Hansjörg Schertenleib: Offene Fenster, offene Türen

Inhalt

«Mitleid darf er so wenig erwarten wie Gnade. Juliette Noirot ist die Schülerin, er der Lehrer. Der Fall ist klar, das Urteil wird schnell gefällt werden. Sie ist neunzehn, er fünfundfünfzig. Opfer, Täter.»

Der 55jährige Rhythmikprofessor Carsten und die 19jährige Studentin Juliette haben bei einem Konzert Sex und werden dabei gefilmt. Nachdem dieser Film in die sozialen Medien gerät, ist das Leben der beiden aus den Fugen, Carsten wird entlassen, seine Frau verlässt ihn und er wie auch Juliette werden in den sozialen Medien und von Freunden und Familie beschimpft und verachtet. Wie kommen sie aus dieser Geschichte wieder raus?

Weitere Betrachtungen

Hansjörg Schertenleib erzählt die Geschichte von Carsten Arbenz und Juliette aus zwei Perspektiven. Abwechselnd begleiten wir die beiden Protagonisten in ihren Alltag und in ihre Gedanken. Wir sehen widersprüchliche Wahrnehmungen, unterschiedliche Wege, mit dem Geschehenen umzugehen. Wir erfahren wenig über ihr Leben vorher, wissen nicht mal genau, wie beide aussehen, alles spielt im Hier und Jetzt. Das Buch spielt hauptsächlich an sechs Tagen, einem Rückblick auf den verhängnisvollen Tag des gefilmten sexuellen Stelldicheins, den vier Tagen danach und einem Tag ein halbes Jahr später.

«Was oder wer entscheidet darüber, ob jemand ein guter Mensch ist? Ist sie schlecht, weil sie sich auf Arbenz eingelassen hat? Hat sie ihn verführt oder hat sie sich von ihm verführen lassen?»

«Offene Fenster, offene Türen» ist ein Buch über Schuld ohne einen Schuldigen aber mit vielen, die einen Schuldigen brauchen, suchen und da sie ihn nicht kennen dazu ernennen – willkürlich, erbarmungslos, vehement. Nachdem die sozialen Medien Blut geleckt haben, verfolgen sie die Spur gnadenlos, es gibt kein Entrinnen mehr. Was einmal in dieser Welt ist, geht nicht mehr so schnell wieder raus. Zumindest nicht gleich. Die Wellen schlagen hoch und reissen mit sich. In diesem Ausgeliefertsein entstehen Hilflosigkeit und Selbstmitleid, aber auch die Suche nach einem Ausweg für sich, wenn nötig gegen den andern.

«Offene Fenster, offene Türen» ist kein schönes Buch, kein Buch für die Seele. Es ist hart in Sprache und Inhalt, es erzählt von zwei Protagonisten, die einem nicht ans Herz wachsen, sondern die einen beide gleichermassen abstossen. Juliette und Carsten schlittern durch eine Unbedachtheit in eine Situation, die ihnen entgleitet und droht, ihr Leben zu zerstören. Danach ist nichts mehr, wie es mal war. Dieser Kontrollverlust bringt ihr Naturell ans Licht, ein Naturell, das so wohl nicht selten ist in der Welt. Es offenbaren sich Egoismus und Opportunismus, Freude an Macht und Manipulation.

Es ist kein Buch, das gefällt, aber die Geschichte hat einen Sog, der einen gleichwohl packt. Man will als Leser wissen, wie sich die beiden Protagonisten entscheiden, wie sie sich in der Situation verhalten, was auf sie einschlägt und wie ob sie aus allem wieder rauskommen. Das Buch ist stimmig aufgebaut, ohne Sentimentalitäten und Schnörkel erzählt und es schliesst mit einem zum Buch passenden Ende.

«Das Tribunal der sozialen Medien, rachsüchtig und ungerecht, wie er findet, weil es sich einseitig entweder auf Juliettes Seite oder auf seine schlägt, gierig nach Verurteilung, süchtig nach einem Opfer, einem Täter.»

Es ist ein Buch über die Macht der sozialen Medien und den Kontrollverlust, den er Einzelne dadurch erfährt. Es ist damit auch eine Art Sozialstudie der heutigen Welt, in welcher wir uns mit Mechanismen herumschlagen, die einem Freiheit durch unbeschränkte Mitteilungsmöglichkeiten versprechen, die aber gleichzeitig eine Gefahr mit sich bringen, uns selber einer Meute zum Frass vorzuwerfen.

Persönliche Einschätzung
Bücher, die mir nicht gefallen, breche ich ab. Ziemlich unbarmherzig und auch meist schnell. Das ging hier nicht. Dass mir das Buch nicht im landläufigen Sinne gefiel, heisst nicht, dass es mich nicht in den Bann zog – im Gegenteil. Beiläufig erzählt entwickelte die Geschichte einen Sog, der packte. Alles schien so aus dem realen Leben gegriffen, war so gut vorstellbar, so vertraut in den Mechanismen, dass ich als Leser ganz schnell mittendrin sass. Und wenn man mittendrin ist, kann man nicht einfach raus, man ist gefangen und muss lesend mitmachen.

«Hat sie sich geholt, worauf sie Lust hatte? Oder hat er es? Falls es nötig ist, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wird sie ihn anzeigen. Er hat sie gedrängt und, ja, gezwungen, die Lüge klingt wie die Wahrheit. Rücksicht kann sie keine nehmen, sie muss ihren Ruf schützen.»

Ich habe mich einige Male gefragt, ob der Autor Partei ergreift. Kommt der männliche Protagonist nicht besser weg, auch wenn er nach landläufiger Moral durchaus kein Sympathieträger ist mit seinen sexuellen Eskapaden und Frauengeschichten. Trotzdem wirkt er vernünftiger, er nimmt in Kauf, für diesen Seitensprung die Konsequenzen zu tragen. Juliette dagegen offenbart doch Seiten, welche zutiefst unsympathisch ist, sie würde, wenn nötig mit einer Lüge versuchen, sich reinzuwaschen und Carsten reinzureiten. Sie freut sich fast an ihrer Macht, die ihr diese Möglichkeit gibt, was sie umso mehr unsympathisch macht.

Fazit:
Das Buch erzählt die Geschichte von zwei Menschen, deren Leben nach einer Unbedachtheit aus dem Ruder läuft, es ist quasi eine knallharte und wenig mitfühlende Sozialstudie, die einen gleichwohl in den Bann zieht..

Hansjörg Schertenleib
Hansjörg Schertenleib, 1957 in Zürich geboren, ist gelernter Schriftsetzer und Typograph. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller Das Zimmer der Signora und Das Regenorchester wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt gezeigt. Schertenleib, der auch aus dem Englischen übersetzt, u.a. Werke von Eoin McNamee und Sam Shepard, lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und pendelt seit Sommer 2020 zwischen Autun im Burgund und Suhr im Kanton Aargau. Im Kampa Verlag sind erschienen: Die Fliegengöttin, Palast der Stille, Der Glückliche (siehe auch S. 85) und die Maine-Krimis Die Hummerzange und Im Schatten der Flügel.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: ‎ Kampa Verlag; 1. Edition (26. August 2021)
ISBN: 978-3311100645

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#abcdeslesens – Q wie «Quai du Rosaire » (Rainer Maria Rilke)


Brügge

Die Gassen haben einen sachten Gang
(wie manchmal Menschen gehen im Genesen
nachdenkend: was ist früher hier gewesen?)
und an die Plätze kommen, warten lang

auf eine andre, die mit einem Schritt
über das abendklare Wasser tritt,
darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,
die eingehängte Welt von Spiegelbildern
so wirklich wird wie diese Dinge nie.

Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie
(nach einem unbegreiflichen Gesetz)
sie wach und deutlich wird im Umgestellten,
als wäre dort das Leben nicht so selten;
dort hängen jetzt die Gärten gross und gelten,
dort dreht sich plötzlich hinter schnell erhellten
Fenstern der Tanz in den Estaminets.

Und oben blieb? – – Die Stille nur, ich glaube,
und kostet langsam und von nichts gedrängt
Beere um Beere aus der süssen Traube
des Glockenspiels, das in den Himmeln hängt.

Ein Gedicht voller Bilder, ein Gedicht, das anschaulich macht, was nur zu fühlen ist beim Gang durch die Stadt. Brügge sei es, steht oben. Das ist verwunderlich, als im Gedicht vorkommt, die Stadt sei vergangen, was mit Brügge nie passiert ist, blieb diese doch verschont im Krieg. Ob das Vergehen der Zeit gemeint ist, der Wandel durch die Zeiten hindurch? War Brügge früher Handelszentrum, nahm die wirtschaftliche Stellung in der Neuzeit ab, die Industrialisierung hat sie nicht mehr mitgemacht. Ob das Erbe der alten Zeiten noch in den Gassen hängt?

Es ist Abend, die Kanäle rund um die Stadt haben klares Wasser, in welchen sich die Häuser spiegeln. Ein Spiegel ist nie das, was wirklich ist, es ist ein Abbild. Von diesem Abbild erzählt das Gedicht, welches wiederum ein neues Abbild schafft, indem es Gefühle und Stimmungen in Worten ausdrückt und sie so erfahrbar macht. Als Leser sind wir nun mit einer Wirklichkeit betraut, welche es eigentlich nicht gibt, die aber doch durch die Worte hindurchschimmert als Ahnung dessen, was sein könnte.

Während das Hier und heute schnell und hell und gross erscheint und als Leben in den Kneipen tanzt, bleibt leise die Ahnung dessen, was war, in den Gassen, die in der Abendstille daliegen. Und diese Stille ist es, die Rilke als die wahre Schönheit, als süsse Traube des Himmels, sieht.

Ein Gedicht voller bildsprachlicher Schönheit, das dazu aufruft, hinzuschauen, nicht einfach blind durch die Gassen und Strassen zu gehen, sondern offen zu sein für die Schönheiten, die sich zeigen, für die Geschichten, die versteckt lauern, für die Gefühle, die sich einstellen können, wenn man offen bleibt.

Zum Autor
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Frauen in der Literatur – Literaturliste Deutsch für die Schweizerische Maturitätsprüfung

Im Rahmen meiner Beschäftigung mit der Sichtbarkeit von Frauen in der Literatur habe ich mir die Literaturliste für die Schweizerische Maturitätsprüfung im Fach Deutsch vorgenommen. Das Resultat war eher ernüchternd – dies nicht sehr überraschend und doch bedenkenswert.

Unterteilt ist die Liste in verschiedene Epochen:

  1. (fakultativ) Werke aus dem Mittelalter, Humanismus, Barock
  2. 18. Jahrhundert: Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang, Klassik
  3. 19. Jahrhundert: Romantik, Biedermeier, Realismus, Naturalismus
  4. Das 20. und 21. Jahrhundert: A) Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts
  5. Das 20. und 21. Jahrhundert: B) Zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und Anfang des 21. Jahrhunderts

Insgesamt waren es 125 zu lesende Werke (teilweise einige Gedichte pro Autor). Davon waren 19 Frauen. Teilt man diese nun auf die fünf Abschnitte auf, kommt man zu folgendem Ergebnis:

Teil 1: Keines der insgesamt neun Bücher stammt von einer Frau
Teil 2: Keines der insgesamt sieben Bücher stammt von einer Frau
Teil 3: Zwei von insgesamt 19 Bücher stammen von einer Frau
Teil 4: Zwei von insgesamt 21 Bücher stammen von einer Frau
Teil 5: 13 von insgesamt 70 Büchern stammen von einer Frau

Dass es in den ersten zwei Teilen so aussieht, kann ich noch einigermassen nachvollziehen, die Situation war für dichtende Frauen damals nicht leicht, wenn es auch durchaus welche gegeben hätte, die man hätte aufnehmen können.

Ab Teil drei wird es aber mehr und mehr fragwürdigt, gerade in Teil vier und fünf hätte es durchaus gute Schriftstellerinnen gegeben, die obgleich etwas in Vergessenheit geraten, nicht von minderer literarischer Qualität wären. Es wäre gerade wünschens- und lobenswert, an dieser Vergessenheit zu arbeiten und Literatur von Wert und Qualität wieder ins Bewusstsein zu holen. Zudem könnte es für junge Menschen auch eine lohnenswerte Herausforderung sein, Werkte neu zu entdecken und zu interpretieren aus heutiger Sicht, die nicht schon abgegrast sind wie das die – durchaus mitunter grossartigen – männlichen Berufskollegen sind.

Ich würde mir wünschen, die Schweizerische Maturiätskommission würde hier sprichwörtlich über die Bücher gehen und den Kanon neu überarbeiten, so dass unterm Schrich ein ausgewogeneres Verhältnis herauskäme.

Stephan Porombka, Olav Kutzmutz: Erst lesen. Dann schreiben

22 Autoren und ihre Lehrmeister

Inhalt

«Anfänge sind die Tore, durch die wir als Leser die Welt eines Autors betreten. Allein deshalb haftet ihnen etwas Magisches an.»

Diesen Satz schreibt Matthias Göritz und bezieht ihn auf Charles Dickens, dessen Anfänge er als besonders gelungen erachtet, da in ihnen schon oft ganz viel vom Stil und Inhalt des Buches zu erkennen ist. Da schreibende Menschen meist auch lesende sind, zudem kein Mensch in seinem Tun alleine aus sich schöpft, sondern auf Vorbilder blickt, bleibt es nicht aus, dass auch Schriftsteller in einer Tradition stehen, ihre Lehrmeister haben.

Im vorliegenden Buch schreiben 22 Autoren von Autoren und Büchern, die sie bewundern und von denen sie gelernt haben.

Weitere Betrachtungen
Autoren wie Robert Gernhardt, Hanns-Josef Ortheil, Michael Rutschki und einige mehr schreiben über Freud, Novalis, Didion und Musil, beleuchten, was sie an deren Schreibstil schätzen, erzählen von den eigenen Lese- und Lernerfahrungen. Damit geben sie dem Leser dieses Buches nicht nur eine Ahnung vom eigenen Lesen und Lernen, sondern inspirieren natürlich auch zum Selberlesen dieser Bücher.

Wer als Leser noch über die Leseerfahrung hinausgehen will, findet am Ende eines jeden Essays eine kurze Anleitung, wie er selber anhand des vorgestellten Lehrers das eigene Schreiben trainieren kann. Insofern ist das vorliegende Buch ein Anstifter zum Lesen und Schreiben.

Persönliche Einschätzung
Schreibprozesse interessieren mich schon eine ganze Weile, ich las immer fasziniert davon, wie Schriftsteller vorgehen beim Schreiben ihrer Werke. Thomas Mann hat zum Beispiel darüber sehr detailliert Auskunft gegeben, neben zahlreichen Tagebucheinträgen, Essays und Interviews schrieb er sogar einen Roman zum Entstehungsprozess des «Doktor Faustus».

Dass mich das vorliegende Buch also angesprochen und in den Bann gezogen hat, liegt quasi auf der Hand.

Fazit:
Ein Buch voller Einblicke ins Lesen und ins Schreiben. Ein Lesebuch, ein Lehrbuch, ein Buch, das inspiriert. Sehr empfehlenswert.

Die Autoren
Olaf Kutzmutz wurde 1965 in Gelsenkirchen-Schalke geboren. Seit 1999 ist er Programmleiter Literatur der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel. Er veröffentlichte u.a. „Grabbe. Klassiker ex negativo“ (1995) und gab unter anderem Bücher über Harry Potter und Max Frisch und zum Thema Warum wir lesen, was wir lesen und Fragen literarischer Übersetzungen heraus.

Stephan Porombka, geboren 1967 in Salzgitter, ist Professor für Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Von ihm erschien u. a. „Hypertext“ (2001) und zuletzt „Kritiken schreiben. Ein Trainingshandbuch“. (2006)

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: ‎ Sammlung Luchterhand; Originalausgabe Edition (11. Juni 2007)
ISBN: ‎ 978-3630621159

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Colm Tóibín: Der Zauberer

Inhalt

«Da geschah etwas: Er sah den Roman, über den er seit Längerem nachdachte, vollständig vor sich. Für dieses Buch würde er sich als ein Einzelkind neu erschaffen…»

Der Inhalt dieses Buches ist leicht erzählt, denn es ist die in einen Roman verpackte Lebensgeschichte von Thomas Mann. Begonnen mit seiner Kindheit in Lübeck geht die Lebensbeschreibung weiter, durchläuft die Schulzeit, Reisen mit dem Bruder nach Italien, die Begegnung und Hochzeit mit Katja Pringsheim, die Kinderschar, die sich bald einstellt, die Machtergreifung und die sich dadurch einstellende Gegnerschaft gegen Hitler bis hin zum amerikanischen Exil. Immer wieder werden auch Schaffensprozesse vom Erlebten hin zum Werk dargestellt, geheime, zumeist sexuelle Gedanken offengelegt und in die Lebenserzählung eingebettet.

Weitere Betrachtungen
Colm Tóibín hat sich einer schwierigen Aufgabe gewidmet mit diesem Buch: Er erzählt die Geschichte eines herausragenden Schriftstellers in Romanform, welcher sich schon selbst in all seinen Büchern autobiographisch dargestellt hat. Wie wollte er dagegen ankommen, das gar übertreffen? Praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Nun kann man dahin gehen und sagen, dass Thomas Mann das eigene Leben nie ganz der Wirklichkeit entsprechend erzählt hat, sich nur in einzelnen Figuren verewigt hat, so dass durchaus ein Unterschied zu einem nacherzählten Leben besteht. Dies mag zwar so stimmen, nur erscheint Thomas Mann in seinen eigenen Erzählungen plastischer und authentischer, als er dies zumindest im ersten Teil von Tóibíns Buch tut.

Es ist zu ergänzen, dass die vorliegende Romanbiografie wenig Neues ans Licht bringt, das, was sie erzählt, relativ chronologisch dahinplätschert und wenig Mehrwert oder gesteigerten Lesegenuss bringt gegenüber einer fundierten Biographie wie sie zum Beispiel Hermann Kurzke geschrieben hat. Es bleibt die Frage zurück, für welche Zielgruppe dieser Roman geschrieben wurde. Ein Kenner von Thomas Manns Leben und Werk wird sich wohl eher langweilen, da er wenig Neues erfährt, ein Neuling in Bezug auf Thomas Manns Leben kann durchaus Neues erfahren, wobei er sich allerdings wohl durch die ersten Kapitel durchbeissen muss, da diese noch wenig packend geschrieben sind.

Positiv herauszuheben ist, dass sich Tóibín offensichtlich intensiv mit Thomas Mann auseinandergesetzt hat, er hat die Entstehungsgeschichten der einzelnen Werke des Literaten studiert und fundiert in seinen Roman eingebaut. Dies nimmt dem Roman leider etwas Fahrt im Erzählstrang, ist aber für den interessierten und wenig informierten Thomas-Mann-Fan durchaus spannend zu lesen – leider verliert Tóibín wohl genau damit die Leser, welche einen guten und packenden Roman, eine interessante Lebensgeschichte lesen wollen.

Auffällig ist die sehr intensive und plakativ dargestellte sexuelle Ausrichtung von Thomas Mann.

«Und aus der Erzählung würde hervorgehen müssen, dass das Verlangen sexueller Natur war, zugleich aber würde es, natürlich, unerfüllbar und unmöglich sein müssen. Der Blick des älteren Mannes würde umso. brennender sein, als weiter nichts geschehen konnte. Die Begegnung würde das Leben des Protagonisten umso einschneidender. verändern, als sie flüchtig sein und zu nichts führen würde. Denn etwas liesse sich niemals zähmen, niemals bändigen, nie gesellschaftsfähig machen. Es würde die Pforten einer Seele sprengen, die sich für uneinnehmbar gehalten hatte.»

Es werden Situationen und Fantasien teilweise sehr detailliert beschrieben, es werden Gedankengänge und Sehnsüchte ans Licht gezerrt und förmlich breitgetreten, welche Thomas Mann sorgsam unter Verschluss hielt. Nun kann man sagen, dass dies legitim sei für einen Roman und eine Erzählung eines Lebens, dass es sogar um des wahren Blicks auf den Charakter nötig sei, allerdings hätte es nicht so plakativ und fast schon penetrant wiederkehrend passieren müssen. So mutet dem Text fast ein wenig Sensationslust und lüsternes Verlangen an.

Persönliche Einschätzung
Ich habe dieses Buch mit grosser Spannung erwartet, da ich ein grosser Thomas-Mann-Fan bin. Nun mag es durchaus sein, dass die Erwartungen zu hoch und mein Hintergrundwissen schon zu gross war, so dass meine Einschätzung des Buchs nicht objektiv daher kommt. Ich habe mich bemüht, einen möglichst objektiven Blick zu bewahren, was allerdings schwer war, da ich teilweise wütend wurde beim Lesen, vor allem bei den blossstellenden Szenen über Thomas Manns Homosexualität.

Colm Tóibín hat sich einer schwierigen Aufgabe gestellt, das Buch deutet durchaus auf eine sehr intensive Recherche und ein grosses Interesse an seinem Protagonisten hin, aber er hat die Aufgabe in meinen Augen leider nicht erfolgreich gelöst. Trotzdem möchte ich das Buch nicht nur verreissen oder davon abraten. Als erster Einstieg in das Leben und Schaffen von Thomas Mann kann es durchaus lesenswert sein. Und vielleicht stossen dann auch die von mir kritisierten Stellen nicht so sauer auf.

Fazit:
Eine gut recherchierte und fundierte Romanbiografie, welche leider zu sehr nacherzähltes Leben und wenig literarisches Werk ist und den Protagonisten seltsam blass erscheinen lässt. Als Einstiegslektüre in Thomas Manns Leben denkbar.

Colm Tóibín
Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman Der Süden (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Bei Hanser erschienen der Henry-James-Roman Porträt des Meisters in mittleren Jahren (2005), Mütter und Söhne (Erzählungen, 2009), Brooklyn (Roman, 2010), Marias Testament (Roman, 2014), Liebe und Tod (Hanser-Box, 2014), Nora Webster (Roman, 2016), Haus der Namen (Roman, 2020) und zuletzt Der Zauberer (Roman, 2021). Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem IMPAC-Preis.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (27. September 2021)
ISBN: 978-3446270893

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Frauen in der Literatur sichtbar machen

Ich habe hier ja schon einige Male angedeutet, dass mich das Thema Frauen in der Literatur beschäftigt. Ich war nie ein Mensch, der fand, man müsse ein Geschlecht in einer Form hervorheben, im Gegenteil, mir schwebte eher ein Blick auf den Menschen als Menschen vor, da ich nur in diesem eine Möglichkeit eines Miteinanders sehe. Das ist so geblieben, und doch merke ich immer wieder, dass es wohl nicht reicht. Zwar soll es wirklich kein Gegeneinander der Geschlechter geben, aber gerade in der Literatur sticht der unterschiedliche Blick auf die Autoren und Autorinnen ins Auge. 

Mein Studium war von männlichen Professoren, welche männliche Autoren behandelten, bevölkert. Sowohl in Schule als auch im Studium gab es, wenn überhaupt, eine Autorin, welche behandelt wurde: Annette Droste-Hülshoff. Sicher keine schlechte Wahl, aber doch. Der Literaturkanon, den ich im Studium lesen musste für die Zwischenprüfung, war zu einem grossen Teil männlich. Und das hat leider nicht gross geändert. Ich war gestern in einem neuen Gymnasium, einem Gymnasium, dass vom Unterrichtsstil und der Haltung sehr fortschrittlich ist. Ich steuerte gewohnheitsmässig auf das Bücherregal zu und: Keine einzige Frau im Regal, auch bei den neuen Büchern nicht. Da die Klassiker erst ab dem 19. Jahrhundert auch Frauen beinhalten, könnte ich es da noch verstehen, aber bei den neuen? Beim Blick durch den Literaturkanon der Schule kam heraus, dass bei 127 Autoren 20 Frauen waren. 

Ich möchte nicht aufhören, Männer zu lesen, ihre Bücher zu lieben. Es gibt grossartige männliche Autoren, solche, die ich bewundere, von denen ich alles lese – alte und neue. So werde ich immer Thomas Mann lesen, Rainer Maria Rilke ist der Stern an meinem Lyrikhimmel, von Bernhard Schlink will ich jedes neue Buch haben, das rauskommt, aber auch Theodor Fontane, Arthur Schnitzler, Fjodor Dostojewski und viele mehr werden immer einen wichtigen Platz in meinem Leben und Lesen haben. Sie plötzlich auszublenden, zur Seite zu legen, käme mir nicht nur falsch vor, es würde mir auch einen grossen Teil meiner Lesefreude nehmen. Bücher müssen für mich nach wie vor zuerst gut sein. Da kommt es nicht drauf an, ob sie von einem Mann oder von einer Frau geschrieben werden. Daneben möchte ich den Blick vermehrt auf die Frauen lenken. Für mehr Aufmerksamkeit.

Ruth Klüger schrieb mal ein Buch darüber, wie Frauen schreiben. Vom Stil und von der Qualität her kaum anders als Männer, aber: Während bei Männern oft Frauen Protagonistinnen sind (Anna Karenina, Madame Bovary, Effi Briest, etc.) und diese durchaus auch stimmig und authentisch beschrieben werden, schreibt eine Frau doch mehr von innen und geht damit auf andere Themen im Frausein ein, als es ein Mann tun würde. Das kann vor allem für lesende Frauen ansprechend sein, sind Literaturwelten doch immer mögliche Lebenswelten, Welten, in welchen Menschen ihren Weg, mit dem Leben umzugehen, gehen, der dann auch für den Leser, die Leserin neue Möglichkeiten aufzeigen kann.

Marcel Reich-Ranicki gab zu dem Thema einen Gedichtband heraus: Frauen dichten anders. Auch dem stimme ich zu. Es ist ein anderer Blick auf die Welt, wenn er von Frauen oder Männern kommt. Und ich denke, das ist gut so und darf so bleiben. Die Welt ist vielfältig und sie erschliesst sich keinem allein. Gerade auch aus diesem Grund finde ich es wichtig, dass alle Blickrichtungen präsent sind und die Aufmerksamkeit kriegen, die sie verdienen. Dem möchte ich mich vermehrt widmen.

An dieser Stelle noch ein paar für mich inspirierende Frauen:

  • Simone de Beauvoir – ich mag ihre selbstreflexive, entschlossene Weise, das Leben anzugehen und darüber zu schreiben
  • Hannah Arendt – ich mag ihr sprichwörtliches Denken ohne Geländer, den unbeugsamen Blick auf das, was ist
  • Ingeborg Bachmann – ich mag ihr Ringen mit den Worten und dem Leben, dem unbändigen Wunsch zu schreiben und die Qualitätsansprüche, die sie an das Schreiben hat
  • Susan Sontag – ich mag ihre grosse Liebe für die Kunst und den differenzierten Blick darauf
  • Hilde Domin – ich mag ihren unermüdlichen Einsatz für die Lyrik und ihre eigene Lyrik
  • Mascha Kaléko – ich mag ihre melancholische Sicht auf die Welt und ihre Weise, diese in Worte zu fassen
  • Eva Strittmatter – ich mag ihre Gedichte, die von viel Tiefe, Menschlichkeit und sensible Sicht auf das Zwischenmenschliche

#abcdeslesens – P wie „Der Panther“ (Rainer Maria Rilke

Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

Der Panther ist wohl eines der bekanntesten Dinggedichte Rilkes. Bei Dingggedichten werden leblose oder lebendige Objekte zum Sujet des Gedichts, sie tragen die Botschaft. Rilke gilt als Schöpfer der Dinggedichte, sie sind bei ihm vor allem in den Neuen Gedichten (1907/08) zu finden.

Der Panther hat drei Strophen mit je vier Versen, die als Reimschema jeweils den Kreuzreim aufweisen. Auffällig ist auch der Binnenreim in der dritten Zeile, des Weiteren die Häufung des Umlauts ä, welche dem Gedicht einen eigenen Klang geben. Der Rhythmus mit dem stets gleich bleibenden jambischen Metrum nimmt den Inhalt auf, er wirkt träge. Indem man das Gedicht laut liest, spürt man die Bewegung des Panthers förmlich. Man sieht und hört, wie er hinter Stäben hin und her geht, wie er ganz auf sich zurückgeworfen ist, weil da ausser tausend Stäben keine Welt mehr zu sein scheint.

Indem Rilke den Panther von aussen beschreibt, in der ersten Strophe den Blick, dann den Gang, schliesslich das Auge, von wo er im Herzen landet, legt er gleichzeitig die Innensicht des Panthers offen. Wie der Blick scheint auch der Panther müde, er läuft nur in dem ewig gleichen Rhythmus hin und her. Zwar sieht man noch die Kraft, die in ihm steckte, allein sie ist betäubt – wie es auch sein Wille ist.

Und doch gibt es Momente, da wird er wach, da sieht er ein Stück Welt, die ihm ins Herz dringt, wo alles wieder endet. Danach könnte das Gedicht wieder von vorne beginnen.

Der Erfolg des Gedichts kommt wohl unter anderem daher, dass man sich selbst erkennt in diesem Panther. Auch als Mensch ist man oft müde von all den Alltäglichkeiten des Seins, von (von aussen und innen gebildeten) Gefängnissen und Einschränkungen. Man folgt ewig gleichen Pfaden über Tage Wochen, Jahre, glaubt kaum mehr, dass es irgendwann anders sein könnte – ausser vielleicht dann, wenn ein kleiner Hoffnungsschimmer ins Herz sticht, ausgelöst durch ein Bild, ein Wort, einen Gedanken.

Danach nimmt das Leben wieder seinen Lauf. Und man geht ihn mit, Schritt für Schritt in all den Schranken, die um einen sind.

Zum Autor
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Carsten Henn: Der Buchspazierer

Inhalt

«Hier lebte er mit seiner Familie aus Papier, die er in Vitrinen mit Milchglasscheiben vor Licht und staub schützte. Die Bücher wollten immer wieder von ihm gelesen werden. So, wie Perlen getragen werden mochten, weil sie dann schöner wurden, und, mehr noch, wie Tiere gestreichelt werden wollten, um sich geliebt zu fühlen. Manchmal kam es Carl vor, als beständen all die Worte in ihnen aus seinen Zellen, dabei wusste Carl, dass er sie mit den Jahren einfach nur in sich hineingelesen hatte.»

Carl Kollhof war Buchhändler aus Leidenschaft. Heute hat er nur noch ein kleines Pensum, das darin besteht, ausgewählten Kunden die für sie passenden Bücher persönlich vorbei zu bringen. Obwohl die Beziehungen zu seinen Kunden vordergründig auf Bücher und deren Auslieferung beschränkt erscheint, bildet sich doch eine Verbundenheit. Carl versteht die Menschen in ihrem Sein und ihren Nöten, er sieht in der passenden Literatur eine kleine Heilung.

Irgendwann gesellt sich Schascha zu Carl, ein kluges und fröhliches Mädchen, das ihn fortan auf seinen Wegen begleitet und neuen Wind in die Bücherspaziergänge und die Bücherübergaben bringt. Schon bald wächst in den Beiden der Wunsch, noch mehr für seine Bücherkunden zu tun in ihren jeweiligen Lebenssituationen. Dass Carl selber in Schwierigkeiten steckt, verrät er dabei keinem, sondern tut alles, den anderen Menschen, die ihm so wichtig sind, zu helfen.

Weitere Betrachtungen
«Der Buchspazierer» erzählt auf eine sehr feinfühlige Art aus dem Leben eines Mannes, der eine grosse Liebe zur Literatur hat und eine ebensolche zu Menschen. Carl Kollhof ist der Meingung, dass es für jeden Menschen das richtige Buch gibt, das in sein aktuelles Leben passt. Bücher sind Freunde, Bücher sind Heilmittel, Bücher sind mehr als blosse Worte, sie lösen etwas im Leser aus. Insofern ist dieses Buch hier eine grosse Hommage ans Lesen, an das Buch.

«Er wusste, dass er komisch war, doch es fühlte sich nicht so an. Denn wenn man lange genug komisch war, war es wieder normal. Wenn auch nur für einen selbst, aber das reichte ihm.»

Es gelingt Carsten Henn, Carl Kollhof plastisch und authentisch durchs Buch gehen zu lassen, man fühlt sich ihm als Leser von Anfang an tief verbunden und im Herzen berührt. Und vielleicht fühlt man sich auch verstanden in der eigenen Leidenschaft für Bücher.

Schon der Inhalt zeigt es, dass wir es hier nicht mit grosser und tiefgründiger Literatur zu tun haben. Die Sprache ist einfach (aber durchaus dem Inhalt und den einzelnen Personen angepasst und somit stimmig), der Plot ist lieblich aber auch eher offensichtlich gestrickt. Das alles nimmt dem Buch aber nicht den Charme, im Gegenteil. Das Buch lässt einen in eine Bücherwelt eintauchen, es wärmt das Herz, es bereitet von der ersten bis zur letzten Seite schlicht Lesefreude. Und dann und wann regt es auch zum Nachdenken an, über sich, über Beziehungen, über das Leben – ganz ohne mahnenden Zeigefinger oder Erziehungsabsicht, einfach mit einer zu Herzen gehenden Geschichten. Mehr geht eigentlich nicht.

Persönliche Einschätzung
«Der Buchspazierer» ist ein wunderbares Buch, ein Buch, das mich berührt hat, das mich gepackt und nicht losgelassen hat. Ich liebte es, lesend auf Carls Spaziergängen dabei zu sein, verliebte mich in die kleine Schascha, fühlte mit den einzelnen Kunden mit – sprich: Ich war in dem Buch zu Hause beim Lesen. Das ist  mir schon lange nicht mehr passiert mit einem Buch.

Das Thema, dass aus Büchern Heilung kommen kann, beschäftigt mich schon eine Weile. Auch ich bin, wie Carl, der Überzeugung, dass es für jede Lebenslage ein passendes Buch gibt. Ich denke, dass wir durch Geschichten viel über die Welt, über die Möglichkeiten, in ihr zu bestehen, und über uns selber erfahren. Dadurch erweitern wir unseren Horizont im Aussen und im Innen, das Leben kann ein reicheres werden.

Dass Bücher auch Freunde sein können, ist zudem ein schöner und mir bekannter Gedanke. Ich liebte es von klein auf, mich mit einem Buch zurückzuziehen und in andere Welten einzutauchen. Dieses Buch hier hat mir eine ganz wunderbare bereitet.

Fazit:
Ein kleiner, feiner, feinfühliger Roman mit viel Herz, liebenswürdigen Charakteren und einer zu Herzen gehenden Geschichte. Berührend, zum Nachdenken animierend, einnehmend. Sehr empfehlenswert.

Carsten Henn
Carsten Henn, geboren 1973 in Köln, arbeitet als Schriftsteller, Weinjournalist und Restaurantkritiker. Er ist Chefredakteur des Weinmagazins Vinum. In St. Aldegund an der Mosel besitzt er einen Steilstweinberg mit alten Rieslingreben, den er selbst bewirtschaftet. Wenn er einmal nicht seiner Leidenschaft fürs Kochen nachgeht, ist er auf der Suche nach neuen Gaumenfreuden.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Pendo; 18. Edition (2. November 2020)
ISBN: 978-3866124776

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Frauen in Literatur und Philosophie

Im Moment ist das Thema Frauen in der Literatur omnipräsent und es lässt mich immer zwiegespalten zurück. Da ich lange Zeit mehrheitlich Klassiker las, blieb es nicht aus, dass es auch mehrheitlich männliche Autoren waren, zumindest in der Prosa – es gab schlicht mehr davon, was der Zeit und anderen Umständen geschuldet war (wobei sogar da zu schauen wäre, ob das wirklich in dem Ausmass stimmt, wie es wahrgenommen wird, oder auch da die Wahrnehmung einseitig gesteuert wird).

Schaue ich mir meine letzten Bücher an, fällt mir durchaus auf, dass mehr Frauen dazu kamen. Ich hatte eine intensive Phase mit Ingeborg Bachmann, befasste mich mit Else Lasker-Schüler, Hilde Domin, Mascha Kaléko, Rose Ausländer, Susan Sontag und neu mit Simone de Beauvoir – um nur einige zu nennen. Dies nicht mal mit dem erklärten Ziel, mehr Frauen zu lesen, sondern eher, weil ich mich da irgendwie wiederfand, nicht mal nur in der Literatur derselben, sondern auch im Denken und Lebensentwurf.

Die Frage, die aufkam, war, ob ich mich bewusst mehr mit der Thematik beschäftigen soll, oder aber doch weiter lesen, was mir in die Hände kommt, frei nach meinem Credo: Egal, wer das Buch schrieb, Hauptsache, es spricht mich an?

Aktuell fällt mir auf, dass mich Frauen mehr ansprechen mit ihren Biografien vor allem, das Werk ist eine andere Sache, weil ich mich in vielem auch wiederfinde. Insofern ist dann die Auseinandersetzung mit diesen Schriftstellern und Denkern immer auch eine Form der Selbstsuche und ein Weg zu mehr Selbsterkenntnis. Zwar gibt es Ansätze durchaus auch bei vielen Männern, dies aber selten so intensiv.

Als ich dann kürzlich mit der Biografie von Simone de Beauvoir begann, kam die Frage wieder neu auf bei mir und ich ging nochmals über die Bücher, wie ich weiter verfahren will. Ein Name, der schon lange auf meiner Liste ist, ist Hannah Arendt. Sie ist wohl eine der einzigen weiblichen Philosophen, die im regulären Schulbetrieb überhaupt Erwähnung finden, grossartige Denkerinnen wie Marthe Nussbaum oder Judith Butler sucht man vergebens – auch hier nur zwei Beispiele für ganz viele. Und sogar bei Hannah Arendt fiel mir im Rückblick auf mein Studium auf (Philosophie mit Schwerpunkt Politische Philosophie), dass sie kaum Erwähnung fand im Vergleich. Schaut man auf Simone de Beauvoir, ist es noch gravierender: Noch immer sieht man sie gerne als Sartres Anhängsel und als Profiteurin von einem Ruf und seiner Grösse, und dies, obwohl sie viele Ideen vor ihm hatte, ihm half, die seinen zu entwickeln.

Beim Lesen ihrer Biografie fiel mir auf, wie sehr sie von Selbstzweifeln zerfressen war. Sie schätzte sich selbst meist kleiner ein als ihn, nannte ihn den Philosophen, sich «nur» die Literatin. Da stellt sich mir die Frage: Wie viel tragen Frauen selber bei zu diesem Ungleichgewicht, weil sie sich schlicht weniger zutrauen. Nun kann man sagen, das kommt aus einem System heraus, dass es so ist, aber wenn sie es nicht bei sich ändern, kann man noch so viel im Aussen kämpfen, das wird wohl nicht wirklich viel ändern. Sicher weniger als möglich wäre…

Ich weiss noch nicht ganz, wo die Lesereise hinführt, aber die Gedanken mach ich mir. Und ich mache sie mir immer wieder und immer öfter, wie mir scheint. Wie ist das bei euch? Nach welchen Kriterien sucht ihr Bücher aus? Gibt es Autorinnen, die euch speziell inspirieren? Ist das überhaupt ein Thema für euch?

Ein Buch, das sich mit der Thematik beschäftigt, ist gerade neu auf den Markt gekommen:

Nicole Seifert: Frauen Literatur: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

In einer weiteren Neuerscheinung schreibt Elke Heidenreich über Schriftstellerinnen, die sie geprägt haben: Hier geht’s lang!: Mit Büchern von Frauen durchs Leben

Bethan Roberts: Der Liebhaber meines Mannes

Inhalt

«Eigentlich wollte ich mit diesen Worten beginnen: Ich will dich nicht mehr zerstören – denn ich will es wirklich nicht – kam aber zu dem Schluss, dass du das viel zu melodramatisch finden würdest. […] Denn ich will alles aufschreiben, damit ich es richtig verstehe. Dies ist eine Art Geständnis und es ist wichtig, bis in die Einzelheiten genau zu sein. Wenn ich fertig bin, will ich dir diese Aufzeichnungen vorlesen, Patrick, denn du kannst mir nicht mehr widersprechen.»

Wir schreiben das Jahr 1999. Nachdem Patrick zwei Schlaganfälle hatte und nicht mehr für sich sorgen kann, beschliesst Marion, ihn bei sich aufzunehmen. Die beiden verbindet eine lange Geschichte, in die auch Marions Mann Tom verstrickt ist, eine Geschichte, die Marion nun aufschreiben will. Sie beginnt bei der ersten Begegnung mit Tom. Sie erinnert sich, wie sie über Jahre für ihn geschwärmt hatte, endlich von ihm wahrgenommen wurde. Die beiden heirateten und Marion konnte ihr Glück kaum fassen. Sie erzählt weiter von Unternehmungen mit Toms Freund Patrick, welche anfänglich zu dritt stattfanden, später mehrheitlich als Männerfreundschaft weiterliefen.

In ihrem Rückblick schaut Marion endlich genau hin, beschreibt sachlich, nie anklagend, was passiert ist und wie sie selber zu lange die Augen verschlossen hat. Sie erklärt den menschlichen Hang, lieber nichts zu sehen, als sich Tatsachen stellen zu müssen. Und sie beschreibt von dem Moment, an dem sie nicht mehr wegschauen konnte.

«Es ist schon sehr spät und ich kann nicht schlafen. Dunkle Gedanken – böse Gedanken – treiben mich um. Ich habe immer wieder daran gedacht, den letzten Eintrag zu verbrennen. Aber ich kann nicht. Was sonst lässt ihn wirklich werden, ausser meinen Worten auf Papier? Da niemand sonst davon weiss, wie kann ich mich sonst von seiner tatsächlichen Existenz, von meinen tatsächlichen Gefühlen überzeugen?»

Wir schreiben das Jahr 1957. Aus Patricks Tagebuch erfahren wir alles über sein erstes Treffen mit einem Polizisten, welcher zugleich Marions Tom ist. Wir lesen von der Schwärmerei des älteren Patricks für den jungen Tom, welche der von Marion ähnlich ist. Wir lesen von den Gefühlen eines Mannes zu einem Mann, die im England dieser Zeit verpönt und verboten sind.

«Und je mehr ich an ihn denke, desto weniger finde ich Gründe, warum wir nicht zusammen sein könnten. Je mehr ich an ihn denke, desto weniger erinnere ich mich an etwas, das falsch war oder schwierig. Alles, woran ich mich erinnere , ist, wie süss er war. Und das ist am schwersten zu ertragen.»

Und dann nimmt alles einen Lauf, welcher 1999 aus einer anderen Warte erzählt wird.

Weitere Betrachtungen
In Der Liebhaber meines Mannes erleben wir die Geschichte von drei Menschen, die alle auf ihre Art Opfer ihrer Zeit geworden sind. Alle leiden sie unter den Normen der Gesellschaft und unter den Gesetzen, welche diese Normen sanktionieren. Die Gesellschaft bestimmt, wie eine Frau sein soll, welche Möglichkeiten sie im Leben hat und welchem Bild sie entsprechen soll. Sie bestimmt weiter, wer wen lieben darf und was als sittenwidrig und unnatürlich gilt.

Bethan Roberts gelingt es, in einer sehr feinfühligen Art die Geschichte dieser drei Menschen nachzuzeichnen. Sie erzählt die Geschichte aus der Sicht von Marion, welche 1999 zurückblickt, und anhand von Patricks Tagebuch aus der Zeit der 50er Jahre. Tom ist sprachlos, er findet weder eigene Worte für das, was geschah, noch findet er sie für die Gegenwart. Er ist nur die Figur, um welche Marion und Patrick drehen, quasi die Sonne in deren Universum. Strahlend ist dabei nur seine optische Schönheit, sein Wesen bleibt merkwürdig blass, er scheint nur als Projektionsfläche für zwei Menschen zu dienen, welche ihren Platz in der Gesellschaft suchen und Tom dazu brauchen.

Obwohl der Roman in meinen Augen etwas zu langsam und zu langgezogen anfängt, lässt er einen nicht mehr los. Bethan Roberts verzichtet auf Anklagen, auf sozialkritische und moralische Zeigefinger, sondern lässt die Figuren ihre Geschichte erzählen auf eine Weise, dass sie direkt ins Herz des Lesers trifft. Das Buch macht nachdenklich, wehmütig, ein wenig traurig auch. Das traurigste daran ist aber, dass es irgendwann zu Ende ist und man sich wünschte, man könnte noch lange weiterlesen.

Fazit:
Ein feinfühliger Roman mit viel Tiefe, Sensibilität, der ohne Kitsch und Schnörkel die Komplexität menschlicher Beziehungen beschreibt. Berührend, zum Nachdenken animierend, einnehmend. Sehr empfehlenswert.

Bethan Roberts
Bethan Roberts ist 1973 in Oxford geboren und wuchs in Abingdon auf. Nach einem Master in kreativem Schreiben an der Chichester Universität arbeitete sie unter anderem als Autorin und Produktionsassistentin beim Fernsehen und unterrichtete selber kreatives Schreiben. Bethan Roberts wohnt mit ihrer Familie in Brighton. Von ihr erschienen sind auch Stille Wasser (2008) und Köchin für einen Sommer (2009).

Ein Interview mit der Autorin: HIER

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 365 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (12. Februar 2013)
Übersetzung: Astrid Gravert
ISBN: 978-3888978166

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#abcdeslesens – O wie „Oh Mensch! Gib Acht! (Friedrich Nietzsche, Zarathustras Rundgesang)

Eins!
Oh Mensch! Gib acht!
Zwei!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Drei!
«Ich schlief, ich schlief – ,
Vier!
«Aus tiefem Traum bin ich erwacht:-
Fünf!
«Die Welt ist tief,
Sechs!
«Und tiefer als der Tag gedacht.
Sieben!
Tief ist ihr Weh -,
Acht!
«Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Neun!
«Weh spricht: Vergeh!
Zehn!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Elf!
«- will tiefe, tiefe Ewigkeit!
Zwölf!

In diesem Gedicht treffen sich Poesie und Musik. Das 1884 geschriebene Gedicht, es ist zentral als Zarathustras Rundgesang in Nietzsches Werk «Also Sprach Zarathustra», wurde 1895 von Gustav Mahler vertont. Damit treffen ein musikalischer Philosoph und ein philosophischer Komponist aufeinander und kreieren quasi ein gemeinsames Kunstwerk.  

Zwölf Glockenschläge dauert das Gedicht. In ihnen ist die Vergänglichkeit des Lebens symbolisiert. Zugleich spricht er das Leid und die Lust des Lebens an, zwei Prinzipien, die bei Nietzsche in Bezug auf das Leben immer wieder zum Tragen kommen.

Nietzsche spricht den Menschen direkt an: Er soll achtgeben. Wovor? Dazu muss man wohl tiefer in den «Zarathustra» eintauchen, sehen, wie er das Leiden, die Schwere der Zeit beleuchtet und immer wieder nach Leichtigkeit, nach dem Tänzerischen im Leben sucht. Was also passte besser als ein Lied, später gar vertont?

Der Tag ist tief, viel tiefer als man denkt. Und in allem steckt das Weh. Es wird nur von einem noch übertroffen: Von der Lust. Während man nun das Leid zum Verschwinden bringen möchte, erhofft man sich von der Lust Ewigkeit – möge sie immer anhalten, möge der Tanz nie enden.

Doch dann kommt der zwölfte Glockenschlag. Und danach ist Schweigen. Wir wissen nicht, was sein wird, es bleibt also nur, zu geniessen, was ist.

Ruth Klüger: weiter leben

Inhalt

«Ich kenne die Stadt meiner ersten elf Jahre schlecht. Mit dem Judenstern hat man keine Ausflüge gemacht, und schon vor dem Judenstern war alles Erdenkliche für Juden geschlossen, verboten, nicht zugänglich. Juden und Hunde waren allerorten unerwünscht…»

«weiter leben» erzählt von einer Kindheit in Wien, einer Jugend im KZ und dem (Weiter-)Leben danach. Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil erzählt von der Kindheit in Wien, davon, dass Ruth Klüger vieles verwehrt war wie zum Beispiel, auf einer Parkbank zu sitzen. Das Wien ihrer Kindheit ist für Ruth Klüger undurchdringbar, voller ihr fremd bleibender Menschen (inklusive ihrer Familie) und unverständlicher Zusammenhänge. Alles, was passiert, geschieht hinter vorgehaltener Hand, im Verborgenen, wird im Flüsterton besprochen.

Teil zwei handelt vom (Über-)Leben in verschiedenen Lagern. Mit elf Jahren kam Ruth Klüger mit ihrer Mutter nach Theresienstadt. Es folgten Auschwitz-Birkenau und Christianstadt/Gross-Rosen. Ruth Klüger erzählt vom Lageralltag, von Hunger, Durst, Gestank, vom Ausgeliefertsein, von stundenlangem Stehen bei Appellen und den ständig rauchenden Schornsteinen der Krematorien.

In Teil drei wird die Flucht und das Leben in Bayern erzählt. Es handelt vom Einmarsch der US-Army und der damit verbundenen Hoffnung, nach Palästina oder in die USA zu emigrieren.

Teil vier erzählt vom Leben in den Staaten, vom Leben mit der Mutter in New York, dem Umzug an die Westküste und dem folgenden Studium. Den Schluss macht ein Epilog, in welchem Ruth Klüger mit amerikanischen Studenten nach Göttingen kommt.

Weitere Betrachtungen
Ruth Klüger verwebt in ihrem autobiographischen Text die Vergangenheit mit der Gegenwart, sie stellt Bezüge her zwischen dem Erlebten damals und dem heutigen Wissen. So ist das Ganze keine chronologische Geschichte, die einzelnen Erlebnisse sind nie eindeutig so passiert, sondern es besteht überall die Möglichkeit einer späteren Zuschreibung durch hinzugekommenes Wissen. Ruth Klüger erzählt, erinnert, springt zwischen Ereignissen hin und her, übt Kritik an vielem und auch an sich.

«Ich muss gestehen, dass ich tatsächlich eine sehr schlechte Jüdin bin.»

In dem Buch wird auch deutlich, wie wenig das Gefühl der eigenen Identität und Zugehörigkeit zählt, wenn die Sicht von aussen eine andere ist. Es wird aber auch deutlich, wie oft sich Menschen schon eine Meinung gemacht haben über das, was passiert ist, so dass sie gar nicht mehr wirklich zuhören. So kommt in dem Buch eine in den USA lebende Deutsche vor, welche Ruth Klüger erzählt, dass Theresienstadt ein mildes KZ gewesen sei, Göttinger Doktoranden sondern zweifelhafte Kommentare zu israelischen Auschwitz-Überlebenden ab und viele weitere Stimmen geben. vor, zu wissen, was nun wie gewesen sei. Und das besser als Ruth Klüger, die mittendrin war. Als Rezensierende stehe ich hier vor der Aufgabe, etwas zu dem Buch zu sagen, ohne selbst in die Falle von zuschreibenden Adjektiven zu tappen. Ruth Klüger kritisierte unter anderem die Zuschreibung erschütternd, welche oft in Zusammenhang mit solchen Überlebenden-Berichten verwendet wird. Und doch liegen sie auf der Zunge nach der Lektüre. Vielleicht darf sie das auch, als eigene Wahrnehmung von etwas, von dem wir sicher keine Ahnung im Sinne Ruth Klügers haben, aber eine Wirkung bemerken beim Erfahren davon.

Das Buch besticht durch eine Klarheit und Menschlichkeit. Es verzichtet auf Sentimentalität, berichtet sachlich, teilweise gar mit einem leichten Augenzwinkern und beissendem Sarkasmus von einer Jugend, die durch die Umstände eine ganz besondere war, eine, in der Ruth Klüger erlebt hat, was kein Mensch je erleben sollte, von einem Über- und dann Weiterleben, von den Reaktionen anderer Menschen auf ihr Schicksal. Sie erzählt auch davon, was ihr in schwierigen Zeiten geholfen hat, wodurch sie neue Hoffnungen schöpfte.

«Man liess mich lesen, weil ich dann niemanden behelligte. Manchmal sah man darin ein Zeichen von Intelligenz, machmal auch eine Unart.»

Ruth Klüger flüchtete sich früh in die Welt der Bücher. Da sie wusste, dass sie jedes Buch, das verboten oder den Eltern sonst ein Dorn im Auge war, abgeben musste, sie es aber hasste, eine Lektüre abbrechen zu müssen, beschränkte sie sich auf Bücher, die genehm waren: Die Welt der Klassiker.

Literatur hatte noch andere Funktionen. Im Lager sagte sie sich Balladen auf, wenn sie bei Appellen stundenlang anstehen musste. In der Ordnung dieser Verse, fand sie ein Gegengewicht zum Chaos des Lagers. Gedichte waren Halt und Trost in einer Welt, in der beides verloren gegangen war.

Persönlicher Bezug
Die Literatur von Überlebenden hat eine grosse Rolle in meiner Dissertation gespielt. Das Bedürfnis dieser Menschen, Zeugnis abzulegen für das, was war, hat mich tief ergriffen und nie mehr losgelassen. Es sind Zeugnisse, die von den schlimmsten Gräueln unserer Geschichte sprechen, Zeugnisse von Menschen, welche die Hölle sahen und mit ihrem Schreiben auch denen eine Stimme geben wollten, welche keine mehr haben, weil sie in den Konzentrationslagern auf bestialische Weise ermordet wurden.

Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Zeugnisse auch heute noch wichtig sind, dass man sie auch heute noch lesen sollte, um zu sehen, wozu der Mensch fähig ist, und um bewusst wahrzunehmen, wohin wir nie mehr steuern wollen als Gesellschaft, als Menschen.

Fazit
Die eindrücklich erzählte Lebensgeschichte einer Frau, die als Kind die Deportation ins Lager und das grausame Leben da erfahren musste, fliehen konnte und mit all den Erinnerungen und Erfahrungen sowie den Reaktionen darauf weiterleben musste. Eine grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ruth Klüger wurde am 30. Oktober 1931 in Wien geboren. Als Jüdin wurde sie nacheinander in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt verschleppt. 1947 wanderte sie in die USA aus und studierte dort Anglistik und Germanistik. Sie lebte bis zu ihrem Tod 2020 als Literaturwissenschaftlerin in Irvine/Kalifornien – mit einem zweiten Wohnsitz in Göttingen. Ihre Biographie ›weiter leben‹ war ihre erste literarische Veröffentlichung. Sie fand damit ein überwältigendes Echo bei Kritikern und Publikum und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft (1. November 1994)
Taschenbuch ‏ : ‎ 288 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423119504

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Franz Hohler: Der Enkeltrick

Inhalt

„Rom“, sagte sie zu sich, „ich bin in Rom“, und plötzlich wurde sie von einem Gefühl erfüllt, das sie kaum mehr kannte. Es war eine Neugier, eine Unternehmungslust, etwas von ganz früher, wenn es in ein Klassenlager ging oder auf eine Schulreise, als sie noch nicht Amalie Ott war, Mutter zweier Kinder, sondern selbst noch ein Kind, ein Kind, das sich auf das Leben freute. Aber da mischte sich noch etwas ein, auch von früher, es ar die Angst vor dem Unbekannten…

Eine Grossmutter macht sich auf nach Rom, um ihre Enkelin zu retten. Aus der Reise wird eine Fahrt in die eigene Vergangenheit und auch eine Hilfe, wie sie so nicht vorgesehen war. Ein pensionierter Steuerbeamter findet Freude daran, anderen Menschen eine Freude zu machen, indem er ihnen zum Geburtstag gratuliert. Das lässt seine Frau nicht ganz kalt. Ein Mann macht sich auf, sich einen Kindheitstraum zu erfüllen, entgegen dem Rat seiner Nächsten, inklusive dem Autor. Der Weg zum Glück ist manchmal anstrengend. Ein reservierter Tisch bringt mitunter Unglück für den, welcher sich unberechtigt an ihn setzt – und für andere auch. Eine Katze sucht eine Ferienunterkunft und bringt ein Familiengeheimnis auf den Tisch. In einer Küche fliegen Steine aus dem heiteren Himmel, so dass wohl nur noch eine Teufelsaustreibung hilft.

„Kinder, so lautet eine oft gehörte Schätzung, lachen etwas 400 Mal am Tag, Erwachsene etwa 15 Mal. Den Gang zur Freudlosigkeit, der dazwischen liegt, nennen wir Erziehung.“

Ein Mann macht sich mit der Novelle „Das verlorene Lachen“ im Gepäck auf eine Wanderung und erinnert sich an sein eigenes Lachen. Ein Komponist macht sich auf zu einer grossen Reise und ein Vogel hält ein Quartier auf Trab. Eine Zugfahrt entblösst die Verlockungen der Maske und ein Handy fängt das Lügen an.

Weitere Betrachtungen
Franz Hohler vereint in diesem Büchlein elf Kurzgeschichten, die für unterschiedliche Anlässe geschrieben wurden. Sieben Erzählungen entstanden im Rahmen von Rafik Schamis Eniladung seiner Reihe „Sechs Sterne“, eine als Beitrag zu einer Aufführung von Joseph Haydn und drei aus kompett eigenem Antrieb. Zusammengekommen ist ein buntes Potpurri von Geschichten, die im Zentrum immer einen Menschen haben, der vor einer Herausforderung steht, die nicht immer mit ganz normalen Dingen zu tun zu haben scheint.

Der Aberglaube dörflicher Gemeinschaften findet ebenso Einzug in das Buch wie auch persönliche Ahnungen und mysteriöse Geschehnisse. Als Leser weiss man oft bis zum Schluss nicht, worauf die Geschichte hinausläuft und nicht selten ist man bass erstaunt. Das macht das Buch zu einem, welches man von der ersten bis zur letzten Geschichte nicht aus den Händen legen mag.

Persönlicher Bezug
Franz Hohler begleitet mich seit Kindesbeinen. Zuerst liebte ich seine Kindersendung „Franz und René“, später seine humorvollen und doch auch zum Nachdenken anregenden Texte auf der Bühne. Bald schon kamen auch seine Kurzgeschichten und Gedichte dazu. Ich schätze an Franz Hohler seinen Tiefgang, sein genaues Hinschauen, sein leichtes Erzählen, in welches doch immer auch ernste Themen einfliessen. Ich mag es, wie er immer eine Prise Humor als Würze bereit hält, die wohldosiert ist. All das zeigt sich auch im vorliegenden Buch.  

Fazit:
„Der Enkeltrick“ ist ein Buch, das von einzelnen Menschen erzählt, die Gesellschaft dabei im Blick behält. Es ist ein Buch, das zum Nachdenken und zum Schmunzeln anregt, ein Buch, das Leichtigkeit und Tiefgang vereint. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren. Er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über fünfzig Jahren im Luchterhand Verlag.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag; Originalausgabe Edition (11. Oktober 2021)
ISBN-Nr.: 978-3630876795

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Thomas Mann: Tonio Kröger

Inhalt

„Diese Art und Weise, sich selbst und sein Verhältnis zum Leben zu betrachten, spielte eine wichtige Rolle in Tonios Liebe zu Hans Hansen. Er liebte ihn zunächst, weil er schön war; dann aber, weil er in allen Stücken als sein eigenes Widerspiel und Gegenteil erschien.“

Tonio Kröger, Sohn einer angesehenen, bürgerlichen Familie, selber von dunklem Aussehen durch die südländische Mutter, verehrt die blonden, blauäugigen Wesen, bewundert die Menschen, die dazugehören zur Norm, während er immer am Rande, aussen vor steht. Er weiss schon früh, dass er seiner Bestimmung nicht entkommen wird, dass er Schriftsteller werden und damit die ganzen Nöte des Künstlertums, dessen Einsamkeit, dessen Ausserhalb-Stehen, auf sich nehmen muss. Er verlässt seine Heimat und kehrt nach vielen Jahren zurück, ängstlich vor den Erinnerungen, die noch in ihm sind und wieder aufbrechen. Als er dann schliesslich mit seinen Jugendlieben konfrontiert wird und ihm erneut sein Leben zwischen Welten bewusst wird, merkt er, dass wohl genau da sein Platz ist. Er kann nicht das Bürgertum verachten wie früher, aber er wird die Künstlernatur nicht los, die seine eigene ist. Sein Leben wird genau da stattfinden: Zwischen zwei Welten. 

Weiterführende Betrachtungen
Thomas Mann schrieb «Tonio Kröger» 1903, zwei Jahre nach dem Erscheinen der Buddenbrooks, zu welchem sich durchaus einige Parallelen finden lassen. Er ist zu dem Zeitpunkt 28 Jahre alt und noch nicht als Schriftsteller gefestigt. Noch kämpft er mit seinem Status, mit seiner Herkunft und auch mit der Konkurrenz mit seinem Bruder. Das alles fliesst in den «Tonio Kröger» hinein.

„Tonio Kröger“ ist sicher nicht Thomas Manns herausragendstes Werk, sofern man überhaupt in solchen Kategorien denken will, und doch hat sogar Mann selber dieses Werk als sein Lieblingskind bezeichnet. Im «Tonio Kröger» hat Thomas Mann viel von seiner eigenen Geschichte verarbeitet, er hat seine Eltern als Vorbilder für Tonios Eltern genommen, die eigenen Schwierigkeiten beim Heranwachsen und bei der Wahl seiner Zukunft als Schriftsteller thematisiert. Vor allem aber hat er sein eigenes Lebensthema, das Schwanken zwischen Bürger- und Künstlertum in Worte gefasst und dabei die eine grosse Frage gestellt:

«Aber was ist der Künstler?»

Tonio Kröger kommt zum Schluss, dass nur er, welcher sich vom Menschlichen entfernt, der das Leben den anderen überlässt, diese aus sicherer Distanz beobachtet, ein Künstler im wahren Sinne sein könne:

«Das Gefühl, das warme, herzliche Gefühl ist immer banal und unbrauchbar, und künstlerisch sind bloss die Gereiztheiten und kalten Ekstasen unseres verdorbenen, unseres artistischen Nervensystems. Es ist nötig, daß man etwas Außermenschliches und Unmenschliches sei, daß man zum Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehe, um imstande und überhaupt versucht zu sein, es zu spielen, damit zu spielen, es wirksam und geschmackvoll darzustellen.

Zu viel Gefühl verdirbt die Kunst, macht sie sentimental und nimmt ihr damit den wirklichen Ausdruck, den guten Stil:

«Es ist aus mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt.»

Und weiter:

«Die Begabung für Stil, Form und Ausdruck setzt bereits dies kühle und wählerische Verhältnis zum Menschlichen, ja, eine gewisse menschliche Verarmung und Verödung voraus.»

Auch diese Sicht ist durchwegs autobiographisch zu nennen, hat Thomas Mann sich doch auch zeitlebens gewisse Neigungen auszuleben verboten, hat sich in die Kunst geflüchtet und sie in dieser sublimiert. In seine Werke sind all seine Lieben eingegangen, teils als Jünglinge, teils noch verdeckter als Frauen. Es fällt in diesem wie auch in Thomas Manns anderen Werken auf, dass sich darin wenig Erfundenes findet. Thomas Mann schöpft aus der Wirklichkeit und verarbeitet diese in seine Geschichten. Er selber nannte das «Aneignungsgeschäfte».

Persönlicher Bezug
Die Liebe zu Thomas Mann begleitet mich schon viele Jahre. Als ich am Ende des Studiums meine Masterarbeit zu ihm schrieb, eröffneten sich mir da ein Leben und ein Werk, die mich beide faszinierten und in den Bann zogen. Dass ich mich deswegen oft auf die autobiographischen Bezüge in seinem Werk konzentrierte, liegt wohl auf der Hand – abgesehen davon, dass sie sich anbieten bei diesem Künstler.

Ich mag an Thomas Mann so ziemlich alles: Seine Geschichten, seine Sprache, seine Gedankengänge, die so vielfältige Bezüge zur Philosophie und auch zu einem mir wichtigen Thema, dem Künstlertum, aufweisen. Immer wieder zeigt sich mir bei der Lektüre etwas, das auch im «Tonio Kröger» erwähnt wird:

«Die reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die Zerstörung der Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der Sprache…»

Zum Autor
Paul Thomas Mann, wie Thomas Mann eigentlich hiess, wird am 6. Juni 1875 in Lübeck in eine Kaufmannsfamilie hinein geboren. Er mag die Schule nicht, geht vor dem Abschluss ab.

Schon während seiner Schulzeit hat Thomas Mann geschrieben, allerdings meistens schwülstige, von leidenschaftlicher Verliebtheit (zu einem Mitschüler) geprägte Gedichte (Eine Erinnerung daran findet sich wohl im Tonio Kröger und der Bleistiftszene wieder.). Nach einem kurzen Ausflug in die Arbeitswelt – Thomas Mann hat eine Stelle als Volontär bei einer Feuerversicherung angenommen und schnell wieder gekündigt – steht bei ihm der Entschluss, Schriftsteller werden zu wollen. Eine erste Erzählung mit dem Titel Gefallen wird auch sofort in einer Zeitschrift veröffentlicht, weitere folgen

1895 und 1986 reist Thomas Mann mit seinem Bruder Heinrich für einige Monate nach Italien, die beiden Brüder bleiben bis im April 1898 und Thomas Mann verfasst mehrere kleinere Arbeiten und beginnt 1897 mit den Buddenbrooks, welche er 1900 an Samuel Fischer schickt, es wird 1901 gedruckt.

1905 heiratet Thomas Mann Katia Pringsheim, Schlag auf Schlag folgen vier Kinder: Erika (1905), Klaus (1906), Golo (1909) und Monika (1910), später dann noch Elisabeth (1918) und Michael (1919). Es sind produktive und erfolgreiche Jahre, die lange andauern. Auch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ändert daran nicht viel.

Die Situation in Deutschland spitzt sich zu, Thomas Mann geht nach Küsnacht in der Schweiz 1936 verliert Thomas Mann die deutsche Staatsbürgerschaft und wird tschechoslowakischer Bürger. 1938 wandert die Familie Mann in die USA aus. Am 7 .Mai 1945 kapituliert Deutschland, Thomas Mann weigert sich lange, dahin zurückzukehren. 1950 reist Mann nach Zürich in die Schweiz. Thomas Mann stirbt am 12. August 1955 im Krankenhaus in Zürich.

Fazit:
Eine persönliche, sehr authentische, sprachlich herausragend geschriebene Künstler-Erzählung. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: FISCHER Taschenbuch; 50. Edition (26. September 1988)
ISBN-Nr.: 978-3596213818

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Jenny Erpenbeck: Kairos

Inhalt

„In so einem Koffer, in so einem Karton, liegen, Ende, Anfang und Mitte gleichgültig miteinander im Staub der Jahrzehnte, liegt das, was zum Täuschen geschrieben wurde, und das, was als Wahrheit gedacht war, das Verschwiegene und das Beschriebene, liegt all das, ob es will oder nicht, eng ineinandergefaltet, liegt das sich Widersprechende, liegen der stummgewordene Zorn ebenso wie die stummgewordene Liebe miteinander in einem Umschlag, in ein und derselben Mappe, ist Vergessenes genauso vergilbt und zerknickt wie das, woran man sich noch, dunkel oder auch hell, erinnert.“

Als Katharina nach Hans‘ Tod zwei Kartons mit den Erinnerungsstücken an ihre gemeinsame Beziehung ausgehändigt erhält, lässt sie diese Revue passieren. Es muss ein glücklicher Zufall gewesen sein – Gott Kairos steht dafür – dass sie sich überhaupt über den Weg liefen damals, sie gerade 19 und angehende Schriftsetzerin, er gestandener Autor in den Fünfzigern, verheiratet und mit einem Sohn. Dass es immer ein Glück neben der Ehe sein wird, macht Hans von Anfang an klar – Katharina lässt sich darauf ein, zu groß ist ihre Liebe, zu sehr genießt sie das gemeinsame Glück.

Hans teilt mit ihr die Musik, die er liebt, zeigt ihr die Bilder, die er mag, erfüllt sie mit Inhalten, die ihr in seinen Augen noch fehlen. Es sind nicht nur glückliche Stunden, Hans misstraut Katharina immer wieder, unterstellt ihr andere Männer, ist eifersüchtig, sucht die Kontrolle und verlangt totale Offenheit und Wahrheit. Als Katharina wirklich mit einem anderen Mann die Nacht verbringt, versinkt Hans in einer grenzenlosen Enttäuschung, für welche er Katharina hart bestrafen muss. Katharina anerkennt ihre Schuld und hofft trotz allem, dass sie wieder glücklich werden würden. Irgendwann.

Weitere Betrachtungen

„Im Angesicht dieses Mannes, der ihr bei diesem Abendessen als ungeheures Glück, als Unglück und als Frage gegenübersitzt, versteht sie: Jetzt hat das Leben begonnen, für das alles andere nur Vorbereitung gewesen ist.“

Kairos, der Gott des Augenblicks, steht Pate bei dieser Geschichte, die sich aus einem Augenblick in einem Bus entwickelt. Ob der Augenblick glücklich ist oder nicht, weiß man erst im Nachhinein.

Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte dieses ungleichen Liebespaars in der zu Ende gehenden DDR auf eine eigenwillige, temporeiche, eindrückliche Weise. Die beiden Lebensläufe verweben sich förmlich ineinander, indem sich Gedankenfetzen von Katharina und Hans abwechseln, damit sowohl die jeweiligen Innensichten sowie das erlebte Miteinander sichtbar machen. Entstanden ist ein Buch, das von der ersten Seite in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Die Figuren sind authentisch, plastisch, die Orte anschaulich und die Zeit der DDR in den späten Achtzigerjahren mit ihren politischen und sozialen Gegebenheiten fundiert als Schauplatz präsentiert.

„Kairos“ ist eine Liebesgeschichte, es ist aber auch die Geschichte einer Abhängigkeit, die Geschichte von Kontrolle, Macht und Dominanz. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die für die Liebe bereit ist, sich, eigene Gedanken, Pläne, Wünsche aufzugeben, um dafür glückliche Stunden erleben zu können mit dem Mann, den zu verlieren ihr das größte Unglück scheint. Es ist die Geschichte eines Mannes, der in der unschuldigen Jugend und Verehrung ein Ideal sieht, aus dem er Kraft für sich schöpft. Er gestaltet dafür die Beziehung nach seinen Vorgaben, behält die Kontrolle darüber, was passiert, und reagiert, als er die einmal verloren glaubt, auf eine äußerst unnachgiebige, gnadenlose Weise, indem er nach außen ganz klar Täterin und Opfer in der Beziehung definiert, als Opfer die Täterin ihre Schuld spüren lässt, sie aber bei Lichte betrachtet selber zum Opfer macht.

All das erzählt Erpenbeck ohne Parteinahme, ohne psychologisierende Erklärungen, rein durch den Fortlauf der Geschichte in einer schnörkellosen, eingängigen, gut lesbaren und doch nicht seichten Sprache.  

Persönliche Einschätzung
Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Die Liebesgeschichte war mitreißend, frisch, glücklich und doch nie seicht oder kitschig. Der Umstand, dass Hans verheiratet ist, trübte das Bild ein wenig, was aber nur einem moralischen Andersempfinden, keiner Verurteilung geschuldet war. Erst kamen einige Szenen, die aufmerken ließen, Wendungen, die von einer Erziehungsabsicht des Älteren sprachen, Aussagen, die auf Kontrolle hindeuteten, wo diese – aus der Situation heraus – sicher nicht legitim war. Diese Momente häuften sich, steigerten sich, das Kräfteverhältnis in dieser ungleichen Beziehung kristallisierte sich immer deutlicher heraus. Mit Katharinas Fehltritt drehte das Bild komplett.

Hans wurde immer unsympathischer, ich hatte schlussendlich eine regelrechte Wut im Bauch beim Lesen. Gleichzeitig fragte ich mich, wie Katharina das alles einfach hinnehmen, mit sich machen lassen konnte. Und es erschütterte mich, wie es in einer Beziehung geschehen kann, dass ein Mensch regelrecht gebrochen werden kann in seinem Selbstverständnis, so stark, dass ihm fast der Lebenssinn abhanden kommt.

Fazit:
Ein mitreißendes, aufwühlendes, großartig erzähltes Buch über die Geschichte einer ungleichen Liebe und was daraus entstehen kann, wenn einer sich in einer Beziehung aufgibt. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Jenny Erpenbeck, geboren 1967 in Ost-Berlin, debütierte 1999 mit der Novelle »Geschichte vom alten Kind«. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen, darunter Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Ihr Roman »Aller Tage Abend« wurde von Lesern und Kritik gleichermaßen gefeiert und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Independent Foreign Fiction Prize. Für »Gehen, ging, gegangen« erhielt sie u. a. den Thomas-Mann-Preis. 2017 gewann Jenny Erpenbeck den Premio Strega Europeo und wurde mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Penguin Verlag; Originalausgabe Edition (30. August 2021)
ISBN-Nr.: 978-3328600855

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