Keiner streitet ganz allein

„Beginne damit, dich selbst zu prüfen, und noch mehr, ende damit.“ (Bernhard von Clairvaux)

Menschen sind Beziehungswesen, ohne Beziehungen könnten sie nicht überleben. Das fängt bei der Geburt an, wo die Abhängigkeit von der Mutter körperlich und seelisch überlebensnotwendig ist, hört aber da noch lange nicht auf. Auch später noch sind wir auf Beziehungen, auf Menschen in unserem Umfeld angewiesen. Das Ich braucht ein Du, um als Ich zu überleben. Nur: So sehr wir andere Menschen brauchen, so oft geraten wir auch mit ihnen aneinander. So notwendig Beziehungen sind für unser Leben, so schwer sind sie oft zu leben.

Ein falsches Wort, unterschiedliche Ansichten, verschiedene Bedürfnisse, Missverständnisse – die Liste möglicher Gründe für Konflikte ist noch lange nicht erschöpft. Und wenn einer entsteht, reagieren wir, meist impulsiv, meist so, dass wir unsere Stellung verteidigen:

Du hast gesagt! Du hast getan! Weil du so warst, konnte ich nicht anders.

Wir schieben dem anderen die Schuld in die Schuhe, um selber aus der Schuld zu kommen. Lieber sind wir das Opfer im Konflikt, das nicht anders konnte, als der Täter, der alles verursacht hat. Schliesslich und endlich wissen wir, dass wir sicher nicht streiten wollten, wie kämen wir dazu? Also muss es am anderen liegen.

Nur: Stimmt das wirklich? Machen wir es uns damit nicht zu einfach? Und mittellangfristig eigentlich schwerer? Schlussendlich kamen wir gemeinsam an den Punkt, an dem wir sind. Das hat der andere nicht alleine getan. Konflikte sind immer eine Kette von Aktion und Reaktion. Die Schuldfrage löst dabei nur eine praktisch endlose Rückwärtskette aus, bei der immer der jeweils andere vorher etwas getan hat, was erst zu unserem Tun anstiess. Und während wir diese Kette in die Vergangenheit verfolgen, verstricken wir uns immer mehr in ein Ping Pong der Vorwürfe, drehen in einer Abwärtsspirale der negativen Gefühle und lassen die Situation mehr und mehr eskalieren.

Wem bringt die Schuldfrage etwas? Was genau erreichen wir, wenn wir einen Schuldigen haben? Wir könnten mit dem Finger auf ihn zeigen und wären selber reingewaschen. Stünden quasi auf dem Podest, während der andere bitte demütig Reue bekundet. Und dann? Dann würden wir so weiter leben bis zum nächsten Konflikt, der würde wieder gleich ablaufen, bis irgendwann das Gefälle zwischen Podest und Reue so gross wäre, dass es einem oder beiden verleidet, oder aber wir uns immer wieder von neuem Schmerz und Leid zufügen, ohne etwas daran verändern zu können.

Statt einen Schuldigen zu finden, wäre es vielleicht sinnvoller, wenn wir selber in uns gingen und nachschauten, was genau unser Anteil an dem Konflikt war. Haben wir nicht vielleicht doch falsch reagiert? Die Stimme zu schnell erhoben? Den Ton zu giftig gewählt? Einen Vorwurf ungerechtfertigt platziert? Verletzt reagiert aufgrund einer alten Verletzung statt aufgrund der aktuellen Situation? Zudem könnten wir auch versuchen, Verständnis für das Verhalten des anderen aufzubringen. Nicht nur wir wollen keinen Streit, der andere will ihn sicher genauso wenig. Wieso sonst wären wir in einer Beziehung (wie auch immer sie geartet ist, hier aber als positiv gefühlte gemeint)? Mit der nötigen Selbstreflexion und dem nötigen Verständnis könnte es uns gelingen, statt immer weiter in die Abwärtsspirale zu geraten, uns zu finden in einem verständnisvollen Miteinander. Wir könnten aufeinander zugehen, statt Fronten aufzubauen. Wir könnten hinschauen, was uns an den Punkt gebracht hat, um in einem nächsten Fall vielleicht früher anders reagieren zu können oder solche Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen.

Alfred Adler sagte, dass in der Liebe das Wir das Ich und Du übersteige, weil nur, wenn das Gemeinsame über dem je Einzelnen stehe, diese wirklich gelebt werde. In Konflikten geht das oft vergessen. Wir sehen nur noch uns selber, kämpfen mit Worten um einen vermeintlichen Sieg. Wir wollen den anderen schlagen mit unseren Argumenten, befinden uns sprichwörtlich in einer Kriegssituation. Wie wäre es, wenn wir stattdessen mit ihm tanzen würden? Wenn wir versuchen würden, uns zurück in den Gleichtakt zu bringen, bei dem wir uns umkreisen, miteinander drehen, statt gegeneinander zu stehen? Dann wäre das Ziel nicht die Schuldigkeit des anderen oder der eigene Sieg, dann wäre das Ziel, gemeinsam in Harmonie und innig umarmt durchs Leben zu tanzen. Im Wissen, dass so ein Tanz nur zu zweien funktioniert.

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