Der Künstlerstatus ist seit jeher ein schwieriger. Er ist mit vielen Konnotationen belegt. Künstler werden verehrt – vor allem, wenn sie tot sind. Leben sie noch, begegnet man ihnen meist mit Skepsis (oder Verehrung, die aber genauso ausgrenzend ist wie die Skepsis). Nennt sich einer Künstler, schaut man genau hin, was er denn so macht und ob das taugt, ihn einen Künstler zu nennen. Messen tut man das meist daran, ob das Gemachte a) gefällt und b) verkäuflich ist oder gar c) schon verkauft wurde. Wenn dem nicht so ist, wackelt der Künstlerstuhl.

Wann ist ein Künstler ein ebensolcher? Wenn er beginnt, seiner Wahrnehmung der Welt einen Ausdruck zu geben? Wenn dieser Ausdruck schön ist? Oder erst, wenn er Geld bringt? Viele der heute ach so verehrten Künstler wären dann keine gewesen. Van Gogh? Ein armer Irrer – und mit ihm noch ganz viele andere. Oder wird man generell erst posthum Künstler? Picassos Ausspruch, dass in Museen nur Misserfolge hängen, da sie in ihrer Zeit blosser Regelverstoss und damit keine Kunst waren, würde das unterstützen (und zugleich den Unsinn deutlich machen).

Klar scheint, dass der Künstler irgendwie am Rande der Gesellschaft steht. Die anderen Bürger (die früher als Bürger dem Künstler gegenüber gestellt wurden und diesen somit aus der Gesellschaft verstossen haben begrifflich) massen sich an, Norm und Massstab zu sein – sie bestimmen über den Wert des Künstlers als Mensch und Teil der Gesellschaft sowie den Wert von dessen Werk. Das ist nicht per se schlimm, wenn es sich um das Werk dreht, beim Menschen liegt der Fall etwas anders, aber: Irgendwie scheint der Künstler nicht nur der verkommene Sohn der Gesellschaft zu sein, sondern auch einen Status zu vertreten, mit dem man gewisse Eigenschaften wie Abenteuer, Erfolg, (Selbst-)Entfaltung sowie auch Freiheit verbindet. Und diese neidet man. Die gesteht man nicht jedem gerne einfach so zu. Der selbsternannte Künstler hat sich also zu behaupten. Und zu rechtfertigen. Taugt er wirklich? Und alle anderen sind plötzlich Experten.

Was ist ein Künstler? Picasso nannte ihn einen „Sammelbehälter von Empfindungen“, der „schafft, weil er schaffen muss“. Künstler zu sein, ist keine Auszeichnung, auch nichts, das man sich aussucht, weil es irgendwie cool wäre. Es ist ein Schaffensdrang in einem drin, der einen immer wieder dazu antreibt, sich mit sich und der Welt auseinanderzusetzen und eine Ausdrucksform für diese Auseinandersetzung zu finden. Dass es nicht selbstgewählt ist, sieht man wohl daran, dass Künstler an ihrem Künstlerdasein auch festhalten, wenn dieses beschwerlich ist – was es für die meisten ist und war, liest man Biographien.

Ich gehe meinen Weg nun schon einige Jahre, bewege mich in verschiedenen Sparten der Kunst. Ich haderte immer wieder mit mir und mit der Welt, schalt mich, dass ich nicht einfach tue, was man eben so tut in dieser Welt, nämlich einer geregelten Arbeit nachgehen (einer, die auch von allen als solche gesehen wird, weil sie als solche in irgendeinem Reglement definiert ist). Jeder Versuch, meinen Schaffensdrang einzudämmen und gesellschaftlichen Idealen zu entsprechen, führte immer zum selben Ergebnis: Der noch grösseren Einsicht, was mein wirklicher Weg sein muss. Weil es keine Alternative gibt. Ich bin weder Picasso noch Goethe oder Kant, aber ich bin dankbar, meinen Weg gehen zu können und Menschen im Rücken zu haben, die ihn verstehen, ihn mit mir gehen, dabei immer auch hinter mir stehen. Kürzlich sagte mein Papa: „Du warst schon immer anders, aber du bist wunderbar so.“ Ich nehme das als Kompliment.

Ich schreibe. Offensichtlich. Man sieht es hier im Blog. Ich schreibe auch anderswo, allerdings sieht man das nicht hier und ab und an sieht es auch keiner. Früher zeichnete ich auch gerne. Und malte Schriften. Viele Stunden verbrachte ich zum Beispiel damit, Kassetten-Hüllen zu gestalten, um meinem Papa vorzugaukeln, ich sässe fleissig am Pult und lernte für die Maturitätsprüfungen. Kassetten kennt heute keiner mehr und die Hüllen sind auch Geschichte. Das Zeichnen versandete nach der Matur mit Schwerpunkt Zeichnen auch. Ich war ja schreibender Mensch und hatte keine Zeit.

Vor einiger Zeit kam ich über Umwege (Typographie, Sketchnotes, Lettering, Zentangles, Sketchbooks……) zurück zum Zeichnen. Und seit da hat es mich. Ich zeichne. Täglich. Alles. Jeden. Immer. Überall. Und es macht Spass. Und es tut gut. Mehr als jemals etwas anderes Spass machte, gut tat oder irgendwie nur einfach mir entsprach. Ich schreibe noch immer. Da ich der festen Überzeugung bin, dass Text der attraktivste Begleiter eines jeden Bildes ist. Aber: Ich habe neue Welten entdeckt.

Auch die neuen Welten sind nicht gefeit vor alten Krankheiten. Bin ich gut genug? Reicht das? Krieg ich das so hin, wie ich das will? Kann ich vor anderen bestehen? Ist das schon Kunst oder kann das einfach weg? Der innere Kritiker tobt. Laut. Ständig. Das ist nicht neu, den hab ich immer. Der gehört zu mir wie die Schmusedecke zu Linus. Aber ich will es versuchen. Einmal mehr. Meinen Weg gehen. Wie ich ihn sehe. Niemand sagte, das sei einfach, aber es ist in meinen Augen der einzige Weg, den ich gehen kann. Ohne mich selber aufzugeben. Kunst zog mich immer an. In jeder Beziehung. Ich hole aus ihr Inspiration und ich muss diese ausleben können. Das ist für mich Glück. Der Preis dafür? Er ist hoch. Der Weg geht nicht entlang ausgetretener Pfade. Und nur die sind gemeinhin anerkannt.

Einen Teil meines Weges sieht man hier: INSTAGRAM

Ich war böse. Ich habe auf Facebook über Impfungen geschrieben. Und mich als Befürworterin geoutet. Das sollte man – um des lieben Friedens Willen – unterlassen. Sonst steht man bald da (oder sitzt, wenige haben ja ein Stehpult) und wird die Geister nicht mehr los, die man rief.

So passiert. Es hagelte. Links, Videos und sonstiges Material aus zweifelhaften Quellen, das Stunden gefüllt hätte, es alles zu sichten. Und es wurde alles gebracht. Von bösen Profitgeiern über Verschwörungstheorien, welche die Übernahme der Weltmacht propagierten, bis hin – wobei, geht es noch schlimmer? Wohl schon, ich habe es nicht mehr angeschaut.

Ich bin durchaus nicht unkritisch. Impfschäden sind tragisch und hätte es mich und mein Kind getroffen, wäre es ein Drama. Nur: All die Schäden sind im Vergleich dazu, was vor diesen Impfungen war, ein Klacks. Nicht im Einzelfall (leider!!), sondern im grossen Ganzen. Darum ziehen all die herbeigezogenen Einzelfälle der Impfgegner nicht als Argumente gegen Impfung. Sie zeigen nur, dass die Welt leider nicht perfekt ist.

Masern konnten dank Impfung fast ausgerottet werden. Gerade jetzt kommt es in Deutschland wieder zum Aufleben der Krankheit – und ein kleines Kind ist daran gestorben. Das Schlachtfeld der Argumentationen ist eröffnet. Und ich sage es auch hier: Nicht zu impfen ist keine Lösung. Nicht bei Masern (und bei einigem mehr).

Impfgegner bringen immer wieder die Profitgier der Pharmariesen ins Spiel. Leider ist diese nicht zu verleugnen. Die Schweinegrippe ist ein Zeugnis dafür. Allerdings sollte man dadurch nie aus den Augen verlieren, worum es geht. Ja, Impfungen bergen Risiken. Und es gibt Impfschäden. Die sind zahlenmässig jedoch in keinem Verhältnis zur wirklichen Krankheit. Jedes einzelne Schicksal ist traurig. Aber man darf nie das grosse Ganze aus den Augen verlieren. Und ich gebe es gerne zu: Wäre mein Sohn von einem Impfschaden betroffen (ich erlebte nur wieder abklingende Komplikationen, die mich so schon sehr trafen), wäre das ein Drama. Wäre er aber das an Masern soeben gestorbene Kind, wäre das nicht besser.

Wir werden das Leben nie ganz sicher machen können, der Tod lauert immer irgendwo. Alles, was wir können, ist mit Wahrscheinlichkeiten spielen. Das ist nicht perfekt, aber mehr bleibt nicht. Sich von allen Impfungen freisagen kann der, welcher irgendwo auf einer einsamen Insel lebt. Da gefährdet er niemanden und wird auch selber nicht getroffen. Das Leben in einer Gesellschaft erfordert gewisse Massnahmen, um das Miteinander lebbar zu machen. Man gibt – auch hier wieder meine ewig gleiche Leier – gewisse Freiheiten auf, um andere zu gewinnen. Die Wahrscheinlichkeit, zu überleben, nicht an Masern zu erkranken und daran zu sterben, ist mit einer Impfung um einige Faktoren höher, als die, an Nebenwirkungen der Impfung zu leiden. Klar ist es für den Einzelnen, der für das Ganze leidet, nicht fair. Allerdings ist es der Preis des Miteinanders. Und jeder, der impft, könnte ihn bezahlen, er trägt das Risiko. Wer nicht impft, lässt die anderen für sich mittragen und setzt diese einem höheren Risiko aus. Fair ist das auch nicht.

Was wirklich zählt im Leben

Gabor Schöning hat alles, was man sich wünschen kann im Leben: einen tollen Job, in dem er erfolgreich ist, ein luxuriöses Penthouse, er sieht gut aus, was er bei vielen Frauen gut einsetzen kann. Aalglatt geht er durch die Welt, die er nach seinen Wünschen gestaltet, mal mit Tricks, mal mit Schmeichelei, auch mit Geld.

Als er wieder einmal von einem unbeschwerten Abend nach Hause fährt, neben ihm seine Affäre, die gleichzeitig die Frau seines Chefs ist, verursacht er einen Unfall, bei dem eine Frau verletzt wird. Zuerst glaubt er, auch hier die Folgen von sich abwenden zu können, doch dann steht er plötzlich vor einem Ultimatum: Entweder er engagiert sich in einer Schule für lernbehinderte Kinder als Tanzlehrer oder seine Karriere ist beendet.

„Gabor, jetzt sehen Sie mich nicht so an. Da wird einem ja ganz schwer ums Herz. Aber ich habe nicht die Frau meines Chefs verführt und dabei einen unschuldigen Menschen über den Haufen gefahren. Das waren ganz allein Sie!“

Gabor war fassungslos. „Sie erpressen mich?!“

Kathrin schaute ihn an, als wäre er nicht ganz bei Trost. „Aber es ist doch nicht für mich, Gabor. Es ist für die Kinder! Denken Sie doch mal, was das für eine schöne Überraschung sein wird! Geht Ihnen da nicht das Herz auf?!“

„Nein!“

Gabor bleibt nichts übrig, als sich dieser Aufgabe zu stellen. Erst noch widerwillig, innerlich in Abwehrhaltung und äusserlich genervt, verbringt er seine Zeit mit den Kindern. Mit der Zeit bekommt Gabor immer mehr von den Geschichten dieser Kinder mit, sieht das Leben, das sie leben, womit sie kämpfen. Je tiefer Gabor Einblick in diese Geschichten erhält, desto mehr regt sich etwas in ihm, das er bislang nie bei sich gespürt hatte: ein Herz. Gabor fängt an, sich zu engagieren, fällt dabei mehr als einmal auf die Nase, gefährdet mehr und mehr seinen Job, sein Leben hat er schon lange aus den Angeln gehoben. Alles, was ihm mal wichtig war, zählt nicht mehr. Als dann einer seiner Schützlinge auch noch mit dem Tod ringt, gibt es kein Halten mehr, Gabor würde alles auf eine Karte setzen, ihm zu helfen.

Ich hatte niemals einen richtigen Freund, aber jetzt will ich welche haben, weil du mir gezeigt hast, was das bedeutet: Freundschaft.

Andreas Izquierdo ist mit Der Club der Traumtänzer eine wunderbar feinfühlige, tiefgründige Geschichte gelungen. Es ist eine Geschichte über die Welt von heute mit allen ihren Anforderungen an Menschen. Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie unterschiedlich Menschen sein können, mit was Menschen in verschiedenen Situationen zu kämpfen haben. Ab und an ist dieses Bild sehr schwarz und weiss, die Botschaft eine sehr moralische, nie aber eine überhebliche. Aufgezeigt wird immer, dass bei allem, was man vorne sieht, viel dahinter steckt, das man zuerst kennen sollte, bevor man urteilt. Nicht alles, was glänzt, ist wirklich wertvoll. Auch Gabor muss das lernen, vor allem lernt er, sich auch seiner eigenen Geschichte zu stellen.

Das Buch fängt ein wenig schleppend an, braucht lange, um in Gang zu kommen, fesselt den Leser dann aber immer mehr und lässt ihn nicht mehr los. Es wird wohl kaum ein Auge trocken bleiben beim Lesen, kaum ein Herz unberührt.

Gerne würde ich es bei diesem Lobestaumel belassen, allerdings gibt es ein grosses Aber: Schon auf der ersten Seite fanden sich Fehler in Hülle und Fülle, die auch über das Buch hinweg nicht abnahmen. Könnte man bei Kommafehlern noch ein Auge zudrücken, wird es bei Fallfehlern schon schwieriger. Dass Figuren die Schreibweise ihres Namens ändern, ist mühselig, wenn ganze Wörter vergessen werden im Satz, macht das Lesen keine Freude mehr. Verwechslungen wie ‚das’ und ‚dass’ sowie ‚ward’ und ‚wart’ kamen noch dazu. Fehler in dieser Fülle schmälerten den Lesespass enorm, dass dies bei einem Verlag wie DuMont passiert, ist beschämend.

Hätte ich mir von dem Autoren nicht viel erhofft, hätte ich das Buch zur Seite gelegt. Ich hoffe, viele Leser tun es mir gleich und lesen das Buch, denn die Geschichte ist es wert!

 

Fazit:
Ein wundervoller, tiefgründiger, herzerwärmender Roman mit viel Gefühl, der grosse und schwere Themen anspricht, ohne damit zu erschlagen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Andreas Izquierdo
Andreas Izquierdo wurde 1968 in Euskirchen geboren, ist in Iversheim aufgewachsen und in Bad Münstereifel zur Schule gegangen. Nach dem Abitur sammelte er erste Erfahrungen in den Massenmedien – bei Zeitungen und Rundfunk -, welche ihm einen Preis bei einem bundesweiten Wettbewerb für Nachwuchsjournalisten einbrachten. Neben einer Krimireihe um den Protagonisten Jupp Schmitz schrieb Andreas Izquierdo verschiedene Drehbücher für Sitcoms und Serien und veröffentlichte im Internet eine Kriminalpersiflage. Von ihm erschienen sind unter anderem Dartpilots (2007), König von Albanien (2007), Apocalypsia (2010), Das Glücksbüro (2013).

Mehr zu Andreas Izquierdo in diesem Interview: Andreas Izquierdo – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
IzqierdoTraumtänzerBroschiert: 448 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag (8. Oktober 2014)
ISBN-Nr.: 978-3832162634
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder onine u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Er stieg an derselben Haltestelle ins Tram wie ich. Er hatte seinen ganzen Hausrat bei sich, verstaut in einem auseinanderbrechenden Rollkoffer und diversen Tüten, die er mit Spinnenbeinen darauf befestigt hatte. Mit ihm stiegen zwei grosse Hunde ein, wohl Schäferhunde. Sie gehorchten aufs Wort, streiften erst durchs Tram, kamen aber auf einen Ton sofort zurück und legten sich hin. Seine Haare waren etwas struppig, aber nicht sehr, die Kleidung etwas fleckig, aber nicht übermässig. Er roch nach Alkohol, wirkte aber durchaus klar. Die Leute versuchten offensiv wegzuschauen, einige wechselten den Platz, was er laut kommentierte, indem er zu den Hunden sagte, dass es toll sei, Platz im Tram zu bekommen.

Er war es offensichtlich gewohnt, in der offensichtlichen Nichtbeachtung durchaus im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, einer Aufmerksamkeit, die nicht wohlwollend oder zugewandt, sondern feindlich und abgrenzend war. Er witterte hinter jedem Wort einen Angriff, schützte sich durch forsche Reaktionen. Ein Hund legte sich auf meine Füsse. Ich sagte, dass mein Hund nicht so toll gehorche wie seine beiden. Nach einem ersten argwöhnischen Blick , einem etwas angriffigen Kommentar seinerseits, kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte von meinem Hund, von den Hunden, die ich schon hatte. Er erzählte von seinen Hunden, davon, dass der eine Militärhund sei, der andere ausgebildet werden soll, er aber leider zu alt fürs Militär sei. Er erzählte von Igeln, die er gerettet hat, von Einsätzen auf dem Bau, von seinen Hunden, die er liebt, mit denen er viel erlebt hat.

Er blühte auf, weggewischt war alle Feindlichkeit, jegliche Abwehrhaltung, er erzählte und die Hunde lagen brav zu seinen und meinen Füssen. Aus den Augenwinkeln sah ich einige hochgezogenen Augenbrauen. Die dahinter steckenden Gedanken konnte man förmlich hören.

Er musste vor mir aussteigen. Mühsam versuchte er, seinen Koffer aus dem Tram zu bringen, ohne dass er ganz bricht. Die Hunde warteten geduldig vor dem Tram, schauten ihm zu und man sah, dass sie ihm zugetan waren. Anders als die Traminsassen, die mehr denn je naserümpfend da sassen, ihn in seinen Bemühungen beobachteten (hinter Handys oder ähnlichem versteckt, aber hervorschielend) und sich insgeheim triumphierend über ihn stellten.

Da kam eine junge, blonde Frau aus der Menge der Wartenden draussen und fragte ihn, ob sie ihm helfen könnte. Er blickte sie an, lächelte, verneinte. Langsam ging er weiter, die Hunde mit ihm. Mein Tram fuhr los, ich schaute ihm noch lange nach.

Gerri hat mir im Rahmen der Reihe „Herausforderungen“ ein paar Fragen beantwortet zu seinem Leben mit Diabetes und dazu, was diese Diagnose für sein Leben bedeutet hat und immer noch tut.

Du hast Diabetes. Kannst du mir kurz verständlich erklären, was ich mir unter Diabetes vorstellen kann?

Diabetes Mellitus, wie die genaue Bezeichnung lautet ist prinzipiell eine Erkrankung der Bauchspeicheldrüse., die für die Produktion von Insulin verantwortlich ist. Insulin ist der „Schlüssel“, der die Zellen „aufschliesst“ damit der benötigte „Kraftstoff“ in Form von Kohlenhydraten darin verarbeitet und in Energie umgewandelt werden kann.

Typus 1 ist eine sog. Autoimmunkrankheit, bei der die Bauchspeicheldrüse gar kein Insulin mehr produziert. Diese kann auch genetisch vererbt werden. Beim Typus 2, dem erworbenen Diabetes funktioniert sie nicht mehr richtig und produziert zu wenig Insulin. Die Entstehung dieses Typus wird stark durch schlechte, sprich ungesunde Ernährung (zu viele Fette und Zucker z. B.) und Bewegungsmangel begünstigt.

Daher messe ich 4x am Tag meinen Blutzucker und spritze mir 3x schnell wirksames Insulin zu den Essen (Einheiten entsprechend den Kohlenhydraten des Essens und dem ermittelten Messwert) und 1x sogenanntes Basalinsulin als Grundlage. So simuliere ich eine funktionierende Bauchspeicheldrüse.

Wann erhieltst du die Diagnose Diabetes? Gibt es eine Vorgeschichte?

Bei mir wurde der Diabetes im Dezember 2011, quasi als Weihnachtsgeschenk, diagnostiziert. Nach einer Routineuntersuchung wurde ein dramatisch hoher Blutzuckerwert festgestellt und in der darauffolgenden Abklärung kam dann eben die Diagnose Diabetes. Von einer Vorgeschichte weiss ich nichts und ich habe mich auch immer einigermassen gesund und ausgewogen ernährt und genügend bewegt.

 

Wie waren die ersten Tage nach dieser Diagnose? Was ging dir durch den Kopf?

Meine erste Reaktion auf die Diagnose war etwas panisch, da ich schon alle meine geliebten kulinarischen Leckerbissen entschwinden sah. Man ist ja als Diabetesnewbie für ca. 2-4 Tage stationär im Spital, um den Blutzucker zu normalisieren, den Umgang mit Messgerät und „Spritzen“ zu erlernen und die gemessenen Werte einschätzen zu können. Dadurch bleibt viel, zuviel Zeit, um sich den Kopf zu zermartern. Die Frage nach dem Warum und Woher, die anstehenden Veränderungen und die Ungewissheit, wie es nun weitergeht und was Diabetes genau bedeutet, kann ganz schön beängstigend und stressig sein. Und ich als begnadeter Infojunkie hatte natürlich meinen Laptop dabei und zog mir im Internet noch mehr Verunsicherung rein. Meine damalige Unwissenheit liess mich jeden Scheiss im Zusammenhang mit Diabetes glauben, mit Ausnahme der Verschwörungstheorien über die Ausserirdischen als Erfinder der Diabetes vielleicht.

Aber ich wurde dann im Spital mit fundierten Informationen zur Genüge eingedeckt, so dass der erste Schrecken etwas verblasste und als dann noch mein behandelnder Professor erklärte, dass ich alles essen und trinken dürfe, wonach es mich gelüste, war ich doch ziemlich beruhigt.

 

Wie ging deine Familie mit der Diagnose und mit dir um?

Meine Familie hatte mit der ganzen Geschichte wenig zu tun, da ich damals ausser zu meiner Mutter, kaum engere Kontakte pflegte. Sie nahm es gelassen, weil sie sah, dass ich damit auch so umging.

 

Hat sich in deinem Leben etwas verändert seit der Diagnose?

Ehrlich gesagt jein. Ich bin noch genauso flexibel was meine Arbeit angeht, gehe auswärts essen und ziehe um die Häuser oder besuche Clubs oder Konzerte. Der Diabetes hindert mich eigentlich an nichts. Und ausser der Blutzuckermesserei und den Insulin-Injektionen ist mein Alltag so wie der aller andern auch. Also ich tendiere jetzt doch eher zu „nein“. *lach*

 

Wie gingen deine damaligen Freunde damit um? Und heute? Hat der Diabetes einen Einfluss auf Freundschaften?

Da ich offensiv mit meiner Erkrankung umgehe, gab es keine Auswirkungen auf Beziehungen. Klar tauchten Fragen auf aber die wurden aus echtem Interesse gestellt. Ich habe allerdings auch „alle“ Leute, die ich kenne über allfällige Auswirkungen von zu hohem oder zu tiefem Blutzucker informiert.

 

Kennt dein ganzes Umfeld deine Krankheit? Wie offen gehst du damit um?

Wie oben erwähnt, gehe ich sehr offen damit um, nicht zuletzt auch um Vorurteile abzubauen und der Stigmatisierung entgegenzuwirken. Somit ist klar, dass mein ganzes persönliches und berufliches Umfeld Bescheid weiss.

 

Gibt es im Alltag Dinge, die schwierig sind? Wenn ja, welche?

Eigentlich nicht, zumindest kommt mir grad spontan nichts in den Sinn. Ich muss aber grundsätzlich bemerken, dass meine Aussagen keineswegs repräsentativ für die Allgemeinheit der Diabetiker sind. Diese Leichtigkeit und Gelassenheit im Umgang mit Diabetes geht nur, wenn man sehr gut eingestellt ist, also einen regelmässig tiefen Blutzuckerwert hat. Und das trifft gottseidank bei mir zu.

 

Gibt es Tage, an denen Diabetes auch nervt? Oder Reaktionen, die du aufgrund dieser Krankheit erhältst?

Aber klar… manchmal ist er eben wirklich ein extrem nervendes Arschloch, dass sich anmasst die Kontrolle über mein Leben zu fordern. Nur schon die Aufmerksamkeit, die er einfordert, dieses tägliche, ja stündliche Erinnern an die Existenz von etwas, was ich nicht ausgesucht habe und auch nie mehr los werde, das sich eingenistet hat in meinem Körper, in meinem alltäglichen Leben macht mich manchmal wütend in meiner Hilflosigkeit. Und mir geht es gut, wie mag das dann erst bei Menschen sein, die nicht so gut eingestellt sind und ihren Diabetes nicht so gut unter Kontrolle haben.

Und dann die unterschwellig immer präsente Angst vor Folgeerkrankungen, die das Augenlicht fordern oder Amputationen notwendig machen können. Oder durch schlechte Durchblutung impotent… grauslige Vorstellung aber alles bekannte Folgen. Nein so einfach, wie es mir meist scheint, ist es dann eben doch nicht. Es ist eine Scheisskrankheit wie alle anderen auch.

Von negativen Reaktionen werde ich meist verschont, vielleicht auch, weil ich nicht dem gängigen Klischee entspreche. Schwein gehabt. Das eine wirklich mühsame Mal habe ich ja in einem Blogbeitrag verarbeitet…

 

Gibt es Tage, an denen dir alles zu viel wird, du haderst mit deinem Schicksal, die Frage nach dem Warum vielleicht hochkommt?

Ich habe diese Frage ja weitestgehend beantwortet aber noch zum Warum: Damit habe ich mich anfänglich herumgeschlagen und schnell herausgefunden, wie müssig das ist, wie sinnlos und deprimierend. Es führt schlicht zu nichts also habe ich’s bleiben lassen. Schön wär’s, wenn das so einfach ginge. Logisch kommt die Frage immer wieder hoch aber ich lasse mich nicht mehr darauf ein…oder ich versuche es zumindest.

 

Wenn du nicht krank geworden wärst, denkst du, du wärst am selben Punkt im Leben heute oder hättest du Dinge anders gemacht?

Das ist eine sehr spannende Frage, die ich mir so noch gar nie gestellt habe. Darf ich die zurückstellen? Ne, ich glaube, dass es mir eventuell nicht so gut ginge wie jetzt, da ich mich weniger um meine Gesundheit kümmern würde. Dass ich wohl auch nicht so bewusst leben würde ohne Diabetes, da er mich gezwungen hat, über einiges nachzudenken, mir bewusst zu werden, wer und was mir sowohl physisch wie psychisch gut tut und was nicht und die Konsequenzen daraus dann auch durchzuziehen. Was auch bedeutet, dass ich mich, wenn immer es geht, nicht mehr mit Menschen befasse, die mir nicht gut tun. Und mich auch nicht mehr, nur des Friedens willen über Themen unterhalte, die mich nicht die Bohne interessieren. Auf die Gefahr hin als arrogant zu erscheinen. Das ist mir dann schnurzegal. Ich nehme ich mir das einfach heraus. Oder mir Ziele zu formulieren , etwas, dass ich vorher nicht als wichtig erachtete. Wow, du bringst mich mit dieser Frage auf ganz neue Gedanken… danke.

 

Gibt es etwas, das du als positiv erachtest an deiner Krankheit? War sie „für etwas gut“?

Tja, dass ich aufmerksamer bin, was Vorgänge in meinem Körper angeht vielleicht. Allerdings gehe ich dann doch immer noch erst zum Arzt, wenn ich quasi den Kopf unter der Schulter trage. So archetypische Männerdinge kriegt man eben nicht so leicht weg…Das bezieht sich aber komischerweise nur auf Krankheiten oder Verletzungen, die mit Diabetes nichts zu tun haben. Aber sonst, nein, ich glaube nicht… oh doch, ich vergass zu erwähnen, dass ich mich gesünder und bewusster ernähre als vor der Diagnose. Meistens jedenfalls oder zumindest häufig… *lach*

Was wünschst du dir von den Menschen da draussen? Von den einzelnen, von der Gesellschaft?

Dass sie mich nicht über meinen Diabetes definieren, sondern wie vorher über meine Persönlichkeit, meine Fähigkeiten und meine Stärken und Schwächen. Ich bin nicht Diabetiker – ich bin Gerri, der Diabetes hat, das ist für mich ein grosser Unterschied.

 

Ist man heute wirklich so aufgeklärt oder findest du, dass Krankheiten (und auch Behinderungen) noch immer Tabu sind, Menschen, die betroffen sind, ausgegrenzt sind?

Auf einen gewissen Teil der Gesellschaft trifft das sicher zu aber aus vielen Gesprächen habe ich erfahren müsse, dass die Zahl der Ignoranten in letzter Zeit eher wieder steigt. Vermutlich geht’s dabei um die Kosten, die chronisch Kranke, und das sind wir nun mal, verursachen. In Zeiten zunehmender Entsolidarisierung und falsch verstandener Forderung nach mehr Eigenverantwortung kommt es eben schon zu Stigmatisierung oder gar persönlichen Angriffen. Wenn die Menschen mit Diabetes dann noch dem Klischee entsprechen, dann kommen aus den Kreisen der Informationsresistenten schnell mal Schuldzuweisungen.

 

Gibt es etwas, das du einem ebenfalls Betroffenen sagen möchtest?

Akzeptiert euren Diabetes und versucht gelassen damit umzugehen. Denn ihr werdet ihn wohl nicht mehr los. Und dauernde Spannungen zwischen so eng Verbundenen machen das Leben zur Hölle. Es schont also die Nerven, senkt den Blutzucker oder verhindert einen Herzinfarkt. Aber wehrt euch, wenn ihr das Gefühl habt, auf Grund eurer Krankheit benachteiligt oder nur schon anders behandelt zu werden. Und versucht, nicht sklavisch an eure Blutzuckerwerte zu denken, sondern gönnt euch auch mal was. Ich lege nötigenfalls ein gutes Wort bei eurem Diabetologen ein, versprochen!

 

Habe ich noch etwas vergessen? Gibt es noch etwas, das dir auf der Seele brennt?

Wir sind nicht zuckerkrank, wir sind einfach süss, sehr süss… *breitgrins*

Ich bedanke mich ganz herzlich für diesen sehr persönlichen Einblick in deinen Umgang mit Diabetes. Ich hoffe, dass Beispiele wie deines anderen helfen, ihre Diagnose nicht mehr als Bedrohung, sondern als Herausforderung, die durchaus gut zu bewältigen ist, zu sehen.

 

Mehr zu Gerri findet sich hier

Jagd nach Liebe

Ellie, Mitte dreissig, Geliebte eines verheirateten Mannes, Journalistin und auf der Suche nach einer neuen Story, stösst per Zufall auf einen alten Liebesbrief:

Meine einzig wahre Liebe,
was ich gesagt habe, war auch so gemeint. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der einzige Weg nach vorn darin besteht, dass einer von uns eine kühne Entscheidung trifft. […]
Am Freitagabend werde ich um 7.15 Uhr am Bahnhof Paddington sein, Gleis 4, und nichts auf der Welt würde mich glücklicher machen, als wenn du den Mut fändest, mit mir zu gehen.

Die Geschichte lässt Ellie nicht los, sie will erfahren, was aus dem Paar geworden ist.

40 Jahre früher. Jennifer ist die Gattin eines reichen Unternehmers, wohnt, wie viele sich das wünschen würden, hat sich um nichts zu sorgen. Das Leben könnte so weiter gehen, würde sie nicht eines Tages den Journalisten Anthony treffen und sich verlieben. Diese Liebe zeigt ihr die eigentliche Leere ihres bisherigen Lebens, nach anfänglichem Zögern beschliesst sie, alles hinter sich zu lassen, was bisher ihr sicheres Leben ausmachte. Zu dem Zeitpunkt hat Anthony ihr Zögern als Absage an einen gemeinsamen Weg interpretiert.

Ich weiss nicht, was ich sagen soll, liebste Jenny. Aber falls du das Gefühl haben solltest, die falsche Entscheidung getroffen zu haben, steht diese Tür immer noch weit offen.
Und wenn du meinst, deine Entscheidung war richtig, dann sollst du wenigstens eins wissen: dass da irgendwo auf dieser Welt ein Mann ist, der dich liebt, dem klar ist, wie besonders und klug und freundlich du bist. Ein Mann, der dich immer geliebt hat und der leider vermutet, dass es ewig so bleiben wird.

Ist es zu spät für die beiden?

 

Jojo Moyes zeichnet die Liebesgeschichten zweier Frauen zu unterschiedlichen Zeiten nach. Sie beschreibt die unterschiedlichen gesellschaftlichen Anforderungen und Hindernisse, die Suche nach dem richtigen Weg zwischen Liebe, Treue, Leidenschaft, Offenheit. Dabei versteigt sie sich ab und an in gar kitschige Ausschweifungen, manches wirkt etwas weit hergeholt oder zu gesucht, einige Längen wären vermeidbar gewesen. Trotzdem packt einen das Buch, man will wissen, wie die Geschichten weiter gehen, man sehnt sich nach einem guten Ausgang, weil einem die Figuren ans Herz wachsen.

Eine Handvoll Worte ist leicht zu lesen, beinhaltet zwei schöne Geschichten, die sich langsam zu einer verweben. Die perfekte Sommer-Sonnen-Lektüre für einen erholsamen Urlaub.

 

Fazit:
Liebe pur, leicht zu lesen, mitreissend schön. Keine grosse Literatur, aber tolle Unterhaltung. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Jojo Moyes
Jojo Moyes wurde 1969 geboren und wuchs in London auf. Nach verschiedenen Jobs studierte sie Journalismus und arbeitete danach für The Independent und ein Jahr für die Morning Post in Hongkong. Seit 2002 konzentriert sie sich beruflich aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern auf einer Farm in Essex. Auch von ihr erschienen sind Ein ganzes halbes Jahr (2013), Der Klang des Herzens (2010), Dem Himmel so nah (2008), Suzannas Coffee-Shop (2007), Das Haus der Wiederkehr (2005), Die Frauen von Kilcarrion (2003).

 

Angaben zum Buch:
MoyesHandvollTaschenbuch: 592 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (4. Oktober 2013)
Übersetzung; Ursula Pesch und Friedrich Pflüger
ISBN-Nr.: 978-3499267765
Preis: EUR 14.99 / CHF 23.90

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Das Leben erfindet sich selber in Erinnerungen

Nach dem Tod der Mutter wächst der namenlose Icherzähler bei seinem Onkel und seiner Tante auf. Sie leben in einem kleinen Dorf, das abgeschnitten von der Umwelt und auch von der Realität scheint. Die Riten und Bräuche erinnern an mittelalterliche, sind in tat und Wahrheit wohl nicht mal ganz verschieden davon. Einer davon sind die Brenntage, die zum Verbrennen überflüssiger Dinge gedacht sind, denen aber auch das eine oder andere zum Opfer fiel, das nicht zum Verbrennen gedacht war. Zumindest munkelt man das.

 Die Brenntage selbst waren oft genug Anlass für wilde Spekulationen… als etwa der Hund des Bäckers abhanden kam (den keiner leiden mochte) oder die Nachbarsköchin spurlos verschwand, als ein junges Mädchen im Teich untertauchte und die Luftblasen jählings abrissen, sie wurde von keinem je wieder gesehen.

Das Buch folgt keiner Chronologie, es ist ein Buch der Erinnerung an eine Vergangenheit, die sich in loser Form, sprachlich teilweise eigenwillig, vor dem Leser ausbreitet. Eine Erinnerung, die nicht mehr überall lückenlos ist, bewegt sich zwischen Erlebtem und Erdichtetem.

Viele Erinnerungen gingen auch im Laufe der Jahre verloren, ich selbst habe längst damit aufgehört, die Welt verstehen zu wollen, der Onkel behauptete sogar, dass wir im Augenblick unserer Geburt alles ins Feuer stiessen, dass wir verglühten allesamt in einem Feuerball und hinterliessen keinerlei Spuren. .

Beinahe beiläufig werden schreckliche, schöne, skurrile Erinnerungen dargelegt. Verbindend in der losen Abfolge der Geschichten sind immer wieder die Brenntage, sie scheinen neben dem Icherzähler die einzige Konstante in dem Buch zu sein, der rote Faden, der die einzelnen Episoden wie Perlen an eine Kette reiht. Und beide, Icherzähler wie Brenntage stehen ganz im Dienste der Erinnerung.

Nur wenn Brenntage gefeiert wurden, kamen viele der alten Geschichten noch einmal zur Sprache.

Brenntage ist ein Buch des Erwachsenwerdens, es ist ein Buch über die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit den Umständen, mit einer Welt, die sich ständig ändert und doch einige wenige Konstanten hat, die wie ein roter Faden durch das sich ändernde Leben führen. Es ist ein Buch über Erinnerung und Zukunft, über die Vergänglichkeit des Seins. Es ist ein Buch in einer poetisch-eigenwilligen Sprache geschrieben, das nicht chronologisch und teilweise assoziativ von Episode zu Episode springt. Es regt zum Nachdenken an, lässt ab und an innehalten, stocken, sich auch mal wundern.

 

Fazit:
Ein Buch über das Leben, die Erinnerung und das Erwachsenwerden. Sprachlich poetisch und eigenwillig. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Michael Stavaric
Michael Stavaric, 1972 in Brno geboren, lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer, Kolumnist und Kritiker in Wien. Er veröffentlichte u. a. die Romane stillborn (2006), Terminifera (2007) und Magma (2008), die Kinderbücher Gaggalagu (2006) und Biebu (2008) und den Essay „Europa – Eine Litanei“ (2005). Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und Stipendien für seine Werke, zuletzt den „Förderungspreis der Stadt Wien“, den „Adelbert von Chamisso-Förderpreis“ und das „Projektstipendium des österreichischen Bundesministeriums für Kultur“.

Ein Interview mit dem Autor findet sich hier: Michael Stavaric – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
StavaricBrenntageGebundene Ausgabe: 232 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (20. Januar 2011)
ISBN-Nr.: 978-3406612657
Preis: EUR  18.95 / CHF 28.70

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Sophie und Otto Bentwood leben eine Ehe, wie sie wohl nicht unüblich ist für ein gutbürgerliches Paar in New York. Er Anwalt, Hauptverdiener, sie Drehbuchautorin und Übersetzerin, allerdings seit einiger Zeit eher lustlos in ihrem Tun, bestreiten sie mehr neben- denn miteinander ihren geordneten Alltag, bis Sophie eines Tages von einer streunenden Katze gebissen wird. Ein eigentlich unbedeutendes Ereignis, das eine Wende einzuläuten scheint.

Plötzlich, ausgezehrt von der nervösen Erregung, die sie für einen Augenblick ihre Müdigkeit und die eintönige Stumpfheit dieses frühen Morgens hatte vergessen lassen, vergrub sie ihr Gesicht am Bettrand. Otto begann etwas apathisch ihren Rücken unter dem Nachthemd zu streicheln. Sie war dankbar, dass sie nicht gestritten hatten – ihr fehlte die Energie dazu – , aber gleich hinter ihrer Dankbarkeit türmte sich eine düstere Enttäuschung auf. […]Eine Träne kullerte ihr über die Wange. Sie würde sich niemals von ihm befreien.

Ein Paar, das vordergründig alles hat, strauchelt nach und nach über die Unzulänglichkeiten im Selbst wie im Miteinander. Sophies Stimmungsschwankungen treffen auf Ottos Lebenssattheit, gesteigerte Sensibilität kämpft mit Rechenschaft und Moral.

Es war eine Belagerung im Gange – schon seit langer Zeit, aber die Belagerten selbst waren die Letzten, die sie ernst nahmen.

Paula Fox gelingt es in ihrem berühmtesten (und auch verfilmten) Roman, in einer klaren, nüchternen Sprache das Bild einer Mittelschichtsehe zu zeichnen und damit auch die Gesellschaft, in der diese Beziehung gelebt wird (oder eben nicht), zu spiegeln. Es gelingt ihr, auf eine subtile Weise die inneren Vorgänge in den äusseren Handlungen zu spiegeln, so dass die Charaktere plastisch werden, ihr Verhalten nachvollziehbar ist und man auch das nicht explizit Geschriebene implizit mitnimmt, versteht, weiterdenkt.

Ein tiefgründiger Roman, der die Seelenlandschaft zweier Menschen offenlegt, ohne dabei psychologisierend zu sein, eine packende Geschichte, die in nur drei Tagen passiert, aber einen ganzen Lebensentwurf umfasst und offenlegt.

Abgeschlossen wird das Buch mit einem Essay von Jonathan Franzen, der über seine eigenen Erfahrungen als Schriftsteller, sein Schreiben, sein Lesen, sein Leben berichtet. Er beschreibt zudem die Wirkung der Charaktere im Roman, die durch die Erzählweise von Paula Fox lebendig und lebensnah werden.

Ich kann Sophie Bentwood genau kennen und von ihr ebenso ungezwungen sprechen wie von einer guten Freundin, weil ich meine eigenen Erfahrungen mit Angst und Entfremdung in mein Bild von ihr habe einfliessen lassen.

Ein gelungener Abschluss eines grossartigen Buches.

Fazit:
Ein sprachlich gelungenes, in seiner Geschichtsführung stimmiges und inhaltlich packendes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Paula Fox
Paula Fox wurde am 22. April 1923 in New York geboren. Sie veröffentlicht zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, sechs Romane und zuletzt zwei autobiographische Bücher. Paula Fox lebt heute in New York. Von ihr erschienen sind unter anderem Der Gott der Alpträume, Was am Ende bleibt, Luisa, Ein Dorf am Meer, In fremden Kleidern, Der kälteste Winter.

 

Angaben zum Buch:
FoxEndeGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13. März 2013)
Übersetzung: Sylvia Höfer
Sonstiges: Mit einem Essay von Jonathan Franzen
ISBN-Nr.: 978-340664711643279
Preis: EUR 18.95 / CHF 28.70

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Liebe in Auszeiten

Gerhild verliebt sich in Friedrich. Das wäre nicht gar so aussergewöhnlich, wäre Friedrich nicht als „Bestie vom Schwarzwald“ bekannt und ein verurteilter Vergewaltiger und Mörder und Gerhild die Mutter eines erwachsenen Sohnes, welcher versucht, seine Mutter und deren Liebe zu verstehen.

Vielleicht wird sich der eine oder andere fragen, wie es für mich war, als ich erfuhr, dass meine Mutter diesen Mann offensichtlich liebte. Weil es doch nicht zu verstehen ist. Ein Mensch, der die Nähe eines Mörders sucht, sich in seine Arme sehnt, mit dem kann etwas nicht stimmen. Und dann handelt es sich bei diesem Menschen auch noch um die eigene Mutter. Noch dazu eine Mutter, die bis dahin jegliche Nähe gemieden hat. Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Ich war eifersüchtig.

Gerhild und Friedrich teilen die gemeinsamen Momente auf Friedrichs Freigängen. Auf diesen Ausflügen lernen sie sich kennen und lieben. Diese Liebe macht Gerhild zu einer Aussenseiterin, niemand will etwas mit einer Frau zu tun haben, die ein offensichtliches Monster liebt. Dies und auch die Kenntnis von Friedrichs Geschichte bestätigt Gerhilds Sicht, dass es die Umstände waren, die Friedrich zu dem machten, was er wurde, dass es nicht seine Schuld war. Vor allem aber erkannte sie, dass gewisse Fehler von der Gesellschaft  nie verziehen werden.

Sie ärgerte sich über die Verlogenheit. Sie sprachen von Resozialisierung, in Wirklichkeit ging es ums Wegschliessen, am besten für immer. Das nannte sich dann Sicherheitsverwahrung. Was hinter den Gefängnismauern geschah, interessierte die Gesellschaft nicht.

Eine eindringliche Geschichte erzählt von Gerhilds Sohn. Stimmig aufgebaut, flüssig erzählt, vom Erzählfluss her still und doch mitreissend. Ljubic gelingt es, die Psychologie einer ungewöhnlichen und auch unakzeptierten Liebe zu erzählen, ohne dabei psychologisierend zu wirken, der Verzicht auf Innenansichten und tiefschürfende Analysen lässt dem Leser die Möglichkeit, sich selber in die Figuren einzufühlen, die sich in ihrem Tun und Sein offenbaren.

 

Fazit:
Ein eindringlicher, psychologischer, tiefgründiger Roman. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Nicol Ljubić
Nicol Ljubić, 1971 in Zagreb geboren, wuchs in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet als freier Journalist und Autor. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis. 2010 erschien mit ›Meeresstille‹ sein zweiter Roman, für den er 2011 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis sowie den Verdi-Literaturpreis erhielt. Zuletzt gab er die Anthologie ›Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit‹ heraus. Nicol Ljubić lebt in Berlin.

 

ljubicAlswäreAngaben zum Buch:
Broschiert: 224 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Februar 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423142892
Preis: EUR  9.90 / CHF 16.90

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Eine gerechte Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der das Zusammenleben der Menschen in den wesentlichen Hinsichten durch gerechte Normen geregelt ist. Und gerechte Normen für das Zusammenleben der Menschen […sind] solche Normen, auf die sich rational eingestellte Menschen insofern einigen können, als sie bereit sind, sich sowohl mit den Vorteilen dieser Normen für sich selbst zufrieden zu geben als auch mit den Vorteil dieser Normen für ihre Mitmenschen (und damit den möglichen Nachteilen für sich selbst) abzufinden.

Wenn man bedenkt, dass schon die Frage, was Gerechtigkeit überhaupt sei, ganze Bibliotheken füllt, ist die Frage, was eine gerechte Gesellschaft sei, weit gegriffen für den doch schmalen Umfang des vorliegenden Buchs. Norbert Hoerster bezieht das Wort „gerecht“ auf menschliches Verhalten in Bezug auf andere Menschen. Menschliche Handlungen wiederum beruhen oft auf staatlich erlassenen Gesetzen oder normenübergreifenden Prinzipien, welche wiederum auf ihre Gerechtigkeit zu prüfen sind.

Damit Menschen die Voraussetzung für ein zufriedenes Leben haben, bedarf es einer Grundgerechtigkeit, welche aus den Grundrechten resultiert. Hoerster benennt hier Abwehrrechte (in Berufung auf Nozick), welche den Schutz des Lebens, der Unversehrtheit, der Freiheit und des Eigentums betreffen, und Anspruchsrechte, welche darauf zielen, allen Menschen im Zuge ihrer Fähigkeiten ein sinnvolles Leben zu ermöglichen durch Ausbildung, Erziehung und Unterstützung bei unfreiwilliger Armut.

Einen grossen Teil des Buches widmet Hoerster Rawls Gerechtigkeitstheorie, die er im Hinblick den Begriff der Gleichstellung zusammenfasst. Es folgt ein Kapitel über das Eigentum und dessen Grenzen, an welches sich die Frage nach dem Staat – was er ist und wann er gerecht sei – anschliesst. Die Steuergerechtigkeit nimmt dabei eine zentrale Stellung ein. Alle Themen werden mit anschaulichen Beispielen verständlich dargelegt und im Hinblick auf die Gerechtigkeit durchdacht.

Den Abschluss macht ein Resümee, das weniger das Buch zusammenfasst als Hoersters persönliche Position darlegt, untermalt mit aktuellen Beispielen. Was ist eine gerechte Gesellschaft? ist weder eine umfassende noch eine wirklich in die Tiefe gehende Studie der Titelfrage. Das wäre vom Umfang nicht möglich und die behandelten Themen sind zu punktuell ausgewählt. Nichtsdestotrotz regt es zum Nachdenken an, legt Grundsteine zum weiteren Vertiefen und verweist in der Bibliographie auf eine breit gefächerte Auswahl an Literatur, die das weitere Studium ermöglicht.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

Zum Autor
Norbert Hoerster, geb. 1937, lehrte von 1974 bis 1998 als Professor Rechts- und Sozialphilosophie an der Universität Mainz. Von ihm erschienen sind u.a.: Haben Tiere eine Würde? (2004); Die Frage nach Gott (32010); Was ist Recht? (2006); Was können wir wissen? (2010); Muss Strafe sein? (2012).

HoersterGesellschaftAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 144 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 26. August 2013
ISBN: 978-3406652936
Preis: EUR: 12.95 ; CHF 21.90

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Es gibt Tage, da hadere ich. Denke, was ich alles aus meinem Leben hätte machen können, sehe erfolgreiche Menschen, reiche Menschen, berühmte Menschen und dann mich. Denke, was ich hätte anders machen können und müssen, um vielleicht auch einen Weg einschlagen zu können, der mehr Reichtum, mehr Anerkennung, mehr Status gebracht hätte.

So zu denken taugt nicht dazu, sich gut zu fühlen, im Gegenteil, es zieht runter. Man sieht all das, was man nicht hat, sehnt sich an Orte, an denen man ist und vielleicht auch nie sein wird. Man hadert mit Wegen, die man gegangen ist aufgrund von Entscheidungen, die man getroffen hat. Damals hatte man Gründe für die Entscheidungen, heute sieht man nur noch das Ziel, die man so erreichte.

Wenn der erste Sturm der Aufregung vorbei ist, frage ich mich jeweils: Wo möchte ich gerade jetzt lieber sein als da, wo ich bin? Was möchte ich lieber tun als das, was ich tue? Und meistens komme ich dann zum Schluss, dass das, was ich tue, genau dem entspricht, was ich tun will (ausser wenn es grad ganz schlimm die Steuererklärung oder das Bad putzen ist). Ich komme zum Schluss, dass da, wo ich bin, der Ort ist, an dem ich sein will – wäre es anders, könnte ich es ändern und habe das in der Vergangenheit auch einige Male getan – oder eben gelassen.

Ich war in meinem Leben meistens in der wirklich glücklichen Lage, sehr frei entscheiden zu können, was ich tun will, womit ich mein Leben füllen möchte. Es gab kaum Grenzen, gab wenige Einschränkungen und wenn, dann keine, die ich hätte durchbrechen wollen. Ich war nie reich, auch nie berühmt, ich habe weder Status noch sonstige hochtrabenden Dinge, trotzdem habe ich das ganz grosse Glück, genau das tun zu können, was ich tun will. Und dabei erfahre ich von verschiedenen Seiten immer wieder wunderbare Reaktionen, teilweise von unerwarteter Seite Unterstützung, oft von ganz vielen Stellen Rückhalt, Zuspruch.

Wenn ich heute zurück schaue, habe ich viele verschiedene Dinge im Leben ausprobiert und auch durchgezogen und alle zusammen haben dahin geführt, wo ich heute bin. Mein Leben ist breit, ge- und erfüllt von den Dingen, die ich liebe. Ich habe im Yoga etwas gefunden, das ich als meinen Lebensweg anschaue, den ich weiter gehen, tiefer erforschen und daran wachsen kann. Die Philosophie begleitet mich dabei, ist sie einerseits Teil des Weges, andererseits auch Methode, den Dingen immer wieder neu auf den Grund zu gehen, sie nicht einfach hinzunehmen, sondern auf ihre Wirklichkeit hin zu prüfen. Die Literatur bringt Leichtigkeit, Kreativität und Spielerei ins Leben, lässt Geschichten entstehen, Welten sich entwickeln und neue Horizonte wachsen.

Alles in allem ist es einfach: Mein Leben. Und es ist gut, wie es ist. Es ist unbezahlbar.

Vom Verlust eines Bruders oder einer Schwester durch Suizid

Das Leben geht weiter – aber wie?

„Ich nehme mir jedes Jahr an ihrem Todestag frei, das weiss mittlerweile auch mein Arbeitgeber. Das ist mein Ritual, es ist mein Tag, es ist ihr Tag. Dann setze ich sie wieder auf den Olymp.“

Wenn sich jemand das Leben nimmt, bleiben Menschen zurück. Familie, Freunde, Bekannte. Vor allem auf Familien hat Suizid eine enorme Wirkung, er reisst eine Lücke in ein System, das sich nachher neu organisieren muss. Eltern und Geschwister müssen mit dem Verlust, ihrer Trauer und der Frage nach dem Warum, die oft von Schuldgefühlen begleitet ist, umgehen.

Samira Zingaro befasst sich in ihrem Buch „Sorge dich nicht!“ mit der Situation der Geschwister nach einem Suizid. Wie trauern sie, was geht in ihnen vor, wie geht ihr Leben nach so einem Verlust weiter?

„Hinterher ertrage ich es manchmal fast nicht, dass ich so naiv war und annahm, dass er einen Weg aus seiner Krise finden würde. Ich hätte nicht gedacht, dass er so weit gehen würde.“

Das Buch vereint verschiedene Porträts von Geschwistern, die nach den Suizid ihres Bruders oder ihrer Schwester ihr Leben weiter führen mussten. Zingaro traf diese Geschwister teilweise über einen längeren Zeitraum, sprach mit ihnen, hörte ihnen zu. Entstanden sind sieben Geschichten, die sich alle voneinander unterscheiden. Sie zeigen, dass Trauer unterschiedlich ist und der Umgang mit dem Tod ebenso. Sie zeigen auch, dass Suizid auch heute noch ein Tabuthema ist, mit dem sich die Menschen schwer tun.
Abgerundet wird das Buch durch ein Interview mit Ebo Aebischer-Crettol, dem Pionier der Internet-Seelsorge, und dem Psychiater Thomas Reisch, seit Jahren zum Thema Suizid forschend, welche ihre Erfahrung mit dem Thema Suizid darlegen.

Fazit:
Sachlich, auf den Punkt gebracht. mit dem nötigen Feingefühl und viel Offenheit geht Zingaro ein sensibles Thema an. Empfehlenswerte Lektüre.

Zum Autor
Samira Zingaro (1980) studierte Medien- und Religionswissenschaften an der Universität Fribourg. Sie war als Journalistin für verschiedene Printmedien tätig und arbeitet seit 2011 fürs Schweizer Fernsehen.

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier

ZingaroSorgeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 172 Seiten
Verlag: rüffer & rub Sachbuchverlag (11. Oktober 2013)
Preis: EUR 28.80 ; CHF 38.90

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Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Das impliziert, dass man lacht, obwohl es einem nicht gut geht. Trotzdem. Es klingt, als ob das gut ist so, gewollt.

„Niemand will dich weinen sehen, also lache, sonst stehst du alleine da. „

Diesen Rat erhielt ich als kleines Mädchen. Menschen wollen keine Probleme, die hätten sie schon selber, sie wollten Menschen, die feiern, fröhlich sind, positiv. Und wahrlich: Tauchen Probleme auf, reduzieren sich die Freunde oft. Man hört und sieht es überall.

Spass muss sein.

Muss er? Immer? Ist Ernst überholt? Antiquiert? Langweilig? Borniert? Sicher wohl abgelehnt.

Heute kann man alles durch den Kakao ziehen. Wer nicht lacht, hat den Witz nicht begriffen oder ist einfach zu steif. Humor kennt keine Grenzen und wo sie doch sind, werden sie gebrochen und die Brechenden fühlen sich als grosse Pioniere. Alle düsteren Themen werden plötzlich der Spasskultur anheim gegeben.

Szenenwechsel

Krieg, Unfrieden, Streitereien, Anonymität, Skrupellosigkeit, Unmenschlichkeit, Intoleranz. Ein paar Stichworte, die in der heutigen Gesellschaft häufig zu hören sind. Es gäbe derselben noch viele mehr. Keiner hört hin, keiner fühlt mit, jeder ist sich selbst der nächste, jeder schaut auf seinen Profit. Die Stimmen werden laut, man müsse wieder mehr für ein Miteinander einstehen, müsse wieder mehr am Leid der anderen teilnehmen, könne sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.

Kinder sterben, Alte verhungern, Kranke serbeln dahin. Nahrung fehlt, Geld fehlt, Würde fehlt. Wir sehen im Internet, TV und in Magazinen Bildern von Zerstörung, von Leid, von Tod. Wir blättern um, zappen weiter, klicken uns zur nächsten Seite. Unbeirrt,  nicht betroffen.

Wir seien abgebrüht, heisst es, wir seien abgestumpft durch die Überflutung durch Informationen. Unser Hirn müsse sich schützen, um nicht unterzugehen, es könne nur noch die wirklich wichtigen Dinge annehmen und darauf reagieren. Die Hürden werden höher gesetzt, es braucht immer noch mehr Blut, noch mehr Leid, noch mehr Gewalt, um etwas auszulösen.

Szenenwechsel

Ein Unglück passiert und man hört davon. Was nun?

Humor ist, wenn man trotzdem lacht?

Einfach mal einen Witz machen, wer nicht lacht ist selber doof? Oder war das Unglück nur ein Witz? Man war ja nicht dabei… Würde man nun in Tränen ausbrechen, stünde man schön blöd da… Augen zu und durch, als hätte man nichts gesehen. Damit wahrt man das Gesicht und sollte was sein, kümmert sich sicher ein anderer… und war es was, macht sicher bald jemand einen Witz darüber und man kann noch zünftig lachen, um zu zeigen, dass man voll up to date und mit Humor gesegnet ist.

Ich könnte nun schreiben, dass es dieser Welt gut tun würde, wenn die Menschen wieder achtsamer mit sich umgehen, dass sie sich überlegen, wem gewisse Witze wirklich etwas bringen und ob sie nicht nur einfach deplatziert, weil auf dem Leid vieler Menschen aufgebaut sind. Ich könnte mir wünschen, dass Worte bewusster gewählt und Gefühle tiefer gespürt würden, könnte hoffen, dass das Mitgefühl wieder vermehrt Einzug hielte und man auch nach all den grässlichen Bildern überall nicht aufhören könnte, zu trauern, wenn Unrecht und Leid passieren. Ob das jemand lesen wollte?

Alfred Döblin wird am 10. August 1878 in Stettin in eine bürgerliche jüdische Familie hineingeboren. Der Vater, durch die frühe Verheiratung mit Alfreds Mutter nicht wirklich glücklich in dieser Ehe, wendet sich einer jüngeren Frau zu und verlässt seine Familie, indem er mit seiner neuen Liebe nach Amerika geht. Alfred zieht mit seiner Mutter nach Berlin, macht da 1900 sein Abitur und beginnt danach mit dem Studium der Medizin und der Philosophie. Er promoviert beim Psychiater Alfred Erich Hoche zum Thema der Gedächtnisstörungen  bei der Kosakoffschen Psychose und strebt eigentlich eine wissenschaftliche Laufbahn an, was ihm aber – vermutlich aufgrund seines Judentums – versagt bleibt. Neben seinem Studium und auch später schreibt Döblin immer mehr oder weniger fleissig, veröffentlicht Artikel in der mit Herwarth Walden gegründeten Zeitschrift Sturm sowie einen Roman (Der schwarze Vorhang).

Döblin arbeitet nach der Promotion in verschiedenen Irrenanstalten und Krankenhäusern und lässt sich nach seiner Heirat mit Erna Reiss, Tochter eines wohlhabenden jüdischen Fabrikanten, in Berlin als Arzt nieder – ein Schritt, der ihn nicht wirklich freut.

Nicht freiwillig. Ich hatte geheiratet, darum durfte ich nicht bleiben.

Die Selbständigkeit ist ihm eher unangenehm, er vermisst die Geborgenheit des Angestelltenverhältnisses. Er beginnt wieder vermehrt zu schreiben.

1911 musste er in die mich erst fürchterlich abstossende Tagespraxis. Von da ab Durchbruch oder Ausbruch literarischer Produktivität.

Im ersten Weltkrieg meldet sich Alfred Döblin freiwillig zum Kriegsdienst und arbeitet fortan als Zivilarzt der Infanteriekaserne in Saargmünd, Elsass.  Noch während des Krieges beginnt er mit der Arbeit an seinem Wallenstein. Auch in diese Zeit fallen viele Artikel, teilweise unter dem Pseudonym Linke Poot. Seine Schriften zeugen von gesellschaftskritischen Ansätzen, er zeichnet das Bild Berlins zur Weimarer Zeit. 1925 ist Döblin Mitbegründer einer Gruppe linksgerichteter Schriftsteller, die sich Gruppe 1925 nennt.

Nachdem ihm sein Judentum schon die wissenschaftliche Karriere verunmöglicht hat, wird die Lage in Berlin in den folgenden Jahren immer angespannter. 1933 flieht Döblin mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten zuerst nach Zürich, dann nach Paris und übernimmt da die französische Staatsbürgerschaft. Nach Döblins anfänglicher Arbeit für das Propagandaministerium führt der Weg der Familie Döblin über Südfrankreich und Lissabon über den Teich in die USA. Trotzdem er sich da in guter Gesellschaft mit anderen Emigranten befindet, tut er sich schwer mit der Eingewöhnung und fühlt sich fremd. Er ist denn auch einer der ersten Rückkehrer nach Europa, am 15. Oktober 1945 erreicht die Familie Döblin Paris und später Deutschland.

Zurück in der alten Heimat ist Alfred Döblin Herausgeber der Zeitschrift Das Goldene Tor sowie Mitbegründer und Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Döblin kann sich allerdings mit dem Klima in Deutschland nicht mehr anfreunden, er ist enttäuscht über die politische Restauration der Nachkriegszeit. Nachdem auch sein Revolutionsroman November 1918, welcher die Berliner Märzkämpfe thematisiert, wenig erfolgreich ist, emigriert er nach Frankreich. Seine Parkinsonkrankheit nötigt ihn zu wiederholten Aufenthalten in Sanatorien und Kliniken im Schwarzwald. Er stirbt am 26. Juni 1957 in Emmendingen. Seine Frau Erna folgt ihm am 14. September 1957 durch Suizid in den Tod.

Alfred Döblins Werk

Der bekannteste von Döblins Romanen ist sicherlich Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf, welcher zwischen 1927 und 1929 entstanden ist. Der Roman stellt einen der ersten und bedeutendsten Grossstadtromane dar und behandelt die Geschichte eines einstmaligen Berliner Transportarbeiters. Der kleine Arbeiter lässt sich von dunklen und nicht fassbaren Kräften  in der ständischen Abhängigkeit halten, befreit sich dann, indem er das alte Ich abstreift und sich auf die eigene Vernunft besinnt. Seinen Anspruch, im anrüchigen Berlin zwischen Zuhälterei, Flittermoral und Verbrechertum anständig zu bleiben, hält nicht lange an, immer wieder vertraut er auf die falschen Leute und so schält sich das Leitmotiv des Romans schnell heraus:

verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen verlässt.

Döblin ist mit diesem Roman eine herausragende Milieustudie gelungen, er besticht durch expressive Sprachgestaltung und spiegelt einen neuen Naturalismus wieder. In einer Art Montagetechnik zeichnet Döblin ein Miteinander von pausenlosen Monologen und assoziativen Bildern und Vorstellungen. Indem Döblin Biberkopf als typischen Mitläufer zeichnet, nimmt er ahnungslos den bald schon sich dem Nationalsozialismus unterwerfenden Menschentypus der kommenden Jahre vorweg.

Neben Berlin Alexanderplatz hat Alfred Döblin verschiedene Romane und Erzählungen veröffentlicht, die in ihrem Erfolg allerdings weit hinter dem Grossstadtroman zurückblieben.  In allen seinen Werken besticht Döblin durch eine Unmittelbarkeit, Gegenständlichkeit und Sachlichkeit. Döblin will die objektive Realität darstellen.

Sachlich sein; jedes Ding seine besondere Sachlichkeit, Zweckmässigkeit, nichts von aussen anbringen und ankleben.

Immer wieder entzündet sich Döblins Denken an den Polen Natur und Gesellschaft, er stellt einerseits den Determinismus und Monismus der Naturwissenschaften dem positiv gesetzten Recht des Machtstaates und der Klassengesellschaft gegenüber und widmet sich schon früh den kritischen Fragen der Gesellschaft. Er vertritt dabei die von Marx stammende Erkenntnis:

Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein,  sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.

Immer wieder reibt sich Döblin an den Gegensätzen Natur und Gesellschaft, sucht nach Lösungen und Antworten auf die Fragen, ob Weltsucht oder Entsagung, Aktion oder ruhige Betrachtung und Akzeptanz des Gegebenen die Lösung für ein Auskommen von Individuum und Gesellschaft seien,  und kommt zum resignierten Bekenntnis:

der eigentliche Prozess der Bestimmung und Feststellung erfolgte im Schreiben selbst. Das eigentümliche, Bittere, fatale ist dann: Jedes Buch endet (für mich) mit einem Fragezeichen. Jedes Buch wirft am Ende dem nächsten Buch den Ball zu.