlage kämpfen. Das Geschäft wird in den nächsten Jahren noch härter werden.

Sie wohnen in der Schweiz, ihre Romane spielen hauptsächlich an Schweizer Schauplätzen (mit Einsätzen im Ausland), die Figuren sind Schweizer. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Es ist ein kleiner Markt, in dem nur extrem wenige Autorinnen und Autoren vom Schreiben leben können. Darum bin ich froh, dass ich einen deutschen Verlag habe. In der Liga, in der ich spiele, würde ich sonst ausserhalb der Schweiz kaum wahrgenommen, vielleicht nicht einmal ausserhalb Zürichs.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich lasse mich von gesellschaftlichen und politischen Themen leiten, z.B. habe ich in „Töte deinen Nächsten“ die schweizerische Deutschenfeindlichkeit in einen Krimiplot gepackt und in der Kurzgeschichte „Tschingg“ die italienische Immigration in die Innerschweiz der Siebzigerjahre. Schreiben ist meine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, bloss für die Galerie mache ich das nicht.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Michael Herzig steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist immer eine Frage der Selbstreflexion. Aus der Verarbeitung eigener Erfahrungen ist schon manches spannende Buch entstanden. Fehlende Distanz des Autoren oder der Autorin zu sich selbst endet in narzisstischer Selbstdarstellung, was selten interessant ist und häufig bloss peinlich.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist ein soziologisches Interesse: Wenn Verbrechen geschehen, funktionieren die Gesellschaft schlecht. Diese Disfunktionalitäten sind spannend und die kann man mit Krimis wunderbar ausleuchten.

Frauen hassen spielt in der Rockerszene, des weiteren sind sie sehr nah an ihren Figuren dran – diese nehmen einen grossen Platz ein im Buch -, schildern die Atmosphäre im Polizeidienst. Wie recherchieren sie in den einzelnen Umfeldern?

Die Polizei kenne ich aus eigener beruflichen Erfahrung, andere Milieus recherchiere ich vor allem über Videos im Internet und wenn möglich über teilnehmende Beobachtung. Da ich sehr visuell funktioniere, bevorzuge ich Filme als Informationsquelle einem Buch oder Artikel. Nur bei den Rockern war das anders, da war ein wichtiger Teil meiner Recherche die Lektüre eines amerikanischen Ermittlers, der die Hells Angels unterwandert hat.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jede öffentliche Äusserung ist letztlich politisch. Die Frage ist bloss, wie bewusst ein Autor oder eine Autorin sich dessen ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo und Esprit. Wenn die Form überzeugt, finde ich die Geschichte zwar nicht irrelevant, aber doch weniger wichtig.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ian Rankin, A.L. Kennedy, Sarah Gran, Cormac McCarthy, Charles Bukowski, Friedrich Glauser

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Sorry, da muss ich passen. Ich bin selbst noch viel zu unerfahren, als dass ich anderen Tipps geben kann. Höchstens: Leidenschaft muss der Antrieb sein und Herzblut das Benzin.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Peter Beck – Nachgefragt

Peter Beck

BeckPeterPeter Beck wurde 1966 geboren und studierte in Bern Psychologie, Wirtschaft und Philosophie, doktorierte in Psychologie und machte einen MBA in Manchester. Er trägt im Judo den schwarzen Gürtel, war Geschäftsleitungsmitglied eines Großunternehmens und in mehreren Verwaltungsräten. Heute ist Peter Beck sein eigener Chef und unterstützt Organisationen bei der Gestaltung der Unternehmenskultur.

Mehr zu Peter Beck unter www.peter-beck.net

Peter Beck hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinem Roman Söldner des Geldes zu beantworten.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Meine Biographie ist ziemlich langweilig. Auf die Welt gekommen bin ich 1966 in Bern und soweit ich mich erinnern kann, hatte ich eine glückliche Kindheit.

Dann studierte ich Psychologie, Wirtschaft und Philosophie, doktorierte in Psychologie und machte einen MBA in Manchester. Dort lernte ich auch meine Lebenspartnerin kennen. Anschliessend arbeitete ich für ein grosses Unternehmen, war dort in der Geschäftsleitung und in mehreren Verwaltungsräten.

Heute geniesse ich es, mein eigener Chef zu sein. Wir unterstützten Organisationen bei der Gestaltung und Weiterentwicklung ihrer Unternehmenskultur.

Daneben versuche ich regelmässig Sport zu machen und in spannenden Ländern zu reisen. Die meisten Handlungsorte meines ersten Thrillers Söldner des Geldes habe ich selber bereist.

 

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schreiben tue ich schon seit der Kindheit gerne und es ist mir eigentlich immer leicht gefallen. Söldner des Geldes war ein persönliches Projekt, das ich zwischen meiner Anstellung und meiner Selbständigkeit umsetzen konnte. Solche Gelegenheiten muss man packen.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich hatte immer gute Lehrer, aber zu einem Schreibkurs bin ich bis jetzt nicht gekommen. Für mich ist Schreiben tatsächlich vor allem Handwerk. Mit jedem Satz schlägt man einen Nagel ein. Anfangs hat man einen rohen Entwurf, überarbeitet diesen immer wieder und macht den Satz, den Text mit jedem Schritt ein bisschen besser. Hoffentlich!

 

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Der Weg beim Schreiben ist bei mir sicher nicht linear, sondern ziemlich verschlungen. Der Geist ist schliesslich frei.

Für Söldner des Geldes hatte ich die grobe Idee und einige Schlüsselszenen im Kopf. Dann habe ich angefangen die Geschichte abzuarbeiten, hier ein wenig ausgeschmückt, dort eine falsche Spur gelegt, schweren Herzen ein paar Kapitel gestrichen.

Die knapp 500 Seiten des Thrillers habe ich dann mehrmals vollständig durchgeknetet. Am schwierigsten war das Streichen liebgewordener aber unnötiger Stellen. Mein oberstes Gebot war und ist die Spannung für den Leser hoch zu halten, schliesslich bezahlt er für die Lektüre.

 

Wann und wo schreiben Sie?

Am besten schreibt es sich für mich am Morgen an meinem Pult. Dann ist es ruhig, der Kopf noch frei, und ich kann der Fantasie freien Lauf lassen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Abschalten tue ich am besten beim Sport oder in der Badewanne. Aber natürlich halte ich die Augen und Ohren immer offen und sammle Eindrücke, Ideen, Satzfetzen. So tauchen einige meiner Erfahrungen in Söldner des Geldes wieder auf. Für einen Thrillerautor liegen die Nuggets praktisch auf der Strasse, man muss nur hinschauen.

 

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es ist einfach ein schönes Gefühl, Söldner des Geldes in so vielen Buchhandlungen und Bibliotheken zu sehen. Zum Glück bin ich nicht nur Thrillerautor, sondern auch Partner, Sohn, Sportler, Firmeninhaber, Reisender, etc. Ich darf zum Glück ganz verschiedene Projekte machen. Der Autor in mir hätte gerne mehr Zeit, muss sich aber öfters gedulden.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritische und anklagende Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Der etablierte Emons-Verlag in Köln, der meinen Thriller verlegt hat, arbeitet sehr professionell, ist aber auch ein sehr persönlicher Verlag. So bekomme ich zum Beispiel auf Fragen per e-Mail innert Kürze eine Antwort. Und bei den Diskussionen um die Titelei (Cover, Titel, Rückseite) wurde ich immer mit einbezogen. Ich bin Emons jedenfalls sehr dankbar für die Unterstützung.

 

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben in Ihrem Roman Söldner des Geldes über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Söldner des Geldes ist in erster Linie ein internationaler Thriller und spielt – neben den Schauplätzen in der Schweiz – auch in Ägypten, Norwegen und Amerika. Persönlich bin ich glücklich Schweizer zu sein. Aber als frischer, deutschsprachiger Autor spielt die Nationalität keine grosse Rolle. Meine Verkaufszahlen zeigen, dass sich Söldner des Geldes auch in Deutschland und Österreich verkauft. Und ich hoffe, dass es bald auch eine Englische und Französische Übersetzung gibt. Auch bin ich Mitglied der Amerikanischen ITW (International Thriller Writer Association) und des Syndikates, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren. So lese ich Ende Mai in Nürnberg an der Criminale, dem grössten Krimifestival Europas, aus Söldner des Geldes.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Exzellente Frage, aber unmöglich zu beantworten, denn ich weiss nicht, wo meine Ideen letztendlich her kommen. Ich versuche mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und schnappe überall Sachen auf. Es ist wie ein grosses Puzzle, das sich in meinem Kopf zusammensetzt.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Peter Beck steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Auch das weiss ich nicht genau. Sicher sind meine Erfahrungen in Söldner des Geldes eingeflossen: Orte, an denen ich war. Bei den Kampfszenen habe ich von meinen Erfahrungen als Judoka gezehrt. Und wahrscheinlich steckt in allen Figuren auch ein bisschen von mir. Aber ich gestalte meine Charaktere in erste Linie nach dramaturgischen Gesichtspunkten. Bestenfalls lehne ich mich an real existierende Personen an, mische diese miteinander, bis es für die Geschichte stimmt.

 

Wieso schreiben Sie Thriller? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Tatsächlich schreibe ich, was ich gerne selber lese: Rasante und intelligente Unterhaltung zum Abschalten in der Badewanne oder am Strand. Es ging mir beim Schreiben von Söldner des Geldes nie darum, irgend etwas auszuleben. Ich will einfach spannende Thriller schreiben und meine Leser damit so gut wie möglich unterhalten.

 

Ihr Thriller bewegt sich in der Wirtschaftswelt, thematisiert das Bankenwesen, Datenspionage und internationale Intrigen. Was reizt Sie an dieser Thematik?

Tom Winter, der Held von Söldner des Geldes ist Sicherheitschef einer Schweizer Privatbank. Ich wollte eine unverbrauchte Hauptfigur, nicht irgendeinen schlapphütigen Inspektor oder einen versoffenen Privatdetektiv.

Winters Bank hat Kunden auf der ganzen Welt. Als Autor kann ich ihn deshalb überall hin schicken. Das macht Spass. Da ist Tom Winter fast so frei wie Jack Reacher, der Held von Lee Child. Die Themen „Geld“, „NSA“, etc. leiteten sich dann fast automatisch daraus ab. Und praktischerweise gibt es in der Finanzwelt ja viele Bösewichte.

 

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jeder Mensch hat eine politische Verantwortung. Wir stimmen nicht nur an der Urne, sondern täglich zum Beispiel bei der Wahl der eingekauften Produkte oder unseres Verkehrsmittels ab. Davon sind Autoren natürlich nicht ausgenommen.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine spannende Geschichte und faszinierende Figuren. Ein gutes Buch muss mich packen und schwingt auch nach dem Fertiglesen noch nach. Aber zum Glück gibt es dafür keine Formel.

 

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ich kann mich an die „Rote Zora“ und die Serie „Drei Fragezeichen“ erinnern. In der Primarschule hatte ich eine tolle Bibliothekarin, Frau Zürcher, die mich mit Stoff versorgte.

Als Jugendlicher habe ich dann alle Maigrets von Simenon verschlungen. Bei den Thrillern ist le Carré mein Lieblingsautor. Der lebte übrigens selber einmal in Bern und hat einige Szenen hier angesiedelt.

Dann habe ich natürlich all die üblichen Verdächtigen gelesen: Lee Child, John Grisham, Ian Rankin, Denise Mina oder Mark Gimenez und Stuart MacBride. Aber auch die Nordländer inspirieren mich: Mankell, Stieg Larsson, Adler Olsen und Jo Nesbo. Ich lese viel auf Englisch aber mit Söldner des Geldes kann man einmal einen Schweizer Thriller im Original lesen.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Ich bin kein Fan von Listen oder Ratgebern, denn jeder muss seinen eigenen Weg finden. Aber ich kann sagen, was mir geholfen hat:

Erstens: Just do it! Die Idee, das Bild, der Dialog nützt im Kopf wenig und muss aufs Papier. Am Anfang ist es nie perfekt, aber es ist ein Anfang.

Zweitens: Nicht aufgeben! Ein Buch zu schreiben ist – ausser man ist ein Genie – zu 99% Schweiss, harte Arbeit und nur zu 1% Inspiration.

Drittens: Gut zuhören! Ich habe Söldner des Geldes vielen Testlesern gegeben und sie um ehrliches und hartes Feedback gebeten. Das war nicht immer leicht, aber hat mir geholfen, den Thriller besser, dichter, rasanter zu machen.

Viertens: Habe Spass! Ein schöner Satz, ein cooler Spruch, ein gelungener Cliffhanger macht Spass und erfüllt mich mit Stolz – und motiviert mich dran zu bleiben (siehe oben…;-)

Fünftes: Vertraue auf Dein Glück! Es gibt tausende von Autoren und letztendlich braucht es immer eine rechte Portion Glück. Es gibt einen abgewandelten Bibelspruch, der einen wahren Kern hat: „Gott gib mir Kaffee, um die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und Wein, um das zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann…“

Ich möchte mich bei Peter Beck für diese ausführlichen und interessanten Antworten bedanken, die einen  tollen Einblick in sein Schreiben sowie in sein Leben gewähren!

Philipp Probst – Nachgefragt

PProbstPhilipp Probst
Philipp Probst ist ein Schweizer Schriftsteller, Buschauffeur, Journalist, LKW-Fahrer – und noch einiges mehr. Bereits früh begann er zu schreiben, die ersten Geschichten entstanden während des Schulunterrichts. Im Alter von 16 und 17 Jahren schrieb er zwei Drehbücher, welcher auf Super-8 gleich selber verfilmte: Den Krimi Der Lebensretter und den Teenagerfilm Hoffnung, welcher zugleich Abschlussarbeit der Rudolf-Steiner-Schule war. Mit diesem Film gewann er in den 80er Jahren den zweiten Preis der Schweizer Jugendfilmtage. Nach einem kurzen Abstecher in den Buchhandel landete Philipp Probst im Journalismus, arbeitete für diverse Redaktionen und Medien und schrieb schliesslich 1994 sein erstes Buch Ich, der Millionenbetrüger Dr. Alder, welches 2009 unter dem Titel Der Fürsorger verfilmt wurde.  Von ihm erschienen sind daneben unter anderem Der Storykiller, Die Boulevard-Ratten und diverse Kurzkrimis .

 
Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin ein kreativer und tüchtiger Mensch mit Ecken und Kanten – und vielen Schwächen. Die Biographie würde ich als unterhaltenden Roman erzählen, gäbe eine nette Ferienlektüre.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich schreibe wegen dem Basler Autor Hans-Peter Hammel, alias –minu. Seine Geschichten in der Zeitung fand ich toll. Zuerst wurde ich allerdings Journalist und Lastwagenfahrer. Auf dem LKW habe ich dann angefangen, meinen ersten Roman zu schreiben. Die langen Fahrten auf der Autobahn haben mich inspiriert.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Schreiben zu lernen ist eine harte Ausbildung. Wichtig ist, einen guten Mentor oder Textchef zu haben. Dann ist es learning by doing. Und aus Fehlern lernen. Kritisch sein. Mutig. Grundsätzlich kann man Schreiben lernen. Talent hilft natürlich, doch das Wichtigste ist die Disziplin.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich schreibe einfach drauf los und versuche, so wenig wie möglich korrigieren zu müssen. Die Phantasie soll arbeiten!

Wann und wo schreiben Sie?

Meistens zu Hause am Esstisch. Aber unterwegs geht auch. Eigentlich völlig egal wo, es geht sogar auf dem Smartphone.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wenn ich schlafe.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Die Freude ist, den Leserinnen und Lesern Freude zu bereiten. Als Autor zähle ich mich zur Unterhaltungsbranche. Ich stehe also nicht nur im Wettbewerb mit anderen Autoren, sondern auch mit Kino, TV, Internet und Games. Ein Buch zu schreiben macht Spass, es zu verkaufen ist pickelharte Arbeit.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Da die Spielregeln der freien Marktwirtschaft gelten, gibt es wenig zu jammern. Ein Buch ist ein Produkt, das es zu vermarkten gilt. Ende.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Kommt darauf an, ob man sich als Autor im Buchmarkt oder in der Literaturszene bewegt. Die Literaturszene hat etwas Elitäres und zählt auf staatliche Förderung. Wer da rein kommt, darf sich „von“ nennen, wird eingeladen und kann sich in den anderen subventionierten Literaturszenen des deutschsprachigen Raums bewegen. Alle anderen Schriftsteller kämpfen im Buchmarkt, also in der freien Marktwirtschaft.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Geschichte entsteht beim Schreiben. Am Anfang ist einfach eine Idee, die man im Leben aufschnappt. Ich lasse meinen Figuren und deren Handlungen grossen Freiraum: Manchmal machen sie das, was ich von ihnen erwarte, ab und zu überlisten sie mich aber auch. Dazu kommen plötzlich ganz neue Ideen, dann kommt die Geschichte halt anders heraus. Das ist aber egal, Hauptsache sie ist spannend und unterhaltend.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Philipp Probst steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich bestehen meine Figuren aus mir. Aber nicht nur. Da werden noch andere Menschen drin verpackt. Da die Geschichten für mich realistisch sein müssen, könnte ich sie selbst auch erleben. Viele Szenen in meinen Büchern habe ich auch erlebt. Allerdings ist das kein Verarbeitungsprozess, sondern die Möglichkeit, etwas hautnah zu erzählen. Da werde ich dann wieder zum Reporter.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Ich fühle mich wohler mit dem Ausdruck Thriller. Nein, es geht nicht darum, das „Böse in mir“ auszuleben. Es geht nur darum, dass in einer Geschichte ja irgendetwas passieren muss. Sonst ist es keine Geschichte oder eben eine langweilige. Wenn ich lese, will ich eine Geschichte erleben. Das gilt auch beim Schreiben. Toll finde ich aber auch Liebesromane.

Ruhm, Ehre, Moral, ethische Prinzipien – deswegen wird in Ihren Krimis gemordet. Strebt (heute?) nicht jeder danach? Steckt in jedem Menschen ein Mörder, der über Leichen ginge, um das ihm höchste Ziel zu erreichen?

Nein. Viele Menschen sind zufrieden, sich im Mittelmass der Gesellschaft zu bewegen. Das bewundere ich.

Sie haben verschiedene interaktive Kurzkrimis realisiert, kürzlich haben Sie einen Fortsetzungskrimi für das Onlinemagazin buchmagazin.ch nach 35 Folgen beendet, bei welchem Sie Inputs von Lesern annehmen und damit die Geschichte weiter gesponnen haben. Was reizt Sie an diesem Vorgehen? Wie kamen Sie auf die Idee, solche Projekte in Angriff zu nehmen?

Das sind äusserst sportliche Projekte, die viel Phantasie und Disziplin abverlangen. Das Tolle daran ist, dass mit den neuen Medien viele neue Möglichkeiten entstanden sind, die im Buchmarkt und noch mehr in der Literaturszene überhaupt keine Anwendung finden. Heute kann man als Kunde beinahe jedes Produkt online mitgestalten – warum sollte man da nicht auch auf seine Lektüre Einfluss nehmen dürfen? Zudem sind solche Projekte Werbung für mich als Autor und meine Bücher. Eines meiner besten Projekte war ein SMS-Roman für eine Freundin. Brutal hart. Aber einfach toll. Hätte ich genügend Interessenten – ich würde einen Roman per SMS/WhatsApp liefern. Jeden Tag ein Stück …

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Aber er kann und darf und soll seine Meinung äussern. Da er aber heute praktisch gar nicht mehr nach seiner Meinung gefragt wird, muss er sich auch nicht damit beschäftigen. Da Medien ebenfalls nach den Regeln der freien Marktwirtschaft funktionieren, werden Prominente zu allem Möglichen befragt werden. Und falls es ein Schriftsteller zum Bestsellerautor schafft, trifft es automatisch auch ihn. Meistens allerdings zu Themen wie: „Kaufen Sie lieber im Coop oder in der Migros ein?“

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss spannend sein. Jeder Schriftsteller bekommt bei mir die Chance von 50 Seiten. Falls ich dann nicht mitfiebere, bin ich weg!

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ja, aber das sind so viele … Immerhin war ich mal Buchhändlerlehrling.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • Schreibe mal 100 000 Zeichen, die einen Sinn ergeben, innert weniger Tage. Falls du dich schwer tust damit, mache was anderes in deiner Freizeit.
  • Schreibe einem Freund oder einer Freundin einen Monat lang einen Fortsetzungsroman per SMS. Damit testest du deine Phantasie.
  • Treibe Sport oder schaff dir einen Hund an. So lernst du Disziplin.
  • Betrachte die Schreiberei als Hobby. Auch eine Modelleisenbahn ist toll!
  • Werde auf irgendeine Weise TV-Promi. Denn nur wer dich kennt, wird dein Buch kaufen.

Ich bedanke mich herzlich für diese Antworten!

Zoë Beck – Nachgefragt

©Victoria Tomaschko
©Victoria Tomaschko

Zoë Beck
Schon mit 3 Jahren begann die 1975 geborene Zoë Beck Klavier zu spielen, hatte mit ihrem Spiel Auftritte und gewann Auszeichnungen bei Wettbewerben. Nach dem Abitur folgte das Studium der deutschen und englischen Literaturwissenschaft, welches mit einer Magisterarbeit zu Elisabeth George abgeschlossen wurde. Nach dem Studium arbeitete Zoë Beck als Lektorin, TV-Producerin, Dramaturgin und Autorin in verschiedenen Bereichen. Zoë Beck lebt als freie Autorin, Übersetzerin und Redakteurin in Berlin. Von Zoë Beck erschienen ist unter anderem Wenn es dämmert (2008), Das alte Kind (2010), Der frühe Tod (2011), Das zerbrochene Fenster (2012).

Zoë Beck gewährt mit ihren Antworten einen spontanen und sehr authentischen Einblick in ihren Schreiballtag und die (Hinter-)Gründe, wieso sie tut, was sie tut.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich heiße Zoë Beck und wurde 1975 irgendwo in Mittelhessen geboren. Damals kannte man mich noch unter einem anderen Namen. Mit drei warf ich mich ans Klavier, mit fünf wäre ich am liebsten ausgewandert, und irgendwann bin ich dort auch weg, allerdings im Zickzack und ohne festes Ziel. Ich habe Literatur studiert, am Theater, beim Film, in Verlagen, beim Radio und für Zeitungen gearbeitet, und jetzt schreibe ich Bücher.

Ist Zoë Beck Ihr Pseudonym? Wenn ja, was hat sie dazu bewegt, eines anzunehmen?

Das ist mein Name. Ich habe noch ein geschlossenes Pseudonym, zu eben diesem Zweck – dass es geschlossen bleibt und niemand weiß, wer dahintersteckt. Aber Zoë, das bin ich. Ich habe damals einen anderen Namen angenommen, weil ich beispielsweise den ursprünglichen noch nie wirklich mochte und mich irgendwie auch mit diesem Namen in einem Kontext sah, in dem künstlerisches Schaffen weder gewünscht noch gewürdigt wurde. Außerdem wollte ich etwas anderes als zuvor schreiben, da brauchte ich einen Neustart. Auf vielen Gebieten. Hinzu kam, dass die Entscheidung in einen Zeitraum fiel, in dem ich sehr krank war und nicht wusste, wie es weitergehen würde. Zoë heißt übrigens Leben. Das passte dann irgendwie alles.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Nein, ich wollte nicht Schriftstellerin werden. Pianistin, ja, aber sonst wäre mir nicht so viel eingefallen. Es war eher Zufall. Eine Freundin arbeitete für eine Literaturagentur und fragte mich, ob ich nicht mal ein Buch schreiben wollte. Ich hatte zu der Zeit viel Erfahrung im Bereich Stoffentwicklung, Dramaturgie, Drehbuch und hätte nie gedacht, dass es funktioniert. Aber ein paar Wochen später war meine Leseprobe fertig, und ich bekam einen Vertrag über drei Bücher.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich lerne immer noch. Es ist vor allem Handwerk. Wie beim Klavierspielen. Wie bei den meisten anderen Berufen. Es heißt ja immer: Bis zu einem gewissen Grad kann man alles lernen, der Rest ist Begabung oder Talent. Die einen lernen es nie, die anderen sehr schnell. An der Uni hatte ich Creative Writing-Kurse, aber weniger, weil ich damals schon vorgehabt hätte zu schreiben, sondern wirklich einfach so. Klang gut, fand ich, und der Kurs lag zu einer bequemen Zeit, außerdem war die Frau, die es unterrichtete, nett. Als ich beim Film war, habe ich oft Drehbuchkurse belegt, aber auch das nicht, weil ich Schreiben lernen wollte, sondern um mich zu informieren, schließlich sollte ich Stoffe entwickeln und Drehbücher bearbeiten. Ich fand, da sollte ich auch ein wenig mehr darüber wissen, wie ein Drehbuch überhaupt geschrieben wird. Ich glaube, durch die praktische Arbeit an Filmstoffen, durch die Arbeit am Theater, durch viel Lesen habe ich eine Menge gelernt, und ich lerne wie gesagt immer noch.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Vorbereitung ist sehr wichtig. Recherche, Notizen, eine Outline schreiben – sehr, sehr wichtig. Natürlich ändert sich dann beim Schreiben immer noch etwas, manchmal sogar die ganze Geschichte. Aber ich muss wissen, was ich erzählen will. Wessen Geschichte ist es, und warum soll ich sie erzählen?

Wann und wo schreiben Sie?

Ich schreibe meist zu Hause, wobei das „zu Hause“ nicht mein eingetragener Wohnsitz sein muss. Manchmal miete ich mich für ein paar Wochen oder Monate wo ein. Im Café oder so kann ich nicht schreiben. Ich bin Nachtarbeiterin. Da kann ich am besten denken. Und ich muss allein sein.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein, Feierabend, Ferien, nein. Phasen, in denen ich was anderes mache, ja. Aber abschalten? Wovon denn?

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Oh, das ist aber eine schwierige Frage. Autorin sein ist eine Freude und ein Kampf und Glückssache und vor allem ein Knochenjob. Das will natürlich jetzt wieder keiner hören. Ist aber so, jedenfalls, wenn man es ernst nimmt. Sich ständig selbst hinterfragen, ständig am Stil arbeiten, ständig bewusstmachen, in welchem – auch und besonders gesellschaftlichen – Bezugssystem man steht, was man ausdrücken will. Ich schreibe ja nicht aus dem luftleeren Raum oder für ein ideelles Vakuum. Kämpfen muss ich jeden Tag an allen Fronten: gegen die eigene Nachlässigkeit oder Faulheit, gegen alles, was mich runterzieht und dazu bringen könnte zu sagen: ich schmeiß den Kram einfach hin, gegen Gemecker von Leuten, die es lieber hätten, dass ich mehr/weniger Blut/Sex/Gewalt/Leichen reinschreibe, gegen Vorwürfe, ich sei zu politisch/zu feministisch/zu lakonisch oder von allem einfach zu wenig. Der größte Kampf ist es, auf meinem Weg zu bleiben. (Oder ihn zu finden?) Die Freude, damit das nicht vergessen geht: die Freiheit, das zu tun, was mir Spaß macht.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

„Plötzlich“ entsteht eine Geschichte wohl nicht, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Aber dann hat es vorher schon lange in einem gearbeitet … Drei Dinge finde ich wichtig: Welche Figur will ich erzählen, welches Thema hat sie, und wo geschieht es? Von dort ausgehend entwickle ich die Geschichte. Was sich manchmal in der Tat „plötzlich“ ergibt ist, dass man weiß: Dies ist der richtige Ort, an dem die Geschichte stattfindet. Oder: Jetzt weiß ich endlich mehr über meine Figur. Nur so als Beispiele.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Da kann jede nur für sich selbst sprechen. Ich persönlich schätze die Zusammenarbeit mit einem Verlag/einem Team sehr. Aber warum soll nicht jemand sagen: Ich hab meine eigene Lektorin, jemanden fürs Cover, etc. etc., also probiere ich es jetzt selbst. Der Publikationsweg sagt nicht zwingend aus, ob eine Geschichte gut oder nicht gut ist. Es gibt in beiden Bereichen entsetzlich schlechte Geschichten. Und richtig gute. Da müsste man eher mal definieren, was nun eine gute Geschichte ausmacht. Ich muss allerdings sagen, dass für mich ein ordentliches Lektorat und Korrektorat dazugehört. Korrekte Rechtschreibung und Grammatik finde ich den LeserInnen gegenüber zumindest höflich. Eine funktionierende Dramaturgie tut jeder Geschichte gut. Am Stil zu arbeiten ist auch nicht verkehrt. Für vieles davon kann ein Verlag sorgen. Oder man sucht sich Menschen, die einem dabei helfen, die nicht verlagsgebunden sind.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ja, viele Figuren haben irgendeinen Teil von mir oder von Menschen, die ich kenne.

Sie haben 2012 den von der Autorenvereinigung DeLiA zum besten Liebesroman gekürten Roman Für immer und ledig geschrieben, hauptsächlich liest man von Ihnen aber Krimis. Wieso Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Nein, das ist wahrscheinlich auch so ein Klischee wie der Gedanke, dass alles irgendwie autobiographisch und damit sozusagen selbst erlebt sein muss. Ich schreibe schon über Themen, die mich beschäftigen, und bringe sie in Geschichtenform. Was das „Böse“ angeht, gibt es doch im wahren Leben um einen herum genug „Böses“, das eben nicht unterdrückt wird, so dass man es im Roman oder in einer Kurzgeschichte verarbeiten kann. Man müsste auch erst einmal das „Böse“ definieren. Da denke ich immer an Stephen King und so, und der schreibt ja keine Krimis. Oder ist damit das „Böse“ gemeint, das den Serienkiller dazu bringt, ein Serienkiller zu sein? Das wäre dann ein psychologischer Ansatz … Hm. Für meine Geschichten eignen sich da eher gesellschaftliche Schieflagen, Ungerechtigkeiten, Ungeheuerlichkeiten, Missstände. Die sind mir böse genug.

Sie spielen Klavier (sogar mit Auszeichnungen), haben studiert (als Stipendiatin), schreiben Drehbücher, sind als Filmproduzentin tätig, übersetzen, schreiben selber Kurzgeschichten, Krimis, Thriller – gibt es etwas, das sie nicht können oder gelingt einfach alles, was sie anpacken? Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Mir gelingt eine ganze Menge nicht. Deshalb konzentriere ich mich lieber ausführlich auf das, was halbwegs klappt J Ich langweile mich nicht gerne, und ich habe keine zeitaufwändigen Hobbys. Ich mache einfach den ganzen Tag das, was ich gerne mache.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss gut geschrieben sein.

Sie haben Ihre Magisterarbeit über Elisabeth George geschrieben. War es schwierig, die Professoren von einer Krimiautorin zu überzeugen? Wieso gerade Elisabeth George?

Der Professor hatte Kriminalliteratur als Forschungsgebiet, von daher war es eher umgekehrt – er hat mich an das Thema herangeführt. Elizabeth George bot sich damals an, sie stand durch ihre Verbindung von Krimi einerseits und Adeligensoap andererseits in einer bestimmten Tradition, die sie weiterentwickelt hat. Sich diesen Weg anzusehen, fand ich interessant: Was hat sich getan auf dem Weg vom einsamen Detektiv hin zum Ermittlerteam mit den ganzen privaten Problemen? Das war das Thema meiner Arbeit. Klingt heute schon wieder schrecklich überholt.

Gibt es sonst Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Elizabeth George lese ich gar nicht mehr. J Irgendwo gibt es Listen von mir, für die ich meine fünf, sieben, zehn Lieblingsirgendwas nennen sollte. Aber das ändert sich ja über die Jahre. Was gut ist. Sonst würde man ja irgendwo stehenbleiben.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Lesen, lesen, lesen.

Lesen. Aber auf keinen Fall Bücher, bei denen man denkt: Das kann ich aber auch. Sondern nur Bücher, bei denen man denkt: Verdammt, das schaff ich nie, so gut zu schreiben.

Immer misstrauisch sich selbst gegenüber bleiben. Nicht alles, was man formuliert und erdacht hat, ist es wert, veröffentlicht zu werden. Es gibt Mülleimer. Die sollte man nutzen.

Am Stil arbeiten. Und zwar am eigenen. Es dauert eine Weile, ihn zu finden. Er versteckt sich gern hinter dem, was viele Menschen irrigerweise für guten Stil halten. (Elmore Leonard hatte ein paar gute Tipps, übrigens.)

Jeden Tag üben.

Ich bedanke mich für dieses Interview!

Valeska Réon – Nachgefragt

ReonValeskaValeska Réon kommt 1962im Rheinland zur Welt und wächst in einer Hippie-Kommune in Renesse (NL) auf. Nach dem Abitur beginnt sie eine Friseurlehre und arbeitet als Model. Sie schreibt drei erfolgreiche Ratgeber und wendet sich dann der Belletristik zu. Neben ihrer Schriftstellerei arbeitet Michaela Marwich, wie sie im realen Leben heisst, als Privatdetektivin und ist als Vortragsrednerin im deutschsprachigen Raum unterwegs. Von ihr erschienen sind unter anderem unter dem Pseudonym Ela M. Das kleine Grüne (1997), Nie mehr wieder – oder doch? Der Mann, das unbekannte Wesen (1998) und als Valeska Réeon Blumen für ein Chamäleon (2012), Das falsche Spiegelbild (2013).

Valeska Réon hat mir einige Fragen beantwortet und damit persönliche und nachdenkliche Einblicke in die verschiedenen Facetten ihres bunten Lebens gewährt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Eine echt gute Frage, die ich an manchen Tagen selbst kaum beantworten kann, weil so viele Persönlichkeiten in mir schlummern. Das Chamäleon im Buchtitel beschreibt mich besser als jedes Adjektiv es könnte. Beste Freundin, Kumpel, Diva, Fashion-Süchtige und beste Ratgeberin für gute Freunde – alles Dinge, die ich mit leichter Hand bewerkstellige.

Sie schreiben unter Pseudonym, wieso haben Sie sich dazu entschlossen? Wie kam es zu diesem Pseudonym?

Wenn man hier in Deutschland Sachbücher geschrieben hat, nehmen die Verlage einen nicht mehr allzu gerne als Roman-Autorin. Und so habe ich mir den Namen gegeben, den ich als Kind schon so gerne gehabt hätte. Viele sind enttäuscht wenn sie hören, dass es nicht mein eigentlicher Name ist – und bestehen darauf, mich weiterhin Valeska zu nennen. Witzig!

Sie haben mit Blumen für ein Chamäleon Ihre Lebensgeschichte in einen Roman verpackt. Wieso war es Ihnen wichtig, diese Geschichte zu erzählen?

Es war mir gar nicht bewusst, wie wichtig es tatsächlich war. Aber nachdem ich dann die Resonanz der Leser gesehen habe, wusste ich, dass es das Beste war, was ich machen konnte. Und wenn es dann auch noch ins Kino kommen sollte, erreicht es noch mehr Leute und kann die von mir immer propagierte „Freude am Mut“ in die Welt hinaus tragen. Als Film wird es übrigens Transmorphose heißen.

Wie präsent ist Ihre Vergangenheit heute noch? Ist es für Sie wichtig, dass man Ihre Geschichte kennt? Wäre es nicht ab und an einfacher, im Hier und Jetzt als die wahrgenommen zu werden, die Sie heute sind?

Vielen Leuten wurde erst nach dem Chamäleon-Roman bewusst, mit wem sie es zu tun haben. Und da wurde mir erst klar, wie sehr ich im Jetzt und Hier lebe. Außerdem habe ich noch nie in der Vergangenheit gelebt. Wenn ich andere in meinem Alter treffe, die den Spruch loslassen „Ach ja, das waren noch Zeiten“ (zumeist begleitet von einem tiefen Seufzer), wundere ich mich immer wieder. Ich werde im September 51 und habe mich nie wohler und authentischer gefühlt!

Sie haben Ratgeber verfasst, eine Autobiographie, einen Krimi, arbeiteten als Model, Friseurin, Visagistin, sind Privatdetektivin und wohl noch vieles mehr. Woher stammt diese Vielseitigkeit? Ist es die Suche nach dem wirklich Richtigen oder sind es die vielen bunten Facetten Ihres Wesens?

Wenn man schon als Kind auf der Suche nach sich selber ist, hat man natürlich eine ganz andere Ausgangssituation und probiert auch Dinge aus, auf die kein „normaler“ Mensch kommen würde – *lach*! Aber tatsächlich sind es all die Facetten meiner Persönlichkeit, die sich zum Gesamt-Puzzle Valeska Réon zusammensetzen. Gerade erst habe ich das Angebot erhalten, in einer Werbekampagne für eine Buchmesse eine Baronin zu spielen, die in ihrem Schloss oder auch in ihrem Bentley am liebsten eines macht: Bücher lesen. Wieder eine neue Aufgabe, auf die ich mich riesig freue!

Wie kamen Sie dazu, als Privatdetektivin zu arbeiten? Wie wird man eigentlich Privatdetektivin und was für Menschen treten an Sie heran?

Da kamen mehrere Dinge zusammen. Schon als Kind konnte ich eine Lüge erkennen, sobald sie den Mund des Lügners verlassen hatte. Und der Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen ist eine extrem befriedigende Aufgabe. Hauptsächlich treten große Konzerne an mich heran, bei denen irgendetwas im Argen liegt: Weitergabe von Betriebsgeheimnissen, Unterschlagung, Mobbing etc. Und dann laufe ich dort als „Sekretärin“ auf, immer mit so schönen Namen versehen wie „Karin Sommer“ oder „Elke Schneider“, hübsch im dunkelblauen Kostüm mit blondem Bob, und mische mich unter die Belegschaft. Das ist für mich Inspiration pur. Und das Perückenzimmer in meiner Detektei würde selbst Lady Gaga die Sprache verschlagen!

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schon in der Schule war ich strohdoof in Mathe, konnte aber super Aufsätze schreiben. Meine Zeit als Model war interessant und ich möchte sie nicht missen, aber ich habe eine tiefe Abneigung gegen hohlen Hedonismus. Was lag daher näher, als für den nächsten Abschnitt meines Lebens auf die Schreiberei zu setzen?

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Einmal habe ich ein solches Seminar besucht, habe aber schon nach einer halben Stunde gemerkt, dass mich das eher blockiert als inspiriert. Die Geschichten müssen aus einem herausfließen, und ich sehe, dass ich mich von Buch zu Buch gesteigert habe. Mein neuer Krimi Das falsche Spiegelbild bewegt sich sprachlich auf einem ganz anderen Niveau als die vier vorangegangenen Bücher.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Von allem etwas. Zuerst einmal lasse ich mir einen knackigen Buchtitel einfallen. Bislang hatte ich immer das Glück, dass die Verlage diesen dann letztendlich auch für das fertige Buch benutzt haben. Dann mache ich ein Inhaltsverzeichnis, richte die einzelnen Kapitel im Word-Dokument ein und fange an zu schreiben. Seit einigen Wochen habe ich immer ein kleines schwarzes Büchlein dabei, und sobald ich einen guten Spruch höre oder einen interessanten Satz lese, schreibe ich ihn auf, um es später in der Geschichte zu verwenden.

Die Recherchearbeit kommt dann mitten in der Geschichte, wenn ich merke, dass ich Hilfe brauche. Beim letzten Buch habe ich mir Unterstützung bei DEM deutschen Gehirnwäsche-Papst geholt, Dr. Hans Ulrich Gresch. Ich wusste zwar, wie eine Gehirnwäsche funktioniert, aber es war für den Plot wichtig zu erfahren, ob und wie man sie wieder rückgängig machen kann.

Für die Fortsetzung des Buches habe ich mich bereits mit dem TV-Metereologen Sven Plöger getroffen, denn diesmal geht es u.a. um künstlich gemachtes Wetter.

Wann und wo schreiben Sie?

Bevorzugt abends in meinem Arbeitszimmer. Meine Wauzis liegen links und rechts neben mir, vor mir dampft eine Tässchen Tee, und schon kann es losgehen. Ich tippe alles direkt in den Computer, keine Handnotizen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Während des Entstehungsprozesses eines Buches kann ich gar nicht abschalten. Meine Figuren sind immer mit so viel Liebe ausgedacht und mit einer solch umfangreichen Lebensgeschichte versehen, dass ich aufpassen muss, sie nicht wirklich vor mir zu sehen. Sobald ein Buch fertig ist, kann ich jedoch ganz wunderbar abschalten. Dann fahre ich mit Freunden in mein Haus nach Renesse, wir kochen zusammen, lachen viel, machen lange Strandspaziergänge – und dann erwische ich mich auch schon wieder dabei, wie sich all diese Inspirationen bereits in einem neuen Buch manifestieren.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Das Leben als Autor ist das Ziel all meiner Träume – und was ich mir für die nächsten fünfzig Jahre durchaus vorstellen könnte. Die Freuden sind natürlich die vielen Mails von den Lesern die mir berichten, was meine Geschichten in ihrem Leben bewirkt haben. Oder wie sie sie zum nachdenken angeregt haben. Das war anfänglich ein etwas komischer Gedanke: Meine Ideen ziehen auf Papier gedruckt in den Alltag von anderen ein und entwickeln dort ein Eigenleben. Heute weiß ich: So muss das sein. Was mich etwas beunruhigt ist, dass immer weniger, gerade junge, Leute Bücher lesen. Daran müssen wir arbeiten.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Alles, was ich sehe, ist Inspiration pur für mich. Was andere glatt übersehen haben in ihrem Alltag, beschäftigt mich tagelang und wird zu einer Geschichte gesponnen. Witzigerweise liegt meinem neuen Buch Das falsche Spiegelbild keine einzige reale Begegnung zugrunde, es ist vielmehr die Summe aller Eindrücke der letzten Jahre, allerdings „remixed and re-recorded“.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

In Amerika funktioniert das schon ganz gut, ich für meinen Teil bin jedoch froh, bei einem der größeren Verlag untergekommen zu sein, der die ganze Werbemaschinerie für mich rührt und die entsprechenden Pressekontakte hat.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Na klar, meistens entdeckt man mich in den Hauptfiguren. Im neuen Krimi geht es, ohne zu viel zu verraten, um eine Frau, die nach einem Sturz von der Tower Bridge ihr Gedächtnis verloren hat und ein komplett neues Leben bekommt. Meine Freundinnen, die es vorab schon gelesen haben, sagen alle unisono: „Das bist ganz klar du!“ Aber auch die Frau, die sie früher einmal war und deren Leben in einem Rückblick erzählt wird, trägt viele Züge von mir, das ist dann der traurige und nachdenkliche Teil von mir. Beim Schreiben wurde mir wieder einmal klar, wie spannend die Frage ist: Wie viele Leben kann das Schicksal für uns eigentlich bereithalten?

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Oh je, erwischt, ich bin gänzlich unpolitisch – Asche auf mein Haupt! Wenn andere Autorenkollegen sich für ihre politischen Ziele einsetze, bewundere ich das umso mehr!

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Entweder superspannender Krimi oder einer dieser wundervollen Selbsthlfe-Ratgeber, die einen aus jedem Lebens-Tief herausholen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mein Lieblings-Buch: „You can heal your life“ von Louise L. Hay. Und ganz verliebt bin ich in die französische Trilogie „Die gelben Augen der Krokodile“ von Katherine Pancol.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  1. Lass dich nicht verbiegen.

  2. Schreib nur Geschichten, die aus dem Herzen kommen.

  3. Such Dir einen Verlag, der Deine Wünsche umsetzt.

  4. Mach Deinen Lektor / -in zu Deinem besten Freund.

  5. Und niemals vergessen: keine Publicity kann so gut sein wie die, die man selber für sein Buch macht. Sei Vorbild, zeig Deinen Lesern wie toll Literatur ist – und zieh Dir was Ordentliches an.

Waren, glaube ich, mehr als fünf Ratschläge!

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.