Der Wert der Beziehung

Über das Sehen, Antworten und in Beziehung sein in der Philosophischen Praxis

Wenn man mit offenen Fragen konfrontiert ist im Leben, sucht man gerne Rat im Aussen. Dabei gibt es unterschiedliche Gespräche: solche, die folgenlos bleiben, obwohl viel gesagt wurde, und solche, in denen sich etwas verschiebt, obwohl kaum eine Lösung ausgesprochen wurde. Man geht nicht unbedingt mit einer Antwort hinaus, aber mit einem anderen Verhältnis zur eigenen Frage. Etwas ist klarer geworden, nicht weil jemand erklärt hat, wie das Leben geht, sondern weil jemand wirklich da war. Weil jemand zugehört hat, ohne sofort einzuordnen. Weil jemand nachfragte, ohne zu drängen. Weil jemand das Gesagte ernst nahm und zugleich das Ungesagte nicht überhörte.

Ich glaube, dass hier der eigentliche Wert der Beziehung beginnt. Nicht in der blossen Nähe, nicht in einer warmen Atmosphäre allein, sondern in jener besonderen Form von Gegenwart, in der ein Mensch sich zeigen kann, ohne festgelegt zu werden. In der Philosophischen Praxis ist Beziehung Bedingung des Denkens. Wenn ein Mensch mit einer Frage zu mir in die Praxis kommt, kommt er nie nur mit einem Problem, er kommt mit seiner Geschichte, seinen Deutungen, seinen Hoffnungen, seinen Brüchen, seinen Selbstbildern, seinen Verletzungen, seiner Art, in der Welt zu stehen. Und all das kann nicht verstanden werden, wenn man ihm nur sachlich begegnet.

Die Philosophische Praxis ist kein Ort, an dem der andere zum Fall wird. Sie ist auch kein Ort, an dem man ihn repariert. Sie ist ein Raum, in dem ein Mensch mit dem, was ihn bewegt, in ein gemeinsames Denken eintreten kann. Gemeinsames Denken setzt voraus, dass ich den anderen nicht schon zu kennen glaube. Ich muss ihm begegnen, bevor ich ihn deute. Ich muss aushalten, dass er mehr ist als das, was ich von ihm verstehe. Ich muss bereit sein, mich von seiner Frage berühren zu lassen, ohne sie mir anzueignen.

Hier greift Martin Bubers Unterscheidung zwischen Ich-Es und Ich-Du, die etwas beschreibt, das in jeder echten Begegnung auf dem Spiel steht. Ein Mensch kann mir als ein Etwas erscheinen: als Thema, als Problem, als Symptom, als Fall, als Gegenstand meiner Analyse. Dann stehe ich ihm gegenüber, aber ich bin nicht wirklich mit ihm in Beziehung. Oder er kann mir als Du begegnen: als ein Gegenüber, das sich nicht auf meine Begriffe reduzieren lässt, das mich anspricht, das nicht vollständig verfügbar wird. In der Philosophischen Praxis entscheidet sich sehr viel an dieser Schwelle. Sehe ich den Menschen vor mir als jemanden, über den ich nachdenke, oder denke ich mit ihm?

Das ist kein kleiner Unterschied. Wer über einen Menschen nachdenkt, kann klug sein und doch verfehlen, worum es geht. Wer mit einem Menschen denkt, bleibt in Beziehung. Er hört nicht nur auf die Aussage, sondern auf den Menschen, der sie macht. Er fragt nicht nur: Ist das logisch? Sondern auch: Was sucht hier Ausdruck? Welche Erfahrung ringt um Sprache? Welche Welt ist diesem Menschen brüchig geworden? Welche Freiheit ist ihm möglich, welche noch verstellt?

Philosophische Praxis lebt von dieser doppelten Bewegung: Sie nimmt das Gesagte ernst, aber sie bleibt nicht am Gesagten kleben. Sie sucht Klarheit, aber nicht auf Kosten der Person. Sie will Wahrheit, aber keine Wahrheit, die über den anderen hinweggeht, sondern eine, die ich mit ihm erst finde. Gerade darin liegt ihre ethische Dimension, wie sie auch Emmanuel Levinas formuliert hat: Der Andere ist nicht zuerst jemand, den ich erkenne, begreife oder verstehe, er ist jemand, der mich in Anspruch nimmt. Sein Dasein stellt mich in eine Verantwortung, noch bevor ich mich entscheide, verantwortlich sein zu wollen. Das mag auf den ersten Blick abstrakt klingen, es bedeutet aber schlicht: Der Mensch vor mir möchte nicht von mir übergangen werden, er möchte nicht klein gemacht oder zu schnell in einen Begriff verwandelt werden. Er möchte so gehört und gesehen werden, dass er nicht hinter meiner Wahrnehmung verschwindet.

Diese Haltung ist für eine Philosophische Praxis zentral, denn Philosophie verlegt sich gerne auf Begriffe, statt beim Hinsehen zu verweilen. Sie kann Erfahrungen ordnen, sie kann unterscheiden, sie kann Muster sichtbar machen, aber sie kann auch zu früh fertig sein damit. Dann wird der andere in eine Theorie überführt, bevor seine eigene Stimme wirklich hörbar geworden ist. Levinas erinnert daran, dass der Andere jeder Deutung vorausgeht. Er ist nicht Material für mein Denken, er ist derjenige, vor dem mein Denken sich bewähren muss.

Einfühlungsvermögen bedeutet vor diesem Hintergrund nicht, dass ich den anderen vollständig verstehe. Es kann sogar eine der gefährlichsten Illusionen sein, zu glauben, ich könne mich so sehr in einen anderen hineinversetzen, dass seine Erfahrung mir verfügbar wird. Wirkliches Einfühlungsvermögen ist demütiger. Es weiss, dass der andere fremd bleibt, auch wenn er sich öffnet. Es versucht, die Welt von seinem Ort aus zu sehen, ohne diesen Ort zu besitzen. Es fragt nicht: Was würde ich an deiner Stelle tun? Sondern: Wie erscheint dir die Welt von dort, wo du stehst?

Das verlangt Langsamkeit. In einer Zeit, in der vieles sofort bewertet, kommentiert und eingeordnet wird, ist Langsamkeit fast eine ethische Praxis. Ein Mensch erzählt etwas, und sofort liegen Deutungen bereit: Das ist Angst. Das ist Vermeidung. Das ist ein Muster. Das ist eine alte Verletzung. Das ist mangelnde Abgrenzung. Manches davon mag stimmen, manches aber auch nicht. Wenn ich zu schnell benenne, nehme ich dem anderen die Möglichkeit, sich selbst genauer zu finden.

In der Philosophischen Praxis braucht es darum ein Zuhören, das nicht nach dem schnellsten Begriff sucht, sondern nach der angemessenen Frage. Sokrates bleibt hier ein leiser, aber unvermeidlicher Hintergrund. Nicht als Denkmal, nicht als pädagogische Figur, die den anderen geschickt zur richtigen Einsicht führt, sondern als Erinnerung daran, dass Fragen eine Form der Achtung sein können. Eine gute Frage greift nicht zu, sie öffnet. Sie stellt den anderen nicht bloss, sondern stellt ihn in ein neues Verhältnis zu sich selbst. Sie sagt, dass das Denken an dem Punkt noch nicht zu Ende ist, sondern noch weitergehen kann.

Doch Fragen allein genügen nicht. Beziehung braucht auch Aufrichtigkeit. Wer einen anderen wirklich sieht, bestätigt ihn nicht einfach in allem. Das wäre keine Achtung, sondern eine subtile Form der Gleichgültigkeit. Wenn ich den anderen ernst nehme, traue ich ihm zu, auch mit einer Zumutung umzugehen. Ich darf ihm spiegeln, wo sich ein Gedanke verengt, wo eine Selbstdeutung schützt und zugleich fesselt, wo eine Erzählung immer wieder an derselben Stelle endet, weil ein anderer Ausgang noch zu gefährlich scheint.

Aufrichtiges Feedback ist in diesem Sinn ein wichtiger Akt der Beziehung. Es steht zwischen Schonung und Härte. Es setzt den anderen nicht fest mit einem «So bist du». Es sagt eher: Ich höre, dass du dich so verstehst, aber es könnte in dieser Deutung noch mehr stecken, das dich daran bindet. Es könnte sein, dass du dir selbst mit dieser Erklärung treu bleiben willst und dich zugleich daran hinderst, weiterzugehen. Es könnte sein, dass du an einer alten Form von Sicherheit festhältst, obwohl sie längst zu eng geworden ist.

Solche Sätze sind nur möglich, wenn Beziehung trägt. Ohne Beziehung werden sie zur Kritik. Ohne Wohlwollen werden sie hart. Ohne Präzision werden sie beliebig. In der Philosophischen Praxis geht es deshalb nicht um nette Zustimmung, aber auch nicht um distanzierte Klugheit. Es geht um eine Verbindung von Zugewandtheit und Wahrhaftigkeit. Man könnte sagen: Beziehung macht Wahrheit sagbar. Oder sogar noch mehr: Sie macht Wahrheit bewohnbar. Einsichten sind nicht nur richtig oder falsch. Sie haben auch einen Zeitpunkt, eine Form, eine Zumutbarkeit. Ein Mensch kann eine Wahrheit hören und dennoch nicht aufnehmen, weil sie ihn zu früh trifft oder zu einsam lässt. Manchmal braucht eine Einsicht einen Raum, in dem sie landen darf. Einen Raum, in dem nicht sofort Konsequenzen gefordert werden. Einen Raum, in dem man nicht mit jeder Wahrheit gleich etwas anfangen können muss, sondern sich auch eingestehen darf, dass man noch nicht wirklich weiss, was man nun machen soll.

Die Philosophische Praxis arbeitet an Fragen des Lebens. Lebensfragen öffnen sich nur dort wirklich, wo ein Mensch nicht auf seine Funktion, seine Leistung, seine Krise oder seine Schwäche reduziert wird. Ein Mensch ist nicht einfach, was ihm geschehen ist, er ist mehr und er erzählt davon. Max Frisch beschreibt das in einem schönen Satz in seinem Buch «Mein Name sein Gantenbein»:

«Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.»

In der Philosophischen Praxis wird diese Erzählung hörbar. Jemand sagt: Ich bin gescheitert. Ich bin nicht mutig genug. Ich habe immer falsch entschieden. Ich gehöre nirgends hin. Und im Gespräch kann sichtbar werden, dass diese Sätze nicht einfach die Tatsachen sind, als die sie erzählt werden, sondern Deutungen. Es sind Glaubenssätze, die über viele Jahre gewachsen sind und sich verfestigt haben. Sätze, die weh tun, die immer wieder von neuem verletzen und doch wiederholt werden. Es sind Sätze, die so tief drin sind, dass sie zur Wahrheit werden, zur Wahrheit, wer ich bin. Es sind keine Lügen, aber es ist auch nicht die Wahrheit, sondern eine Deutung –sicher nicht die einzig mögliche.

Das ist ein entscheidender Moment. Plötzlich merkt ein Mensch, dass seine Geschichte nicht gelogen ist, aber auch noch nicht abgeschlossen. Er muss nicht einfach neu anfangen, als wäre nichts gewesen, sondern anders auf das schauen kann, was war. Ricœur spricht vom erzählten Selbst, und gerade darin liegt eine grosse Nähe zur Philosophischen Praxis: Sie hilft nicht, ein künstlich positives Selbstbild zu erzeugen, sie hilft, die eigene Geschichte wahrer zu erzählen. Freier, nicht beschönigt, aber weniger gefangen.

Es ist schwierig, diese Arbeit an der eigenen Erzählung allein zu bewältigen. Manchmal braucht es einen anderen Menschen, um die Stellen zu hören, an denen die eigene Geschichte zu eng geworden ist. Allein kreist man oft um dieselben Sätze. Man kennt sie so gut, dass man sie für Wahrheit hält. Im Gegenüber können sie fraglich werden. Nicht, weil der andere besser wüsste, wer man ist, sondern weil er nicht in derselben inneren Schleife gefangen ist. Karl Jaspers hat dafür den Begriff der existenziellen Kommunikation geprägt. Wahrheit ist für ihn nicht einfach Besitz eines Einzelnen, sie entsteht da, wo Menschen einander nicht ausweichen, wo sie sich zumuten, ohne einander zu beherrschen, wo sie im Gespräch nicht nur Meinungen austauschen, sondern sich selbst aufs Spiel setzen. Das wird in der Philosophischen Praxis sehr konkret. Hier geht es um Gespräche, in denen man nicht einfach über etwas spricht, sondern in denen man selbst wirklich anwesend und ernsthaft beteiligt ist.

Eine Philosophische Praxis braucht genau diese Ernsthaftigkeit. Sie darf Umwege nehmen, sie darf mit Literatur, Bildern, Beispielen arbeiten, aber im Kern geht es um etwas Wirkliches: Wie will ich leben? Was trägt mich? Was schulde ich mir und anderen? Wo verwechsle ich Anpassung mit Frieden? Wo Freiheit mit Rückzug? Wo Verantwortung mit Selbstaufgabe? Wo Ehrlichkeit mit Härte? Wo Liebe mit Besitz? Wo Sicherheit mit Lebendigkeit?

Solche Fragen berühren den Menschen nicht abstrakt, sie betreffen seine Weltbeziehung. Sie fragen danach, wie jemand in der Welt steht, ob er ihr noch antworten kann, ob er sich in ihr nur ausgeliefert fühlt oder handelnd vorkommt. Beziehung in der Philosophischen Praxis ist deshalb nicht nur Beziehung zwischen zwei Menschen, sie ist auch ein Zwischenraum, in dem die Beziehung zur Welt neu sichtbar wird. Der andere hilft mir nicht einfach, mich selbst zu verstehen, er hilft mir, mein Verhältnis zur Welt zu befragen.

Beziehung bedeutet in diesem Raum auch, das Schweigen auszuhalten. Nicht jedes Schweigen ist Leere. Manchmal ist es der Moment, in dem ein Gedanke zum ersten Mal nicht sofort zugedeckt wird. Manchmal hört ein Mensch erst im Schweigen, was er eben gesagt hat. Manchmal zeigt sich dort, dass unter einer klaren Aussage eine Trauer liegt, unter einer Wut eine Angst, unter einer Entscheidung eine ungelebte Sehnsucht. Wer begleitet, muss nicht jedes Schweigen füllen. Er muss ihm trauen können.

Diese Fähigkeit zur Zurückhaltung gehört ebenso zur Beziehung wie das Sprechen. Philosophische Praxis darf nicht übergriffig werden. Den anderen wirklich zu sehen, heisst auch, seine Grenze zu sehen. Levinas formulierte das so: Der Andere entzieht sich. Und dieses Sich-Entziehen ist kein Mangel, sondern seine Würde. Sie zu bewahren ist zentral. Eine aufrichtige Begegnung steht zwischen Nähe und Abstand. Sie ist nah genug, um nicht kühl zu bleiben, und zurückhaltend genug, um nicht zu vereinnahmen. Sie ist klar genug, um nicht beliebig zu werden, und warm genug, um nicht zu verletzen. Sie fragt nach, aber sie drängt nicht. Sie fordert heraus, aber sie lässt den anderen nicht allein mit dem, was dadurch sichtbar wird.

In dieser Verbindung liegt für mich der eigentliche Wert der Philosophischen Praxis. Sie ist ein Ort, an dem Denken menschlich wird, weil sie beim konkreten Menschen beginnt. Die grossen Fragen der Philosophie stehen nicht irgendwo über dem Leben, sie erscheinen in ihm. In einem Abschied. In einer Entscheidung. In einer Erschöpfung. In einer Liebe. In einer Schuld. In der Frage, ob man noch am richtigen Ort ist. In der Erfahrung, nicht gesehen worden zu sein. In der Sehnsucht, nicht nur zu funktionieren, sondern wahrhaftiger zu leben.

Philosophie, die dem Leben dient, muss diese Orte ernst nehmen. Sie sind der Boden, auf dem Begriffe überhaupt Bedeutung bekommen. Das ist der Grund, weshalb eine gute Philosophische Praxis nicht mit Antworten beginnt, sondern mit Anwesenheit. Mit dem Wunsch, den anderen wirklich zu sehen. Mit der Fähigkeit, sich berühren zu lassen, ohne die eigene Klarheit zu verlieren. Mit der Bereitschaft, aufrichtig zu sprechen, ohne die Beziehung zu verlassen. Mit dem Vertrauen, dass ein Mensch mehr ist als seine gegenwärtige Verstrickung. Dort, wo das gelingt, geschieht etwas Unscheinbares und Tiefes. Ein Mensch wird nicht belehrt, sondern angesprochen, nicht analysiert, sondern erkannt. Er erfährt, dass seine Fragen einen Ort haben. Darum geht es in der Philosophischen Praxis: dass jemand wieder in Beziehung kommt, zu sich selbst, zu anderen, zur Welt und zu der Möglichkeit, das eigene Leben nicht nur zu ertragen, sondern bewusster zu führen.

Literarisches: Kochen kann gefährlich sein

«Müssten die nicht einen Hauch kleiner sein und nicht so grob?»

Thomas schaut mir argwöhnisch über die Schulter, während ich die Kartoffeln schneide für die von ihm gewünschten Bratkartoffeln. Er ist zwar selbst kein Koch vor dem Herrn, das Kochen überlässt er lieber mir, doch wie man es machen müsste, das weiss er genau.

«Mach es doch selbst, wenn du es besser kannst.»

Mehr fällt mir dazu nicht ein, doch das war offensichtlich das Falsche, denn sogleich kommt zurück:

«Nun sei doch nicht gleich beleidigt. Man wird ja wohl noch fragen dürfen.»

Ich zerteile die vorgeschnittenen Kartoffeln in kleinste Würfelchen, damit der Herr tunlichst nicht seine Zähne bemühen muss beim Essen. Er ist zufrieden mit dem Werk. Dass ich über Stunden nach dem Rezept für «die besten Bratkartoffeln der Welt» gesucht habe, verschweige ich und grummle innerlich. Banause. Ignorant. Besserwisser. Lehrer halt.

«Siehst du, so ist es doch viel besser.»

«Ja, Herr Lehrer», platzt es aus mir heraus, und spöttisch hinterher: «Ohne dich wäre ich völlig aufgeschmissen.»

«Wir wollen es mal nicht übertreiben, aber: Es geht in die Richtung.»

Mein Blick fällt kurz auf das Messer, mit dem ich vorher meine Zerhackarbeit gemacht habe, doch ich besinne mich: Das wäre dann doch etwas grob. Schweigend essen wir.

«Ich hatte die anders in Erinnerung. Knuspriger. Frittiert.»

«Dann wären es Pommes Risolées.»

«Ach ja, die habe ich gemeint. Die wollte ich eigentlich.»

«Dann hättest du das sagen müssen.»

«Das war doch eigentlich klar.»

Ich überlege kurz, ob ich das Messer nicht doch nochmals einsetzen sollte? Ich entscheide mich dagegen, denn: Wer würde mir dann noch die Welt erklären?

***

Christine hat mal wieder eine Schreibeinladung verschickt, ich bin ihr gefolgt. Die Geschichte ist das Resultat. Die Regeln dazu lauteten: Drei Begriffe in maximal 300 Wörtern, die Wortspende kommt dieses Mal von Gerhard und seinem Blog Kopf und Gestalt: Lehrer, grob, hauchen

Tagesgedanken: Beziehungen mit Resonanz

Kürzlich wollte ich jemandem eine Freude machen und ich begleitete ihn zu einem Anlass, der mir selbst nicht entsprach. Es wurde für mich auch eher schwierig, ich fühlte mich fehl am Platz und Begleiter (dessen Begleiterin ich ja eigentlich war), kümmerte sich nicht um mich, befand im Nachhinein, ich wäre selbst verantwortlich für mich und mein Wohlbefinden. Und da fragte ich mich: „Wozu das alles?“ Wieso versuche ich überhaupt, jemandem etwas zuliebe zu tun? Ich hätte mir eine schöne Zeit für mich machen können, dafür hätte mich keiner angegangen, die hätte ich genossen, da hätte ich mich wohlgefühlt. 

Die Frage nach dem Wozu, nach dem Sinn, kommt immer dann auf, wenn etwas nicht stimmt. Oft versuchen wir, Sinn in uns selbst zu finden, doch da liegt er nicht, er liegt immer in Beziehungen, in einem Dazwischen. Und wenn da etwas aus dem Lot kommt, fehlt der Sinn. Für diesen Sinn sind denn auch zwei verantwortlich, einer allein wird keinen Sinn herstellen. Ist der Sinn einer Beziehung Freundschaft, müssen beide daran arbeiten, dass diese Beziehung eine freundschaftliche ist und so ihren Sinn entfaltet. In der Liebe dasselbe: Es ist keine Einbahnstrasse, sondern sie entfaltet sich nur an einem Ort, an dem zwei Menschen zusammenkommen, nicht an dem, zu welchem einer hinläuft, um beim anderen zu sein. 

Wie oft gehen wir selbst die ganze Strecke, in der Hoffnung, am Ziel dann auf Liebe, Anerkennung, Wertschätzung zu stossen? Wie oft geben wir für diesen Weg zu viel von uns auf, ohne zu merken, dass der andere alles behält und das unsere noch dazu nimmt? Wo sind Beziehungen in Schieflagen geraten, ohne dass wir es merken, im Gegenteil, wo wir uns noch mehr anstrengen, zu gefallen, um der Liebe wert zu sein, die wir uns erhoffen?

„Ohne Liebe ist jedes Opfer Last, jede Musik nur Geräusch und jeder Tanz macht  Mühe.“ (Rumi)

Das stimmt einerseits für das eigene Tun, aber auch da, wo nichts zurückkommt, weil die Liebe nicht im Tun erwidert wird. 

Streit – wie weiter?

„Ich mache sicher nicht den ersten Schritt – sonst bin ich unterlegen!“

Wer ist nicht schon mit anderen Menschen aneinander gerasselt. So unschön wie es ist, am schlimmsten ist es wohl, wenn das mit dem Menschen passiert, der einem der wichtigste im Leben ist, weil: Der liebste.

So viele positive Eigenschaften man ihm normalerweise zugesteht, im Streitfall treten sie zurück. Im besten Fall weiss man noch, dass sie da sind, im schlimmsten Fall sieht man all das, was grad bedrohlich vor einem ist: Einen bösen Blick, harsche Worte, eine versteinerte Haltung, eine drohende Stimme… und das macht etwas mit einem. Nicht nur sind die liebevoll schauenden Augen, die vielen lieben Worte und Blicke und Zuwendungen verdrängt, Ängste kommen hoch. Einerseits die Verlustangst, andererseits die Angst, manipuliert und degradiert zu werden.

Wie oft denken wir: Wenn ich nachgebe, gebe ich ihm recht. Oder aber ich bin schwächer. Wenn ich die Erste bin, die ihn umarmt aus einem Streit heraus, zeige ich meine Schwäche und mein Liebesbedürfnis. Damit wird er immer über mir stehen. Er wird jede Meinung durchbringen, da er weiss: Irgendwann kommt sie (angekrochen?) und sucht die Nähe. Und dann läuft es so, wie ich es will.

Ich würde nicht mal behaupten, dass diese Haltung(en) bewusst ablaufen. Auf beiden Seiten. Meinungen, die einfach mal geäussert werden, auch im Hinblick auf Streit, scheinen wichtig. Und der, welcher sie verteidigt, ist davon überzeugt. Und es ist ihm wichtig, das zu sagen, immerhin riskiert er einen Streit. Das würde er ja wohl kaum für eine Banalität wagen. Es ist durchaus ein Privileg, alles sagen zu dürfen, was man sagen will, die Frage, die sich stellt, ist nur: MUSS man es tun? Was bringt es wirklich? Mir, den andern, dem Gemeinsamen? Ich mag in dem Fall die drei Siebe des Sokrates sehr:

Ist es wahr?
Ist es gut?
Ist es nötig?

Was ich nur vom Hören-Sagen her kenne, lasse ich vielleicht besser liegen. Wenn ich weiss, dass das, was ich sage, verletzend ist, böse ist, lasse ich es vielleicht auch besser liegen, AUSSER: Es ist nötig. Wenn ich mit der Wahrheit, die zwar schmerzhaft ist, aber mit guten Absichten geäussert, weil sie jemanden vor wirklichem Schaden bewahren kann (und ich weiss, er wird es annehmen, ansonsten ist es eh obsolet), dann ist es durchaus angebracht. Was aber bringt es einem Menschen, wenn man ihm sagt, dass er nachts immer furzt, dass er schielt wie der Löwe aus Daktari? Was bringt es einem Menschen, wenn man ihm sagt, dass sein Hinterteil schlicht so breit wie der Äquator und die Oberweite einem Brotbrett vergleichbar sei? Alles mag stimmen. Aber: Es ist weder gut noch nötig. Würde man gefragt, ob der eng anliegende Rock über dem Hintern für ein erstes Date die beste Wahl ist, sähe das anders aus. Ebenso bei der weit ausgeschnittenen Bluse, welche mangels Füllmaterial bis zum Bachnabel blicken lässt.

Und so sehr wir solche Dinge ja eigentlich kennen und wissen, so oft kommen wir an Punkte, wo es Streit gibt. Ein Wort gibt das andere, tiefgelegte Gefühle brechen auf und bringen Reaktionen, welche kaum durchdacht, sondern instinktiv verheerend sind. Weil sie einen Prozess in Gang bringen. Und den gilt es zu stoppen. Nur: Wie? Klein beigeben? Dann hat man ja gleich verloren. Denkt man so. Und nein, die eigene Meinung war ja durchaus auch was wert. Und nicht einfach so dahin gesagt.

Nur: Dabei gewinnt keiner. Und ja, ab und an ist das Nachgeben eigentlich wirklich keine Schwäche, sondern Stärke, hinzustehen, loszulassen, Nachsicht walten zu lassen. Nicht überheblich. Mit Blick auf die eigenen Anteile und Fehler, die man selber gemacht hat. Aber auch im Wissen, dass einer den Schritt gehen muss. Wieso nicht man selber? Und ja: Sollte das immer so sein, der andere sich damit als Sieger fühlen, dann ist wohl demselben und der Beziehung nicht mehr zu helfen. Die hätte man aber sicher nie gerettet, hätte man ehern auf seinem Platz beharrt. Und vor allem: Man macht sich selber das Leben immer mit schwer. Und leidet. Unter dem Streit. Unter der Distanz dadurch. Unter der Trauer, dass es so ist. Unter der Angst, was draus wird. Und man hat es in der Hand. Man kann es beenden. Und wenn man das selber hinkriegt, dann ist das Stärke, keine Schwäche. Es gibt keinen Sieger oder Verlierer, es gibt nur zwei Menschen, die wieder mit besseren Gefühlen weiter gehen können.

Keiner streitet ganz allein

„Beginne damit, dich selbst zu prüfen, und noch mehr, ende damit.“ (Bernhard von Clairvaux)

Menschen sind Beziehungswesen, ohne Beziehungen könnten sie nicht überleben. Das fängt bei der Geburt an, wo die Abhängigkeit von der Mutter körperlich und seelisch überlebensnotwendig ist, hört aber da noch lange nicht auf. Auch später noch sind wir auf Beziehungen, auf Menschen in unserem Umfeld angewiesen. Das Ich braucht ein Du, um als Ich zu überleben. Nur: So sehr wir andere Menschen brauchen, so oft geraten wir auch mit ihnen aneinander. So notwendig Beziehungen sind für unser Leben, so schwer sind sie oft zu leben.

Ein falsches Wort, unterschiedliche Ansichten, verschiedene Bedürfnisse, Missverständnisse – die Liste möglicher Gründe für Konflikte ist noch lange nicht erschöpft. Und wenn einer entsteht, reagieren wir, meist impulsiv, meist so, dass wir unsere Stellung verteidigen:

Du hast gesagt! Du hast getan! Weil du so warst, konnte ich nicht anders.

Wir schieben dem anderen die Schuld in die Schuhe, um selber aus der Schuld zu kommen. Lieber sind wir das Opfer im Konflikt, das nicht anders konnte, als der Täter, der alles verursacht hat. Schliesslich und endlich wissen wir, dass wir sicher nicht streiten wollten, wie kämen wir dazu? Also muss es am anderen liegen.

Nur: Stimmt das wirklich? Machen wir es uns damit nicht zu einfach? Und mittellangfristig eigentlich schwerer? Schlussendlich kamen wir gemeinsam an den Punkt, an dem wir sind. Das hat der andere nicht alleine getan. Konflikte sind immer eine Kette von Aktion und Reaktion. Die Schuldfrage löst dabei nur eine praktisch endlose Rückwärtskette aus, bei der immer der jeweils andere vorher etwas getan hat, was erst zu unserem Tun anstiess. Und während wir diese Kette in die Vergangenheit verfolgen, verstricken wir uns immer mehr in ein Ping Pong der Vorwürfe, drehen in einer Abwärtsspirale der negativen Gefühle und lassen die Situation mehr und mehr eskalieren.

Wem bringt die Schuldfrage etwas? Was genau erreichen wir, wenn wir einen Schuldigen haben? Wir könnten mit dem Finger auf ihn zeigen und wären selber reingewaschen. Stünden quasi auf dem Podest, während der andere bitte demütig Reue bekundet. Und dann? Dann würden wir so weiter leben bis zum nächsten Konflikt, der würde wieder gleich ablaufen, bis irgendwann das Gefälle zwischen Podest und Reue so gross wäre, dass es einem oder beiden verleidet, oder aber wir uns immer wieder von neuem Schmerz und Leid zufügen, ohne etwas daran verändern zu können.

Statt einen Schuldigen zu finden, wäre es vielleicht sinnvoller, wenn wir selber in uns gingen und nachschauten, was genau unser Anteil an dem Konflikt war. Haben wir nicht vielleicht doch falsch reagiert? Die Stimme zu schnell erhoben? Den Ton zu giftig gewählt? Einen Vorwurf ungerechtfertigt platziert? Verletzt reagiert aufgrund einer alten Verletzung statt aufgrund der aktuellen Situation? Zudem könnten wir auch versuchen, Verständnis für das Verhalten des anderen aufzubringen. Nicht nur wir wollen keinen Streit, der andere will ihn sicher genauso wenig. Wieso sonst wären wir in einer Beziehung (wie auch immer sie geartet ist, hier aber als positiv gefühlte gemeint)? Mit der nötigen Selbstreflexion und dem nötigen Verständnis könnte es uns gelingen, statt immer weiter in die Abwärtsspirale zu geraten, uns zu finden in einem verständnisvollen Miteinander. Wir könnten aufeinander zugehen, statt Fronten aufzubauen. Wir könnten hinschauen, was uns an den Punkt gebracht hat, um in einem nächsten Fall vielleicht früher anders reagieren zu können oder solche Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen.

Alfred Adler sagte, dass in der Liebe das Wir das Ich und Du übersteige, weil nur, wenn das Gemeinsame über dem je Einzelnen stehe, diese wirklich gelebt werde. In Konflikten geht das oft vergessen. Wir sehen nur noch uns selber, kämpfen mit Worten um einen vermeintlichen Sieg. Wir wollen den anderen schlagen mit unseren Argumenten, befinden uns sprichwörtlich in einer Kriegssituation. Wie wäre es, wenn wir stattdessen mit ihm tanzen würden? Wenn wir versuchen würden, uns zurück in den Gleichtakt zu bringen, bei dem wir uns umkreisen, miteinander drehen, statt gegeneinander zu stehen? Dann wäre das Ziel nicht die Schuldigkeit des anderen oder der eigene Sieg, dann wäre das Ziel, gemeinsam in Harmonie und innig umarmt durchs Leben zu tanzen. Im Wissen, dass so ein Tanz nur zu zweien funktioniert.

Nur ein Esel bleibt stehen

Wenn wir einem Menschen einen Fehler vorwerfen, haben wir dann noch im Sinn, was er vorher alles richtig gemacht hat? Müssten wir es im Sinn haben? Was zählt im Moment? Für uns wohl oft gerade das, was uns stört. Nur: Was trägt das Miteinander? Was hat uns erst zusammen geführt?

Wie oft hängen wir Menschen an einzelnen Fehlern auf, vernachlässigen aber all das, was uns durch sie Gutes widerfährt? Und wie oft denken wir, dass das Leben viel einfacher wäre, wären sie nur ein wenig anders. Oder es wäre gar wer anders da, welcher das abdeckt, was wir grad vermissen.

Nur: Wieso ist der andere dazu da, uns das zu geben, was wir brauchen? Geben wir ihm alles? Können wir das? Kann überhaupt ein Mensch einem anderen all das geben, was dieser braucht, um glücklich zu sein? Muss er es tun?

Ich gebe zu, ich würde mir wünschen, dass die Menschen um mich glücklich sind, weil ich bin, wie ich bin. Und wenn ich etwas tun kann, was sie glücklich(er) macht, tu ich das gerne. ABER: Wenn dieses Glücklichmachen zu einer Pflicht und Erwartung wird, wenn der andere denkt, ich bin dazu da, ihn glücklich zu machen, und ich den Anspruch habe, das tun zu müssen, dann wird aus dem beabsichtigten Glück ganz schnell ein Unglück. Für beide.

Kant sagte einst, dass kein Mensch Mittel zum Zweck sein darf, jeder Mensch sei Zweck. Also bin ich nicht dafür da, andere glücklich zu machen – in der Funktion wäre ich nur Mittel. Ich selber muss glücklich sein. Wenn ich nun eine Beziehung eingehe, ist es mir natürlich ein Anliegen, dass auch mein Partner glücklich ist – schliesslich liebe ich ihn. Erich Fromm sagte von der Liebe, dass sie danach strebe, den anderen als den anzunehmen, der er ist, und sich dafür zu interessieren, dass er sich seinen Anlagen, seinem Sein gemäss zum bestmöglichen Ich zu entwickeln.

Alfred Adler fand, dass das Wir das Ich und Du übersteigen müsse, dass nicht das jeweils einzelne Glück, sondern das Glück zusammen zuoberst stünde. Ich finde beide Ansätze gut, kann sie beide nachvollziehen und befürworten, vor allem auch aus einem Grund: Das Ich tritt zurück aus seiner Selbstbezogenheit, richtet sich aus an einem Du (durch das es auch zum Wir wird). Nur: Das Ich muss dabei bestehen bleiben. Es gibt kein Wir ohne ein Ich. Und keiner sieht das Du, wenn das Ich verschwindet.

Wenn also unser Partner nicht in jedem Punkt so ist, wie wir ihn gerne hätten, stellt sich die Frage: Wieso wollen wir ihn genau so haben? Weil es für uns einfacher wäre? Weil wir selber uns an etwas stören, das uns selber Probleme bereitet und auf das wir durch ihn gestossen werden? Weil wir unsere eigenen Ansprüche so sehr über die des anderen stellen, dass wir es nicht mehr schaffen, über unseren eigenen Tellerrand hinauszuschauen?

Und ja, manchmal mag das Verhalten des anderen wirklich Grenzen sprengen, die wir mit allem Hinterfragen und aller Grossmut nicht mehr gutheissen können. Und vielleicht auch sollen (wer oder was hier auch immer Massstab sein mag). Wenn wir dann daran denken, was er uns alles Gutes tut, können wir vielleicht angemessener reagieren, als wenn wir ihn nur aufgrund eines für unschön befundenen Verhaltens einfach verurteilen. Und wenn wir uns zudem bewusst sind, dass auch uns durchaus das eine oder andere solche Verhalten passieren kann und wir dann für ein wenig Verständnis und den nötigen Blick aufs grosse Ganze dankbar wären, mag das durchaus helfen, sich anbahnende Konflikte im Keim zu ersticken durch eine angemessene Reaktion.

Manchmal gelingt das nicht beim ersten Schritt, man braucht einen zweiten Anlauf. Rom wurde auch nicht an einem Tag erschaffen. Beziehungen sind schliesslich und endlich Wege, die man geht. Zusammen. Und wenn man einmal auseinander driftet, braucht man Schritte. Aufeinander zu. Es kommt nicht drauf an, wer den ersten Schritt tut. Wichtig ist, dass er gemacht wird. Man stelle sich den sturen Esel vor, der durstig drauf wartet, dass der Brunnen sich ihm nähert. So möchte doch keiner sein, oder?

15. Mai

„Warum uns das Plötzliche oft überrascht? …Weil uns das Allmähliche entging.“ Otto Weiß

Wer hat nicht schon einen guten Freund, dessen Beziehung gerade in Brüche ging, klagen hören, dass er es nicht hätte kommen sehen? Und wer fiel dabei nicht auch schon selber aus allen Wolken und dachte, dass das wirklich nicht abzusehen war? All die kleinen Blicke, die spitzigen Bemerkungen, die leisen Unzufriedenheiten gingen unter. Und aus dem Nichts quasi kommt der Bruch.

Wenn du mit deinem Partner sprichst, hörst du ihm wirklich zu? Wenn ihr das gemeinsame Leben plant, habt ihr wirklich beide eine Stimme? Bist du zufrieden mit deinem Leben? Ist es dein Partner? Was weisst du eigentlich über euch beide? Wann hast du das letzte Mal genau in dich gehört? Und ihm zu?

Veränderungen kommen oft schleichend und werden uns so oft nicht bewusst. Das geschieht einerseits aus unserem Eingespanntsein in die Hektik des Alltags, aber auch, weil wir gar nicht genau hinschauen wollen: Es könnte uns nicht gefallen, was wir sehen, so dass wir lieber in der Illusion verharren, dass alles gut ist. Bis sie sich nicht mehr aufrecht erhalten lässt.

Nur: Früh genug hingeschaut, hätte man noch vielleicht einiges noch in der Hand gehabt, irgendwann ist es zu spät.

Vor- und Nachteile einer klaren Begriffswahl

Sie legte den Kopf schräge: „Weißt du, was mich brennend interessiert?“

Er: „Hm….“

Sie: „War das nun ein Ja oder ein Nein?“

Er: „Was?“

Sie: „Ich fragte dich, ob du wüsstest, was mich brennend interessiere, heisst „Hm“ ja oder nein?“

Er: „Wieso interessiert dich das?“

Sie: „Na, weil ich sonst ja nicht weiss, ob du es nun weißt oder nicht..:“

Er: „Ich wüsste vor allem mal gerne, was in Köpfen, die sich für solchen Mist interessieren, vorgeht…“

Im Märchen hiesse es nun, dass sie, wenn sie nicht gestorben sind, glücklich weiterleben würden, es ist aber davon auszugehen, dass einer der beiden das nicht überlebt hat.

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Für die abc.etüden, Woche 23.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 23.18 kommt von Gerda Kazakou (gerdakazakou.com)

Sie lautet: Schräge, brennend, köpfen

 Der Ursprungspost: HIER

 

Der Knallknopf

Sie: „Ich habe zugenommen, findest du nicht?“

Er kannte sie schon eine Weile und wusste, dass das dünnes Eis war und er sich hüten sollte, etwas zu sagen, nur wusste er auch, dass er aus der Nummer nicht ohne ein Wort rauskommen würde, da sie keine Ruhe gäbe, bis er ihr geantwortet hätte, nur um dann – egal, was er auch sagte, er konnte nur verlieren – auszuflippen und ihm die Hölle heiss zu machen für die nächsten Tage, zumal sie unglaublich nachtragend sein konnte, was er gar nicht mochte, aber auch nicht sagen durfte, da dies denselben Effekt gehabt hätte wie die nun erwartete Antwort.

Er nuschelte nur etwas, das ganz sicher wie ein Nein, niemals wie ein Ja klang, und wollte sogleich gehen, als Ausrede brachte er – nun ganz verständlich, sie sollte die Dringlichkeit des Weggangs ja verstehen – das Argument vor, heute zeitig bei der Arbeit sein zu müssen. Er hatte die Rechnung ohne den Wirt (hier die Wirtin, denn Genderbewusstsein wurde neustens auch gross geschrieben und er traute sich schon fast nicht mehr, morgens zu fragen, ob sie einen Kaffee ans Bett gebracht haben wollte, tat es noch, weil Heissgetränk wiederum nicht spezifisch genug gewesen wäre) gemacht.

Nicht nur liess sie ihn nicht einfach so gehen, nein, sie atmete hörbar aus, worauf ihr Bauch nach aussen schnellte, einen Knopf von ihrer Bluse löste und diesen wie eine Pistolenkugel in seine Richtung schoss.

Und die Moral von der Geschicht:

Übers Gewicht der Frauen spricht man nicht.

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Für die abc.etüden, Woche 10.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 10.18 kommt Frau M.Mama (im www HIER)

Sie lautet: Knopf, zeitig, hüten.

Der Ursprungspost: HIER

Glück oder Untergang? Das Unterhemd

Sie: „Sag mal, kannst du dich nicht mal ordentlich kleiden? Ich mein, das Unterhemd geht ja gar nicht.“

Er: „Ach komm, das ist so knallvergnügt. Das Leben ist schon trist genug. Und schau mal raus, das Wetter ist grau in grau, drückt aufs Gemüt, zieht runter, raubt Kraft und Energie, und das könnte schon fast ein neuer Hip-Hop-Hit sein, ich müsste es noch aufschreiben, und den Beat drunter legen, dann wäre es mitreissend, und Stimmung hebend, im Gegensatz zum Grau draussen, und wer nun noch nicht im Takt mitliest, hat schlicht kein Musikg’hör.“

Sie: „Sprich, du willst auf dieses ach so schreckliche Teil nicht verzichten, und fügst als Argument diesen Sermon an, der weder Rhythmus noch Reim hat?“

Er: „Ja!“

Wir wissen nicht, wie er endete…..

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Für die abc.etüden, Woche 04.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 06.18 kommt von Anna-Lena von visitenkartemyblog.wordpress.com

Sie lautet: Unterhemd, knallvergnügt, verzichten.

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Alles für die Kunst

Sie: „Früher hatten Künstler Mäzene, ich habe dich.“

Er: „Hallo? Ich bin dein Mann! Das ist ja wohl was anderes.“

Sie: „Unterstützt du mich etwa nicht mit meiner Kunst?“

Er: „Natürlich tu ich das, das weißt du!“

Sie: „Eben, sag ich doch!“

Er: „Hast ja recht…..“

[eventuell wollte er noch was sagen, aber er kam nicht mehr dazu – wen verwundert es bei der Steilvorlage….]

Sie: „Hab ich das nicht immer?“

[das ist der Punkt, wo er besser nichts mehr sagt… nicken geht noch…]

©Sandra Matteotti

Ein neues Hobby

Er: „Was machst du denn so Anstrengendes, dass du schon zum dritten Mal laut stöhnst?“

Sie: „Du weisst doch, dass ich mir ein neues Hobby zulegen wollte, weil ich finde, dass jeder Mensch etwas haben sollte, mit dem er sich vom Alltag erholen kann, mit dem er ein bisschen mehr zu sich selber findet und ausgeglichener ist.“

Er: „Also ich habe nichts solches.“

Sie: „Das merkt man gut, darum bist du so unausgeglichen.“

Er: „Wenn du das sagst – aber was machst du denn nun zur Selbstfindung?“

Sie: „Ich klöpple, muss aber feststellen, dass es extrem langwierig ist, mit diesem Geklöppel eine einigermassen grosse Decke zu bekommen – das ist fast wie wenn ein dünnes Rinnsal durch ein Flussbett strömt und das Meer füllen sollte.“

Er: „Und du willst nun mit Klöppeln das Meer füllen?“

Sie: „Du verstehst mal wieder gar nichts.“

Er: „Du hast vom Meer gesprochen, aber was auch immer du füllen willst, Selbstfindung braucht halt Zeit.“

Er hatte kaum war das letzte Wort ausgesprochen, da wurde er auch schon von einem Klöppelhagel getroffen.

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Für die abc.etüden, Woche 48.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für Textwoche 46.17 kommt von Frau Myriade vom Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée, die Wörter lauten: Flussbett, langwierig, klöppeln.

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