Leben und Lernen, oder: Ich bin gut

Klein Emma rennt über den Spielplatz, um möglichst schnell bei der Rutsche zu sein. Ihre Mutter ruft ihr nach: „Emma, pass auf, nicht dass du hinfällst.“

Schön, wie besorgt die Mutter um ihr Kind ist, nicht?

Später sitzen alle bei Tisch, Emma will sich selber aus der Salatschüssel schöpfen, es gelingt ihr auch teilweise, ein Teil des Salates landet im Teller, der Rest fällt in die Schüssel zurück. Der Vater nimmt ihr das Salatbesteck aus der Hand: „Warte, ich mach das für dich, das kannst du noch nicht. Sonst fällt noch was aufs Tischtuch.“

Schön, wie hilfsbereit der Vater ist, nicht?

Emma und ihr Freund fahren in die Stadt, finden nur einen Parkplatz zum Seitwärts-Parken. Emma: „Kannst du das für mich machen? Ich kann das nicht.“ Der Freund findet das selbstverständlich und parkt das Auto.

Schön, wenn man einen so hilfsbereiten Freund hat, nicht?

Besorgte Mütter und hilfsbereite Freunde sind wunderbar, es ist schön, wenn man Menschen im Leben hat, die für einen da sind. Das Wissen um solche Menschen gibt einem die nötige Sicherheit, das Gefühl der Verbundenheit auch, ohne das der Mensch nicht lebensfähig ist. Die drei hier erwähnten – durchaus sehr verkürzten – Beispiele zeigen aber noch mehr: Wir sehen nicht nur Hilfsbereitschaft, wir sehen auch Haltungen:

Die Mutter traut dem Kind nicht zu, unfallfrei zu rennen. Wenn sie nun bei jedem Spurt der kleinen Emma zur Vorsicht gemahnt, wird in Emma das Gefühl grösser, dass das Leben gefährlich ist und die eigenen Fähigkeiten nicht ausreichen. Das Gefühl der fehlenden Fähigkeiten verstärkt sich bei der Situation mit dem Salat noch. Hinzu kommt die Angst, einen Fehler zu machen. Diese beiden Situationen sind sicherlich nicht die einzigen im Leben der aufwachsenden Emma. Immer wieder wird sie Stimmen begegnen, die ihr sagen, was sie nicht kann, was nicht gut ist, wo sie sich verbessern müsste.

Gerade die Schule in ihrer heutigen Form ist sehr nach Leistung aus. Spätestens da wird Emma bewusst werden, dass es Normen gibt, in die sie passen muss. Tut sie das nicht, weil sie nicht die erwarteten Leistungen in der dafür vorgesehenen Zeit erbringt, wird sie bewertet, im schlimmsten Fall deklassiert.

All das hat eine Wirkung auf Emma. Es festigt in ihr ein Denken. Wenn sie nicht genügend anders geartete Stimmen hat, die an sie glauben, ihr Mut machen, sie bestärken, und wenn sie nicht genügend Resilienz besitzt, die abwertenden Stimmen im wahrsten Sinne des Wortes abprallen zu lassen, drüber zu stehen, mit gesundem Selbstbewusstsein weiter zu gehen, wird das Denken in etwa so lauten:

„Ich genüge nicht. Ich bin nicht gut genug.“

Dazu gesellen sich noch Gedanken, was sie alles nicht kann (oder nicht zu können glaubt). Und so wächst eine Emma heran, die sich (zu) wenig zutraut, die den Mut nicht hat, Dinge auch mal zu probieren, weil sie Angst hat, auf die Nase zu fallen, etwas zu riskieren, weil sie Angst hat, etwas falsch zu machen. Emma wird sicher immer wieder Menschen finden, die ihr helfen, aber sie selber wird dadurch nicht glücklich, weil sie durch diese Selbstzweifel immer wieder in der Erfahrung der Selbstwirksamkeit beschränkt ist. Es fehlt ihr die Freiheit, zu probieren, oft auch die Neugier zu lernen, weil sie von vornherein denkt, es sowieso nicht zu können.

Was also ist die Lösung? Nicht mehr helfen? Sollen alle auf die Nase fallen, denn nur aus Schaden wird man klug? Das wäre eine verheerende Schlussfolgerung. Wir alle sind auf Hilfe angewiesen in ganz vielen Punkten. Ohne gegenseitige Hilfestellungen wäre das Leben beschwerlich, wenn nicht gar unlebbar. Die Frage ist aber, wobei man hilft und auf welche Weise. Und noch zentraler ist die Frage: Aus welcher Haltung heraus helfe ich.

Wenn man als Helfer als grosser Könner dem kleinen Hilflosen zu Hilfe eilt, ist vielleicht das aktuelle Problem gelöst, aber ein grösseres nimmt seinen Anfang: eine Hierarchisierung von Menschen. Da gross, dort klein, hier Könner, da Taugenichts. Hilfe sollte immer auch Hilfe zur Selbsthilfe sein, und: Sie sollte von Mensch zu Mensch auf Augenhöhe passieren. Wenn einer dem anderen hilft, sind beide als Menschen gleichrangig. Sie treffen sich in einer Situation und sind da aufeinander angewiesen: Ohne Hilfesuchenden gibt es keinen Helfer. Und: In allen Situationen, in denen Menschen aufeinander treffen, nehmen immer beide etwas für sich mit.

Kein Kind wird ohne ein aufgeschlagenes Knie durch die Kindheit gehen. Als Eltern sind wir dazu angehalten, unsere Kinder vor Gefahren zu schützen. Nur: Wo keine anderen Gefahren als nur ein wenig Blut lauern, sollte das Kind durchaus seine eigenen Grenzen ausloten können dürfen. Wie schnell kann ich laufen, wie viel kann ich wagen? Und wenn es zu viel war, sollte nicht Tadel und Belehrung warten (das Kind hat durchaus selber gemerkt, dass es so auf die Nase gefallen ist), sondern Liebe und Aufmunterung. Ein Kind, das auch beim Hinfallen das Vertrauen spürt, das in seine Fähigkeiten gesetzt wird, wird wieder aufstehen und weiter laufen. Es wird sich gehalten, aber nicht getragen fühlen, denn es weiss, dass jemand da ist, es aber die eigenen Füsse brauchen darf und kann auf dem Weg durchs Leben.

Und so würde Emma beim ersten Autoausflug ihren Freund vielleicht bitten, von aussen zu signalieren, wie weit sie fahren kann, um es dann nach und nach selber abschätzen zu können. Weil sie weiss, dass sie sich helfen lassen darf, sie aber die Dinge selber lernen kann.

Immer, wenn in Zukunft das Gefühl aufkommt, dass man nicht genügt, könnte man sich fragen: Wem genüge ich nicht und wieso?

Wenn das Gefühl aufkommt, etwas nicht zu können, könnte man sich fragen: Wieso glaube ich das? Und: Wessen Stimme spricht da?

Schlussendlich ist jeder, wie er ist, und damit ist er gut. Das heisst nicht, dass man im Leben nichts dazu lernen kann, das kann man immer und tut man im Normalfall auch immer, denn leben heisst lernen – ein Leben lang. Wenn man etwas lernt, ist man nachher nicht besser, man ist immer noch gut. Wenn man nichts lernen will, könnte man sich fragen, wieso das so ist. Und vielleicht würde man nur schon durch die Frage etwas lernen. Auch das wäre gut.

3 Comments

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  1. Eine Ergänzung vielleicht noch: elterliches Erziehungsverhalten ist keine Einbahnstraße. Dasselbe Verhalten hat bei verschiedenen Kindern ganz verschiedene Ergebnisse. So kann die ständige Mahnung der Mutter: pass auf, dass du nicht fällst! bei Kindern auch die umgekehrte Reaktion hervorrufen („du kannst mich mal, ich mach, was ich will, ich fall nicht, pass lieber selbst auf, ich bin klug und du bist doof“) oder aber durch ständigen Gebrauch wirkungslos bleiben (das Kind wird gegenüber den Vorhaltungen der Eltern taub). Die von dir beschriebene Wirkung ist bei sehr angepassten, von Natur schon überängstlichen Kindern zu erwarten. Dazu kommst die Wahrnehmung des Kindes, welche Rolle die Mutter – der Vater im Familiensystem einnehmen, ob sie Sanktionsgewalt haben, ob sie selbst unsicher sind, ob sie sich an eigene Regeln halten, ob sie auch zur Verfügung stehen, wenn das Kind sie wirklich braucht etc pp.

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  2. Oder die Eltern reißen den einen stachligen Strauch im Garten aus, damit das Kind sich nicht piekst (mehr kann ja wirklich nicht passieren) und sie fahren es auch auch mit 13 noch in die Schule, weil es mit den Öffentlichen einmal umsteigen müsste. Dass das nichts gutes mit den Kindern macht, ist klar. Die können nichts dafür, sie werden von Anfang an verbogen, aber sie kennen es ja nicht anders.
    Ich frage mich, wo das herkommt. Was treibt die Eltern an, sich so zu verhalten? Mit Liebe und Fürsorge kann man das ja wohl nicht (allein) begründen.

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  3. Eine Geschichte, die zum nachdenken anregt und die ich so unterschreiben würde, wenn ich müsste ; )
    Fehler und sich ausprobieren gehören zum Leben dazu. Egal wie bedacht wir leben, irgendwann passiert uns so oder so ein Fehler und das ist auch gut so. Letzten Endes lernen und wachsen wir dadurch = )

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