Alp Sigel – 1. Juni 2014

DSCF0005Schon lange war die Wanderung auf die Alp Sigel im Alpstein geplant, das Wetter zeigte sich von seiner guten Seite, allerdings fühlte ich mich eher müde und schlapp und hätte gerne gekniffen. Mein Wandergefährte zeigte sich unerbittlich, Tagwach 6 Uhr, Abfahrt 7 Uhr, alles Klagen über müde Beine, müden Körper, müden Kopf half nichts. Wir fuhren mit dem Auto nach Brülisau, wo wir auf dem Parkplatz der Bahn zum Hohen Kasten parkten. Der Hohe Kasten war nicht unser Ziel, somit wurde auch nichts aus einer gemütlichen Gondelfahrt.

DSCF0006Nach einer kurzen Stärkung mit Kaffee und Nussgipfel ging der Weg los. Anfangs noch gemässigt die Strasse hinunter, danach in die Wiese hinein und ziemlich schnell steiler werdend. Meine Beine zeigten sich schwer, ich konnte mir innerlich selber zuhören, wie ich mir vorbetete, dass ich das heute nicht schaffe, ich heute viel zu schlapp sei, meine Beine zu müde seien und überhaupt. Mit diesem innerlichen Monolog stieg ich weiter hoch, äusserlich wie immer schweigsam, ich bin kein grosser Redner – wenn, dann eher mit mir selber.

DSCF0011DSCF0016Ich sagte mir schon bald, dass es wenig bringt, die Litanei ständig zu wiederholen, zumal die Kräfte nicht wirklich zunehmen, wenn man sich ständig sagt, dass sie nicht da sind. Woran lag es, dass ich so haderte? Kämpfte ich mit einem Inneren Schweinehund, der sich von der speziell trotzigen Seite zeigte? Vielleicht versuchte er, zu obsiegen, doch da hatte er die Rechnung ohne meinen stoisch über der Situation stehenden Wanderpartner gemacht. Schweigend stiegen wir hoch und höher, immer wieder wurde ich gefragt, ob es mir gut gehe und auf das durchaus wunderbare Gefühl verwiesen, das beim Erreichen des Gipfels, welcher zudem noch mit einer wunderbaren Aussicht aufwarte, aufkäme. Wollte ich das am Anfang nicht wirklich hören – ich stand meinem Schweinehund in Sachen Trotz in nichts nach –, so klärte sich meine Laune doch mit jedem Meter  mehr auf. Der Blick wurde weiter, das Herz auch. Schon bald fand ich in meinen üblichen eher schnellen Tramp und flog förmlich den Berg hoch.

DSCF0024Der Weg war steil, er führte über wunderbar bunte Bergwiesen und durch Wälder immer höher. Die imposante Bergwand thronte immer eindrücklicher über uns – wüsste man es nicht besser, würde man nicht denken, dass der Berg ohne Klettern begehbar sei. Kurz unter der Wand machten wir  eine letzte Pause bei einer Hütte, liessen den Blick schweifen. Mittlerweile war ich einfach nur noch zufrieden, versöhnt mit mir und meinem Schicksal. Ein wenig brodelte das schlechte Gewissen in mir, war ich wohl nicht wirklich eine angenehme Wanderpartnerin gewesen die erste Hälfte. An dieser Stelle drum ein grosses Dankeschön an meinen geduldigen Wandergefährten, ohne den ich all die Wanderungen bislang nie gemacht hätte und der auch heute treu und aufmerksam an meiner Seite war.

DSCF0022Dann ging der Aufstieg weiter. Der Blick weitete sich mit jedem Schritt, reichte bald schon bis zum Bodensee, über weite Felder, viele Dörfer, eine Landschaft wie im Bilderbuch, die sich unter schönen Kumuluswolken an einem sonst blauen Himmel erstreckte. Schon bald stand ich am Fuss der Felswand. Durch die Zahme Gocht, einen Spalt im Felsen, der mit Stahlseilen gesichert ist, ging es hoch auf das Plateau.

DSCF0046DSCF0026Oben angekommen war ich ergriffen von dem, was ich sah. Berge erhoben sich hinter dem Grat, über den wir gekommen waren, teilweise noch im Schnee, staken sie steil und stolz in den Himmel. Auf der Seite, von der wir gekommen waren, eröffnete sich eine endlos scheinende Weite.  Einmal mehr kam mir der Gedanke, dass die Schweiz ein wunderschönes Land sei. Einmal mehr fühlte ich Demut in mir ob der Schönheit und Grösse der Natur, die sich bei jedem Schritt schon gezeigt hatten, nun in einer Dimension vor mir lagen, die überwältigend war.

DSCF0050Unser Weg ging dem Grat entlang weiter zuerst zum ersten Gipfel der Alp Sigel, welcher später dem zweiten, um 31 Meter höheren weichen musste, den wir ansteuerten. Nach einem Eintrag ins Gipfelbuch nahmen wir den Abstieg in Angriff. Zuerst ging es runter zur Alp Sigel. DSCF0051 Tief unter uns sahen wir bereits den Sämtisersee. Danach führte der Weg ziemlich steil weiter bis zum Gasthof Plattenbödeli, wo viele Wandersleute sich von den vergangenen Strapazen erholten und für die noch kommenden stärkten. Da alles gut besucht war, liefen wir weiter. Teilweise auf einer breiten Strasse, teilweise auf einem schönen Waldweg ging es zügig bergab, bis wir endlich im Tal ankamen und wieder nach Brülisau zurück liefen.

DSCF0060Ich bin froh, nahm mir mein Weggefährte die anfänglichen Ermüdungserscheinungen und Unlustbekundungen nicht übel und versicherte mir, dass ich auch bei der nächsten Wanderung wieder mit dabei bin.

 

Fazit:
Die Wanderung ist nicht sehr lang, wir schafften alles in einer Zeit von 2 Stunden und 50 Minuten reiner Laufzeit, angeschrieben sind 2 Stunden 20 hoch und 1,5 Stunden runter. Sie ist nicht sehr anspruchsvoll, aber grossenteils sehr steil, was doch in die Beine geht. Der Blick von ganz oben ist eine Wucht, er entschädigt für alles, was man bis dahin durchgestanden hat an körperlichen Strapazen.

Hochwacht – 29. Mai 2014

Die Zeit reichte nicht für eine ausgedehnte Bergtour, so dass der Weg heute ins Zürcher Unterland führte. Mit dem Auto fuhren wir nach Dielsdorf, ein ausserordentlich malerisches Städtchen, das ich vorher nur vom Namen her kannte. Zwischen Riegelhäusern liefen wir hoch, kamen bald auf einen Weg, der von Wald und Rebbergen gesäumt war. Am Himmel ballten sich Wolken, es war nicht ganz sicher, ob wir den Weg trocken schaffen würden, doch die Sonne drückte immer wieder durch. Der Vorteil des Wetters war, dass es nicht zu heiss war, so dass der doch eher steile Aufstieg keine Schweissflüsse auslöste.

IMG_3204Nächstes Ziel war Regensberg, ein mittelalterliches Städtchen, welches auf einem Felssporn der Lägern hoch über Dielsdorf liegt. Schon vom Städtchen aus hat man einen Blick, der seinesgleichen sucht, steigt man  noch die Stufen zum Turm hoch, wird das noch getoppt, man sieht über weite grüne Flächen, kleine Dörfchen (sogar ein paar Geographielücken meinerseits konnten geschlossen werden) bis hin nach Deutschland, sieht Zürich winzig klein in weiter Ferne. Alles, was mal gross war, wird plötzlich überschaubar.

 Manchmal muss man nur hoch genug steigen, um die Relationen der Dinge zu sehen.

IMG_3207Unser Weg führte weiter zur Hochwacht. Wir waren nicht alleine, was an einem Feiertag und bei doch schönem Wetter nicht erstaunlich ist, trotzdem blieben die ganz grossen Massen aus, was wohl dem nicht ganz klaren Wetter zu verdanken war. Durch einen sehr gepflegten Wald stiegen wir hoch, schon ziemlich hungrig und hoffend, dass das Restaurant auf der Hochwacht geöffnet sei, wir einen ersehnten Wurst-Käse-Salat bekommen können. Wir wurden nicht enttäuscht, das Selbstbedienungsrestaurant war offen. Zwar war der Wurst-Käse-Salat nicht erhältlich (ein kurzes Grummeln wurde durch den Anblick der Alternative schnell beendet), dafür konnten wir uns auf eine sehr leckere Bauernplatte stürzen, die neben einem gut gereiften Greyerzer Speck und Salsiz enthielt. Dass der Ausblick von der Aussichtsfläche einmal mehr wunderbar war, wäre wohl kaum nötig zu erwähnen.

IMG_3209Gestärkt und beschwingt nahmen wir den Abstieg unter die Füsse, er ging zügig, das Wetter hielt den ganzen Tag und schon bald standen wir wieder neben dem Auto, das uns nach Hause fuhr. Insgesamt sind wir wohl 2,5 Stunden gelaufen, keine Anspruchsvolle Geschichte, aber wunderschön und sehr empfehlenswert.

Volker Weidermann: Max Frisch

Sein Leben, seine Bücher

Ein Leben zwischen Unsicherheiten, Affären, Politik und immer wieder Schreiben

Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen. […] Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen könne, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.

In eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, studiert Frisch Germanistik, hält sich mit Artikeln für verschiedene Zeitungen über Wasser, mehr schlecht als recht. Er beschliesst, mit Hilfe eines vermögenden Freundes und auf Anraten seiner baldigen Ehefrau, doch noch etwas Lebenstüchtiges zu machen und studiert Architektur. Dem Schreiben schwört er ab, was nicht lange anhält. Sein erster Architekturwurf wird ein Erfolg, das von ihm entworfene Zürcher Freibad preisgekrönt. Trotzdem zieht es ihn zum Schreiben zurück. Immer wieder schreibt er Geschichten, die hauptsächlich von einem zu handeln scheinen: Ihm selber und seinem Leben zwischen Künstlertum und Bürgertum. Ein ständiges Hadern und Schwanken. Frisch ist nicht etwa der selbstbewusste Schriftsteller, als der er hätte scheinen mögen, er zerfrass sich teilweise mit Selbstzweifeln, suchte seinen Platz.

Neben dem Schreiben reiste Max Frisch viel und auch die Liebe und die Frauen kamen nicht zu kurz. Die Liebe ist ein Thema, dem sich Frisch immer wieder widmet:

Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben.

Fertig wurde Max Frisch vor allem mit einer Liebe nie, auch nach der Trennung von Ingeborg Bachmann durchstreift sie dessen Werk, ist Vorlage, Hintergrund, immer präsent – nicht nur im Schreiben, auch im Denken Frischs. Seine Reaktionen auf sie angesprochen bestätigen dies.

Volker Weidermann verschränkt Leben und Werk ineinander, geht chronologisch durch Frischs Sein und Schaffen. Er überzeugt durch Ausführlichkeit und Hintergrundwissen. Seine Sprache ist leicht lesbar, ab und an ein wenig flapsig. Volker Weidermann muss sich sicherlich nicht den Vorwurf gefallen lassen, seinen Biographierten verzärtelt zu haben, geht er doch oft hart mit ihm und vor allem mit dem Wert seines Werkes ins Gericht. Teilweise stimmt seine Kritik mit Stimmen aus den Literaturkritiken der zeitgenössischen Feuilletons überein, teilweise bewegt er sich auf eigenem Terrain und widerspricht gar Literaturprofis wie Peter von Matt. Wer nun recht hat mit seiner Werkeinschätzung soll hier nicht entschieden werden.

 

Fazit:
Flüssig lesbar geschrieben gibt das Buch ausführlich und kompetent, ab und an sehr kritisch dem Werk und dessen Wert gegenüber, Auskunft über das Leben und Schreiben Max Frischs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Volker Weidermann
Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Berlin. Von ihm erschienen bei Kiepenheuer & Witsch: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher (2010), Das Buch der verbrannten Bücher (2008) und Lichtjahre (2006).

 

Angaben zum Buch:
WeidermannFrischGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. November 2010)
ISBN-Nr.: 978-3462042276
Preis: EUR 22.95 / CHF 32.30

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Ent-Täuschung

Nimm einem Menschen sein Spielzeug weg und er zeigt sein wahres Gesicht.

So lange ein Mensch hat oder kriegt, was er möchte oder zumindest die Hoffnung behält, es (wieder) zu erlangen, zeigt sich derselbe von seiner besten Seite, verspricht, wenn nötig, das Blaue vom Himmel, ist zu allem bereit. Wehe, wenn die Hoffnung schwindet, die Dinge nicht nach seinem Sinn laufen. Wie weggewischt ist das freundliche Lächeln, all die Schwüre, Versprechen, noblen Gesten sind vergessen, zurück bleibt, was immer schon da war, allerdings überdeckt wurde durch den angenommenen Nutzen.

So gesehen erlebt man in solchen Situationen eine wahre Enttäuschung, indem wegfällt, was eh nur vorgetäuscht war und sich zeigt, was wirklich dahinter steckte. Enttäuschungen können insofern befreiend sein, indem sie einem deutlich zeigen, was wirklich Sache ist. Schade, treten sie oft erst dann ein, wenn die Täuschung schon zu gross war und man Folgen trägt, die man mit einer früheren Enttäuschung hätte vermeiden können. Tröstlich ist, dass mit jeder Enttäuschung die Erfahrung wächst und hilft, weitere Täuschungen zu vermeiden. Schade wäre es allerdings, aufgrund negativer Erfahrungen keine neuen mehr machen zu wollen, denn ab und an steckt wirklich drin, was vorne drauf steht.

Die Schweiz – so wunderbar neutral

Die Schweiz ist ein wunderbares Land. Hier darf man alles sagen, alles denken, muss zu nichts Stellung beziehen und ist nie beteiligt, wenn etwas schief läuft. Schliesslich und endlich sind wir neutral. Wir haben mit nichts etwas zu tun, sind eine Insel inmitten des stürmischen Ozeans. Zwar liefern wir ab und an Mittel, die den einen oder andern helfen, dies aber völlig unabhängig und meist auf den eigenen Profit bedacht (wie löblich). Zwar stecken wir auch gerne Geld ein, von diesem und jenem; dies aber genauso unabhängig, da wir alles nehmen, was wir kriegen können und was uns nützt – egal von wem.

In der Schweiz darf man alles sagen und tun. Sogar einen Hitlergruss darf man machen.

Hand gen Himmel, sei gegrüsst.

Das ist nun sogar amtlich, nachdem das Bundesgericht einen entsprechenden Entscheid fällte. Niemand käme zu Schaden, niemand werde zu irgendwas aufgefordert, heisst es im Urteil. Wie tröstlich. Nationalsozialistisches Gedankengut fällt unter den Paragraphen der Meinungsäusserungsfreiheit. Ein Gut, das erst aufgrund der Vorkommnisse des Zweiten Weltkrieges und der damit einhergehenden Gräueltaten erkannt und geschützt wurde (vgl. die Uno-Konvention von 1948), wird nun aufgerufen, das zu rechtfertigen, gegen das es überhaupt erst ins Feld gerufen wurde. Wenn das kein Wahnwitz ist, dann weiss ich auch nicht. Aber wir sind ja neutral und beziehen keine Stellung. Also schweigen wir auch dazu.

Man dürfe die Meinungsäusserungsfreiheit nicht einschränken, heisst es. Drum dürfen wir auch über jeden Furz abstimmen. Sogar, wenn er gegen Grundrechte wie die freie Religionsausübung verstösst. Minarette können vom Volk abgelehnt werden, weil sie irgendwie fremd und Unwohlsein auslösend wirken. Klar. Kann man machen. Ausländer müssen reglementiert einwandern, weil das Boot eh schon voll sei. Irgendwoher kennt man den Spruch. Woher bloss? Nur nicht zu lange nachdenken, man könnte noch auf böse Gedanken kommen.

Dass man nun ungestraft den Hitlergruss machen kann, hilft nicht wirklich, die bösen Gedanken zu vertreiben. Neben dem hauptsächlichen Schweigen, wurden ein paar Stimmen laut, die das Bundesgerichtsurteil stützten, meinten, man könne die Meinungsäusserungsfreiheit nicht hoch genug achten und Mist gebaut hätte der, welcher die Handlung zur Anzeige gebracht hätte. Bloss: Selbst wenn das so sein sollte (man beachte den Konjunktiv, denn Stillschweigen und Wegsehen bei offensichtlichem Übel ist nicht wirklich meine Stellung zum Leben), kann es nicht angehen, dass ein Bundesgericht einen so gelagerten Fall auf diese Weise abhandelt und damit Tür und Tor öffnet für Vorfälle derselben Art, also quasi einen Präzedenzfall schafft.  Aber ich vergass, dass wir ja in der Schweiz sind, neutral und offen und frei: Alles kann, alles darf, niemand bezieht Stellung.

Und wenn die Schweizer nicht irgendwann aussterben, jodeln sie ewiglich weiter und leben fröhlich auf ihrer Insel.

 

Twitter, Facebook oder: Das ganz normale Leben

Ich sitze vor meinem Computer, der Browser ist offen, auf einem Reiter sieht man den kleinen blauen Vogel von Twitter, auf dem anderen das blaue Quadrat mit dem F drin. Ich wechsle hin und her, twittere mit den einen, klicke „gefällt mir“ bei den anderen, überlege mir sinnige Sprüche, stelle Lieder ins Netz, damit sie jemandem gefallen mögen, ich wahrgenommen werde im ganzen Wirrwar der Gleiches tuenden Menschen vor ihren Bildschirmen. Vor mir ziehen Timelines durch, vieles übersehe ich, was bei einerseits über 1000 Freunden, andererseits bei über 600 Verfolgten nicht ausbleibt. Wie muss es erst denen gehen, die ein Vielfaches von meinen Kontakten haben? Und was bedeuten diese Kontakte überhaupt? Habe ich so viele Freunde? Verfolge ich so viele Menschen? Schliesslich und endlich nehme ich nur einen Bruchteil von allem wahr, mit den wenigstens komme ich in einen wirklichen Diskurs.

Andere  haben 100e von Reaktionen auf ihre Beiträge, bei mir befindet sich die Zahl meist im einstelligen Bereich und ab und an nicht mal das. Was sagt das über mich aus? Bin ich uninteressant? Unbeliebt? Kein sozialer Mensch? Im sogenannt realen Leben habe ich auch wenig Freunde, da stört es mich nicht, da meine Zeit für mehr nicht reichen würde. Meine Geduld schon gar nicht. Ich mag es nicht, ständig Menschen um mich zu haben, bin gerne zu Hause und für mich. Dass ich dann am Computer sitze und mit Menschen in der weiten Welt in Kontakt zu treten versuche, hat dabei eine etwas skurrile Note.

Ich könnte mal ein Bild von meinem Computer auf Instagram stellen, geht es mir durch den Kopf. Damit man auch noch mit Bild sieht, was ich gerade mache. Nicht dass es speziell wichtig und interessant wäre, aber man stellt sich ja dar. Leben im Jahr 2014. Immer öffentlich, immer präsent. Kaum jemand, der sich diesen Medien entzieht. Böse Zungen behaupten, die Menschheit verarme, da sie nur noch zu Hause sitzt und kein reales Leben mehr hat. Ich bezweifle das. Ich habe über Twitter und Facebook einige tolle Menschen kennengelernt, die ich nun auch im realen Leben treffe. Wir gehen Kaffee trinken, plaudern, wandern, ins Kino, zum Essen. Natürlich bleibt es nicht aus, dass das Ganze über Twitter, Facebook und Instagram verbreitet wird, schliesslich ist man sich und den anderen das schuldig und endlich hat man über diese Kanäle überhaupt zu diesem Vergnügen gefunden. Wenn man sich dann im realen Leben trennt, schickt man via SMS – oder gleich über die öffentlichen Kanäle – noch ein Dankeschön hinterher, soviel muss sein.

Es fällt leichter, übers Internet zu sagen, was man denkt. Man ist anonymer, freier, kann sich hinter den Tasten und Bildschirmen verstecken. War man zu frech, kann man es als Missverständnis auf die Schriftlichkeit schieben, war man zu böse, kreiert man einen ebensolchen Charakter und bildet sich als Kunstprodukt, war man zu romantisch, lief man ins Messer, verlor man gar sein Gesicht, so war es immerhin nur das des Avatars, nicht zwingend das wirkliche. Man rettet sich dann in den Gedanken, dass einen da aussen eh kaum einer kennt, es also egal ist. Eigentlich. Trotzdem brodelt es im Innern. Genauso wie die mangelnden „gefällt mir“-Klicks und Favorisierungen.

Sind wir wirklich den technischen Errungenschaften ausgeliefert? Kinder des Social Media, die sich im wahren Leben kaum mehr zu bewegen wissen, wenn sie nicht in ein Gerät starren, sich nicht der grossen Öffentlichkeit darbieten können? Was treibt uns an? Das Gefühl, unscheinbar, zu klein zu sein, so dass wir mehr Aufmerksamkeit suchen? Das quasi anerkannte und akzeptierte ADHS der Erwachsenengeneration? Wenn dies geschrieben ist, wird es auf WordPress, Facebook und Twitter erscheinen, wird verbreitet werden und eventuell sogar gelesen. Wird man es mögen? Wird es gefallen? Wird jemand was dazu schreiben? Wozu schrieb ich es? Wieso? Weil ich es nicht anders kann? Ein Zwang? Das Streben nach Output, der beim Schreiben am grösseren Text oder gar Buch zu wenig schnell kommt, so dass ich mich in kleinen Texten ergiesse, die sofortige Reaktionen bringen, nicht erst Jahre des Schaffens bedingen, um irgendwann vielleicht genauso wenig gelesen zu werden? Twitter und Facebook also nur Ablenkungsmanöver von den grossen Dingen des Lebens, an die wir uns kaum ran wagen oder aber ab und an an ihnen verzweifeln?

Schliesslich und endlich ist Social Media das, was wir draus machen. Der Sog, den es entwickeln kann, nimmt mitunter suchtähnliche Züge an, man taucht ein in eine Welt, fühlt sich bald getrieben, immer auf dem neusten Stand sein zu müssen, da das Leben im Netz, in der eigenen Timeline, an einem vorbeirauscht, wenn man nicht hinschaut und man so etwas verpassen könnte. Es ist wie im Kindesalter, wenn man nicht ins Bett wollte, weil man dachte, all die spannenden Dinge im Leben passieren dann, wenn man nicht dabei ist. So zögerte man das ins Bett Gehen hinaus und hinaus. Genauso scrollt man sich in allen Lebenslagen durch die verschiedenen Timelines, schaut, wo wer was schrieb, antwortet kurz, egal, ob man gerade auf dem Klo oder beim Mittagessen mit Freunden sitzt. So viel Zeit muss sein, schliesslich spielt da das wahre Leben – zumindest ein Teil davon. Und es ist wahres Leben, auch wenn es virtuell ist. Wenigstens zum Teil.

Nun kann man diesen Teil – und das wird oft getan – mit moralischen und anderen Massstäben bewerten, sich darüber auslassen und alles verdammen. Schliesslich und endlich hat jedoch jede Generation ihre von der letzten Generation mit hochgezogener Augenbraue wahrgenommenen Auswüchse. Dies ist unserer, der nächste wird kommen. Wir werden dann immer noch in altangestammten Timelines scrollen, über die wiederum unsere Nachgeboren die Nase rümpfen ob ihrer Antiquiertheit, während diese schon viel weiter sind. Man darf gespannt sein.

Stockhorn – 25. Mai 2014

DSCF0036Heute führte die Wanderung in meine Heimat, verbrachte ich doch die schönste Zeit meiner Kindheit im wunderbaren Berner Oberland, genauer im Diemtigtal – mit Ausflügen ins Simmental. Seit ich denken kann, habe ich einen Kraftberg, einen Berg, der mir was bedeutet, an den ich Erinnerungen habe, der mir Mut macht, wenn ich ihn sehe, den ich lange vom Wohnzimmerfenster her sah und den ich als Kind jährlich mindestens einmal bestieg.

DSCF0041DSCF0043Um 10 Uhr landeten wir am Bahnhof Erlenbach und liefen zur Talstation der Stockhornbahn hoch. Nicht mehr ganz früh dran, waren wir nicht alleine. Aus Zeitgründen fuhren wir mit der Seilbahn bis zur Mittelstation. Sehr willkommen war die Gepäckannahme der Bahn, so dass wir nicht mit Rollkoffer den Berg hinauf kraxeln mussten. Da der Gepäckraum nicht wirklich bewacht (eigentlich gar nicht) war, blieb der Kitzel, ob wir unten angekommen unser Gepäck wiederfinden würden. Die Fahrt hinauf war wunderbar und eng – wie wohl immer an schönen Tagen. Bald schon sah ich auf der gegenüberliegenden Hangseite das Diemtigbergli, in dem ich einen Grossteil meiner Kindheit verbracht habe, wo ich Ski fahren lernte und einfach zu Hause war. Die Seilbahn landete im Chrindi, der Mittelstation. Aus dem Gebäude getreten eröffnete sich schon der Blick auf den Hinterstockensee – wunderbar zum Fischen und einfach malerisch gelegen. Vor uns steil empor das Stockhorn – des Berges zweiter Teil. Wir marschierten los, leider war der eine Weg noch geschlossen wegen Schnee, so dass wir den Touristenweg wählen mussten. Schnell war ein rhythmischer Tritt gefunden und so ging der Aufstieg flott, er floss förmlich. Heute waren die Gedanken frei, einer Meditation gleich flogen sie dahin, ohne irgendwo anzustehen, einfach im Fluss.

Mit jedem Schritt erweiterte sich auch hier das Panorama. Kindheitserinnerungen kamen auf, wie oft war ich diesen Weg gegangen, teilweise vom Diemtigbergli runter, Stockhorn rauf, runter, wieder zum Bergli rauf. Eine Kindheitsepisode kam mir in den Sinn. Ich war schon den ganzen Hang vom Bergli runtergelaufen, nun wieder auf halbem Weg bis zur Mittelstation rauf, da zog über unserm Kopf die Seilbahn durch, Kinder winkten runter. Empört sagte ich zu meinem Vater: „Wenn ich mal Kinder habe, frage ich die, ob sie fahren oder laufen wollen.“ Mein Vater, der nun nicht wirklich ein Unmensch war ( alles andere) sagte bei der Ankunft an der Mittelstation zu mir: „Schau, hier können wir noch bis zum Gipfel fahren. Magst du?“ Trotzig sagte das Kind (also ich): „Nun bin ich bis dahin gelaufen, nun lauf ich auch noch den Rest.“ Sagte es und lief hoch, wieder runter und die andere Seite wieder hoch. Der Trotz, gemischt mit Ehrgeiz, geht mir wohl heute noch nach.

DSCF0060Nach kurzer Zeit schon war es leider mit der Stille der Berge vorbei. War ich bislang sehr happy, einen Wandergenossen gefunden zu haben, der genauso wie ich schweigend Berge hoch läuft, trafen wir alle paar Meter auf Turnschuhtouristen, die den Berg mit der Bahn hochgefahren waren und nun eifrig plappernd runterliefen. Das trübte das Bergerlebnis ein wenig, hatte ich es doch aus der Zeit vor 30 Jahren (Zahl bitte sofort wieder vergessen) ruhiger in Erinnerung. Nichts desto trotz entschädigte  das Panorama von Meter zu Meter. Eiger, Mönch und Jungfrau, Blüemlisalp, Finsterarhorn – alle zeigten sie sich immer mehr. Erlenbach weit unten im Tal wurde zur Spielzeugeisenbahnlandschaft.

DSCF0063Vorbei an der Oberstockenalp, welche übrigens im Sommer wunderbare Wanderbauernplatten mit leckerem Käse und Hobelfleisch serviert, die kühlenden Getränke nicht zu vergessen, ging der Weg weiter bis zum Gipfel, welcher um die Mittagszeit an einem Sonntag natürlich gut bevölkert war.

 

 

DSCF0076Schnell ein Gipfelfoto geschossen, den Blick in die Weite über Thun bis nach Bern (dieses Mal im Dunst, sonst gut sichtbar) genossen, machten wir uns an den Abstieg, um ein ruhiges Plätzchen für die Mittagspause zu finden. Wir fanden es am Vorderstockensee, wo nicht alle Turnschuhtouristen hinkamen. Von da führte unser Weg über sehr steile Bergwanderwege zuerst nochmals hinauf, dann hinunter, die Knie begannen zu schlottern, aber die Ruhe war herrlich.

DSCF0084Anfangs noch ein wenig grummlig, weil meine Kindheitserinnerung nicht mehr ganz so idyllisch war, wie gedacht, weil ich an einer noch nicht ganz abgeheilten Verletzung litt, der Zeitdruck spürbar wurde, ich musste nach Hause, und Selbstzweifel dem Ganzen die Krone aufsetzten, kehrte schon bald ein wohliges Gefühl zurück: Der Weg war gut ausgeschildert, menschenleer, die Gedanken und der Schritt flossen wieder dahin und die Welt war in Ordnung. Nach 5 Stunden und 45 Minuten Wanderzeit kamen wir bei der Talstation an, wo wir unser noch vorhandenes Gepäck aufgriffen, zum Bahnhof pilgerten und die Heimreise antraten. Im Kopf schon beim Fahren das Lied im Kopf „Ich han Heimweh nach de Berge…..“. Einmal Bergkind, immer Bergkind. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei meinem wunderbaren Wanderbegleiter, der sich als Einzelbergwanderer in dieses Tourigewimmel stürzte für mich und mich aus meinen zeitweilig trüben Gedanken riss. Es war wunderbar.

 

Fazit:

Von unten hoch und wieder runter ist das Stockhorn eine Herausforderung für die Ausdauer, da es mitunter sehr steil ist, was beim Weg hinunter (vor allem ab dem Chrindi) in die Knie geht. Wer andere Leute beim Wandern liebt, kann getrost hinaufsteigen, wer die Stille der Berge sucht, sollte den „üblichen“ Weg meiden und andere Routen wählen oder aber unter der Woche hinaufsteigen, wenn es deutlich ruhiger ist. Der Ausblick vom Gipfel ist wundervoll, den kann ich jedem nur ans Herz legen.

 

 

Wasserngrat – 24. Mai 2014

DSCF0003DSCF0017Der Weg startete in Gstaad, zuerst noch harmlos am Bach entlang, durch ein lauschiges Wäldchen, später dann an Bauernhöfen und Chalets vorbei. Bald wurden die Häuser weniger, die Wiesen grüner, vor uns lag der steile Hang. Forschen Schrittes stiegen wir auf, bis wir merkten, dass der verfolgte Weg nicht dem auf der Karte verzeichneten Weg entsprach, worauf wir beschlossen, das Bord gerade hinauf zu kraxeln. Schnell hatte ich meinen Rhythmus gefunden und damit floss der Aufstieg wie von selber.


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Die Gedanken folgten ihm, ich sinnierte über die Zeit. Fragte mich, ob alles seine Zeit habe im Leben (und auch sonst), ob Zeit wirklich Rat bringt oder man ihn sich selber beschaffen muss. Zeit ist grundsätzlich gegeben, wir haben sie und sie fliesst gemächlich dahin. Ab und an wollen wir sie anhalten, dann wieder beschleunigen, wir klagen über Dinge, die unsere Zeit stehlen und verschwenden sie an anderen Ecken und Enden. Haben zu wenig davon und doch dauert manches zu lange, weil zu viel Zeit bis zum Ersehnten liegt. Wenn wir keine Zeit haben – wer hat sie dann? Wenn wir uns Zeit lassen – fliesst sie dann langsamer? Wenn die Zeit vergeht – wo geht sie hin?

DSCF0021 Und mit diesen Gedanken im Kopf stieg ich Meter für Meter den Berg hinauf, nicht ohne immer wieder den Blick in die Ferne schweifen zu lassen und die wunderbare Aussicht zu geniessen. Irgendwann landeten wir bei der stillgelegten Bergstation des Lifts, das Bergrestaurant war geschlossen und wir hatten die Terrasse für uns. Ich genoss ein Sonnenbad auf einer Holzbank, welches wohl für meinen doch sehr ausgeprägt roten Kopf verantwortlich gewesen sein dürfte. Das Panorama vom Wasserngrat ist bombastisch. Gstaad, Saanen – alle liegen sie ganz klein unten im Tal, mitten in stolz sich erhebenden Bergen, die noch mit Schnee bedeckt sind. Es klingt kitschig zu sagen, dass die Weite des Blicks Herz und Geist sich weiten lässt, aber genau so fühlte es sich an.

DSCF0031 Wir packten unsere sieben Sachen und stiegen weiter hoch. Es folgten Schneefelder und mörderisch rutschige und steile Hänge. Wegweiser waren nicht zu finden, die lagen wohl unter Schneedecken, das einzige, was zu lesen war, war eine Absturz- und Todesnachricht eines an dieser Stelle Verunglückten. Wir beschlossen, dies nicht zu wagen, kehrten um und wanderten wieder ins Tal runter. Der Abstieg führte zuerst wieder über die mit Krokussen übersäten Wiesen, später stiessen wir dann auf den Weg, welchem wir zurück nach Gstaad folgten.

Im Bernerhof (übrigens als Wanderhotel sehr zu empfehlen, stellt es doch am Morgen Reiseproviant für hungrige Wanderer zur Verfügung, ist zentral beim Bahnhof gelegen und überzeugt durch sehr nettes und zuvorkommendes Personal, einladende Zimmer und vieles mehr) in Gstaad gelandet, genossen wir, in die Lounge gelümmelt, eine eiskalte Erfrischung und liessen den wunderbaren Tag nochmals Revue passieren.

 

Fazit:
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Eine wunderbare Wanderung, nicht wirklich schwierig, von Gstaad bis zur Bergstation und zurück in 3,5 Stunden gut machbar – flinke Wanderer schaffen es wohl schneller. Das Bergpanorama ist eine Wucht, die Gegend wunderbar. Absolut empfehlenswert.

Weinfreuden

10152405_10202465066121293_7551675068753514742_nHeute hatte ich das Glück, eine wunderbare Degustation besuchen zu dürfen. Ich liebe Wein seit langem, verstehe nichts davon, weiss aber, was mir schmeckt und wenn er schmeckt, ist Wein der Himmel auf Erden. Es geht nicht um Alkohol und Besäufnis, es geht um Geschmack, um eine Bandbreite von Süssen und Säuren, von Früchten, Tiefe, Erde, Holz, Charakter. Es ist eine eigene Welt und diese eröffnet wiederum eine Welt in dir. Wein mit Genuss getrunken lädt dich ein, Genuss pur zu erkunden, zu erkennen, zu erleben. Er lässt dich dazu dich selber entdecken, indem er Dinge freilegt, die in dir angelegt sind, schlummern, nicht durch kommen, weil sie von selbst gebauten Mauern umschlossen sind, gehemmt, nicht zugelassen vom inneren Zensor.

Hier sitze ich nun und bin gar kein armer Tor mehr wie Goethes Faust. Ich spüre Glück und Freude, sehe mein Leben und es ist schön. Sehe die Poesie in den Dingen und sehe die Farben der Welt. Und ich weiss, die dunklen gehören dazu wie die momentan vorherrschenden bunten – und das ist gut, denn ich bin sicher, ich werde auch sie bezwingen, denn die bunten, guten, wunderbaren sind so viel stärker. Und das nicht nur des Weines wegen, dieser lässt sie vielleicht noch ein wenig bunter leuchten, kann aber nichts erschaffen, was nicht schon da war.

Und aus dem Nichts kommt mir eines meiner Lieblingsgedichte in den Sinn:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang. (Rilke)

Mein Gedanke dazu ist nur:

 Es liegt Poesie im Wein,
im ganzen Leben.
Man muss sie erkennen,
man muss sie leben.

In diesem Sinne – es wird noch was gehen. Und davon ganz viel. Zu finden sein wird es hier: Philovinum

Allen Leuten recht getan

Es gibt Menschen, denen wirst du es nie recht machen können im Leben. Egal, was du machst, sie werden etwas finden, woran sie dich aufhängen können. Selbst wenn du das tust, was sie bei deinem letzten Fehler vorschlugen, wird es nicht gut sein, weil dann etwas anderes plötzlich noch besser wäre. Und so rennst du ständig einer unerreichbaren Bestätigung hinterher, vergisst dabei fast, was du selber gerne möchtest, nur um andern zu genügen.

Wozu? Es ist absolut sinnlos. Wenn man erst einmal bemerkt hat, dass man es gewissen Menschen – wieso auch immer – nie recht machen kann, kann man auch genauso gut das tun, was man selber will, denn dann hat man es immerhin jemandem recht gemacht: Sich selber.

Liebe geht nicht nur durch den Magen

An meine Maturaprüfung musste ich 10 Werke der deutschen Literatur lesen. Neun las ich, das 10., Minna von Barnhelm von Lessing, ignorierte ich. Ich las wohl mehr Sekundärliteratur als das kleine Werk selber zu lesen gewesen wäre, trotzdem fühlte ich mich als Revoluzzer. Geprüft wurde das nicht gelesene 10. Werk und ich brillierte. Nach meiner Matura studierte ich Germanistik. Pünktlich zur Zwischenprüfung wurden wir Studenten mit einer ellenlangen Literaturliste beglückt, welche die zu lesenden Werke enthielt. Unter anderem Minna von Barnhelm. Dieses Mal las ich es und fand es toll. Ich liebte Lessings Spiel um Gefühl und Geld, die Kniffe, mit denen er die vorherrschenden Gedankengänge Liebender umfasste.

Kann sie mich lieben, wenn ich ihrer nicht würdig bin? Liebt er mich nicht mehr, weil ich bin, wie ich bin und habe, was ich habe? Probleme, die wohl zeitlos sind, über die ganze Bibliotheken geschrieben wurden. Jeder denkt, er hätte sie verstanden und stünde drüber, bis die Realität ihn einholt.

Was ist Liebe und wieso liebt man? Weil jemand etwas bieten kann? Sind Geld, Macht und Status ausschlaggebend oder doch die romantischen netten Gefühle, die Schmetterlinge tanzen und Herzen springen lassen? Springen die Herzen weiter, wenn der Magen knurrt oder wäre da nicht doch ein wenig mehr Substanz sinnvoller und hilfreicher?

Minna entscheidet sich für die Liebe und bringt diese Entscheidung dem etwas sturen, verarmten und doch geliebten Mann nahe. Der weiss nicht mehr, wie ihm geschieht vor lauter Ringen, nimmt den falschen und damit der Moral der Geschicht’ nach genau den richtigen. Denn – so will uns Lessing sagen –, es gewinnt immer die Liebe.

Das sollte sie wohl auch. Ein knurrender Magen mag ab und an störend wirken, ein ungeliebter Mann, der zwar den Magen füllt, das Herz aber leer lässt, verursacht jedoch einen Kloss im Hals. Das Filet rutscht gar nicht zum Magen durch, der bleibt leer und wenn nicht er, so doch das Herz. So wird man wohl mit vollem Magen überleben, aber ob blosses Überleben wirkliches Leben sei, das bleibt dahingestellt. Schaut man in die Welt der Schönen und Reichen, scheint diese nicht wirklich rosig und glücklich zu sein. Ich würde nicht behaupten wollen, dass sie viel unglücklicher als die der anderen Menschen ist, aber das Geld allein scheint das wahre Glück nicht zu befördern.

Klar kann man nun sagen, dass man, wenn man schon das Liebesglück nicht hat, wenigstens den Schuhschrank füllen kann – vom Magen ganz zu schweigen. Allerdings wird ein voller Schuhschrank das Loch im Innern nie ganz stopfen. Und wer weiss, vielleicht reicht es irgendwann, von Luft und Liebe zu leben. Und wenn nicht, muss es auch nicht immer Filet sein, Spaghetti sind Glücksnahrung. Was will man mehr.

Mensch unter Menschen

Das Leben ist nicht immer einfach, ab und an wirft es einem Steine in den Weg, baut ganze Berge drauf, die abzutragen man sich irgendwann nicht mehr zutraut, weil man sich so klein fühlt in deren Angesicht. Man versucht ab und an, sie zu bezwingen, doch mal wünschte man sich einen Führer, dann fehlt es an gutem Schuhwerk und wenn man fast oben wäre, reisst das Sicherungsseil und man purzelt wieder runter. Und liegt dann da. Schaut hoch. Sieht sich gescheitert. Denkt sich, was wohl die anderen denken. Erfindet eine Geschichte, dass man gar nicht hoch wollte, es eigentlich unten viel schöner sei, man überhaupt sehr froh sei, hier unten zu sein, da die Luft oben viel zu dünn wäre.

Und tief drinnen schmerzt es. Es schmerzt, nicht hochgekommen zu sein, es schmerzt, niemandem vom Schmerz erzählen zu können und es schmerzt, sich so verdammt alleine zu fühlen. Der Schmerz gräbt sich ein, tief und tiefer und man fühlt sich klein, so unendlich klein neben diesem Berg und klein, weil keiner sieht, wie klein man sich fühlt. Doch: Wie sollte es anders sein? Die anderen sehen nur das, was man zeigt und zeigen tut man nur das Strahlegesicht, welches ausdrückt, alles im Griff zu haben, weil man denkt, niemand möge einen mehr, wenn man ein anderes aufsetzen würde. Und wenn man noch gemocht würde, so sicher mitleidig, nie aus Überzeugung.

Den Schein wahren nennt man das. Wozu eigentlich? Was bringt einem dieser Schein? Eine kurzfristige Befriedigung, nicht das Gesicht verloren zu haben. Vor wem? Menschen, die einen mögen, würden einem nie vorwerfen, dass man nicht perfekt ist. Menschen, die wirklich zu einem stehen, würden einen nicht fallen lassen, nur weil man einen Berg nicht bezwang. Wem also wollen wir imponieren? Unseren Freunden? Der Welt? Können wir das überhaupt? Und ist es sinnvoll? Freunde werden wir nicht halten, wenn wir immer nur maskiert rumlaufen und für die Welt sind wir kleine Lichter (die meisten sicher – und das ist nicht mal schlecht, man stelle sich nur vor, die ganze Welt stünde auf der Matte und man hätte sie zufrieden zu stellen).

Wieso also diese Maske? Wieso nicht einfach zu sich stehen und sagen: Ja, der Berg war zu hoch, ich habe ihn nicht geschafft. Ich leide darunter, aber ich muss damit leben? Wäre nicht das wirkliche Grösse? Man zeigt sich nicht klein, weil man was nicht geschafft hat, sondern gross, weil man es erkannt hat. Zu sich steht. Hinsteht und sagt: He, ich bin nicht perfekt, ich leide, es geht nicht gut. Aber ich habe es erkannt und ich gehe es an. Und plötzlich kommen Menschen. Sie haben dasselbe erlebt, sie erkennen sich wieder. Sie stehen zu dir. Machen Mut. Geben Zuspruch. Und du siehst: Ich bin nicht allein. Ich bin nicht der Versager unter lauter Gewinnern, sondern Mensch unter Menschen. Und das tut unglaublich gut. Es braucht ein wenig Mut, aber es ist der wohl einzig richtige Weg.

Wanderung aufs Schnebelhorn – 11. Mai 2014

DSCF0002War ich als Kind viel gewandert, das sogar gerne (wenn ich mal unterwegs war, vorher konnte es durchaus vorkommen, dass ich motzte und nicht wirklich begeistert war), hörte das Wandern mit der Pflicht durch die Eltern ziemlich auf. Nicht dass ich nicht bei jedem Bild von Bergen das Reissen bekam, noch immer war ich Bergkind, die Berge für mich Kraftorte und wenn ich die Wahl hatte zwischen Bergen und Meer, wählte ich immer die Berge, aber ich raffte mich nicht mehr auf, hatte auch niemanden, der half, Motivation wachzurufen und ohne sah ich mich nicht in der Lage, meine eher faulen Glieder in Bewegung zu kriegen.

DSCF0009Heute kam die Veränderung. Ich wanderte aufs Schnebelhorn, seines Zeichens höchster Berg des Kantons Zürich. Die Wettervorhersagen waren eher mässig, meine sonst wirklich liebe Mama lachte sich kaputt, als sie von meinen Plänen erfuhr, ich aber zog es dank wunderbarer Begleitung durch (zumal ich nicht das Gesicht verlieren wollte und mich auch wirklich freute).

Mit dem Zug ging es nach Steg, von wo die Wanderung losging. Schon nach kurzer Zeit waren wir mitten im Grünen. Nach all den Jahren einfach nur wunderbar. Die ersten Meter waren eher steil, aber gut machbar. Ich spürte einen lange nicht mehr gekannten Elan, stieg munter bergan. Das Grün nahm zu, mit jedem gewonnenen Meter wurde der Horizont weiter, die Sicht ging mehr in die Ferne. Berge erhoben sich weit hinten, umschlossen von Tälern, Ebenen mit Städten und Dörfern. Weit hinten erkannte man alsbald auch den Bodensee – ein Panorama, das seinesgleichen sucht (zumindest für einen Langzeitnichtmehrwanderer).

DSCF0019Der Aufstieg war problemlos, auch das als schmal und gefährlich ausgewiesene Weglein war gut machbar (an dieser Stelle auch mal ein grosses Dankeschön an meine Eltern und vor allem meinen Papa, der mir ein guter Lehrmeister in Sachen Wandern gewesen ist).  Das stille und gleichmässige Hochsteigen liess meine Gedanken fliessen, ohne dass ich sie gross lenkte. Eine Weite und Klarheit tat sich auf – aussen wie innen – und das war wunderbar. Ich gestand mir ein, dass ich vor der Wanderung schon meine Ängste hatte – Angst, den Mund zu voll genommen zu haben, Angst, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Angst, dadurch das Gesicht zu verlieren. Und ich lernte über mich viel dabei:

Oft sehen wir die Herausforderungen grösser als sie sind, weil wir uns selber kleiner einschätzen, als wir in Tat und Wahrheit sind.

DSCF0030Der Gipfel kam nah und näher, am Ende wartete nochmals ein eher steiles Stück. Oben angekommen war das Hochgefühl grandios. Geschafft. Was am Anfang so gross und hoch erschien, war einfach erlaufen worden. Ich war oben und ich fühlte mich toll. Das Wetter hatte ziemlich gehalten, ein paar sehr starke und kalte Winde liessen mich zwar vor Kälte erbeben, das tat meinem Glücksgefühl keinen Abbruch. Auf das geplante Picknick wurde zugunsten einer Einkehr im Tierhag verzichtet. Ein zünftiges Bergplättli gab neue Kraft und der Abstieg konnte beginnen.

DSCF0040Es gab mehrere Optionen, eine war wegen Forstarbeiten geschlossen. Wir wählten eine Variante, die teilweise sehr steil durch den Wald ging, schlussendlich aber bei der Tössscheide ankam und dem Fluss entlang bis nach Steg zurückführte. Insgesamt sind wir wohl an die 4,5 Stunden gelaufen – die Pausen nicht eingerechnet. Es war wunderbar, es war ein Erlebnis, wie ich es schon lange nicht mehr hatte. Klar hat es Kraft gebraucht, aber es gab noch viel mehr zurück. Drum meine Erkenntnis:

Der Weg auf einen Berg mag dich Kraft kosten, ihn bezwungen zu haben wird dir aber ein Vielfaches an Kraft zurück geben.

DSCF0049Die Zugfahrt zurück war eine erfüllte, eine sehr stille, ein wenig müde, aber glückliche. Fazit des Tages: Das war erst der Anfang (und was für einer), es geht weiter und ich freue mich drauf.

Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V.

_MG_6743Die Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. ist eine persönliche und einladende Buchhandlung in Chemniz. Sie verkauft ein allgemeines Sortiment, versteht sich als Stadtteilbuchhandlung. Bücher, die nicht im Regal stehen, werden besorgt, egal um welches Gebiet oder Genre es sich handelt. Fremdsprachige Titel werden über Nacht vom Grosshändler oder als Direktimporttitel aus USA, GB, Italien, Spanien und Frankreich bestellt und auch die antiquarische Suche von vergriffenen Titeln gehört zum Service mit dazu.
Beim Stöbern und Entdecken stehen dem Kunden jederzeit kostenlos Kaffee und Tee zur Verfügung, von der kompetenten und freundlichen Beratung ganz zu schweigen.

Klaus Kowalke von der Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. stand mir Rede und Antwort:

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Ein Ort der Literatur. Ein Ort für Literatur. Unser Motto lautet: Einfach Bücher.
[siehe auch tumblr-blog: http://lessingkompanie.tumblr.com/ ]

Klaus KowalkeWieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Ich bin Quereinsteiger. >Kaufmann >Philosoph/Historiker >Verleger >Dozent >Buchhändler. In dieser Reihenfolge habe ich meinen Lebensunterhalt verdient und entsprechende Abschlüsse durch Studium erworben.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Nein. Ich würde die Abkürzung wählen.

Was fasziniert Sie an Büchern? Woher stammt die Liebe dazu?

Gibt es Menschen, die keine Bücher lieben?

Gibt es Bücher, Schriftsteller, die Sie persönlich geprägt haben, die Ihnen wichtig sind?

Ja, das sind sehr sehr viele. Geprägt? David Hume würde ich sagen.

Ist der Literaturbetrieb zu bequem und auch antiquiert, müsste er mehr tun für sein eigenes Überleben? Haben neue Ideen überhaupt Platz oder behaupten die ewig gleichen ihren Platz?

Der Literaturbetrieb unterscheidet sich schon wesentlich vom Buchmarkt, was meinen Sie? Im Literaturbetrieb zählen Moden und die Hoffnung Debütanten zu entdecken. Im Buchmarkt lebt man von der Auswahl, also von der Hoffnung das richtige Sortiment zu wählen.

Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Eigentlich gar nicht. Von dem technischen Drum und Dran mal abgesehen: Ich wähle aus (meist zuviel) und kaufe ein, der Laden ist voll. Also voller Entdeckungen. Und so war es im Buchhandel und so soll es auch bleiben. Buch pur.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Amazon? Ein Konkurrent, ganz klar. Man muss besser sein! Wir sind es!

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Gute Bücher müssen verlegt werden. Und gute Bücher müssen in die Buchhandlungen. Das sollte reichen. Nonbook, Onlinevetrieb – alles Zeitverschwendung. Der Buchhändler soll seine Kunden im Gespräch fesseln können: Ein Laden lebt von der Begeisterung des Personals und seine Kunden müssen diese Begeisterung spüren.

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Er kann mir in die Augen schauen. Unterschätzen Sie das nicht!

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

E-Book ist eine technische Neuerung. Es wird sich neben dem Buch behaupten und in gewisser Weise den Markt verändern. Das Buch wird bleiben, wenn der Buchhändler bleibt.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Selfpublisher? Der Markt ist schon sehr überschwemmt. Als Sortimenter benötige ich die Filterfunktion des Verlages, des Lektorats damit sich Qualität durchsetzt.

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Gehen Sie in Ihrer Buchhandlung vor Ort einkaufen!

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

Nur zu, es macht Spaß! Sei identisch mit dem was du machst!

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Der Spaßfaktor: Es macht unendlich viel Spaß Bücher zu verkaufen (aber auch der Einkauf macht uns viel Freunde!).

Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Thomas Gralla von der „Buchhandlung Gralla am Hindenburgdamm“ in Berlin.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

_MG_6785Eckdaten:
Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V.
Franz-Mehring-Strasse 8
09112 Chemnitz

Öffnungszeiten:
MONTAGS BIS FREITAGS
 10:00 – 19.00 Uhr
SAMSTAGS
 10:00 – 13:00 Uhr

Welt der Papiere

Irgendjemand ist immer der Unterhund. Man redet gross über Gleichberechtigung, über gleiche Rechte für alle und wie man diese erreichen will. Erreicht man es schon in den viel besprochenen Fällen nie, so bleibt daneben immer wieder eine neue Gruppe Menschen, die durch alle Maschen fallen. Über diese richtet man von oben herab, weil sie nicht den Status haben, selber mitzurichten. Sie sind Menschen zweiter Klasse, sofern man ihnen überhaupt eine Klasse zugesteht, sie nicht nur einfach als zu behandelnde Ware abtut.

Eine dieser Klassen sind die Behinderten. Man diskutiert über Eingliederungsmassnahmen und missachtet dabei, dass sie genauso Menschen sind wie wir. Nur weil jemand im Rollstuhl sitzt, hat er sein Hirn nicht abgegeben. Nur weil einer geistig nicht mehr mitdenken kann, ist er nicht minderwertig, sondern hat Bedürfnisse, die er teilweise sogar formulieren kann, wenn man nur zuhören mag. Aber man mag gar nicht, man rechnet schon, wie viel kostbare Zeit da flöten ginge und diskutiert seinen Fall lieber vor x Gremien, vor denen man sich mit ach so tollen Vorschlägen profilieren kann, die zwar oft allesamt an den Bedürfnissen des davon Abhängigen vorbei gehen, aber gut klingen. Darauf kommt es an.

Und immer wieder ein gefundenes Fressen sind die Jenischen. Die Sans-Papiers. Die gehören eh nirgends hin. Die kann man rumschieben. Wo sie auftauchen, schickt man sie weg. Man will sie nicht haben. Befindet, was ihnen zusteht und was nicht und wie man sie wieder loswird. Dass sie auch Menschen sind, interessiert nicht. Ihnen fehlen die nötigen Papiere, damit sind sie nutz- und schutzlos. Nicht gewollt in dieser Welt, zumindest nicht in diesem Staat – und wohl in keinem anderen, was dann irgendwann wieder die Welt wäre.

Papiere sind es, die zählen. Hast du die richtigen, zählst du was, hast du sie nicht, bist du nichts. Sei es bei Tieren, die nur mit Stammbaum wertvoll sind, sei es bei Stellen, wo nur Diplome zählen, nicht wirklich Können. Alles steht auf Papieren. Du tust gut daran, dir eine Flut davon zuzulegen – für alle möglichen Notwendigkeiten eines. Dann gehst du auf Nummer sicher. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen dir nicht mehr auf die Hände und in die Augen schauen, sondern nur noch dein Dossier prüfen, um zu sehen, ob du passt. Partnersuche geschieht von ferne über Tasten, Bewerbungen werden via Analyse der vorhandenen Papiere entschieden (oder Vitamin B – was man mit Abstammungs- der Hinternwischpapieren gleichsetzen kann).

Und so schliesst sich der Kreis: Fehlen die nötigen Papiere, sind wir alle irgendwie behindert in dieser Welt. Es wird von irgendwo über uns entschieden und wir werden entweder ausgesiebt oder mit gut gemeinten (und für den Meinenden profitablen weil Ruhm bringenden) Massnahmen abgespeist.

Fair? Gerecht? Gibt es die beiden überhaupt? Ich denke nicht. Ich denke auch nicht, dass es erstrebenswert ist, eine gerechte oder faire Welt zu schaffen. Gerechtigkeit ist ein Kunstbegriff, Fairness ein Ideal. Das erste ist unerreichbar, das zweite anzustreben. Es reichte in meinen Augen schon, offen und ehrlich an die Dinge heranzugehen, hinzuschauen, wirkliche Lösungen finden zu wollen und den Menschen als Menschen mit seinen wirklichen Fähigkeiten und Talenten (aber auch Schwächen) und nicht als Summe seiner Papiere zu sehen. Ob man das je wollen wird?