#abcliteraturchallenge – Runde 2

img_2432Ich habe ja vor einiger Zeit auf Instagram eine #abcliteraturchallenge gemacht, daraus entstand dieser Artikel: HIER

Gerade lief die zweite Runde aus, dieses waren die Bücher, die ich auswählte:

A: Hannah Arendt: Denktagebücher
Nirgendwo taucht man so tief in ihr Denken, in ihren Arbeitsprozess, in ihr Dichten auch ein wie hier. Und man lernt unglaublich viel kennen und wird auch selber immer wieder zum Denken angeregt!

B: Gottfried Benn: Gedichte
Ein vielseitiger, tiefgründiger Dichter, welcher wie kein anderer Tabuthemen wie Krankheit, Verwesung und Tod aufgriff, aber auch in ehrlichen, poetischen Versen voller Melancholie und Feingefühl. Der Band enthält seine Gedichte von den frühen bis zu den späten und lässt so gut die Entwicklung Benns erkennen, sowohl inhaltlich wie auch sprachlich und formal.

C: J. M. Coetzee: Die jungen Jahre
Autobiographie, Künstlerroman und Zeugnis einer Zeit und eines Zeitgefühls. Die Suche nach dem eigenen Platz in dieser Welt beschrieben in einer oft poetisch anmutenden Sprache. Sehr berührend!

D: Friedrich Dürrenmatt: Stoffe I-III und IV-IX
Mein Lieblingsschweizer mit Humor, Biss und Tiefgang liefert hier eine Art poetischer Autobiografie, die zugleich beispielhaft für sein philosophisches Denken und seinen scharfen Blick auf sich und vor allem die Welt ist.

E: T. S. Eliot: Gesammelte Gedichte
„Ich verbrachte mein Leben mit Versuchen, mich selbst zu vergessen. Versuchen, mich mit der Rolle zu identifizieren, die ich mir gewählt hatte.“ Das lässt Eliot seinen Lord Claverton sagen und es steckt nur schon in diesen zwei Versen unglaublich viel drin: über sein Denken, seine Zeit, den Menschen generell in seinem täglichen Tun. Berühmt wurde Eliot vor allem für „The Waste Land“, aber auch seine übrigen Gedichte sind sehr zu empfehlen.

F: Claire Fuller: Eine englische Ehe
„Was ich wirklich liebe: Wie wir damals waren und wie wir hätten werden können.“ Ein wunderbares Buch über die Liebe, über Träume, Verletzungen, das Älterwerden, Hoffnung und vieles mehr. Für mich das grosse Highlight unter den Neuerscheinungen.

G: Françoise Gilot: Mein Leben mit Picasso
Françoise Gilot schreibt über ihre Zeit an der Seite des wohl grössten Künstlers: Pablo Picasso. Eine wunderschöne Liebesgeschichte, die aber für beide Seiten auch schmerzhaft war. Zudem die Geschichte einer starken Frau.

H: Patricia Highsmith: Ediths Tagebuch
Ediths Tagebuch handelt von der Sehnsucht einer Frau nach einem harmonischen Familienleben, allerdings sitzt dieselbe in der amerikanischen Pampa, wird vom Mann betrogen, dessen Onkel sie dafür pflegen soll und kämpft mit einem egoistischen Sohn. Um der Öde zu entkommen, schreibt sie von ihrem imaginären Wunschleben in ihr Tagebuch.

I: Kazuo Ishiguro: Die Ungetrösteten
Die Geschichte eines Konzertpianisten, der von verschiedenen Menschen um Gefallen gebeten wird und darüber sein eigenes Leben mehr und mehr aus den Augen verliert.

J: Uwe Johnson: Die Mutmassungen über Jakob
Ein Buch über den Tod von Jakob Ab: Wie kam er, der ins Visier der Staatssicherheit gekommen war, ums Leben? War es Mord, Selbstmord oder ein Unfall? Ein Roman über die Suche nach Wahrheit , ein Roman auch über die Verhimg_2387ältnisse in der DDR.

K: Franz Kafka: Das Schloss
Das Schreiben sollte für ihn therapeutische Wirkung haben, er litt unter psychischen Problemen und wollte sich quasi auf einen friedlichen Tod hinschreiben, zu gross war in ihm die Vorstellung eines baldigen Endes. Entstanden ist ein skurriler, grotesker Roman, ein Meisterwerk der Literatur.

L: Harper Lee: Wer die Nachtigall stört
Es gibt wohl kaum einen liebenswürdigeren Protagonisten als Atticus Finch. Die Geschichte eines liebevollen Vaters, der seinen Kindern die Werte des friedlichen Miteinanders vorlebt, der einsteht für seine Überzeugungen und sich einsetzt im Kampf gegen Rassismus und Ungerechtigkeit. Ein Mensch mit dem Herzen auf dem richtigen Fleck. Eigentlich müsste das Buch Pflichtlektüre sein, es schlägt alle langatmigen philosophischen Abhandlungen über Sitte und Moral auf wunderbare Weise. Toll übrigens auch die gelungene Verfilmung mit Gregory Peck.

M: Heinrich Mann: Professor Unrat
Die Tyrannei des kleinen Mannes, erzählt als eine makabre Groteske.

N: Friedrich Nietzsche
Keine leichte Kost. Für einmal kein theoretisches Buch, Nietzsche schreibt in hymnischer Prosa über den Denker Zarathustra und legt diesem eigentlich die eigene Philosophie in den Mund. Dabei hält er die zeitgenössische Leserschaft für dem Werk nicht gewachsen, weswegen er es auch ein Buch für Alle und Keinen nennt.

O: Lori Ostlund: Das Leben ist ein merkwürdiger Ort
Die Geschichte von Aaron Englund, der nach vielen Jahren Beziehung und 149 Einträgen in seinem persönlichen Klagenkatalog beschliesst, nochmals neu anzufangen und sein Leben hinter sich zu lassen. Er fährt nach San Francisco, findet einen Job sowie eine neue Unterkunft und merkt dann, dass er etwas mitgenommen hat: seine Vergangenheit in Form von vielen Erinnerungen.

Sylvia Plath: Die Tagebücher
Die Tagebücher einer sensiblen, melancholischen, mit sich unbarmherzigen, intensiven, zerrissenen, nach Anerkennung dürstenden Dichterin.

Q musste leider ausfallen

img_2439R: Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte
Das ist eines der Bücher für die berühmte einsame Insel für mich. Dadurch, dass von den frühen bis zu den späten Gedichten alle da sind, kann man Rilkes Entwicklung als Dichter schön nachvollziehen. Der eher schwülstig flache Jungdichter entwickelt eine Sprachprägnanz und Bildkraft, arbeitet mit Rhythmus und Enjambements mit einem Können , das seinesgleichen sucht. Ich habe mich wohl grad als Fan geoutet.

S: Arthur Schnitzer: Der Weg ins Freie
Eine Geschichte über die Liebe, das Streben nach Freiheit, Ausbrüche und Lebenslügen. „Ungetrübte Erinnerungen bewahren wir doch nur an versäumte Gelegenheiten.“

img_2474T: George Tabori – verschiedene Werke
Mein T widmete ich einem Autoren, nicht einem seiner Werke: George Tabori, der sich in seinen Werken mit Themen wie Rassismus und Diskriminierung auseinandersetzte, der unermüdlich die Gräueltaten, die Menschen einander antun und vor allem im Zweiten Weltkrieg angetan haben (Taboris Vater starb in Auschwitz), thematisierte.

Das eine U, das in meinem Regal steht, brachte ich schon letztes Mal, so dass das U dieses Mal ausfallen musste.

V: Voltaire: Über die Toleranz
Dass das Buch aktueller denn je ist, zeigt das Zitat: „Was soll man einem Menschen entgegenhalten, der sagt, er wolle lieber Gott als den Menschen gehorchen, und daher überzeugt ist, in den Himmel zu kommen, wenn er einem den Hals abschneidet?“

img_2488W: Oscar Wilde: Bunbury
Wildes letzte Komödie handelt von Dandys und Liebeleien, kommt in locker-flockigem Stil mit viel Humor daher und ist doch bitterböse Gesellschaftskritik.

Mit dem X ist es jedes Mal dasselbe: Ich habe keines.

Y: Irvin D. Yalom: Die Liebe und ihr Henker
Yalom plaudert aus dem Nähkästchen der Psyhoanalyse, entstanden sind unterhaltsame Geschichten rund um die Menschen, ihre Beziehungen, Sorgen und Absurditäten.

Z: Emile Zola: Das Kunstwerk
Zola beschreibt einen an sich selber verzweifelnden Künstler, der schliesslich nur einen heilsamen Weg sieht: Selbstmord.

Es war eine schöne Runde, ich glaube, ich mache wohl noch eine Runde, dann werde ich aber die Titel dem ABC entlang laufen lassen. Start ist am 1. Juli, vielleicht macht jemand auf Instagram mit?

Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche

Ein Sittengemälde aus dem gebirgigen Westfalen

Inhalt

Friedrich Mergel startet alles andere als gut ins Leben: Der Vater ein Säufer, die Mutter – schön, stolz und fromm – ist nach dem Tod ihres Mannes mit allem überfordert und mausarm, so dass er schon früh die Härte des Lebens kennenlernt. Durch seinen Onkel wird er zudem in unlautere Machenschaften verwickelt. Bei dieser Vorgeschichte ist es kaum verwunderlich, dass der Verdacht auf ihn fällt, als die Leiche des ermordeten Juden Aaron gefunden wird.

Friedrich Mergel kommt als Sohn des Säufers Friedrich Mergel und der stolzen und schönen Margret Semmler in einem kleinen westfälischen Dorf auf die Welt. Schon früh nimmt sein Leben einen schwierigen Gang, sein Vater stirbt, als Friedrich neun Jahre alt ist, Armut ist das Los von Friedrich und seiner Mutter. Friedrich arbeitet als Kuhhirt, bis ihn sein Onkel Simon Semmler unter die Fittiche nimmt und ihm durch dunkle Geschäfte zu etwas Geld verhilft. Bei seinem Onkel lernt er auch dessen unehelichen Sohn, den Schweinehirten Johannes Niemand kennen, die zwei werden unzertrennlich.

Friedrich ist Teil der sogenannten Blaukitte,, welche im Dorf immer wieder Holz stehlen. Als bei einem solchen Vorfall der Oberförster Brandis zu Tod kommt (Friedrich hat durch einen warnenden Pfiff an seine Mitganoven eine Teilschuld), meldet sich Friedrichs Gewissen – doch die Geschichte lässt sich nicht mehr drehen, das Unheil nimmt seinen Lauf, Friedrich kann den Pfad von Gewalt und Vergehen nicht mehr verlassen.

Auf einer Hochzeitsfeier wird Friedrich vom Juden Aaron gedemütigt, kurz darauf findet man dessen Leiche im Brederwald unter einer Buche. Der Verdacht fällt auf Friedrich, welcher zusammen mit Johannes Niemand flieht. Zwar gesteht kurze Zeit darauf jemand anderes den Mord, Friedrich bleibt aber verschwunden. Erst nach 28 Jahren, die Tat ist mittlerweile verjährt, kehrt Friedrich heruntergekommen und verkrüppelt zurück – er ist unterzwischen in türkischer Gefangenschaft gewesen – und bestreitet fortan einen kargen Lebensunterhalt durch Botengänge. Hartnäckig meidet er den Brederwald, welcher ihn aber doch immer anzieht. Schliesslich erhängt er sich an der Buche, unter welcher Aaron damals (von ihm) ermordet gefunden worden ist.

Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.

Entstehung

Die Novelle von Annette von Droste-Hülshoff ist 1842 im Cotta’schen Morgenblatt für gebildete Leser erschienen. Sie beruht auf einer wahren Gegebenheit, von welcher die Autorin seit ihren Kindertagen durch Erzählungen Kenntnis hatte. Ihr Onkel August von Haxthausen hatte seinerseits die ganze Ursprungsgeschichte anhand von Gerichtsakten aufgezeichnet und sie unter dem Titel Geschichte eines Algier Sklaven veröffentlicht. In Die Judenbuche erfand Annette von Droste-Hülshoff quasi eine Vorgeschichte zu dieser wahren Geschichte.

Zum Werk

In ihrer Novelle gelingt es Annette von Droste-Hülshoff, begangenes Unrecht als eine Folge der Verhältnisse in der Gesellschaft darzustellen. Sie beschreibt diese Gesellschaft selber dadurch als problematisch, als

die Begriffe von Recht und Unrecht einigermassen in Verwirrung geraten waren.

Neben dem eigentlichen Recht hat sich ein zweites, von den Mitgliedern der Gesellschaft selber bestimmtes eingebürgert, welches sich in der öffentlich geäusserten Meinung niederschlug und durch entsprechendes Verhalten oder Nicht-Verhalten Vergehen gegen so gedachte Ordnungen ahndete – oder ignorierte.

es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung.

Droste-Hülshoff legt diese Mechanismen anhand des Einzelschicksals von Friedrich Mergel dar, welcher schon von Geburt kaum eine Chance auf ein erfolgreiches Leben hat, sein Schicksal wird ihm quasi in die Wiege gelegt dadurch, dass schon der Vater ein „gänzlich verkommenes Subjekt“ ist.

Die Natur fungiert in dieser in einem westfälischen Dorf spielenden Geschichte als Zeuge und Richter. Alles, was passiert, geschieht im Brederwald, der Tod von Friedrichs Vater, der von Förster Brandis sowie der spätere Mord an Aaron in der Nähe der Buche, die so zum Dingsymbol für das Unheil wird. An dieser Buche erhängt sich schliesslich Friedrich auch, als er mit der auf sich geladenen Schuld nicht mehr umgehen kann. Damit erfüllt er den Spruch, der als Mahnung an den Judenmord 28 Jahre zuvor in die Rinde geschnitzt worden war:

Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.

Annette von Droste-Hülshoff

Annette von Droste-Hülshoff wurde 1797 bei Münster geboren und zeigte schon früh literarisches Talent. Neben dem beschaulichen Leben im Münsterland reiste sie gern und viel, nach der Hochzeit ihrer Schwester und deren Wegzug nach Meersburg am Bodensee bevorzugt dahin, so dass sie den Ort bald als zweite Heimat erlebte und 1844 vor Ort auch selber ein Haus erwarb, wo sie ab 1846 ganz wohnen blieb und 1848 starb.

Bittersüsses Leben

Gefangen im dunklen Bunker der Ängste
krebs’ ich zurück und decke mich zu.
Was hier eingestürzt ist die längste
Zeit, machte so müde, nun such ich nur Ruh.

Träume vom Leben mit Farben und Sommer
blüten, so süss und so fein.
Es ist oft einfach Wunsch nur, ein frommer,
und doch kann’s so ab und an sein.

So ist wohl das Leben denn mitunter bitter
und süss auch mit Sonne, Gewitter
Wolken, die ziehen – und dann kommt der Knall.

Ich stelle mir vor, sie wären nur Decken, die
einhüllen, schützen, dass von den Blüten sie
Erinnerung sind, ein Nachhall.

©Sandra Matteotti

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2017_24-17_3_drei

Für die abc.etüden, Woche 24.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von Sabine Wortgeflumsel (wortgeflumselkritzelkram.wordpress.com) und lauten: Bunker, Sommerblüten, bittersüss.

Der Ursprungspost: HIER

 

Hermann Hesse: Der Steppenwolf – ein Abgesang

Ein Sonderling, gebildet, das Bürgertum verachtend, nicht davon loskommend. Er ist ach so leidend und analysiert sein Sein und sein Leiden am Sein. Über Seiten. Und er dreht im Kreis. Immer wieder definiert er sich. Als Wolf. Und er definiert seine Abneigung gegen das Bürgertum und konstatiert seine Anhänglichkeit an dasselbe. Und dann verzweifelt er wieder. Und hadert mit dem Sein, liebäugelt mit dem Nicht-mehr-Sein, vor dem er sich aber doch fürchtet und plötzlich wieder dem Sein anhängt.

Anfangs fand ich ein paar Stellen, die ich grossartig fand. Dann wurden es weniger. Dann noch weniger. Dann war es bemühend. Dann ödete es mich an. Dann kämpfte ich, weil es ja ein Klassiker ist. Und dann gab ich auf.

So viel Pseudo-Psychologie. So viel Innensicht, die im Kreise dreht. So viele Klischees, die wie ein Steak in der Pfanne gedreht und gewendet werden.

Ich bekenne mich schuldig: Ich kann Hesses Prosa kaum lesen. Ich liebe seine Gedichte, seine Romane sind für mich schlicht psychologisierendes, klischeehaftes, zu Offensichtliches als tiefgründige Erkenntnisse erzählendes Schreiben.

Und ja, nun frage ich mich natürlich: Was ist falsch mit mir? Ich erinnere mich an meine Anfänge im Germanistik-Studium. Ich war jung und traf den einen oder anderen Mann. Man diskutierte und immer kriegte ich erst zu hören:

Ich lese nicht gerne.

Knapp gefolgt von:

Aber Hesse, den las ich gerne.

Ich habe Hesse gemieden, da alle, die nicht gerne lesen, ihn mochten. Das war kindisch. Aber ich war jung. Ich lernte seine Gedichte kennen, ich liebte (und liebe noch immer) sie. Ich las das eine oder andere Werk von ihm, die kurzen gingen grad noch, die langen waren tödlich. Und nun wollte ich einen neuen Anlauf starten. Am Anfang war ich begeistert, es liess schnell nach.

Darf man das sagen? Er ist ja… einer der Grossen. Muss man den mögen? Was ich grosse Literatur? Ich bleibe dabei – für mich: Er ist ein grossartiger Lyriker, in der Kürze trifft er Gefühle, Erfahrungen, Erkenntnisse. Auf den Punkt. Aber in der langen Form schweift er aus. Er packt die selben kurzen Erkenntnisse in Schleifen, Packpapier, Tüll und verziert mit Blumen. Oder er dreht im Kreis. Immer und immer wieder. Und ich würde gerne schreien:

Ich habe es begriffen!!!!

Aber er kann mich nicht mehr hören, es bleibt nur noch:

Buch zu. Ende. Aus.

Annette Droste-Hülshoff: Die Judenbuche (Rezension)

Mörderjagd auf dem Dorfe

Das zweite Jahr dieser unglücklichen Ehe ward mit einem Sohne – man kann nicht sagen – erfreut; denn Margareth soll sehr gewint haben, als man ihr das Kind reichte.

DrosteJudenbucheFriedrich Mergel startet alles andere als gut ins Leben: Der Vater ein Säufer, die Mutter zwar herzensgut, nach dem Tod ihres Mannes aber mit allem überfordert und mausarm, lernt er schon früh die Härte des Lebens kennen. Durch seinen Onkel wird er zudem in unlautere Machenschaften verwickelt. Bei dieser Vorgeschichte ist es kaum verwunderlich, dass der Verdacht auf ihn fällt, als die Leiche des ermordeten Juden Aaron gefunden wird, zumal dieser ihn kurz zuvor auf einer öffentlichen Feier blossgestellt hat.

Die Novelle von Annette von Droste-Hülshoff ist 1842 im Cotta’schen Morgenblatt für gebildete Leser erschienen und porträtiert eindrücklich das Leben auf dem Lande im 19. Jahrhundert.

Unter höchst einfachen und häufig unzulänglichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und Unrecht einigermassen in Verwirrung geraten, oder vielmehr, es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung.

Auf anschauliche Weise erfährt man von den Intrigen und Machenschaften der kleinen Ganoven sowie von den Verurteilungen derer, die den allgemeinen Ansprüchen nach einem guten und richtigen Leben nicht genügen.

Die hier vorliegende Ausgabe aus dem Dörlemann Verlag ist durch ein Nachwort der Autorin Droste-Hülshoff sowie einen kleinen Lebenslauf derselben ergänzt und besticht durch seine liebevolle und hochwertige Gestaltung.

Fazit:
Eine kurzweilige, kriminalistisch anmutende Novelle aus dem 19. Jahrhundert liebevoll neu aufgelegt. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Annette Droste-Hülshoff
Annette von Droste-Hülshoff wurde 1797 bei Münster geboren und zeigte schon früh literarisches Talent. Neben dem beschaulichen Leben im Münsterland reiste sie gern und viel, nach der Hochzeit ihrer Schwester und deren Wegzug nach Meersburg am Bodensee bevorzugt dahin, so dass sie den Ort bald als zweite Heimat erlebte und 1844 vor Ort auch selber ein Haus erwarb, wo sie ab 1846 ganz wohnen blieb und 1848 starb.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
Verlag: Dörlemann (15. August 2016)
ISBN: 978-3038200376
Preis: EUR 14 / CHF 22.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Heinrich Mann: Professor Unrat

Inhalt

Ein tyrannischer Schulprofessor verspricht jedem ungehorsamen Schüler – und für ihn sind sie alle ungehorsam – den Untergang. Bei diesem Vorhaben stösst er auf die Künstlerin Rosa Fröhlich, setzt für sie alles aufs Spiel, verfolgt mit ihr sein Ziel, die zu Stürzenden zu Fall zu bringen und stürzt nach einer intensiven und machtvollen Phase selber ab.

Da er Raat hiess, nannte die ganze Schule ihn Unrat, Nichts konnte einfacher und natürlicher sein.

Seit 26 Jahren ist der Gymnasiallehrer Raat Lehrer am Gymnasium einer nordischen Kleinstadt, alle ansässigen Bürger kennen ihn und damit auch seinen Übernamen, den er seiner Unbeliebtheit – er ist alles andere als ein zugewandter Lehrer, seine Mittel und Methoden sind tyrannisch, feindselig und schikanös – verdankt: Professor Unrat. Da er dies nicht auf sich sitzen lassen will, sinnt er auf Rache, besonders die drei Schüler Kieselack, von Erztum und Lohmann hat er dabei im Visier.

Als Unrat per Zufall auf ein Gedicht Lohmanns an eine Künstlerin stösst, wittert er seine Chance, weil er ein unsittliches Verhältnis des verhassten Schülers annimmt. Er macht sich auf die Suche nach der Künstlerin Rosa Fröhlich. Schon die Suche läuft wie im Fieberwahn ab. Als er schliesslich in die Gaststätte „Blauer Engel“ kommt, sieht er sich am Ziel. Nicht nur ist der Zuschauersaal gefüllt mit dem ganzen minderwertigen Pöbel, gegen das er grösste Abscheu hegt, auch findet er da die gesuchte Künstlerin und die verfolgten Schüler, welche ihm aber entkommen können.

Unrat verliebt sich in die bunte Künstlerin, geht fortan täglich in das Etablissement – einerseits, um den Schülern doch noch auf die Schliche zu kommen, andererseits, um zu verhindern, dass jemand anders der Künstlerin zu nah kommt. Rosa Fröhlich lässt sich auf Unrat ein, worauf dieser ihr alle Wünsche erfüllt, von teuren Speisen und Kleidern angefangen bis hin zu einer eigenen Wohnung. In ihr sieht er eine Gleichgesinnte, etwas, das er im ganzen Ort nicht kennt und auch im ganzen Leben nie kannte.

Sein Verhältnis mit der Künstlerin macht die Runde im Ort, zuerst wird er zum Gespött und Gemiedenen, dann verliert er die Stelle an der Schule. Rosa und Unrat heiraten, sie leben fortan in der Unratschen Villa vor dem Tor der Stadt. Durch die fehlenden Einkünfte in finanzielle Not gelangt, fängt Unrat auf Anraten Rosas an, privat zu unterrichten, allerdings wird aus dem Unterricht bald ein Festgelage, das sich immer mehr ausweitet und die Bürger der Kleinstadt zu Spiel und Wein in die Unratsche Villa lockt. Indem sich Rosa mit ihnen einlässt, stürzt einer nach dem anderen aus seinem wohleingerichteten Leben, Unrat sieht sich am Ziel, es allen heimzuzahlen, welche ihn je gedemütigt haben. Das Geld fliesst in Strömen, Rosa und Unrat leben in Saus und Braus, doch dann kommt es zu Engpässen, die Schulen häufen sich.

Am Ende tritt Lohmann, welcher zu Schulzeiten Unrats grösstes Feindbild war, erneut in das Leben der beiden. Er bietet Rosa an, alle ihre Schulden zu tilgen, legt ihr seine gefüllte Brieftasche auf den Tisch. Unrat kommt dazu, er tobt vor Eifersucht, geht Rosa körperlich an und flieht dann mit Lohmanns Brieftasche. Das Ehepaar Raat wird verhaftet, womit der Tyrann gestürzt ist und das gemeine – und vorher den Gelagen im Unratschen Haus nicht abgeneigte – Volk wird wieder zu ehrbaren Bürgern,

Entstehung

Professor Unrat erschien 1905, seine Niederschrift hatte nach Heinrich Manns eigenen Aussagen nur wenige Monate gedauert.

Während Heinrich Mann sich in seinen vorherigen, nach 1900 erschienen Romanen mehrheitlich mit der bürgerlichen Gesellschaft der Grossstadt befasst und – als Kritik an der Décadence – deren Verfall analysiert hat, wendet er sich im vorliegenden Roman der Provinz zu. Dass der Roman in Lübeck spielt, ist kein Geheimnis. Die Stadt hat in der wilhelminischen Monarchie einen Sonderstatus im Vergleich mit anderen deutschen Städten, da in ihr eine republikanische Verfassung gilt, so dass sie statt von einem Monarchen von den reichen Kaufmännern und traditionellen Patrizier beherrscht wird. Für die Unterschicht, die einfachen Bürger bedeutet das, dass sie kaum Rechte hat.

Das gesellschaftliche und vor allem schulische Klima ist durchdrungen von sturen Prinzipien und Grundsätzen, es gilt Zucht und Ordnung.

Zum Werk

MannUnratDer Roman lässt sich einerseits als Schulsatire lesen, hat aber eine noch viel tiefere Bedeutung auf einer zweiten Ebene: Es ist eine sozialpathologische Studie, welche den einzelnen Menschen mit seinem durch Leiden und unterdrückte Triebe gesteuerten Handeln, welches sich in Machtanspruch und Tyrannei ausdrückt. Der in seinem Selbstbewusstsein erschütterte Professor Unrat sinnt auf Rache und lebt diese mit einer schon krankhaften Leidenschaft aus. Sein Blick ist von den eigenen Vorstellungen verstellt, die Realität unterliegt diesen.

Der Roman Heinrich Manns ist eine bitterböse Gesellschaftssatire, welche die kleingeistigen Bürger einer nordischen Kleinstadt – welche unschwer als Lübeck zu erkennen ist – in ihrer Doppelmoral blossstellt. Selber auf Sitte und Anstand pochend und Vergehen dagegen verurteilend, erliegen sie alle dem Reiz des anrüchigen Angebots der Unratschen Villa vor dem Tor – es ist durchaus sinnig, dass die Villa nicht innerhalb der Stadtmauern ist – und lassen sich auf unlautere Amouren mit der Künstlerin Fröhlich ein: Sitte und Anstand liegen in Trümmern. Der vorher verspottete Unrat ist nun der sie alle umstürzende Alleinherrscher, bis er selber gestürzt wird und die Kleinstadt sich wieder hinter ihre Fassade von Anständigkeit und Moral zurückziehen kann.

Liest man den Roman nach dem Zweiten Weltkrieg, könnte man Heinrich Mann fast schon eine prophetische Sicht unterstellen mit seinem Sturz des Tyrannen.

Heinrich Mann

Luiz Heinrich Mann wird am 27. März 1871 in Lübeck als Sohn des Lübecker Kaufmanns Thomas Johann Heinrich Mann und dessen Ehefrau Julia da Silva-Bruhns geboren, er hat vier Geschwister, darunter Thomas Mann. Nach dem vorzeitigen Austritt aus dem Gymnasium beginnt er eine Buchhändlerlehre, die er abbricht und danach Volontär im Fischerverlag in Berlin arbeitet. Nebenher besucht er Vorlesungen an der Friedrich-Wilhelms-Universität. 1893 zieht die Familie Mann (der Vater war gerade gestorben) nach München. Heinrich Mann reist in der Folge viel, teilweise zusammen mit seinem Bruder Thomas. 1931 wird Heinrich Mann Präsident der Sektion Dichtkunst der Preussischen Akademie der Künste. 1939 heiratet er die Schauspielerin Nelly Kröger, mit ihr, dem Neffen Golo Mann und dem Ehepaar Werfel flieht er 1940 über Spanien und Portugal in die USA, wo er sich kulturell fremd fühlt und sich finanziell nicht mehr fängt. Er wird deshalb von seinem Bruder Thomas Mann unterstützt. 1944 nimmt sich Nelly Mann das Leben, sie hat schon lange an einem Alkoholproblem gelitten. Eine neue Chance tut sich für Heinrich Mann 1949 auf: Er wird zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt. Heinrich Mann stirbt aber noch vor seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1950.

Anne Bertheau: „Das Mädchen aus der Fremde“: Hannah Arendt und die Dichtung (Rezension)

„Man vergisst mich leicht, wenn man meine Traurigkeit vergisst.“

Die Fremde,
die Dir selber fremd,
sie ist:
Gebirg der Wonne,
Meer des Leids,
die Wüste des Verlangens,
Frühlicht der Ankunft.
[…]

BertheauArendtDie Denkerin Hannah Arendt ist seit langem bekannt, die Dichterin wurde bislang wenig beachtet, obwohl Dichtung für Hannah Arendt zeitlebens sehr wichtig war, Heinrich Blücher bezeichnete die Dichtung sogar als Hannah Arendts Heimat – er bezog dies auf ihre eigene Dichtung.

Anne Bertheau geht dieser Dichtung im vorliegenden Buch auf den Grund. Sie tut dies, indem sie sie in der Zeit und damit in Arendts Biographie verortet, immer auch mit Blick auf die theoretischen Werke, die in derselben Zeit entstanden sind. Von Hannah Arendt sind keine Tagebücher im persönlichen Sinne überliefert. Ihr Denktagebuch (LINK) offenbart wenig von ihrem Seelenleben, es ist mehr Zeugnis ihres täglichen Denkens und Arbeitens. Will man mehr über den Menschen und die inneren Vorgänge Arendts erfahren, sind neben ihren zahlreichen Briefen, die das eine oder andere offenbaren, die Gedichte einziges Zeugnis.

Das Buch umfasst drei Teile:

  • Teil 1 behandelt Hannah Arendts eigene Lektüre von Lyrik, ihre Kontakte zu Dichtern als auch poetische Korrespondenzen.
  • Teil 2 wendet sich Arendts theoretischen Aussagen über Sprache allgemein und Dichtung im Besondern zu. Dabei verfügt Arendt über keine eigentlich eigene Ästhetik, vielmehr sind es Gedanken, die sie im Zuge ihrer theoretischen Werke macht, sei es für Vita Activa, wo Kunst als Oberbegriff des Herstellens fungiert, oder für Vom Leben des Geistes, welche sich mit der Metapher und dem Unsagbaren beschäftigt und diese dem Denken unterstellen.
  • Teil 3 setzt schliesslich Arendts eigene Dichtung und ihre Gedanken zu gelesener Dichtung in Beziehung und analysiert, wie das eine das andere beeinflusst hat.

Hannah Arendt war eine Vielleserin und sie las alles: Philosophie, Dichtung sowie Romane (mehrheitlich der deutschen und französischen Literatur). Neben der eigenen Dichtung verspürte sie schon als Kind den Drang, selber zu erzählen und zu gestalten. Gerade aber das Poetische bereitete schon dem Kind Hannah Freude und sollte ihre Dichtung auch prägen, nennt sie doch selber „das poetische der Kinderzeit als Urquell der Dichtung“ und fügt an:

Unausrottbar ist das Poetische, solange es noch das Wundern gibt, das wir in der Kindheit gelernt haben.

Am Dichten mag Hannah Arendt wohl vor allem eines gefallen haben: Die Klarheit der Worte, war sie doch auch im Denken auf Klarheit aus, wollte verstehen, wollte die Dinge auf den Punkt bringen.

Die Allgemeinheit des Dichterischen ist nur verbindlich, wenn sie aus der letzten und schärfsten Genauigkeit des Wortes entspringt, wenn sie jedes Wort beim Worte nehmen weiss.

Es ist Anne Bertheau gelungen, die Dichtung Hannah Arends einerseits im Leben und Denken derselben zu verorten, sowie auch die Einflüsse anderer Menschen auf diese Dichtung offenzulegen. Sie tut dies auf eine sehr kompetente, umfassende, informative und trotzdem gut lesbare Weise.

Fazit:
Eine sehr umfassende, informative und kompetente Analyse von Hannah Arendts eigenem Dichten und deren Verständnis von Dichtung generell. Absolute Leseempfehlung

Zur Autorin:
Anne Bertheau
Anne Bertheau (Dr. phil.), geb. 1971, verfasste ihre Doktorarbeit zu Hannah Arendt und Dichtung an der Universität Paris IV, Sorbonne. Sie forscht zu Hannah Arendt sowie zu dem Revoltebegriff bei Albert Camus (Postdoc-Stipendium DAAD, Maison des Sciences de l’Homme).

Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: transcript; Auflage: 1 (3. Juni 2016)
ISBN-Nr: 978-3837632682
Preis: EUR 44.99; CHF 5.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH sowie beim Verlag selber.

Markus Günther: Weiss (Rezension)

Das Leben eine einzige Lüge?

Inhalt
Die Liebe zwischen zwei Menschen bleibt dem Rest der Welt immer unverständlich.

Hannah, kühl analysierende und rationale Staatsanwältin, und Jo, sensibler, kreativer Architekt, sind seit vielen Jahren glücklich verheiratet. Zwischen ihnen herrscht die Vertrautheit der Zeit, über die Jahre hat man den anderen in seinen Bewegungen, Worten, Eigenarten kennengelernt.

War da überhaupt jemand? Der erste Schrecken warf sie zurück, beinahe so, als suchte sie sich rasch zu verstecken. Doch so weit hatte sie gar nicht gedacht. Es war eine unwillkürliche Reaktion gewesen, ein Zurückweichen wie beim Überqueren einer Strasse, wenn man plötzlich die Gefahr spürt, die von einem herannahenden Fahrzeug ausgeht, das man nicht wahrgenommen hatte und jetzt in letzter Sekunde im Augenwinkel näher kommen sieht.

Als Hannah eines Tages früher als geplant nach Hause kommt, macht sie eine erschütternde Beobachtung, die alles, worauf sie gebaut hat, einstürzen lässt. Fieberhaft drehen die Gedanken, immer wieder versucht sie, das Gesehene mit juristischer Klarheit zu fassen, um dann wieder von den eigenen Emotionen mitgerissen zu werden.

Nur sie allein konnte entscheiden, was jetzt zu tun war.

Beurteilung
GüntherWeissMarkus Günther erzählt seinen Roman aus der Sicht seiner Protagonistin Hannah. So sieht der Leser das Geschehen und die gemeinsame Vergangenheit von Hannah und Jo aus ihrem Blickwinkel und wird mitgerissen in ihre gespaltenen Gefühle, in ihre Versuche, alles einzuordnen und dabei zu scheitern. Es gelingt dem Autor, durch eine atemlos anmutende Sprache, die damit formal den Inhalt widerspiegelt, den Leser ins Buch und durch die Geschichte hindurch zu ziehen. Dass der Text wenige Abschnitte aufweist, verstärkt den Effekt noch.

Der ganze Roman spielt sich im gemeinsamen Haus der beiden Eheleute ab, die aktuelle Handlung umfasst nur ein paar Tage, wobei der ganze behandelte Zeitraum sich auf die ganze Ehe der beiden ausweitet durch die Erinnerungen von Hannah. Insgesamt ist Markus Günther ein stimmiger Plot gelungen, den er mit einer gut lesbaren Sprache aus einer geschickt gewählten Perspektive erzählt.

Fazit:
Ein stimmiger Plot in einer gut lesbaren und in die Geschichte hineinziehenden Sprache erzählt, so dass man – einmal angefangen – das Buch in einem Zug durchlesen möchte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Markus Günther
Markus Günther, geboren 1965 in Bottrop, studierte Geschichte und Politikwissenschaften, bevor er für verschiedene Zeitungen tätig war. Für seine Texte wurde er vielfach ausgezeichnet. Weiß ist sein Prosa-Debüt. Markus Günther ist Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Washington, D.C. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Dörlemann; Auflage: 1 (13. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3038200437
Preis: EUR 20; CHF 28.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Conrad Ferdinand Meyer: Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.

Conrad Meyer (1825 – 1898) hat dieses Gedicht 1882 verfasst. Sonst eher für seine melancholischen Gedichte bekannt, stimmt er hier eine positive Grundstimmung an. Das Gedicht gehört durch seine idealisierten Züge zur Epoche des Symbolismus.

Man sieht es vor sich, das kleine Segelschiff mit den zwei Segeln. Es tanzt auf den Wellen, Wind kommt auf, bläst eines der Segel auf und das zweite geht mit. In schneller Fahrt gleitet das Schiff nun dahin, die beiden Segel ziehen es zusammen in die gleiche Richtung, bestimmen zusammen das Tempo. Würde eines in eine andere Richtung ziehen, bestünde für das Schiff die Gefahr, zu kentern.

Das Gedicht nimmt den Inhalt in die Form auf. Es ist in einem regelmässigen Rhythmus geschrieben, drei Strophen mit je vier Versen, alle zweihebig mit Auftakt, nur der letzte Vers verzichtet auf denselben, wechselt den Rhythmus, so dass das Gedicht, das vorher den Segelschiffen gleich dahinglitt, auch formal zum Stehen kommt.

Das ist die eine, bildhafte Ebene, das, was dasteht. Darunter liegt aber natürlich eine zweite, eine, für welche die bildhafte Ebene als Metapher steht.

Wenn wir mit einem Menschen zusammen sein wollen, gilt es, sich diesen Segeln ähnlich zu verhalten. Nur wenn man in die gleiche Richtung schaut, das gleiche Ziel ansteuert, ergibt sich ein gemeinsamer Weg. Nur wenn einer auf den anderen Rücksicht nimmt, sich vom anderen berühren und mitziehen lässt, befindet man sich auf gemeinsamer Fahrt.

Vielleicht würde man gewisse Dinge alleine anders angehen, hätte auch mal andere Ziele, ist nicht immer einer Meinung – es hilft nichts: Wenn zwei auf Dauer in entgegengesetzte Richtungen steuern, verliert man das gemeinsame Ziel aus den Augen. So verlangt ein Miteinander immer mal wieder, nachzugeben, Kompromisse einzugehen. Es heisst, sich anzupassen, auch mal den Wind des anderen aufzunehmen und am gleichen Strick zu ziehen. Alles andere wäre ein Kräftezehren, ein ständiger Kampf und Wettbewerb, die schlussendlich das Beziehungsschiff zum Kentern bringen, weil sie das Ende der ruhigen Fahrt bedeuten würden.

Das heisst nicht, dass man sich selber aufgeben sollte. Jedes Segel steht trotz allem für sich und jedes Segel ist mal am Zug, die Richtung anzugeben, je nachdem, woher der Wind kommt. Das Schiff bewegt sich nur gut auf dem Wasser, wenn beide Segel für sich intakt sind, beide ihren Dienst fürs Ganze tun.

Thomas Mann (6. Juni 1875 – 1955)

IMG_2401.JPGPaul Thomas Mann, wie Thomas Mann eigentlich hiess, wird am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Seine Familie gehört zur besseren Gesellschaft, der Vater ist Inhaber einer Getreidehandlung, hat später verschiedene Ämter inne, seine Mutter stammt aus einer wohlhabenden deutsch-brasilianischen Kaufmannsfamilie. Neben Thomas hat die Familie noch folgende Kinder: Heinrich (1871), Julia (1877), Carla (1881) und Viktor (1890).

Man kann seine Kindheit wohl eine – der Zeit ensprechend – unbeschwerte nennen, schwieriger wird es in der Schule, wo er eher mässig begabt oder interessiert ist, so dass er verschiedene Klassen mehrfach absolviert und schliesslich 1894 ohne Abitur abgeht. Er ist mit dieser Schulkarriere nicht allein, schon Heinrich ist vor dem Abitur ausgetreten und arbeitet beim Schulaustritt seines Bruders bereits als Volontär beim S. Fischer Verlag in Berlin. Bis zum Schulaustritt lebt Thomas bei verschiedenen Lehrern in Pension, ist doch seine Mutter nach dem Tod ihres Mannes, Thomas Manns Vater, und dem testamentarisch verfügten Verkauf der Getreidefirma, mit den drei Jüngsten Kindern nach München gezogen, wohin Thomas Mann 1894 folgt.

IMG_2400.JPGSchon während seiner Schulzeit hat Thomas Mann geschrieben, allerdings keine langen Romane wie später im Leben, sondern – eher schwülstige, von leidenschaftlicher Verliebtheit (zu einem Mitschüler) geprägte – Gedichte (Eine Erinnerung daran findet sich wohl im Tonio Kröger und der Bleistiftszene wieder.). Ein kurzer Ausflug in die Arbeitswelt – Thomas Mann hat eine Stelle als Volontär bei einer Feuerversicherung angenommen und schnell wieder gekündigt – kündigt sich in ihm wohl der Entschluss an, Schriftsteller werden zu wollen. Eine erste Erzählung mit dem Titel Gefallen wird auch sofort in einer Zeitschrift veröffentlicht, es folgen Besuche von Vorlesungen in Literaturgeschichte, Geschichte, Mythologie und mehr als Gasthörer an der Technischen Hochschule sowie weitere literarische Versuche, welche aber von weniger Erfolg gekrönt sind. Trotzdem hatte sein Ersterfolg Thomas Mann die Türen zur Literaturszene Münchens geöffnet.

1895 reist Thomas Mann mit seinem Bruder Heinrich für einige Monate nach Italien. Im Jahr 1896 folgt ein längerer Aufenthalt ebenda, die beiden Brüder bleiben bis im April 1898 und Thomas Mann verfasst mehrere kleinere Arbeiten und beginnt 1897 mit den Buddenbrooks. Zurück in München arbeitet er als Lektor, arbeitet daneben weiter am Verfall der Familie Buddenbrook, bis er diese im August 1900 an Samuel Fischer schickt, welcher den Druck beschliesst.   War bislang Heinrich der erfolgreichere Schreiber, überholt ihn Thomas mit seinem Erstling. Dieser Umstand sowie die für den Bonvivant Heinrich zu bürgerliche Existenz von Thomas führt wohl zu einem angespannten Verhältnis zwischen den Brüdern, das sich lange nicht mehr erholen soll.

1903 lernt Thomas Mann Katia Pringsheim kennen, welche er am 11. Februar 1905 heiratet. Schlag auf Schlag folgen vier Kinder: Erika (1905), Klaus (1906), Golo (1909) und Monika (1910), später dann noch Elisabeth (1918) und Michael (1919). (Mehr zu Thomas Mann als Vater findet sich HIER)

Die Jahre von 1905 bis 1914 sind für Thomas Mann gute Jahre (ausser dem Selbstmord seiner Schwester Carla 1910). Er hat Erfolg, der Familie geht es gut. Unterbrochen wird das eigentlich ruhige Leben nur durch einen Kuraufenthalt Katja Manns in Davos, wo Thomas Mann sie besucht und dadurch auf die Idee zum Zauberbergt kommt. Die ersten Kapitel entstehen noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs (Der Zauberberg erscheint Ende 1924). Anfänglich bejubelt Thomas Mann den Kriegsausbruch, womit er in guter Gesellschaft ist, allerdings ist er nicht diensttauglich. Er steuert schriftliche Gedanken zum Geschehen bei, lebt ansonsten wie vor dem Krieg weiter, ausser dass ihn häufige Krankheiten plagen. Zwischen den Kriegen passiert wenig Erwähnenswertes, das Leben nimmt seinen Lauf. Auch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ändert daran nicht viel.

Thomas Mann ist gerade in Arosa, als er von diversen Verhaftungen in München erfährt und beschliesst, nicht gleich nach Hause zu reisen. Es kommt in der Zeit zur Denunziation Manns in München, die Aufmerksamkeit der Polizei liegt nun auf ihm, was zu einer Hausdurchsuchung führt. Wäre Thomas Mann jetzt heimgekehrt, wäre er in der Tat verhaftet worden. Thomas Mann schlägt seine Zelte in Küsnacht in der Schweiz auf. Unterzwischen ist sein Haus in München beschlagnahmt worden. 1936 verliert Thomas Mann die deutsche Staatsbürgerschaft und wird tschechoslowakischer Bürger. Bis dahin schreibt er fleissig weiter, immer öfter auch antifaschistische Stellungnahmen. In der Zeit arbeitet er auch an seinen Joseph-Büchern.

Es folgen Reisen nach Amerika, 1938 bleibt er schliesslich ganz. 1939 unternimmt Thomas Mann eine grosse Europareise, der Kriegsausbruch erschwert schliesslich die Rückkehr, aber er schafft es zurück über den grossen Teich. In Amerika unterrichtet er in Princeton als „Lecturer in the Humanities“ bis 1940. Daneben ist er ein mehr als fleissiger Schreiber. Noch immer schreibt er an seinen Joseph-Romanen.

1941 folgt der Umzug der Familie Mann nach Pacific Palisades in Kalifornien, 1943 beginnt Thomas Mann mit dem Doktor Faustus. Durch diese Arbeit findet er auch den Kontakt zu Theodor W. Adorno, welcher ein wichtiger Berater für den Roman wird.

Am 7 .Mai 1945 kapituliert Deutschland, kurz darauf geht Klaus Mann als amerikanischer Soldat nach München und berichtet seinem Vater von den Zuständen vor Ort. Thomas Mann will von einer Reise nach Deutschland nichts wissen. Er arbeitet weiter am Faustus, welcher 1947 erscheint. Im selben Jahr reist er auch zum ersten Mal wieder nach Europa – allerdings nicht nach Deutschland. 1948 beginnt die Arbeit an Der Erwählte, im Goethejahr 1949 folgt der erste Besuch in Deutschland.

1950 stirbt Thomas Manns Bruder Heinrich. Im selben Jahr reist Mann in die Schweiz nach Zürich. Seine Schaffenskraft ist noch immer ungebrochen: Er fängt mit Felix Krull an, engagiert sich für politische Gefangene in der Sowietzone und unternimmt weitere Reisen. 1952 kommt es zum (ursprünglich nicht geplanten) Umzug nach Erlenbach am Zürichsee, dem einer 1954 nach Kilchberg folgt, wo 1955 noch die Goldene Hochzeit gefeiert wird. Kurz darauf stirbt Thomas Mann, nachdem er schon länger öfters krank war, am 12. August 1955 im Krankenhaus in Zürich.

Ausgewählte Werke

Romane

  • Buddenbrooks (1901)
  • Königliche Hoheit (1909)
  • Der Zauberberg (1924)
  • Joseph und seine Brüder (1933 – 1943)
  • Lotte in Weimar (1939)
  • Doktor Faustus (1947)
  • Der Erwählte (1951)
  • Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1954)

Erzählungen und Novellen

  • Gefallen (1894)
  • Der Wille zum Glück (1896)
  • Tonio Kröger (1903)
  • Tod in Venedig (1911)
  • Unordnung und frühes Leid (1926)
  • Mario und der Zauberer (1930)
  • Die Betrogene (1953)

Essays

  • Berachtungen eines Unpolitischen (1918)
  • Theodor Fontane (1928)
  • Bruder Hitler (1938)
  • Deutschland und die Deutschen (1947)
  • Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung (1947)

Bücher zu Thomas Mann

Weitere Artikel zu Thomas Mann:

Trotzdem

Bis hier und nun weiter,
geh’n wir nach aussen
fröhlich und heiter,
tief drinnen verstummt.

Bis hier und nun weiter,
heisst es von allen.
die nichts weiter wissen,
als nutzlosen Rat.

Bis hier und nicht weiter,
denke ich oft und
plane den Ausstieg,
den’s für mich nicht gibt.

Bis hier und nun weiter,
denn weiter geht’s immer,
sagen sie alle
und wissen von nichts.

Bis hier und NICHT weiter,
das sage ich ihnen,
und bin ganz entschlossen!
– und gehe dann doch.

@Sandra Matteotti

 

Hannah Arendt: Denktagebuch (Rezension)

Denken und Schreiben im Dienste des Verstehens

‚Denken ohne Geländer’, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche.

Hannah Arendt hat 28 dicht beschriebene Schreibhefte hinterlassen, in denen sie ihre täglichen Gedanken, Ideen, Theorien notierte, entwickelte, ausführte. Sie reflektierte darin ihre Lektüre, definierte politische und philosophische Begriffe oder leitete Zusammenhänge im Weltgeschehen her. In ihrem Interview mit Günter Gaus sagte sie zum Grund ihres Schreibens:

Ich muss verstehen. Zu diesem Verstehen gehört bei mir auch das Schreiben. Das Schreiben ist, nicht wahr, Teil in dem Verstehensprozess.

ArendtDenktagebuchDiese 28 Hefte sind in den vorliegenden zwei Bänden enthalten. Sie lassen den Leser teilhaben an den Denkprozessen einer der grössten Denkerinnen. Anhand der Lektüre der Denktagebücher lassen sich Arbeitsprozesse an den grossen Werken nachvollziehen, lässt sich aber auch Einblick in die Persönlichkeit Hannah Arendts gewinnen. Zwar fehlen intime Innenbetrachtungen oder Beschreibungen aus dem eigenen Leben, allerdings sind dann und wann doch kürzere oder längere Gedanken – oft in Form von Gedichten – eingestreut, die den Menschen Hannah Arendt sichtbarer werden lassen.

Die Herausgeberin rundet das Tagebuch mit einem sehr informativen Nachwort ab, indem sie auf die Struktur der Originaldokumente eingeht, deren Funktion erläutert und auch wichtiges Hintergrundwissen liefert. Im Anhang hilft ein thematisches Inhaltsverzeichnis, sich gezielt bestimmte Themen Hannah Arendts aufzufinden, ein Personen- und Sachregister ermöglichst die Begriffsuche. Die ausführlichen Anmerkungen helfen beim Leseverständnis durch wissenswerte Querbezüge oder Erklärungen und ein Wörterverzeichnis greift die in den Tagebüchern verwendeten griechischen Begriffe. Schliesslich sind die von Hannah Arendt häufig zitierten Bücher bibliographisch erfasst, so dass man auf Hannah Arendts Lesespuren wandeln kann.

Die vorliegenden Bücher sind eine Schatzkammer für alle, die sich für Hannah Arendt und ihr Denken interessieren und eine editorische Meisterleistung.

Fazit:
Ein Zeugnis messerscharfen und tiefgründigen Denkens, ein Einblick in die Persönlichkeit der Denkerin Hannah Arendt und eine editorische Meisterleistung. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin:
Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.

Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Piper Verlag (6. Auflage 1. Oktober 2006)
ISBN-Nr: 978-3492248235
Preis: EUR 48; CHF 63

Zu kaufen in jeder Buchhandung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Kai Sina: Susan Sontag und Thomas Mann (Rezension)

Lebensprägende Literaturbegegnung

An welchen Stellen nimmt sie den Bleistift in die Hand, um eine Unterstreichung oder Randmarkierung vorzunehmen? Wo schien es ihr nötig, eine kurze Anmerkung an den Textrand oder zwischen die Zeilen zu schreiben? […] Lesespuren wie diese können Aufschluss darüber geben, mit welcher Intensität, mit welchen intellektuellen Voraussetzungen Sontag den Zauberberg gelesen hat.

Am 28. Dezember 1949 besucht Susan Sontag – gerade mal 16 Jahre alt – mit zwei Kommilitonen Thomas Mann. Vorher hatte sie dessen Zauberberg gelesen, eine Lektüre, die sie für ihr Leben lang prägen soll. So erstaunt es auch nicht, dass sie dem grossen literarischen Idol schüchtern gegenüber steht, was sie im Rückblick mit Scham erfüllt.

Alles, was mit dem Treffen mit ihm [Thomas Mann, S.M.] zusammenhängt, ist mit Scham durchsetzt. [Übersetzung S.M.]

SinaTMSSSusan Sontag ist eine Vielleserin, in ihrer Lektüreliste finden sich erstaunlich viele deutschsprachigen Autoren wie Walter Benjamin, Franz Kafka, Peter Weiss oder Elias Canetti. Ein Buch wird sie aber immer wieder lesen und in jedem Alter neue Erkenntnisse daraus ziehen – für sich und ihr eigenes Schreiben.

Kai Sina ist es gelungen, anhand von Sontags Nachlass, den Tagebüchern und Gesprächen sowie durch die Analyse von Essays und Romanen deren Bezüge zu Thomas Mann offenzulegen. Das vorliegende Buch liefert einen Einblick in Susan Sontags Art und Weise, an ihre Themen (u. a. Krankheit, Fotografie und Literatur), an ihr Schreiben heranzugehen sowie auch stückweise eine Analyse von Thomas Manns Zauberberg, welcher von der amerikanischen Intellektuellen als wichtigstes Buch ihres Lebens bezeichnet wurde.

Fazit:
Ein grossartiges Buch über zwei herausragende Denker und Schreibende. Absolute Leseempfehlung

Zum Autor und den Beschriebenen
Kai Sina, geboren 1981, ist Literaturwissenschaftler an der Universität Göttingen. 2015/2016 hat er an der University of Chicago über Konstellationen der transatlantischen Literaturgeschichte geforscht.

Paul Thomas Mann (* 6. Juni 1875 in Lübeck; † 12. August 1955 in Zürich, Schweiz) war ein deutscher Schriftsteller und einer der bedeutendsten Erzähler des 20. Jahrhunderts.

Susan Sontag, geborene Rosenblatt, (* 16. Januar 1933 in New York City, New York; † 28. Dezember 2004 ebenda) war eine amerikanische Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin und Regisseurin. Sie war bekannt für ihren Einsatz für Menschenrechte sowie als Kritikerin der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch:124 Seiten
Verlag: Wallstein Verlag (27. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3835330214
Preis: EUR 20 / CHF 28.90
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