Wer bin ich?

Wenn mich jemand fragt, wer ich bin, liegt die Antwort meist auf der Hand. Es ist nicht immer die gleiche, sie passt sich ein wenig dem Fragenden und seiner Intention an, aber doch: Ich bin…

  • Sandra
  • Philosophin
  • Malerin
  • Zeichnerin
  • Mutter
  • Frau
  • Schweizerin
  • Schreibende
  • Fotografin
  • Liebende
  • ….

und vieles mehr. Und nein, die Reihenfolge ist keine Rangliste, sie ist rein beliebig.

Doch: Stimmt das? Was ist es, was ich preisgebe, wenn ich sage, wer ich bin? Und was verdecke ich? Würde ich alles sagen oder gibt es Tabus? Ist eine Beschreibung überhaupt ausreichend oder reicht das, was ich bin, nicht über alle Worte hinaus? Und wenn nicht, hätte das Gegenüber Zeit, all die Worte, die ich zu sagen hätte, anzuhören? Interessieren sie überhaupt?

Wer bin ich? Oft hilft es einem selber, sich in Schubladen zu sehen, da diese auch gefordert sind. Wohin man auch kommt, gibt es Formulare, in denen man ausfüllen muss, wer man ist – vieles vom oben Genannten kommt da vor. Nur: Bin ich das wirklich? Nur eines? Die Kombination?

Schubladen sind hilfreich, aber sie sind auch einengend. Wenn ich mich für eine entscheide, passe ich in die anderen nicht mehr rein. Und: In einer sitzend, lässt es sich oft schlecht rausschauen, was es noch alles gäbe. Und oft versagt man sich das andere bewusst, da es in der Schublade so komfortabel ist, das Draussen Gefahren bieten könnte.

Aber: Im Wissen, dass die Frage kommt, suche ich immer wieder nach Schubladen. Und keine passt auf Dauer. Weil eine einzige schlicht zu wenig ist. Denn: ich bin nicht nur eines, ich bin ganz viel. Und all die Facetten gehören zu mir – die hellen und dunkeln, die griffigen und die schwammigen, die emotionalen und die sachlichen, die genehmen und die unangenehmen. Ich bin ich. Schlussendlich. Mit allem, was dazu gehört.

Nur schon das zu sehen, ist nicht immer einfach. Es zu leben erfordert oft auch Mut. Zu sagen: Ich bin ich und eben keine einzelne Schublade, kann auf Unverständnis treffen. Die Angst, nicht akzeptiert zu sein, wenn man nicht in der richtigen Schublade sitzt, lässt oft zurückschrecken, verdecken, verstecken. Und gerade damit wohl auch anecken – wenn ich sofort bei anderen, so doch irgendwann bei einem selber. Und dann bald auch bei anderen. Weil man selten auf Dauer Teile versteckt. Und Verstecktes oft irgendwann, ganz unvermittelt, in ungemeiner Wucht ans Licht tritt.

Ich bin ich. Und ich bin viel. Und das ist gut so.

Musik

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ (Victor Hugo)

Musik war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Wenn es mir nicht gut geht, hörte ich Musik und fühle mich irgendwie gehalten, oft hilft die Musik auch, dass ich mich bald wieder besser fühle. Geht es mir gut, verstärkte die Musik das Gefühl noch. Ich habe auch viele Lieder, die ich mit (immer schönen) Erinnerungen verbinde. Läuft ein solches, kommt gleich auch die Erinnerung und damit das gute Gefühl von damals hoch.

Es gibt Musik, bei der ich genau weiss, dass ich gute Laune kriege, wenn ich sie höre, Musik, die mir beim Träumen hilft, Musik, die schöne Momente noch untermalt. Nun habe ich neu begonnen, Gitarre zu spielen. Und auch wenn ich nur ein paar Akkorde kann aktuell, tut mir das Spielen gut, bringt es mich in eine andere Welt. Vor allem, wenn meine Welt mal nicht so hell erscheint, hilft die Musik, wieder ein wenig Sonne hereinzubringen.

Probiere es mal aus: Wenn du traurig oder wütend bist, schlechte Laune hast – höre ein Lied, von dem du weißt, dass es dich fröhlich macht, zu dem du am liebsten tanzen würdest. Und dann singe und tanze. Und spüre, was mit dir passiert.

Distanz gewinnen

Überlaß es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuch’s nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.
Am ersten Tag wirst du feige dich schelten,
Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du’s überwunden,
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

Theodor Fontane

Ab und an ist es sinnvoll, die Dinge einfach ruhen zu lassen. Wenn wir direkt reagieren, geschieht das häufig aus einem Affekt heraus, es ist unüberlegt und oft unangemessen, da nicht aufgrund der aktuellen Situation sondern aus alten Prägungen und Mustern heraus.

Innezuhalten und alles setzen zu lassen, hilft einerseits, die aktuelle Situation richtig einzuschätzen und eine mögliche Reaktion bewusst zu wählen, andererseits merken wir aus der Distanz oft, dass sich die Angelegenheit für uns erledigt hat, wir gar nichts mehr zu tun brauchen.

Kreativität

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ (Nietzsche, Also sprach Zarathustra)

Vieles im Leben haben wir nicht im Griff, wir können es schlicht nicht kontrollieren. Das Wetter, Krankheiten, Begegnungen, Todesfälle – alles kommt von aussen auf uns zu und wir können nur damit leben – auf die bestmögliche Weise. Bei all den Unsicherheiten im Aussen suchen wir nach Sicherheit, nach einem Halt, versuchen, unter Kontrolle zu haben, was sich in diese bringen lässt. Nur:

Die (vermeintliche) Kontrolle ist nicht nur oft eine Illusion, sie ist auch der Tod der Kreativität. Wo wir nur noch in vorgefertigten Schemen denken, wo wir nur noch auf vorgfertigen Pfaden gehen, wo wir alles akkurat nach Vorgabe, Regel und Vorschrift abhandeln und uns von starren Prinzipien leiten lassen, entsteht nichts Neues. Das Leben hört auf Spiel zu sein und es werden ganz sicher keine tanzenden Sterne geboren. Und:

Wirkliche Sicherheit finden wir auch so nicht. Ist der Preis unsere Kontroll- und Sicherheitsdenken also nicht zu hoch? Wieso nicht einfach mal loslassen, geschehen lassen, chaotisch und frisch denken und fühlen und handeln? Und Sterne gebären, um mit ihnen zu tanzen.

Urteile – Unding oder Lebensding?

Heute las ich auf einem Blog (lieben Dank für den Denkanstoss – ein Blog, den ich übrigens sehr mag) ein Zitat:

„Denken ist schwer, deshalb urteilen die Meisten.“ (C. G. Jung)

Begleitet wurde das Zitat durch eine Zeichnung.

Meine Gedanken dazu waren:

Es ist schwer, darauf zu reagieren. Alles, was ich zum Zitat oder Bild sagen könnte, wäre ein Urteil. Zumindest eine Interpretation oder eine eigene Sicht auf das Ganze, was doch wiederum im landläufigen Sinne einem Urteil gleich kommen könnte.

Ich kenne das „nicht Urteilen“ aus der östlichen Philosophie (Jung hat sie wohl auch von ebenda). ich frage mich oft, wie lebensnah die Forderung ist? Helfen Urteile nicht oft auch, uns in einer dem Leben angemessene Zeit auf dieses zu reagieren und darin zu bestehen?

Aber ja, oft sind sie auch da, ohne dass wir wissen, woher sie kommen. Und hindern uns dann am Sein im Hier und Jetzt? Bringen uns gar zu oft in Situationen, in welchen wir uns nicht sehen wollten, weil wir aufgrund von Impulsen und aus denen resultierenden Urteilen reagierten, ohne wirklich hinzuschauen?

Deswegen aber Urteile ganz vermeiden? Wäre nicht das Bewusstsein, wo wir aufgrund welcher Gründe urteilen, ein anzustrebendes Ziel, statt Urteile per se einen negativen Touch zu geben?

Zudem: Ist ein Urteil immer frei von Denken? Sind Urteilen und Denken Gegensätze?

Lebe, liebe, lache

„Live, Love, Laugh.“ (Osho)

Wie oft sagst du im Leben, dass du etwas gerne tun würdest, leider keine Zeit dafür hast? Wie oft schiebst du Herzenswünsche vor dir her, weil du sie dir irgendwann später erfüllen möchtest? Wie oft vertröstest du liebe Menschen auf später, weil du im Moment einfach zu eingespannt bist?

Das Leben ist kurz und wir haben nur das eine. Wir sollten uns also gut überlegen, was wir mit der Zeit, die wir haben, anfangen. Das heisst nicht, dass wir alle Pflichten liegen lassen und fortan nur noch nach dem Lustprinzip leben sollen, aber es bedeutet, dass wir uns klar werden müssen, wo unsere wirklichen Prioritäten liegen und wie wir sie umsetzen können. Wie viel Unwichtiges tun wir tagtäglich, weil wir nicht nein sagen konnten, weil wir uns einfach treiben lassen, weil wir schlicht nicht hinsehen, was uns wirklich gut tut und am Herzen liegt?

Irgendwann gibt es kein später mehr – es wäre schade, wenn die Herzenswünsche unerfüllt mit uns aus dieser Welt gingen oder wir zu wenig Zeit mit geliebten Menschen verbracht haben, und es nun nicht mehr möglich ist.

Lebe, liebe, lache! Es ist dein Leben!

Leben und Lernen, oder: Ich bin gut

Klein Emma rennt über den Spielplatz, um möglichst schnell bei der Rutsche zu sein. Ihre Mutter ruft ihr nach: „Emma, pass auf, nicht dass du hinfällst.“

Schön, wie besorgt die Mutter um ihr Kind ist, nicht?

Später sitzen alle bei Tisch, Emma will sich selber aus der Salatschüssel schöpfen, es gelingt ihr auch teilweise, ein Teil des Salates landet im Teller, der Rest fällt in die Schüssel zurück. Der Vater nimmt ihr das Salatbesteck aus der Hand: „Warte, ich mach das für dich, das kannst du noch nicht. Sonst fällt noch was aufs Tischtuch.“

Schön, wie hilfsbereit der Vater ist, nicht?

Emma und ihr Freund fahren in die Stadt, finden nur einen Parkplatz zum Seitwärts-Parken. Emma: „Kannst du das für mich machen? Ich kann das nicht.“ Der Freund findet das selbstverständlich und parkt das Auto.

Schön, wenn man einen so hilfsbereiten Freund hat, nicht?

Besorgte Mütter und hilfsbereite Freunde sind wunderbar, es ist schön, wenn man Menschen im Leben hat, die für einen da sind. Das Wissen um solche Menschen gibt einem die nötige Sicherheit, das Gefühl der Verbundenheit auch, ohne das der Mensch nicht lebensfähig ist. Die drei hier erwähnten – durchaus sehr verkürzten – Beispiele zeigen aber noch mehr: Wir sehen nicht nur Hilfsbereitschaft, wir sehen auch Haltungen:

Die Mutter traut dem Kind nicht zu, unfallfrei zu rennen. Wenn sie nun bei jedem Spurt der kleinen Emma zur Vorsicht gemahnt, wird in Emma das Gefühl grösser, dass das Leben gefährlich ist und die eigenen Fähigkeiten nicht ausreichen. Das Gefühl der fehlenden Fähigkeiten verstärkt sich bei der Situation mit dem Salat noch. Hinzu kommt die Angst, einen Fehler zu machen. Diese beiden Situationen sind sicherlich nicht die einzigen im Leben der aufwachsenden Emma. Immer wieder wird sie Stimmen begegnen, die ihr sagen, was sie nicht kann, was nicht gut ist, wo sie sich verbessern müsste.

Gerade die Schule in ihrer heutigen Form ist sehr nach Leistung aus. Spätestens da wird Emma bewusst werden, dass es Normen gibt, in die sie passen muss. Tut sie das nicht, weil sie nicht die erwarteten Leistungen in der dafür vorgesehenen Zeit erbringt, wird sie bewertet, im schlimmsten Fall deklassiert.

All das hat eine Wirkung auf Emma. Es festigt in ihr ein Denken. Wenn sie nicht genügend anders geartete Stimmen hat, die an sie glauben, ihr Mut machen, sie bestärken, und wenn sie nicht genügend Resilienz besitzt, die abwertenden Stimmen im wahrsten Sinne des Wortes abprallen zu lassen, drüber zu stehen, mit gesundem Selbstbewusstsein weiter zu gehen, wird das Denken in etwa so lauten:

„Ich genüge nicht. Ich bin nicht gut genug.“

Dazu gesellen sich noch Gedanken, was sie alles nicht kann (oder nicht zu können glaubt). Und so wächst eine Emma heran, die sich (zu) wenig zutraut, die den Mut nicht hat, Dinge auch mal zu probieren, weil sie Angst hat, auf die Nase zu fallen, etwas zu riskieren, weil sie Angst hat, etwas falsch zu machen. Emma wird sicher immer wieder Menschen finden, die ihr helfen, aber sie selber wird dadurch nicht glücklich, weil sie durch diese Selbstzweifel immer wieder in der Erfahrung der Selbstwirksamkeit beschränkt ist. Es fehlt ihr die Freiheit, zu probieren, oft auch die Neugier zu lernen, weil sie von vornherein denkt, es sowieso nicht zu können.

Was also ist die Lösung? Nicht mehr helfen? Sollen alle auf die Nase fallen, denn nur aus Schaden wird man klug? Das wäre eine verheerende Schlussfolgerung. Wir alle sind auf Hilfe angewiesen in ganz vielen Punkten. Ohne gegenseitige Hilfestellungen wäre das Leben beschwerlich, wenn nicht gar unlebbar. Die Frage ist aber, wobei man hilft und auf welche Weise. Und noch zentraler ist die Frage: Aus welcher Haltung heraus helfe ich.

Wenn man als Helfer als grosser Könner dem kleinen Hilflosen zu Hilfe eilt, ist vielleicht das aktuelle Problem gelöst, aber ein grösseres nimmt seinen Anfang: eine Hierarchisierung von Menschen. Da gross, dort klein, hier Könner, da Taugenichts. Hilfe sollte immer auch Hilfe zur Selbsthilfe sein, und: Sie sollte von Mensch zu Mensch auf Augenhöhe passieren. Wenn einer dem anderen hilft, sind beide als Menschen gleichrangig. Sie treffen sich in einer Situation und sind da aufeinander angewiesen: Ohne Hilfesuchenden gibt es keinen Helfer. Und: In allen Situationen, in denen Menschen aufeinander treffen, nehmen immer beide etwas für sich mit.

Kein Kind wird ohne ein aufgeschlagenes Knie durch die Kindheit gehen. Als Eltern sind wir dazu angehalten, unsere Kinder vor Gefahren zu schützen. Nur: Wo keine anderen Gefahren als nur ein wenig Blut lauern, sollte das Kind durchaus seine eigenen Grenzen ausloten können dürfen. Wie schnell kann ich laufen, wie viel kann ich wagen? Und wenn es zu viel war, sollte nicht Tadel und Belehrung warten (das Kind hat durchaus selber gemerkt, dass es so auf die Nase gefallen ist), sondern Liebe und Aufmunterung. Ein Kind, das auch beim Hinfallen das Vertrauen spürt, das in seine Fähigkeiten gesetzt wird, wird wieder aufstehen und weiter laufen. Es wird sich gehalten, aber nicht getragen fühlen, denn es weiss, dass jemand da ist, es aber die eigenen Füsse brauchen darf und kann auf dem Weg durchs Leben.

Und so würde Emma beim ersten Autoausflug ihren Freund vielleicht bitten, von aussen zu signalieren, wie weit sie fahren kann, um es dann nach und nach selber abschätzen zu können. Weil sie weiss, dass sie sich helfen lassen darf, sie aber die Dinge selber lernen kann.

Immer, wenn in Zukunft das Gefühl aufkommt, dass man nicht genügt, könnte man sich fragen: Wem genüge ich nicht und wieso?

Wenn das Gefühl aufkommt, etwas nicht zu können, könnte man sich fragen: Wieso glaube ich das? Und: Wessen Stimme spricht da?

Schlussendlich ist jeder, wie er ist, und damit ist er gut. Das heisst nicht, dass man im Leben nichts dazu lernen kann, das kann man immer und tut man im Normalfall auch immer, denn leben heisst lernen – ein Leben lang. Wenn man etwas lernt, ist man nachher nicht besser, man ist immer noch gut. Wenn man nichts lernen will, könnte man sich fragen, wieso das so ist. Und vielleicht würde man nur schon durch die Frage etwas lernen. Auch das wäre gut.

Oasen der Freude

„Es gibt keine Zeit ohne Kummer und Leid. Es gibt aber auch Ecken, wo Freude und Glück sich verstecken.“ (Fred Ammon)

Als die Krankheit meines Vaters voranschritt und klar war, dass unsere gemeinsame Zeit absehbar wird, übermannte mich die Trauer und zog mich förmlich in ein tiefes Loch herab. Alles schien dunkel, alles schien hoffnungslos. In dieser Zeit schenkte mir ein Freund eine Tangostunde. Zwar war mir gar nicht nach Tanzen zumute (obwohl ich immer gerne getanzt hatte), aber ich nahm an. Und siehe da: Ich hatte zwei wundervolle Stunden, spürte meinen Körper und spürte, wie tief drin noch mehr war, als nur diese Trauer.

An dem Tag habe ich beschlossen, das Schöne und Gute des Lebens auch wieder sehen zu wollen – auch und gerade in düsteren Zeiten, denn: Es ist immer da und es gibt Kraft, den Rest zu tragen. Die Situation in meinem Leben hatte sich nicht verändert, aber mein Blick darauf. Ich habe gelernt, immer auch das Glück zu sehen, was half, gestärkt durch die letzten Monate mit meinem Papa zu gehen und Abschied zu nehmen.

Wenn das Dunkel überhand zu nehmen scheint, achte auf das Licht.

Das Leben hören

„Je leiser ich geworden bin, desto mehr konnte ich hören.“ (Ram Dass)

Zu Hause läuft das Radio, unterwegs sind Kopfhörer auf den Ohren. Wir sind dauernd in Bewegung, stehen unter Dauerberieslung und kommen kaum zur Ruhe – lassen Ruhe auch kaum je zu.

Wann hast du das letzte Mal bewusst dem Vogelgezwitscher zugehört? Das Rascheln des Windes in den Blättern eines Baums und das Rauschen eines Baches wahrgenommen? Wann bist du mit deiner Umwelt verschmolzen durch all die Geräusche, die in dich fliessen?

Wie wäre es damit:
Einfach mal sitzen. Nichts tun. Nichts sagen, nichts wollen. Einfach mal still sein und hören, was ist. Die Geräusche kommen lassen, gehen lassen, beobachten, gewahr sein. Einfach mal zur Ruhe kommen. Einfach mal sein.

Glück und Liebe

„Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“ (Hermann Hesse)

Wir Menschen streben nach Liebe. Von klein an sind wir auf Liebe angewiesen, ungeliebte Kinder verkümmern – und ebenso tun es Erwachsene. Oft schränken wir Liebe zu sehr ein, denken nur an eine Partnerschaft, wenn wir an Liebe denken und sehen uns als leidend, weil wir keine Liebe erfahrung durch den fehlenden Partner.

Liebe geht viel weiter. Liebe ist nicht auf ein Objekt beschränkt, sondern eine Grundhaltung, die aus einem offenen und mitfühlenden Herzen entspringt und auf das Leben und die lebenden Wesen bezieht – eingeschlossen uns selber.

Stell dir am Ende eines Tages mal die Frage: Bin ich heute lieb mit mir umgegangen? Und lasse den Tag Revue passieren. Wie oft warst du unzufrieden mit dir? Wie oft hast du dich innerlich kritisiert, hast geschimpft und gehadert? Oft schon wegen Kleinigkeiten.

Wir können keinen Partner herbeizaubern, aber wir können uns selber liebevoll behandeln. Und wenn uns das gelingt, können wir aus diesem liebenden Herz heraus unsere Liebe auf andere Wesen ausdehnen. Und wenn dieses ganze Herz von Liebe erfüllt ist, wird sich das Glück einstellen. Wie von selber.

Schule heute – für morgen? Wann?

Ich habe heute gebildet. Weiter gebildet. So stand es im Programm. Thema war: Philosophieren mit Kindern. Am Morgen waren zwei Vorträge… ich muss gestehen, ich habe sie ausgelassen. Den einen kenne ich gut -logischerweise, da ich mit dem ihn Haltenden zusammenarbeite -, den anderen erachtete ich für mich nicht als relevant, da es um ein Leben nach der Arbeit ging und ich mir nicht vorstellen kann, dass ich mit meinem Tun irgendwann aufhöre – es ist schlicht ein grosser Teil meines Ichs und muss da sein.

Ich ging zum Mittagessen hin und war geschockt. Zwar konnte ich nichts essen, aber das, was ich sah und von essenden Kreisen erfuhr, war, was ich aus jahrelanger Erfahrung an der Uni Zürich kenne: Das Essen nicht geniessbar zu nennen, wäre eine Schmeichelei…Meine Güte… da sitzen Menschen, die sich anstrengen, die studieren. Gönnt denen doch endlich mal Essen, das mehr als nur Überlebensmassnahme ist – ein wenig Genuss tut dem Denken keinen Abbruch.

Dann ging ich zum Ort meines Workshops. Klar, Philosophieren kann man überall, nur: Die Kinder sitzen in dem Raum Tag für Tag. Und wohlfühlen? Das ist da nicht möglich. Und nein, eine Gelddiskussion müssen wir nicht starten. Für wenig kann man was machen. Da waren lieblos quasi ausrangierte Tische und Stühle in liebloser Frontalsituation aufgestellt. Alles alt, nichts schön, nichts persönlich.

Da sitzen kleine Menschen drin. Tag für Tag. Die müssen was lernen. Und das selten auf eine ihnen angepasste Art. Wohl fühlen in dem Raum? Quasi unmöglich. Da sitzen Lehrer. Tag für Tag. Vor Schülern in immer schwierigeren Konstellationen durch immer mehr Durchmischung (die auch Chance sein kann, aber dazu mehr in einem anderen Artikel). Wohlfühlen? Können sie sich da sicher nicht. Sie sind in einem grässlichen Raum, auf sich allein gestellt, mit klaren Vorgaben eines Lehrplans, der alles andere als kindgerecht und zukunftsorientiert ist. Wie bitte sollen Lehrer das gesund überstehen?

Ging doch immer. Haben wir auch so gehabt und gut überstanden? Wer so argumentiert, hatte Glück. Und ja, die gibt es und ich mag es allen gönnen. Aber es gibt auch die anderen. Und wenn man liest, dass immer mehr Kinder leiden, sich immer mehr Kinder gar umbringen. Wenn man liest, dass immer mehr Lehrer abgehen oder krank werden… müsste man mal hinschauen. Wie gehen wir mit Menschen um in dem Bereich? Und ein grosser Teil davon kann nicht selber wählen… die Kinder müssen in diese Schulen. Ein Teil ist schon geprägt, wenn er aus einer rauskommt. Und das für lange. Können wir uns das wirklich leisten?

Sogar, wenn es nicht um das Kindswohl geht, ist die Antwort klar: NEIN. Mit ein wenig mehr MItgefühl schon ohne die finanziellen und gesellschaftlichen Konsequenzen. Leider werden zu wenig Stimmen laut. Das System ist träge, es befeuert aktuell am liebsten die eigenen Mühlen: Erhalten, was wir haben, erhalten, was uns dient.

Ich weiss von Lehrern, die gerne was bewegen würden. Und oft verzweifeln daran, dass sie zurückgebunden sind. Es sind Lehrer, die gute Leistungen und Ergebnisse erzielen. Trotz System. Auf einer Gratwanderung, die sie fordert und oft auch überfordert, auslaugt. Es gibt Studien, die eine klare Sprache sprechen, nämlich: Das aktuelle System ist nicht zukunftstauglich und schon gar nicht menschengerecht. Wann also setzen wir das alles um? Wann sind uns die Kinder und deren Zukunft so viel Wert, die eigenen Befindlichkeiten in den Hintergrund zu stellen und ein Schulsystem zu schaffen, dass der heranwachsenden Generation hilft, in einer sich immer schneller entwickelnden Zeit sich zurecht zu finden? Wann bilden wir endlich selber denkende Menschen aus und füllen nicht Fässchen ab mit Wissen, das keiner mehr je brauchen wird, es aber aufnehmen muss, um die Schule zu überstehen?

Ich frage mich schlicht: Wann wird der Mensch endlich als Mensch wahrgenommen und als solcher behandelt – damit er sein Menschsein leben kann, es geachtet sieht, sich am richtigen Ort fühlt? Heute und morgen?

Ich bin, wie ich bin

„Es gibt keine Normen. Alle Menschen sind Ausnahmen einer Regel, die es nicht gibt.“ (Fernando Pessoa)

Wer bestimmt, wie wir zu sein haben? Wonach müssen wir uns ausrichten? Wer setzt den Massstab und mit welchem Recht? Ich erinnere mich gut an meine Kindheit, als mein Vater oft zu mir sagte: „Sei mal normal, sei mal wie die anderen, verhalte dich so.“ Und ja, es liess mich ein wenig hilflos und auch traurig zurück, denn so, wie ich war, schien ich nicht richtig zu sein. Und vor allem nicht normal.

Wer oder was ist normal? Wenn es eine solche Norm gäbe, wären dann alle gleich? Eine Welt voller gleich geschalteter Menschen, die das gleiche denken, tun, sagen? Wäre das nicht fürchterlich langweilig?

Kurz bevor mein Vater starb, hatten wir ein schönes Gespräch. Da sagte er mir: „Du warst schon immer anders als andere, hast schon immer dein Ding gemacht und darauf bin ich sehr stolz.“ Wie gut hätte mir das als Kind getan? Aus ihm sprach damals aber wohl die Sorge, wie die Gesellschaft mit mir und ich in der Gesellschaft klar käme. Landläufig haben es Menschen, die sich anpassen, einfacher. Nur: Was ist der Preis? Und bin ich bereit, ihn zu zahlen? Das muss jeder für sich selber entscheiden. Und dann ist jeder Entscheid gut und richtig, denn es war ein eigener.

Das Leben leben

„Schlussendlich zählen nur drei Dinge: Wie gut wir gelebt haben. Wie gut wir geliebt haben. Wir gut wir gelernt haben, loszulassen.“ (Jack Kornfield)

Was ist ein gutes Leben? Wann können wir auf unser Leben schauen und sagen: Ja, es ist gut, wie es ist? Was brauchen wir dazu? Geld?

Wenn wir unsere Tage anschauen, sind die oft mehrheitlich mit Dingen gefüllt, die dazu dienen, etwas zu erreichen. Wir arbeiten, um Geld zu verdienen, gehen ins Fitnessstudio, um abzunehmen, gehen shoppen, um mehr Kleider zu haben und besser auszusehen, kaufen ein neues Auto, um mit dem Nachbarn mithalten zu können. Dafür schieben wir anderes auf die Seite: Wir besuchen den alten Onkel nicht, den wir immer so liebten, weil schlicht die Zeit fehlt, wir geniessen nicht den Sonnentag, weil wir uns auf dem Stepper abstrampeln müssen, wir spielen nicht mit den Kindern, weil wir Überzeit machen, die gut bezahlt wird.

Und dann ist der Onkel tot, die Kinder sind gross, draussen ist Nebelwetter und den Job verlieren wir wegen Reorganisation. Und nun? Sitzen wir nun da und denken: Aber wenigstens haben wir ein neues Auto und eine Traumfigur? Nein, sehr wahrscheinlich wird in uns Bedauern laut. Wir merken, was wir verpasst haben und klagen uns an. Leider hilft das wenig, im Gegenteil: Wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Es gilt also, loszulassen, was war und nach vorne zu schauen. Wir haben einige Chancen verpasst, aber neue warten auf uns. Die sehen wir nur, wenn wir nicht an den verpassten hängen, sondern mit offenem Blick nach vorne schauen, mit dem Lehrstück aus der Vergangenheit im Hinterkopf. Und dann machen wir es besser. Wir haben jeden Tag die Chance, neu anzufangen. Wir haben jeden Tag die Möglichkeit zu sagen:

Heute beginnt der Rest meines Lebens. Ich will leben und lieben. Und irgendwann lasse ich los im Wissen, dass ich gut gelebt und von Herzen geliebt habe.

Der Sinn des Lebens

„The meaning of life is just to be alive. It is so plain and so obvious and so simple. And yet, everybody rushes around in a great panic as if it were necessary to achieve something beyond themselves.“ (Alan Watts)*

Wie oft sind wir einfach getrieben? Wie oft denken wir, etwas erreichen zu müssen oder zu wollen, rennen Wünschen und Erwartungen hinterher, ohne zu merken, dass wir immer mehr zu Sklaven ebendieser Wünsche und Erwartungen werden?

Wir reden uns ein, wir wären glücklich, wenn wir nur dies oder jenes erreichten oder hätten. Wir suchen nach dem Sinn des Lebens und versuchen, diesen durch Leistungen zu erreichen. Und dabei vergessen wir oft das, was eigentlich der Sinn des Lebens wäre: Wirklich zu leben.

Auf dem Sterbebett befragt, was man sich im Leben noch gewünscht hätte, antworten die wenigsten, dass sie gerne noch mehr gearbeitet, noch eine Karrierestufe höher gestiegen oder noch einen grösseren Fernseher, ein teureres Auto gehabt hätten. Sie hätten gerne mehr geliebt, mehr gelacht, mehr gelebt.

Wir haben dieses eine Leben: Leben wir es.

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*Der Sinn des Lebens besteht schlicht darin, am Leben zu sein. Es ist so klar, so offensichtlich und so einfach. Und doch hetzt jeder in einer grossen Panik durchs Leben, als ob es nötig wäre, etwas ausserhalb einem selber zu erreichen. (Übersetzung S.M.)