Egoismus oder Rücksicht – Bedürfnisse im Konflikt

Ab und an könnte ich mich ohrfeigen. Ich habe oft das Gefühl, Rücksicht nehmen zu müssen, niemandem im Weg sein zu dürfen und nehme mich dadurch zurück. Sage zu Dingen ja, die ich eigentlich nicht will, aus Angst, anzuecken, blöd angeschaut zu werden, nicht mehr gemocht zu werden, nicht geliebt zu sein. Und so tue ich, was ich eigentlich nicht tun will, helfe, wo ich mich ausgenutzt fühle, stimme Dingen zu, die ich so nicht will. 

Vom Verstand her weiss ich, dass es nicht gut ist. Ich weiss, dass ich auch Rechte habe, mir Wert sein sollte, zu mir und meinen Bedürfnissen zu stehen. Ich weiss, dass ich Grenzen setzen soll, dass ich Grenzen habe, dass die respektiert werden müssen. Ich weiss, dass ich nein sagen darf. Dass jemand, der mich eines Neins wegen nicht mehr mag, es nicht wert ist. Vor allem ist er es sicher nicht wert, dass ich seinetwegen über mich hinweg gehe. Ich würde jedem andern raten, das gerade nicht zu tun. Und tue es immer wieder.

Und dann sitze ich da und fühle ich schlecht. Fühle mich übergangen. Denke, er hätte es merken müssen. Rücksicht nehmen sollen. Fühle mich dabei auch schlecht, weil ich mich egoistisch fühle. Weil ich die eigenen Bedürfnisse so hoch stelle. Und denke, da gehören sie nicht hin, die seinen waren viel höher zu werten. Und ich verstehe seine ja auch. Wieso also nicht ja sagen und zurückstecken? 

Und ich tue es. Immer wieder. Und fühle mich schlecht, weil ich zurück stecke. Und fühle mich schlecht, weil ich mich schlecht fühle, weil ich das egoistisch finde. Und fühle mich schlecht, weil ich trotzdem leide. Egoismus hin oder her. Und eigentlich finde ich ihn egoistisch. Und bin enttäuscht, dass es so ist. Dass er so ist. Dass er meine Bedürfnisse, sogar die ausgesprochenen, nicht so hoch stellte, seine höher sah. Das macht doppelt traurig. Es fühlt sich an wie fallen gelassen zu werden. In einem Punkt, nicht generell, aber immerhin. Im Wissen, umgekehrt hätte man es nicht getan.

Und ich schelte mich: So darf man nicht denken. Man darf vom andern nicht erwarten, was man selber gibt. Oder doch? Oder kann man so gar nicht denken?

Und nun wage ich es mal. Ich weiss, einige lesen diesen Blog. Man sieht es nicht in den Kommentaren, aber ich weiss es halt: Was darf ich von andern erwarten und was darf ich für mich fordern? Wer hat mir eine Antwort? Eine Meinung? Wie sieht sie aus?

12 Comments

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  1. Mich erstaunt, dass bei deinen Fragen keiner antwortet und keine Like-its vergeben werden. Ich bekenne es jedoch, mir ist es zu aufwändig, jetzt darauf zu antworten, da eine differenzierte Antwort jenseits der üblichen Klischees, die diese Fragen provozieren, viel Zeit benötigen würde und es soll ja auch ein Leben jenseits des Bloggens geben 😉

    Mit herzlichen Grüßen vom kleinen Dorf am geoßen Meer
    Klausbernd und seine munteren Buchfeen Siri & Selma 🙂 🙂

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    • Ich danke dir für deinen Kommentar. Ja, es kommen selten Kommentare, geschweige denn Antworten auf Fragen im Blog. „Hintenrum“ hört man Feedbacks, das erfreut dann doch sehr.

      Herzliche Grüsse zurück zu dir
      Sandra

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  2. Du stellst hier sehr elementare Fragen – sie sind nicht einfach zu beantworten ohne einen Schleier des eigenen ICH’s fallen zu lassen. Wer ist wichtiger… das ICH, das WIR, das UNS?
    Vielleicht so (weiche aus) – was sagt die Biologie – gibt es ein ICH? Die WIKIS über „Ethologie“ enden leider auch häufig mit einem Verweis auf die Psychologie. Also nicht wirklich viel aus der BIO Ecke… Nur viele viele Artikel…
    Meine direkte Sicht:
    Suche nicht immer den Fehler bei dir. Lass für dich auch mal negative Gefühle zu, ohne dass jemand anders direkt dafür verantwortlich sein muss.
    Dabei bleibe auch mal nur für dich und spüre dass dies den anderen nicht verletzt, sich selber zu verwirklichen (in Rücksicht auf Spielregeln des uns, solange dir ein uns wichtig ist).
    Ich wünsche dir dass du einen Weg findest solche unbegründete Schelten nicht bei dir zu suchen. Dass du den Weg findest die Schelte direkt zu adressieren – an ihn, an sie, an alle (welche davon wissen sollten). Denke nur so bringst du sie von dir weg. Und so können die Adressierten, solange es ihnen wichtig ist, vielleicht auch damit etwas anfangen, bei sich selber suchen.
    Wäre Schade wenn deine Gefühle nur im Blog hängen bleiben, nur bei dir selber. Dein Blog ist zu gut aus meiner Sicht!

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    • Danke für deine Sicht der Dinge. Bei sich selber bleiben, auf sich selber hören und die eigenen Grenzen auch mal wahrnehmen. Das ist sicher eine Antwort in dem Spiel. Auch mal fühlen dürfen, dass etwas für einen nicht stimmt und es sagen können. Dazu stehen dürfen ohne ständig zu denken, das stehe einem nicht zu. Bei sich selber sein, ohne den andern dadurch auszuschliessen, gegen ihn zu sein, sondern einfach für sich zu sein. Nicht immer einfach, aber wohl der ehrlichste Weg.

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  3. Das Gefühl, verpflichtet zu sein, etwas zu tun, insbesondere aus Gewissensgründen, birgt immer auch die Gefahr, dass irgendwann das Fass überläuft. Aus Zuneigung wird Abneigung, aus Empathie Kälte. Ich empfinde es immer als bedrohlich, da unberechenbar die Stimmung kippen kann. Die Betroffenen sind dann oft hilflos, da sie ohne Vorahnung mit Vorwürfen konfrontiert werden, die sie vorher gar nicht wahrgenommen hatten.
    Der Egoismus ist ein wildes Tier, das man nur zähmen kann, wenn man es nicht einsperrt, ihm Raum lässt.
    Das fällt Frauen meist schwerer als Männern. Überraschenderweise erzeugt es aber meist mehr Nähe und Verbundenheit zu Menschen, wenn man ihnen auch Freiräume lässt. Und kann man Pflichten so gar keine Freude abgewinnen, sollte man sie besser bleiben lassen.

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    • Egoismus ist sicher keine nur schlechte Eigenschaft, sie hilft, auch sich selber Ernst zu nehmen, sich selber Wert zuzusprechen. Die Frage im Miteinander ist in meinen Augen: Wo sind die Grenzen eines noch gemeinschaftstauglichen (ich sage nicht gesellschaftstauglich, es geht mir weniger um Normen denn um ein Miteinander in Frieden und Respekt – möglichst) Egoismus, der die eigenen Grenzen wahrt, die Bedürfnisse des anderen aber nicht immer denselben unterordnet? Wo fängt Aufopferung reine Pflicht aus Gründen von Genügen, Gefallen, Liebesdienst an?

      Ich denke nicht, dass man sich immer nur auf sich selber berufen kann und die eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten als Massstab des eigenen und fremden Handelns werten kann. Dies vor allem nicht, wenn andere dabei betroffen sind. Ab und an wird man die eigenen Ansprüche zurückstellen müssen, denn ein Miteinander ist nie möglich, wenn jeder nur für sich schaut.

      Heute ist es sehr modern, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen ernst zu nehmen. Das ist eine tolle Sache. Oft erlebe ich aber, dass dies auch als Schlagwort gegen aussen genutzt wird und damit ein verletzen anderer entschuldigt wird, gleichzeitig das Verständnis des andern gefordert wird, der ja einsehen müsse, dass man nur gut mit sich selber umgehe. Das setzt den anderen doppelt ins Unrecht. Erstens wird er in seinen Grenzen ignoriert, zweitens wird ihm noch gesagt, dass dies gut und richtig sei und er nur zu wenig Verständnis für den anderen hätte.

      Ich denke, grundsätzlich, dass die eigenen Bedürfnisse Grenzen wichtige Paramater im Umgang mit sich und anderen sind. Einen beachtenswerten Stellenwert sollten aber die Grenzen und Bedürfnisse des anderen haben, sofern sie von den meinen betroffen sind und in dem Masse, wie sie betroffen sind.

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  4. Als provokante Ergänzung: reine Pflichterfüllung birgt auch Eitelkeit. Wie tapfer man war, und selbstlos. Doch sammelt man eigentlich nur Munition, um irgendwann selbstgerecht sagen zu können, man hat genug geopfert? Das ist dann meist der point of no return.

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    • Kant sagte, dass Handeln nicht moralisch ist, wenn man es um der Früchte willen tut. Man kann es nur um des Handelns willen, seiner selbst willen tun, um moralisch zu handeln. Er wurde dabei oft falsch verstanden (auch von Schiller zum Beispiel), indem ihm vorgeworfen wurde, er erachte Handeln, das gute Gefühle und andere positiven Effekte hervorbringe, nicht als moralisch. Es ging ihm aber nur um die Motivation hinter dem Handeln.

      Wenn man des „guten Handelns“ wegen etwas tut, kann man nachher nicht dahin gehen und sich damit loben, denn damit hätte man das gute Handeln quasi zurückgenommen. Das Handeln geschah, soll es gut sein, um seiner selbst willen, nicht um der Selbsterhöhung wegen. Klar hat man danach gut gehandelt. Klar kann man sich darüber freuen. Aber eigentlich tat man es ja aus der Überzeugung (im besten Fall), dass es richtig ist – und nicht aus Aufopferung und dem anderen zu liebe.

      Klingt auf den ersten Blick widersprüchlich, auch im Zusammenhang mit der vorhergehenden Antwort, ist es aber nicht. Denke ich.

      Danke dir für deine Gedanken zu diesem Thema!

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      • Vielleicht würden Konkrete Beispiele das Verständnis erleichtern. So wirkt alles etwas abstrakt. Ein Talent liegt darin, der Interaktion mit Menschen immer etwas abgewinnen zu können. Manches, was die einen als reine Pflicht empfinden, sie anstrengt, interpretieren andere eher als Engagement, dass ihnen auch Befriedigung bringt. Beides ist legitim. Es braucht aber für reine Pflichterfüllung einen Ausgleich, wo diejenigen sich dann auch mal gehen lassen können. Nenn doch mal ein paar Beispiele für reine Pflichterfüllung

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  5. Ich glaube, gerade bei Pflichten ist es schwer, eine konkrete Liste derselben zu geben, da jeder etwas anderes als Pflicht empfindet. Grundsätzlich erachte ich als Pflicht etwas, das aufgrund einer bestimmten Voraussetzung von mir gefordert ist. Dabei gibt es Pflichten, die ich lieber erfülle und solche, die mir nicht liegen. Solche, die ich umgehen kann mit einem schlechten Gewissen um ihr Versäumnis, sonst aber ohne Folgen und solche, die Konsequenzen haben. Die Konsequenzen können für mich oder für andere oder für beide anfallen. Und je nachdem ergeben sich eben andere Maximen für den Umfang mit der Pflicht.

    Aber auch das ist natürlich wieder hochgradig abstrakt und nicht das, was du lesen wolltest.

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      • Ich mag Pflichten nicht, welche mich aus meiner Welt reissen, die Druck aufsetzen, die mir nicht liegen. Ich putze nicht gerne, ich hasse sture Termine, die mir den Tag zerreissen wie Hol- und Bringdienste. Ich mag keine Elternabende in der Schule und keine Wartereien am Spielfeldrand. Ich bin gerne Mutter, liebe mein Kind, aber viel an Organisatorischem drum mag ich nicht. Mache sie klar trotzdem, jammer ab und an vor mich hin, mein Sohn weiss aber, dass ich es für IHN mache, weil ich IHN liebe, dass ich die Dinge an sich aber nicht mag. Das ist nie ein Vorwurf an ihn, mehr an die Umstände, dass es alles an mir hängt.

        ich mag sonst Pflichten nicht, die ich für Menschen oder Situationen erfüllen muss, die mir egal sind, die ich einfach machen muss, weil sie aus irgendwelchen Gründen anfallen. Steuererklärungen, Müllsäcke kaufen – Dinge, bei denen nichts „persönliches“ dahinter steckt.

        Dann gibt es noch stimmungsabhängige Pflichten. Mal mag ich sie, mal weniger. Es gibt auch Momente, da putze ich aus einer Laune heraus. Es ist wirklich schwer, es abschliessend konkret zu sagen. Dies war ne schnelle Momentaufnahme aus dem Bauch heraus 😉

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