Schein und Sein

Von aussen sieht man nur, wie etwas scheint; wie es ist, weiss nur, wer es erlebt.

Ich bin mit Krimis wie „Der Alte“, „Derrick“, „Ein Fall für zwei“ und wie sie alle hiessen, aufgewachsen. Auch deutsche Komödien schaute ich dann und wann. In allen traf man immer wieder auf dieselben Schauspieler, man wusste so schon bald am Anfang des Krimis, wer der Mörder ist, weil dieser immer von denselben Schauspielern gespielt wurde. Ein Problem war das keines, im Gegenteil, wir erheiterten uns und schauten mit Freude weiter. 

Der Umstand, dass diese Schauspieler so präsent waren, liess darauf schliessen, dass sie Erfolg hatten. Dass sie auf der Sonnenseite des Lebens standen. Ab und an kriegte ich von meiner Grossmutter Regenbogenpresse, von deren Cover sie mir entgegen lächelten. Sie strahlten all ihr Glück vom Magazin in mein Wohnzimmer. Und es gab Momente, in denen ich dachte: „Ich hätte auch gerne so viel Glück!“ Nicht dass ich Schauspielerin werden wollte oder sonst berühmt, den Gedanken hatte ich nie. Es ging mir eher um das offensichtliche Glück, das sie im Leben zu haben schienen. Sie konnten den Beruf verfolgen, den sie wollten (ich ging davon aus, dass niemand Schauspieler wider Willen ist, da es doch der Traum vieler ist und doch Glück und Einsatz erfordert, ihn wirklich auszuüben). 

Viele Jahre später gelangte mir ein Buch in die Hände. Ich forschte zum Thema, wie man heute mit der Vergangenheit umgehen soll, vor allem, wenn diese Vergangenheit eine so schreckliche wie der Holocaust ist. Ich las Überlebendenbiographien, las Bücher über die Lager, über die Zeit. Und dabei auch eine Biographie, die mir nahe ging. Es war Michael Degens „Nicht alle waren Mörder“. Er schilderte darin seine Kindheit in Berlin, eine Kindheit auf der Flucht, eine Kindheit in Verstecken, eine Kindheit ausgesetzt den Launen und der Übermacht anderer. 

Wie oft hatte ich ihn in die Kamera lächeln sehen? Wie oft hatte ich gedacht: „Wow, toller Mann, toller Schauspieler, Glückspilz!“? Hatte ihn auf der Sonnenseite des Lebens gewähnt? Das Buch ist nicht wehleidig. Es ist nicht im Stil „Ich bin ein armes Opfer“ geschrieben. Es beschreibt eine Mutter mit ihrem Sohn, der voller Zuversicht durch diese schwierige Zeit geht, weil seine Mutter ihm verspricht, dass sie heil aus ihr hervorgehen. Eine tolle Frau. Wie viel Kraft muss es sie gekostet haben?

Er hatte sicher viel Glück im Leben. Trotz dieser unglaublich düsteren Zeit, welche aber nicht ausschliesslich eine düstere Kindheit war, wie er sagt. Er konnte für sich positive Momente daraus ziehen. Er hat überlebt. er hat einen Beruf ergriffen, der ihm lag, der ihn erfüllte. Er hatte Glück, hat sich eingesetzt. Und steht noch heute in diesem Beruf. Und wenn man ihn darüber sprechen hört, spürt man das Herzblut. Spürt man die Freude und die Leidenschaft. 

Also doch Sonnenseite des Lebens? Das wäre in meinen Augen zu kurz gegriffen. Leid war da. Ist sicher immer mal wieder da gewesen über die Jahre. Gesehen hat man von aussen nur den strahlend fotografierten. Und sich gedacht: „Was für ein Glückspilz. Wenn es mir so gut ginge, könnte ich auch so lachen.“ Dahinter blickt man nie, nur dran hin. Und dessen sollte man sich immer bewusst sein. 

Mit Kritik umgehen

Ich mag keine Kritik. Mochte ich nie. Zumindest im ersten Moment trifft sie mich. Ich fühle mich schlecht, denke, ich hätte was nicht gut gemacht (offensichtlich). Es ist ein Gefühl des Versagens, das aufkommt. In diesem ersten Moment denke ich nicht, dass der Kritisierende vielleicht falsch liegen könnte. Ich denke auch nicht, dass er es nur gut meint, ich etwas lernen könnte aus seinen Worten. Ich kann mir auch nicht sagen, dass niemand perfekt sein muss, Fehler gemacht werden dürfen – von mir und von anderen. Ich sitze da und das schlechte Gefühl, das sich aus Trauer, Verletztheit, Wut, Enttäuschung und noch einigem mehr zusammensetzt. 

Ich kritisiere ungerne. Je lieber mir das Gegenüber ist, desto schwerer fällt mir Kritik. Ich möchte nicht, dass der andere sich schlecht fühlt. Ich möchte aber auch nicht, dass ich ihn in ein Unglück laufen lasse, indem ich etwas gut rede, das vielleicht nicht gut ist. Und ich möchte schon gar nicht lügen. Das ist vor allem dann schwer, wenn man von Berufes wegen eher kritisch eingestellt sein muss, die Dinge eher hinterfragen und nach Fehlern durchforsten muss. Nur sind es da meist Texte, Denker, die nie lesen werden, was ich schreibe, Schriftsteller, die entweder längst tot sind oder aber nie von meinen Zeilen erfahren. Und doch – es fällt mir manchmal schwer, weil ich denke: Wer bin ich, dahin zu gehen und zu kritisieren, was jemand mit Herzblut und ganzem Einsatz machte? Was bilde ich mir ein, mich über den zu stellen? 

Genau so fühlt es sich auch an bei der Kritik an meiner Person und meinem Tun: Jemand stellt sich über mich und will mir sagen, dass er besser wisse als ich, was gut wäre. Ich frage mich nur: Wieso hat er es nicht getan? Dahin stellen kann sich jeder. Es tun ist was anderes. 

Kürzlich war mein Sohn beim Fussball. Ein Freund von mir begleitete ihn, ersparte mir das stundenlange Spielfeldrandsitzen und machte dem Kind die Freude, mit ihm Zeit zu verbringen. So weit so gut. Als sie zurück kamen, kritisierte besagter Freund den mangelnden Einsatz des Kindes. Für mich nichts wirklich Neues, ich kenne meinen Sohn und der ist nie bei der Gruppe, die schreit „Extra Bewegung? Ich will sie haben!“. Der kluge Junge liess das aber nicht einfach auf sich sitzen und meinte zum Kritiker, der als Sport- und Bewegungsmuffel bekannt ist: „Mach es doch besser!“ Er hörte darauf:

Ein Kritiker ist keiner, der etwas praktisch besser kann, er weiss nur theoretisch, wie es besser ginge. 

Mein Sohn wollte das nicht gelten lassen, er fand das eine billige Ausrede. Ist es das? Ja und nein. Es gibt Menschen, die meinen andere kritisieren zu müssen, nur weil sie denken, sie hätten selber die Weisheit mit Löffeln gegessen (mündlich klänge das stärker). Sie wollen aus einer selbst erstellten Machtposition heraus auf andere herabschauen und ihnen zeigen, dass sie alles wissen, der andere nichts. Das ist die Machtdemonstration des eigentlich frustrierten Besserwissers und da hat mein Sohn ganz recht: „Macht es doch besser!“ Diese Art der Kritik ist absolut destruktiv. 

Dann gibt es den sachlichen Kritiker. Der eigentlich aus Liebe zur Sache kritisiert, im Dienste der Sache auch und nie, um jemandem weh zu tun, jemanden abzuwerten. Das ist in meinen Augen eine durchaus legitime Art des Kritisierens, da es a) um die Sache geht, b) keine egoistischen Motive hat, c) nicht verletzen will, indem es nicht gegen jemanden, sondern für etwas ist. Es kann auch helfen, etwas zu verbessern, etwas zu durchschauen. Von aussen sieht man ja ab und an mehr als wenn man selber tief in etwas steckt. Diese Kritik ist konstruktiv, sie ist lehrreich. 

Und es gibt den wohlwollenden Kritiker. Er kritisiert aus Liebe zum Kritisierten, weil er ihm vielleicht auch helfen will, ihn vor etwas bewahren will. Er will seine Meinung zeigen, eine Meinung, die nicht zwangsläufig richtig sein muss, aber eine andere Sicht der Dinge darstellt. Er will den geliebten Menschen nicht verletzen, sondern ihm helfen durch seine ehrlichen Worte. An dieser Kritik kann man wachsen. 

Und noch immer gebe ich zu, dass mich Kritik im ersten Moment trifft. Das wird sie wohl immer. Die Momente werden aber kürzer. Und ich habe durch meinen Weg so viel Gelassenheit gelernt, nicht alles gleich in die Tonne zu treten, sondern es nach einem kurzen Durchatmen anzuhören und zu reflektieren. Erst vielleicht noch gepaart mit Trotz, mit spitzen Bemerkungen, innerlich schon hinterfragend „hat er recht?“. Dann genauer hinhörend, überlegend: „Kann ich das auch so sehen?“

Am Schluss nehme ich mir das Recht heraus, zu sagen: „Nein, ich bleibe bei meinem. Danke für die Kritik, aber für mich stimmt es, wie es ist. Dies geschieht zumindest bei den konstruktiven Kritiken. Bei den anderen schmunzle ich innerlich und denke mir das Meine. Sicher auch, weil ich weiss, dass ich genug Leute habe, die ehrlich sind zu mir und konstruktiv. Dafür bin ich dankbar, dafür möchte ich danken! Danken dafür, dass sie meine Spitzfindigkeiten im ersten Getroffensein auf sich nehmen, danken dafür, dass sie immer und immer wieder bereit sind, mir zuzuhören, mit mir zu denken, mit mir zu hinterfragen. Und dafür, dass sie da sind. 

Von der Freiheit des Willens – Work in Progress

Meine momentane Forschungstätigkeit befasst sich mit dem freien Willen und inwiefern er existiert. Ich habe momentan noch mehr Fragen als Antworten, da beim Lesen diese immer drängender in den Vordergrund stechen, ich aber noch zu wenig Material habe, wie ich finde, eine wirkliche Meinung zu vertreten, zu der ich stehen kann. Ich nenne das Work in Progress. Ich werde hier in unregelmässigen Abständen von dieser Arbeit erzählen, vielleicht auch mal Fragen stellen oder Bücher dazu vorstellen.

Ein Blogartikel in einem meiner Lieblingsblogs befasste sich unlängst auch mit dem Thema:

Zeitspiegel: Der freie Wille

Gestützt auf Franz M. Wuketits Buch Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion (Hirzel Verlag) geht der Zeitspiegel der Frage nach, ob der Wille wirklich frei ist und kommt zum Schluss, dass diese als sicher geglaubte Tatsache gehörig ins Schwanken geraten ist durch die neueren Erkenntnisse aus Natur- und Sozialwissenschaften. Der freie Wille sei gar eine evolutionäre Evolution, befindet Wuketits.

Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, weiss ich noch nicht, noch bin ich skeptisch. Einige Fragen kamen aber auch mir durch meine aktuelle Lektüre von Harry G. Frankfurts Sich selbst ernst nehmen.

Was genau bedeutet Willensfreiheit? Wann ist sie gegeben, wann nicht. Kann es eine absolute Willensfreiheit geben oder ist sie gar nicht erstrebenswert? Ist sie überhaupt relevant oder ist sie nur ein Mittel zu einem höheren Zweck? Wie sieht der aus? Ich würde mal sagen, ganz platt: Ein schönes und gutes Leben. Das Schöne und das Gute als höchste Ziele des Lebens – zu definieren wären die Begriffe auch noch. Es gibt einiges, aber ohne konzise Begrifflichkeit ist das Ziel unklar. Stellen wir die Hypothese aber in den Raum, es sei so. Dann wäre der freie Wille dazu da, genau dieses Ziel zu erreichen. Wir bestimmen, was wir als schön und gut empfinden (tun wir das? Nach absolut freiem Willen sicher) und wählen den Weg frei, der dahin führt.

Wir schliessen aus, was vom Pfad abbringt, streben an, was ihn verfolgt. Damit negieren wir gewisse Dinge, schliessen sie aus unserem Leben aus, weil sie nicht den Weg verfolgen, den wir gehen wollen. Das können Einflüsse sein, können eigene Eigenschaften sein. Lassen die das einfach so zu? Und wenn nicht, sind wir dann immer noch frei, da sie ja entgegen unserem Willen doch noch aktiv sind?

Harry G. Frankfurt sagt, in dem Fall wären wir nicht mehr dafür verantwortlich, da wir diese Eigenschaften nicht wollen, sie sich über unseren Willen stellen. Nur wäre damit die Freiheit schon eingegrenzt in meinem Verständnis. Er hat keine absolute Durchsetzungsmacht, insofern ist er doch begrenzt. Oder sehe ich das falsch?

Work in Progress

Zweiter Versuch – Was ist ein Mensch?

Der Mensch ist Mensch dadurch, dass er sein Verhalten hinterfragen kann, dass er quasi in zweiter Instanz denken kann und so das primäre Denken und Handeln zum Gegenstand des eigenen Denkens macht. Diese Selbstreflexion macht den Menschen aus und hebt ihn vom Tier ab. 

Nun stellt sich natürlich die Frage: Indem er sich hinterfragt, sollte er auf das Gute stossen. Sollte sehen, ob das, wie er handelt, dem entspricht, wie er sein will. Wäre dies nicht der Fall, könnte er mittels seines Willens das Handeln dahin steuern, so zu handeln, wie er es für seinen Wunsch des Seins als angebracht erachtete. 

Ist der Wille so stark? In jeder Sekunde unseres Seins? Kann mein Wille wirklich frei über mein Handeln bestimmen und ist dieses nicht auch anderen Einflüssen unterworfen? Solchen von innen wie von aussen? Was prägt das Ich? Was prägt mein Sein? Mein Handeln? Mein blosser Wille? Ist er Teil einer Kette von Faktoren? Wie sehen die aus? Kultur, Familie, Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse? Ist mein Wille frei von all diesen oder beeinflussen sie nicht nur mich, sondern auch den Willen? Wäre er frei, stünde er gleichberechtigt neben den restlichen Einflüssen. Wäre er beeinträchtigt, würde seine Kraft mit der steigenden Masse von Einflüssen an Kraft einbüssen. 

Was ist der Mensch? Was macht ihn aus? Wie frei ist er in der Bestimmung seines Seins? Seines Handelns?

 

Work on Progress…

Alltagstrott

Oft hört man bei Paaren, sie hätten sich getrennt, weil der Alltag eingekehrt sei, Langeweile herrschte, man sich in dieser Langweile wohl auch nach mehr Spannung sehnte und die im Aussen suchte. Wenn man in einer Gewohnheit drin steckt, kann die gut und gerne mal eingerostet erscheinen, man selber denkt, der Rost greife auf einen über, man fühlt sich erstarrt, eingeschlafen, nicht mehr lebendig. Findet man dann eine Herausforderung, ein kleines Aufblitzen von etwas Neuem, etwas Spannendem, dann erwachen die vorher noch so starren Sinne und Glieder, man fühlt sich wieder am Leben, voller Tatendrang, voller Freude, voller Aufbruchsstimmung. Der Weg dahin, das alte und gewohnte Leben als noch langweiliger und noch festgefahrener zu sehen, ist nicht weit. Noch weniger weit ist das Gefühl, in eben diesem Leben gefangen zu sein.

In den buntesten Farben malt man sich aus, was alles auf dieser Welt nur darauf wartet, von einem gesehen, erfasst, gelebt zu werden. Man sieht all die Chancen, die im momentanen Leben nicht möglich sind. Man sieht die Träume, die man noch verwirklichen möchte. Man sieht die Schlösser, die man bauen könnte und sieht sich drin sitzen als Prinzessin im Reich der eigenen Wünsche. Man hört als verheiratete Frau zum Beispiel von Singles, die ein abenteuerliches Leben führen, die Männer kennen lernen, in den Ausgang gehen, das Leben geniessen. Man hört von witzigen Flirts, bereichernden Kontakten. Man hört von einem Leben ohne Alltagstrott, ohne die Fehler des anderen, ohne Socken am Boden und ungebügelte Hemden. Die Welt ausserhalb des eigenen Trotts wirkt so verlockend. Man bricht aus. 

Zuerst das Aufatmen. Alles ist neu zu organisieren, alles ist frisch. Befreiung pur. Wo sind nun aber all die netten Männer? All die witzigen Kontakte? Wo die Chancen, die nur darauf warten, ergriffen zu werden? Wo die geselligen Abende in grosser Runde? Irgendwie hat man sich das alles anders vorgestellt. Und neben der ganzen Umorganisation des eigenen Lebens macht sich langsam Einsamkeit breit. Die vorher so interessant wirkenden Möglichkeiten scheinen sich in Luft aufzulösen, die vorher attraktiven Männer haben alle eine Macke (oder mehrere), die Welt ist auch als Single nicht nur locker, flockig und rosarot und überhaupt – das alte Leben war im Nachhinein gar nicht so übel. Die ach so langweiligen Werte wie Beständigkeit, Verlässlichkeit, Verantwortung hatten ihre sehr guten Seiten. 

Ich kenne diese Welt auch, allerdings kenne ich auch die umgekehrte: Ich liebe Alltagstrott. Ich liebe all die verlässlichen und beständigen Dinge, die täglich wiederkehren. Ich mag es, wenn ich weiss, wie alles ist, wie es wird, wenn ich weiss, was die Tage mir bringen. Neues macht mich unruhig, liegt mir nicht. Ich mag die mir vertrauten Dinge um mich, weiss, wo alles ist, weiss, dass es da ist. Ferien sind mir ein Graus. Nie habe ich all das dabei, was mir irgendwann im Laufe der Zeit fehlt. Nie habe ich meine Ruhe für mich, kann einfach nur in den Tag hinein leben, der mir vertraut ist, wo alles seinen Platz  hat. Es sind schliesslich Ferien, man muss was erleben, muss etwas sehen, muss die Welt erkunden und Freizeitbeschäftigungen abhaken. Dazu hat man ja Ferien.

Neuerungen im Alltag sind  mir ein Gräuel. Termine, die meinen Alltagstrott durchbrechen und über den Haufen werfen eine Plage. Ich werde giftig. Unleidlich. Schimpfe, tobe. Bis das Neue da ist, durch ist und ich sehe: ging ganz gut. Und dann kehrt wieder Zufriedenheit ein. Bin ich sonderbar? Mag sein. Vielleicht auch borniert, verkalkt, langweilig. Möglich. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich mag den Trott, ich schick mich drein und wenn man mich da lässt, bin ich absolut pflegeleicht, zufrieden und fröhlich. 

Ok, meistens. Ab und an sehe ich in der Welt draussen Dinge. Die sehen neu und spannend aus. Und machen Lust, sie zu erkunden, sie zu ergreifen. Und ich sehe die andern, die sie ergreifen, höre, wie sie davon sprechen und denke, es wäre genau das, was ich auch wollte, damit ich auch wäre, wie sie, hätte, was sie haben. Spüre die Unzufriedenheit aufsteigen. Stelle mir vor, wie alles wäre, wäre ich genau da, hätte genau das, denke mir, was das für mich bedeuten würde – und bin schlagartig geheilt. Gehe zurück in meinen Alltagstrott, bin dankbar, ihn zu haben. Er ist mein Stück Heimat, mein Stück Geborgenheit, mein Halt und mein Leben. Und das ist gut so, genau so brauche ich es – für mich. 

 

Oben – Unten – Hierarchien der Gesellschaft

Mein Sohn (10) meinte heute, dass die handwerklichen Berufe eigentlich wichtiger seien als all die hohen Managerpositionen. Ich fragte ihn, wie er darauf komme und er meinte: Wenn die nicht ihre Arbeit machen würden, hätten die oben gar keinen Job. Welcher Architekt könnte arbeiten, gäbe es keine Bauarbeiter? Welcher Manager könnte am Tisch sitzen, würde niemand den Tisch schreinern? Welcher Manager könnte arbeiten, hätte er keine Sekretärin, welcher Arzt, hätte er keine Sprechstundenhilfe? 

Ich schaute meinen Sohn an, gab ihm recht und war dankbar, einen so klugen Sohn zu haben. Wann geht diese Sicht verloren? Wer verdirbt sie? Nicht, dass mein Sohn nicht auch Millionärsträume hätte, nicht, dass er sich auch gerne ganz weit oben sieht. Die Einsicht in die Wertigkeit, die war schön zu sehen. Sie soll nicht zementieren, dass die einen besser sind als die anderen, sie soll nur zeigen, dass es alle braucht und niemand eigentlich in der Lage sein sollte, auf den anderen herabzuschauen. 

Steglitz stellt Sandra Matteotti mit „Bücherwelten“ und „Denkzeiten“ vor

Das Netz-Buch-Dickicht etwas lüften will die Reihe „Steglitz stellt bibliophile Blogger vor“. Gedacht ist das so: Buchaffine Blogbetreiber, die sich jeweils in Kurz-Interviews präsentieren, sprechen Blogempfehlungen aus, deren Betreiber ich wiederum einlade, die acht Fragen zu beantworten. –  Langfristig, könnte so ein bibliophiles Blog-Brevier entstehen, das von allgemeinerem Interesse ist. Und darüber hinaus profitieren wir von den Erfahrungen anderer Blogger für unsere eigenen Wege im Netz … (Wer es noch genauer wissen will, was die lose Gesprächsreihe soll, kann das hier nachlesen.)

Den acht Fragen stellt sich heute die Schweizerin Sandra Matteoti, die seit einigen Jahren bloggt. Ihre beiden Hauptblogs sind „Bücherwelten“ und „Denkzeiten“. Als Interviewgäste empfiehlt sie die Betreiber von „Buchkolumne“ und „Zeitspiegel“.

Dein Steckbrief in wenigen Stichworten …

Ich habe als Kind die ganze Ortsbibliothek verschlungen und die Liebe zu Büchern, zur Literatur führte mich dann geradewegs ins Studium. Ich habe Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert, mit einer Arbeit über Thomas Mann, der mich als Schriftsteller und Mensch fasziniert, abgeschlossen. Danach promovierte ich in Philosophie, mit literarischem Exkurs. Dabei ging es mir weniger um den Titel als mehr ums Schreiben, die Vertiefung in ein Thema. Danach schrieb ich in den unterschiedlichsten Bereichen und zu unterschiedlichen Themen weiter. Sei es freischaffend als Journalistin, als Texterin im Bereich Kommunikation und PR oder als Autorin in eigenen Projekten. – Schreiben ist mein Leben, bestimmt es maßgeblich.

Seit wann, warum und wo bloggst du?

Ich blogge seit einigen Jahren. Den genauen Anfang weiß ich nicht mal mehr, der erste Blog existiert auch nicht mehr. Früher war es Tagebuch, waren es Texte für die eigenen Notizbücher und die Nachttischschublade, heute geschieht das meiste Schreiben am Computer. Schreiben ist meine Leidenschaft, ich muss schreiben, sonst fehlt mir etwas. Ich drücke mich in Buchstaben und Texten aus, lebe mich aus, finde auch immer wieder ganz neue Dinge über mich heraus, indem ich schreibe, Texte fließen lassen. Oft haben die Texte wie auch die Gedichte eine eigene Dynamik. Ich beginne irgendwo und am Schluss hat mich mein Schreiben geleitet. Das geht natürlich nicht in allen Bereichen. In mir gibt es zwei Seiten, die sehr strukturierte und die kreativ-intuitive. Ich habe gelernt, dass ich beiden ihren Raum geben muss.

Sandra Matteotti © Sandra Matteotti

Ich habe zwei Hauptblogs. Einer enthält meine Gedanken, meine Gedichte. Er befasst sich mit dem Leben, der Welt, mit dem, was mir gerade durch den Kopf geht, mich beschäftigt, mir zufliegt. Er heiß Denkzeiten. Hier lebe ich meine philosophische Ader aus. Der andere heißt Bücherwelten. Hier findet man hauptsächlich Rezensionen, aber auch Artikel und Gedanken zur Literatur. Den zweiten Blog habe ich relativ neu gestartet. Ich habe früher schon Rezensionen verfasst und natürlich rund um die Literatur geschrieben, allerdings in anderen Formaten und zu anderen Zwecken.

Ich bloggte zuerst auf Blogger, wechselte dann zu WordPress. Das hatte nicht einmal wirkliche Gründe. Zuerst hatte ich meine Blogs auf beide Portale verteilt, dann entschloss ich mich, dass es einfacher wäre, nur bei einem zu sein. Bei WordPress habe ich mehr Vernetzung, da die meisten Blogs, die mir gefallen, bei WordPress sind. Dazu kommt, dass mir die Plattform irgendwie sympathisch ist. Bauchgefühl.

Der Austausch ist dir beim Bloggen wichtig …

Ja, ich schätze es, wenn ich Menschen kennen lerne, die mit ähnlichen Interessen und Themen beschäftigt sind, ich finde einen Austausch da schön. Das ist mir insofern auch wichtig, als ich doch meistens alleine zu Hause an meinem Tisch sitze und vor mich hin schreibe. Vom universitären Bereich bin ich jedoch vielleicht ein wenig vorbelastet, als ich da sehr viel Neid und Intrigen kennenlernte. Das hat mich sicher ein Stück weit zurückhaltend und vorsichtig gemacht. Bislang kann ich mich aber nicht beklagen. Alle werden sich nie mögen, in keinem Bereich …

Deine Themenschwerpunkte …

Die Schwerpunkte sind – wie bereits erwähnt – Literatur und Philosophie. Ich bin lange Zeit immer hin und her geschwankt, dachte, mich für das eine oder andere entscheiden zu müssen. Es hat beides Platz, manchmal überwiegt das eine, manchmal das andere …

Was treibt dich in der Literatur-, Kulturszene derzeit besonders um?

Eigentlich nicht viel. Ich befasse mich wenig mit der Szene.

Wie machst du dein Blog und deine Beiträge bekannt?

Ich verbreite sie momentan hauptsächlich über Twitter und Facebook. Die Rezensionen findet man auch auf anderen Bücherseiten wie LovelyBooks und Amazon.

Was sollte ein Blogger besser sein lassen?

Ich denke, das muss jeder für sich selber wissen. Wichtig ist, dass man sich immer bewusst ist, dass das, was man schreibt, danach öffentlich sichtbar ist, wenn man es nicht schützt. Man muss sich also immer überlegen, was man preisgeben will, wie offen man sein will. Es kommen Reaktionen und die Menschen neigen dazu, das, was steht, eins zu eins auf dich anzuwenden.

Welche Hürden muss ein Blogger nehmen?

Ab und an kommt die Sinnfrage auf: Wozu machst du das eigentlich? Das liest doch eh niemand, das braucht die Welt doch nicht, niemand wartet auf deine Texte. Das zweite Problem ist die Isolation teilweise. Kein berufliches Umfeld da ist beim Schreiben, wie ich es tue. Auf der anderen Seite ist es ja genau das Leben, das ich leben will. Die Zweifel gehören wohl einfach zu mir dazu.

Dein schönstes Erlebnis als Blogger …

Schön sind Feedbacks, die mir sagen, sie hätten sich wiedererkannt in meinen Texten, die Texte hätten ihnen etwas gegeben. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und Freude. Es ist schön, jemandem etwas mit auf den Weg geben zu können. Und wenn es nur ein Lächeln ist oder eine kleine Hilfe, etwas zu sehen.

Wie gehst du damit um, wenn dir Verlage, Agenturen oder Autoren Rezensionsexemplare anbieten?

Grundsätzlich freue ich mich darüber. Schwierig wird es ab und an, wenn ich das Buch wirklich schlimm finde. Schönreden werde ich nie ein Buch, dann verzichte ich eher auf eine Rezension. Einen Verriss schreiben möchte ich eher nicht, Kritikpunkte anmerken aber immer!

Wie hältst du es mit dem E-Book?

Ich habe ein iPad und sowohl darauf wie auch auf dem Computer die Kindle-App. Ich war schon einmal froh darum, im Store Bücher zu finden, die nicht mehr publiziert werden und vergriffen sind. Sie waren sogar gratis! In schlaflosen Nächten nutzte ich den Kindle auch deshalb, weil man dann kein Licht anmachen muss. Ich mag es allerdings nicht wirklich, so zu lesen. Ich bin sehr technisch interessiert, kenne mich mit Technik auch recht gut aus, aber etwas wird dadurch nie zur Seite geschoben: Papier und vor allem Bücher. Dass ich auch meine Papieragenda liebe, gehört hier wohl nicht her. Ist aber auch so.

Welche anderen Blogs empfiehlst du (max. 5). Und welcher bibliophile Blogger sollte in dieser Gesprächs-Reihe möglichst auch zu Wort kommen?

SteglitzMind darf ich nicht empfehlen, lese ich aber sehr gerne. Daneben lese ich eigentlich wenig Bücher- oder Literaturblogs. Ich klicke mich ab und an durch die Blogs durch, finde einzelne Artikel gelungen. Einige möchte ich aber doch nennen, die mir als Ganzes positiv aufgefallen sind: Gunnar Kaisers Philosophieblog Philosophisch leben – eine Reise durch verschiedene Themen des Alltags, philosophische Themen, die zum Nachdenken anregen.Zeitspiegel – vielfältige Themen wie Politik, Kultur, Leben, Wissen. Schön geschrieben, mit viel Hintergrund und Tiefe. Christian Köllerers Blog „Dr. Christian Köllerers Notizen“ – ich mag seinen Zugang zur Literatur und seine Auswahl der Werke. Und Karla Pauls Buchkolumne –  ein Blog direkt aus dem Leben. Ihre Texte gefallen mir durch ihre Natürlichkeit. Zudem spricht eine große Liebe zur Literatur aus ihren Zeilen. Ich kenne sie nicht persönlich, aber irgendwie habe ich sie ins Herz geschlossen. – Für ein Gespräch würde ich gerne die Betreiber von „Buchkolumne“ und „Zeitspiegel“ empfehlen. Da möchte ich mich nicht festlegen.

Danke sehr, Sandra. Vielleicht unterstützt du mich dabei, Karla Paul und den Betreiber von Zeitspiegel dazu zu bewegen, die Fragen ebenfalls zu beantworten?

Im Original nachzulesen bei SteglitzMind – Ich danke für die Plattform und das Interesse. Hat Spass gemacht!

Anders sein – sich anpassen

Ich bin anders als die andern Männer.

Wie oft hört man als Frau genau diesen Satz. Was anders ist? Das ist austauschbar, es sind meist Klischees, oft genau die Punkte, die Frau an Männern anprangert. Und das Gegenüber behauptet dann, genau anders zu sein. Witziger Weise sind genau die Männer, die selber behaupten, so anders zu sein, die, welche dann finden, Frauen seien genau so. Auch da ist nicht relevant, wie „so“ ist. Es wird immer dann verwendet, wenn Frau etwas von sich preis gibt.

Wer sind eigentlich „alle Frauen“? Wer „alle Männer“? Was ist typisch und was dem Geschlecht geschuldet? Was bezweckt man damit, anders zu sein? Ist das spannend? Erstrebenswert? Löst man sich damit von Mustern? Gegebenheiten? Sind diese immer schlecht? Zwangsläufig? Anders zu sein erscheint erstrebenswert.

Oft leiden Menschen dann, wenn sie denken, nicht der Norm zu entsprechen. Die Gesellschaft prägt ein Bild, wie man zu sein hat. Es gibt eine ungeschriebene Norm des akzeptierten Seins und Verhaltens. Weicht man davon ab, gehört man nicht dazu. Ist Aussenseiter. Als Aussenseiter fällt man oft durch Maschen, steht aussen vor, ist verachtet, geächtet, einfach nicht dabei. Das schmerzt. Der Mensch ist ein Rudeltier. Er will dazu gehören. Will geliebt werden. Geliebt sind die, die dabei sind, nie die, welche daneben stehen. Anders zu sein ist ein Stigma. Ein Makel. Das will keiner. Die anderen wollen es nicht und darum will man es selber nicht.

Was denn nun? Anders sein oder gleich sein? Kann ja nicht angehen, dass man sich je nach Gegebenheit das Passende aussucht und sich dazu Lorbeeren zum Kranz windet. Schlussendlich läuft alles auf dasselbe hinaus: Schubladen. Man denkt sich die Welt in Kommoden, die Schubladen enthalten. Die einen beherbergen das Gewollte, die andern das Unerwünschte. Je nach Situation greift man in das eine oder andere Behältnis, betitelt es mit „anders“ oder „gleich“. Und fühlt sich unendlich gut dabei, da man immer zielgerichtet in die richtige Lade greift. Oder man fühlt sich unglaublich schlecht, weil man sprichwörtlich keine falsche Lade auslässt.

So oder so: zwei Seiten einer Medaille. Die Medaille ist nicht erstrebenswert. Sie zementiert dasselbe Denken, das in kleinkarierten Mustern. Das, welches Menschen verurteilt. Schubladisiert. Verachtet. Zwängt. Unterdrückt. Die Schubladen sind es, die Leid zufügen. Egal, ob es die guten oder schlechten Schubladen sind. Greifen wir in die guten, sitzt jemand in den schlechten. Sitzen wir in den schlechten, bestimmt jemand anders die guten. Und in all dem verkennen wir, dass wir alle sind, wie wir sind. Und wir ignorieren, dass es alle braucht. Fehlte einer, wäre die Welt weniger bunt. Und würde uns eine schwarze Welt gefallen? Wenn Rosen schwarz auf schwarzen Stengeln in schwarzem Gras von schwarzer Sonne vor schwarzem Himmel mit schwarzen Wolken beschienen würden? Wo bliebe das Rot, das Grün, das Gold, das Blau und das Weiss, die die Welt ausmachen und deren Schönheit?

Egoismus oder Rücksicht – Bedürfnisse im Konflikt

Ab und an könnte ich mich ohrfeigen. Ich habe oft das Gefühl, Rücksicht nehmen zu müssen, niemandem im Weg sein zu dürfen und nehme mich dadurch zurück. Sage zu Dingen ja, die ich eigentlich nicht will, aus Angst, anzuecken, blöd angeschaut zu werden, nicht mehr gemocht zu werden, nicht geliebt zu sein. Und so tue ich, was ich eigentlich nicht tun will, helfe, wo ich mich ausgenutzt fühle, stimme Dingen zu, die ich so nicht will. 

Vom Verstand her weiss ich, dass es nicht gut ist. Ich weiss, dass ich auch Rechte habe, mir Wert sein sollte, zu mir und meinen Bedürfnissen zu stehen. Ich weiss, dass ich Grenzen setzen soll, dass ich Grenzen habe, dass die respektiert werden müssen. Ich weiss, dass ich nein sagen darf. Dass jemand, der mich eines Neins wegen nicht mehr mag, es nicht wert ist. Vor allem ist er es sicher nicht wert, dass ich seinetwegen über mich hinweg gehe. Ich würde jedem andern raten, das gerade nicht zu tun. Und tue es immer wieder.

Und dann sitze ich da und fühle ich schlecht. Fühle mich übergangen. Denke, er hätte es merken müssen. Rücksicht nehmen sollen. Fühle mich dabei auch schlecht, weil ich mich egoistisch fühle. Weil ich die eigenen Bedürfnisse so hoch stelle. Und denke, da gehören sie nicht hin, die seinen waren viel höher zu werten. Und ich verstehe seine ja auch. Wieso also nicht ja sagen und zurückstecken? 

Und ich tue es. Immer wieder. Und fühle mich schlecht, weil ich zurück stecke. Und fühle mich schlecht, weil ich mich schlecht fühle, weil ich das egoistisch finde. Und fühle mich schlecht, weil ich trotzdem leide. Egoismus hin oder her. Und eigentlich finde ich ihn egoistisch. Und bin enttäuscht, dass es so ist. Dass er so ist. Dass er meine Bedürfnisse, sogar die ausgesprochenen, nicht so hoch stellte, seine höher sah. Das macht doppelt traurig. Es fühlt sich an wie fallen gelassen zu werden. In einem Punkt, nicht generell, aber immerhin. Im Wissen, umgekehrt hätte man es nicht getan.

Und ich schelte mich: So darf man nicht denken. Man darf vom andern nicht erwarten, was man selber gibt. Oder doch? Oder kann man so gar nicht denken?

Und nun wage ich es mal. Ich weiss, einige lesen diesen Blog. Man sieht es nicht in den Kommentaren, aber ich weiss es halt: Was darf ich von andern erwarten und was darf ich für mich fordern? Wer hat mir eine Antwort? Eine Meinung? Wie sieht sie aus?

Alles zu seiner Zeit

Das Leben hält oft mehrere Möglichkeiten bereit. Man steht davor und hadert mit sich, weiss nicht, welche ergreifen. Wenn dann noch äussere Faktoren dazu kommen, von denen man abhängig ist, wird alles noch schwerer. Dann steht man wie auf einem Abstellgleis, wartet auf eine Entscheidung von aussen, auf ein Feedback, auf eine Zu- oder Absage, und hat in dieser Zeit viel Musse, darüber nachzudenken, was man selber wollte, was man selber könnte, wenn man könnte, wie man wollte und wüsste, was man wollte.

Es bleibt nicht aus, dann schwarz zu malen, mit einer Absage von aussen zu rechnen. Man biegt sich diese innerlich zurecht, redet sich ein, andere Wege wären sowieso besser, um dann wieder zurückzufallen auf die Möglichkeit, die eben noch nicht steht. Man schafft sich mit den eigenen Gedanken neue Realitäten, die noch gar nicht wirklich sind, aber wirklich scheinen, weil sie bis ins letzte Detail ausgemalt sind von der eigenen Phantasie. Man wägt Konsequenzen ab, für die noch nicht mal die Ursachen geschaffen sind. Und irgendwann steht man da und weiss nicht mehr, wo einem der Kopf steht. 

 

„Du musst dich endlich entscheiden, was du tun willst, sonst machst du nie etwas.“

Muss ich das? Wieso? Gibt es nicht auch ab und an Zeiten, die zum Suchen da sind? Bringt nicht die Suche auch immer wieder neue Erkenntnisse, solche, die man nie gehabt hätte, wenn man einfach drauflosgeschossen wäre? Klar steht irgendwann eine Entscheidung an, denn keine Entscheidung wäre ein Treten an Ort oder gar ein Rückschritt. Eine vorschnelle Entscheidung kann aber auch Sackgasse sein und wenn nicht, so doch einen Weg zur Folge haben, der einem nicht entspricht. Und ab und an sind die Möglichkeiten, zwischen denen man entscheiden soll, so vielschichtig, dass es nicht leicht fällt, zu sehen, welche am besten passt. 

Ich schwanke seit Jahren zwischen Literatur und Philosophie hin und her. Klar kann man sagen, das eine tun und das andere nicht lassen. Zwei grosse Projekte lassen sich aber nicht parallel verwirklichen, dazu fehlt die Zeit und die Kraft. Und man kann kaum je wirklich auf zwei Hochzeiten tanzen und mit dem ganzen Herzen dabei sein. Und ohne ganzes Herz bleibt die Freude am Tun aus und es bleibt auch die Tiefe im Ergebnis aus. Und das würde mich nicht befriedigen. 

Welche Strasse nehme ich also? Tauche ich besser in Plots und Charaktere ein oder verstricke ich mich in Gedanken, Thesen und normative Konstrukte? Zeichne ich lieber Welten und lasse die Figuren darin tanzen oder analysiere ich die vorhandene? Ab und an denke ich auch, dass mir die eine liegt, die andere gefällt. Dann wieder sehe ich, dass beide passen, jede auf ihre Weise.

Im Moment gefallen mir beide Welten sehr und ich bewege mich in beiden. Irgendwann wird die Entscheidung für mein nächstes grösseres Projekt fallen müssen. Wie sie ausfallen wird, weiss ich noch nicht – oder weiss es jeden Tag neu, aber jeden Tag anders. Irgendwann wird die Klarheit da sein. Da es dieses Mal wohl  für eine Weile die letzte Weiche ist, die sich stellt, fällt die Entscheidung schwerer als sonst. Treu bleiben werde ich beiden Welten, die Frage ist: Was ist Haupt-, was Nebenwelt.