Jüdischer Arzt zum Thema Beschneidung

Aufgrund der jüngsten Diskussion über die Beschneidung jüdischer Jungen machte sich auch ein jüdischer Arzt, Gil Yaron, seine Gedanken. Ein Artikel der FAZ zeigt eindrücklich das Resultat dieser Gedanken. 

 

Wieso beschneiden Juden ihre männlichen Kinder am 8. Tag nach der Geburt? Das ausschlaggebende Argument ist wohl immer die Tradition und das dadurch vermittelte Zusammengehörigkeitsgefühl. Die religiösen Gründe sind vielen nicht bekannt und wenn, gibt es mehrere, die nicht wirklich kongruent sind. 

Reicht der Grund, das Kind könnte sonst in der jüdischen Gemeinde nicht akzeptiert sein, ausgelacht werden aus, um ein Kind zu beschneiden? Die Prozedur scheint doch für einige traumatisch zu sein, wenn man das nun liest. Zwar lässt die Grausamkeit nach und der Stolz, es gemacht zu haben nimmt überhand, doch gründet dieser auch auf traditionellen Begründungen. 

Selber wurde Yaron das erste Mal mit der Frage konfrontiert, als seine Schwester sich gegen die Stimmen der ganzen Familie entschied, ihren Sohn nicht beschneiden zu lassen. Das zweite Mal, als er selber in der Situation war, Vater eines Jungen zu werden. Trotzdem er kein wirkliches Argument für eine Beschneidung fand, merkte er, wie schwer es fällt, darauf zu verzichten.

Die Angst, dass mit dem Ende der Beschneidung das letzte Stück Judentum von den Menschen abfalle, blieb bestehen. Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl, das man als Juden untereinander doch hat, welches nicht zuletzt auf Traditionen gründet, selbst wenn sie noch so unerklärbar sind rational, schien ihm wert, nicht einfach mit diesen Traditionen zu brechen. Und doch – wenn nichts dafür spricht, wieso es hochhalten? Was wären die Alternativen? Für sich fand er die, seinem Sohn einst die Entscheidung selber zu überlassen, ob er beschnitten werden will oder nicht, sich selber aber anstatt der Beschneidung seines Sohnes das versprechen zu geben, den Sohn in einer jüdischen Gesinnung aufzuziehen, ihn so zu einem Mitglied dieser Gemeinschaft zu machen. 

 

Wie mir scheint ein sehr guter Weg, welcher die Traditionen schlussendlich viel besser weiter gibt, weil dieses versprechen die jüdischen Glaubensinhalte hochhält und weitergibt, statt es bei einer Beschneidung als äusserem Zeichen, welchem möglicherweise wenig weitere folgen im Innern, belassen zu lassen. Glaube kann auch ohne diese frühe körperliche Beschneidung (im wahrsten Sinne – körperlich ein Stück Haut, rechtlich die Unversehrtheit) gelebt werden, Traditionen und Feste dienen dem Zusammengehörigkeitsgefühl wohl mehr. 

Yaron ruft die jüdische Gemeinschaft dazu auf, das zu tun, was dem jüdischen Menschen entspricht: nachzudenken und zu diskutieren. Ich denke, diese Zeit sollte gegeben sein. Nach wie vor gefällt mir der Gedanke nicht, dass man von aussen an eine Region herantritt und ihr befielt, wie sie zu leben hat, ihr verbietet, ihre Religion auszuleben. Schön wäre, wenn von innen eine der heutigen zeit angepasstere Lösung gefunden werden könnte.

Das meine ich nicht nur in Bezug auf dieses Thema und schon gar nicht beschränkt auf das Judentum, sondern das sollte bei allen Religionen so sein. Die Zeiten ändern, Glaubensinhalte wie auch Praktiken verlieren ihre Rechtfertigung oder sollten überdacht werden. Nicht, um den Glauben, die Religion zu schwächen, sondern um sie auch in neuen Zeiten lebbar zu machen. ich denke, das würde den einzelnen Religionen mehr bringen – auch an Anhängern. Wenn der Spagat zwischen dem Leben im Heute und der Religion immer grösser wird, können ihn viele Menschen nicht mehr machen und entscheiden sich dann dafür, das eine oder andere aufzugeben – meist die Religion und damit die Gesellschaft. 

 

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/beschneidungsdebatte-unsere-seltsame-tradition-11827726.html

Mussolinis Schweizer Ehrendoktortitel – ein Skandal?

In letzter Zeit geisterte die Meldung des Ehrendoktortitels von Benito Mussolini durch die Medien, welcher diesem von der Uni Lausanne im Jahr 1937 verliehen wurde. Hans Wollner, Dozent am Münchner Institut für Zeitgeschichte und momentan an der Erstellung einer Biographie Mussolinis, findet es einen Skandal, dass diesem der Titel nicht nachträglich aberkannt wird. Begründung? Er nennt die Aufarbeitung der Umstände sowie deren Offenlegung „ehrenwert“, findet aber das Festhalten an dem Titel politisch kurzsichtig und untragbar. Mussolini werde so verharmlost, konstatiert er, und fährt fort, dass dieses Verhalten Rechtsradikalen in die Hände spielen könnte, welche durch das Festhalten am Titel argumentieren könnten, der Faschismus und Mussolini seien nicht so schlimm gewesen, wenn diesem sogar ein Titel verliehen und nicht wieder aberkannt worden sei. 

Mit seinem Ansinnen ging Wollner nicht zur Unileitung direkt, sondern wandte sich direkt an die Presse. Begründet hat er dieses Vorgehen damit, dass die Unileitung bislang kein Interesse an einer Aufhebung gezeigt hätte, so dass er einen Vorstoss vor Ort als obsolet erachtete. Leider stiess er auch bei der Presse nicht auf offene Ohren. Die NZZ weigerte sich, den Artikel zu drucken, die BZ druckte schliesslich ein Interview ab. Leider lässt dieses wirkliche Argumente vermissen, die Wiederholung das Verhalten der Uni Lausanne sei ein „no brainer“ macht die Argumentation für eine Aberkennung nicht schlüssig und zeigt schon gar keinen Handlungsbedarf auf. 

Wollner stützt sich bei seiner Aussage auf einen Artikel der jüdischen Zeitschrift Tacheles. Dieser zeigt detailliert auf, wie es zu dem Doktortitel kam. Er erklärt auch, dass weder damals noch heute die jüdische Gemeinschaft ein irgendwie geartetes Problem mit dem Umstand dieser Ehrenwürde gehabt hätte oder hat. Auch ein Wunsch nach Aberkennung sei nicht vorhanden, so dass man davon absähe, sich irgendwie zu engagieren oder Schritte einzuleiten. 

Mussolini wurde 1937 der Titel Dr. h.c. von der Universität Lausanne verliehen, sie ernannten ihn zum „Docteur des sciences soziales et politiques honoris causa“ mit der Erklärung, dass er in Italien eine soziale Bewegung geschaffen hätte, die in schwierigen Zeiten für mehr sozialen wie wirtschaftlichen Zusammenhalt innerhalb der italienischen Bevölkerung sorge. Dass die Verleihung des Titels schon damals nicht mit ausschliesslich guten Gefühlen erfolgte, ist ebenso aufgearbeitet wie die politischen Zwänge, die sich weiter ergaben. Eine plötzliche Weigerung der Übergabe hätte sich auf die politische Lage der Schweiz sicher nicht positiv ausgewikt. 

Wem ist gedient, wenn Mussolini posthum der Titel aberkannt wird? Was ändert das an der Geschichte selber? Die Geschichte passierte damals genau so, wie sie es tat. Man ging daran, dies aufzuarbeiten, offenzulegen. Das ist, wozu Geschichtswissenschaft da ist: Die Erforschung der Vergangenheit, ihrer Motive, ihrer Ursachen, ihrer Vorkommnisse. Die Geschichte nachträglich korrigieren zu wollen, indem man damals passierte Ereignisse nachträglich negiert, ist in meinen Augen ein nicht zulässiger Umgang mit der Vergangenheit. Statthaft wäre das wohl nur, wenn die vergangene Verfehlung eine schwerwiegende und bis heute geltende Wirkung hätte, die man durch die Korrektur abwenden könnte. Das ist in diesem Fall nicht gegeben, da sich niemand an diesem Titel stört. Das Argument, dass man Neonazis damit Munition für ihre verfehlten Kreuzzüge liefert, qualifiziert nicht als ausreichend in meinen Augen, zumal die Aberkennung wohl mehr Wellen schlagen würde als eine saubere, wissenschaftliche Abhandlung über den tatsächlichen Hergang des Geschehens. 

Habe ich die Wahl?

In der Nähe meines Hauses prangt in  grossen Lettern ein Zitat von Max Frisch an der Wand:

Die Würde des Menschen besteht in der Wahl. 

Der Satz bringt zwei Grössen in Beziehung: Menschliche Würde und die menschliche Fähigkeit zu wählen.

Würde ist verwandt mit Wert. Nach Kant kann dieser Wert nur von innen kommen und die Würde des Menschen kommt diesem zu aufgrund seines Menschseins, seiner Vernunft, welche ihn vom Tier abhebt. Es ist also die Fähigkeit des vernünftigen – und auch moralischen – Handelns, die dem Menschen die Würde gibt, welche ihm eben dadurch auch zusteht als Ansehen bei den anderen. Die gegenseitige Achtung der Menschenwürde trägt massgeblich zu einer friedlichen Koexistenz von Menschen bei, weil sie sich ihrer Fähigkeit bewusst moralisch verhalten.

Schiller, welcher mit Kant nicht immer einer Meinung war, was Ethik und Ästhetik betrifft (Kallias-Briefe), sieht als menschliche Fähigkeit, welche diesen vom Tier abhebe, den freien Willen. Schiller sieht die Würde dann gegeben, wenn sich der Mensch über seine Naturtriebe erhebt und an ihrer statt die Moral hochhalte. Schon hier findet sich also der Konnex von Wahl/Willen und Würde. Es liessen sich noch einige dichterische und denkerische Grössen zitieren, welche in ein ähnliches Horn blasen. Ob wohl etwas dran ist?

Wir kommen auf die Welt, klein und unselbständig. Oft fühlen wir uns rechtlos, ausgeliefert. So viel ist zu lernen, so wenig wissen wir, vor allem: so wenig können wir bestimmen. Immer sind da die Eltern, welche sagen, wo es  lang geht, lang gehen muss, weil die grosse Welt von einem irgendwann erwartet, zu wissen, wie der Hase läuft. Und genau auf diese Hasenspur werden wir angesetzt. Wie sehr wünschen wir, endlich auch erwachsen zu sein, endlich auch sagen zu dürfen, wo wir stehen, gehen, sein wollen. Wir sehen diese Entscheidungsfreiheit als Erfüllung.

Dann werden wir älter und sehen: die Zwänge werden nicht weniger, an die Stelle der Eltern treten Arbeitgeber, wirtschaftliche Zwänge, Partner, die Gesellschaft. Irgendwer sagt immer, was er von uns will und wir haben meist zwei Möglichkeiten: es tun oder es lassen – wobei das Lassen oft seinen Preis hat. Dann stehen wir da und hadern. Hadern mit der grausamen Welt, die uns vor solche Entscheidungen stellt. Hadern mit dem Leben, das auch erwachsen nicht viel einfacher ist als als Kind. Damals waren es liebende Eltern, die nur unser Bestes wollten (wie wir heute sehen, früher hätten wir das natürlich abgestritten und ihnen alles Böse unterstellt – ausser in ganz hellen und dadurch seltenen Momenten, in denen wir es einsahen). Heute sind es Aussenstehende und nicht immer sind wir sicher, ob sie wirklich unser Bestes wollen und nicht eher ihr eigenes.

In solchen Situationen überkommt uns schnell das Gefühl, keine Wahl zu haben. „Ich muss ja, was soll ich sonst?“, denken wir und fügen uns in unser Schicksal. Und mit jedem „Ich muss“ wächst das Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins. Und damit auch das Gefühl des eigenen Wertes, der eigenen Würde.

Je kleiner wir uns fühlen, desto anfälliger werden wir für Hilfsversprechen. Was den Anschein macht, uns wachsen zu lassen, wird dankbar angenommen, als Strohhalm. Seien es Religionen, die Halt durch den allwissenden und alles mit Sinn versehenden Gott versprechen, seien es Heilversprechen von irgendwelchen selbsternannten Heilanden und Scharlatanen (böse Zungen sehen zwischen den Optionen keinen Unterschied) oder seien es Aufschwungparolen von Diktatoren, die dem Volk die Befreiung von allem Übel versprechen, dabei nur die eigene Macht im Sinn haben. Dass man damit den letzten Zacken Würde mitverliert, weil fortan keine Möglichkeit der Wahl mehr besteht, sondern nur noch das erlaubt ist, was diktiert wird, fällt dann meist zu spät oder gar nie auf.

Haben wir eine Wahl? Natürlich. Wir könnten uns gegen die vermeintlichen Zwänge entscheiden. Wenn wir bereit sind, den dafür geforderten Preis zu zahlen. Wir müssen nicht treu sein, wenn wir das gemachte Nest aufs Spiel setzen wollen. Wir müssen nicht arbeiten, wenn wir die soziale Ächtung nicht scheuen. Wir müssen nicht moralisch handeln, wenn wir den Gesellschaftsausschluss nicht fürchten. Wir müssen unsere Kinder nicht aufziehen, wenn sie unsere Grenzen sprengen, wir können sie in Heime geben. Sofort. Wir haben die Wahl. Eine Wahl besteht immer. Doch wir haben auch innere Werte, Wünsche, Handlungsmaximen. Die Gelehrten streiten noch, ob die naturgegeben sind oder kulturell bedingt. Vermutlich eine zufällig gute Mischung von beidem. Auf alle Fälle erkennen wir als vernünftige Menschen, dass nicht alle von aussen erstellten Maximen und Regeln schlecht sind, sondern sie uns auch dienen. Und insofern wollen wir sie haben. Und verhalten uns so, dass sie auch auf uns selber angewendet werden. Aber wir haben so gewählt. Wir können nicht dahin gehen und uns als arme Opfer des Systems sehen, das uns unterdrückt. Wir wollten den Preis nicht zahlen, den es gekostet hätte, anders zu wählen. Vielleicht auch, weil wir es als unter unserer Würde ansehen würden, entgegen den Vorstellungen unserer Vernunft zu handeln. Wir haben selber einen Massstab in uns, der uns steuert. Auch der ist vielfältig zusammengesetzt – Kultur, Eltern, eigene Anteile und Gedanken. Aber prägend und leitend.

Wir sind also grundsätzlich frei, zu wählen. Wir können immer entscheiden, was wir wollen und danach handeln. Goethe sagte in diesem Zusammenhang:

Die grösste Freiheit ist es, das zu wollen, was man muss.

Es gibt Zwänge im Leben, die von aussen gegeben sind. Doch auch dann hat man die Möglichkeit, sich dagegen zu entscheiden. Wenn man aber mit der eigenen Vernunft erkennt, dass diese Zwänge, dieses Muss einen Sinn ergibt, für das Individuum sowie das Kollektiv (und damit wieder für das Individuum), kommt man an den Punkt, zu sagen, dass man das auch will. Und der Zwang, in dem man steckt, für eine gute Sache ist. Und vielleicht ist dann nicht mehr so viel Ohnmacht da, sondern auch das Wissen: ich könnte anders entscheiden, aber ich entscheide selber genau so, wie ich es tue. Den Preis muss man immer zahlen, wichtig ist, dass man sich bewusst ist, dass man ihn freiwillig zahlt – so oder so. Sei es durch Verzicht auf etwas, das gerade verlockend erscheint, sei es durch das Durchsetzen des eigenen Wollens gegen alle Widerstände, was wiederum vielleicht mangelnde Akzeptanz zur Folge haben könnte. Die Frage ist, ob die, welche nicht akzeptieren wollen, wirklich Wert sind, auf sie Rücksicht zu nehmen. Und wenn ja, vielleicht zu fragen, wieso man so sehr will, was man will. Und aufgrund dieses Hinterfragens vielleicht auch etwas über sich selber lernt, das einem hilft, die richtige Wahl zu treffen, sie sich selber Wert zu sein. Die eigene Würde hochhaltend.

Und was sie will…

Wenn man es genau nimmt, war ich von Anfang an allein erziehend. Der Mann erst rund um die Uhr arbeitend, abwesend, dann im Ausland, dann ganz weg. Ich tat, was ich konnte, fing auf, was ich konnte, lebte mein Leben, wie so viele. Studium, Arbeit, Kind, alles musste irgendwie rein. Und ab und an kam die Frage: Wo bleibe ich? Die Antwort fand ich selten, zappelte wie der Frosch im Milchtopf, in der Hoffnung, es würde Butter, damit ich nicht untergehe. Doch untergehen war keine Option. Dazu war ich zu stark.

Von aussen hörte ich Dinge wie „du bist so stark“, „ich bewundere dich, wie packst du das?“. Das war wohl lieb gemeint, doch: Hatte ich eine Wahl? Nein, hatte ich nie. Ich hatte ein Kind. Das brauchte mich. Das konnte nichts dafür, auf dieser Welt zu sein, auf diese Welt hatte ich es gebracht und nun lag es an mir, dieses Kind durch diese immer härter werdende Welt zu führen.

Auch meine Kräfte waren begrenzt, klar. Doch diese Grenzen konnte ich nicht beachten, ich hatte eine Aufgabe. Und ab und an beneidete ich die glücklichen Familienmütter, die sich ganz und ohne Druck ihren Kindern widmen konnten. Dann und wann beneidete ich die Karrierefrauen, die sich ganz ihren Zielen widmen konnten. Und dann und wann beneidete ich die Künstler und Selbstverwirklicher, die einfach ihre Wege gingen, ohne auf jemanden Rücksicht zu nehmen.

Und so sass ich da und schaute nach links und nach rechts und alle hatten sie was, das ich wollte. Familie, Freiheit, Selbstverwirklichung, Zielverfolgung. Und ich sass da, in einem Haufen von Anforderungen, wünschte ab und an, einfach mal zusammenzubrechen und meine Ruhe zu haben. Tat es nie, weil ich nicht der Typ dazu bin. Hörte mir die ständigen netten Sprüche von wegen „du bist so stark“ an und hätte sie dem Aussprechenden am liebsten um die Ohren gehauen. Und machte weiter.

Armes Ich. Ist das so? Schauen wir genau hin. Was gäbe ich auf? Auf was wollte ich verzichten? Das Kind? Nie. Das Studium? Das war mein Halt. Leider weg, aber doch immer da, in mir, mit mir, durch mich. Die Jobs? Nein, sie zeigten mir, was ich will – und was nicht. Vielleicht war doch alles gut. Und richtig. Mein Weg. Nicht leicht. Steinig. Anstrengend. Aber genau so, wie ich es halt wollte. Musste, weil ich war, wie ich war, bin, wie ich bin. Eigentlich. Denn hätte man mich zu verschiedenen Zeiten im Leben gefragt, wo ich hin will, wäre die Antwort immer mal ne andere gewesen. Mal sah ich mich in Indien, mal in einem Verlag, dann als rasende Reporterin, dann als Tierverhaltensforscherin in Serengeti. Wieso auch immer. Wohl meist, weil ich mir selber nicht traute. Und „sinnvollere“ Wege suchte. Und irgendwie bin ich heute genau da, wo ich sein will. Ich muss es nur noch sehen. Und glauben. Dass es hält. Statt weiter zu strampeln und nach links und rechts zu schauen, zu Menschen, die sind, wie sie sind und so glücklich sind – die aber nicht ich sind. Sondern eben sie. Und ich bin ich… und wie ich bin. Und das ist eigentlich gut so.

Wer entscheidet über richtig oder falsch?

Die Frage nach der Legitimität von ritueller Beschneidung bei Jungen spaltet die Meinungen. Ist es der Religionsfreiheit geschuldet, den Anhängern bestimmter Religionen freie Hand bei der Ausübung ihrer rituellen Handlungen zu geben oder gelten auch hier die staatsinternen Grundrechte in ihrer Hierarchie? Wer bestimmt über die Hierarchie und wer sagt, was richtig ist, was falsch?

 

Ist die Beschneidung eines jüdischen Knaben Körperverletzung und damit zu verurteilen oder aber eine rituelle Handlung, wie sie seit Jahrtausenden vorgenommen wird? Darf ein Christ diese Tradition unterbinden und seine eigenen Wertmassstäbe aufsetzen? Wieso schreit niemand auf, wenn kleinen Mädchen Ohrlöcher geschossen werden? Gibt es dafür nicht viel weniger Argumente als für eine Beschneidung, welche seit Jahrtausenden durchgeführt wird und in den seltensten Fällen Probleme zeigt? Wäre es ein Problem, wären die jüdischen Männer nicht selber auf die Barrikaden gegangen, hätten ihre Rituale angepasst? Dass nun ein paar kommen und meinen, traumatisiert zu sein, zeugt nicht wirklich von der Grausamkeit der Prozedur, sondern eher davon, den Zug zu nutzen und aufzuspringen. 

Wer darf hier richten? Wer ist in der Lage, Schiedsrichter zu spielen? Kann ein christliches Gericht beurteilen, was Juden in ihrer Religion tun dürfen und was nicht? Doch wo ist die Grenze? Was, wenn Anhänger einer Religion mit Menschenopfern in der Schweiz sich niederlassen? Dürften sie ihre Religion ausüben? Oder griffe hier das christliche „du sollst nicht töten“? Wer bestimmt die Grenzen? Wer setzt die Moral? Und wem folgt das Recht?

 

Der deutsche Bundestag kam heute zum Punkt, dass es in Deutschland schnell ein Gesetz geben müsse, das die rituelle Beschneidung erlaube. Deutschland ist ein gebranntes Kind und noch nach bald 70 Jahren in der Situation, sich nach aussen korrekt zu verhalten, da sie sich sonst immer mit der Nazivergangenheit konfrontiert sehen. Am selben Tag dieses Entscheids erscheint in den Schweizer Medien ein Artikel, dass die Kinderklinik in Zürich die Beschneidungen vorübergehend einstellt, um zu überlegen, was richtig ist. Wer soll es ihnen sagen? Auf welcher Basis? 

Religiöse Beschneidung von Jungen auch in der Schweiz Thema

Das Urteil des Landgerichts Köln hat auch und er Schweiz Folgen. Das Kinderspital Zürich will auf rituelle Beschneidungen verzichten. Der Verzicht soll vorläufig sein, bis man zu einer Entscheidung findet, wie man weiter vorgehen will. 

Interessant dabei ist die Formulierung, dass man es bei Kindern nicht mehr machen will, die noch zu klein sind, ihr Einverständnis zu geben. Die Frage, die sich da stellt, ist, wo die Altersgrenze liegt. Ein Kind ist meist den Eltern gegenüber loyal und wird sich deren Forderung nach einer Beschneidung – zumal diese argumentieren können, dass alle gleichaltrigen Kinder ihres Glaubens das auch machen – nicht widersetzen. Es bliebe also nur noch der Aufschub ins Erwachsenenalter. 

Grundsätzlich scheint seit dem Urteil der Tenor in die Richtung zu gehen, dass die körperliche Unversehrtheit den höchsten Stellenwert innerhalb der Menschenrechte hat, zumal es sich bei der Beschneidung auch nicht um ein Ritual am Körper des Ausübenden handelt, sondern an einem Dritten, Schutzbefohlenen. 

 

Quelle: http://www.nzz.ch/aktuell/zuerich/stadt_region/zuercher-kinderspital-stoppt-religioese-beschneidungen-1.17377860

Immerdar

Ein Blick, ein Text, es sprach mich an.

Ein Text, an mich, berührte mich.

Ein zweiter, dritter, flossen schnell.

Hin und her, von Anfang an.

Das Band gewebt, ward stark und stärker.

Kein Zögern war, kein Bangen gar.

Die Nacht war kurz, die Worte füllten.

Sehen musst ich, was ich fühlte.

 

Ich flog zu dir, am nächsten Tag.

Halb zitternd noch, halb sehnend schon.

Du kamst entgegen, gross und kühl.

Ich zitterte,  wollte gar  flieh’n,

konnte nicht, es hielt mich da.

Das Weitre gab sich, Schritt für Schritt,

für andre schnell, für uns grad recht.

 

Das Band war da, es wurde stark.,

Wurde zu Stahl und es zerbrach.

Nie wieder, schwor ich mir,

bis dass ich dich dann wieder sah.

Darnieder  sank, wie schon zuvor,

nicht traute  und nun floh, bloss weg,

Nach vorne nur und das gar schnell!!

 

Ich suchte, fand und suchte weiter,

alles nur,  um zu vergessen,

zu verfluchen, neu zu finden,

was nicht ging. Und mich dann stellte,

und erfuhr, dass ich gefunden,

was ich ersehnt. Nicht einfach zwar,

doch unausweichlich, wie mir schien.

 

Liebe sucht nicht, Liebe ist.

Einst gefunden, ist sie da,

sie zu meiden? Nicht mehr möglich,

zu vergessen keine Wahl.

Stell dich ihr und nimm sie hin,

als das, was ist, dein Lebensssin,

und gib dich hin – auf immerdar.

Der NS-Kriegsverbrecher Csatary wurde in Budapest festgenommen

Nachdem Reporter der britischen  „The Sun“ Csatary in Ungarn aufgespürt hatten, wurde dieser nun in Budapest festgenommen. Dieser wurde in Abwesenheit 1948 von einem ungarischen Gericht zu Tode verurteilt, konnte aber fliehen. Seit da lebte er in Kanada, bis er da aufgespürt wurde und wieder floh. Nun ist auch dieses Versteck zu Ende und mit nun 97 Jahren sitzt er in Haft.

Besser spät als nie? Wie konnte ein so langes Versteckspiel gelingen? Hatte er Helfer? Man darf gespannt sein, was noch ans Licht kommt und ob überhaupt etwas ans Licht kommt. Des Weiteren dürfte auch das weitere Vorgehen interessant werden: Was passiert nun mit ihm? Wird das Urteil vollzogen? Gibt es einen neuen Prozess? Wird er ihn noch erleben?

Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/budapest-mutmasslicher-ns-kriegsverbrecher-csatary-festgenommen-a-845058.html

Driftet die Welt nach rechts?

In immer mehr Ländern scheint ein Rechtsrutsch stattzufinden. Deutschland kämpft mit Neonazis, Norwegen mit Hasstiraden gegen die Roma, in der Schweiz folgt ein Skandal wegen rassistischer Äusserungen auf den anderen. Die Liste liesse sich fortführen. 

Woran liegt es? Was sind die Gründe für die zunehmende Intoleranz anderen Menschen gegenüber, was die Ursache für den spürbaren Hass anderen Gesinnungen und Religionen gegenüber?

Vor bald 70 Jahren endete die wohl schwärzeste Epoche unserer Geschichte. Sie hatte gezeigt, wohin es führen kann, wenn radikal gegen Menschen vorgegangen wird, die nicht ins eigene Bild passen. Sie hat gezeigt, wie viel Leid mit solchem Hass, solcher Ablehnung und solcher Bekämpfung entsteht – auf allen Seiten. Einen wirklichen Gewinner gab es nicht in der Geschichte und wird es nie geben. Der Anspruch war hoch, aus der Geschichte zu lernen. Man wollte es nie mehr so weit kommen lassen. Investierte in Aufarbeitung, in Gedenken, in Mahnmale. Man liess Reden folgen, Entschuldigungen, Wiedergutmachungsversuche. Nie mehr sollte es so weit kommen. 

Natürlich gab es trotzdem überall auf der Welt weiter Krieg. Weiter wurden Menschen verfolgt wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihrer Meinung, wegen ihrer Religion. Und doch scheint es, als ob das zunähme, vor allem, weil in unseren Breitengraden, die doch die betroffensten der Shoah waren, die rechten Strömungen zunehmen, bis hinauf in die politischen Ränge. Woran also liegt es? Dazu gibt es verschiedene Ideen:

Verblasst durch die zeitliche Distanz der Schrecken der Shoah? Reicht sie nicht mehr als Mahnmal, als das, was man nicht mehr will? Zeichnet die vergangene Zeit die Kanten weich oder denkt man überheblich, dass das heute nicht mehr passieren könnte, weil das einzigartig war und man selber es gerechtfertigter machen würde, wenn man etwas täte?

Ist die Zeit zu belastet, dass der einzelne Mensch keinen Halt mehr hat, keine Sicherheit mehr hat und nun Sündenbocke braucht, seine Aggressionen loszuwerden? Sind die Ängste über Wirtschaftskrise, Untergang und all das Böse so gross, dass man überall den Feind sieht, der einen noch etwas mehr wegnehmen könnte und den man deswegen bekämpfen muss?

Sucht man in einer Zeit ohne wirkliche Identifikationen, weil sowohl der Staat nicht mehr hält, in vielen Ländern schwankt, als auch die Kirche keine Zuflucht mehr ist, weil die Religion versagt hat als tragende Instanz? Und braucht man für diese selber gezimmerte Identität, welche wackelig ist, besonders viel Halt, den alle, die anders sind, stören, weil sie Bilder zeigen, die nicht in die eigene Identität passen? Hat man Angst, sich selber zu verlieren, wenn die anderen zu stark sind und will deswegen die Stärke der anderen von vornherein zerstören?

Wo bleibt die Solidarität? Gilt die nur noch in den engen, selbst definierten Grenzen der Gleichen? Wo führt das hin? Wo ist der Ausweg?

Rassismus in Norwegen

In Norwegen betteln Jahr für Jahr etwa 200 Roma auf den Strassen. Betteln ist in Norwegen erlaubt, die Gruppe Menschen tat also in all den Jahren nichts Verbotenes damit und doch ist dieses Jahr alles anders, wie es scheint. Ein Jahr nach dem blutigen Massaker durch Breivik zeigt sich in Norwegen eine stark ablehnende Haltung gegen die Roma. Claudia Lenz vom norwegischen Menschenrechtsforschungszentrum spricht gar von Völkermordrhetorik, welche sich in Zeitungen und in Internetforen breit macht.

Diese Einschätzung erstaunt nicht, wenn man die Kommentarspalten von Zeitungen und Foren durchforstet und auf Aussagen wie:

„Ratten!“

„Zigeuner sind nicht Menschen, sondern Müll“

„Ich helfe gerne, den Knoten für die Schlinge zu knüpfen“

liest. Diese Ausbrüche zeigen deutlich, dass es nicht um das Betteln, sondern um die Menschen geht, um die Roma. Die ablehnende Haltung ist nicht nur beim Volk zu spüren, sondern geht weiter bis in die politischen Ränge. Die Rechtspopulisten sind wieder auf Vormarsch bei den Wahlen.

Driftet das Land nach rechts ab? Was sind die Gründe? Es scheint, nicht nur Norwegen ist von einem Rechtsrutsch betroffen, immer mehr Länder haben damit zu kämpfen. Eine bedenkliche Entwicklung, die ernst genommen werden muss.

Quelle: http://www.taz.de/!97403/

Neue Runde bei der Beschneidungsdebatte

Die Beschneidungsdebatte, welche ursprünglich durch das Urteil des Landesgerichts in Köln losgetreten wurde, hat sich über die grenzen Deutschlands nach Österreich ausgeweitet. Heise berichtet über den österreichischen Religionskritiker Niko Alm, welcher mit einer Initiative gegen Kirchenprivilegien die Diskussion in die Alpenrepublik gebracht hat. In einer Pressekonferenz liess er fünf Beschneidungsgegner zu Wort kommen, darunter auch den Grafiker Kahid Kaya, Mitglied des Zentralrats der Ex-Muslime, welcher seine eigene Beschneidung als traumatisch empfand und deswegen eine Klage gegen den Staat Österreich prüft.

Die Frage nach der Rechtmässigkeit der rituellen Beschneidung spaltet die Geister. Die Religionsfreiheit, welche vor dem Hintergrund verschiedener Unruhen und Kriege aufgrund von Unterdrückung von anderen Religionen hoch gehalten wird tritt in Konflikt mit dem Menschenrecht auf Unversehrtheit. Und bei diesem Menschenrecht endet auch die elterliche Handlungsgewalt. Eltern haben zwar die Befugnis, für ihre Kinder zu entscheiden, nicht aber über deren Unversehrtheit hinaus. Was passiert also, wenn zwei Grundrechte in Konflikt geraten? Welchem gibt man Vorrang?

Bislang war die Beschneidung von Jungen kein Massen bewegendes Thema. Anders als bei der Beschneidung von Mädchen und Frauen sah man sie offenbar nicht so problematisch. Selbst wenn sie ab und an mal thematisiert wurde, warf sie doch keine so hohen Wellen wie die Prozedur beim weiblichen Geschlecht oder wie sie das nun tut.  Das und wohl auch der Umstand, dass es ab und an die medizinische Notwendigkeit der Beschneidung gibt,  liess wohl allgemein annehmen, dass es sich dabei um etwas nicht wirklich Schlimmes handle. Es war einem vielleicht fremd, aber mehr nicht, wie es scheint. Und plötzlich erscheint dieses Ritual im Zusammenhang mit dem Wort Träume, Körperverletzung. Eine ganz neue Dimension.

Das eröffnet verschiedene Fragen:

Wieso wird sich der klagewillige Österreicher just jetzt bewusst, dass er traumatisiert ist und klagen könnte? Der Zeitpunkt der Klage gibt der Geschichte einen komischen Nachgeschmack. Es hat ein wenig den Anschein, als ob jemand auf einen fahrenden Zug aufspringen möchte. Aber vielleicht wurde ihm auch erst jetzt bewusst, was ihm wirklich widerfuhr? Dass er vielleicht eine Chance hätte auf Klage? Wie soll die Wiedergutmachung aussehen? Was erhofft er sich?

Die nächste Frage, die sich mir stellt ist, wieso man medizinisch eine Operation durchführt, die traumatisierend ist. Klar liegen medizinische Probleme vor bei einer Vorhautverengung, aber die könnten dann sicher anders gelöst werden, wenn die Beschneidung dermassen traumatisch ist. Es ist ja wohl kaum anzunehmen, dass man nur traumatisiert ist, wenn es rituell motiviert war, nicht aber, wenn es medizinisch motiviert war.

Zu guter letzt stellt sich die Frage: Hängt der Glaube und die Religionsfreiheit wirklich an diesem einen Ritual, das die körperliche Integrität beeinträchtigt, wie die Kritiker anbringen? Ist ein Muslim und ein Jude wirklich weniger gläubig und weniger in seiner Religion verwurzelt, wenn er nicht als kleiner Junge beschnitten würde? Es sagt ja niemand, dass die Beschneidung verboten werden soll, nur könnte man sie auf einen Zeitpunkt legen, an welchem der zu Beschneidende selber urteilsfähig ist. Und damit über seine eigene Integrität entscheiden kann. Damit würde man die Diskussion auflösen, die Religion wäre frei gelebt und kein Körper gegen seinen eventuellen Willen verletzt.

Prallen bei dieser Diskussion nur zwei sture Meinungen aufeinander oder geht es tiefer? Wo liegt die Wahrheit? Was ist legitim? Und wenn zwei sich streiten, wer freut sich dann hier?

Quelle: http://www.heise.de/tp/blogs/8/152409?utm_medium=twitter&utm_source=twitterfeed

Glaube, Liebe, Hoffnung

Die Scheidungsrate liegt momentan bei 50%. Trennungen sind es noch viel mehr, da nicht jeder, der sich bindet, dies auch gleich vertraglich tut. Einer Trennung geht immer Leid voraus. Ohne Leid keine Trennung. Und das Leid muss gross sein, denn die Beziehung war, was man wollte, suchte. Und als man es fand, war man glücklich, sah sich so bis ans Ende der Tage. Fühlte so. Lebte es. Strahlte. Über alle Backen. Dann starb das Strahlen bei einer Backe nach der anderen. Zurück blieb grau. Nebel. Ab und an Gewitter. Welches nicht erhellte. Eher bedrohte. Angst  machte. Aufhörte. Um wieder zu beginnen. Bis man sich trennte. Dem Leiden ein Ende machte. Das Ende des Schreckens suchte, das selber wieder Schrecken in sich trug: Was nun? Wie weiter?

Im ersten Moment die Erleichterung über die Ruhe. Kurz drauf die Trauer über die Ruhe. Anschliessend die Verzweiflung ob all der Ruhe. TV und Radio helfen, Ablenkung durch Parties, Hobbies, Menschen ebenso. Die Ruhe in einem selber schreit förmlich. Man sucht wieder. Wollte man nie mehr anfänglich, will man plötzlich sofort. Doch wer suchet, findet dieses Mal nicht. Sieht in jedem Beutepotential Beziehungsmöglichkeiten, um immer und immer wieder auf die Nase zu fallen – oder gar nicht so weit zu kommen. Bis – ja bis – wieder ein passendes Objekt auf der Bildfläche erscheint. Meist passt es nicht. Manchmal doch. Das Glück zwinkert, man lacht. Ist glücklich. Bis – ja bis…. kleine Wölkchen am Himmel erscheinen, Gewitterwolken werden… hier könnte der Blog enden, man wieder von vorne zu lesen beginnen.

Man darf Fehler machen. Einmal. Zweimal… immer wieder? Denselben? Wieso will Mensch Beziehung, wenn man meistens damit scheitert? Erkennt, dass es alleine doch besser ist als zu zweit? Sieht, was man alles tun kann, was vorher nicht möglich war? Keine Rechenschaft, keine Zwänge, kein fremder Dreck. Keine Hemden. Kein aufwändiges Geköch. Keine Kritik. Nur Sein – wie man will. Einsam sein…Und man sucht. unbewusst, bewusst. Der Blick auf den Finger. Thomas Mann beschrieb ihn meisterlich, beschrieb die verheiratete Hand, die den Bart, den Mann, die Frau dahinter, das Bett, den Tisch, die Wärme mitverheisst. Das Suchen geht weiter… wir standen bei der Frage: Warum?

Was lässt uns vor der Einsamkeit fliehen? Die Gesellschaft, die immer nach dem Partner fragt, ohne den man sich in der Folge als Versager, als nicht gewollt, als sehr allein fühlt? Man selber, der man denkt, keinen abzukriegen, was einen selber beschämt? Der Mangel? An Austausch, Gegenüber, Geborgenheit? Doch die Biologie, die sich weitergeben will? Was, wenn man das nicht mehr will oder kann? Dann sucht man immer noch. Biologie ausgeschaltet? Theoretisch ja.

Goethe schrieb:

Nur wer die Sehnsucht kennt, weiss, wie ich leide.

Vermutlich ist es diese Sehnsucht tief in einem drin, die suchen lässt. Die hofft auf ein Gegenüber, das teilt, was man teilen will, das kennt, was man fühlt, das versteht, wo man ansteht, das trägt, wo man fällt. Und da die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, sucht man nach jeder Enttäuschung weiter. Im Glauben, dass es so etwas geben muss, im Wissen, dass ohne Liebe alles nichts ist und in der Hoffnung, dass man genau diese Liebe findet. Denn:

Wer suchet, der findet.

Eben doch. Glaube, Liebe Hoffnung:

“Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, am größten jedoch unter ihnen ist die Liebe.”

Leben – vorwärts und rückwärts

Ich las heute das Buch „Dossier K.“ von Imre Kertész. Es handelt sich um eine (wie er betont die einzige) Autobiographie dieses tiefgründige Menschen, aufgebaut als quasi sokratische Frageform, bei welcher Frage und Antwort sich steigern zur immer genaueren Antworten auf das, was gesucht ist – hier wohl so etwas wie die Quintessenz dieses Lebens und Schreibens. Imre Kertész betont in diesem Werk mehrmals die Sinnlosigkeit der Geschichte (bei seinem Erlebten nicht verwunderlich) und das Ausgeliefertsein an ebendiese. Er verneint ein Schicksal, weil genau dieses nach Sinn fragen würde. Und er ziert sich ab und an, gewisse Dinge zu bennenen, zu erklären, da er findet, dass die nachträgliche Erklärung wiederum einen in der Originalzeit nicht sichtbaren Sinn und Zusammenhang entstehen liesse.

Es hat mich sehr berührt zu sehen, wie ein so begnadeter Schriftsteller, wie ein so tiefgründiger, feinfühliger (in Beschreibung der Umstände wie in der Wahl der dazu passenden Form) Schriftsteller selber von Selbstzweifeln geschüttelt war, wie er an sich und seinem Schreiben zweifelte, wie er durch Durststrecken lief, nur um wieder zu merken: ich muss schreiben, ich will schreiben. Er bezeichnete das Schreiben gar als sein Verbrechen, da er sich die Zeit stahl, zu schreiben, statt etwas „Sinnvolles“ zu tun.
Erklärt man die Geschichte rückwärts, sieht man einen Nobelpreisträger, der sein Leben lang einer Berufung folgte. Was aber, wenn die ersten Ablehnungen der Manuskripte angehalten hätte? Was, wenn er nie ein Werk hätte veröffentlichen können? Was würde man dann sehen? Einen in die Irre Gelaufenen? Einen Phantasten? Einen Irren? Lebenskünstler, Idealist, Nichtsnutz? Als das sah er sich, ab und an. Er nagte – an sich und an den Existenzgrundlagen. Und immer wieder half eine glückliche Begebenheit, dass es weiter ging.

Doch Schicksal? Musste er schreiben? War das seine Aufgabe in diesem Leben? Durch Schriftsteller wie ihn sind die Verbrechen der Nazizeit ans Licht gekommen und da geblieben. Durch Menschen wie ihn, die schreiben mussten (auch Primo Levi nannte es seine Pflicht, zu schreiben, damit er Zeugnis ablegen könne für die, welche es nicht mehr können), erfuhr die Nachwelt, was in den Lagern anno dazumal passiert ist.

Was ist vorbestimmt? Was ist der Weg, den man gehen will, soll, muss? Und kann man ihm entfliehen? Ist der Mensch frei oder gibt es doch die vorgespurte Schiene, in die er muss? Im Rückblick liesse sich die Frage folgerichtig beantworten, da man aus den Gegebenheiten Kausalketten bilden könnte. In der Vorschau steckt man in der Spekulation fest, kann Wahrscheinlichkeiten benennen, Prognosen fällen, die denen des Wetters nichts nehmen. Schlussendlich bleibt wohl nur, das Leben auf ehrliche Weise zu leben. Lebenslügen sind auch nur Lügen, irgendwann stolpern die kurzen Beine und man liegt – flach. Der Weg über Stock und Stein kann einen auch hinhauen, nur lässt es sich dann leichter aufstehen, da man die Kräfte beisammen hat. Bei den Lügen hat man sie verpufft durch das Wahren des Scheins nach aussen. Der vormals als Weg des geringeren Widerstands erscheinende Weg entpuppt sich dann als Krafträuber. Subtil, anfangs unbemerkt. Doch wenn man es merkt, ist es zu spät. Korrektur nur noch mit erneutem Kraftaufwand möglich.

Gibt es ein Schicksal? Ist alles vorbestimmt? Vermutlich ist das nicht mal wirklich relevant. Schlussendlich führt der Lebensweg einen durch Hochs und Tiefs, ist mal schön, mal schrecklich. Man sucht nach seinem Platz im Leben, manche finden ihn schneller, manche suchen ein Leben lang. Am Schluss landen alle am selben Punkt. Was bleibt, ist das Gefühl beim Rückblick. Und schön wäre es, dann sagen zu können: Das war das Leben, das ich leben wollte.

Auschwitz verjährt nicht – 97jähriger Täter aufgespürt

Verschiedene Medien berichten heute über die vermutliche Aufspürung des mutmasslichen Nazi-Verbrechers László Csatáry in Ungarn. László Csatáry soll 1944als Polizeichef von Kosice im ungarisch besetzten Teil der Slowakei eine wichtige Rolle bei der Deportation von 15’700 Juden ins Lager Auschwitz gespielt haben. Aus diesem Grund steht er auf der Liste der gesuchten Verbrecher des Simon-Wiesenthal-Zentrums weit oben. László Csatáry ist 97 Jahre alt.

Für seine Taten wurde László Csatáry 1948 von einem Gericht in der Tschechoslowakei zum Tode verurteilt – in Abwesenheit. Er hatte sich nach Kanada abgesetzt, wo er bis zu seiner Enttarung als Kunsthändler gearbeitet hatte. Danach floh er nach Ungarn, wo er nun auch aufgespürt worden war von Journalisten. Momentan liegt der Fall beim Staatsanwalt in Ungarn, welcher sich einer Stellungnahme enthielt.

Die Verbrechen des Holocaust verjähren nie, sie sind heute wie damals präsent, was auch richtig ist. Die Frage, die sich stellt, ist, was es bringt, einen 97jährigen in die Mangel zu nehmen, ihn zu verurteilen und wie das Urteil überhaupt verhältnismässig sein könnte. Kommentare zu den entsprechenden Artikeln lauteten denn auch, dass es unsinnig sei, einen 97jährigen Menschen einzusperren, da in diesem Alter eine Gefängniszelle keine Qual oder Einschränkung mehr sei. Will man etwas makaber kommentieren, könnte man auch das Urteil lebenslänglich als nicht mehr wirklich bedrohlich bezeichnen. Schon gar nicht steht es im Verhältnis zu der begangenen Tat.

Das alles mag bei Lichte und mit Logik betrachtet richtig sein. Trotzdem hat die Verfolgung der Täter von damals durchaus einen Sinn: Sie zeigt, dass man nie davon kommt mit so einer Tat. Sie zeigt die unbarmherzige Verfolgung bis hin zum Tod. Der Täter wird zeitlebens auf der Flucht sein müssen, da seine Tat nie verjährt. Und selbst wenn eine mögliche Strafe für den hier Betroffenen nicht mehr schlimm ist, so ist sie doch ein Zeichen für andere (eventuell zukünftige) Täter. Das Strafrecht hat immer auch einen präventiven Charakter. Die Aussicht auf Strafe soll vor dem Begehen der Tat schützen.

Selbst wenn man den präventiven Charakter ausschlösse, nur den absoluten, auf die wirklich begangene Tat bezogenen Grund hinter einer Strafe sähe, bestünde eine Rechtfertigung für dieses Vorgehen: Wo wäre sonst die Grenze? Wenn ein Verbrechen nicht verjährt, tut es dies auch effektiv nicht, unabhängig vom Alter des Täters. Wo sollte sonst der Grenzstrich gezogen werden? Bei welchem Alter?

Was verwundert bei allen gefundenen Artikeln ist die Wortwahl des „mutmasslichen“ Täters. Ein zu lebenslanger Haft verurteilter Täter wird aufgespürt und man spricht von einem mutmasslichen? Es lag ein rechtskräftiges Urteil vor, welches nur nicht vollstreckt werden konnte, weil der betreffende Verurteilte abwesend war. So gesehen war er Täter. Und nicht nur mutmasslich. Auch das zur Last gelegte Verbrechen steht fest: Massgebliche Beteiligung an der Deportation von 15’700 Juden nach Auschwitz – und damit in den fast sicheren Tod.

Die Verbrechen des Weltkrieges verjähren nie – und damit soll auch Alter vor Strafe nicht schützen. Auch die Opfer können nicht sagen, sie seien nun zu alt, ihre Geschichte weiter mit sich tragen. Und von vielen Überlebenden liest und hört man, dass man nach Auschwitz ein Gefaner seiner Gedanken und seiner Geschichte sei. Wieso also soll ein Täter dann davon kommen?

 

Artikel zum Thema:

http://www.tagesschau.de/ausland/nazikriegsverbrecher100.html

http://www.blick.ch/news/ausland/meistgesuchter-nazi-aufgespuert-id1963456.html

http://www.freehungary.hu/cimlap/1-friss-hirek/927-hungary-laszlo-csatary-most-wanted-war-crimes-suspect.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/ungarn-mutmasslicher-ns-kriegsverbrecher-aufgespuert-11821512.html

Religiöse Beschneidung soll in Deutschland möglich sein

Das Urteil des Kölner Landgerichts, wonach die religiöse Beschneidung eines Jungen Körperverletzung sei, zieht weitere Kreise. Nachdem aus jüdischen und muslimischen Kreisen scharfe Kritik zu hören war, äussert sich nun auch die deutsche Regierung zu dem Fall. Die (fachgerecht durchgeführte) rituelle Beschneidung soll in Deutschland auch weiterhin möglich sein. Es bedürfe einer rechtlichen Klarheit und dies schnell. Man fürchtet um den Ruf Deutschlands im Ausland, wo das Urteil hohe Wellen geworfen hat. Es ist die Rede von einem Gesetz, welches die rituelle Beschneidung erlauben solle.

Die rituelle Beschneidung von Jungen ist sowohl in der jüdischen wie in der musilimischen Welt eine jahrtausende alte Tradition. Sie nun zu verbieten käme einer Beschneidung der religiösen Rechte gleich. Ginge ein Land dahin und schränkte die Religionsfreiheit ein, würde es damit Zeichen setzen. Nämlich die, dass die landesübliche (wenn auch grundsätzlich vom Staat getrennte) Religion die anerkanntere sei, fremde religiöse Bräuche nach hiesigen Massstäben gewertet und taxiert werden. Das wäre gerade im Falle Deutschlands der jüdischen Religion gegenüber ein fatales Zeichen.

Ob es eines expliziten Gesetzes bedarf, war bis vor kurzem fraglich, grundsätzlich würden die gesetzlichen Rahmenbedingungen ausreichen. SIeht man jedoch das Urteil des Landesgerichts Köln, muss man dieses Urteil revidieren und wohl für einen Gesetzesentwurf stimmen. Die Frage, die sich dann stellt, ist nur: Wo führt das hin? Es herrscht in der Gesetzgebung der Grundsatz, die Gesetze möglichst allgemein zu halten, davon abzusehen, sie unnötig aufzublasen. Bedürfte man nun für jedes religiöse Ritual sowie für andere Bereiche des alltäglichen Lebens Spezialartikel, würden die Gesetzbücher auf ein Vielfaches anschwellen.

 

 

Quelle: NZZ Online 12.7.12