Nur ein Esel bleibt stehen

Wenn wir einem Menschen einen Fehler vorwerfen, haben wir dann noch im Sinn, was er vorher alles richtig gemacht hat? Müssten wir es im Sinn haben? Was zählt im Moment? Für uns wohl oft gerade das, was uns stört. Nur: Was trägt das Miteinander? Was hat uns erst zusammen geführt?

Wie oft hängen wir Menschen an einzelnen Fehlern auf, vernachlässigen aber all das, was uns durch sie Gutes widerfährt? Und wie oft denken wir, dass das Leben viel einfacher wäre, wären sie nur ein wenig anders. Oder es wäre gar wer anders da, welcher das abdeckt, was wir grad vermissen.

Nur: Wieso ist der andere dazu da, uns das zu geben, was wir brauchen? Geben wir ihm alles? Können wir das? Kann überhaupt ein Mensch einem anderen all das geben, was dieser braucht, um glücklich zu sein? Muss er es tun?

Ich gebe zu, ich würde mir wünschen, dass die Menschen um mich glücklich sind, weil ich bin, wie ich bin. Und wenn ich etwas tun kann, was sie glücklich(er) macht, tu ich das gerne. ABER: Wenn dieses Glücklichmachen zu einer Pflicht und Erwartung wird, wenn der andere denkt, ich bin dazu da, ihn glücklich zu machen, und ich den Anspruch habe, das tun zu müssen, dann wird aus dem beabsichtigten Glück ganz schnell ein Unglück. Für beide.

Kant sagte einst, dass kein Mensch Mittel zum Zweck sein darf, jeder Mensch sei Zweck. Also bin ich nicht dafür da, andere glücklich zu machen – in der Funktion wäre ich nur Mittel. Ich selber muss glücklich sein. Wenn ich nun eine Beziehung eingehe, ist es mir natürlich ein Anliegen, dass auch mein Partner glücklich ist – schliesslich liebe ich ihn. Erich Fromm sagte von der Liebe, dass sie danach strebe, den anderen als den anzunehmen, der er ist, und sich dafür zu interessieren, dass er sich seinen Anlagen, seinem Sein gemäss zum bestmöglichen Ich zu entwickeln.

Alfred Adler fand, dass das Wir das Ich und Du übersteigen müsse, dass nicht das jeweils einzelne Glück, sondern das Glück zusammen zuoberst stünde. Ich finde beide Ansätze gut, kann sie beide nachvollziehen und befürworten, vor allem auch aus einem Grund: Das Ich tritt zurück aus seiner Selbstbezogenheit, richtet sich aus an einem Du (durch das es auch zum Wir wird). Nur: Das Ich muss dabei bestehen bleiben. Es gibt kein Wir ohne ein Ich. Und keiner sieht das Du, wenn das Ich verschwindet.

Wenn also unser Partner nicht in jedem Punkt so ist, wie wir ihn gerne hätten, stellt sich die Frage: Wieso wollen wir ihn genau so haben? Weil es für uns einfacher wäre? Weil wir selber uns an etwas stören, das uns selber Probleme bereitet und auf das wir durch ihn gestossen werden? Weil wir unsere eigenen Ansprüche so sehr über die des anderen stellen, dass wir es nicht mehr schaffen, über unseren eigenen Tellerrand hinauszuschauen?

Und ja, manchmal mag das Verhalten des anderen wirklich Grenzen sprengen, die wir mit allem Hinterfragen und aller Grossmut nicht mehr gutheissen können. Und vielleicht auch sollen (wer oder was hier auch immer Massstab sein mag). Wenn wir dann daran denken, was er uns alles Gutes tut, können wir vielleicht angemessener reagieren, als wenn wir ihn nur aufgrund eines für unschön befundenen Verhaltens einfach verurteilen. Und wenn wir uns zudem bewusst sind, dass auch uns durchaus das eine oder andere solche Verhalten passieren kann und wir dann für ein wenig Verständnis und den nötigen Blick aufs grosse Ganze dankbar wären, mag das durchaus helfen, sich anbahnende Konflikte im Keim zu ersticken durch eine angemessene Reaktion.

Manchmal gelingt das nicht beim ersten Schritt, man braucht einen zweiten Anlauf. Rom wurde auch nicht an einem Tag erschaffen. Beziehungen sind schliesslich und endlich Wege, die man geht. Zusammen. Und wenn man einmal auseinander driftet, braucht man Schritte. Aufeinander zu. Es kommt nicht drauf an, wer den ersten Schritt tut. Wichtig ist, dass er gemacht wird. Man stelle sich den sturen Esel vor, der durstig drauf wartet, dass der Brunnen sich ihm nähert. So möchte doch keiner sein, oder?

5 Comments

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  1. Damit ein Ich zum Wir wird muss aber diesem einen oder dieser einen die Fehler verziehen werden. Erst dann kann dieser Mensch in das Wir aufgenommen werden. Vielleicht war es auch kein Fehler, sondern einfach nur ein Missverständnis, das durch ein Gespräch geklärt werden kann. Du stellst das schon richtig fest, dass wir alle auf ein Wir zusteuern. Mir fällt das in letzter Zeit auch auf. Ich habe nichts dagegen, wenn es dann endlich keine Streitereien mehr gäbe.

    Wie damals in der Musik, finde ich mich heute in deinen Zeilen wieder. Ich bin gerade am gleichen Punkt wie du. Du formulierst das hervorragend.

    Wer gerne Musik hört schaut doch bitte mal auf meinem Blog vorbei: http://mymusicblog2020.wordpress.com

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  2. Das Drama beginnt bereits, wenn wir Menschen Fehler vorwerfen. Was ist richtig? Was ist falsch? Gibt es richtig und falsch? Wenn ich behaupte, 4 sei eine Primzahl, dann ist das falsch. Da gibt es wenig zu rütteln. So ist es in den meisten kognitiven Bereichen. Im zwischenmenschlichen Kontext ist ein „Fehler“ für den Fehlerentdecker zu oft ein Grund für Vorwurfshandeln. Du hast… Du bist… Merkst du denn nicht…Das kann doch nicht dein ernst sein… Würde es gelingen, im sozialen Kontext statt von Fehlern des Andern von eigener Betroffenheit zu reden, wären etliche Schritte zum Wir bereits gemacht. Fehlerkultur im sozialen Kontext heisst für mich, der Betroffenheit (und damit auch der Angst, der Verletztheit, der Enttäuschung) Raum zu geben damit Klärung Vorwürfe verdrängt.

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  3. Ein ionteressanter Gedanke. Ich glaube jedoch nicht des „Vorwerfen“ ein authentisches Gefühl ist sonder eher sublimiertes negatives Gefühl. Und dieses Gefühl ohne Vorwurfsmantel formulieren können wäre für mich dann authentisch.

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    • Ich hatte auch nicht den Vorwurf als authentisches Gefühl gemeint, sondern das, was du als eigene Betroffenheit nanntest. Ich denke, im Vorwurf steckt vieles, sicher auch Authentisches, doch als Gefühl würde ich ihn nicht bezeichnen wollen. Ich denke, er resultiert mehr aus einer Ansammlung von Gefühlen, Einflüssen, Prägungen, Mustern – oft auch unbewussten. Es ist das, was uns in dem Moment rational zur Verfügung steht. Es wäre wohl hilfreich, hinter diese Ratio zu blicken.

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