Hermann Hesse: Der Steppenwolf – ein Abgesang

Ein Sonderling, gebildet, das Bürgertum verachtend, nicht davon loskommend. Er ist ach so leidend und analysiert sein Sein und sein Leiden am Sein. Über Seiten. Und er dreht im Kreis. Immer wieder definiert er sich. Als Wolf. Und er definiert seine Abneigung gegen das Bürgertum und konstatiert seine Anhänglichkeit an dasselbe. Und dann verzweifelt er wieder. Und hadert mit dem Sein, liebäugelt mit dem Nicht-mehr-Sein, vor dem er sich aber doch fürchtet und plötzlich wieder dem Sein anhängt.

Anfangs fand ich ein paar Stellen, die ich grossartig fand. Dann wurden es weniger. Dann noch weniger. Dann war es bemühend. Dann ödete es mich an. Dann kämpfte ich, weil es ja ein Klassiker ist. Und dann gab ich auf.

So viel Pseudo-Psychologie. So viel Innensicht, die im Kreise dreht. So viele Klischees, die wie ein Steak in der Pfanne gedreht und gewendet werden.

Ich bekenne mich schuldig: Ich kann Hesses Prosa kaum lesen. Ich liebe seine Gedichte, seine Romane sind für mich schlicht psychologisierendes, klischeehaftes, zu Offensichtliches als tiefgründige Erkenntnisse erzählendes Schreiben.

Und ja, nun frage ich mich natürlich: Was ist falsch mit mir? Ich erinnere mich an meine Anfänge im Germanistik-Studium. Ich war jung und traf den einen oder anderen Mann. Man diskutierte und immer kriegte ich erst zu hören:

Ich lese nicht gerne.

Knapp gefolgt von:

Aber Hesse, den las ich gerne.

Ich habe Hesse gemieden, da alle, die nicht gerne lesen, ihn mochten. Das war kindisch. Aber ich war jung. Ich lernte seine Gedichte kennen, ich liebte (und liebe noch immer) sie. Ich las das eine oder andere Werk von ihm, die kurzen gingen grad noch, die langen waren tödlich. Und nun wollte ich einen neuen Anlauf starten. Am Anfang war ich begeistert, es liess schnell nach.

Darf man das sagen? Er ist ja… einer der Grossen. Muss man den mögen? Was ich grosse Literatur? Ich bleibe dabei – für mich: Er ist ein grossartiger Lyriker, in der Kürze trifft er Gefühle, Erfahrungen, Erkenntnisse. Auf den Punkt. Aber in der langen Form schweift er aus. Er packt die selben kurzen Erkenntnisse in Schleifen, Packpapier, Tüll und verziert mit Blumen. Oder er dreht im Kreis. Immer und immer wieder. Und ich würde gerne schreien:

Ich habe es begriffen!!!!

Aber er kann mich nicht mehr hören, es bleibt nur noch:

Buch zu. Ende. Aus.

18 Comments

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  1. Ich glaube, einen Zugang zu Hesses Romanen bekommt man eher, wenn man unter 25 Jahre alt ist. Fast alle Figuren seiner Romane sind von Selbstfindung getrieben. Fast alle Hauptfiguren sind nie richtig „erwachsen“ und werden es erst von Seite zu Seite. Das hat mich damals mit 18/19 Jahren wahnsinnig inspiriert und beim Erwachsenwerden gewisse Einblicke eröffnet, die mir bis dato verborgen waren. Einblicke, die jedem Erwachsenen weitgehend klar sind. Als Erwachsener hat man – im Gegensatz zum Heranwachsenden –
    verstanden hat, nicht jede zwischenmenschliche Kleinigkeit als riesengroßes Drama zu interpretieren und Probleme nicht ausschließlich emotionsgeladen sondern tendenziell vernünftig anzugehen.

    Bspw. der Tenor, der im Steppenwolf angeschlagen wird („Nimm dich nicht selbst so ernst und lache auch mal über dich selbst.“), ist – aus Sicht eines Erwachsenen – wirklich herzlich trivial. Damals jedoch konnte ich mich gut mit dem ollen Stinkstiefel & Pessimisten Harry Haller einfühlen und nachempfinden, warum er sich so gegen Konventionen sträubt und gewissen Ängsten ausgesetzt ist. Als Jugendlicher ist man schließlich der missmutige Rebell, der sich von den gesellschaftlichen Verpflichtungen und Anpassungen unterdrückt fühlt. Kurzum: man nimmt sich selbst viel zu wichtig und ergötzt sich viel zu sehr in seiner Freigeistigkeit (Kunst, Philosophie, Musik), ohne zu merken wie lächerlich unbedeutend diese ist; ohne zu merken, wie lächerlich man sich macht, weil man sich eigentlich nur vor der Verantwortung versteckt. Wie auch Harry Haller im Kontrast zum Lebemann Pablo.

    Ich habe Hesse schon lang nicht mehr gelesen. Ich vermute aber, dass mich heutzutage seine Geschichten wohl auch eher langweilen würden. Und über die Hypochondrie und Furcht der Figuren würde ich mich eher aufregen als einfühlen.
    Dennoch erscheint mir am ehesten noch der Steppenwolf als lesbar; einfach aufgrund gewisser stilistischer Einfälle („Magisches Theater“, „Traktat“), die recht ungewöhnlich für die damalige, deutsche Literatur sind. Aber definitiv kein „Muss“.

    Gefällt 3 Personen

    • Ich denke auch: Wäre ich unter 20, hätte er toll sein können. Als ich damals in eine Buchhandlung ging und Hesse verlangte, wurde mir Zweig empfohlen. Ich bin noch heute dankbar für den Tipp!

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        • Ich glaube, mein erstes war „Rausch der Verwandlung“. Mittlerweile habe ich praktisch alles von ihm hier stehen. Die Gedichte sind wunderbar. Er hat einen sehr schwulstigen Stil. Sooo viele Adjektive, so viel Pathos. Aber auch viel Tiefgang. Und er geht in meinen Augen immer tiefer und dreht nicht im Kreis. Das fand ich bei Hesse immer so schlimm.

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          • Da ich Stefan Zweig von meinem Schirm schon längst verloren hatte, werde ich mich wohl mal dieses Jahr wieder mit seinen Werken beschäftigen.
            Irgendwie scheint er ja im Literaturkosmos zunehmend in Vergessenheit geraten zu sein – sieht man von der Schachnovelle ab. Mal schauen.

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          • „Rausch der Verwandlung“ fand ich toll. Auch viele seiner Biografien sind wunerbar, tiefgründig, wenn auch oft sehr pathetisch in der Sprache. Die Gedichte im Band „Silberne Saiten“ sind wunderbar. Ich wünsche dir viel Freude beim Wieder-Entdecken.

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  2. Ich bin mit dem Steppenwolf nie richtig warm geworden, ich glaube, es war einfach nicht mein Thema. Siddharta habe ich eine Zeit lang sehr geliebt, Narziß und Goldmund, das Glasperlenspiel. Diese drei würde ich auch mal wiederlesen und wäre gespannt, was ich heute dazu sage.
    Stattdessen habe ich mich letztens auf eine Hesse-Biografie geschmissen, was mir eine Menge von dem erklärt hat, was ich nur „gefühlt begriffen“ hatte.
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • Siddharte habe ich auch geliebt, als ich es las. Hesses Biografie las ich auch gerne, die zwei von dir genannten Bücher habe ich begonnen, konnte mich nicht durchbeissen. Unterm Rad fand ich nicht schlecht – war aber auch dünn, so dass es schnell fertig war 😉

      Liebe Grüsse
      Sandra

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      • Unterm Rad ist ein ganz frühes, so weit ich mich erinnere. Steppenwolf-Thema in becoming, oder? Ich erinner mich nicht mehr gut. Kennst du die Morgenlandfahrt (kann auch Morgenlandfahrer sein)? Da weiß ich noch, dass ich es mochte. Ach, und die Lebensläufe von Josef Knecht natürlich, die Verbindung zwischen Siddharta und dem Glasperlenspiel … Ich mochte die Idee des Glasperlenspiels, aber nicht Kastalien als politische Fiktion.

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