Schein und Sein

Von aussen sieht man nur, wie etwas scheint; wie es ist, weiss nur, wer es erlebt.

Ich bin mit Krimis wie „Der Alte“, „Derrick“, „Ein Fall für zwei“ und wie sie alle hiessen, aufgewachsen. Auch deutsche Komödien schaute ich dann und wann. In allen traf man immer wieder auf dieselben Schauspieler, man wusste so schon bald am Anfang des Krimis, wer der Mörder ist, weil dieser immer von denselben Schauspielern gespielt wurde. Ein Problem war das keines, im Gegenteil, wir erheiterten uns und schauten mit Freude weiter. 

Der Umstand, dass diese Schauspieler so präsent waren, liess darauf schliessen, dass sie Erfolg hatten. Dass sie auf der Sonnenseite des Lebens standen. Ab und an kriegte ich von meiner Grossmutter Regenbogenpresse, von deren Cover sie mir entgegen lächelten. Sie strahlten all ihr Glück vom Magazin in mein Wohnzimmer. Und es gab Momente, in denen ich dachte: „Ich hätte auch gerne so viel Glück!“ Nicht dass ich Schauspielerin werden wollte oder sonst berühmt, den Gedanken hatte ich nie. Es ging mir eher um das offensichtliche Glück, das sie im Leben zu haben schienen. Sie konnten den Beruf verfolgen, den sie wollten (ich ging davon aus, dass niemand Schauspieler wider Willen ist, da es doch der Traum vieler ist und doch Glück und Einsatz erfordert, ihn wirklich auszuüben). 

Viele Jahre später gelangte mir ein Buch in die Hände. Ich forschte zum Thema, wie man heute mit der Vergangenheit umgehen soll, vor allem, wenn diese Vergangenheit eine so schreckliche wie der Holocaust ist. Ich las Überlebendenbiographien, las Bücher über die Lager, über die Zeit. Und dabei auch eine Biographie, die mir nahe ging. Es war Michael Degens „Nicht alle waren Mörder“. Er schilderte darin seine Kindheit in Berlin, eine Kindheit auf der Flucht, eine Kindheit in Verstecken, eine Kindheit ausgesetzt den Launen und der Übermacht anderer. 

Wie oft hatte ich ihn in die Kamera lächeln sehen? Wie oft hatte ich gedacht: „Wow, toller Mann, toller Schauspieler, Glückspilz!“? Hatte ihn auf der Sonnenseite des Lebens gewähnt? Das Buch ist nicht wehleidig. Es ist nicht im Stil „Ich bin ein armes Opfer“ geschrieben. Es beschreibt eine Mutter mit ihrem Sohn, der voller Zuversicht durch diese schwierige Zeit geht, weil seine Mutter ihm verspricht, dass sie heil aus ihr hervorgehen. Eine tolle Frau. Wie viel Kraft muss es sie gekostet haben?

Er hatte sicher viel Glück im Leben. Trotz dieser unglaublich düsteren Zeit, welche aber nicht ausschliesslich eine düstere Kindheit war, wie er sagt. Er konnte für sich positive Momente daraus ziehen. Er hat überlebt. er hat einen Beruf ergriffen, der ihm lag, der ihn erfüllte. Er hatte Glück, hat sich eingesetzt. Und steht noch heute in diesem Beruf. Und wenn man ihn darüber sprechen hört, spürt man das Herzblut. Spürt man die Freude und die Leidenschaft. 

Also doch Sonnenseite des Lebens? Das wäre in meinen Augen zu kurz gegriffen. Leid war da. Ist sicher immer mal wieder da gewesen über die Jahre. Gesehen hat man von aussen nur den strahlend fotografierten. Und sich gedacht: „Was für ein Glückspilz. Wenn es mir so gut ginge, könnte ich auch so lachen.“ Dahinter blickt man nie, nur dran hin. Und dessen sollte man sich immer bewusst sein. 

4 Comments

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  1. Ja, die Promis und ihr Strahleleben.
    Mir ist es als Kind genau gleich ergangen. Nicht dass ich Schauspieler vergöttert hätte, aber sie gehörten für mich einer anderen Wesensklasse an. Es dauerte ganz schön lange, bis mir bewusst wurde, dass der öffentliche Promi in der Regel nichts als eine Farce ist. Ehe, Familie, Leben – alles wunderbar, herrlich, traumhaft, konnte man in der Regenbogenpresse jeweils über X lesen – auch dann noch, als Xs Ehe längst nur noch auf dem Papier bestand, der Sohn drogensüchtig und alles Geld verspekuliert war.
    Nur weil wir gewisse Menschen oft sehen, meinen wir viel über sie zu wissen. Ein Trugschluss – der nicht nur Prominente betrifft, sondern auch die Menschen um uns herum, unsere Nachbarn etc.
    Was wissen wir denn schon voneinander? Wenn es hochkommt so viel, um erkennen zu können, dass ausnahmslos jeder sein Päckchen zu tragen hat.

    In der FAZ war letzthin übrigens ein Porträit von Michael Degen: http://tinyurl.com/9eywpzm

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    • Ist nicht der Schein dem Wesen wesenhaft?
      Ich sehe das bei mir, wenn ich hier in meinem kleinen Dorf am großen Meer im Garten wühle, mit meinem Bötchen zum Fischen herausfahre, dann bin ich ein anderer als in der Zeit, in der ich auf eine Vortragsreise gehe. Ich kleide mich anders, rede anders und verhalte mich anders. Aber beides bin ich. Hinter dem Schein, möchte ich sagen, muss nicht immer der Schatten lauern – oder?
      Herzliche Grüße vom Meer
      Klausbernd

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      • Ich denke, der Mensch ist nie nur einseitig, er hat viele Seiten an sich, die er nicht alle synchron auslebt/ausleben kann. Das heisst nicht, dass die eine Seite versteckt ist, die andere im Vordergrund, sondern einfach, dass man sich je nach SItuation und Laune mehr wie die eine oder andere fühlt und gibt. So lange man nicht bewusst eine Maske aufsetzt, etwas darstellen möchte, das man nicht wirklich ist, ist das immer noch Sein.

        Wenn ich das so schreibe, frage ich mich (quasi Denkarbeit aktuell): Ist die Maske, die ich aufsetze nur Schein oder zeigt sie nicht durchaus auch etwas von mir? Seien es nur meine Wünsche, die ja doch auch Teil von mir sind. Sie zeigt vielleicht auch, immerhin mir selber, dass ich eine verletzliche Seite habe, die ich verstecken möchte. Der Schein quasi zum Schutz des Seins? WO hört Sein auf, wo fängt Schein an? Ich denke, die Gedanken sind noch nicht zu Ende gedacht für mich.

        Danke für deinen Kommentar und herzliche Grüsse aus der Schweiz
        Sandra

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  2. Wenn es eine Maske ist, ist es Schein. Jedenfalls sehe ich das so. Wäre es eine Fazette deines Ich, müsstest du ja nichts überstülpen, nichts aufsetzen.
    Jeder Mensch ist vielschichtig. Doch mir schien, dass du mit einem Artikel nicht diese angesprochen hast, sondern die bewusste Verstellung.

    Wenn deine „Maske“ ein Mittel ist, um eine Seite von dir ausleben zu können, ist sie nicht eigentlich Maske, sondern Hilfsmittel.

    Dient die Maske dem Schutz des eigenen Wesens, ist sie für mich noch immer Maske. Allerdings bewerte ich diese Art der Maskierung spontan deutlich positiver (was vielleicht nicht gerechtfertigt ist) als die Maske, die etwas vortäuschen soll.

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