Gefühl und Verstand – Das kommt mir spanisch vor

Ich bin Kopfmensch. Rationalist. Ich kann Argumente hin und her drehen, von allen Seiten betrachten, logische Schlüsse ziehen, Gegenargumente finden, Beweise versuchen, sie verweisen und wieder vorne beginnen. Diese Hirnakrobatik wurde mir wohl schon in die Wiege gelegt, dass ich ein Studium wählte, das gerade das noch fordert und fördert, machte es nicht besser, kam mir eher entgegen.

In meinem Leben, das nun doch schon einige Jahre andauert, kam ich oft an Situationen, in denen ich etwas dachte, so ganz spontan, innerlich wusste, ich habe recht, und dann doch begann, es logisch zu zerpflücken, Argumente zu wälzen und dann einen Schluss zog – dem spontan gedachten diametral entgegengesetzt. Im Nachhinein – so habe ich zumindest das Gefühl – hatte ich immer das Nachsehen, der erste, spontan gedachte Gedanke wäre richtig gewesen.

Nun denkt man, Frau sei klug, sie lerne was, achte fortan auf ihre spontanen Eingebungen. Doch der Verstand besagter Frau ist unglaublich hartnäckig und hat – drum heisst es wohl DER Verstand – machoähnliche Züge, indem er immer denkt, im Recht zu sein, nur hart genug insistieren zu müssen, um am Schluss erhört zu werden. Und: Es funktioniert.

Frau denkt sich, irgendwas sei nicht ganz koscher, der Gedanke festigt sich. Sie fängt an, zu überlegen, denkt sich, dass es gar keinen Grund gebe, findet Erklärungen dafür, dass es ist, wie es ist, womit das, was nicht koscher erscheint, eben erklärbar und damit verständlich und somit in Ordnung ist. Irgendwo tief drin grummelt zwar noch was, aber es wird immer wieder mundtot gemacht. Dies umso mehr, wenn noch jemand genau die Argumente runter betete, die frau selber zur Mundtotmachung des ach so aufsässigen und mühsamen Spontangefühls bemüht.

Es gibt ein Sprichwort:

Wo Rauch ist, ist auch Feuer.

Dieses spontane Gefühl speist sich irgendwoher. Klar aus Erfahrungen und die werden nicht immer der aktuellen Situation gerecht. Trotz alledem hat die Natur den Menschen (und alle Lebewesen) so eingerichtet, Mechanismen zu entwickeln, die bekannte Gefahren erkennen und entsprechend reagieren helfen. Da auch der Mensch nichts anderes als ein Tier ist und damit durchaus Naturprodukt (was er mit all seiner Gedankenkraft gerne wegdiskutieren möchte, erscheint ihm das doch unangebracht minderwertig ob der hohen Ansprüche, die er an sich und seinen Status stellt), sollte man irgendwann wohl zu der Einsicht gelangen, dass an diesen Gefühlen durchaus was dran ist und was spanisch erscheint auch spanisch ist.

Und ja, vielleicht greift man wirklich mal daneben mit seinen Gefühlen. Interpretiert zuviel in etwas, das nicht da ist. Selbst dann bliebe zu hinterfragen, wo das Spanische herkam, denn irgendwo lag es versteckt.

Fussball und der Nahe Osten

Ich lese vermehrt Entsetzen darüber, dass man sich überhaupt noch über die Fussball-WM unterhalten könne, wenn doch im Gaza die Erde brennt. Ich frage mich da bei aller Tragik der Vorkommnisse im Nahen Osten, was genau so schlimm daran ist. Das Leben findet hier statt und es geht weiter. Sollen alle alles einstellen und nur noch in den Nahen Osten schauen? Wem wäre damit gedient? Soll Freude, Spass, das alltägliche Leben keinen Platz haben, nur weil irgendwo Leid herrscht? Wird damit das Leid dort gemildert?

Wir werden die Konflikte im Nahen Osten nicht lösen können, das können die Betroffenen nur selber. Massnahmen von aussen wären eher kontraproduktiv denn hilfreich. Ich finde es auch bedenklich, Stellung zu beziehen für die Israelis oder die Palästinenser, da dies schlussendlich nur hilft, die Fronten auszuweiten, nicht sie einzudämmen.

Ich finde es wichtig, dass wir im Bewusstsein haben, dass es uns verdammt gut geht, können wir uns freuen – an Fussball, an gutem Essen, an schönen Dingen. Wir sind privilegiert, sicher und gut leben zu können. Leider geht das nicht allen so und das ist traurig. Die Freude am Hier und Jetzt heisst nicht, dass das Leid der anderen übersehen oder vergessen wäre, die Freude nicht zu leben wäre aber keine gute Tat, würde man doch das Gute, das wir haben, nicht schätzen und damit wäre es vergeudet.

Kommt Zeit, kommt Rat

Nach Enttäuschungen neigt man dazu, die Tür hinter sich zu schliessen. Ab und an baut man noch Mauern auf, um ja sicher zu sein, dass man nie mehr auf gleiche Weise verletzt wird, vor allem nicht von denselben Menschen oder Dingen. Sie sollen draussen bleiben, haben nichts mehr zu suchen im eigenen Leben.

So geht man dahin, baut an seinem Leben, wähnt die Gefahren draussen, fühlt sich befreit von ihnen, indem man sich selber eingeschlossen hat, um von ihnen fern zu sein. Allerdings ignoriert man dabei, dass man mal Gründe hatte, sie ins Leben zu lassen. Etwas hatten die Dinge oder Menschen, das sie in unserem Leben wünschenswert machte, das uns soviel gab, dass wir dachten, sie in unserem Leben zu wollen, zu brauchen vielleicht gar.

Wenn sie nun weg sind, mag durch die aktuelle Enttäuschung die Befreiung und Erleichterung gross sein. Mit der Zeit aber wird auch das fehlen, was uns ursprünglich mal zu ihnen hinzog. Und so sitzen wir zwischen dem Vermissen des Gewünschten und der Befreiung vom Unerwünschten. Die beiden gehen zusammen, die Frage ist, was überwiegt. Das wird meist die Zeit zeigen. War die Enttäuschung so gross, dass sie alles Gute überwiegt, es zum Schweigen bringt, so dass es nicht mehr wünschenswert genug ist ob der negativen Konsequenzen? Oder aber war das Gute so gut, dass es zu viele Lücken hinterlässt und das Loch kaum zu stopfen ist, wenn es wegfällt?

Neigt man im ersten Moment also dazu, die Türen zu schliessen, zu verriegeln, zuzumauern, wäre es vielleicht sinnvoller, sie mal sanft zuzuziehen und die Zeit arbeiten zu lassen. Wenn der akute Schmerz über die Enttäuschung wegfällt, sieht man klarer, was diese angerichtet hat. Man sieht auch, was über die Zeit hinweg überwiegt: Die Enttäuschung oder der Mangel. Ab und an ist es dann möglich, mal durchs Schlüsselloch zu blinzeln, vielleicht lässt sich die Tür sogar einen Spalt öffnen und dem aus dem Leben Gestrichenen wieder ein wenig Zutritt zu lassen zum eigenen Leben. Vielleicht merkt man aber auch, dass die Trennung gut war, das Leben ohne zu etwas Besserem führte als es das Leben mit je war. Es gibt kein richtig oder falsch, es sind alles Möglichkeiten, bei denen man sich irgendwann für die eine oder andere entscheiden muss. Sinnvoll ist sicher immer, sich dazu die nötige Zeit zu lassen, da man in Akutsituationen oft zu impulsiv und aus einer Verletzung heraus handelt, während man mit dem nötigen Abstand sich selber und die wirklichen Bedürfnisse besser spürt und dann einen tragfähigen Entscheid treffen kann.

Ich hätte meine Mama immer erwürgen können, wenn sie es sagte, aber irgendwo hatte sie wohl recht:

Kommt Zeit, kommt Rat.

 

Sauer über moralinsaures Gelaber

Ein Bild mit zwei attraktiven Damen, gekleidet in etwas knappe rote Kleidchen, die sich auf einer Kühlerhaube räkeln. Die Analyse des Bildes reicht von sexistisch bis hin zu verfehlter Werbestrategie, entschieden doch Frauen, nicht Männer über den Kauf oder Nichtkauf.

Ach du meine Güte. Schlussendlich kann jede Frau – und hoffentlich jeder Mann  (zumindest in unseren Breitengraden) – entscheiden, was sie (er) kauft. Wenn sie ein Produkt will, soll sie es kaufen, wenn nicht, es lassen. Ob nun zwei (in der Tat sehr) attraktive Frauen auf einer Kühlerhaube liegen oder nicht, ist mir persönlich so lang wie breit, wenn ich ein Auto kaufe. Ich fahre mein Traumauto, weil ich es auf der Strasse sah und es für schön befand.

Die Ladies auf dem Bild finde ich durchaus attraktiv. Wieso sollen sie sich nicht zeigen und gezeigt werden? Dass dies sexistisch sein soll, musste ich persönlich erst von (vornehmlich) Frauen erfahren, die sich darüber ausliessen. Und noch heute frage ich mich, wieso eigentlich? Steckt nicht auch ganz viel Neid dahinter? Ich meine, mich wollte auch keiner auf dem Auto sehen wollen (ich mich selber eh nicht), aber wenn die das doch geniessen (und Model ist nach wie vor Traumberuf), sie dafür gebucht und bezahlt werden – was ist sooo schlimm dran?

Nächstes Thema waren die Religionen, die Frauen unterdrückten. Und trotz dieser Unterdrückung würden Frauen den Religionen folgen. Religionen… ein generell schwieriges Thema. Jeder glaubt etwas; die einen, dass es etwas gibt, die anderen, dass es nichts gibt. Und beide sind überzeugt von ihrer Meinung. Und bereit, für diese Meinung gewisse Dinge zu tun (oder zu unterlassen). So lange sie damit glücklich sind und niemandem weh tun – who cares? Wieso wollen immer Menschen dahin gehen und anderen sagen, was sie denken, fühlen, glauben dürfen? Wieso wollen sich immer Menschen über andere erheben und sich dabei besser fühlen?

Jeder muss für sich herausfinden, was ihm gut tut, womit er leben will und kann. Einen Halt braucht jeder im Leben. Die einen halten sich an Gott, die anderen an ihrem Aussehen, die dritten an der Bierdose. Und immer findet sich einer, der das anklagt. Allen Leuten recht getan – ein Ding der Unmöglichkeit. Bleibt nur, es sich selber recht zu tun. Dann kann einem nämlich egal sein, was andere tun für ihr Glück (sofern sie niemanden damit tangieren), weil man mit sich selber zufrieden ist.

Nicht gesucht – gefunden

Ich war wohl meines Lebens eine Suchende. Suchte nach Liebe, die ich nie kannte, weil sie nicht da war oder zumindest nicht gezeigt werden konnte. Weil sie missbraucht wurde, indem sie versprochen, nie gelebt wurde oder aber mit Lügen erkauft. Oder einfach ungewollt genommen. Ich suchte nach meinem Platz im Leben, den ich immer wieder aufgab, um eben andere Suchen zu ihrem Ende zu führen – und immer wieder auf die Nase fiel.

Ich habe seit Jahren mein Lebensmotto:

Ohne Liebe ist alles nichts.

Die Liebe selber lebte ich kaum. Mal fehlte sie, wo sie hätte sein sollen oder gar versprochen war, mal war sie nicht lebbar, weil zu viele Hindernisse da standen oder zumindest geahnt und gefürchtet waren. Das war kein wirklich grosses Problem, war ich doch sowieso ein eher rationaler Mensch, einer, der immer alles hinterfragte, auf zwei Beinen stand und die auf den Boden stellte. Kurze Höhenflüge landeten schnell, teilweise eher unsanft.

Wer in der Liebe schon so kläglich versagt, sollte wenigstens im Leben sonst besser bauen. Aber auch da baute ich auf Sand. Studierte, was kein Mensch braucht – war zwar gut darin, aber auch das half nichts, schadete wohl mehr. Die hochgezogenen Augenbrauen, die auf der einen Seite abschätzigen, auf der anderen Seite eher abgeschreckten Blicke,  kriegte ich gratis obendrauf. Jobs gab es nicht, weil zu viele Titel, zu wenig Erfahrung und vor allem keine Ellenbogen, Vitaminspritzen und anderen hilfreichen Mittel zum Zweck.

Und so sass ich immer mal wieder hier und fragte mich, was denn eigentlich aus mir werden sollte. Wer ich denn sei und was ich denn solle in dieser Welt. Was ich vor allem erwarten könnte und wie überleben. Von Natur Mimose (der Herr Papa würde das jederzeit unterschreiben und die nötigen Anekdoten gratis mitliefern),  tiefgründig, sensibel, eigensinnig und auch stolz, sah ich mich nicht vor den wirklich besten Voraussetzungen. Suchte mich mal hier, mal da, strandete, schwamm weiter, strauchelte, stand auf, erreichte doch eigentlich dieses und jenes, ohne es wirklich hoch zu schätzen, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt war, was ich grad nicht hatte oder war. Und immer, wenn ich vor einem Feld „Berufsbezeichnung“ stand, fing das Hirn zu rattern an. Beim Zivilstatus fehlte jedes Mal „gescheitert“.

Bin ich gescheitert? Beruflich? Im Leben? Ich denke nicht. Ich ging vielleicht keinen gradlinigen Weg. Ich ging nicht den Weg des „nine-to-five-job“s, sterbe nicht mit der Sandkastenliebe, aber ich blieb mir wohl immer treu – selbst wenn ich nicht wusste, wo ich gerade stand und wo ich hin wollte. Ich wusste immer, was ich nicht will und hatte das Glück, dazu stehen zu können. Insofern hatte mein Geburtstag recht: Ich bin ein Sonntagskind, ich habe Glück. Ich muss es nur sehen. Ab und an geht der Blick verloren, aber man kann ihn wieder zurückholen. Ausrichten an dem, was ist. Und darauf zoomen, was man will. Weil alles, was nicht richtig ist, genau darauf zielt, was sein soll.

Und irgendwann. Kommt der Moment. Man weiss: Das ist es. So soll es sein, so soll es bleiben.  Das sang schon einer. Dass ich es nicht zitiere bedeutet, dass er es nicht erfunden hat, da wäre noch Goethe:

 »Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!« (V 1699–1702)

Augenblicke können lange sein, auch kurz. Es können ganze Lebensmuster sein oder kleine Entscheidungen. Ich denke, relevant in dem Wunsch des Verweilens ist das Gefühl der Stimmigkeit. Das Gefühl: Das ist es. Und es wird kommen. Ab und an auf Umwegen, ab und an spät, manchmal ganz schnell, wenn man jemandem in die Augen blickt, ihn von Weitem gar sieht. So oder so: Es ist das Gefühl, das zeigt, wohin man gehen sollte. Es ist dieses Gefühl, nach dem man sich richten sollte. Der Verstand hat seine Berechtigung, er kann die Argumente liefern. Wenn das Gefühl ausbleibt, wird er es nie ersetzen können.

Der Verstand sucht – nach Argumenten, nach Umständen, nach Kriterien. Das Gefühl sagt nicht gesucht, aber gefunden:

 So ist es gut.

Puccini: La Fanciulla del West in Zürich

Gestern war ich in der Oper. La Fanciulla del West von Puccini. Vor vielen Jahren (Zahlen lassen wir hier mal sein) kürte ich Puccini zu meinem Lieblingskomponisten – was Opern anbelangt. Diese war mir bis dato unbekannt. Dazu gekommen bin ich wie die Jungfrau zu Kinde. Ich wollte den Gratis-Rigoletto auf dem Sächsilüte-Platz in Zürich schauen, doch die Sonne brannte und der designierte Mitschauer warf eine Oper nach Wahl im sonnengeschützten Opernhaus in die Waagschale. Und es lief nur die – zu Zeiten, die mir passten.

Da im Schrank schon lange ein Kleid wartete, das getragen werden wollte, sagte ich zu und war gespannt. Ich wurde nicht enttäuscht. Eine Goldgräbergeschichte mit allem, was dazugehört. Whiskey, Kartenspiel, Heimweh, Liebe – alles war dabei. Dazu die glockenklare Stimme der Minnie und der enorm stimmgewaltige Mr. Johnson – der gar nicht derselbe war, sondern ein gesuchter Verbrecher. Die Melodien waren wunderbar, die Emotionen gross.

Ich hätte die Oper nie gewählt, wären mehrere zur Auswahl gestanden, ich bin froh, tat ich es. Es war ganz grosse Musik, die Qualität der Aufführung überzeugte sehr, die Literarizität der Geschichte ist schön, der Plot ist nicht gar zu durchsichtig, sondern lässt ein wenig Spannung offen. Absolut empfehlenswert. Wer es schafft, in Zürich ist, soll vorbei gehen.

Und als Fazit lässt sich sagen: Manchmal verhelfen einem ungeplante Situationen zu ganz tollen Erlebnissen. Man sollte nicht nur immer dem Bekannten nachjagen, sondern auch mal Neues erkunden.

FotoMein Dank geht an meine Begleitung, die nicht nur (meinem Wunsch nach gekleidet) umwerfend aussah, sondern mir einen Abend bescherte, wie ich ihn mir kaum schöner hätte wünschen können. Das war bestimmt nicht mein letzter Besuch im Opernhaus. Mein Plan, mich noch mehr mit den verschiedenen Kulturangeboten der Stadt Zürich auseinanderzusetzen, hat ganz stark an Boden gewonnen.

 

Hier kann man die Oper online schauen:

Mehr Informationen zur Oper: La Fanciulla del West

Wer ich bin und was ich will

Ich bin von Grund auf ein nachdenklicher Mensch. Hinterfrage viel, das Leben und vor allem mich selber. Immer wieder lege ich auf den Prüfstand, was sich einfach so bietet im Leben, höre dabei oft, ich denke zu viel.  Ich kann nicht aus meiner Haut.

Als  mein Mann und ich uns trennten, verlor ich nicht nur meine Familie, wie ich sie mir vorstellte, sondern auch die ganze an meinem Mann hängende Familie. Irgendwie gehörte die nicht mehr zu mir, zumal schon eine neue Frau an meines Mannes Seite stand, die nun eben da rein gehörte. Der Kontakt wurde weniger, wenn überhaupt, bestand er nur noch über meinen Sohn, der noch immer in dieser Familie zu Hause war. Seine Grosseltern waren ihm nahe und sollten es bleiben.

Mein Schwiegervater wurde krank. Ich erfuhr davon von Ferne, blieb aber in eben dieser, da ich nicht in etwas hinein wollte, das nicht mehr meines war. Die Krankheit wurde schlimmer, sie führte zu einem Punkt, an dem klar war, dass es nicht mehr gut, sondern langsam aber sicher dem Ende zu gehen wird. Da konnte ich nicht mehr fern bleiben, ich ging zu ihm. Ich sah, was ich ihm (immer noch) bedeutete und spürte, was er mir bedeutete. Ich bin froh, habe ich den Schritt gemacht, auch wenn es nun sehr schmerzhaft ist, ihn gehen zu sehen.

Das Ganze lässt mich nicht kalt, es hat viel bewirkt. Ich bin noch nachdenklicher geworden. Hinterfrage mich und mein Leben, wie es war. Frage mich, was kommt und was ich von diesem Rest des Lebens haben möchte. Es ist endlich. Das ist mir bewusst. Ich habe keine Angst vor meinem eigenen Tod. Lange fürchtete ich ihn, weil ich ein Kind habe. Dieses wird nun selbständiger, es käme klar. Insofern: Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Nicht, dass ich es mir wünschte, aber es ist kein Drama für mich, dass es so sein könnte.

Was habe ich gelernt? Ganz vieles, dies nur ein Teil davon:

  • Das Leben ist endlich – man muss es leben, wenn es da ist
  •  Man sollte sich dann für die Menschen Zeit nehmen, die einem wichtig sind, wenn sie da sind – es könnte zu spät sein sonst
  • Dinge immer nur aufzuschieben, weil ja alles Zeit hat, könnte ein Aufschub für immer sein –zudem verschenkt man schlicht Zeit damit
  • Man sollte mit seinen Gefühlen nicht hinterm  Zaum halten, es könnte sein, dass sie erwidert werden, ohne dass man es weiss
  • Das Leben ist zu kurz für Spiele
  • Das Leben ist zu kurz für faule Kompromisse
  • Selbst wenn alles traurig ist, es gibt immer etwas Schönes, Wichtiges, Lehrreiches in allem
  • Finde heraus, was du wirklich willst und geh den Weg

Habe ich was vergessen? Vermutlich ganz viel. Ich sehe einiges klarer heute, bereue gewisse Entscheidungen, Handlungen, Versäumnisse, werde sie nicht rückgängig machen können. Alles hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich heute bin. Was bleibt ist, ehrlich zu mir selber zu sein, hinzuschauen, wo Fehler passierten, die mir selber einzugestehen (wenn möglich und nötig auch anderen gegenüber) und die Zukunft anzugehen. Ehrlich, mutig, authentisch.

Eigentlich

Eigentlich wäre ja alles anders geplant gewesen. Ich hätte studiert, den perfekten Mann gefunden, ein Kind gekriegt, ein Haus gebaut, wäre glückliche Hausfrau gewesen, hätte meine Projekte gemacht und ansonsten den Garten bewässert, den Haushalt geschmissen, das Kind erzogen, den Mann beglückt. Das war mein Traum. Eigentlich.

Nun mag man einwenden, dass dies ein eher veraltetes Ansinnen sei, dass man, wollte man das tun, auch gar nicht studieren müsste, sondern gleich die Schürze umbinden könnte. Trotzdem war es mein Traum und bei aller Unlogik und Antiquiertheit war er genau so! Und da gehörte all das zu diesem Traum dazu. Eigentlich.

Ich habe gut begonnen, das Studium habe ich gemacht, den Mann kennengelernt. Er war nun nicht wirklich perfekt. Ich auch nicht. Das Kind kam. Also wieder auf Kurs. Doch dann war der Mann weg – oder ich – vermutlich beide. Aus dem Haus wurde nix, die Projekte starben an täglichen Notwendigkeiten. Haushalt machte ich nie gerne und das blieb bis heute so. Und der grüne Daumen hat sich auch noch nicht gebildet, was mangels Garten aber kein Problem ist, die Zimmerpflanzen gehen bei uns ein und aus. So gesehen: eigentlich alles falsch. Eigentlich.

Eigentlich könnte man nun sagen, das war’s, gescheitert. An den Träumen, in der Realität. Allerdings ging das Leben weiter und es hatte gute Zeiten. Auch andere, die gehören aber wohl dazu. Die wären auch im Traumleben so gewesen, da ein zur Realität gewordener Traum immer den lebendigen Herausforderungen ausgesetzt ist. Und eigentlich ist es auch gut so. Klar, ich träume noch heute ab und an vom Familien-Haus-Garten-Leben mit Projekten und Kuchenduft in der Küche, blicke auch mal wehmütig zurück und frage mich, wo die Abzweigung falsch war, was gewesen wäre, wenn ich dann oder wann anderes gewesen wäre, anders gehandelt und entschieden hätte. Und schaue dann wieder nach vorne und gehe weiter.

Eigentlich war also alles anders gedacht gewesen. Und nun sitze ich hier und alles ist so, wie es ist und damit anders, als ich es gewollt hatte. Und ich werde wohl nie mehr dahin kommen, wo ich hin wollte. Weil das Leben kein Traum, sondern eben Realität ist. Das muss aber auch gar nicht schlecht sein, denn wären meine Träume in Erfüllung gegangen, wäre mir ganz viel in meinem Leben nicht passiert, auf das ich nicht verzichten wollen würde. Ich wäre Menschen nicht begegnet, die mir viel bedeutet haben, und auch denen nicht, die mir heute was bedeuten, weil ich ganz andere Wege gegangen wäre. Ich hätte viele Erfahrungen nicht gemacht, die mich im Leben weiter gebracht haben, dahin, wo ich heute bin. Nicht alle waren schön, nicht alle waren erträumt, einige waren sogar ziemlich übel, traurig, schrecklich. Und doch haben sie alle etwas in meinen Rucksack gepackt, den ich tagtäglich durchs Leben trage, auf den ich zurückgreifen kann, wenn ich auf Situationen stosse und etwas davon brauche.

Eigentlich ist also alles gut. Eigentlich.

 

 

Lufträume

Wenn man sich ständig zurück nimmt, um anderen Raum zu geben, nimmt man sich irgendwann selber die Luft zum Atmen.

Eigentlich sollte er da fertig sein. Doch dann drängte sich was dazu:

…während diese sich wohlig ausbreiten und zufrieden seufzen.

Zusammen ergab das:

Wenn man sich ständig zurück nimmt, um anderen Raum zu geben, nimmt man sich irgendwann selber die Luft zum Atmen, während diese sich wohlig ausbreiten und zufrieden seufzen.

Ich wollte den zweiten Teil wieder löschen, weil Aphorismen kurz und bündig besser sind als lang und ausschweifend. Man müsste sie dann fast in noch mehr Worte packen und daraus Artikel schmieden. Danach war mir nicht. Es war nur der eine Satz, der zählte:

Wenn man sich ständig zurück nimmt, um anderen Raum zu geben, nimmt man sich irgendwann selber die Luft zum Atmen.

Er kam so über mich, er musste raus. Und doch, der Nachtrag blieb hartnäckig. Irgendwie gehörte er dazu:

…während diese sich wohlig ausbreiten und zufrieden seufzen.

Und so steht am Schluss doch:

Wenn man sich ständig zurück nimmt, um anderen Raum zu geben, nimmt man sich irgendwann selber die Luft zum Atmen, während diese sich wohlig ausbreiten und zufrieden seufzen.

Alltagsmensch – Unterdrückte Eigenheiten

Ich bin ein Alltagsmensch. Drum gehe ich auch nicht gerne in den Urlaub. Urlaub ist für mich nicht Erholung wie für andere Menschen, Urlaub ist für mich Stress. Er reisst mich nicht nur aus meinem Alltag heraus, er reisst mich- wenn ich weggehe – auch aus meiner Umgebung. Ich habe die Dinge, die mein Leben begleiten, nicht mehr um mich und damit geht für mich ein Stück meines Lebens, meiner Sicherheit, verloren. Ich fühle mich haltlos, weil ich nicht mehr einfach auf meine Dinge zurückgreifen kann. Ich fühle mich unsicher, weil ich nicht einfach meine Wege gehen und die Dinge tun kann, die ich tue, wenn ich mich danach fühle, sie zu tun. Dies, weil sie entweder nicht da sind oder aber einfach die Umstände so sind, dass es nicht geht. Ich fühle mich unbeholfen, weil ich nicht mehr weiss, was ich nun wann, wie machen soll und kann und darf. Und selbst wenn es heisst, ich dürfe alles, wie zuhause, ist es nicht so wie zuhause. Mein Zuhause ist meine Burg, mein sicherer Hafen. Und ich brauche ihn.

Das scheint für andere Menschen schwer verständlich zu sein. „Geniesse den Abstand“, „Geniesse, das Nichtstun“, „Geniesse die Ferien“ – alles Tips, die man kriegt. Den ungläubigen Blick und die Verständnislosigkeit in der Stimme gibt es gratis obendrauf. Wie kann man nur nicht gerne im Urlaub und auf Reisen sein? Ich bin gerne auf Reisen, wenn ich ständig irgendwie beschäftigt bin, Neues sehe, Programm habe, das mich möglichst nicht nachdenken lässt. Sobald die Beschäftigung aufhört, kommt die Leere, die ich zu Hause nicht kenne. Dann kommt das Gefühl, irgendwo verloren zu sein. Ich kann das zwar unterdrücken und mich mit Büchern und Computern, notfalls mit dem Fernseher beschäftigen. Das klappt aber nicht ewig und in mir macht sich eine grosse Trauer, Frustration, Hilflosigkeit breit. Und Heimweh.

Bin ich komisch? Mag sein. Bin ich unnormal? Auch das kann durchaus sein. Aber ich bin nun mal, wie ich bin und muss mit diesem Zug zurecht kommen. Ich habe mich immer schlecht gefühlt, weil ich bin, wie ich bin, mich verurteilt dafür, mit mir geschimpft, weil man so ja nicht sein kann. Und ich fühlte mich in dieser Selbstverurteilung im Recht, wurde sie mir doch von aussen als richtig bestätigt, was sich im Unverständnis anderer Menschen deutlich ausdrückte.

Das Problem ist jedoch: Es kann noch so unnormal sein, es ist, wie es ist. Indem ich es unterdrücke, mache ich es nicht besser, ich werde dadurch keine andere, ich leide einfach. Und das Leiden wird grösser. Und es erdrückt. Teilweise körperlich spürbar. Was man unterdrückt ist ja nicht einfach weg, es ist noch immer da und es hat noch immer die Eigenart, die es hat. Das Unterdrücken hält nur den Deckel drauf, kann aber nicht auf Dauer funktionieren. Langsam fängt das Unterdrückte gegen den Deckel zu drücken an, es wird stärker, will raus, versucht, den Deckel zu heben. Der Druck des Zuhaltens fördert den Gegendruck des Ausbrechenwollens. Bis irgendwann der eine nachgibt. Im besten Fall der Deckel, dann kommt es zu einer Explosion. Im schlimmsten Fall die eigene Seele– dann kommt es zu einem zerbrochenen Menschen. Ob das nicht ein zu grosser Preis dafür ist, normal sein zu wollen und von anderen so gesehen zu werden, muss jeder für sich selber entscheiden.