Leiden vermeiden

„Wenn wir unser Leiden erst einmal mit unseren Verhaltensmustern in Verbindung gebracht haben, werden wir künftig weiser handeln.“ (Eknath Easwaran)

Es gibt wohl kein Leben, das nicht mit Schmerzen verbunden ist. Wünsche werden nicht erfüllt, Unfälle passieren, Beziehungen zerbrechen, Menschen werden krank, sterben – die Liste schmerzhafter Erfahrungen liesse sich endlos verlängern. Allerdings sind es nicht diese Dinge, die uns mehrheitlich leiden lassen, es ist unsere Haltung zu ihnen.

Indem wir krampfhaft versuchen, das zu erreichen und zu bewahren, was wir wollen, und das zu meiden oder loszuwerden, was wir nicht wollen, messen wir den Dingen einen Wert zu, den diese nicht haben. Die Dinge sind, wie sie sind und als solche sind sie unbeständig. Nichts, was ist, währt ewig. Wenn wir uns also an etwas klammern, provozieren wir durch diese Haltung unser Leiden selber, denn es liegt in der Natur der Sache, dass es uns irgendwann genommen wird. Und ja: Der Verlust eines lieben Menschen schmerzt trotz dieses Wissens, aber das Leid verdoppelt sich nicht durch unser Zutun.

Alles, was wir können, ist, die Dinge und Menschen zu schätzen, wenn sie da sind, uns an ihnen zu erfreuen, und sie dann loszulassen, wenn die Zeit gekommen ist. Mit der Dankbarkeit im Herzen, dass sie da waren, und dem Wissen, dass etwas Neues entstehen wird.

Den eigenen Weg gehen

„Glaube an deine eigenen Gedanken.“ (Ralph Waldo Emerson)

Wir suchen uns oft Autoriäten im Leben, die uns dann sagen sollen, wo es lang geht. Früher hatten Religionen diese Aufgabe, heute sind es Eltern, Lehrer, Gurus, Coaches – Menschen, die sagen, dass sie wüssten, wo es lang geht, Menschen, die dich glauben machen, dass es dir gut geht, wenn du ihnen und ihren Anleitungen nur folgst.

Wir folgen gerne, denn wieso erst einen eigenen Weg trampeln, wenn es schon einen gibt und ihn uns jemand zeigen kann? Wieso sollen wir uns erst selber Gedanken machen, die wir dann auch noch bezweifeln, wenn sich schon jemand diese Gedanken gemacht hat und nun weiss, wie es geht?

Nur: Keiner kann uns unseren Weg zeigen, den kennen nur wir. Er liegt in unserem Inneren angelegt und wir müssen ihn entdecken und ihm folgen. Menschen können uns begleiten, sie können uns beim Suchen helfen, aber herausfinden, was passt, müssen wir selber. Und gehen auch.

Lebensritt

Bin kein Engel,
und kein Teufel,
bin schlicht ich,
ein Sammelstück.

Häufe an,
was sich so findet
an Gedanken,
an Gefühl.

Lasse raus,
auch ungehindert,
denke nach,
oft viel zu viel.

Bin ein Buch
mit sieben Sigeln,
liege auch mal
offen da.

Bin ganz ernst und
auch oft lustig
bin mal hart und
doch zu weich.

Manchmal Kuh und
manchmal Ziege,
manchmal Huhn
und auch verrückt.

Bin mal Bettler
und mal König,
singe laut und
schweige still.

Und bei all dem
hoff ich innig,
dass ein jemand
teilt den Ritt.

©Sandra Matteotti

Rezension: Mark Franley – Schmutzige Seelen

Als ihr irgendwann die Sinne schwanden und der Kopf nach vorne überkippte, hatte er endlich von ihr abgelassen und deutlich ruhiger als zuvor gefragt: »Hast du es jetzt verstanden?«
Nun saß sie da, schmeckte den Schweiß, die Tränen und das Blut im Mund. Die Schläge schienen in ihren Ohren nachzuhallen. Ja, sie hatte seine Worte verstanden. Doch die Forderung war so ungeheuer, dass sich ihr Kopf weigerte, auch nur darüber nachzudenken.

FranleyRuben Hattinger macht Ferien mit seiner Familie, was selten genug vorkommt, als es vor Ort zu einem grausamen Verbrechen kommt – Sein Berufseifer ist geweckt, er macht sich an die Ermittlungen. Unterstützt wird er dabei von der ortsansässigen Oberkommissarin, die einerseits von seiner Beobachtungsgabe beeindruckt ist, sich andererseits nicht zu selten über seine exzentrische, wenig zugängliche und auch mal schroffe Art wundert. Vor allem mit dem Wundern steht sie nicht alleine, da sich Hattinger durch seine wenig zugängliche Art nicht nur Freunde macht.

Aus einem Fall wird schnell eine Serie, Verdächtige sind schnell gefunden, dann auch ein Täter. Nur: Hattinger ist sich nicht sicher, ob sie sich nicht irrten. Sein Verdacht gilt einem anderen, einem, dem man nichts nachweisen kann, einer, der über alles erhaben scheint. Hat er sich verrannt?

Nach einer sehr langen Lesepause, was Literatur und Krimis anbelangt, war dies mein erster Griff ins Regal und ich wurde nicht enttäuscht. Von der ersten Seite packte mich die Geschichte, deren Plot schlüssig und mit dem nötigen Spannungsbogen versehen ist. Die plastischen Charaktere, die durch ihre verschiedenen Facetten sehr authentisch erscheinen, haben den Sog, den die Geschichte ausübte, noch verstärkt.

Die sehr detaillierten sexuellen Szenen hätte es für meinen Geschmack nicht gebraucht, sie taten dem Buch aber auch keinen Abbruch. Die Verbrechen schlugen dafür in die andere Richtung aus, liessen an Perfidität und Grausamkeit wenig Luft nach oben. Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Thriller, den man so leicht nicht mehr aus der Hand legt.
Fazit:
Scmutzige Seelen ist ein Krimi, der einen durch einen stimmigen Plot und plastische Figuren kaum mehr loslässt – ein wahrer Pageturner. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor: Mark Franley
1972 in Nürnberg geboren, ist Mark Franley bis heute seiner Heimat treu geblieben. Inspiriert durch die lange und oftmals auch dunkle Geschichte seiner Stadt, wird diese zur perfekten Kulisse für das, was einen guten Psychothriller ausmacht.
Die Eigenschaft mit offenen Augen durch die Welt zu laufen, spiegelt sich in all seinen Geschichten wieder und erklärt sicherlich auch seinen Erfolg.
Immer wieder finden sich gesellschaftliche Themen, geschickt eingebettet in fiktive Geschichten, und regen so zum Nachdenken an. Einige kurze, prägnante Sätze genügen, um den Leser in eine andere Welt zu holen und ihn dort festzuhalten. Spannung ist in jedem Fall garantiert!

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 383 Seiten
Edition M (27. August 2019)
ISBN-Nr.: 978-2919807505
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Selbtmitgefühl

„Mitgefühl für mich selbst ist der mächtigste aller Heiler.“ (Theodore Isaac Rubin)

Ab und an gelingen uns Dinge nicht. Oder wir sagen etwas, von dem wir sofort merken, dass wir es besser nicht – oder nicht so – gesagt hätten. Oder wir verhalten uns auf eine Weise, wie wir es eigentlich nicht möchten. Wir reagieren unangemessen und merken es einen Moment zu spät – nämlich erst danach. In all diesen Situationen passiert oft eines: Wir schimpfen mit uns! Wir sagen uns, was wir alles falsch machen, fragen uns, wie wir so dumm sein können, schelten uns. Und ja, wir fühlen uns schlecht und unzulänglich.

Mit jemand anderem gingen wir kaum so hart ins Gericht. Je lieber uns der andere wäre, desto nachsichtiger wären wir sogar. Wieso also sind wir bei uns selber so hart? Wieso verzeihen wir anderen Fehler, sehen sogar über diese hinweg, prangern sie bei uns aber an, reiten drauf rum und halten sie uns immer wieder vor?

Mitgefühl ist ein Wort, das vielen präsent ist. Oft beziehen wir es aber nur auf andere, bei uns selber wenden wir es spärlich an. Aber: Wir sind ebenso wie die anderen ein Wesen, das Liebe und Glück sucht und Leiden nicht mag. Wir sind es ebenso wert, dass wir uns mit Mitgefühl bedenken, und zwar dann, wenn wir es am dringendsten brauchen.

Selbstmitgefühl ist mittlerweile ein gute erforschter Bereich. Man hat herausgefunden, dass ein Mangel an Selbstmitgefühl zu Ängsten, Depressionen, Suchtverhalten führen kann. Und: Indem wir mit uns selber hart ins Gericht gehen, uns kritisieren statt und in den Arm nehmen, wenn etwas nicht läuft, wie gewünscht, drehen wir uns in einer Spirale von Erwartungen, Versagen und Selbstverurteilung. Und mit all dem treten wir auch nach aussen. Wir fürchten die Kritik anderer, weil wir denken, nicht zu genügen, wenn nicht nur Lobeshymnen auf uns einströmen. Wir fürchten, etwas nicht zu können, weil wir denken, die anderen Menschen dächten dann genau das Gleiche über uns, wie wir selber in unserer beissenden Selbstkritik. Und wenigstens nach aussen wollen wir stark sein. Genug sein. Gut genug sein.

Nur: Alle Menschen haben Schwächen, kein Mensch kann alles, keiner ist perfekt. Wenn wir lernen, uns diese Schwächen, Lücken und Eigenarten zuzugestehen, wenn wir uns damit annehmen und lieben lernen, dann können wir auch gelassener mit Kritik von aussen umgehen. Dass etwas nicht gelang, heisst dann nicht, dass wir nicht gut genug sind. Wir müssen uns nicht verteidigen, müssen nicht in die Offensive gehen. Wir können die Kritik anhören, prüfen, was für uns daran stimmt, und überlegen, was wir damit machen. In Ruhe und angemessen.

Eine solche Haltung wird uns auch mutiger machen, da wir Dinge ausprobieren dürfen. Wir dürfen Risiken eingehen, weil auch etwas nicht gelingen darf, ohne dass wir gleich Versager sind. Wir erkennen, dass wir genauso wertvoll sind, ob nun etwas gelingt oder nicht.

Wenn also wieder einmal etwas nicht läuft, wie es sollte: Wieso nicht einfach mit Selbstmitgefühl statt mit verurteilender Kritik reagieren? Das heisst nicht, dass wir uns dann zurücklehnen können und nichts mehr lernen, ändern oder selber wachsen können oder sollen. Es heisst nur, dass wir gut sind, wie wir sind. Damit bereiten wir einen Boden, auf dem wir weiter gehen können. Mit Mut und Zuversicht und im Wissen, dass einer da ist, der uns in den Arm nimmt, wenn etwas nicht klappt: Wir selber.

Ruhe bewahren

„Es gibt keinen friedlicheren und sorgloseren Ort als deine eigene Seele, besonders da sie bei näherer Betrachtung ein Ort der inneren Ruhe ist, also nicht weniger als eine innere Ordnung.“ (Marc Aurel)

Im Leben läuft nicht alles immer wie gewünscht, Dinge gelingen nicht, Menschen verletzen uns, Krisen suchen uns heim. Das Leben ist in Unordnung geraten. Wir ertappen uns bei wirren Gedankenkonstrukten, verlieren uns in dunklen Gedanken- und Gefühlsspiralen.

Es kann helfen, zu denken, dass wir trotz alledem tief drin noch in Ordnung und heil sind. Das, was uns passiert ist, ist vergleichbar mit einem Stein, der in einen Teich fällt. Er wirbelt Schlamm und Dreck auf, das Wasser wird unruhig, trüb und dreckig. Doch dann – nach und nach – klärt sich das Wasser wieder, der Teich liegt wieder still da. Genauso ist es mit unserer Seele. Die Ruhe und Klarheit ist in ihr, immer, wir müssen nur ab und an die Dinge erst wieder setzen lassen, in Ordnung kommen lassen (oder bringen), um dann wieder Ruhe zu spüren. Von tief drin.

Wer bin ich?

Wenn mich jemand fragt, wer ich bin, liegt die Antwort meist auf der Hand. Es ist nicht immer die gleiche, sie passt sich ein wenig dem Fragenden und seiner Intention an, aber doch: Ich bin…

  • Sandra
  • Philosophin
  • Malerin
  • Zeichnerin
  • Mutter
  • Frau
  • Schweizerin
  • Schreibende
  • Fotografin
  • Liebende
  • ….

und vieles mehr. Und nein, die Reihenfolge ist keine Rangliste, sie ist rein beliebig.

Doch: Stimmt das? Was ist es, was ich preisgebe, wenn ich sage, wer ich bin? Und was verdecke ich? Würde ich alles sagen oder gibt es Tabus? Ist eine Beschreibung überhaupt ausreichend oder reicht das, was ich bin, nicht über alle Worte hinaus? Und wenn nicht, hätte das Gegenüber Zeit, all die Worte, die ich zu sagen hätte, anzuhören? Interessieren sie überhaupt?

Wer bin ich? Oft hilft es einem selber, sich in Schubladen zu sehen, da diese auch gefordert sind. Wohin man auch kommt, gibt es Formulare, in denen man ausfüllen muss, wer man ist – vieles vom oben Genannten kommt da vor. Nur: Bin ich das wirklich? Nur eines? Die Kombination?

Schubladen sind hilfreich, aber sie sind auch einengend. Wenn ich mich für eine entscheide, passe ich in die anderen nicht mehr rein. Und: In einer sitzend, lässt es sich oft schlecht rausschauen, was es noch alles gäbe. Und oft versagt man sich das andere bewusst, da es in der Schublade so komfortabel ist, das Draussen Gefahren bieten könnte.

Aber: Im Wissen, dass die Frage kommt, suche ich immer wieder nach Schubladen. Und keine passt auf Dauer. Weil eine einzige schlicht zu wenig ist. Denn: ich bin nicht nur eines, ich bin ganz viel. Und all die Facetten gehören zu mir – die hellen und dunkeln, die griffigen und die schwammigen, die emotionalen und die sachlichen, die genehmen und die unangenehmen. Ich bin ich. Schlussendlich. Mit allem, was dazu gehört.

Nur schon das zu sehen, ist nicht immer einfach. Es zu leben erfordert oft auch Mut. Zu sagen: Ich bin ich und eben keine einzelne Schublade, kann auf Unverständnis treffen. Die Angst, nicht akzeptiert zu sein, wenn man nicht in der richtigen Schublade sitzt, lässt oft zurückschrecken, verdecken, verstecken. Und gerade damit wohl auch anecken – wenn ich sofort bei anderen, so doch irgendwann bei einem selber. Und dann bald auch bei anderen. Weil man selten auf Dauer Teile versteckt. Und Verstecktes oft irgendwann, ganz unvermittelt, in ungemeiner Wucht ans Licht tritt.

Ich bin ich. Und ich bin viel. Und das ist gut so.

Musik

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ (Victor Hugo)

Musik war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Wenn es mir nicht gut geht, hörte ich Musik und fühle mich irgendwie gehalten, oft hilft die Musik auch, dass ich mich bald wieder besser fühle. Geht es mir gut, verstärkte die Musik das Gefühl noch. Ich habe auch viele Lieder, die ich mit (immer schönen) Erinnerungen verbinde. Läuft ein solches, kommt gleich auch die Erinnerung und damit das gute Gefühl von damals hoch.

Es gibt Musik, bei der ich genau weiss, dass ich gute Laune kriege, wenn ich sie höre, Musik, die mir beim Träumen hilft, Musik, die schöne Momente noch untermalt. Nun habe ich neu begonnen, Gitarre zu spielen. Und auch wenn ich nur ein paar Akkorde kann aktuell, tut mir das Spielen gut, bringt es mich in eine andere Welt. Vor allem, wenn meine Welt mal nicht so hell erscheint, hilft die Musik, wieder ein wenig Sonne hereinzubringen.

Probiere es mal aus: Wenn du traurig oder wütend bist, schlechte Laune hast – höre ein Lied, von dem du weißt, dass es dich fröhlich macht, zu dem du am liebsten tanzen würdest. Und dann singe und tanze. Und spüre, was mit dir passiert.

Distanz gewinnen

Überlaß es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuch’s nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.
Am ersten Tag wirst du feige dich schelten,
Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du’s überwunden,
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

Theodor Fontane

Ab und an ist es sinnvoll, die Dinge einfach ruhen zu lassen. Wenn wir direkt reagieren, geschieht das häufig aus einem Affekt heraus, es ist unüberlegt und oft unangemessen, da nicht aufgrund der aktuellen Situation sondern aus alten Prägungen und Mustern heraus.

Innezuhalten und alles setzen zu lassen, hilft einerseits, die aktuelle Situation richtig einzuschätzen und eine mögliche Reaktion bewusst zu wählen, andererseits merken wir aus der Distanz oft, dass sich die Angelegenheit für uns erledigt hat, wir gar nichts mehr zu tun brauchen.

Kreativität

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ (Nietzsche, Also sprach Zarathustra)

Vieles im Leben haben wir nicht im Griff, wir können es schlicht nicht kontrollieren. Das Wetter, Krankheiten, Begegnungen, Todesfälle – alles kommt von aussen auf uns zu und wir können nur damit leben – auf die bestmögliche Weise. Bei all den Unsicherheiten im Aussen suchen wir nach Sicherheit, nach einem Halt, versuchen, unter Kontrolle zu haben, was sich in diese bringen lässt. Nur:

Die (vermeintliche) Kontrolle ist nicht nur oft eine Illusion, sie ist auch der Tod der Kreativität. Wo wir nur noch in vorgefertigten Schemen denken, wo wir nur noch auf vorgfertigen Pfaden gehen, wo wir alles akkurat nach Vorgabe, Regel und Vorschrift abhandeln und uns von starren Prinzipien leiten lassen, entsteht nichts Neues. Das Leben hört auf Spiel zu sein und es werden ganz sicher keine tanzenden Sterne geboren. Und:

Wirkliche Sicherheit finden wir auch so nicht. Ist der Preis unsere Kontroll- und Sicherheitsdenken also nicht zu hoch? Wieso nicht einfach mal loslassen, geschehen lassen, chaotisch und frisch denken und fühlen und handeln? Und Sterne gebären, um mit ihnen zu tanzen.

Urteile – Unding oder Lebensding?

Heute las ich auf einem Blog (lieben Dank für den Denkanstoss – ein Blog, den ich übrigens sehr mag) ein Zitat:

„Denken ist schwer, deshalb urteilen die Meisten.“ (C. G. Jung)

Begleitet wurde das Zitat durch eine Zeichnung.

Meine Gedanken dazu waren:

Es ist schwer, darauf zu reagieren. Alles, was ich zum Zitat oder Bild sagen könnte, wäre ein Urteil. Zumindest eine Interpretation oder eine eigene Sicht auf das Ganze, was doch wiederum im landläufigen Sinne einem Urteil gleich kommen könnte.

Ich kenne das „nicht Urteilen“ aus der östlichen Philosophie (Jung hat sie wohl auch von ebenda). ich frage mich oft, wie lebensnah die Forderung ist? Helfen Urteile nicht oft auch, uns in einer dem Leben angemessene Zeit auf dieses zu reagieren und darin zu bestehen?

Aber ja, oft sind sie auch da, ohne dass wir wissen, woher sie kommen. Und hindern uns dann am Sein im Hier und Jetzt? Bringen uns gar zu oft in Situationen, in welchen wir uns nicht sehen wollten, weil wir aufgrund von Impulsen und aus denen resultierenden Urteilen reagierten, ohne wirklich hinzuschauen?

Deswegen aber Urteile ganz vermeiden? Wäre nicht das Bewusstsein, wo wir aufgrund welcher Gründe urteilen, ein anzustrebendes Ziel, statt Urteile per se einen negativen Touch zu geben?

Zudem: Ist ein Urteil immer frei von Denken? Sind Urteilen und Denken Gegensätze?

Lebe, liebe, lache

„Live, Love, Laugh.“ (Osho)

Wie oft sagst du im Leben, dass du etwas gerne tun würdest, leider keine Zeit dafür hast? Wie oft schiebst du Herzenswünsche vor dir her, weil du sie dir irgendwann später erfüllen möchtest? Wie oft vertröstest du liebe Menschen auf später, weil du im Moment einfach zu eingespannt bist?

Das Leben ist kurz und wir haben nur das eine. Wir sollten uns also gut überlegen, was wir mit der Zeit, die wir haben, anfangen. Das heisst nicht, dass wir alle Pflichten liegen lassen und fortan nur noch nach dem Lustprinzip leben sollen, aber es bedeutet, dass wir uns klar werden müssen, wo unsere wirklichen Prioritäten liegen und wie wir sie umsetzen können. Wie viel Unwichtiges tun wir tagtäglich, weil wir nicht nein sagen konnten, weil wir uns einfach treiben lassen, weil wir schlicht nicht hinsehen, was uns wirklich gut tut und am Herzen liegt?

Irgendwann gibt es kein später mehr – es wäre schade, wenn die Herzenswünsche unerfüllt mit uns aus dieser Welt gingen oder wir zu wenig Zeit mit geliebten Menschen verbracht haben, und es nun nicht mehr möglich ist.

Lebe, liebe, lache! Es ist dein Leben!

Leben und Lernen, oder: Ich bin gut

Klein Emma rennt über den Spielplatz, um möglichst schnell bei der Rutsche zu sein. Ihre Mutter ruft ihr nach: „Emma, pass auf, nicht dass du hinfällst.“

Schön, wie besorgt die Mutter um ihr Kind ist, nicht?

Später sitzen alle bei Tisch, Emma will sich selber aus der Salatschüssel schöpfen, es gelingt ihr auch teilweise, ein Teil des Salates landet im Teller, der Rest fällt in die Schüssel zurück. Der Vater nimmt ihr das Salatbesteck aus der Hand: „Warte, ich mach das für dich, das kannst du noch nicht. Sonst fällt noch was aufs Tischtuch.“

Schön, wie hilfsbereit der Vater ist, nicht?

Emma und ihr Freund fahren in die Stadt, finden nur einen Parkplatz zum Seitwärts-Parken. Emma: „Kannst du das für mich machen? Ich kann das nicht.“ Der Freund findet das selbstverständlich und parkt das Auto.

Schön, wenn man einen so hilfsbereiten Freund hat, nicht?

Besorgte Mütter und hilfsbereite Freunde sind wunderbar, es ist schön, wenn man Menschen im Leben hat, die für einen da sind. Das Wissen um solche Menschen gibt einem die nötige Sicherheit, das Gefühl der Verbundenheit auch, ohne das der Mensch nicht lebensfähig ist. Die drei hier erwähnten – durchaus sehr verkürzten – Beispiele zeigen aber noch mehr: Wir sehen nicht nur Hilfsbereitschaft, wir sehen auch Haltungen:

Die Mutter traut dem Kind nicht zu, unfallfrei zu rennen. Wenn sie nun bei jedem Spurt der kleinen Emma zur Vorsicht gemahnt, wird in Emma das Gefühl grösser, dass das Leben gefährlich ist und die eigenen Fähigkeiten nicht ausreichen. Das Gefühl der fehlenden Fähigkeiten verstärkt sich bei der Situation mit dem Salat noch. Hinzu kommt die Angst, einen Fehler zu machen. Diese beiden Situationen sind sicherlich nicht die einzigen im Leben der aufwachsenden Emma. Immer wieder wird sie Stimmen begegnen, die ihr sagen, was sie nicht kann, was nicht gut ist, wo sie sich verbessern müsste.

Gerade die Schule in ihrer heutigen Form ist sehr nach Leistung aus. Spätestens da wird Emma bewusst werden, dass es Normen gibt, in die sie passen muss. Tut sie das nicht, weil sie nicht die erwarteten Leistungen in der dafür vorgesehenen Zeit erbringt, wird sie bewertet, im schlimmsten Fall deklassiert.

All das hat eine Wirkung auf Emma. Es festigt in ihr ein Denken. Wenn sie nicht genügend anders geartete Stimmen hat, die an sie glauben, ihr Mut machen, sie bestärken, und wenn sie nicht genügend Resilienz besitzt, die abwertenden Stimmen im wahrsten Sinne des Wortes abprallen zu lassen, drüber zu stehen, mit gesundem Selbstbewusstsein weiter zu gehen, wird das Denken in etwa so lauten:

„Ich genüge nicht. Ich bin nicht gut genug.“

Dazu gesellen sich noch Gedanken, was sie alles nicht kann (oder nicht zu können glaubt). Und so wächst eine Emma heran, die sich (zu) wenig zutraut, die den Mut nicht hat, Dinge auch mal zu probieren, weil sie Angst hat, auf die Nase zu fallen, etwas zu riskieren, weil sie Angst hat, etwas falsch zu machen. Emma wird sicher immer wieder Menschen finden, die ihr helfen, aber sie selber wird dadurch nicht glücklich, weil sie durch diese Selbstzweifel immer wieder in der Erfahrung der Selbstwirksamkeit beschränkt ist. Es fehlt ihr die Freiheit, zu probieren, oft auch die Neugier zu lernen, weil sie von vornherein denkt, es sowieso nicht zu können.

Was also ist die Lösung? Nicht mehr helfen? Sollen alle auf die Nase fallen, denn nur aus Schaden wird man klug? Das wäre eine verheerende Schlussfolgerung. Wir alle sind auf Hilfe angewiesen in ganz vielen Punkten. Ohne gegenseitige Hilfestellungen wäre das Leben beschwerlich, wenn nicht gar unlebbar. Die Frage ist aber, wobei man hilft und auf welche Weise. Und noch zentraler ist die Frage: Aus welcher Haltung heraus helfe ich.

Wenn man als Helfer als grosser Könner dem kleinen Hilflosen zu Hilfe eilt, ist vielleicht das aktuelle Problem gelöst, aber ein grösseres nimmt seinen Anfang: eine Hierarchisierung von Menschen. Da gross, dort klein, hier Könner, da Taugenichts. Hilfe sollte immer auch Hilfe zur Selbsthilfe sein, und: Sie sollte von Mensch zu Mensch auf Augenhöhe passieren. Wenn einer dem anderen hilft, sind beide als Menschen gleichrangig. Sie treffen sich in einer Situation und sind da aufeinander angewiesen: Ohne Hilfesuchenden gibt es keinen Helfer. Und: In allen Situationen, in denen Menschen aufeinander treffen, nehmen immer beide etwas für sich mit.

Kein Kind wird ohne ein aufgeschlagenes Knie durch die Kindheit gehen. Als Eltern sind wir dazu angehalten, unsere Kinder vor Gefahren zu schützen. Nur: Wo keine anderen Gefahren als nur ein wenig Blut lauern, sollte das Kind durchaus seine eigenen Grenzen ausloten können dürfen. Wie schnell kann ich laufen, wie viel kann ich wagen? Und wenn es zu viel war, sollte nicht Tadel und Belehrung warten (das Kind hat durchaus selber gemerkt, dass es so auf die Nase gefallen ist), sondern Liebe und Aufmunterung. Ein Kind, das auch beim Hinfallen das Vertrauen spürt, das in seine Fähigkeiten gesetzt wird, wird wieder aufstehen und weiter laufen. Es wird sich gehalten, aber nicht getragen fühlen, denn es weiss, dass jemand da ist, es aber die eigenen Füsse brauchen darf und kann auf dem Weg durchs Leben.

Und so würde Emma beim ersten Autoausflug ihren Freund vielleicht bitten, von aussen zu signalieren, wie weit sie fahren kann, um es dann nach und nach selber abschätzen zu können. Weil sie weiss, dass sie sich helfen lassen darf, sie aber die Dinge selber lernen kann.

Immer, wenn in Zukunft das Gefühl aufkommt, dass man nicht genügt, könnte man sich fragen: Wem genüge ich nicht und wieso?

Wenn das Gefühl aufkommt, etwas nicht zu können, könnte man sich fragen: Wieso glaube ich das? Und: Wessen Stimme spricht da?

Schlussendlich ist jeder, wie er ist, und damit ist er gut. Das heisst nicht, dass man im Leben nichts dazu lernen kann, das kann man immer und tut man im Normalfall auch immer, denn leben heisst lernen – ein Leben lang. Wenn man etwas lernt, ist man nachher nicht besser, man ist immer noch gut. Wenn man nichts lernen will, könnte man sich fragen, wieso das so ist. Und vielleicht würde man nur schon durch die Frage etwas lernen. Auch das wäre gut.