Alltagsmensch – Unterdrückte Eigenheiten

Ich bin ein Alltagsmensch. Drum gehe ich auch nicht gerne in den Urlaub. Urlaub ist für mich nicht Erholung wie für andere Menschen, Urlaub ist für mich Stress. Er reisst mich nicht nur aus meinem Alltag heraus, er reisst mich- wenn ich weggehe – auch aus meiner Umgebung. Ich habe die Dinge, die mein Leben begleiten, nicht mehr um mich und damit geht für mich ein Stück meines Lebens, meiner Sicherheit, verloren. Ich fühle mich haltlos, weil ich nicht mehr einfach auf meine Dinge zurückgreifen kann. Ich fühle mich unsicher, weil ich nicht einfach meine Wege gehen und die Dinge tun kann, die ich tue, wenn ich mich danach fühle, sie zu tun. Dies, weil sie entweder nicht da sind oder aber einfach die Umstände so sind, dass es nicht geht. Ich fühle mich unbeholfen, weil ich nicht mehr weiss, was ich nun wann, wie machen soll und kann und darf. Und selbst wenn es heisst, ich dürfe alles, wie zuhause, ist es nicht so wie zuhause. Mein Zuhause ist meine Burg, mein sicherer Hafen. Und ich brauche ihn.

Das scheint für andere Menschen schwer verständlich zu sein. „Geniesse den Abstand“, „Geniesse, das Nichtstun“, „Geniesse die Ferien“ – alles Tips, die man kriegt. Den ungläubigen Blick und die Verständnislosigkeit in der Stimme gibt es gratis obendrauf. Wie kann man nur nicht gerne im Urlaub und auf Reisen sein? Ich bin gerne auf Reisen, wenn ich ständig irgendwie beschäftigt bin, Neues sehe, Programm habe, das mich möglichst nicht nachdenken lässt. Sobald die Beschäftigung aufhört, kommt die Leere, die ich zu Hause nicht kenne. Dann kommt das Gefühl, irgendwo verloren zu sein. Ich kann das zwar unterdrücken und mich mit Büchern und Computern, notfalls mit dem Fernseher beschäftigen. Das klappt aber nicht ewig und in mir macht sich eine grosse Trauer, Frustration, Hilflosigkeit breit. Und Heimweh.

Bin ich komisch? Mag sein. Bin ich unnormal? Auch das kann durchaus sein. Aber ich bin nun mal, wie ich bin und muss mit diesem Zug zurecht kommen. Ich habe mich immer schlecht gefühlt, weil ich bin, wie ich bin, mich verurteilt dafür, mit mir geschimpft, weil man so ja nicht sein kann. Und ich fühlte mich in dieser Selbstverurteilung im Recht, wurde sie mir doch von aussen als richtig bestätigt, was sich im Unverständnis anderer Menschen deutlich ausdrückte.

Das Problem ist jedoch: Es kann noch so unnormal sein, es ist, wie es ist. Indem ich es unterdrücke, mache ich es nicht besser, ich werde dadurch keine andere, ich leide einfach. Und das Leiden wird grösser. Und es erdrückt. Teilweise körperlich spürbar. Was man unterdrückt ist ja nicht einfach weg, es ist noch immer da und es hat noch immer die Eigenart, die es hat. Das Unterdrücken hält nur den Deckel drauf, kann aber nicht auf Dauer funktionieren. Langsam fängt das Unterdrückte gegen den Deckel zu drücken an, es wird stärker, will raus, versucht, den Deckel zu heben. Der Druck des Zuhaltens fördert den Gegendruck des Ausbrechenwollens. Bis irgendwann der eine nachgibt. Im besten Fall der Deckel, dann kommt es zu einer Explosion. Im schlimmsten Fall die eigene Seele– dann kommt es zu einem zerbrochenen Menschen. Ob das nicht ein zu grosser Preis dafür ist, normal sein zu wollen und von anderen so gesehen zu werden, muss jeder für sich selber entscheiden.

11 Comments

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  1. Wir Menschen sind Zerrissene, immer gibt es da Gegensätzliches, das zusammengefügt werden will, und bei jedem ist es etwas anderes. Bei dir, Sandra, ist es eben das. Dieses Gefühl, Heimat zu brauchen und sich in der Fremde fremd zu fühlen. Das ist weder böse, noch schlecht, noch komisch, noch anormal. Das hat jeder in sich, bei dir ist es eben ausgeprägter.
    Die Frage konkret ist nicht, was ist Urlaub für andere oder was ist Urlaub „an sich“, sondern was ist Urlaub für dich? Urlaub heisst zwar schon Abschalten und Distanz und Kraft tanken, aber für jeden sind die Mittel andere. Für einen sind es Fernreisen, für den anderen der eigene Garten, und dazwischen gibt es noch viele Möglichkeiten. Normal sind alle.
    Jeder darf so leben, wie er es für sich als stimmig empfindet. Das ist dann gut und das ist dann normal – und darauf, nur darauf kommt es an.

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  2. Es ist so, wie es ist und das ist in Ordnung bzw. gut so.
    Dennoch möchte man vielleicht legitimerweise nachfragen. Das Neue kann einen ja auch faszinieren, inspirieren oder einnehmen. Ein Urlaub an einem Bergsee oder ein Strandurlaub mag das Risiko birgen, der „Monotonie“ ausgeliefert zu sein, die für manch andere entspannend wirkt.
    Aber wie sieht es mit Städte- oder Region-Reisen aus?
    Die Städte der Toskana? Andalusien? Provence?
    Na?
    😉

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    • Vom Gedanken her würden mich Toskana oder Provence sicher reizen, schon lange, wie lange ich mich wirklich wohl fühlte, weiss ich nicht. Städtereisen mag ich, weiss aber, dass ich nach zwei Tagen genug habe und heim gehen würde. Ich bin nicht so der Sightseeingtyp. Da gehe ich lieber wandern oder bin in der Natur. Geniesse auch mal das Nichtstun, das bei mir aber eben immer mit einem Buch oder ähnlichem verbunden ist – und das muss dabei sein…

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  3. Das ist ja ein wichtiges Thema!

    Zunächst: Ich verreise gerne. Abesehen von den Umständen vor, während und nach der Reise bin ich gerne in fremden Landen – und trage manch schöne Erinnerung noch lange „im Gemüt“.
    Allerdings kann ich Deine Position „verstehen“. Es ist ja gerade eigentlich keine Position, sondern eine Gegebenheit, ein „Fixum“ Deiner Person.
    Für andere nicht immer leicht zu verstehen und oft immer neu zu erwerben, dieses Verständnis.
    Ein Beispiel, das mir hierzu einfällt: habe einen guten Kumpel in meiner Nähe wohnen, einen sehr interessanten Wissensmenschen. Er macht sich aber sehr rar. Letztes Jahr besuchte er überraschend mich und meine Frau. Uns allen drei tat der Besuch sehr gut. Wir luden ihn dann zwei Tage später zum Jazzfestival im gleichen Ort ein – er solle mal das kennenlernen. Er war sehr angetan von der Idee. Was er dann aber tat, war, kurz vorher abzusagen!

    Nun weiß ich, daß er sehr gerne allein ist. Schon als Kind ging er nach der Schule in sein Zimmer und schaute gerne oft Stunden am Stück durchs Fenster.
    Er ist ein kontemplativer Mensch, der sehr in sich wohnt, Menschen zwar schätzt und durch sie belebt wird, sich aber verlieren kann, wenn er an ihnen irgendwie „dranbleibt“.
    Kurzum: Ich war schon oft enttäuscht, schalt ihn insgeheim für einen Egoisten (der er sicher auch teilw. ist), aber er ist nunmal so gestrickt und man muß das immer neu zu verstehen versuchen – was nicht leicht ist.

    Ein wenig muß ich das mit der Unmöglichkeit vergleichen, für Dich, In Urlaub zu gehen.

    Nun könnten bestimmte Leute sagen: Gehe das Thema doch in Therapie an!
    Ich meine aber, manches sollte man nicht unbedingt therapeutisch angehen, manches ist kaum therapierbar und muß es auch nicht.
    Ein Partner muß damit leben, wie er eben immer mit gewissen Seiten des Partners leben muß.

    Im übrigen noch ein schneller P.S: Mein Wissensfreund verreist übrigens auch nicht!

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    • Danke für diesen Einblick. Ja, es ist sicher nicht immer einfach mit mir 😉 Aber im Ernst. Urlaub und fremde Länder sind nicht nur schlimm. Ich habe auch schon ganz tolle Erlebnisse gehabt, freue mich auch auf gewisse Ferien, wenn die Umstände entsprechend sind.

      Ob es therapierbar wäre? Ich erachte mich eigentlich nicht als krank. Es muss sich ja auch keiner therapieren, der nicht gerne Mais oder Lebern isst. Oder der keine Rosen mag oder Französisch eine doofe Sprache findet. Schliesslich hat jeder Vorlieben und Abneigungen, mit den einen geht man leichter um, mit den anderen weniger leicht. Die Kunst ist wohl, sich mit sich selber wohlfühlen zu lernen. Und ein Umfeld zu haben, das einen damit (meistens) versteht.

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  4. Von Krankheitswert hat keiner gesprochen…ich erwähnte das nur, weil es mittlerweile durchaus „en vogue“ sein kann, Therapie zu machen, um sein Leben auf bessere Füsse zu stellen.
    „Normal“ zu sein, ist eigentlich kein Maßstab, es sei denn, man wünscht inständig zu entsprechen. Wenn es etwa die Eltern (unausgesprochen) fordern, dann möchte man genügen, um ihre Liebe zu bekommen.

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    • Oh, ich habe dich schon verstanden und wollte dir nix unterstellen. Ich kriegte mal (fast vorwurfsvoll) zu hören, als mein Sohn in der zweiten Klasse war, dass mein Sohn der einzige (!!) der Klasse sei, der in keiner Therapie sei… ob ich ihn nicht in eine schicken wolle, es könnte ihm helfen… Ich lehnte dankend ab….

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  5. „Die Kunst ist wohl, sich mit sich selber wohlfühlen zu lernen. Und ein Umfeld zu haben, das einen damit (meistens) versteht.“ ( Sandra )

    Schön wäre es auch, nicht aus allem eine Kunst machen zu müssen, sich nicht einem Zwang des Lernens zu unterwerfen, der an Schule und Pflicht erinnert. Das macht die Prozesse eng, erzeugt Druck und nimmt einem nicht nur die Ruhe, sondern eben auch die Entspannung. Und was die „Mitmenschen“ anbetrifft, so schaue man, ob sie verstehen und erkennen wollen? Das gilt natürlich auch für einen selbst. Wie sagte der alte Henry Miller:
    „Der Feind saß in mir selbst.“

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    • Eckart Tolle und andere vor ihm sprachen hier vom „Schmerzkörper“, der nie Ruhe geben will und der auch nicht mundtot gemacht werden kann. Deshalb sollte man eigentlich nicht gegen ihn ankämpfen, sondern nur sein Vorhandensein als solcher konstatieren und verstehen lernen.

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