Alles zu seiner Zeit

Das Leben hält oft mehrere Möglichkeiten bereit. Man steht davor und hadert mit sich, weiss nicht, welche ergreifen. Wenn dann noch äussere Faktoren dazu kommen, von denen man abhängig ist, wird alles noch schwerer. Dann steht man wie auf einem Abstellgleis, wartet auf eine Entscheidung von aussen, auf ein Feedback, auf eine Zu- oder Absage, und hat in dieser Zeit viel Musse, darüber nachzudenken, was man selber wollte, was man selber könnte, wenn man könnte, wie man wollte und wüsste, was man wollte.

Es bleibt nicht aus, dann schwarz zu malen, mit einer Absage von aussen zu rechnen. Man biegt sich diese innerlich zurecht, redet sich ein, andere Wege wären sowieso besser, um dann wieder zurückzufallen auf die Möglichkeit, die eben noch nicht steht. Man schafft sich mit den eigenen Gedanken neue Realitäten, die noch gar nicht wirklich sind, aber wirklich scheinen, weil sie bis ins letzte Detail ausgemalt sind von der eigenen Phantasie. Man wägt Konsequenzen ab, für die noch nicht mal die Ursachen geschaffen sind. Und irgendwann steht man da und weiss nicht mehr, wo einem der Kopf steht. 

 

„Du musst dich endlich entscheiden, was du tun willst, sonst machst du nie etwas.“

Muss ich das? Wieso? Gibt es nicht auch ab und an Zeiten, die zum Suchen da sind? Bringt nicht die Suche auch immer wieder neue Erkenntnisse, solche, die man nie gehabt hätte, wenn man einfach drauflosgeschossen wäre? Klar steht irgendwann eine Entscheidung an, denn keine Entscheidung wäre ein Treten an Ort oder gar ein Rückschritt. Eine vorschnelle Entscheidung kann aber auch Sackgasse sein und wenn nicht, so doch einen Weg zur Folge haben, der einem nicht entspricht. Und ab und an sind die Möglichkeiten, zwischen denen man entscheiden soll, so vielschichtig, dass es nicht leicht fällt, zu sehen, welche am besten passt. 

Ich schwanke seit Jahren zwischen Literatur und Philosophie hin und her. Klar kann man sagen, das eine tun und das andere nicht lassen. Zwei grosse Projekte lassen sich aber nicht parallel verwirklichen, dazu fehlt die Zeit und die Kraft. Und man kann kaum je wirklich auf zwei Hochzeiten tanzen und mit dem ganzen Herzen dabei sein. Und ohne ganzes Herz bleibt die Freude am Tun aus und es bleibt auch die Tiefe im Ergebnis aus. Und das würde mich nicht befriedigen. 

Welche Strasse nehme ich also? Tauche ich besser in Plots und Charaktere ein oder verstricke ich mich in Gedanken, Thesen und normative Konstrukte? Zeichne ich lieber Welten und lasse die Figuren darin tanzen oder analysiere ich die vorhandene? Ab und an denke ich auch, dass mir die eine liegt, die andere gefällt. Dann wieder sehe ich, dass beide passen, jede auf ihre Weise.

Im Moment gefallen mir beide Welten sehr und ich bewege mich in beiden. Irgendwann wird die Entscheidung für mein nächstes grösseres Projekt fallen müssen. Wie sie ausfallen wird, weiss ich noch nicht – oder weiss es jeden Tag neu, aber jeden Tag anders. Irgendwann wird die Klarheit da sein. Da es dieses Mal wohl  für eine Weile die letzte Weiche ist, die sich stellt, fällt die Entscheidung schwerer als sonst. Treu bleiben werde ich beiden Welten, die Frage ist: Was ist Haupt-, was Nebenwelt. 

 

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