Werk und Schöpfer

Oft hörte ich: Den Künstler lese oder höre ich nicht, dessen Bilder schau ich mir nicht an – weil: Er war menschlich, politisch, ethisch auf einer Linie, die meiner nicht entspricht, oder er ist gar so untragbar ist, dass man den Menschen mit allem, was er hervorbrachte, ignorieren müsste.

Die Frage, die sich mir hier stellt, ist: Kann man den Faden so spinnen in der Kunst – und generell? Ist jemand, der auf einer – oder mehreren – Ebene(n) daneben griff, auf allen Ebenen und absolut zu verdammen? Kann jemand, nur weil er irgendwo falsch lag, nicht irgendwo auch richtig liegen? Was ist der richtige Umgang mit Menschen, die sich menschlich oder ethisch disqualifizieren? Was ist der richtige Umgang mit dem, was sie sagen, tun, schaffen?

Zum Beispiel
Michael Jackson. Ein Meilenstein der Popmusik. Kaum einer kennt den Namen nicht, gewisse Lieder haben sich so eigebrannt, dass man beim ersten Takt weiss, was es ist. Aber – bei aller musikalischen Leistung – es gab eine dunkle Seite. Immer wieder kamen Gerüchte auf, er sei pädophil. Die (juristische) Gewissheit gab es nie, die Gerüchte und Fakten reichten aber, den Verdacht als begründet zu sehen in der Allgemeinheit. Was macht das mit seinem Werk? Darf man das noch hören? Ist Thriller plötzlich weniger gut?

Ein weiteres Beispiel
Ezra Pound – Wegbereiter der modernen Lyrik und Faschist. „Muss“ man ihn lesen, weil er lyrisch etwas zu bieten hat, weil er ein Meilenstein der Literaturgeschichte ist, oder sollte man ihn meiden, weil er ein Gedankengut vertrat, das nicht zu vertreten ist?

Noch ein Beispiel gefällig?
Was ist mit Heidegger? Ein Nazi? Sind seine Texte zum Denken, seine klaren Analysen zur Zeit und zum Sein hinfällig, weil er der falschen Ideologie anhing (für eine Zeit)?

Zählt das Werk für sich oder ist es immer auf den Schöpfer begrenzt? Kann ich Michael Jacksons Musik mögen, ohne damit Pädophilie zu verharmlosen? Muss ich mich von Pound distanzieren, weil ich den Faschismus/Nationalsozialismus und alle seiner Unterstützer damit als verabscheuenswürdig erachte? Kann einer, der einer falschen Ideologie folgt, trotzdem etwas Wertvolles und Wahres sagen?

Wie geht man damit um? Jedes Werk hat einen Schöpfer und es ist von diesem durchtränkt. Durchtränkt eine Ideologie das ganze Werk oder kann daneben was blühen? Ganz unbedarft?

Ich frage.

Einbürgerung der dritten Generation – ein Streitthema

Aktuell spaltet ein Thema die Nation (die Schweiz, um genau zu sein). Sollen Menschen, die in dritter Generation in der Schweiz leben, eine vereinfachte Einbürgerung erhalten? Man halte sich das mal plastisch vor Augen:

Ernesto wandert in die Schweiz ein, ist hier Saisonarbeiter. Er heiratet, kriegt ein Kind: Ein Secondo. Wir nennen ihn Paolo. Paolo tut, was er eben tut, wir wollen das mal nicht weiter ausführen, und kriegt ein Kind: Enrico. Enrico ist die dritte Generation. Er soll nun die erleichterte Einbürgerung erhalten. Das liegt eigentlich auf der Hand, denn:

Enrico hat nie was von Italien gesehen, schon sein Vater kam hier auf die Welt (wurde wohl nie eingebürgert, man könnte sich nun fragen, wieso, tut man aber nicht). Aber: Enrico ist hier aufgewachsen (wie sein Vater), er kennt nichts anderes (ausser dem, was er zuhause erlebt).

Was ich mich frage: Was hat Enrico, was Paolo nicht hatte? Wieso wurde Paolo nicht eingebürgert? Er lebte schliesslich sein ganzes Leben hier und kriegte hier ein Kind. Was sind sachliche Gründe für die Erleichterung bei einem Menschen, der in der dritten Generation hier ist, gegenüber einem, der als Secondo hier war?

Menschen sind vielschichtig. Eine der Schichten wird sicher durch die Herkunft und durch die Kultur geprägt. Eine andere durch den Umgang. Ganz vieles ist… irgendwie diffus. Gerade in den Jahren der Pubertät. Da zählen Peergroups. Auf die haben Eltern kaum mehr Einfluss.

Wir versuchen nun aber, aus der Einbürgerungsfrage eine Rechenaufgabe zu machen. Gesetz ist immer Abstraktion, das ist mir klar. Nur so kann eine Norm haften, die auf den Allgemeinfall angewendet werden können muss. Nur: Ob man das an Generationen festmachen kann? Ich bezweifle.

Wir leben in der Schweiz in einem Land, das seine Grundsätze und Normen hat. Wir haben Gesetze und leben in einem Rechtsstaat. Dasselbe gilt für viele andere Länder rund um uns. Wäre nicht das einzig relevante Kriterium, dass sich einer, der hier sein will, an diese Normen, Grundsätze und Regeln hält? Geht es wirklich um eine Generationenfrage? Ist der Nachkömmling eines schwerkriminellen Secondos besser geeignet als ein dankbarer Flüchtling in erster Generation?

Ich bin nach wie vor der Meinung. Wer Hilfe braucht, soll kommen dürfen und soll Hilfe erhalten. Immer! Wer unsere Rechte missachtet, war der Hilfe wohl nicht wert. Der soll auch wieder gehen, um denen Platz zu schaffen, die sie suchen und annehmen. Das aber an Generationen festzumachen und es zu einem mathematischen Problem verkommen zu lassen, widerstrebt einem Philosophen wie mir.

Wir müssen helfen. Alle, denen es gut geht, stehen in der Pflicht. Das gebührt der Menschlichkeit. Wer diese ausnutzt, ist sie nicht wert. Für den Rest müssen wir einstehen. Denn: Wir haben schwarze Schafe auch in den eigenen Reihen, wir können die anderen nicht härter angehen. Mensch ist Mensch – egal, woher er kommt.

Wem muss ich genügen?

Das Leben ist kein Ponyhof. Ich denke, die meisten Menschen können das unterschreiben. Vielleicht gibt es einige, bei denen alles im Rosa-Brillen-Bereich bewegt. Ich gönne es ihnen. ich denke aber nicht, dass es die Mehrheit ist. Die Kriterien, die ausschlaggebend sind, sind schwer zu definieren. Geld kann es nicht sein, denn die meisten der Meistverdienenden sind ständig in den Schlagzeilen, weil sie sich in ihrem Unglück in irgendwelche Abgründe stürzten . Die ohne Geld sind in den Medien, weil sie – um an Geld zu kommen – etwas wagten, das schief ging. So suchen wohl alle ihren Weg. In diesem Leben.

Wenn wir leben, treffen wir immer wieder auf Erwartungen. Wir wollen ihnen genügen. Weil wir denken, es zu müssen. Wir wollen gute Kinder sein, drum gehen wir zu Familienessen – grad an Weihnachten stehen einige an. Wir wollen gute Partner sein, drum lassen wir uns auf Dinge ein, die uns nicht entsprechen. Wir rechtfertigen es mit „jeder muss Kompromisse eingehen“. Wir wollen gute Bürger sein. Drum gehen wir wählen. Wenn nicht schimpfe wir hinterher, wieso die Demokratie zugrunde geht.

Wir wollen so viel sein. Weil wir denken, es sein zu müssen. Doch: Was sind wir wirklich? Können wir die Welt retten? Ein aktuelles Lied will es beschwören – oder eben grad entlarven. Wir singen mit und retten weiter. Wir werden die Welt nicht retten können. Wir können auch den Schein nicht endlos wahren. Ja, wir leben dieses Leben. Und oft lebt das Leben uns. Und wir machen mit. Weil wir müssen. Wir hadern, opponieren. Dann atmen wir durch und laufen stramm. Was wäre die Alternative?

Wir können nicht allen genügen. Es ist – gerade durch die Omnipräsenz des weltweiten Leids – zuviel. Und doch fühlen wir uns in der Pflicht. Man kann ja nicht wegsehen. Man muss ja helfen. Was für ein Ignorant wäre man sonst. Was für ein herzloser Mensch? Nur: Meist haben wir das Leid er Welt nicht mitverursacht. Wir wurden nur in diese Welt geboren. Wir können sie nicht retten.

Ich plädiere nicht zur Gefühlslosigkeit. Das Leben ist ungerecht, es ist hart. Global eh, aber auch sonst. Nur hilft es niemandem, wenn wir uns aufopfern, um den umgefallen Sack Reis in China aufzurichten, wenn wir selber am Boden liegen. Ich denke nach wie vor, dass es wichtig wäre, bei sich zu bleiben. Stehe ich? Dann kann ich Halt sein. Für mein Umfeld. Steht das? Kann es halt sein. Für sein Umfeld. Und so ginge es weiter. Das ist kein Egoismus. Das ist realistische und von Menschenverstand geprägte Überlebenspraxis. Am Schluss hilft nur die. Würde jeder mitmachen, wären alle sicher. Wieso nicht mal anfangen? Bei sich?

Rezension: Dietmar von der Pfordten: Menschenwürde

Menschenwürde – in aller Munde und doch schwer greifbar

Der erste Grundsatz in den Grundgesetzen vieler Menschen lautet (so oder ähnlich):

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Dieser Grundsatz stellt die Menschenwürde aufs Podest der Werte und Bestimmungen, alles andere erscheint nachrangig, wichtig ist, dass die Menschenwürde bewahrt wird in allem Tun und Erleben. Diese Sicht ist allerdings, schaut man auf den Lauf der Geschichte, eher neu, bis vor einigen Jahrzehnten war von Menschenwürde kaum je die Rede, zumindest nicht im alltäglichen Leben, aber auch sonst nicht in dieser Gewichtung.

Dietmar von der Pfordten geht im vorliegenden Buch zur Menschenwürde dem Begriff nach, stellt dar, wie er historisch entstanden ist, wie er sich philosophisch entwickelt hat, wie er Einzug ins Rechtssystem gefunden hat und welches Gewicht er da hat und auch was unter dem Begriff überhaupt zu verstehen ist. Er tut das sehr fundiert,

Für die Begriffsanalyse definiert von der Pfordten Teilbereiche der Menschenwürde:

  • die Selbstbestimmung über die eigenen Belange (grosse Menschenwürde)
  • die wesentliche soziale Stellung des Menschen (kleine Menschenwürde), sowie deren natürliche und damit prinzipiell unveränderliche Gleichheit als Grenzbereich (mittlere Menschenwürde)
  • das menschenwürdige Dasein als ökonomische Bedingung der Menschenwürde

Anschliessend referiert von der Pfordten die Frage, ob auf Menschenwürde verzichtet werden kann und unter welchen Bedingungen dies der Fall wäre. Auch geht er der Frage nach, ob man, wenn man eines anderen Menschen Würde verletzt, damit automatisch seine eigene tangiert. Das abschliessende Kapitel wendet sich schliesslich aktuellen Fragen zu und setzt diese in Beziehung zur Menschenwürde. Es geht dabei um Abtreibung, Klonen, terroristische Angriffe, etc.

Menschenwürde steht in der Reihe C. H. Beck Wissen, welche immer für kurze, fundierte Einführungen in relevante Themen steht. Das ist auch im vorliegenden Fall hervorragend gelungen, bietet von der Pfordten doch eine sachlich kompetente, inhaltlich fundierte, stringente Einführung zum Thema Menschenwürde.

Fazit
Eine sehr gute, fundierte und informative Einführung in ein wichtiges Thema unserer Zeit. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor:
Dietmar von der Pfordten ist seit 2002 Professor für Rechts- und Sozialphilosophie an der Georg-August-Universität Göttingen und dort Direktor der Abteilung für Rechts- und Sozialphilosophie. Vorher war er seit 1999 Professor für Rechts- und Sozialphilosophie an der Universität Erfurt. Seit 2001 ist er Mitglied der Thüringer Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt und Mitglied der Kommission der Bundesregierung zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz

Angaben zum Buch:
vonderPfordtenMenschenwürdeTaschenbuch: 128 Seiten
Verlag: JC. H. Beck Verlag (10. Februar 2016)
ISBN: 978-3406688379
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 12.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Patrick Schuchter: Sich einen Begriff vom Leiden Anderer machen

Eine Praktische Philosophie der Sorge

Philosophie als Lebenspraxis

Es gibt im Leben philosophische Momente, die uns über das Alltagsgeschäft und unsere eingespielten Wahrnehmungsroutinen erheben. Möglicherweise hängt manchmal im Leben alles davon ab, ob wir es verstehen, die in solchen Momenten aufleuchtende Weisheit ernst zu nehmen und sie für unser tägliches Leben und Arbeite zu nutzen.

Auf der Basis eigener Lebenserfahrung im Pflegebereich und Leseerfahrungen in der Philosophie will uns Patrick Schuchter eine Abhandlung über eine Ethik der Sorge, verstanden als lebenspraktische Anleitung und nicht als wissenschaftliche Abhandlung vorlegen. Nach einer Analyse des Begriffs „Sorge“ erzählt Schuchter die Geschichte der legendären Krankenschwester Florence Nightingale und arbeitet an ihrem Beispiel weitere Punkte der Sorge aus verschiedenen Blickwinkeln heraus, sei es die Religion, sei es auch das Frauenbild oder das Verhältnis zwischen praktischer Pflegearbeit und Theorie der Sorge.

Danach wendet er sich der Philosophie zu, bei welcher er sich hauptsächlich auf die hellenistische bezieht, diese kurz in der Zeit verortet als Ganzes, ihre einzelnen Richtungen und Philosophen vorstellt, um dann ihre Aussagen zum Bereich Sorge herauszuarbeiten. Auffallend ist, dass sich alle Philosophen grundsätzlich mit der Selbstsorge beschäftigen, nicht mit der Fürsorge. Es geht ihnen in erster Linie also darum, dass der Mensch sich selber erkennen und sich um sich kümmern soll. Allerdings kann Schuchter den Bogen von der Selbst- zur Fürsorge schlagen, indem er aufzeigt, dass diese Selbstsorge dem Gemeinwohl dient, also im Endeffekt die Basis für eine Fürsorge sein muss.

Der Apell an die Selbstsorge ist also als ein Weckruf zu sehen, sich nicht um äusserliche Güter wie Macht, Reichtum oder Ansehen zu kümmern, sondern um die Schönheit und Tugend der Seele, um die Pflege der moralischen Werte

Patrick Schuchter liefert in diesem Buch auf der Grundlage einer breiten und fundierten Begriffsanalyse der Sorge unter Zuhilfenahme hellenistischer Philosophie eine Ethik der Sorge, welche Impulse für eine philosophische Praxis und Lebenskunst bereitstellen kann.

Das Buch ist sehr komplex, sehr dicht, oft etwas überladen und ausschweifend, verschiedene Kapitel hätten ohne Verlust kürzer und stringenter geschrieben werden. Die Verwendung einer politisch korrekten feministischen Schreibweise kann den Sprachliebhaber etwas stören, die Ersetzung von „man“ durch „frau“ wirkt eher bemühend als frauenfreundlich. Zudem ist das Bemühen nicht konsequent verfolgt worden, heisst es doch im Buch dann „der Philosophierende“. Dies aber nur noch eine Sprach- keine Inhaltskritik. 

Fazit
Ein komplexes, analytisches, fundiertes Buch zur Praktischen Philosophie der Sorge. Empfehlenswert.

Zum Autor:
Patrick Schuchter
Patrick Schuchter (Dr. phil., MPH), Philosoph, Krankenpfleger, Gesundheitswissenschaftler, forscht und lehrt am Institut für Palliative Care und Organisationsethik an der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) Wien der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt | Wien Graz. Er ist in unterschiedlichen Palliative-Care- und Ethik-Projekten tätig und beschäftigt sich mit der Frage, wie Reflexionsprozesse zu existenziellen, philosophischen und ethischen Grundfragen organisiert und gestaltet werden können.

Angaben zum Buch:
schuchterbegriffleidenTaschenbuch: 390 Seiten
Verlag: transcript Verlag (18. Juli 2016)
ISBN: 978-3837635492
Preis: EUR: 39.99 ; CHF 44.50
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Der Spott der Welt über das Scheitern anderer

Aktuell lese ich überall Spott über das Ehe-Aus von Sarah und Pietro. Wie traurig ist das?Haben erwachsene Menschen nichts Besseres zu tun, als ihre Schadenfreude und ihren Spott zu feiern?

Da verliert grad ein Kind seine heile Familie (und ich höre den Spott und die Korinthenkackerei jetzt schon wieder ob dieses Begriffs) und man hat nichts Besseres zu tun, als sich ach so witzig zu fühlen? Ist das die Welt, in der ihr leben wollt? Echt jetzt?

Ich könnte sagen, ich habe es gesagt (und ja, das tat ich) – nur: Wir müssen nicht richten, wir können es selber besser machen. Ich habe so die Nase voll von all dem moralinsauren Urteilen über andere – und immer unter dem Deckmantel von Ironie, Satiere oder „es war nur witzig gemeint“.

Wir haben auf der Welt echt schlimmere Probleme als ein auseinander gehendes Pseudopromipaar. Und jeder hat wohl mit sich selber nochmals genug zu tun – eigentlich.

Rezension: Andreas Urs Sommer: Werte

Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt

Was sind Werte und wie viele gibt es?

Als ob nicht alle Worte Taschen wären, in welche bald Diess, bald Jenes, bald Mehreres auf einmal gesteckt worden ist! (Nietzsche)

Werte scheinen in aller Munde. Hört man heutigen Politikern zu, nehmen Werte einen wichtigen Platz in ihren Reden ein. Egal, ob es um die Flüchtlingsproblematik, das Bildungswesen oder Gesundheitssysteme geht – mit Werten wird die eigene Haltung gerechtfertigt und dem Volk schmackhaft gemacht, da es schliesslich die Werte des Volkes seien und man diesen verpflichtet wäre. Während wir im Alltag also ständig mit Werten konfrontiert sind und auch selber drauf bauen, erfahren sie in der Wissenschaft eine eher stiefmütterliche Behandlung.

Andreas Urs Sommer stellt im vorliegenden Buch die Frage, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir von Werten reden. Wer bestimmt sie, was beinhalten sie, was bedeuten sie für eine Gesellschaft und für das Individuum? Er geht dabei strukturiert vor, hält sich an Aristoteles’ Kategorienlehre und stellt entsprechend Fragen:

  • Was ist ein Wert?
  • Wie ist ein Wert?
  • Worauf bezieht sich ein Wert?
  • Wo braucht man ihn?
  • Was haben und tun Werte?
  • etc.

Das Buch handelt nicht davon, welche konkreten Werte wir haben oder haben sollen, sondern versucht sich in einer systematischen Begriffsanalyse dahingehend, herauszufinden, wozu Werte gut und wichtig sind, wie sie beschaffen sind und sein müssen, um in der heutigen Gesellschaft von Nutzen zu sein.

Ein Exkurs des Buches setzt sich mit der Beziehung von Werten und Menschenrechten auseinander, ein weiterer nimmt die Tagespolitik rund um das aktuelle Flüchtlingsthema unter die Lupe. So schlägt Urs Andreas Sommer den Bogen von der theoretischen Analyse hin zur aktuellen Weltlage, wobei er das auch innerhalb der einzelnen Kapitel immer wieder anschaulich und fundiert tut.

Der Titel des Buches mag etwas sperrig klingen und Widerspruch herausfordern, beruft sich aber einfach auf die zugrundeliegende These. Die Wendung, dass es Werte nicht gäbe, besagt schlussendlich nur, dass sie nicht aus sich heraus existieren, sondern vom Menschen gemacht sind.

Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt ist ein fundiertes, analytisch tiefgehendes Buch, das den Begriff des Wertes von allen Seiten betrachtet und versucht, den Sinn und den Nutzen von Werten für den modernen Menschen in seiner Welt herauszuarbeiten. Müsste man etwas negativ anmerken, so wäre dies der oft sehr metaphorische, blumige, in Bilder abdriftende Schreibstil des Autors, der teilweise den Inhalt zu sehr überlagert und in dem Umfang den eher sachlich veranlagten Leser etwas irritieren kann.

Fazit
Ein sehr tiefgehendes, breit abgestütztes und scharfsichtiges Buch über ein Thema, das in aller Munde und trotzdem (oder deswegen?) oft vernachlässigt wird. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor:
Andreas Urs Sommer (*1972) lehrt Philosophie an der Universität Freiburg i.B. und leitet die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Einem breiteren Publikum ist er mit Zeitungs­ und Zeitschriftenartikeln sowie insbesondere mit seinen Büchern Die Kunst, selber zu denken und Lohnt es sich, ein guter Mensch zu sein? sowie Die Kunst des Zweifelns bekannt geworden.

 

Angaben zum Buch:
SommerWerteTaschenbuch: 152 Seiten
Verlag: J. B. Metzler Verlag (10. Juni 2016)
ISBN: 978-3476026491
Preis: EUR: 19.95 ; CHF 25.90

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Facebook – da traut man sich was

Kürzlich kam es auf Facebook zu einer Diskussion. Das Thema interessierte mich nicht wirklich, trotzdem habe ich (mein Fehler) irgendwann (mehr beiläufig, denn durchdacht) einen Kommentar dazu gegeben. Die selbsternannten Experten in der Sache schossen sich gleich auf mich ein, drehten mir die Worte im Mund rum, bis ich sagte, die Diskussion sei für mich hier beendet. Dies kam nicht gut an, ich fühlte mich schuldig des Diskussionsabbruchs, schob was nach, um dann zu hören:

Liebe Sandra, ich habe dich hier missbraucht, um etwas zu beweisen.

Erst wollte ich schreiben, dass dies weder logisch noch formal als Beweis qualifiziere, ich liess es, denn: Einem Menschen, der Menschen MISSBRAUCHT, um seine Wahrheiten durchzudrücken, muss ich nicht noch mehr Aufmerksamkeit geben. Besagte Person schoss noch ein paar mal gegen mich, es schien ihr wichtig, ich liess es stehen.

Kurz darauf stellte ich ein Bild einer Yogapose ins Netz. Eine FB-Freundin meinte, mir sagen zu müssen, dass das Bild eklig sei, da ich viel zu dünn sei. Ich solle das sofort löschen. Überhaupt könne man bei dem Anblick nie glauben, dass ich überhaupt je esse, was ich ab und an ins Netz stelle. Früher hätte ich mich gerechtfertigt, von vielen Stunden auf der Matte und anderen Dingen erzählt. Ich habe den Kommentar gelöscht und sie entfreundet.

Es geht mir nicht drum, dass keine Kritik sein darf. Ich kann diskutieren, gerne auch kontrovers. Aber: Ich möchte a) den Respekt gewahrt wissen und b) in den sozialen Medien eigentlich entspannen und mich nicht danach schlecht und schlechter fühlen.

Was ich mich aber frage: Ist das die Welt heute? Jeder pisst dem anderen ans Bein? Weil man es kann, weil man ja seine Meinung haben und sagen darf – egal, was dabei rauskommt, egal, wen man verletzt, egal, was man kaputt macht? Freie Meinung über allem?

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Die Meinungsäusserungsfreiheit ist wichtig und richtig und ein Grundrecht, das für mich unanfechtbar ist. Aber: Kann man damit wirklich alles rechtfertigen? Noch vor diesem Grundrecht steht nämlich:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Die Reihenfolge ist nicht beliebig, sie ist durchaus hierarchisch. Allerdings scheint das keinen mehr zu kümmern im Zeitalter der schnellen Kommentar-Klick-Online-Gesellschaft. Man schiesst munter drauf los. Ist einer verletzt? Sein Problem! Ich lebe die Meinungsäusserungsfreiheit und überhaupt: Was kümmern mich die Gefühle anderer, Hauptsache ich habe meinen Spass und bin cool. Vielleicht ist es doch kein Zufall, dass man Social Media mit SM abkürzt?

Moral – universell oder individuell?

Beim menschlichen Zusammenleben gibt es Regeln. Viele davon sind in Form von Gesetzen aufgeschrieben und damit verbindlich, einige existieren als moralische Grundsätze, die darlegen, wie man sich verhalten soll im Verband, damit es allen gut geht. Doch worauf gründen diese Grundsätze? Sind sie in uns Menschen angelegt als Kern unseres Seins? Die buddhistische Psychologie geht davon aus. Sie sagt zwar, dass dieser Kern verschüttet sein kann und wir keinen Zugang dazu haben, aber: Jeder kann sich diesen Zugang verschaffen, wenn er es will. In der westlichen Philosophie ist vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg der Glaube an eine absoolute und universell gültige Moral abhanden gekommen. Hannah Arendt erklärt den Verlust damit, dass vor dem Dritten Reich moralische Grundsätze herrschten, die während desselben in ihr Gegenteil verkehrt wurden, um danach wieder zurückzudrehen. Was Menschen in der einen Zeit gut und richtig fanden, stiessen sie in der anderen mit Füssen.

Wie entscheiden wir, was wir gut und richtig finden? Welche Instanz gibt den Ausschlag? Es ist wohl das Gewissen, das uns vor der Handlung abwägen lässt, was zu tun ist, danach richtet, was wir getan haben. Doch worauf gründet dieses Gewissen? Entsteht es durch Konventionen in der Zeit, in der wir leben, oder ist es eben wirklich Teil von unserem Wesen, als geistige, allgemein und immer gültige Grundlage? Und was passiert, wenn wir gegen unser Gewissen entscheiden?

Ein Beispiel:

Ein Mann plant eine Überraschung für seine Frau und lügt sie deswegen an, obwohl er weiss, dass sie Lügen hasst und es ihm übel nähme – egal, ob es für sie gemeint ist oder nicht. Sein Gewissen meldet sich und weiss: Das wird sie nicht toll finden, wenn sie es rausfindet. Es bestehen aber gute Chancen, dass es nicht rauskommt.

Soll sie sich nicht so haben, war ja nur gut gemeint? Sollte er ehrlich bleiben und notfalls etwas anderes machen, wenn es so nicht klappt, weil er respektiert, was sie sich wünscht und nicht dagegen handelt? Ist das Beispiel so banal, dass es eh keinen kümmert?

Ein Mann hat sich an der Börse verspekuliert und damit viel Geld verloren. Zwar brauchen die beiden das Geld nicht dringend, aber es war als Notgroschen gedacht und damit unantastbar. Seiner Frau lag viel an diesem Polster – zur Absicherung. Da die Frau sich nie um die Finanzgeschäfte kümmert, traut er sich nicht, ihr was zu sagen, zumal sie es nie rausfinden würde – käme kein solcher Notfall.

Immer noch eine Bagatelle? Ein Vertrauensbruch? Sein Gewissen sagt ihm, er hat Mist gebaut, nur: Zu ändern ist das nun nicht mehr.

In einer Ehe ist der Wurm drin. Es ist alles eingespielt, man hat sich arrangiert, aber wirklich glücklich ist man nicht mehr. Trotzdem kommt eine Trennung aus vielen Gründen nicht in Frage. Da Mann und Frau sehr unabhängige Lebensabläufe haben, merkt die Frau nicht, dass sich der Mann ab und an mit einer anderen Frau trifft. Das tut ihm gut, das macht ihn glücklich, so dass er auch mit seiner Ehe wieder besser klar kommt, da er gelassener ist. Seine Frau würde das nie gutheissen, auch wenn sie die Beruhigung im Alltag schätzt.

Akzeptabel, weil es so eigentlich allen besser geht? Ist unbedingte Ehrlichkeit höher zu schätzen als ein bisschen Zufriedenheit im Leben?

Im Buddhismus wäre die Antwort klar: Die Unwahrheit ist ein Gift, das die eigene Psyche angreift. Wirkliches Glück ist damit nicht möglich, nicht mal dauernde Zufriedenheit. Das Gewissen, so ist man sich sicher, wird einen innerlich zerfressen. Unterdrückt man es, findet es Wege, an anderen Orten für Unruhe zu sorgen und so Leid über einen zu bringen. Da man hier das Glück sowieso im Innen sucht, nie im äusseren Erlangen von Objekten der Begierde (welcher Art auch immer), wäre das Glück durch die Lüge sowieso ein eher vorübergehendes und auch illusionäres als wirklich tief empfunden.

Doch: Wie sehen wir das im Westen? Wahrheit eine Tugend, ein Prinzip, das man hochalten soll? Schulden wir das der Moral? Woher rührt diese? Sind es die Konventionen unserer (christlichen) Ethik, die uns dazu auffordern, oder aber doch etwas tief in uns, das uns aushöhlen würde, ignorierten wir es?

 

 

 

 

Medien und Moral

Es gibt wohl kaum etwas Schlimmeres, als wenn ein Kind stirbt. Schon die, welche davon Kenntnis haben, kriegen einen Stich, wie es für die Eltern sein muss, kann man sich wohl kaum vorstellen. Man kennt nur die Angst als Mutter oder Vater, es könnte so sein. Und die ist schon gross genug.

Stirbt ein Kind eines sogenannten Promi, wird das Ganze zum Ereignis, zum Happening, über das die nächsten Tage berichtet wird – erst über den Umstand an sich, danach assoziativ. Und wo berichtet wird, fallen Kommentare an. Einige wünschen den Hinterbliebenen Kraft, andere finden das doof und setzen einen Daumen nach unten (was Facebook bis heute nicht schaffte, hat die Kommentarfunktion der plakativsten Zeitung der Schweiz schon lange. Ob es gut ist? In solchen Fällen zweifelt man!). Einige finden, dass so viele Kinder sterben, wieso man so ein Brimborium um diese Promikinder macht, und Dritte haben sonst was zu mosern, wollen ihre Philosophien oder anderen Unverständlichkeiten loswerden.

An diesem Punkt ist das Kind, das nicht mehr lebt, vergessen. Es geht auch nicht mehr um die Eltern und ihr Leid. Wir sind nun schon weiter. Hier bringt sich jeder selber ins Spiel. Die Medien wittern Klickzahlen, die Kommentierenden wollen sich profilieren oder zumindest selber ins Spiel bringen.

Dass nicht über jedes Kind berichtet wird, liegt in der Natur der Sache: Die Medien erfahren selten davon. Würden sie davon erfahren, stellte sich für sie die Frage: Interessiert das die Leser? Tote Kinder sind immer ein Hingucker, da aber täglich sehr viele Kinder sterben, würden Zeitungen zu Büchern voller Berichte vom Tod. Das würde keiner mehr lesen wollen (und ertragen können). Wenn aber ein Promi betroffen ist, dann erfährt man davon und man hat mehrere Punkte, die ziehen: Ein totes Kind, einer, den man kennt und ein Thema, das man ausschlachten kann. Und das tut man dann. So lange und so weit es eben geht.

Kann man es verurteilen? Klar, man kann sagen, das sein reine Sensationshascherei, es sei Profitgier der Medien und ethisch verwerflich. Nur: Wie viele Klicks hätte ein Bericht, der einfach mal vom Leben des Promis berichtet, wie er seinen Sohn wickelt, ihm die Flasche gibt? Da würde man denken: Who cares, alles normal. Wenn nicht noch ein paar Fotos der Wohnung mit dabei wären oder sonstige Intimas: Absolut uninteressant. Stirbt das Kind aber, klickt jeder. Da wird es interessant.

Genau darauf bauen die Medien. Sie rechnen mit unserer menschlichen Neigung, mit unserer tief verwurzelten (wohl animalischen) Neugier. Wir wollen uns suhlen, wir wollen eintauchen, wir wollen im trüben fischen, wollen Abgründe sehen, wollen Emotionen geliefert kriegen. Das alltägliche Leben haben wir selber genug, gefragt sind die Ausbrüche. Und genau damit arbeiten Medien.

Ihnen einen Vorwurf zu machen, wäre eine Doppelmoral sondergleichen. Wir sind und bleiben Tiere. Wir haben Instinkte, wir haben Triebe. Wir können sie hinterfragen, wir können sie moralisch bewerten. Wir können sie zu einem gewissen Grade auch beherrschen, aber: Sie sind da. Von einem Profitunternehmen zu fordern, sie nicht mehr zu bedienen, wäre in der heutigen sehr wirtschaftslastigen Zeit wohl eher blauäugig. Man könnte bei sich selber anfangen und einfach nicht mehr draufklicken. Denn: Wenn keiner mehr klickt, stirbt – wegen mangelndem Interesse – das Interesse der Medien, solche Themen durch den Endloswolf zu drehen.

Power und Kraft? Bullshit!

Ich mag den Ausdruck „Powerfrau“ nicht. Ich mag es auch nicht, wenn mir jemand sagt, ich hätte ja so viel Kraft, sei ja so stark, wie ich alles meistere, was zu meistern ist. Das verwundert? Weil man denkt, das sei ein Lob? Ist es nicht. Es ist die Ignoranz dessen, was wirklich ist.

„Powerfrau“ und „du bist ja so stark“ implizieren immer, dass man das, was man tut, einfach so tut, weil man ja so stark ist oder so viel Power hat. Aber: Ab und an kann man nicht anders. Weil man schlicht keine Wahl hat. Das Leben ist, wie es ist. Oder aber man kann seine Ideale nicht verraten. Man kann zu viel Leid schlicht nicht mitanschauen. Ohne sich selber zu zerfleischen. Weil man denkt, man könnte was tun.

Es ist nicht Power. Es ist eine Entscheidung. Und die gesehene oder gefühlte Not. Beide führen zum Tun, das oft weitergeht, wenn Kraft und Power schon lange aufgebraucht sind. Das hat wenig zu tun mit „starker Frau“ oder „Powerfrau“, es ist eine Haltung.

Lügen und andere Wahrheiten

Heute las ich auf Facebook einen Spruch:

 Lüge keinen an, der dir vertraut.
Vertraue keinem, der dich belügt.

Er traf bei mir ins Schwarze, denn es gibt nichts, das ich mehr verabscheue als Lügen. Und ich mache wenig Unterscheidungen, worum es geht, Lüge ist Lüge. Es gibt Menschen, die zwischen weissen und schwarzen Lügen unterscheiden. Es gibt Menschen, die finden, ein körperlicher Betrug und die Lüge wiege mehr als einer auf anderen Ebenen. Ich sage nein. Denn in meinen Augen ist das Schlimme an Lügen nicht mal die Lüge an sich (wäre es so, wäre ihr Gegenstand ausschlaggebend), sondern das, was sie für die Beziehung zwischen zwei Menschen bedeutet.

Wenn einer lügt, gesteht er dem anderen das Recht nicht zu, mit der Wahrheit umzugehen. Dies entweder, weil er es ihm nicht zutraut, oder aber, weil er dessen Reaktion fürchtet. Was eine Beziehung in beiden Fällen wert ist, liegt auf der Hand: Nichts. Auf der anderen Seite steht der andere, welcher glaubt, was er hört. Irgendwann muss er merken: Es war alles eine Lüge (vielleicht auch nur ein Teil, wer weiss es so genau?). Einerseits sieht er sich beschissen vom andern, andererseits kommen nun die Selbstzweifel auf. Was erkenne ich überhaupt? Bin ich so naiv? So leicht zu täuschen?

Es gibt Aussagen, dass jeder Mensch täglich lügt. Mehrfach. So kleine Dinge wie „Die Spaghetti sind lecker!“, „Das Kleid steht dir toll!“, „Ich bin nur müde…..“ Ist das so? Ist die Wahrheit wirklich tödlich? Schnitzlers Traumnovelle verheisst nichts Gutes, denn als das Ehepaar wirklich ehrlich miteinander ist, driftet es ins Aus. Andererseits sagte bereits Thomas Mann:

 Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge.

Ich halte es mehr mit Thomas Mann (auch wenn ich Schnitzler sehr liebe und schätze, alles von ihm gelesen habe – von Thomas Mann übrigens auch). Ich mag keine Lügen. Der Gegenstand ist egal. Lüge ist Lüge. Ich kann nicht garantieren, dass ich gelassen reagiere auf die Wahrheit, die mir nicht gefällt, im Gegenteil. Ich bin sehr impulsiv und die Chance, dass das Temperament Purzelbäume schlägt, ist gross. Aber: Sollte ich die Lüge aufdecken, sind es keine Purzelbäume mehr, dann ist die Welt in Trümmern.

Wo fängt eine Lüge an? Gibt es verzeihbare Lügen? Ist Lügen nicht Respektlosigkeit dem andern gegenüber? Ist Lügen Feigheit? So oder so: Es verunmöglicht eine Beziehung auf Augenhöhe – eine andere ist in meinen Augen nicht erstrebenswert.

Worte als Vorboten der Totengräber

Eigentlich wollte ich etwas über Akif Pirincci schreiben, der unlängst an einer Pegida-Kundgebung bedauerte, dass die KZ aktuell ausser Betrieb sind. (Artikel im Spiegel). Ich wollte einen Artikel zum jüngsten Urteil in Strassburg schreiben, in welchem die Schweiz gerügt wird, weil sie einen Leugner des Völkermords an den Armeniern verurteilt hat (Artikel in der NZZ). Ich wollte das Argument, hier gehe es um Meinungsäusserungsfreiheit, widerlegen, da hier keine Meinungen verbreitet werden, sondern Stimmungsmache betrieben wird und Lügen geschützt werden.

Es werden Menschen aufgehetzt und Bedauern wird geäussert, dass kein Völkermord mehr im Gange ist. Das Bedauern könnte man als (wenn auch sehr bedenkliche) Meinung gelten lassen, aber: Völkermord ist ein Verbrechen an der Menschheit und an der Menschlichkeit, es ist ein Verbrechen, für das es keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung und schon gar keinen Grund gibt. Die Meinung, er müsste eigentlich weitergehen – was man dem Bedauern über ruhiggelegte KZ entnehmen könnte –, ist der erste Schritt zur Forderung, wieder Zustände ins Leben zu rufen, die keiner wirklich wollen kann, der einigermassen bei Sinnen ist.

Ja, ich wollte über all das schreiben, weil ich mit Schrecken sehe, dass die Welt sich aktuell in der Situation zu gefallen scheint, alles und jedes unter den Grundsatz der Meinungsäusserungsfreiheit zu stellen. Dabei kümmert es nicht, ob überhaupt Meinungen vertreten oder aber erste Gruben für ein Massengrab geschaufelt werden. Irgendwie bleiben mir dabei die Worte im Hals stecken.

Erweichen Schreckensbilder Herzen von Ignoranten?

Egal welche Onlinezeitung ich anklicke, mir springt das Bild eines kleinen toten Jungen ins Auge, der mit dem Gesicht voran im Wasser liegt. Mein erster Impuls ist: Mir wird schlecht. Mein zweiter: Ich will das nicht sehen. Der dritte: Das hat das Kind nicht verdient, für Klickraten und Sensationsgeilheit instrumentalisiert zu werden.

Ich höre Stimmen, diese Bilder seien wichtig, da sie wachrütteln sollen. Mit solchen Bildern sollen die Herzen derer erweicht werden, welche sich als besorgte Bürger gegen Flüchtlinge stellen, welche diese Flüchtlinge als Pack bezeichnen, ihre Unterkünfte anzünden. Glaubt wirklich jemand im Ernst, dass solche Menschen sich um ein solches Bild kümmern? Glaubt wirklich jemand allen Ernstes, dass die nun mit Tränen in den Augen vor dem Bildschirm oder der aufgeschlagenen Bildzeitung sitzen und Besserung geloben?

Die Flüchtlingsthematik ist seit Wochen Thema Nummer eins. Wir haben viele Bilder gesehen, wir haben von viel Schrecken gehört. Dass etwas getan werden muss, Hilfe nötig ist, sollte klar sein. Es bedarf sicher keines Bildes mehr, das zu belegen. Ich denke, solche Bilder bewirken eher das Gegenteil: Wir stumpfen ab.

Der Mensch erträgt nicht zu viel Leid, das kann er nicht verarbeiten. Wenn das Hirn überwältigt wird von Schmerz, setzt es seine Schwelle höher. Das sichert das Überleben. Das ist ein gut angelegter Mechanismus im Organismus – die Evolution lässt grüssen. Solche Bilder helfen also nicht, das Leid zu erkennen, sie helfen eher, sich davon nicht mehr so stark berühren zu lassen. Ob das hilft? Und: Was brauchen wir als nächstes?

Dieser kleine Junge hat in seinem Leben nichts anderes als Krieg erlebt. Nun ist er tot. Und selbst jetzt muss er noch herhalten für irgendwelche Interessen. Man benutzt sein Bild dazu, Klick- und Leseraten zu steigern. Man nutzt das Bild seiner Leiche dazu, die Sensationsgeilheit der Menschheit zu befriedigen. Mehr wird damit nicht passieren. Klar kann man nun sagen, dass das Bild zu Diskussionen führte. Ich habe sie geführt, ich schreibe hier darüber. Aber ich diskutierte schon vorher und schrieb auch schon vorher. Das taten auch all die, welche sich für das Thema interessieren und etwas bewirken wollen. Jeder auf seine Weise. Man hätte diesem kleinen Jungen seine Würde lassen können. Man hätte ihn nicht durch die Medien schleifen müssen. Das hat er nicht verdient, wie er sein ganzes Leben nicht verdient hat. Möge er nun an einem besseren Ort sein.

Ich aber bleibe dabei: Ich will diese Bilder nicht sehen. Weil ich sie nicht mehr loswerde. Und weil ich denke, dass sie nie als Zeichen der Menschlichkeit und Nächstenliebe verbreitet werden, sondern meist aus Eigennutz: Der eine hofft, das Bild des Jahres geschossen zu haben, der nächste, die meisten Klicks für seinen Artikel zu erhalten. Nur: Auch Tote haben eine Würde und die gilt es zu wahren. Das wurde bei dem kleinen Jungen sträflich vernachlässigt.

Wir werden ihm nicht helfen

„Wenn ihr Sohn nun auf die Welt kommt, werden wir ihm nicht helfen. Er wird dann einfach sterben.“

Als ich diese Worte höre, liege ich in einem Spitalbett, bin in der 20. Schwangerschaftswoche und blicke auf die Gesichter von 10 Ärzten, die – teilweise zu Studienzwecken – um das Bett verteilt stehen.

Die Schwangerschaft war von Anfang an schwierig, stand immer auf der Kippe. Eine Frühgeburt war mehr Wahrscheinlichkeit denn blosse Möglichkeit. Mit diesem Wissen im Hinterkopf kamen viele Gedanken auf: Was, wenn das Kind viel zu früh auf die Welt kommt? Wird es gesund sein? Die Aussicht auf ein gesundes Kind ist kleiner, je früher es auf diese Welt kommt. Körperliche Gebrechen, nicht ausgebildete Organe, geistige Beeinträchtigungen. Alles ist möglich und das in allen Schweregraden.

Ein behindertes Kind war nicht das, was ich mir gewünscht hätte. Und ja, hätte ich vor der Schwangerschaft wählen können, ob ich ein gesundes oder ein behindertes Kind haben möchte, dann hätte ich mich für das gesunde entschieden. Ich denke, damit stehe ich nicht alleine. Die Gründe sind vielfältig. Hauptgrund wäre sicher, dass es mich traurig gemacht hätte, zu sehen, was meinem Kind nicht möglich sein wird im Leben, mit welchen Einschränkungen es leben muss. Ich hätte Schmerz empfunden über seine Stellung in dieser Welt, in der behinderte Menschen noch immer teilweise ausgeschlossen, ab und an gar verstossen sind. Und ich hätte mich wohl auch schuldig gefühlt, dass ich diesem Kind keine besseren Bedingungen mit auf den Weg geben konnte und dass ich es nicht vor allem beschützen kann.

Ich habe bewusst auf Fruchtwasseruntersuchungen und ähnliches verzichtet in der Schwangerschaft. Die Nackenfalte war über dem Normalen, mehr wollte ich nicht wissen, zumal die ganzen anderen Probleme auch noch waren, das Risiko so schon gross war, das Kind zu verlieren. Das war mein Kind, es wuchs in mir, es gehörte zu mir. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, es aufzugeben, es sterben zu lassen. Damit verurteile ich niemanden, der so entscheiden würde, dies war mein Weg, der für mich stimmte.

Und nun liege ich also mal wieder im Spital. 20 Wochen Schwangerschaft liegen hinter mir, 20 noch vor mir. Es sieht nicht gut aus. Die Wehen setzen immer wieder ein, die Plazenta löst sich ständig an allen Ecken und Enden – eine Totalablösung wäre das Ende. Käme das Kind nun auf die Welt, wären alle mir vorher ausgemalten Möglichkeiten realistisch: Herzfehler, zu wenig ausgebildete Organe, geistige Behinderung.

Vor kurzem hat die Ethikkommission eine Grenze gesetzt, ab wann Frühgeburten lebensrettenden Massnahmen geholfen werden soll und unter welcher man sie sterben lässt. Wir sind noch vor dieser Grenze. Die Ärzte kommen zur Visite, stellen sich rund um mein Bett und sagen den Satz, der mir noch heute im Kopf nachhallt:

  „Wenn ihr Sohn nun auf die Welt kommt, werden wir ihm nicht helfen. Er wird dann einfach sterben.“

Wieso? Weil ein totes Kind besser ist als ein Behindertes? Ist ein behindertes Kind die Mühe nicht wert, es am Leben zu halten? Dass es Überlebenschancen gibt, weiss man, es haben schon viele Kinder dieses Stadium überlebt, wenn auch oft mit Beeinträchtigungen im späteren Leben. Das mag sein. Doch sind sie weniger wert deswegen? Abtreiben dürfte ich ihn nicht (was ich sicherlich nicht wollen würde), das wäre Leben vernichten, aber sterben lassen dürfen ihn die Ärzte (sie haben das Recht dazu – wer gibt es ihnen?), weil sie befinden, er sei nicht wert zu leben, nicht wert, gerettet zu werden.

Mein Sohn kommt 12 Wochen später mit einem Notkaiserschnitt zur Welt und landet direkt im Brutkasten. Ausser ein paar Startschwierigkeiten, die normal sind, geht es langsam aufwärts, er darf nach einem Monat nach Hause. Beim Abschiedsgespräch wird mir geraten, ihn gleich für verschiedene Therapien anzumelden, da man wisse, dass Frühgeburten verschiedene Schwierigkeiten und Defizite hätten, denen man so gleich vorbeugen könne. Ich habe dankend abgelehnt und beschlossen, mein Kind so anzunehmen, wie es ist und dann zu reagieren, wenn es wirklich den Bedarf hat, nicht darum, weil er nach Statistik in eine Schublade gehören würde.  Wir sind bis heute gut gefahren damit.

Ich bin unendlich dankbar für dieses wunderbare Kind, ich bin mir bewusst, dass wir sehr viel Glück hatten. Der Weg war nicht immer einfach, aber er war jeden Schritt wert. Das grösste Glück ist, dass er lebt. Das ist unbezahlbar.

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Dieser Beitrag wird im Rahmen der Blogger-Themen-Tage zum Thema Behinderungen, Medien und die Gesellschaft geschrieben. Das komplette Programm findet sich hier: Programm der Blogger-Themen-Tage