Politisch korrekt und genderneutral

Als Kind hatte ich eine Hörspielkassette, ein Kasperlitheater mit dem Titel „De Schorsch Gaggo gaht nach Afrika“. Darin war von Negern die Rede, den Ausdruck kriegte ich quasi mit der Muttermilch (von welcher ich wiederum weniger kriegte, da ich – so sagt meine Mutter – zu faul zum saugen gewesen sei… das ist aber eine andere Geschichte, die an einem anderen Ort oder besser gar nicht thematisiert werden soll) und dachte mir nichts dabei, ausser: Das ist eine Bezeichnung für einen Menschen, wie Frau oder Mann – sie bezieht sich einfach auf eine Eigenschaft des Menschen.

Als ich studierte, sass ich in Vorlesungen, hörte Ansprachen, kriegte Anschreiben. Meist hiessen ich und meine Kommilitonen „Studenten“. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mich nicht angesprochen oder gar zurückgesetzt zu fühlen. Wieso auch? Klar war mir bekannt, dass die Rechte der Frau lange eher stiefmütterlich behandelt wurden und sie in ganz vielen Schriften nicht mitgemeint waren, wenn man von „Bürgern“ und ähnlichem sprach. Aber all das machte ich nie in der Sprache fest, eher in der Haltung, die dahinter steckt.

„Neger“ darf man heute nicht mehr sagen, Studenten sind entweder „Studenten und Studentinnen“, schriftlich auch „StudentInnen“, oder aber „Studierende“. Bis es soweit war, bedurfte es ganz vieler Kämpfe, es brauchte Menschen, die sich einsetzten für Werte, für Gleichberechtigung, für Menschenrechte, die für jeden gelten sollen, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Religionszugehörigkeit, sexuellen Ausrichtung oder des Geschlechts. Wir sind noch weit davon entfernt, erreicht zu haben, dass wirklich jeder Mensch qua seines Menschseins als Gleiche(r) unter Gleichen behandelt wird. Aber: Wir sind ganz gross darin, sprachliche Ausdrücke zu verteufeln, zu verdammen, den Finger drauf zu halten.

Hat eine Frau mehr Rechte, wenn der Rektor einer Uni die Menge mit „Liebe Studenten und Studentinnen“ anspricht? Auch die Mitarbeitende im Betrieb kann sich nicht mehr leisten, nur weil der Chef nicht mehr die Mitarbeiter anspricht, sondern von Mitarbeitenden (genderneutral) spricht. Helfen würde ihr nur, kriegte sie denselben Lohn für dieselbe Leistung. Davon sind wir weit entfernt, immer noch.

Ab und an erscheint es mir, als ob man sich gerne Nebenschauplätze wählt, auf denen man sich austoben kann, weil die Dinge, um die es wirklich geht, a) gross sind, b) den eigenen Ast absägen könnten, und c) …. es gäbe noch so viel, da nun das c) draus zu wählen täte den anderen Argumenten Unrecht und wäre damit nicht neutral, sondern wertend.

Sprache ist wichtig, sie ist prägend. Sprache ist ein zentrales Moment in der Identität und im Gedankengut von Menschen. Trotzdem denke ich nach wie vor, dass niemandem geholfen ist, wenn wir die Sprache zurechtbügeln, dass sie keine Ecken und Kanten mehr hat, an denen man sich stossen könnte. Was wirklich zählt, ist die Haltung dahinter. Wenn das chauvinistische Arschloch von Chef mit säuselnder Stimme am Weihnachtsessen seine MitarbeiterINNEN anspricht, diese aber in geschütztem Rahmen sexuell zweideutig angeht und ihnen auch nur einen Prozentsatz an Lohn auszahlt im Vergleich mit ihren männlichen Mitstreitern, hat er auf den ersten Blick alles richtig gemacht. Denn: Das Sexistische hintenrum hat keiner gesehen und über Geld spricht (in der Schweiz) kaum jemand.

Da würde ich lieber als Manager angesprochen und kriegte den ganzen Lohn. Denn das wäre die richtige Haltung. Und wäre die da, würde keiner mehr nach einem „INNEN“ schreien. Denke ich mal. Hoffe ich mal. So rein sprachlich, denn: Als Sprachwissenschaftler (nein, nicht –IN) rollen sich mir die Zehennägel auf bei all den Sprachverkehrungen.

Wer sich nun fragt, was Schorsch in dem ganzen Spiel zu suchen hatte, dem sei gesagt: Es ist dasselbe mit einem Unterschied: Wenn sich Menschen mit einem etwas pigmentierterem Teint verletzt fühlen durch den Begriff „Neger“, dann ist das sicher ein Punkt, den man nicht ignorieren darf. Aber: Unter sich nennen sie sich „Nigger“, es darf nur kein „Weisser“ den Begriff benutzen. Ich wage mich auf die Äste hinaus und sage: Auch da zählt nur die Haltung hinter dem Begriff. Denn: Sie würden sich gegenseitig beleidigen. Und das tun sie nicht. Sie trauen nur den „Nicht-Niggern“ die Toleranz und Akzeptanz nicht zu. Wörter werden das nicht ändern. Nur die Zeit und die Haltung. Die hinter den Wörtern.

Ich denke, wir sollten nicht weiter an der Sprache feilen, sondern an der Haltung. Das fängt bei der Toleranz im Kleinen an. So lange wir bei andern verspotten, was wir selber nicht mögen, sollten wir nicht mit Worten um uns schlagen und ebensolche bekämpfen, denn: Wir haben nichts begriffen. Worte sind leicht dahingesagt, das miteinander Leben ist die einzige Lösung. Für wohl alles auf dieser Welt.

 

Von Hometrainern und Beinbrüchen

Ich habe einen Hometrainer. Das allein ist nicht spektakulär, aber: Ich benutze ihn. Täglich. Seit etwa 26 Jahren. Jeden Morgen nach dem Aufstehen steige ich für eine halbe Stunde auf das gute Teil und spule meine 14 km ab. Mach ich es gerne? Nicht wirklich. Ich denke fast jeden Morgen, wie schön es wäre, nun einfach liegen zu bleiben (ich bin eher faul). Aber ich weiss auch, dass es mir nachher nicht besser ginge, im Gegenteil. Mein Kreislauf spielte verrückt, ich würde mich schlapp und schlapper fühlen.

Klar könnte man sagen: „Einmal sein lassen, das wäre kein Beinbruch.“ Das stimmt wohl theoretisch, allerdings ist es die Kontinuität, die mich überhaupt durchhalten lässt. Die halbe Stunde steht nicht zur Debatte. Sie tut mir gut, sie ist meine Zeit am Morgen, die Zeit, die mir gehört. Ich lese auf dem Hometrainer, habe ihn so „umgebaut“, dass ich den Laptop draufstellen und schreiben kann, ich häkle, schaue Filme… aber ich trampe immer im Schnitt 28 km/h. Das ist nicht sehr schnell, es ginge sicher schneller ohne all das Nebenprogramm, aber dieses hilft mir bei der Kontinuität.

Ich höre oft im Umfeld: „Wenn ich einen Hometrainer hätte wie du, könnte ich auch täglich Sport treiben.“ Allerdings haben ganz viele Menschen einen Hometrainer und nutzen diesen nie – es sei denn als Kleiderständer. Würde ich täglich Sport treiben ohne den Hometrainer? Ich habe es viele Jahre gemacht, als ich sehr intensiv Yoga machte. Täglich eine Stunde und mehr. Ich denke, wichtig ist nicht, was man macht, sondern dass man das macht, was man selber gut in den eigenen Lebensplan einbauen kann, und sich dann ohne wenn und aber dafür entscheidet. Ich kann es nur empfehlen. Bis morgen früh, dann überlege ich wieder kurz, ob ich wirklich aufstehen soll….

Die selbsternannten Geschmackshüter

KonzertGabalierIch war gestern an einem Konzert. Das alleine wäre ja nicht verwerflich, einige fanden es aber so, weil der auftretende Künstler Andreas Gabalier war. Die Aussage „Ich bin erstaunt“ war noch die harmloseste, die „Intelligenter Mensch und Andreas Gabalier-Konzert schliessen sich aus“. Es ist nicht neu, dass ich wegen meines Musikgeschmacks verspottet werde. Dass der hier kritisierte Künstler das Hallenstadion voll machte und es danach in einem jubelnden, mitsingenden, fröhlichen Hexenkessel verwandelte, bringe ich mal nichts als Argument ins Spiel, das würde bloss als „reiner Kommerz“, „Masse statt Klasse“ und ähnliches abgetan. Es gibt etwas, das mir je länger je mehr sauer aufstösst:

Da gehen Menschen dahin und setzen ihren persönlichen Musikgeschmack als Absolutum. Sie setzen sich auf den Thron des Richters über gut und schlecht und setzen dann andere, die mit ihrem Geschmack nicht konform laufen, herab. Setzt man was dagegen, kriegt man gleich die Totschlagkeule um die Ohren: Du verstehst kein Spass! Es ist ja auch ach so lustig, ständig wieder abfällige Kommentare zu hören über die eigene Musik. Und vor allem ist es ach so kreativ, die ewig gleich Kommentare zu schreiben. Ich habe Humor. Allerdings sollte das Vorgetragene auch wirklich Humor darstellen und nicht nur unsensibles, unbedachtes und abwertendes Palaver.

Was mir aber noch mehr aufstösst: Wer masst sich eigentlich an, anderen zu sagen, was sie hören müssen? Was für ein Mensch ist das, der selber findet, die absolute Wahrheit in einem Bereich für sich gepachtet zu haben? Oft sind es sogar Menschen, die sonst von Pluralität reden, von Toleranz, von Offenheit und Empathie. Vermutlich ist es einfach einfacher, diese Begriffe zu diskutieren als sie selber zu leben. Notfalls kann man da ja alles als Humor und ach so witzig abtun und sich dabei gleich doppelt überlegen fühlen.

Gabalier
Andreas Gabalier Volks-Rock’n’Roll

Hab ich schon gesagt, dass ich und meine Freundin soeben Tickets für das Gabalier-Konzert in München bestellt haben? Auf das Konzert in Zürich haben wir fast 1,5 Jahre gewartet, so lange hatten wir die Tickets schon (eine lange Geschichte), diesmal ist die Vorfreude etwas kürzer, nur ein halbes Jahr. Wir hängen dann gleich das ganze WE dran und lassen es uns gut gehen. Wir sind halt einfach unbelehrbar.

Jerusalem – Ein Tag im Theater Neumarkt

Jerusalem – diesem Thema hat sich das Theater Neumarkt in Zürich am 29. November verschrieben. Um 6 Uhr morgens startet ein dokumentarisches Porträt mit dem Titel 24h Jerusalem. Es wird 24 Stunden lang im Foyer zu sehen sein.

Um 11.30 spricht Esther van Messel, Leiterin von FIRST HAND FILMS mit Filmwissenschaftlerin Sascha Lara Bleuler, wie es zum Film kam und welche Hindernisse zu überwinden waren. (Link)

Es folgt um 14 Uhr eine Gesprächsrunde rund um die Stadt Jerusalem.  Man darf sich auf Einblicke aus nächster Nähe freuen, wenn der NZZ-Korrespondent George Szpiro sich mit Sari Nusseibeh und Avraham Burg unterhält, welche beide in Jerusalem aufgewachsen sind und heute noch dort leben und dabei seit Jahren kritisch ihre eigene Geschichte mit dieser Stadt reflektieren.

Last but not least mein persönliches Highlight: Iris Berben stellt sich den Fragen von Roger Schawinski und präsentiert in diesem Zusammenhang auch ihr Buch Jerusalem. Seit 1968 reist Iris Berben regelmässig nach Jerusalem. Sie liebt das Land, die Menschen und hat auch eine Zeit lang da gelebt. Diese Stadt wird in dem Buch mit Bildern und persönlichen Texten lebendig, dargelegt von einer wunderbaren Schauspielerin und einer unermüdlichen Kämpferin für mehr Menschlichkeit und Toleranz. Ich werde dasein.

Bürokratie lässt grüssen

Ich las von Aktionen. Heute haben die einen Hashtag. Das ist ein Wort mit einem Gartenzaun davor: #hashtag. Soll Menschen im Social-Media-Bereich helfen, Gleichgesinnte zu finden. Früher ging man in den Turn- oder Feuerwehrverein. Dann wusste man: Da sind welche, die wollen dasselbe wie ich. Heute hat man Hashtags.

Unter dem Hashtag #yarnbomb findet man Bilder von Objekten, die umhäkelt oder umstrickt wurden. Laternenmasten, Bäume, Brücken, Räder – alles wurde mit Garn umwickelt und mit Hashtag versehen. In den USA ein grosser Trend, in anderen Ländern kommt es auch. Ich fand die Idee toll, da ich ziemlich verliebt in meine Häkelnadeln bin. Und noch mehr: Ich sah darin ein Projekt, sah Bilder, Bücher und Botschaften drin. Rundherum hiess es: Mach, klingt toll, super Aktion.

Da ich keine 20 mehr bin, zudem ein Kind habe, mit dem man gewisse Bürokratiehürden überstand, dachte ich: Kann das so einfach sein in der Schweiz? Ich denke nicht! Ich fragte auf Twitter bei der Stadtpolizei Zürich nach. Und erhielt sofort Antwort mit Telefonnummer. Super Dienstleistung. Das muss mal gesagt sein und das meine ich ernst! Ich rief am nächsten Morgen an. Ein sehr netter Herr am Telefon, der sofort wusste, worum es geht. Auch das: Eine tolle Leistung, für eine – wie ich finde – Banalität. Wer hier Spott oder Häme reinliest, liegt falsch. Ich schätze diese Dienste.

Ich schilderte mein Anliegen. Der nette Herr (er hatte eine wirklich sehr schöne Stimme) erklärte mir, wo im Netz ich das nötige Formular finden würde, das ich ausfüllen sollte. Denn: Einfach so einhäkeln gehe nicht. Das hatte ich mir eigentlich gedacht, entgegen all der Stimmen „mach nur“. Das Formular umfasste 5 Seiten. Ziel, Zweck, Inhalt, Auswirkungen, Dauer, Intentionen und vieles mehr sollte ausführlich geschildert werden. Das war aber nicht alles. Das ausgefüllte Formular käme dann vor ein Gremium. Es gibt eine Abteilung namens „Kunst im öffentlichen Raum“, welche in einer Frist von 6 Wochen entscheiden wird, ob das wirklich Kunst ist und durchgewinkt wird, oder ob das nicht geht.

Gesetzt den Fall, man käme durch, wäre das nicht das Ende. Nun müssten die Elektrizitätswerke gefragt werden, ob ihre Laternenmasten umhäkelt werden dürfen. (Ich wollte übrigens nur eine Binde von 10cm häkeln). Mein kurzer Einwand, ich könne auch Bäume nehmen, wurde gleich abgeschmettert: Bäume gehen gar nie, da kriege ich nie eine Erlaubnis.

Fazit: Ich häkle wieder Decken, Kissen und Tierchen. Die Botschaft, die mir vorschwebte, „Herz statt Gewalt“, werde ich weiter leben, beschreiben und in meine eigenen Projekte legen. Und ab und an beneide ich ein wenig meine Häkelfreunde in den USA, die einfach Dinge einhäkeln und damit die Welt ein wenig bunter machen.

Die Welt verstehen….

Ich bin so froh, gibt es heute Facebook. Hier wird mir die Welt erklärt. Menschen, die den Durchblick haben, erklären mir bei allem, wie die richtige Sicht der Dinge aussieht. Es sind meist die immer Gleichen, die zu wohl jedem Thema wissen, wie der Hase läuft, was richtig und was falsch ist. Ist man nicht auf ihrer Linie, kommentieren sie mit Spott und reichen dann Belehrungen nach. Das einzige Problem, das ich noch habe: Sie sind sich nicht immer einig in ihrer Verkündung der absoluten Wahrheit.

Wir haben ein düsteres Kapitel in der Geschichte hinter uns: Die Anschläge in Paris erschütterten wohl fast jeden. Die Betroffenheit war gross. Die Wahrheitsverkünder liefen zu Hochform auf. Die einen wussten, dass man nun jeden Moslem verbannen und verdammen müsse. Die anderen schimpften mit allen, die sich betroffen zeigten, weil diese in ihren Augen andere Opfer von anderen Terroranschlägen weniger betrauert hätten, und Dritte schimpften die ganze Solidaritätsbekundung überhaupt heuchlerisch.

Ich sitze hier und gebe zu: Ich verstehe diese Welt nicht mehr. Ich weiss nur, dass es eine Welt ist, wie ich sie mir nicht wünsche. Ich weiss nur, dass sich kein Mensch eine solche Welt wünschen würde. Es gibt einige, die diese Welt hier so geschaffen haben, es gibt andere, die dem Schaffen nichts entgegensetzten und die, welche sie schlicht erdulden. Alle haben sie Gründe. Ich kann mir die meisten wohl denken, verstehe sie rational, kann sie emotional nicht nachvollziehen und schon gar nicht teilen.

Wir sitzen also in dieser Welt. Alle. Statt dass sich die, welche sie so nicht haben wollen, zusammentun und gemeinsam für eine bessere Welt einstehen, bekämpfen sie sich gegenseitig, weil jeder für sich die Wahrheit gefressen haben will. Jeder will dem anderen erklären, wieso nur seine eigene, als Absolutum gesetzte Welt als die einzig richtige Sicht gelten kann. Und jeder, der so handelt, tut eigentlich zwei Dinge: Er ist 1) genauso absolutistisch wie die, welche tun, was er eigentlich nicht gut findet, und er macht 2) das kaputt, was die einzige Chance dagegen wäre: eine geeinte Gruppe von Menschlichkeit.

So lange sich jeder selber profilieren will, so lange jeder denkt, noch ein bisschen mehr verstanden zu haben und dadurch alles definieren zu können, was das menschliche Leben betrifft, so lange wird es so weiter gehen. Und ja: Ich denke, wir kommen aus der Nummer nicht raus. Jede Theorie scheitert an der Variable Mensch, möge sie noch so gut sein (die Theorie, bei der Variable Mensch bin ich mir nicht mehr so sicher).

Ohne Worte

Ich wollte so viel sagen,
wollte all das Leid beklagen.
Ich wollte diese Welt bedauern,
und den ganzen Hass betrauern.
Allein: Es fehlten mir die Worte,
und viel mehr: Was wär’n die richt’gen Orte?

 

Sollt’ ich also schweigen?
Tun das nicht die Feigen?
Was aber wollt’ ich sagen?
Bleibt mir mehr als nur noch Fragen?
Was gilt denn nun?
Was ist zu tun?

 

Während alle rufen, alle schreien,
wer die Bösen in dem Spiel grad seien,
gehen mir die Worte aus,
merke ich, die Luft ist raus,
und so sitz ich hier und frage,
wen kümmert, was ich sage?

 

Das Leben wird wohl weiter gehen,
alles werd’ ich nie verstehen.
Was ich kann, ist zu versuchen,
nicht nur andere verfluchen,
sondern hier in meinem Leben,
das mir Möglichste zu geben.

Muss man alles sagen?

Internet ist die Welt, wo man anonym durch die Welten fliegt. Man kann sagen was man will, man sitzt bequem hinterm Bildschirm und niemand kann einem was. Menschen werden mutiger, sagen Dinge, die sie Aug in Auge nie sagen würden. Sie würden sich schämen. Es ist auch einfacher, jemanden anzugreifen, da dieser nicht zurückschlagen kann. Es ist auch einfacher, Gefühle zu zeigen – oder anzudeuten -, niemand schaut dir in die Augen, du verlierst das Gesicht nie, da du immer sagen kannst: All die Gefühle, all die Herzchen – das war nur Internetsprache, nicht ernst gemeint.

Da sitzt man also vor dem Bildschirm und tippt so vor sich hin. Teilt mit der Welt da draussen, die nun durch die Social Media Freunde und Follower wurden, Sorgen, Nöte und auch Freuden. Und man fragt sich vielleicht: Was an den Reaktionen ist echt? und: Was wäre noch da, wäre ich mal weg? Würde mich jemand vermissen? Würde jemand merken, dass von mir nichts mehr kommt, würde der eigene Platz nicht einfach durch einen der xxx Freunde ausgefüllt?

Das ist schlimm? Ich denke fast, es ist das kleinste Übel in den sozialen Medien. Was mir immer wieder auffällt und mehr als sauer aufstösst, sind Menschen, die meinen, sie müssen immer und überall ihre bösartigen, spöttischen und abwertenden Kommentare lassen. Kommen die nicht gut an, nennen sie es Humor und das entschuldigt ja alles. Humor muss man schliesslich haben und unter dem Deckmantel kann jede einzelne Bösartigkeit versteckt werden.

Darf man alles sagen? Wohl schon. Wir leben in einem Land mit freier Meinungsäusserung. Diese ist ein Grundrecht, ein wichtiges sogar. Nur: Muss man alles sagen? Muss man Dinge sagen, von denen man wissen kann, dass sie dem anderen wenn überhaupt etwas, nur Schmerz bringen? Es sei denn, er ist genügend abgehärtet. Aber: Ist das wirklich wünschenswert? Menschen, die abgehärtet sind gegen mögliche Angriffe, gegen jegliche Bösartigkeiten? Das wären dann die Menschen, die auch sonst die Herzen verschlossen haben, Gefühle hinter Mauern packen, um ja nirgends in Gefahr zu laufen, verletzt zu werden.

Wir züchten uns also unsere Welt voller Mauern, voller Schutzwällen. Und wir hören von vielen Seiten, dass wir das auch tun müssen, dass wir uns eine dicke Haut zulegen sollen, die Dinge nicht an uns herankommen lassen dürfen. Wie könnten andere sonst noch weiter unsensible Witze und abwertende Kommentare loslassen, wenn alle so empfindlich wären und sich alles zu Herzen nähmen? Oder: Machen die Witze und abwertenden Kommentare nur dann Spass, wenn sie den andern so richtig treffen? Was aber würde das dann über die Kommentierenden aussagen? Wohl wenig Gutes. Und genau das ist es, was mich an Facebook je länger je mehr stört. Vielleicht ist Facebook in dem Bereich aber einfach auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Spass um jeden Preis, so lange die anderen den Preis zahlen. Verletzte Gefühle nimmt man dabei in Kauf (noch mag ich nicht glauben, dass man es sogar darauf anlegt, auch wenn sich der Gedanke immer mehr festsetzt…). Ist das wirklich die Welt, in der wir leben wollen?

Mehr als ein Glimmstengel!

Helmut Schmidt ist tot. Gestorben mit 96 Jahren. Er war einer der ganz Grossen und einer der Guten. Das sieht man in der Betroffenheit, die sein Tod hervorruft. Alle schreiben, er sei ein Grosser, alle zollen ihm ihre Achtung. Man sieht eine grosse Achtung, eine grosse Betroffenheit. Aber…

Was überall überwiegt, sind Anspielungen aufs Rauchen. In gewissen Medien sieht man nur ein Rauchwölkchen neben den Daten, in anderen Karikaturen, in deren Mittelpunkt das Rauchen steht. Einige (die immer gleichen) Zitate liest man auch, aber auch hier überwiegen die, welche den Glimmstengel zum Thema haben.

HelmutSchmidtHelmut Schmidt war bekennender Raucher. Hat ihm sein Zigarettenkonsum den Ruhm und die Achtung eingebracht, die er hatte? Wohl kaum. Es waren seine politische und menschliche Haltung, es waren seine Grösse, sein Mut, sein Einsatz für das, was ihm gut und richtig erschien. Damit traf er die Menschen, damit überzeugte er sie. Dass er es aus eigener Überzeugung heraus tat und nicht aus purem Opportunismus (dazu hätte er andere Haltungen einnehmen müssen dann und wann), machte ihn zu einer Ausnahmeerscheinung im heutigen Politdschungel und zu einem Menschen, den man mit gutem Gewissen verehren konnte.

Dann stirbt dieser grossartige Mensch und ganz viele finden sich ach so witzig, ach so kreativ, ach so innovativ, die Zigarette in den Mittelpunkt zu stellen. War sie wirklich alles, was ihn ausmachte? Was bewegt Menschen, andere Menschen auf etwas zu reduzieren, das niemals massgeblich war für ihren Stellenwert in der Gesellschaft? Ist das nicht im Grunde eine Herabwürdigung? Worauf gründet das? Neid? Mir fiele nichts anderes ein. Schade! Aber begreiflich. Er war ein ganz Grosser. Einer, der mit klarem Verstand und gutem Herzen agierte. Möge er in Frieden ruhen.

Schule heute – eine Ode

Ich habe ab und an kritisch über Schulen geschrieben, das System hier hinterfragt und auch sonst den Finger drauf gehalten. Das soll aber nicht drüber hinwegtäuschen, dass ich weiss, dass wir hier unglaublich privilegiert sind. Unsere Kinder haben eine Schule und sie können hingehen. Sie haben die Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten. Vielleicht wissen sie es im jugendlichen Übermut nicht immer oder schätzen es gering, aber: Es ist viel mehr, als ganz viele Menschen auf dieser Welt haben.

Ich lebe in einer Schweizer Grossstadt, in einem Kreis mit vielen Ausländern. Wir hatten mit vielem zu kämpfen in der Schulzeit. Rassismus, Gewalt, Mobbing. Schulrückstände kriegte man gratis dazu. Trotzdem gibt es Menschen, die schon hier aufgewachsen sind, immer noch hier leben und heute ihre Kinder hier zur Schule schicken. Kann es so schlecht sein hier?

Wir haben hier keine heile Welt. Aber wir wissen es. Das ist oft mehr als die ganze Ignoranz möglicher Probleme. Man kann hier die Augen nicht verschliessen vor den potentiellen Schwierigkeiten und Brennpunkten, denn sie sind da. Und weil man das weiss, hat man sich drauf eingestellt. Und das ist grossartig.

Hier rutscht nichts einfach so durch, Probleme werden ernst genommen und Lösungen gesucht. Wir hatten in der Mittelstufe einige Probleme, sie wurden erkannt und gelöst. Die Oberstufe ist ein Lichtblick. Nicht alle Regeln sind immer schlüssig und toll, aber: Es gibt Regeln und es gibt Menschen, die sich Gedanken machen. Die Situation der Schulen ist nicht leicht heute. Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe nicht mehr ernst, sind aber schnell dabei, Mängel in der Schule zu finden – und gar mit Anwalt anzuklagen. Als Lehrer und als Schule muss man sich absichern. Um ja keine Angriffsfläche zu bieten. Damit gerät man ein wenig in die Situation der Pharmaunternehmen, die jede – wenn auch unwahrscheinliche, aber doch mögliche – Nebenwirkung auflisten müssen, um ja nicht angreifbar zu sein. So ungeniessbar auf diese Weise Medikamente sind, so unübersichtlich werden Schulordnungen. Aufgeblasen durch all die Möglichkeiten.

Wir können noch so viel hinterfragen und unsinnig finden: Die Zeit ist, wie sie ist. Von jetzt auf gleich werden wir sie nicht ändern. So bleibe ich dankbar für die Schule, die mein Sohn besucht, weil da Lehrer sind, die sich kümmern, die Probleme erkennen, die reagieren. Ich mag nicht jede Regel gut finden, aber ich weiss: Es ist ein Privileg. Mein Kind hat eine gute Schule, hat gute Lehrer, kann sich entfalten und geht seinen Weg. Und das sollte auch mal gesagt sein.

Werbung oder: Der Fluch der Adjektive

AuftrittEs war Samstag. Wie jeden Samstag führte mich mein Weg zum Samstagseinkauf. Quer durch die Randgebiete Zürichs hin zum anvisierten Laden. Da der Hund auch Auslauf braucht, fuhr ich nicht, ich ging. Beim Gehen sieht man mehr als beim Fahren. Drum erlaufe ich mir Orte gerne. Sie wirken ganz anders. Es war also Samstag, ich erging meinen üblichen Samstagsweg. Und da sah ich es. Das Plakat. Und ich las, was drauf stand, da ich alles lese, was sich mir in Buchstaben darbietet.

Mit einem persönlichen Auftritt von Michael Flatley.

Zuerst dachte ich mir wenig. Dann stutzte ich. Und ich fragte mich: Wenn er auftritt, dann ist er ja da. So quasi persönlich. Wenn also hier ein „persönlicher Auftritt“ angekündigt ist, wie sähe dann ein unpersönlicher Auftritt auf? Gibt es das? Oder war hier mal wieder ein übereifriger Werbetexter am Werk, der ganz cool alle Adjektive in die Manege warf, die ihm grad in den Sinn kamen?

Ich tendiere, nach reiflicher, ganz tiefgehender, ultimativ substantieller, alles durchdringender Überlegung zur Variante mit dem Werbetexter. Ich find die Werbung aber nicht cool.

Rezension des Films: Mut zum Leben

Sie haben das wohl Schlimmste gesehen, was ein Mensch sehen kann. Sie sahen es nicht nur, sie erlebten es: Auschwitz. Ein Name, der bekannt ist, der für Leid steht, für Gräueltaten, für ein Verbrechen an der Menschheit, an der Menschlichkeit und an vielen Millionen Menschen.

 Damit so etwas nie mehr passieren kann. Darum mache ich das hier ja. Darum erzähle ich meine Geschichte. (Esther Bejarano)

Esther Bejarano, Yehuda Bacon, Éva Pusztai und Greta Klingsberg haben überlebt, was ganz vielen Menschen der sichere Tod war: Die Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs, die systematische Mordmaschinerie der Nazis. Überleben allein reichte aber nicht:

Überleben allein ist keine Leistung. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Alle oben genannten machen etwas: Sie leben ihr Leben, sie leben es bewusst und sie wollen zeigen, was war und was nie mehr sein darf. Dabei strahlt aus allen eine unglaubliche Wärme, eine unglaubliche Lebenslust, viel Witz, Kraft und Mut. Der Film bewegt, er zieht einen hinein und er lässt einen nachdenklich zurück, denn: Man ist konfrontiert mit einer Zeit, die so schwarz war, dass man sie sich kaum vorstellen kann, geschweige denn will. Und doch muss man immer wieder hinschauen, darf nicht vergessen, weil: Die Geschichte lehrt nur, wenn man aus ihr lernt. Und dazu muss sie erinnert sein.

Gerade in einer Zeit, in welcher der Rutsch nach rechts eine traurige Realität ist, sollte dieser Film zur Pflicht werden. Menschen, die den Holocaust leugnen, sollten diese Menschen erleben und dann noch auf ihrer „Meinung“ (in Anführungszeichen, denn eine Völkermordleugnung ist NIE eine Meinung, es ist IMMER eine Lüge!) bestehen können… das kann nicht gehen.

Der Film thematisiert alles, was wichtig ist: Solidarität, Menschlichkeit, Würde, Empathie. Er zeigt an Menschen, wozu Menschen fähig sind. Und er zeigt: Das Leben ist kostbar, aber man muss etwas daraus machen. Und: Man muss für seine Überzeugung einstehen. Man darf menschenfeindlichen Tendenzen keine Macht geben.

Fazit
Ein wunderbarer Film, der an Kraft, Mut, Inhalt, Gefühl kaum zu überbieten ist. Er ist nicht empfehlenswert, er ist ein Muss!

Produktinformation
MutZumLebenDarsteller: Esther Bejarano, Yehuda Bacon, Éva Pusztai-Fahidi, Great Klingsberg
Regisseure: Thomas Gonschior, Christa Spannbauer
Studio: absolut Medien GmbH
Erscheinungstermin: 14. Juni 2013
ASIN: 3848840081

Zu erwerben bei AMAZON.DE

Noch mehr Fragen – noch mehr Antworten

Das scheint ein neuer Boom zu sein…. Nachdem Stefan Mesch kürzlich Fragen stellte, klaute Chris Popp die Idee und stellte auf seinem Blog noch mehr Fragen. Kratzige, unbequeme Fragen seien es. ich war natürlich wieder gespannt und habe mich daran versucht. Hier das Ergebnis:

Runde 1 – Gemischte Fragen an Blogger, Redakteure und mehr (softcore und medium):

Welche Daseinsberechtigung hat Dein Blog?

Die Berechtigung ergibt sich aus meinem Wunsch, fast schon Drang, zu schreiben, und sicher auch daraus, dass der eine oder andere das lesen mag, was ich schreibe. Ich behandle auf meinem Blog nicht nur Bücher, sondern auch Themen. Themen, die mir am Herzen liegen, Themen, von denen ich denke, sie sind wichtig, dass man sich dafür einsetzt.

Der Blog oder das Blog?

Nach Dr. Duden darf man ja beides, für mich ist es „der Blog“.

Einer Deiner Artikel wird von einem anderen Blogger oder beispielsweise einem Amazon-Rezensenten geklaut. Wie reagierst Du?

Ist mir schon passiert und es hat mich sehr geärgert. Auf Facebook wurden schon Bilder und auch Texte ohne Verweis auf meine Urheberschaft gepostet. Wenn ich es sehe, bitte ich um die Verlinkung. Frech finde ich es doch.

Dein Blog ist urplötzlich offline, nichts geht mehr. Wie reagierst Du dann?

Fluchen, schnauben, auf den Tisch hauen, weiter fluchen….und versuchen, das Problem zu beheben. Wohl mit noch mehr fluchen.

Du hast einen Gutschein erhalten, um 2.500 gleiche Artikel Deiner Wahl mit dem Logo Deines Blogs als Werbeartikel anfertigen zu lassen. Allerdings sind Flyer, Lesezeichen, T-Shirts und Kugelschreiber tabu. Welchen Artikel würdest Du auswählen?

Ich würde ein Notizbuch wählen. Die kann dann jeder mit eigenen Gedanken füllen und sich so seine Denkzeiten nehmen.

Nenne zwei Bücher und Deinen persönlichen perfekten Soundtrack dazu.

„Der Zauberberg“ von Thomas Mann. Der Soundtrack dazu wäre „Bolero“ von Ravel. Wieso? ich liebe ja Thomas Mann, aber die ewigen Dialoge zwischen Naphta und Settembrini nahmen irgendwie kein Ende, strapazierten ab und an meine Geduld und ich hätte mir gewünscht, sie wären etwas kürzer und weniger. Trotzdem liebte ich das Buch. Beim Bolero ist es das gleiche: Ich mag das Stück, immer kommt noch ein Instrument dazu und mit der Zeit habe ich immer das Gefühl: Es ist nun gut, es reicht… und dann kommt noch eines.

Damit niemand findet, es reiche nun, nicht noch eines, belasse ich es bei diesem einen Buch mit Soundtrack 😉

Schreibst Du Deine Rezensionen handschriftlich vor?

Nein, ich tippe drei drauf los und meist in einem Guss.

Verunstaltest Du Bücher für deine Schreibarbeit mit Knicken, Markierungen etc. oder behandelst Du sie eher wie ein rohes Ei?

Ich kritzel und markiere ständig, ja, Knicken geht aber gar nicht. Ich weiss, dass das seltsam anmutet, aber he: Ich sagte nie, dass ich keine seltsamen Angewohnheiten habe.

Wenn Du eine Schreibblockade hast – wie gehst Du vor, um diese zu überwinden?

Kenne ich eigentlich kaum. Sicher gibt es Zeiten, in denen das Schreiben leichter fliesst, aber grundsätzlich schreibe ich ständig und habe viel mehr Themen und Ideen im Kopf, als Zeit, sie niederzuschreiben. Wenn es doch mal nicht fliesst, warte ich, bis es wieder fliesst.

Schreibe ein kleines Gedicht (mindestens Vierzeiler) über Dein(en) Blog.

 Denken
Gedanken fliessen
ständig
spiralförmig
ohne Unterhalt
von einem
zum andern
wie ein springender Brunnen
sprudelnd
schäumend
in sich versinkend.
(S.M.)

Du liest in einer anderen Rezension absoluten (tatsächlichen!) Unfug – sie quillt über vor inhaltlichen Fehlern. Wie reagierst Du? Kommentierst Du? Schreibst Du den Verfasser an? Oder hältst Du die Finger still?

Wenn ich nicht gefragt werde, bin ich grundsätzlich eher still. Es sei denn, es geht um ein Thema, das mir wichtig ist, wie zum Beispiel der Kampf gegen Rechts, Diskriminierung, Rassismus und ähnliches. Da werde ich nie still sein, sondern meine Meinung sagen. Immer und immer wieder.

Hast Du schon mal eine Idee von anderen Bloggern geklaut?

Nein. Ich bin schon froh, wenn ich meine eigenen Ideen umsetzen kann 😉

Hast Du Dich schon mal einer Formulierung in einer anderen Rezension bedient, die Du gerne so ähnlich auch in einem Deiner Texte haben wolltest?

Nein. Ich formuliere selber. Immer.

Das exotischste Buch in Deiner Sammlung ist:

Das sage ich lieber nicht, denn sonst wird dieser Beitrag wieder der meist besuchte. Das war nämlich der Beitrag über das Buch, das ich im Kopf habe, auch… peinlich, peinlich 😉

Runde 2 – Gemischte Fragen an Blogger, Redakteure und mehr (medium+ und hardcore):

Stell Dir vor, man böte Dir an, Dein(en) Blog oder zumindest Deine Internetadresse für einen ordentlichen Batzen Geld zu verkaufen. Was würdest Du tun?

Das ist natürlich schwer zu sagen. Ich finde es schade, dass Blogs häufig Fronarbeit sind, da doch viel Energie, Zeit und Herzblut drinsteckt. Geld, ihn weiterzubetreiben, würde ich wohl nehmen, ihn verkaufen? Nein. Es ist mein Blog, mein Herz hängt dran, meine Seele drin. Klingt pathetisch, ist aber so.

Geld verdienen mit Deinem Blog – wie weit würdest Du gehen?

Nur soweit, dass ich nicht Herz und Seele verkaufen muss. Ich würde auch gegen keine meiner Grundsätze verstossen.

Hast Du schon mal heimlich ein Buch gelesen/einen Film gesehen/eine Serie geschaut, obwohl Du eigentlich sagtest: „Den Mist? Never ever!“?

Nein, ich stehe zu dem, was ich tue. Immer.

Liest Du Dich selbst gern?

Ich lese mich höchst selten, quasi nie.

Man lobt Dich für einen Deiner Beiträge oder gar für Dein ganzes Blog total in den Himmel. Wie gehst Du mit diesem Lob um?

Ich würde wohl hinterfragen, wieso….

Man attestiert Dir aufgrund einer Kritik keine Ahnung. Wie reagierst Du auf so etwas?

Ich würde gerne gelassen reagieren, da ich von mir weiss, dass ich nie über etwas schreibe, von dem ich keine Ahnung habe. Ich habe nicht umsonst Philosophie studiert, ich gehe den Dingen gerne auf den Grund.

Man wirft dir als Blogger/Journalist vor, Du übtest Deine Arbeit nur aus, um so möglichst viele Rezensionsexemplare abzugreifen. Wie begegnest Du diesem Vorwurf?

Ich kaufe mir ganz viele Bücher selber. Meine Bücherwände zeugen davon. Da ich langsam keinen Platz mehr habe, greift das Argument gar nicht, denn es wird hier enger und enger 😉

Ein Autor oder Verlag verlangt von Dir, Deine Rezension abzuändern oder gar zu löschen. Wie wirst Du handeln? Oder ist Dir das gar passiert? Falls ja: Wie hast Du gehandelt?

Inhaltlich oder von der Wertung her würde ich nie ändern. Wenn ich die Änderung vertreten kann, würde ich es tun. Löschen? Käme drauf an, wieso.

Der Autor/Verlag droht mit einer Klage, wenn Du die Rezension nicht abänderst/löschst. Und nun?

Da sehe ich keine rechtliche Grundlage, insofern ist die Frage müssig.

Hast Du bei Rezensionen schon mal geschummelt (beispielsweise das Buch nicht zu Ende gelesen und trotzdem eine vollständige Rezension geschrieben)?

Wenn, schreibe ich, dass ich es nicht fertig las. Habe ich auch einmal gemacht.

Sind Zugriffszahlen/Like-Zahlen und Followerzahlen wichtig für Dich? Wie wirken sie sich hinsichtlich Motivation aus?

Ich freue mich über Reaktionen, über Diskussionen, über andere Meinungen. Motivation zu schreiben brauche ich nicht, aber es ist eine Bestätigung. Und ich bin dankbar für meine aktive Leserschaft.

Liest Du auf dem Klo?

Ich lese fast überall. Mal Bücher, mal auf dem Handy, mal Zeitschriften.

Runde 3 – Zur Entspannung. Du als Konsument (softcore und seicht):

Gab es schon mal einen Protagonisten in einem Buch oder eine Figur in einem Film oder einer Serie, und Du dachtest: Verflucht, kennt der Autor mich?

Ich habe sicher schon Gedankengänge wiedererkannt, Reaktionsmuster, aber mich so ganz? Ich glaube nicht – oder hätte es vergessen.

Stell dir vor, Du könntest die Protagonisten oder beliebige andere Figuren aus zwei Büchern/Filmen/Serien miteinander vertauschen. Wen und warum?

Ich halte wenig vom Umdichten schon geschriebener Texte. Wenn ich eine eigene Geschichte mit meiner eigenen Protagonistenliste haben möchte, würde ich sie selber schreiben.

Welches ist Dein peinlichstes Lieblingsbuch/Dein peinlichster Lieblingsfilm/Deine peinlichste Lieblingsserie?

Mir ist wenig peinlich.

Welches war das frustrierendste Buchende/Filmende/Serienfinale für Dich? Wie hätte es ausgehen sollen? Warnung an die Leser der Antworten: Spoileralarm!

House of Cards. Das war für mich so nicht fertig. Ich hoffe, da kommt noch was.

Wenn Dein Leben oder Deine persönliche momentane Situation als Buch oder Film veröffentlicht würden: Wie hieße das Buch/der Film?

Immer weiter

Welches Buch/welcher Film/welche Serie hat Dich derart beschäftigt und aufgewühlt, dass Du tagelang an kaum etwas anderes denken konntest?

All die Filme und Bücher, die ich über oder von Auschwitz-Überlebenden handelten. Ich habe das Thema seit Jahren erfoscht und werde dies sicher weiter tun. Das Thema kann einen nicht loslassen, es darf einen auch nicht loslassen. Einfach darum, weil dies nie mehr passieren darf.

Hast Du schon einmal einer Figur aus einem Buch, einem Film oder einer Serie nachgeeifert? Oder wurdest Du hierdurch zu einer Handlung/Tat inspiriert?

Nein

Runde 4 – Drei Dinge, die…

…das Schreiben schreibenswert machen: Das Schreiben selber.

…Dir bei manch anderem Blog mächtig auf die Nerven gehen: Ich lese keine Blogs, die mir auf die Nerven gehen

…Du Dir bei deinem eigenen Blog schon ewig vorgenommen, aber noch nicht verwirklicht hast: Wenn ich mir was vornehme, setze ich es um.

…Dir das Lesen spontan madig machen: Zu viele nicht lesenswerte Bücher

…Du gerne als Ausrede nutzt, nur um mehr Zeit zum Lesen zu haben: Wenn ich lesen will, lese ich.

…nicht so wichtig sind wie dein Blog: Das ist schwer zu sagen.

…Dir definitiv wichtiger sind als dein Blog: Vieles ist nicht so wichtig wie mein Blog. Das liegt in der Natur der Sache und soll auch so sein.

 Irgendwie scheine ich nie dre Dinge zu haben….

Runde 5 – ein paar Sätze zum Vervollständigen:

Amazon ist…ein Grosskonzern – mit allen positiven und negativen Seiten, die solche haben.

In meinem Wohnort… wohne ich sehr gerne

Ein Autor schreibt Bücher, weil… er schreiben will und teilweise auch muss

Marcel Reich-Ranicki fand ich…bewundernswert, eindrücklich, spannend, inspirierend.

Hysterisierung und Pathetisierung in der Literatur…mag ich nicht

Was ich im Literatur-/Film-/Serienbusiness niemals verstehen werde, ist…Wenn ich es nicht verstehe, versuche ich es zu ergründen. Wenn ich es verstehe, muss ich es aber nicht zwingend gvutheissen.

Wenn ich die Bibliographie eines bestimmten Autoren/einer bestimmten Autorin einfach auslöschen könnte, dann die von _________, weil __________. Das ginge in Richtung Bücherverbrennung. Davon halte ich wenig bis gar nichts. Ich muss nicht alles mögen, trotzdem hat es seine Daseinsberechtigung.

Ich würde unheimlich gern eine Literatur-Diskussionsrunde mit folgenden Personen sehen: Marcel Reich-Ranicki und Helmut Karasek… leider geht das nicht mehr.

Wie kann man eigentlich nur solch ein Kultursnob sein wie _______! Mich interessieren Snobs nicht.

Ich fände es großartig, wenn _____ auf meinem Blog einen Gastbeitrag schreiben würde. Wer will, darf sich melden. Ich habe keine speziellen Wünsche, müsste aber sicher passen.

Ich würde ______ gerne mal fragen, ob _______ … Wen ich was fragen will, den frage ich – wenn ich ihn erreiche.

Ich würde ______ gerne mal sagen, dass _______ …Ich sage eigentlich immer, was ich sagen will.

Booktuber… Mag ich selten. Zu viel Geplauder, zu wenig Substanz. Das ist aber nur mein Geschmack.

Dieser Fragebogen… war weder kratzig noch gefährlich. Ist nun aber beantwortet 🙂

Wer bin ich und wieso blogge ich? 15 Fragen und Antworten – und mehr

Stefan Mesch rief auf seinem Blog andere Buchblogger dazu auf, Fragen zu beantworten. Da ich grundsätzlich neugierig bin, habe ich mich mal hingesetzt und mit dem Beantworten begonnen. Das kam dabei raus:

01 Das Lieblingsbuch meiner Mutter:

Meine Mutter las keine Bücher, ging aber jede Woche mit mir in die Bibliothek – so hat sie mich quasi in die Sucht getrieben.

02 Das Lieblingsbuch meines Vaters:

Mein Vater las Zeitungen, jede, die er in die Hände kriegte. Bücher las auch er kaum. Er hatte aber eine ganze Reihe grüner Bücher (wir nannten sie nur die grünen Bücher) im Regal stehen mit dem Titel „Die Kulturgeschichte der Menschheit“. So lange ich denken kann, sagte er, dass er die dann mal lesen wolle, wenn er pensioniert sei. Das ist er nun seit bald 20 Jahren, gelesen hat er sie noch immer nicht (was ich nicht anders erwartet hatte 😉 ). Noch immer liebt er aber Zeitungen und Nachrichten, ist der wohl informierteste Mensch, den ich kenne, wenn es um das aktuelle Geschehen auf der Welt geht.

03 Ich führe einen typischen Buchblog, weil…

(Ok, typisch ist er wohl nicht, aber trotzdem:) Weil ich Bücher liebe, diese Liebe gerne teile und mich immer wieder freue, wenn ich jemandem ein Buch schmackhaft machen konnte, das ihm dann wunderbare Momente beschert, wie es diese mir beschert hat.

04 Ich bin anders als die Blogs, die ich gern lese, weil…

Ich vergleiche mich nicht mit anderen Blogs. Wieso sollte ich? Ich mache meinen, andere ihren. Mein Blog ist allerdings kein reiner Buchblog, ich schreibe da auch über andere Dinge wie das aktuelle Geschehen, wenn es mich beschäftigt, tagesaktuelle Geschehnisse, philosophische Denkakrobatik und anderes mehr.

05 Am Bloggen überrascht mich / beim Bloggen habe ich gelernt, dass…

Überraschen tut mich wenig, erfreuen tut es mich aber immer wieder, wenn ich mit einem Blogartikel etwas auslöse, auf Feedback stosse.

06 Helfen Amazon-Rezensionen? Wobei? Wie?

Bei Büchern mir wenig, bei anderen Artikeln schaue ich schon dann und wann, was andere dazu sagen (z. B. die Qualität von Malstiften, Häkelnadeln, Garn, etc. )

07 Hilft Literaturkritik in Zeitungen und Magazinen? Wobei? Wie?

Ich denke, grundsätzlich kann sie Anhaltspunkte dazu geben, was einem bei einem Buch erwartet. Dadurch kann man entscheiden, ob das Buch einem liegen könnte oder nicht.

08 Helfen Blogs? Wobei? Wie? Wem?

Dasselbe wie bei 07

09 Wahr oder falsch: “Ich blogge vor allem, weil ich mich über Bücher austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”

Das ist sicher ein Teil. Ein anderer ist wirklich, dass ich anderen Hinweise zu Büchern geben möchte, die ihnen Spass machen könnten.

10 Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen und Bewerten:

Es gibt eigentlich beim Lesen nur ein Kriterium: Es gefällt mir oder es gefällt mir nicht. Meine Zeit ist mir zu schade, Dinge zu lesen, die mir nicht gefallen. Da ist mir egal, ob es ein grosser Name geschrieben hat oder nicht. Was mich nicht anspricht, wird weggelegt.

11 Wer liest mich? Habe ich eine Zielgruppe?

Schwer zu sagen. Wohl Menschen, die sich für Literatur, Philosophie und das alltägliche Leben interessieren.

12 Habe ich Vorbilder?

Nein. Ich hatte nie Vorbilder oder Idole. Verehrte auch nie Schriftsteller oder Stars. Ich achte die Arbeit, das Können, finde die Menschen vielleicht spannend, aber: Kein Vorbild.

13 Welche Ratschläge würde ich meinem früheren Lese-Ich geben? Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?

Schwer zu sagen. Grundsätzlich wähle ich nach Thema aus. Ganz selten nach Autor. Wenn mich ein Buch von einem Autoren begeisterte, ist die Chance gut, dass ich das nächste lesen werde. Bei beiden Kriterien kann es doch sein, dass die Umsetzung im aktuellen Buch mir nicht entspricht. Das ist der Vorteil bei der Buchhandlung vor Ort: Man kann die erste Seite anlesen. Oft weiss ich schon recht schnell, ob mir ein Buch entspricht oder nicht.

14 “Verlage brauchen mich für PR. Sie brauchen mich mehr, als ich sie brauche” …oder “Toll! Autoren und Presseabteilungen suchen Kontakt und bieten mir Bücher an. Was für ein Glück!” Was überwiegt?

Ich denke nicht in solchen Kategorien. Ich freue mich, wenn ich einen guten Kontakt habe zu den Verlagen.

15 Was soll sich tun in meinem Blog und in meinem Leser-/Schreiber-Leben in den nächsten fünf Jahren:

Das plane ich nicht. Die Zeit wird’s zeigen, wo es hingeht. Auf alle Fälle immer weiter.

Und weil es so schön war, geht es gleich weiter mit einem Bonus:

 Empfehlungen:

Ein Buch, das fast niemand mag – aber das ich liebe:

Alles von Thomas Mann… weil ich ihn halt mag.

Ein Buch, das fast alle mögen – aber das mich wütend oder ratlos macht:

Da fällt mir gar nix ein

Ein Buch, das ich bekannter gemacht habe:

So wichtig bin ich nicht.

Ein Buch, vor dem ich oft und gern warne:

Auch da muss ich passen

Ein schlechtes Buch, das ich gut fand:

Ein Buch, das ich schlecht finde, kann ich nicht gut finde. Wenn ein anderes es gut findet, ist es für den gut, auch nicht schlecht.

Ein gutes Buch, das ich schlecht fand:

Das Ganze andersrum.

Ein Geheimtipp, der bisher in Blogs noch kaum besprochen wurde:

Keine Ahnung… ich überlege langsam, die Empfehlungen zu streichen, denn irgendwie kann ich dazu nix sagen.

Ein Buch, das viel zu oft überall besprochen wurde:

Shades of Grey – HA! Endlich eine Antwort.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:

Oh, ich denke, die meisten Bücher wurden von jemandem geschrieben, der ganz anders ist als ich, und sie handeln auch von jemandem, der anders ist als ich. Sonst könnte ich ja ständig mein eigenes Tagebuch lesen.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders denkt als ich selbst:

Ich denke, also bin ich – insofern wäre das quasi die gleiche Frage.

Ein Buch, von dessen Gestaltung/Cover/Design sich Verlage eine Scheibe abschneiden könnten:

Mir gefallen Die Bücher des Verlags Hermann Schmidt  sehr gut. Zum Beispiel Felix Scheinbergers Mut zum Skizzenbuch.

Das netteste Presseteam / die schönste Erfahrung mit einem Verlag:

Da möchte ich keine Hierarchie erstellen.

Autor*innen, die tolle Inhalte auf Facebook und Twitter posten:

Ich mag Zoë Beck sehr. Es ist eine schöne Mischung aus Informativem, Persönlichem und natürlich Oscar und Mieps.

Mein(e) Lieblingskritiker*in/Journalist*in:

Marcel Reich-Ranicki und Helmut Karasek – das waren sie.

Ein toller Text/Beitrag aus einem Verlagsblog:

Da muss ich passen

Ein Lieblings-Blogbeitrag (kein ganzer Blog):

Auch da passe ich

Ein Blogbeitrag von mir selbst, auf den ich stolz bin:

Och, oft den aktuellsten.

Mein erfolgreichster Text/Beitrag:

Dazu müsste ich die Statistik lesen.

Ein Text/Beitrag von mir, der wenig Beachtung fand, aber mehr Beachtung verdient:

Ich möchte meinen Lesern nicht sagen, was sie beachten sollen. Ich bin froh, wenn sie lesen, was sie interessiert. Tue ich selber ja auch.

Eine Frage, die diesem Fragebogen fehlt:

Ich konnte doch schon die kaum beantworten 🙂

 Und zum Vervollständigen:

“Das neue literarische Quartett…”

Ich mag keine Remakes und Kopien. Wenn eine Literatursendung, dann eine neue. Alles andere wird eh zu nichts führen.

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