Tagesgedanken: Gut genug

«Vergiss nicht – man benötigt nur wenig, um ein glückliches Leben zu führen.» (Marc Aurel)

Wir streben nach Schönheit, übersehen aber die Blume am Strassenrand.
Wir wollen hoch hinaus, wollen Erfolg, überhören aber ein einfaches Lob, wenn es ausgesprochen wird.
Wir streben nach Auszeichnungen, träumen von grossen Lobesreden, übersehen dabei das dankbare Lächeln eines Kindes.
Wir schauen zum Gipfel, sehen ihn als erstrebtes Ziel, und trampeln auf dem Weg dahin achtlos über Blumen, Gräser, durch Wälder und Dörfer.

Wie oft gehen wir durchs Leben, Ziele im Blick und all das, was wir noch wollen und noch nicht haben. Wir jammern über verpasste Chancen und hadern mit unerreichbaren Zielen. Wir sehen so viel, das es gibt auf dieser Welt und was uns fehlt, dabei übersehen wir, was wir alles haben – und nicht schätzen. Oft ignorieren wir auch schon Erreichtes, vergessen Erfolge auf dem Lebensweg und sind nur damit beschäftigt, was uns fehlt, um wirklich gut zu sein, um wirklich etwas erreicht zu haben, das Anerkennung bringt, das genügt, denn im Moment ist nur eines der Fall: Es ist nicht gut genug. Wir sind nicht gut genug.

Was wir dabei gerne übersehen: Nur schon, dass wir uns diese Gedanken überhaupt machen können, ist schon ein grosses Privileg. Es heisst, dass wir uns nicht ums nackte Überleben kümmern müssen, und auch, dass wir geistig dazu in der Lage sind. Das kümmert uns aber nicht sehr, denn mit all dem gehen wir mit der Zeit, deren Motto lautet:

Schneller, grösser, besser, mehr von allem.

Das Leben scheint nur gut genug, wenn es perfekt ist. Wir stehen nur am richtigen Ort im Leben, wenn wir an der Spitze stehen. Die Frage, was wir davon wirklich haben, stellen wir nicht, und wenn doch, gibt es genügend Antworten, allen voran: Wieso weniger, wenn auch mehr geht? Und wir fühlen uns in guter Gesellschaft, fühlen uns von der sogar angetrieben, wenn wir sehen, dass ein anderer mehr hat – was der (haben) kann, wollen auch wir. Und vielleicht noch ein wenig mehr.

Um dieses Mehr zu erreichen, begeben wir uns in ein Hamsterrad, wir ackern uns von morgens bis abends ab, bemühen uns, nicht stehen zu bleiben, sondern immer weiterzugehen, denn: Stillstand ist Rückschritt. Immer schneller, immer höher, immer mehr. Und doch nie genug. Vielleicht würden wir all das nicht brauchen, wenn wir mal hinschauen würden. Wenn wir uns fragen würden, wieso wir all das überhaupt wollen. Wenn wir hinterfragen würden, was uns antreibt, woher die Unzufriedenheit kommt. Wenn wir analysieren würden, wieso wir uns mit anderen vergleichen und diese dann übertreffen wollen. Wenn wir die Unzufriedenheit mit unserem eigenen Sein und Haben und die dahinterstehenden Gründe und Glaubenssätze offenlegen könnten.

Schlussendlich wird uns keines dieser Mehr wirklich mehr bringen, vor allem wird es uns nie alles und abschliessend genug bringen. Wo mehr ging, geht immer auch noch mehr, dieses Streben ist ein Fass ohne Boden, ein Weg ohne Ende. Es ist eine Reise ohne Ankunft, ein Streben ohne Glück am Ende. Und all das wäre nicht nötig, wenn wir herausfänden, was im Leben wirklich Freude bringen könnte, was wirkliche Befriedigung in sich tragen könnte und vor allem, was uns aus diesem Hamsterrad ausbrechen lassen könnte, das ein nie endendes und dabei so ermüdendes ist. Wir würden unseren Blick wieder für die Schönheit des Lebens öffnen und uns an dem erfreuen, was schon gut ist:

  • Schöne Gespräche mit Freunden
  • Die Anerkennung für das, was wir gut machen
  • Das dankbare Lächeln eines Kindes, dem wir geholfen haben
  • Die Blumen am Wegesrand, wenn wir zur Arbeit gehen
  • Das Glas Wein, genossen mit einem lieben Menschen
  • Der Stolz, wenn wir etwas geschafft haben
  • Die Freude, wenn uns etwas gelingt

Und nicht zuletzt: Das Wissen, genug zu sein, so wie wir sind.

«Der Weg zu allem Grossen geht durch die Stille.» (Nietzsche)

Dann würde das Vergleichen aufhören können. Dann müssten wir nichts erreichen, nur weil andere es haben. Wir würden eine Dankbarkeit empfinden können für all das Gute und Schöne, indem wir mehr Achtsamkeit pflegen, es zu sehen. Wir könnten aufhören zu strampeln und zur Ruhe kommen. Dann würden wir erfahren, was schon Konfuzius sagte:

«In der Ruhe liegt die Kraft.»

Diese Kraft würde uns helfen, unseren Weg zu gehen, wie er für uns stimmt. Nicht aus Vergleichen heraus, nicht aus dem ewigen Streben nach mehr heraus, sondern aus unserem tiefen Sein und Wollen heraus im Wissen, was unser Leben ausmachen soll, wer wir sein wollen, wie ein Leben aussehen müsste, dass es «mein Leben» ist.

Tagesgedanken: Träume leben

Kennst du das auch? Du träumst davon, etwas zu tun, findest aber ganz viele Argumente, die dagegensprechen, vertagst es im besten Fall auf später, im schlimmsten verwirfst du den Traum. Nun gibt es zwar so schöne Sprüche wie „Lebe deinen Traum!“ oder „Wenn du davon träumen kannst, kannst du es auch tun!“ – nur: Ist die Realität nicht anders? Stecken wir nicht oft in Zwängen und Verpflichtungen fest? Können wir nicht oft vor lauter tun Müssen unsere Träume nicht leben? Zudem fehlt es dem Weg zu diesen Träumen oft an vielem und einiges steht im Weg. Wie auch immer: Es finden sich meist gute Gründe, wieso du deine Träume nicht lebst.

In der heutigen Zeit hört man immer, dass alles möglich sei, wenn man es nur genug wolle. Es sei alles erreichbar und verfügbar für den, der es genug will. Ich bezweifle das. Was ich aber denke ist folgendes: Wenn du etwas wirklich tun willst, solltest du die Gründe, die dagegensprechen, gut prüfen. Ab und an sind es nur diffuse Ängste, ab und an glaubst du schlicht zu wenig an dich.

Wenn es etwas wirklich Wichtiges gibt auf dem Weg hin zu den eigenen Träumen, ist es folgendes: Du musst anfangen – beherzt, mit Mut und Leidenschaft. Sicher braucht es auch Geduld und Ausdauer, wenn du deine Ziele erreichen willst, aber wenn du nie den ersten Schritt machst, wirst du auch nie ankommen. Machst du diesen ersten Schritt nur halbherzig, findest du sicher auch schnell Gründe, die dich zum Abbruch des Weges bewegen. Die innere Haltung zu deinen Wünschen und Zielen ist wichtig auf dem Weg. Nur, wenn du Dinge aus Überzeugung und mit ganzem Herzen tust, wirst du das auch nach aussen ausstrahlen. Und dann können Dinge passieren, von denen du kaum zu träumen gewagt hättest. Das wusste auch schon der alte Goethe:

„In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.“

C. G. Jung sprach in dem Zusammenhang von Synchronizität. Dinge passieren nicht, weil eines durch etwas anderes ausgelöst wird, sondern die eigenen Gedanken, Gefühle und auch Haltungen stossen auf Resonanz. Wenn du also beginnst, mit ganzem Herzen deinen Traum zu leben, stösst du plötzlich auf Menschen, die gleich gesinnt sind. Du triffst auf Verständnis, Unterstützung, findest Hilfe, Rückhalt und Zuspruch, mit denen du nie gerechnet hättest. Aus diesem Zweifel, dieser Unsicherheit und dem fehlenden Glauben an deine Träume heraus hast du immer wieder Gründe gefunden, sie nicht zu leben, es nicht einmal zu versuchen.

Wenn ich also mit ganzem Herzen etwas tue, habe ich gute Chancen, dass es gelingt. Natürlich kann alles, was gelingen kann, auch misslingen. Damit ist aber weder die Sache noch man selber gescheitert. Gescheitert wäre man, würde man nichts mehr probieren, weil man nicht mehr dran glaubt, dass etwas gelingen kann. Jeder Versuch ist ein Erfolg, nur das Nicht-Versuchen ist ein Scheitern.

Es gibt viel zu tun. Wann fangen wir an?

Tagesgedanken: Ans Licht

«Die meisten Schatten in unserem Leben rühren daher, das wir uns selbst in der Sonne stehen.» (Ralph Waldo Emerson)

Ich mag meine gewohnten Tagesabläufe, ich habe mich darin eingerichtet und fühle mich wohl damit. Wenn sich eine Störung derselben ankündigt, überfordert mich das im ersten Moment. Dann stehe ich da, sehe meine Pläne und die Störung, und meine erste Reaktion ist: Das geht nicht. Früher konnte mich so etwas regelrecht aus der Bahn werfen. Nach und nach habe ich Strategien entwickelt, damit umzugehen: Ich versuche, mir Wege vorzustellen, wie es doch gehen könnte. Wie kann ich meinen Tag gestalten, dass die anstehende Veränderung auch für mich passt. Am Anfang gelang es mir gar nicht im Vorfeld, die Situation musste erst eintreten, doch dann merkte ich: Es geht. Mit der Zeit gelang es mir immer besser.

Kennst du das auch: Du bist mit einer Situation konfrontiert, die dich überfordert, weil sie etwas von dir verlangt, dem du dich nicht gewachsen fühlst, oder weil du Angst hast. In dir schreit alles «das kann ich nicht» und du suchst nach Wegen, dich der Situation zu entziehen. Tief drin weisst du, dass es kein Entkommen gibt, du musst da durch. Du durchläufst die Situation und alles geht gut. Und du schimpfst mit dir, dass du dir so viele unnötigen Sorgen gemacht hast. Nun würde man denken, beim nächsten Mal mit so einer Situation greifst du auf deine positive Erfahrung zurück und verzichtest auf die Sorgen und Abwertungen. Weit gefehlt. Es läuft wieder gleich. Wieso?

Solche Verhaltensmuster fussen auf tiefen Prägungen, die noch aus der Kindheit stammen. Es sind Erfahrungen, die uns daran hinderten, Vertrauen aufzubauen – nicht zuletzt auch zu uns selbst. Es sind Wunden, die zurückgeblieben sind, tief angelegte Glaubenssätze, die uns immer wieder an uns zweifeln lassen. Um sie aufzulösen, ist es wichtig, zurück zum Ursprung zu gehen. Die Verletzungen, die Glaubenssätze, die Prägungen müssen bewusst werden, nur dann ist es möglich, sie aufzulösen, sie in positive zu wandeln. Dann hilft es, sich die neuen positiven Erfahrungen ins Bewusstsein zu rufen und aus ihnen ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten abzuleiten. Das wird vielleicht nicht immer gelingen, aber immer besser.

«Vertraue dir selbst! Jedes Herz vibriert mit dieser eisernen Saite.» (Ralph Waldo Emerson)

Tagesgedanken: Selbstfreundschaft

«…Selbstsorge, Selbstaufmerksamkeit, Selbstgestaltung. An der Sorge des Selbst für sich, körperlich, seelisch, geistig, führt kein Weg vorbei…» (Wilhelm Schmid)

Freundschaft ist ein wichtiges Gut im Leben. Studien zeigen, dass Freunde das eigene Leben nicht nur verschönern, sondern sich auch auf die Gesundheit auswirken: Menschen, die einen Freund haben, auf den sie bauen können, erkranken weniger an Herzkreislaufkrankheiten, sie sind weniger anfällig für Süchte, Angstzustände und vieles mehr. Zudem leben sie länger. Ein schöner Nebeneffekt für eine so wertvolle Sache.

Was macht Freundschaft eigentlich aus? Sicher ist es die gemeinsame Zeit, die man verbracht hat: je länger und intensiver man mit einem Menschen zusammen ist, desto tiefer geht die Beziehung. Auch das Vertrauen in den anderen ist wichtig, darum zu wissen, dass dieser Mensch für einen da ist – auch wenn es mal schwierig ist. Freunde sind einem nah, ohne einen in Beschlag zu nehmen, bei Freunden kann ich alles ansprechen, ohne mich dafür schämen zu müssen oder zu fürchten, dass es in falsche Hände gerät. Freunde begegnen sich auf Augenhöhe, sie sehen sich als Gleiche und behandeln sich mit Respekt. Und obwohl Freunde oft Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten haben, sind sie doch verschieden, nehmen sich in dieser Verschiedenheit gegenseitig an.

Wenn wir an Freundschaft denken, denken wir immer an einen anderen Menschen. Doch was ist eigentlich mit uns selbst? Behandle ich mich selbst genauso gut ,wie ich meinen Freund behandle? Wann habe ich das letzte Mal wirklich Zeit mit mir verbracht? Zeit, in der ich mich um mich kümmerte, mich hinterfragte? Behandle ich mich selbst immer mit Respekt oder sind da nicht doch viele abwertenden Sätze, mit denen ich mich martere? Vertraue ich in mich und meine Fähigkeiten oder bin ich von (Selbst-)Zweifeln zerfressen?

Wer kennt nicht Sätze wie «Das schaffe ich nicht.», «Dafür bin ich zu blöd.», «Solche Dinge passieren auch nur mir.»? Wer kennt nicht die permanenten Abwertungen, die wir uns täglich selbst an den Kopf werfen, so ein Selbstbild zementieren, das weder der Realität entspricht noch hilfreich ist? Diese inneren Geisselungen entspringen meist Prägungen, die Mutter, die in der Kindheit vermittelte, dass wir Dinge nicht können, sie also besser lassen; der Vater, der bei jedem Fehler die Augen verdrehte und einen glauben liess, nur man selbst mache welche; der Lehrer, der einem das Gefühl gab, blöd zu sein. Diese Sätze brennen sich ein, sie werden zu Mustern, die durch innere Glaubenssätze gestützt werden.

Durch diese wird mein Stellenwert bei mir so klein, dass ich es mir nicht wert bin, mein eigener Freund zu sein? Sokrates sagte, es sei besser, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun, weil man mit sich selbst immer zusammenleben müsste. Wenn ich also mit mir zusammenlebe, wäre es da nicht wichtig, gut zu mir zu schauen? Müsste ich dann nicht diese Glaubenssätze, mein Selbstbild hinterfragen? Was ist wirklich wahr, was deckt sich mit meinen Erfahrungen und erlebten Wirklichkeiten, wo sitze ich falschen Sätzen auf, aus denen ich ein Bild von mir zeichne, das mir nicht gerecht wird? Sicher gibt es Punkte, die ich verbessern, verändern möchte – dann kann ich sie angehen und werden, wer ich sein will. Vielleicht stellen sich aber viele Überzeugungen schlicht als falsch heraus, dann muss ich versuchen, sie immer wieder durch positive Glaubenssätze zu ersetzen – bis ich diese glaube und sie ein neues Selbstbild prägen, eines, das realistischer ist. Durch diese Arbeit an und mit mir, durch diese mir selbst geschenkte Zeit und Wertschätzung werde ich zu meinem eigenen Freund – und damit sicher auch zu einem besseren Freund für meine Freunde.

Tagesgedanken: Nähe und Distanz

«Schön, ist es auf der Welt zu sein, sagt der Igel zu dem Stachelschwein.»

Wie ist der Mensch? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, ziehen Philosophen gerne den Vergleich mit Tieren herbei. Schopenhauer bemühte das Stachelschwein. Wenn es kalt wird, suchen Stachelschweine die gegenseitige Nähe, sie rotten sich zusammen. Irgendwann fangen die Stacheln zu sehr an zu pieken und sie gehen wieder auf Distanz. Dieses Spiel von Nähe und Distanz gebe es nun, so Schopenhauer, auch beim Menschen.

Nun weiss man, dass ein Mensch ohne andere Menschen nicht existieren kann. Babys, die ohne Berührung aufwachsen, sterben. Es braucht also eine gewisse Nähe. Und doch kann es auch zuviel werden. Herauszufinden, wer wann wieviel braucht, ist wohl eine Gratwanderung. Während die einen lieber von Ferne auf ihre Mitmenschen schauen mit kurzen Begegnungen dann und wann, sitzen die anderen am liebsten rund um die Uhr zusammen, um nur dann und wann eine kurze Auszeit zu suchen. Die meisten sind wohl irgendwo in der Mitte der beiden Extrempositionen.

Interessant ist es, die eigenen Bedürfnisse zu analysieren. Brauche ich viel Nähe? Bin ich lieber auf Distanz? Was bedeutet Distanz? Einsamkeit? Einfach keine Berührungen? Was Nähe? Örtliche? Geistige? Und was passiert, wenn zu viel Nähe da ist? Was passiert, wenn ich «die Stacheln ausfahre»? Was geht in mir vor und wie äussert es sich nach aussen?  Es gibt in dieser Frage (wie in den meisten dieser Art) kein richtig oder falsch. Wichtig ist es aber, sich und die eigenen Bedürfnisse zu kennen, vor allem auch im Umgang mit anderen Menschen, da Beziehungen oder Freundschaften zwischen völlig unterschiedlichen Typen wohl sehr schwierig auszuhalten sind – für beide.

Tagesgedanken: Authentisch sein

Kennst du das auch, dass du in eine Runde kommst und dazu gehören willst? Du wünschst dir, dass sich die anderen mögen und du strengst dich an, möglichst alle Erwartungen (die du nicht wirklich kennst, dir aber vorstellst) zu erfüllen. Ja keine Fehler machen, heisst die Devise, nichts Falsches sagen. Das Resultat all dieser Anstrengungen ist, dass du unsicher wirst, dich ständig unter Selbstbeobachtung hast und mit angezogener Handbremse durch den Abend fährt. Natürlich lässt du dir diese Unsicherheit nicht anmerken, du versuchst, sie zu überspielen, indem du möglichst nichts sagst, so dass es nichts Falsches sein kann, oder aber du redest viel zu viel, um ja nicht langweilig zu wirken. Und beides bist eigentlich nicht du – aber wer bist du eigentlich? Und vor allem: Wieso denkst du, dich verstellen zu müssen, nicht der sein zu dürfen, der du bist, um angenommen zu werden?

Bei Brené Brown las ich mal den schönen Satz

„Lass los, was du glaubst sein zu müssen, und umarme, was du bist.“

Oft fällt es bei fremden Menschen leichter, sich selbst zu bleiben, denn es hängt nichts davon ab. Wenn sie mich nicht mögen, gehe ich weiter, sie werden sich nicht mehr daran erinnern und in meinem Leben bleibt auch nichts zurück. Sind es aber Menschen aus meinem Umfeld, wird es schwieriger. Das Bedürfnis, da gefallen und genügen zu wollen, ist grösser, die Unsicherheit damit auch.

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist wohl eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, ein authentisches Leben zu führen. Es ist aber auch eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, Beziehungen zu führen. Nimmt man sich nämlich nicht selbst an, wie man ist, ist man zu schnell dazu bereit, ja zu sagen statt nein. Man unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und ist danach wütend auf sich – und ein wenig auch auf den anderen. Doch schauen wir genauer hin: Wenn ich meine Bedürfnisse ständig hintenanstelle, mich nicht traue, Wünsche zu äussern, was für eine Beziehung gestalte ich auf diese Weise selbst? Oft verhalten wir uns so, weil wir den anderen nicht verlieren wollen. Wir haben ihn gern, möchten ihn in unserem Leben behalten und versuchen, alles zu vermeiden, was das in Gefahr bringen würde.

Nur: Will ich auf Dauer eine Beziehung haben, in der mein Sein so wenig zählt, ich selbst keine Stimme habe, in der nur der andere das Sagen und Recht auf die Erfüllung seiner Bedürfnisse hat? Ist es wirklich besser, sich so sehr zurückzunehmen, nur um nicht alleine zu sein, nur um diesen einen anderen Menschen um sich zu haben, obwohl wir tief drin merken, dass uns das nicht gut tut, weil wir uns selbst langsam verlieren in diesem Verhalten? Ist das wirklich Liebe? Es spricht zumindest nicht von grosser Selbstliebe und die ist die Basis für jede andere Liebe. Kann ich selbst mich nicht lieben, wie soll ich Liebe für andere empfinden? In der Bibel heisst es:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Woher kommt diese fehlende Selbstliebe? Woher kommt dieses Denken, ich muss mich verstellen, um gemocht zu werden? Woher kommt die Angst, so, wie ich bin, nicht in Ordnung zu sein? Zwar bin ich kein Freund des ständigen Grabens in der Kindheit, doch bin ich überzeugt, dass wir uns oft aufgrund von Prägungen und Mustern auf eine Weise verhalten. Diese gehen oft weit zurück und haben sich tief in unser Sein eingegraben, so dass wir daraus heraus unbewusst Verhaltensweisen an den Tag legen. Diese Muster und Prägungen offenzulegen, kann helfen, sie langsam aufzulösen und das eigene Verhalten selbst zu steuern, statt und nur steuern zu lassen durch Überreste aus der Kindheit.

Dann trete ich einem Menschen gegenüber als der, der ich bin, und gebe ihm die Chance, mich so kennenzulernen. Ich unterschiebe ihm nicht, dass er von mir erwartet, mich anzupassen, und bringe ihm das Vertrauen entgegen, dass er mich so annimmt, wie ich bin. Nun ist es natürlich so, dass mich nicht jeder Mensch mögen wird, genauso wie auch ich Antipathien hege. Zudem ist es auch nicht sinnvoll, mich jedem gegenüber gleich völlig zu öffnen und alles von mir zu offenbaren, da nicht jeder dieses Vertrauen verdient oder die Gefahr zu gross ist, dass es missbraucht würde. Es ist wichtig, zu unterscheiden, wo ich wieviel von mir preisgebe. Allerdings werde ich wohl den Menschen, demgegenüber ich mich nicht öffnen kann oder will, auch nicht wirklich nah in meinem Leben haben wollen, was oft auf Gegenseitigkeit beruht. Dies ist dann für beide kein Verlust und sicher kein Grund, mich von Grund auf zu verstellen – an die Situation anpassen reicht vollkommen.

Der alte Spruch

„Trau,schau wem?*“

hat durchaus etwas Wahres an sich. Und auch da bin wieder ich das erste Glied in der Kette. Wenn ich in mich und mein Urteil vertraue, kann ich mich einem anderen Menschen öffnen und authentisch sein. Daraus kann eine Verbindung entstehen zwischen uns, weil wir uns wirklich begegnen.

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* Die Redewendung geht übrigens auf einen lateinischen Spruch zurück: „Fide, sed cui, vide.“, was zeigt, dass die menschlichen Probleme und Bedürfnisse im Miteinander sich seit der Antike wohl unswesentlich verändert haben….

Tagesgedanken: Bei sich bleiben

«Oder man sehe sich die Menschen während einer Abendgesellschaft an! Alle kommen sie mit dem festen Willen, sich zu amüsieren, mit derselben Art grimmiger Entschlussfestigkeit, die man zum Zahnarzt mitnimmt.» (Bertrand Russell)

Freitagabend, endlich ist die Arbeitswoche vorbei, die Freizeit bricht an. Nun ist meine Zeit zu geniessen. Ich verabrede mich mit Freunden, gehe an eine Party, zum Essen, in die Disco – so oder so, sicher ist: Nun habe ich Spass. Wann, wenn nicht jetzt? Zudem, wie würde ich angeschaut, wenn ich an einem rauschenden Fest still an einem Tisch sässe? Ebenso in den Ferien: Nun wird ausgespannt, nun wird sich gefreut. So will es das ungeschriebene Gesetz, so benimmt man sich in den Ferien. Was Knigge für das angemessene Verhalten in Bezug auf Etikette und Anstand aufgeschrieben hat, gilt auch für das Verhalten im Alltag: Es gibt klare Regeln, was passt und was nicht.

Es ist nicht verwunderlich, dass diese quasi aufgezwungene Weise von Fröhlichkeit und Feierlaune keine wirklich glücklichen Gefühle weckt. Das Lächeln ist mehr vordergründig, der Wein fliesst fleissig, um es aufrecht erhalten zu können. Und eigentlich wäre man lieber zu Hause. Sässe mit einem Glas Wein auf dem Sofa, läse ein Buch, geniesse die Ruhe. Doch was wäre man für ein Langweiler, würde man dem nachgeben? Was würden die anderen denken? SO kommt es, dass viele Menschen nicht nur bei der Arbeit in einem Hamsterrad gefangen sind, sondern dass dieses auch in der Freizeit weiterläuft. Das Resultat ist eine Gesellschaft, in welcher Menschen sich mehr als unglücklich denn als glücklich bezeichnen. Wie kam es dazu?

«Die Gründe für diese verschiedenen Arten von Unglück liegen teils in unserem Sozialsystem, teils an der seelischen Verfassung des einzelnen, die selbstverständlich wieder ihrerseits im hohen Grade ein Produkt des sozialen Systems ist.» (Bertrand Russell)

Es ist oft einfacher, sich den Regeln und Erwartungen der Gesellschaft zu fügen. Man eckt weniger an, man ist für die anderen einfacher zu verstehen und damit genehmer. Die Frage ist, ob der Preis nicht zu hoch ist. Glück wird man so nicht finden, Menschen, die einen wirklich so mögen, wie man ist, auch nicht, da sie einen gar nie so erleben. Oft erschöpft einen dieses ständige dem Glück Nachrennen nur und die Gefahr besteht, dass wir uns von uns selbst entfremden, weil wir schlussendlich gar nicht mehr spüren, was wir wirklich wollen und brauchen würden, so sehr sind wir damit beschäftigt, den Ansprüchen zu genügen (die mit der Zeit auch zu Gewohnheiten werden).

Vielleicht ist es manchmal besser, nicht nach Glück, sondern nach den eigenen Bedürfnissen zu fragen. Und dabei genau hinzuhören. Vielleicht denkt dann der eine oder andere, man sei langweilig, doch: Und nun? Wen soll das wirklich kümmern? Vielleicht ist der dann auch nicht der passende Mensch im eigenen Leben? Schlussendlich lebt man immer nur mit einem Menschen, mit sich selbst. Wieso es also nicht dem zuerst recht machen? Und vielleicht stellt sich das Glück dann von selbst ein.

Tagesgedanken: Frei handeln

„Wir suchen den Spielraum, der uns verbleibt
Zwischen Gesetzen, die durch uns handeln,
Und suchen das Mächtige, das uns treibt,
In Freiheiten umzuwandeln.

Es läuft auf Unterwerfung hinaus.
Quer dürfen wir uns nicht stellen.
Sonst zerreißt es uns, und die Wege sind kraus.
Es geht nicht zurück zu den Quellen“

(Eva Strittmatter, Auszug aus „Einklang“)

Ich habe (ziemlich hohe) Ansprüche an mich und mein Tun und strebe danach, diese zu erfüllen. Gelingt es mir nicht, kommt eine Unzufriedenheit auf, eine innere Stimme schilt mich einen Versager, spornt mich an, es noch härter zu versuchen, noch mehr Einsatz zu leisten. Es geht mir nicht gut damit. Wo kommt diese Stimme her. Wessen Stimme habe ich da verinnerlicht? Und ich frage mich weiter, wie frei ich eigentlich bin in meinem Tun und Sein. Tue ich alles, was ich tue, aus mir heraus, oder versuche ich, äussere Anforderungen, Ansprüche zu erfüllen? Will ich etwas beweisen, gut dastehen, und handle aus dieser Motivation heraus? Wessen Ansprüche sind es? Die der Gesellschaft? Des Vaters? Des Chefs?

Im Alltag tun wir vieles aus Gewohnheiten und Prägungen heraus. Unsere Reaktionen auf Umstände, unser Umgang mit Herausforderungen sind selten reflektierte Handlungen, sondern automatisierte Abläufe. Ebenso ist es mit unseren Wünschen und Zielen: Geprägt von unserem Leben, unserer Herkunft und unserer Kultur haben wir Werte und Anforderungen verinnerlicht, denen wir zu entsprechen versuchen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, in gewissen Bereichen ist es sogar sinnvoll und gut für ein gelingendes Miteinander. Wichtig ist dabei jedoch, sich dessen bewusst zu sein.

Es hilft mir, immer wieder innezuhalten und auf mein Leben zu schauen: Was will ich wirklich? Und ich schaue auf meine Wünsche und Ziele, versuche herauszufinden, wo sie herkommen und ob sie wirklich meine sind. Will ich, was ich tue, für mich? Versuche ich, jemandem zu gefallen? Erfülle ich einen alten Anspruch? Versuche ich, Anerkennung zu erhalten durch mein Tun? Die Frage nach dem Wozu hilft, das aktuelle Tun zu hinterfragen und mit meinen wirklichen Wünschen abzugleichen: Wo will ich hin? Was erwarte ich vom Leben für mich? Lebe ich wirklich mein Leben?

Manchmal komme ich dann zum Schluss, dass ich von meiner eigenen Spur abgekommen bin. Was nun? Zuerst ist es sicher wichtig, hinzusehen, wieso ich an den Ort gelangt bin, an dem ich nun bin: Waren es Muster und Prägungen, die mich geleitet haben? Waren die äusseren Umstände so gelagert, dass nur dieser Weg möglich schien oder war? Gab es andere Gründe, die meinen eigenen Wünschen und Zielen nicht entsprachen, die mich aber angeleitet haben? Der nächste Schritt ist, herauszufinden, welche Möglichkeiten bestehen, meine eigenen Wünsche zu verwirklichen: Was kann ich nun tun, um meinen Kurs zu korrigieren? Was brauche ich dazu? Und dann gehe ich weiter – auf meinem Weg.

Tagesgedanken: Licht im Dunkel

Rainer Maria Rilke: Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden
Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangen Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Das Leben läuft nicht immer so, wie wir uns das erträumt haben. Manchmal beginnen wir einen neuen Lebensabschnitt voller Freude und Hoffnung, um dann vor einer Mauer zu stehen, wo es nicht mehr weiter geht. Oder wir leiden an einer Krankheit, die unsere Tage mit Schmerzen füllen. Oder Menschen, auf die wir gebaut haben, enttäuschen uns. Beispiele gäbe es viele. Nicht zu selten hadern wir dann. Wir trauern unseren geplatzten Hoffnungen nach, sehen die Welt dunkel und düster. Nur wollen wir die dunkle Seite eigentlich nicht in unserem Leben, wir suchen das Licht. Leider ist es erstens eine Illusion, zu glauben, ein Leben könnte nur aus lichtvollen Momenten bestehen, zudem ist es zweitens nicht mal sicher, ob das wirklich wünschenswert wäre.

Oft zwingen uns gerade diese Situationen dazu, genauer hinzuschauen. Und dann sehen wir plötzlich etwas, das uns vorher gar nicht klar war. Wir sehen unsere Irrtümer, sehen, wo wir uns selbst falsch eingeschätzt haben, stossen auf Träume, Wünsche oder Ziele, die uns viel mehr am Herzen liegen als die, welche wir verfolgt haben. Oft sind es die problematischen Situationen, an denen wir wachsen.

Vielleicht sind dunkle Stunden Chancen und Möglichkeiten. Trauern, hadern, seine Wunden zu lecken sind auch immer Zeiten, in denen wir innehalten. Es sind Zeiten, in denen wir unser Leben und uns selbst hinterfragen. Dieses Hinterfragen führt zu Einsichten in das eigene Sein und Tun, es bringt förmlich Licht ins Dunkel des Unterbewusstseins, holt Dinge hervor, die tief darin verborgen waren.  Vielleicht sehen wir das im ersten Moment nicht, da der Schmerz über das Scheitern einer Hoffnung zu gross ist. In diesen Momenten hilft es wohl nur, im Wissen darum zuversichtlich zu sein, dass auf Dunkelheit auch wieder Licht folgen wird, so wie Udo Jürgens singt:

«Immer, immer wieder geht die Sonne auf
und wieder bringt ein Tag für uns ein Licht,
Ja, immer, immer wieder geht die Sonne auf,
denn Dunkelheit für immer gibt es nicht»

Tagesgedanken: Selbstmitgefühl

„Mitgefühl für mich selbst ist der mächtigste aller Heiler.“ (Theodore Isaac Rubin)

Wenn ich etwas tue, das sich im Nachhinein als ungünstig oder gar falsch herausstellt, habe ich eine innere Stimme, die mit mir ins Gericht geht. Manchmal sage ich aus einem Impuls heraus etwas, reagiere auf etwas, das mich irritiert oder gar aufregt spontan auf eine Weise, die ich mit mehr Zeit zum Nachdenken wohl nicht gewählt hätte. Auch dann meldet sich sofort meine innere Stimme und fängt an, mit mir zu schimpfen. Und sie ist alles andere als zimperlich. Sie hält mir nicht nur diesen Fehler vor, sondern setzt auf die Verallgemeinerung: „Immer passiert mir sowas.“, „Wie kann ich nur so blöd sein.“, „Ich bin nicht gut genug.“ Zurück bleiben Wut über mich, Trauer auch sowie Scham und Schuld, weil ich bin, wie ich bin, und reagiere, wie ich es tue.

Ich ginge wohl kaum mit jemand anderem so hart ins Gericht, wie ich das mit mir selbst tue. Und je lieber ich den anderen hätte, desto nachsichtiger wäre ich wohl mit ihm. Was also lässt mich mit mir selbst so umgehen? Wieso bin ich so hart zu mir? Wieso würde ich anderen Fehler verzeihen, bei mir selbst bin ich aber unnachgiebig, prangere die Fehler und mich selbst an, halte mir alles immer und immer wieder vor? Wenn ich sage, dass ich mit anderen, je lieber ich sie habe, desto nachgiebiger umgehe, würde das analog bedeuten, dass ich mich selbst wenig mag. Könnte ich mich so behandeln, würde ich mich wirklich lieben?

Anderen gegenüber lassen wir oft Mitgefühl walten. Wir fühlen uns in sie hinein und fühlen, wie es ihnen gehen muss in bestimmten Situationen. Dies passiert auch aus der eigenen Erfahrung heraus, insofern ist diese durchaus wichtig für die Ausbildung von Mitgefühl. Es ist eine Form von Resonanz, indem in uns anklingt, was im anderen vor sich geht. Wir wissen, dass jeder Mensch Liebe und Glück will, dass er nicht leiden will und fühlen uns verbunden. Aus dieser Verbundenheit heraus wollen wir ihm möglichst wenig Leid zufügen und üben uns in Nachsicht, sind grosszügig im Umgang mit seinen Fehlern.

Wo aber bleibt unser Mitgefühl mit uns selbst? Auch wir sind eigentlich zwei (ein Bild, das auf Sokrates zurückgeht): Einer, der einen Fehler gemacht hat, und einer, der tadelt. Woher stammt dieser tadelnde Teil in uns? Wessen Stimme spricht? Und wie kann ich sie zum Schweigen bringen? Wohl nur, indem ich mir das zugestehe, was ich auch anderen zugestehe: Ich darf einen Fehler machen. Das heisst nicht, dass ich insgesamt ein Mängelwesen, dumm oder nicht gut genug bin. Es heisst schlicht, dass mir etwas nicht so gelungen ist, wie ich das gerne hätte. Und statt mich dafür zu beschimpfen, gehe ich besser liebevoll mit mir um und schaue, wie ich denselben Fehler bei einem nächsten Mal vermeiden kann. Und es heisst, dass ich mir trotz Fehler immer wieder sagen kann:

„Ich bin gut genug!“

Tagesgedanken: Integrität

«Herr, lass mich werden, der ich bin
In jedem Augenblick.
Und gib, dass ich von Anbeginn
Mich schick in mein Geschick.»

Mit diesen Zeilen beginnt ein Gedicht von Mascha Kaléko. Sein, wer man ist, in jedem Augenblick – was heisst das eigentlich? Es heisst, dass ich in meiner Integrität nach meinen Werten lebe, dass ich in Übereinstimmung mit dem lebe, was mir wichtig ist – nur: Ist das immer so eindeutig? Wie oft passiert es, dass in mir gegenläufige Stimmen streiten, dass Werte in Konflikt kommen. Der Wunsch nach Alleinsein kollidiert mit meinem Verantwortungsgefühl, für andere da sein zu wollen. Mein Wunsch nach einem künstlerischen Leben ist nicht vereinbar mit meinem Bedürfnis nach Sicherheit und Geordnetheit des Lebens.

Schon damit umzugehen ist schwer genug, doch dann gibt es ja nicht nur mich, es gibt auch andere, eine Gesellschaft. Und die hat Erwartungen an mich. Ich soll mich so verhalten, dass ich in diese Gesellschaft passe, dass ich meine Rolle in ihr wahrnehme. Diese Erwartungen haben sich tief in mich eingebrannt und ich strebe danach, sie zu erfüllen. Ich will also einerseits ganz ich sein, andererseits aber auch Teil eines Ganzen, was von mir eine gewisse Anpassung erfordert. Kant nannte diesen Widerspruch «ungesellige Geselligkeit».

Was ist also nun der richtige Weg hin zu einem guten Leben, einem Leben, von dem ich sagen kann, dass es wirklich meines ist, ich als Ich in ihm bestehe und trotzdem Teil eines Ganzen bin? Wenn ich bedenke, dass ich allein nicht lebensfähig bin, dass ich abhängig bin von anderen, kann ich fast nicht anders, als dafür zu sorgen, dass diese anderen mit und neben mir gut leben, dass wir in einem guten Miteinander diese Welt teilen. Insofern müsste die Sorge um das Ganze immer auch mein eigener Wunsch sein, nicht nur eine auferlegte Rolle, die wir zähneknirschend erfüllen.

Das ist in der Theorie einfach gesagt, stellt sich in der Praxis wohl oft als schwierig heraus, da mir meine Abhängigkeit im Alltag nicht bewusst ist. Und genau da muss ich wohl ansetzen: beim bewussten Hinsehen auf mich, auf mein Leben, auf das, was ich brauche. Ich muss wissen, was mir wichtig ist, ich muss mich mit meinen Bedürfnissen, auch den nicht so offensichtlichen, kennen, und aus dieser Kenntnis heraus kann ich entscheiden, was es für mich heisst, ein integres Leben zu leben, ein Leben, von dem ich sagen kann: Das ist MEIN Leben. Das ist der Fall, wenn ich ich bleibe, im Wissen, dass ich nur ich sein kann, wenn andere um mich sind.

So gesehen wäre die Anpassung zur Sicherung eines für alle stimmigen Miteinanders mein Wunsch und Wert und dadurch Teil meiner selbst und nicht im Konflikt. Abzuschätzen gilt wohl nur, in welchen Situationen er der relevante Wert ist, andere zurückstehen müssen, und in welchen ich anderen den Vorzug geben kann, mal wirklich für mich zu schauen, meine ganz eigenen Bedürfnisse auszuleben.

Tagesgedanken: Wozu das alles?

«Die Sinnfrage entsteht aus einer persönlichen Suche, manchmal Verzweiflung heraus. Hier ist ihr Ursprung, hier ist sie verankert.»[1]

Manchmal frage ich mich «Wozu das alles?» Das passiert in Situationen, in denen ich die Welt nicht verstehe, in denen ich müde bin, weil das Leben in Bahnen scheint, die mir nicht gefallen, wenn ich mich in etwas gefangen sehe, wo ich nicht sein will, oder aber wenn mir etwas so viel Kraft und Energie abverlangt, dass ich an meine Grenzen stosse. In dem Moment taucht sie auf und stellt sich mit grossen Fragezeichen vor mich: Die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Wobei, ich muss korrigieren: Es ist die Frage nach dem Sinn meines Lebens. Denn: Ich bin überzeugt, dass es keinen Sinn des Lebens gibt, das Leben an sich ist sinnfrei. Es ist ein Zustand (Dasein), ein Tun (leben), ein zeitlicher Prozess (von der Geburt zum Tod). Das alles ist ohne unser Zutun da, aber wir füllen es nun aus. Wir sind in der Pflicht, etwas daraus zu machen. Oft richten wir uns an einem Ziel aus. Damit haben wir eine Richtung, in die es laufen soll und tun, was dazu nötig ist. Wenn das gut gelingt, ist alles in Ordnung, wir sind zufrieden. Gelingt es aber nicht, kommen wir manchmal ins Straucheln, ins Hinterfragen. Wir fragen, woran es lag, was falsch lief. Und dann kann es passieren, dass wir zu zweifeln beginnen – an uns, am Leben. Und wenn all das zuviel Kraft kostet, ist es nicht mehr weit hin stosshaften Seufzer:

Wozu das alles?

In dieser Frage, zumal wenn sie in schwierigen Situationen ausgesprochen wird, steckt nicht nur der Wunsch nach Erkenntnis, es steckt auch ein Stück Verzweiflung ob der fehlenden Sinnhaftigkeit drin, sowie eine Verlorenheit, weil die Ausrichtung, das klare und zu erreichende Ziel fehlt, das einem Sicherheit gibt auf dem Weg durchs. Leben. Wir brauchen diesen Sinn, damit wir einen Halt im Leben finden. Nietzsche drückte das folgendermassen aus:

«Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie.»

Die Sache ist die: Um den Sinn für das eigene Leben zu finden, braucht es vor allem den Willen durch Selbstreflexion, Geduld und Mut. Ich muss bereit sein, herauszufinden, wer ich bin und was ich wirklich will im Leben. Was sind meine Werte, was meine Wünsche? Aber auch: Was sind meine Fähigkeiten und Möglichkeiten? Das alles braucht Zeit, denn das Graben geht tief und führt oft zu widersprüchlichen Antworten, die man dann wieder aussortieren muss danach, was wirklich eigene Bedürfnisse sind und was nur prägenden Stimmen anderer geschuldet ist. Mut braucht es dann, wenn man herausgefunden hat, wo die Reise hingehen soll. Es gilt, auch mal gegen den Strom zu schwimmen, wenn dies erforderlich ist – und die Konsequenzen zu tragen, wenn dies nicht allen gefällt. Es gilt, auch mal Durststrecken durchzustehen, im Glauben daran, dass man seine Ziele erreichen kann. Und es gilt, auch mal mit Niederlagen umgehen zu lernen, da trotz allem Nachdenken nicht jedes Ziel erreichbar ist.

Aber es gibt auch was: Eine momentane Antwort nach dem Wozu. Wozu gehe ich den Weg? Weil ich dieses Ziel habe, das mir entspricht. Momentan ist die Antwort deswegen, weil die Ziele sich ändern können, man sie auch mal aus den Augen verlieren kann – oder sie sich als Illusion herausstellen. Dann fängt der Prozess von Neuem an. Und vielleicht gewinnt man mit der Zeit auch eine Art Vertrauen, dass man den Sinn für das eigene Leben immer wieder neu finden kann. Es gibt nicht nur ein Wozu, es gibt viele.


[1] Christian Uhle, Wozu das alles?

*****

Dies sind eigene Gedanken, keine Rezension. Trotzdem kann ich das Buch, aus dem das Eingangszitat stammt, sehr empfehlen. Es ist in meinen Augen manchmal etwas sehr ausführlich und ausschweifend, aber durchaus eine sinnvolle und anregende Lektüre:

Christian Uhle: Wozu das alles? Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens

Zum Inhalt:
Christian Uhle geht in seinem Buch einer Frage nach, die die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt: Die Frage nach dem Sinn des Lebens. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, befragt verschiedene Philosophen und beleuchtet unterschiedliche Ansätze. Er fragt, warum wir hier sind und wohin das alles führen soll, fragt danach, was wirklich zählt im Leben und was Glück ist. Er fragt, wo man als Mensch verhaftet ist, wo das Zuhause ist – und was es bedeutet, wenn man es nicht mehr sieht. Identität und Zielsetzungen sind ein Thema sowie die Frage es guten Umgangs miteinander.

Entstanden ist ein informatives, gut lesbares, ab und zu etwas ausschweifendes und plauderhaftes Buch, das nicht nur viel Freude macht beim Lesen, sondern sicher etwas mit auf den Weg gibt – und wenn es nur die Anregung um selbst Denken ist.

Tagesgedanken: Ich erzähle mir von mir

Manchmal erzähle ich mir eine Geschichte. Ich erzähle mir von meiner Kindheit, von meiner Jugend, lasse Beziehungen Revue passieren und male mir so ein Bild von dem Menschen, der ich war und bin. Und irgendwann erzähle ich mir wieder eine Geschichte. Es ist die Geschichte meines Lebens, wie es war, und die Geschichte davon, wie ich wurde, wer ich bin. Es ist eine andere Geschichte. Und doch die gleiche. Und ich bin die gleiche – und doch ist etwas anders. Und mir schwant, dass ich wohl viele bin, nicht nur eine. Und die vielen zeigen sich auch teilweise, indem sie in mir miteinander streiten, weil jede etwas anderes denkt und will.

Manchmal fühle ich mich von all dem überfordert und frage mich, wer von all dem ich denn nun wirklich bin. Was ist die Wahrheit, was ist Wirklichkeit? Und dann merke ich, dass alles wahr ist. Ich habe nirgends gelogen, nichts erfunden – und doch irgendwie alles. Ich habe mich in diesen Erzählungen gefunden und teilweise auch erfunden, indem ich erzählte und beim Erzählen eine Auswahl traf. Im Moment des Erzählens erschien diese Auswahl richtig. Etwas verunsichernd war, zu sehen, wie viel dabei unbewusst ablief, wie ich ohne Absicht ein Bild von mir entwarf, das ich für die Realität hielt. Das zeigte mir, wie viel sich eigentlich meiner Kontrolle entzieht, wie viel bei mir abläuft, ohne dass ich es mitkriege, wie sehr ich gesteuert bin durch Muster, Denkweisen, Prägungen.

Ich merkte aber auch, dass das in Ordnung ist, dass ich in Ordnung bin. Es ist auch tröstlich, zu sehen, dass man viele Geschichten in sich trägt, die alle wahr sind, dass man ganz viel ist, nicht nur das, was vielleicht mal nicht gut läuft. Es ist hilfreich, wenn man in Situationen, in denen man einen Fehler macht, mal nicht optimal reagiert, zu wissen, dass man noch viel mehr ist als nur das. Man hat nur nicht zu jedem Zeitpunkt alles zur Hand und alles im Griff. Und vielleicht ist dieses Wissen um das eigene Sein, den eigenen Wert, das Wissen, dass dieser Wert nicht schwindet durch eine Unzulänglichkeit, das grösste Glück.

«Das Glück hängt an dem Selbst, das sich dessen erfreut und damit im reinen ist, sich nicht vollends im Griff zu haben.» (Dieter Thomä)

Vielleicht sollten wir uns mal unser Leben erzählen. Und am nächsten Tag nochmals. Und dann wieder. Und dann sehen, wie viele Leben wir lebten und was wir alles sind.

Philosophisches: Faden im Gewebe

«Die Menschen sind nicht nur in der Kleidung und im Auftreten, in ihrer Gestalt und Gefühlsweise ein Resultat der Gesellschaft, sondern auch die Art, wie sie sehen und hören, ist von dem gesellschaftlichen Lebensprozess […] nicht abzulösen.» Max Horkheimer

In der heutigen Zeit ist es das höchste Ziel, möglichst selbstbestimmt, authentisch, autonom zu sein. Die eigene Identität steht im Zentrum des eigenen Universums, sie will gelebt werden, sie darf nicht unterdrückt werden, sondern ihre Freiheit im Sinne einer freien Entfaltung ist das höchste Gut. Einschränkungen werden mit Argwohn betrachtet, schnell abgelehnt und verurteilt. Dabei vergessen wir, dass wir als die, die wir sind, eigentlich ein Produkt der Gesellschaft sind, in die wir geboren wurden. Erst durch unseren Austausch mit anderen bildet sich unsere Persönlichkeit heraus, erst durch unser Handeln und Sprechen mit ihnen, können wir werden, wer wir sind.

Hannah Arendt hat das schöne Bild der Gesellschaft als Gewebe gezeichnet: Durch unser Sprechen miteinander schaffen wir ein Gewebe, das wir als Gesellschaft bezeichnen. Sie ist das, was zwischen uns entsteht, wenn wir sprechen und handeln. Wird nun ein neuer Mensch geboren, webt er sich durch sein Dazukommen und Mitreden als Faden in dieses Gewebe ein. Der gegenseitige Austausch prägt den Einzelnen in seinem Sein und gibt der Gesellschaft etwas Neues hinzu.

Webt man dieses Bild nun weiter, würde jeder Faden, der aus dem Gewebe herausgerissen wird, ein Loch entstehen lassen. Indem wir also Menschen, die zum Gewebe der Gesellschaft gehören, unterdrücken, diskriminieren, ausgrenzen, schädigen wir das Gewebe, in das unser Faden eingewebt ist, von innen heraus. Wir machen ein schadhaftes Gewebe daraus. Insofern schaden wir nicht nur denen, die wir schlecht behandeln, sondern fügen auch uns selbst Schaden zu, indem wir den Ort, der uns zu dem macht, die wir sind, auf eine Weise prägen, die auch das eigene Leben irgendwann beeinträchtigen kann, denn: Wer sagt, dass eine Gesellschaft, die sich gegen Pluralität stellt, nicht plötzlich auch etwas an uns selbst findet, das nicht in ihre Vorstellungen passt?

Ein Grund mehr, darauf zu achten und sich dessen bewusst zu sein: Jeder Mensch ist anders und er soll das sein dürfen. Er gehört in diesem So-Sein zum Gewebe, das unser Miteinander darstellt. Nur so kann ein strapazierfähiges, buntes Gewebe entstehen.

Tagesgedanken: Zusammenleben

„Seien Sie aufmerksam gegen das, was in Ihnen aufsteht, und stellen Sie es über alles, was Sie um sich bemerken. Ihr innerstes Geschehen ist Ihrer ganzen Liebe wert, an ihm müssen Sie irgendwie arbeiten und nicht zu viel Zeit und zu viel Mut damit verlieren, Ihre Stellung zu den Menschen aufzuklären.“

Diese Zeilen schreibt Rilke an einen jungen Schriftsteller. Er fordert ihn auf, sich auf sich selbst zu besinnen, bei sich zu schauen, was wichtig ist, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sie zu erfüllen. Es ist nicht wichtig, so Rilke, was die andren über einen denken, wichtig ist, dass man mit sich im Reinen ist. Und daran muss man arbeiten, nicht am Stand unter den anderen Menschen.

Daran ist viel Wahres. Wenn ich mich selbst nicht kenne, wenn ich meine Bedürfnisse nicht wahrnehme, wenn ich nur nach aussen, kaum nach innen schaue, entfremde ich mich mit der Zeit von mir selbst. Gerade die Selbstreflexion macht uns als Menschen aber doch aus, die Fähigkeit, ein Bewusstsein zu entwickeln, mit dem wir die Welt und auch uns selbst erfassen können.

Es verwundert nicht, dass dieser Rat von Rilke kommt, hat der doch zeitlebens den grossen Teil seiner Zeit dem gewidmet, was ihm das wichtigste war, nämlich dem Schreiben. Dem ordnete er alles unter und das ohne Rücksicht darauf, was andere davon halten mochten. In dem Rat steckt aber eine Schwierigkeit: Können wir uns einfach aus der Welt nehmen? Wir sind soziale Wesen, die auf andere angewiesen sind. Wir brauchen die Gemeinschaft nur schon, um uns überhaupt selbst zu erfahren, zu dem zu werden, der wir sind, eine Identität auszubilden. Natürlich sollten wir uns nicht von den Urteilen anderer abhängig machen. Natürlich sind unsere Bedürfnisse wichtig und sollten nicht einfach übergangen werden. Dabei sollte aber immer bewusst bleiben, dass auch der andere Bedürfnisse hat. Auf meinen zu beharren, zu klagen, wenn sie nicht alle erfüllt sind, mutet eher selbstverliebt als selbstsorgend an. Vor allem, wenn der Blick nur noch auf sich gerichtet ist, damit der andere völlig ausgeblendet wird.

Es mag nicht schön sein, zurückzustecken. Manchmal tut es weh. Und vielleicht ist es wirklich unnötig, unfair, verletzend. Vielleicht aber ist es schlicht der zu machende Kompromiss, um in einem Miteinander, in dem jeder seinen Platz und seine Rechte hat, friedlich zusammenzuleben.