Sicherheit bewahren oder dem Terror trotzen?

Die Fussball EM steht vor der Tür. Wetten werden bereits heute abgeschlossen – Terrorakte geplant. Man weiss nur von denen, die man vor Beginn aufdeckte, gibt es weitere? Man weiss es nicht, drum sorgt man vor: Man macht Trockenübungen, wie man im Falle eines Aktes agieren müsste… Man hat keine Ahnung, wie der Akt aussehen könnte, aber man übt.

Das ist sicher löblich, man sollte sich ja nicht unvorbereitet in ein Wagnis stürzen, nur: Ist das Wagnis zu gross in Anbetracht der heutigen Lage? Paris ist noch nicht vergessen, Brüssel sitzt fast noch in den Knochen, Istanbul ganz frisch. Vorzeichen gibt es auch für die EM.

Müsste man die EM absagen? Wäre das ein Sieg des Terrors, weil man klein beigab? Oder dürfen Menschen Bauernopfer der eigenen Standhaftigkeit sein? Kann man diese EM wirklich guten Muts und ohne Angst verfolgen? Muss man die Angst, die überall latent sein könnte, einfach ignorieren?

Man könnte nun einwenden, dass die Durchführung einer EM/WM in den letzten Jahren immer Fragen aufwarf: Enteignung der (hauptsächlich) armen Bevölkerung, Schliessung von Schulen, Bestechung, etc…. der Sport läuft schon lange mit Nebenwirkungen. Ist Terror nur eine von vielen oder ändert er alles?

Des Schweizers Schweiz – Ordnung muss sein

IMG_8705Familie M. wohnte in einem Wohnblock am Rande der Stadt. Vor ihrem Haus war ein kleiner Hang mit einer wunderbaren, wilden Wiese, in welche Familie M. eigenhändig Mohn gesät hatte. Schon bald schauten die wunderschönen roten Blumen aus dem Grün der Wiese heraus – ein Meer mit roten Inseln. Wer immer vorbeilief, blieb stehen, freute sich, machte ein Bild und schickte es in die Welt hinaus.

Eines Tages stand auf dem Tagesplan des Hauswarts, dass sätmliche Wiesen gemäht werden müssen. Und: Was auf dem Plan stand, wurde ordungsgemäss durchgeführt. Der gute Mann packte also seinen Rasenmäher und tat, was man mit dem Ding eben tut: Er
mähte. Hatte sein Vorgänger vor kurzem um das Blumenmeer rumgemäht, zumal es sowieso an einem sonst nicht nutzbaren Hang neben dem Gehweg lag, machte dieser kurzen Prozess. Er metzelte sprichwörtlich alles nieder. Wo vorher noch einIMG_8704e Augenfreude herrschte, war nun ein Totenbett. Mit groben Zügen rechte der fleissige Mann das Grünzeug runter, sammelte es ein. Zurück blieb ein unansehlicher braun-grüner Hang.

Zufrieden wischte der Hauswart die Hände an den Hosen ab: Nun hatte alles seine Ordnung, ein Punkt weniger auf der Liste.

 

Ode an Klaus

Ich wohne schon seit Jahrzehnten wohl mit Klaus zusammen. Klaus ist eine treue Seele. Er ist nicht wirklich schön, es sind seine inneren Werte, die zählen. Klaus redet auch nicht viel – eigentlich sagt er nie was. Das macht mir nichts aus, denn ich mag es ruhig. Da bleibt viel Platz für Gedanken. Zudem: Wir verstehen uns ohne Worte, Klaus und ich.

Wenn ich Klaus brauche, ist er da. Er zickt nie rum, er motzt nie, er ist nicht kompliziert. Ich erinnere mich an kalte Winterabende, die wir zusammen auf dem Sofa verbrachten. Teilweise begleitete er mich den ganzen Tag, war immer an meiner Seite. Wenn ich Bauchschmerzen habe oder sonst etwas weh tut: Klaus ist da. Auf Klaus ist Verlass.

Nun haben wir Sommer. Eigentlich macht Klaus im Sommer Urlaub, er erholt sich wohl vom oft häufigen Wintereinsatz. Nicht so dieses Jahr. Gerade sitzen Klaus und ich wieder zusammen auf dem Sofa. Ich bin froh, gibt es Klaus in meinem Leben, es wäre ein kälteres Leben sonst. Das wollte ich ihm einfach auch mal sagen:

Danke Klaus, dass es dich gibt!

Ach ja: Klaus ist meine rote Gummibettflasche.

Des Schweizers Nörglertum

Auf der ganzen Welt überschlagen sich Freude, Lob und Bewunderung für den Gotthard. Die Umsetzung, das Projekt an sich – man sieht es als Leistung. Nur die Schweizer überschlagen sich mit Selbstkriteleien, mit Kleinredereien, mit Sinnfragen. Sie hängen die Politiker an ihren Kleidungststücken (zu teuer, zu unförmig, zu unpassend) auf und unterstellen ihnen Profilierungsgier. Sie fragen sich laut, wozu man diese Röhre überhaupt brauche und verspotten jeden und alles, das damit zu tun hat oder etwas Positives äussert.

Das ist wohl genau dieses Schweizer Bünzlitum, das nichts Neues gelten lassen kann, das sich immer (früher hinter dem Vorhang am Küchenfenster, heute hinter dem Bildschirm sitzend) das Maul zerreisst und keinem was gönnt – schon gar nichts Grosses.

Allerdings sehen sich die Kritler nicht als Bünzlis, im Gegenteil… irgendwie traurig.

Ein gemeinsamer Termin

Früher traf man sich spontan. Man wusste: Am Montag Abend sitzen sie alle in der Stammbeiz am Stammtisch. Und da traf man sich, besprach, was es zu besprechen gibt, schwieg, worüber nix zu sagen war. Man wurde fortschrittlicher, lernte mit dem Fortschritt, dass es Abmachungen und Terminkalender braucht. Also verabredete man sich gezielt, am Montag gemeinsam am Stammtisch in der Stammbeiz zu sitzen, das Notwendige zu besprechen. Schweigen ging kaum mehr, denn die Termine waren gedrängt und man konnte auch alleine schweigen. Wenn es halt grad passte.

Neu ist das anders. Neu braucht eine Verabredung von Vielen einen Doodle. Einer sitzt am Bildschirm und tippt wahllos Termine ins Programm, die dann von anderen bei sich zu Hause mit der eigenen Agenda abgeglichen und im Netz bestätigt oder verworfen werden müssen. Wenn nix passt, geht es so lange weiter, bis es passend gemacht wurde.

Ein Fortschritt? Es dient der Individualität und Eingebundenheit. Wir sind heute alle ach so wichtig mit ach so vielen Terminen. Sind wir glücklicher? Eher gestresster wohl, aber einen Gang zurück schalten trauen wir uns nicht, denn: Was würden die anderen denken, hätten wir plötzlich Zeit? Sie wären wichtig, indem sie ihre knappe Zeit (und damit mangelnde Möglichkeit für gemeinsame Zeit) mitteilen, während wir nur immer nicken. Wir kämen uns minderwertig, zumindest minderwichtig vor.

Wer sich selber eine Grube gräbt

Da geht eine Schweizer Bundesrätin an ein Konzert. Ein Rockkonzert auch noch. Und wäre das nicht schlimm genug, ist sie auch noch in einer christlichen Partei. Wo man doch weiss, dass diese Rocker hart und gottlos und überhaupt ganz böse Buben sind. Und wer denkt, damit sei der Zenit der Unmöglichkeit bereits erreicht, dem sei gesagt:

Schlimmer geht immer!

Besagte Bundesrätin erdreistete sich, sich Hörner aufzusetzen – Teufelshörner. Die christliche Partei, deren Aushängeschild die gute Frau ist, geht in Schnappatmung über. Das geht gar nicht. Das ist. Indiskutabel. Ein Verstoss. Eine Schande.

Und während das Foto der Bundesrätin, fröhlich lachend mit knallroten Teufelshörnern Sympathien ohne Ende einfuhr (ohne es darauf abgesehen zu haben, sondern einfach den Moment lebend), gräbt sich die Partei selber die Grube der Ewiggestrigen.

Rezension: Guillaume Musso – Nacht im Central Park

Die Jagd nach dem Mörder – oder umgekehrt

Als sie sich aufrichtete, stellte sie verdutzt fest, dass sie sich auf einer groben Holzbank befand und ein kräftiger Mann halb auf ihr lag. […] Sie zuckte zurück, doch der Mann bewegte sich nicht. Scheisse!

Als Alice aufwacht, findet sie sich an einem unbekannten Ort an einen unbekannten Mann gefesselt. Als auch dieser aufwacht, teilen die Beiden das Erstaunen über die Situation, beide wissen nicht, wie sie an diesen Ort – den sie bald als New Yorks Central Park erkennen – und in diese Situation gekommen sind. Dass ihnen ihre Habseligkeiten gestohlen worden sind und die Kleidung zudem mit Blut getränkt ist, macht alles noch merkwürdiger.

Gemeinsam machen sie sich auf die abenteuerliche Suche nach den Gründen. Das wird vor allem für Alice schmerzhaft, die sich mit den dunkelsten Erlebnissen ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Die Geschehnisse überstürzen sich, bald jagen sie einen Mörder – und sind selber gejagt.

Guillaume Musso ist einmal mehr ein Meisterwerk der Spannung gelungen. Die Geschichte entwickelt sich rasant, die Figuren sind plastisch und der Plot stimmig. Ein der Geschichte zugrundeliegendes Geheimnis wird nach und nach aufgelöst, man weiss nicht genau, wo die Wahrheit genau liegt und muss fast bis zur letzten Seite durchhalten, es zu erfahren. Kein Wunder, legt man das Buch nicht mehr aus der Hand, hat man mal mit Lesen begonnen.

Müsste man einen Makel finden, so wäre es das Ende – es ist zwar völlig unerwartet, was durchaus positiv ist, dabei aber ein bisschen zu kitschig im Vergleich zum Rest des Buches (zumindest für mich).

Fazit:
Einmal angefangen, lässt einen das Buch nicht mehr los. Spannung pur für den Strand oder den Liegestuhl zu Hause. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Guillaume Musso
Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren. Er arbeitete als Gymnasiallehrer und Universitätsdozent, bis er 2001 seinen von der Kritik hoch gelobten Debütroman veröffentlichte. Der große Durchbruch gelang ihm mit seinem zweiten Roman Ein Engel im Winter, den er nach einem schweren Autounfall geschrieben hatte. Auch seine Roman Eine himmlische Begegnung und Vielleicht morgen stürmten auf Anhieb die französischen Bestsellerlisten.

Angaben zum Buch:
MussoCentralTaschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Piper Verlag (1. April 2016)
Übersetzung: Eliane Hagedorn, Bettina Runge
ISBN-Nr.: 978-3492309257
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Rezension: Joël Dicker – Die Geschichte der Baltimores

Drohendes Unheil im Paradies

Marcus Goldman, Protagonist und Erzähler, ist Schriftsteller. Er kauft sich ein Haus in Florida, um in Ruhe seinen nächsten Roman zu schreiben. Es soll der Roman seiner Familie werden.

„Samstag kommen die Baltimores, Sonntag die Montclairs.“ Was angfangs jedoch nur eine liebevolle Zuschreibung war, um uns leichter auseinanderhalten zu können, wurde im Laufe der Jahre zu einer Art Gütesiegel, das eine tiefe Spaltung im eigenen Clan ausdrückte.

Die drei Goldman-Cousins sind ein unzertrennbares Gespann. Hillel und Woody wohnen mit ihrer Familie in Baltimore, Marcus mit seiner in Montclair. wobei er sich dafür schämt, denn bei den Baltimores ist alles grösser, schöner und besser. Aus diesem Grund ist er auch so oft er kann in Baltimore, um mit seinem Onkel Saul, den er sehr bewundert, und Tante Anita, die wunderschön ist, vor allem aber mit seinen Cousins zusammen zu sein. Nichts kann das Trio auseinanderbringen, nicht einmal, dass sie sich in dieselbe Frau verlieben. Das denkt man zumindest, bis es zur Katastrophe kommt. Danach ist nichts mehr, wie es mal gewesen ist.

Joël Dickers Roman Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert war ein Riesenerfolg, die Erwartungen an den neuen Roman waren entsprechend hoch. Gelingt Dicker erneut ein Pageturner? Schafft er es wieder, den Leser zu fesseln und nicht mehr loszulassen? Die Antwort ist eindeutig: Ja. Die Geschichte der Baltimores erzählt die Geschichte einer Familie in Amerika. Von der ersten Seite an weiss man, dass mit der Familie etwas schreckliches passieren wird, aber man hat keine Ahnung was. Ausser ein paar Andeutungen auf die kommende Katastrophe erzählt Dicker unterhaltsam von drei Jungen, ihren Gefühlen, ihrem Werdegang. Es gelingt ihm dabei, gekonnt zwischen den Zeiten zu wechseln, die Gegenwart des Schreibens mit der erinnerten Vergangenheit zu durchmischen und dadurch die Spannung immer grösser werden zu lassen.

Dicker überzeugt einmal mehr mit Erzählkunst auf ganz hohem Niveau: Plastische Figuren, stimmiger Plot, perfekt eingesetzter Spannungsaufbau. Müsste man dem Buch etwas Negatives anlasten, wäre es, dass die doch immerhin 509 Seiten viel zu schnell gelesen sind.

Fazit:
Eines der besten Bücher seit langem. Plot, Sprache, Charaktere – Erzählkunst auf höchstem Niveau. Packend, unterhaltend, wunderbar. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Joël Dicker
Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Der studierte Jurist hat bislang zwei Romane geschrieben: Les Derniers Jours de nos Pères und La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert). Für Letzteren bekam er den Grand Prix du Roman der Académie Française zugesprochen sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Das bei einem winzigen Verlag erschienene Buch wurde in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 und mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
DickerBaltimoresGebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Mai 2016)
Übersetzung: Andrea Alvermann, Brigitte Grosse
ISBN-Nr.: 978-3492057646
Preis: EUR 24 / CHF 27.90

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Verhandelbare Grundrechte?

Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Conny bleibt zu Hause, Felix verdient die Brötchen. Die beiden sind happy und überzeugt, Kind Franz wird es auch sein. Nun kommt Sabine, Connys Freundin, und sagt: „Wie kannst du nur so ein antiquiertes Lebensmodell wählen? Heute gehen Frauen arbeiten, Kinder in die Krippe. Wofür haben wir sonst gekämpft? Sag deinem Felix, er soll seiner Verantwortung nachkommen und auch was tun.“. Gut, Conny redet mit Felix und sie entschliessen, modern zu sein. Zwar wollen das beide nicht, aber was tut man nicht alles, um mit der Zeit zu gehen.

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Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Sie sind modern, Felix bleibt zu Hause, Conny verdient die Brötchen. Beide sind happy und überzeugt, Kind Frieda wird es auch sein. Nun kommt Hermann, Felix’ Freund, und sagt: „Was bist du für ne Lusche, ein echter Mann bleibt nicht zu Hause. Conny und Felix kriegen sich in die Haare, das Ende ist noch offen… immerhin wäre eine alleinerziehende Mutter mit Beruf und Kind in der Krippe modern.

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So oder so: Franz oder Friede kommen auf die Welt. Einer muss zumindest am Anfang zu Hause sein, dem neuen Erdenbürger den Einstand in derselben Erde zu ermöglichen. In der Schweiz ist es nun amtlich: Das muss die Mutter sein, denn der Vater kriegt keinen Vaterschaftsurlaub. Das geht gar nicht. Eltern müssten selber entscheiden können, wer den Urlaub nimmt. Klar nicht beide, denn sonst wäre bald die ganze Welt auf Urlaub.

War da nicht was von wegen „vor dem Gesetz sind alle gleich“? Und waren Frauen nicht auch gemeint mit „alle“? Männer waren es ja schon immer. Nur: Hier offensichtlich nicht. Der Schweizer Nationalrat kann sich gegen ein Grundrecht stellen und dem Mann Rechte absprechen, welche die Frau hat. Was genau zählen Grundrechte in einem Land, in dem man sie einfach mal so umstossen kann? Klar, wir bringen keinen um und sind auch sonst recht moderat und meist neutral… aber das soll einfach mal so gehen?

Mein Vorschlag:

Ein Kind kommt auf die Welt. Es hat einen Erzeuger und eine Erzeugerin. Die sind in der Pflicht. Mit der Geburt sollte geregelt sein, wie das Leben des Kindes finanziert wird. Egal, wer nun was macht im Leben, egal, ob die Liebe hält oder nicht. Das wäre Eigenverantwortung. Aber das ist wohl naiv oder unromantisch. Je nach eigenem Standpunkt. Trotzdem fände ich es den einzig gangbaren Weg. Für das Kind, für das Individuum und für den Staat. Das löst nie die emotionalen Probleme, die sind und bleiben, aber sie wären weniger vermischt.

 Fazit:

Was ich mit all dem sagen wollte? Elternteile sollten unabhängig vom Geschlecht gleiche Rechte, Pflichten und Möglichkeiten haben. Die Reihenfolge ist nicht hierarchisch, ich musste eine wählen. Das hiesse, alle gleicht zu behandeln. Alles andere ist Bullshit!

Schelmengeschichte

Paul und Anne wohnen in einem kleinen Bergdorf in der Schweiz. Sie zogen dahin, als beide noch arbeiteten, lebten sich ein, fühlten sich zu Hause. Vorher waren sie durch die ganze Welt gezogen, lebten auf verschiedenen Kontinenten, in grossen Städten, aber auch in kleinen Ortschaften. Nun sind sie alt. Paul ist pensioniert, Anne arbeitet noch immer als selbständige Künstlerin. Zudem sind sie wundervolle Gastgeber für die Bewohner ihrer zwei Ferienwohnungen.

Da man auch in kleinen Dörfern mit der Zeit gehen will, Alter dem Fortschritt nicht gleichgültig gegenübersteht, wollten die beiden die Telefonanlage im Haus modernisieren. Schliesslich sollten ihre Gäste Komfort geniessen können. Paul nahm also das Telefon in die Hand und rief beim hiesigen Telekommunikationsriesen an. Der Herr am anderen Ende des Drahtes war ausnehmend freundlich. Er hörte sich Pauls Anliegen an, tippte auf seinem Computer rum (man hörte es gut vernehmlich klappern im Hintergrund) und sagte dann mit einem Unterton der Überzeugung:

„Herr Paul, das erledigen wir gerne für Sie. Dazu müssen wir uns vor Ort ein Bild machen. Preis für die Abklärung und das Erstellen der entsprechenden Offerte würden wir 5000 Franken verrechnen.“

Paul schluckte leer. Er hatte zwar schon gedacht, dass die Erneuerung der ganzen Anlage nicht ganz günstig würde, dass aber schon vor dem ersten gelegten Kabel solche Kosten auf ihn zukämen, das überstieg dann doch sein Vorstellungsvermögen und liess die Absicht der Erneuerung ein bisschen weniger dringend erscheinen.

Abends telefonierte Paul mit seinem Sohn Paul Junior. Der verstand erstens ein bisschen was von Telekommunikation, zweitens musste er seinem Schock über das Angebot des überaus freundlichen Beraters Luft verschaffen. Pauls Sohn schluckte auch, als er den Betrag hörte. Er konnte es kaum glauben und nahm die Sache selber in die Hand. Er rief also selber beim Anbieter an, schilderte dasselbe Problem kriegte die postwendende Antwort:

„Herr Paul Junior, gerne erledigen wir das für sie. Dazu müssen wir uns vor Ort ein Bild machen. Für die Abklärung und das Erstellen der Offerte entstehen Ihnen selbstverständlich keine Kosten.“

Paul Junior schluckte leer. Er hatte zwar schon gedacht, dass der seinem Vater genannte Betrag etwas gar hoch war, aber diese Diskrepanz machte ihn sprachlos.

Ein Schelm, der dächte, die Firma versuche die (vermeintliche) Unwissenheit alter Bergbewohner auszunutzen…

Ich darf das sagen…

Wir leben im Zeitalter der Meinungsfreiheit. Auf die berufen wir uns immer, wenn wir etwas sagen, das nicht gut ankommt. Das ist praktisch, denn so muss man sich nie überlegen, was man sagt. Und wieso. Denn: Man darf ja. Die Meinung ist frei.

Man könnte, bevor man etwas sagt, sich fragen:

Ist es nett? Hilft es jemandem?

Wenn die Antwort zweimal nein wäre, könnte man das Sagen einfach lassen und nichts sagen. Wieso? Weil es nett wäre? Und das Gegenteil keinem was hülfe – wohl eher im Gegenteil… ABER: Man beruft sich auf seine Rechte. Die einem wohl eher egal sind, nicht grundsätzlich, aber in dem Fall, die sich aber grad gut instrumentalisieren lassen für die eigenen Zwecke. Man ist quasi legitimiert fein raus. Muss sich nicht mehr hinterfragen.

Ich finde das doppelt traurig. Erstens plappert man einfach mal drauf los, ohne Rücksicht auf Gefühle oder Verluste. Zweitens missbraucht man ein Menschenrecht, das gut und richtig und wichtig ist, für die eigene Gedanken- und Gefühllosigkeit. Und wenn auch das Menschenrecht nicht mehr zieht, dann war es gar nicht so gemeint. War quasi Humor. Oder notfalls Satire. Das macht es nicht netter oder besser, aber gut und nett ist eh out. Zumindest scheint es ab und an so. Man kann ja im nächsten Atemzug über die kalte und grausame Welt ohne Gefühl und menschliche Werte jammern….

Einmal wieder Jungfrau sein

Ich hatte heute meine Jungfernfahrt mit meinem E-Bike. Sprich: Ich habe mich velotechnisch als Senior eingestuft. Nachdem ich ganz beschwingt losfuhr, merkte ich bald (bei der ersten Steigung, um genau zu sein): „Mist, das geht doch ganz schön in die Beine.“ Ich schaltete den Motor hoch und höher, trat in die Pedale, kam dann doch ganz gut oben an (ich gestehe, ohne wäre das eine Tortur sondergleichen gewesen – wenn überhaupt in Angriff genommen….). Aber: Ein bisschen warm war mir geworden. Irgendwie hatte ich mich vor meinem inneren Auge locker flockig die Hügel rauf und runter sausen sehen… das schien etwas sehr positiv gedacht gewesen zu sein….An jeder Ampel äugte ich in die Autos neben mir und beneidete insgeheim die Fahrer. Die durften sitzen und lenken, während ich trampen (!!!) musste.

Auf dem Rückweg hatte ich gelernt, dass man vielleicht den Gang etwas runterschalten sollte beim hochfahren. Und dass es bergauf keine 30 km/h sein müssen. Das ganze Unterfangen war so schon viel beschwingter. Aber ohne trampen ging noch immer nix. So stand ich dann an einer Ampel. Neben mir ein sehr sportlicher Mountainbiker, vollgespritzt mit Dreck. Er blickte mich an, dann mein Bike, dann wieder mit. Ich lächelte leicht verlegen. Sagte: „Ich weiss, ich schummle.“. Er lächelt zurück. Ich sage: „Dafür radle ich dann bald locker beschwingt an dir vorbei. Aber – ich gestehe: Ohne schummeln käme ich den Hügel kaum hoch.“. Er lächelt und sagt: „Ach was, das ist toll – immer noch besser als ein Auto.“ Ich sage ganz erleichtert: „Das dachte ich eben auch. Und trampen muss ich ja trotzdem.“ Er stimmte mir vollumgänglich zu und lächelte noch breiter.

Wir überholten uns gegenseitig noch einige Male, dann verloren sich unsere Wege. Zurück blieb ein beschwingtes Gefühl, mit dem ich mich nach Hause trampte. Und morgen geht es wieder los. Trampend.