Herr Karl

Einsam stand er am Strassenrand, er hatte seine besten Zeiten hinter sich. War er früher, es war nicht mal lange her, der Star der Strasse gewesen, so beachtete ihn heute kaum jemand mehr. Die, welche ihn noch vor kurzem fröhlich angelacht hatten, liefen nun achtlos an ihm vorüber. Irgendwie konnte er es auch verstehen. Er sah wirklich heruntergekommen aus. Die Zähne waren ihm ausgefallen, der Schal war dreckig und schmuddelig und seine einst stattliche Figur war geschrumpft. Was mal ein fröhliches Lachen in seinem Gesicht gewesen war, glich nun einer Fratze. Dabei hatte sein Leben so schön angefangen.

Eines Morgens, als es frisch geschneit hatte, kamen die Kinder aus der ganzen Strasse fröhlich lachend angerannt. Alle waren sie dick eingepackt, trugen bunte Mützen mit Bommeln dran und Wollhandschuhe. Ihre Wangen waren vor Freude und Kälte rot, sie plauderten und lachten, warfen sich den frischen Schnee ins Gesicht und waren sichtlich glücklich über das kalte Weiss, das noch immer unablässig vom Himmel fiel und auf dem Boden schon eine stattliche Schicht hinterlassen hatte.

Eifrig machten sie sich ans Werk. Ein Junge formte einen kleinen Schneeball und rollte ihn durch den Schnee. Er wurde gross und grösser, so dass er ihn schon bald nicht mehr alleine bewegen konnte. Schnell kamen die anderen hinzu und halfen ihm, bis eine stattliche Kugel entstanden war. Auf die gleiche Weise machten sie noch eine zweite Kugel, nicht ganz so gross, und hoben sie dann gemeinsam auf die erste Kugel. Die Anstrengung hatte ihre Wangen noch röter werden lassen, kalt war ihnen schon lange nicht mehr. Und: Sie waren noch lange nicht fertig, es brauchte noch eine dritte Kugel. Als sie auch diese gerollt hatten, standen sie da und wussten nicht wie weiter. Wie sollten sie diese nun auf die anderen beiden Kugeln heben? Sie war viel zu schwer und es war auch zu hoch. Zum Glück kam in dem Moment ein Mann vorbei, der die Kinderschar bei ihrem Tun beobachtet hatte. Er lachte fröhlich, denn er konnte sich noch gut erinnern, wie es gewesen war als er mit seinen Freunden an der gleichen Stelle auch einen Schneemann gebaut hatte.
„Braucht ihr Hilfe?“, fragte er. „Au ja, unbedingt!“, kam es ihm im Chor entgegen.

Gemeinsam hoben sie die dritte Kugel auf die ersten beiden. Was für eine Freude – fertig war der Schneemann.

Doch halt – er war noch lange nicht fertig. Jetzt ging es erst richtig los. Der Schneemann brauchte ja noch Augen und einen Mund, eine Nase und Arme, Kleider und vieles mehr, denn sonst wäre es ja nur irgendein Schneemann gewesen, aber es sollte ihr Schneemann sein. Schnell rannten die Kinder nacht Hause, um zu sehen, was sie Brauchbares finden konnten. Als alle wieder beim Schneemann versammelt waren, begutachteten sie die Ausbeute.

Sie hatten eine Möhre, die sie als Nase mitten in den Kopf steckten. Aus zwei Walnüssen machten sie zwei Augen links und rechts, die vielen schwarzen Knöpfe liessen sich gut zu einem Mund formen. Ein altes Nudelsieb war ein prima Hut – sie konnten sogar eine Plastikblume zur Zier in eines der Löcher stecken. Danach wickelten sie ihrem Schneemann einen Schal um den Hals und freuten sich: Das würde der schickste Schneemann überhaupt. Schnell steckten sie ihm noch zwei Äste als Arme in den Körper und da stand er nun. Stattlich und gross und wunderschön. Fröhlich schaute er in die Welt hinaus.

„Wie soll er denn heissen?“, fragte ein Junge. „“Wir brauchen einen Namen, der zu ihm passt.“ „Wie wäre es mit Herr Karl?“, fragte ein kleines Mädchen, denn so hiess die Hauptfigur in ihrem Lieblingsbuch. Alle waren begeistert. Mittlerweile war es Mittag geworden und die Kinder mussten nach Hause. Schnell verabschiedeten sie sich von Herrn Karl und rannten nach allen Seiten davon.

Alle menschen, die an Herrn Karl vorbeiliefen, mussten lachen. Wie gut konnten sie sich an ihre eigenen Schneemänner und die Freude am Bauen erinnern. Man hörte ein fröhliches „Weisst du noch…“ aus vielen Mündern. Zudem war Herr Karl wirklich ein sehr stattlicher und schöner Schneemann. Die Strasse war durch ihn eine fröhlichere geworden.

Nach dem vielen Schneefall kam bald auch wieder die Sonne. Wie schön der Schnee glitzerte und funkelte. Und mittendrin Herr Karl. Nun sah er noch schöner aus. Leider litt Her Karl unter den heissen Sonnenstrahlen. Der Schweiss lief ihm unter seinem Hut hervor, das Gesicht hinunter und durchdränkte seinen Schal. Ab und zu nahm ein Schweisstropfen auch einen Knopf des Mundes weg. Zuerst hatte er eine Zahnlücke, dann fehlte immer mehr. Herr Karl verlor seine Nase, sie hatte keinen Halt mehr im immer weicher werdenden Kopf.

Nach und nach verlor Herr Karl sein stattliches Ansehen, er fiel förmlich in sich zusammen und verkümmerte. Eines Morgens war Herr Karl verschwunden. Am Boden lagen nur noch sein Hut und ein paar Knöpfe. Vermutlich hatte er die Möhre und die Nüsse als Proviant auf seine Reise mit genommen.

Leb wohl, Herr Karl!

Lebensseiten

Ich bin nicht immer glücklich,
ich bin nicht immer froh,
man sagt ja auch landläufig,
das sei halt eben so.

Doch find ich dies auch wichtig,
und finde, es tut Not,
als Salz in meiner Suppe,
und Butter auf dem Brot.

Wär’n Menschen immer glücklich
und alles wunderbar,
blieb alles stets beim Alten,
blieb alles, wie es war.

Wir sässen noch wie Affen,
auf Bäumen dumm und satt,
wir lausten uns am Nacken,
und mümmelten ein Blatt.

Nie wären wir entstiegen,
den alten Kinderschuh’n,
wir sähen schlicht den Grund nie,
noch irgendwas zu tun.

Oft brauchen wir das Leiden,
sind wir mal aus dem Lot,
so wachsen und gedeihen
wir aus unsrer Not.

Das Leben hat zwei Seiten,
sonst wären wir nicht hier,
und diese beiden Seiten,
gehören auch zu mir.

©Sandra von Siebenthal

Ray Bradbury: Zen in der Kunst des Schreibens


Kreativtechniken eines Schriftstellers von Weltrang

„Schreiben heisst Überleben. Jede Kunst, jede gute Arbeit, bedeutet das natürlich.“

Ray Bradbury schrieb Kurzgeschichten, Romane, Gedichte, Drehbücher und vieles mehr. Erfolge und Auszeichnungen pflastern seinen Weg. Was aber treibt ihn an? Wie entstehen seine Bücher? In diesem Buch gibt er Einblicke in sein Schreiben, zeigt, was ihn antreibt, beschreibt seine Freude an seinem Tun auch nach so vielen Jahren.

Das Buch versammelt 11 zu unterschiedlichen Zeiten geschriebene Essays, welche sich mit verschiedenen Aspekten von Bradburys Schreiben befassen. Dabei kann der erste als grundlegend für die anderen gelten, heisst er doch „Die Freude am Schreiben“. Diese Freude dringt nicht nur aus den Zeilen der Essays, Bradbury nennt sie auch als Basis für das Tun generell. Wer nicht mit Leidenschaft und Gusto schreibt, so ist er überzeugt, ist kein Schriftsteller. Den Schriftsteller, so Bradbury, treibt die Freude, Neues zu gestalten, an. Er will schreiben, muss schreiben, kann nicht nicht schreiben.

„Wenn Sie nicht jeden Tag schreiben, sammelt sich das Gift der Wirklichkeit in Ihnen und Sie beginnen zu sterben oder durchzudrehen – oder beides. Bleiben Sie berauscht vom Schreiben, damit die Realität Sie nicht vernichten kann.“

Der Untertitel des Buches ist etwas verwirrend gewählt, da man in diesem Buch vergeblich Schreibtipps, Anleitungen oder gar Übungen sucht. Natürlich kann man dadurch, dass man mehr über Ray Bradburys eigenen Prozess erfährt und er diesen Menschen, die schreiben wollen, auch ans Herz legt, etwas für das eigene Schreiben herausziehen. Sucht man aber einen Schreibratgeber, ist man mit diesem Buch schlecht bedient. Aber: Interessiert man sich dafür, wie einer, der seit so vielen Jahren schreibt und das noch mit Freude tut, sich das Schreiben und die Freude daran bewahrt hat, der trotz all seiner Erfolge selbstkritisch und sich selber nicht zu ernst nehmend, durchs Leben geht, dann wird man an diesem Buch viel Freude haben. Und ein wenig spürt man in sich den Drang, das doch alles auch mal auszuprobieren. Von so viel Freude und Spass zu lesen, weckt schlicht die eigene Freude und den Wunsch, diese auch noch weiter auszuleben.

Fazit:
Einblicke in das Schreiben eines Autoren, auf humorvolle und unterhaltsame Weise vermittelt. Kein Schreibratgeber im üblichen Sinne, aber ein Buch, bei der die Freude am Schreiben aus allen Zeilen tropft. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Ray Bradbury gehört zu den großen Science-Fiction-Autoren Amerikas. Geboren 1920 in Waukegan, Illinois, begann Bradbury unmittelbar nach der Highschool mit dem Schreiben fantastischer Geschichten. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich anfangs noch als Zeitungsverkäufer, bald aber konnte er seine Erzählungen in diversen Zeitschriften veröffentlichen. 1953 wurde Bradbury mit seinem Roman „Fahrenheit 451“ schlagartig weltberühmt, nicht zuletzt auch dank der Verfilmung durch François Truffaut. Mehr als 600 Geschichten und über 30 Bücher hat der Vater von vier Töchtern seither publiziert. Aber auch außerhalb der Literatur ist Bradbury immer wieder gefragt: U. a. engagierte er sich als Experte für das Fantastische bei Disneyland Paris. Heute lebt Bradbury in Los Angeles.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 184 Seiten
Verlag: Autorenhaus Verlag GmbH(28. April 2016)
ISBN-Nr.: 978-3866711358
Preis: EUR 16.99 / CHF 24.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Virginia Woolf (25. 1. 1882 – 28. 3. 1941)

Virginia Woolf wurde am 25. Janaur 1882 als Tochter des berühmten Schriftstellers Leslie Stephen und dessen zweiter Frau in London geboren. Schon von Kindesbeinen an war sie von Schriftstellern und Künstlern umgeben, die den Salon des von ihr sehr verehrten Vaters besuchten. Sie besuchte keine Schule, sondern genoss Unterricht durch ihren Vater sowie von Privatlehrern. Schon früh stand fest, dass es für sie nur einen Beruf gab: Den der Schriftstellerin.

Als Virginia 13 Jahre alt war, starb ihre Mutter. Dies und wohl eine auch sonst nicht nur einfache Kindheit (es gibt keine wirklichen Zeugnisse aber Mutmassungen über körperliche Übergriffe durch ihre Halbgeschwister) führten zu einem psychischen Zusammenbruch. Es sollte nicht der letzte bleiben, Virginia Woolf litt zeitlebens unter einer manisch-depressiven Erkrankung.

Virginia Woolf begann scho früh, Essays zu schreiben und diese auch zu veröffentlichen. Sie schrieb für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und unterrichtete auch eine Zeit lang englische Literatur und Geschichte. Eine Erbschaft ermöglichte ihr schliesslich, den Wunsch, als Schriftstellerin zu leben, zu erfüllen.

1912 kam es zur Hochzeit mit Leonard Woolf, bei dem Virginia keine körperliche Anziehung spürte, wie sie einer Freundin gestand, dessen Antrag bei ihr sogar einen depressiven Schub auslöste. Ausschlaggebend war seine Liebe zu ihr, der sie fortan bestmöglich gerecht zu werden versuchte. Virginia Woolfs Depressionen wurden stärker, 1913 kam es sogar zu einem Suizidversuch, und doch bezeichnete sie sich auch als glücklich, vor allem auch, weil ihr Mann mit ihrer körperlichen Zurückhaltung und ihrer Neigung zu Frauen umgehen konnte.

1915 wurde Woolfs erster Roman veröffentlicht, es folgten Essays, Romane, Erzählungen, immer wieder unterbrochen von depressiven Schüben. 1941 steigt Virginia Woolf in den Fluss Ouse, beschwert mit einem Stein, damit sie sicher untergeht und nicht zu früh gefunden wird. Den Freitod gewählt hat sie, weil sie befürchtet, die Depression könnte sie wieder so sehr im Griff haben, dass ihr Lesen und Schreiben unmöglich werden.

„Und mein Kopf ist ziemlich aufgewühlt. Mit ein paar leeren Stellen.“ (Tagebücher 26.2.1941)

Sie schreibt in ihrem Abschiedsbrief:

„Liebster, ich spüre mit Sicherheit, dass ich wieder verrückt werde.“

und

„Alles ausser der Gewissheit deiner Güte, hat mich verlassen. […] Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir gewesen sind.“

Zum Werk
Virginia Woolf zählt zu den wichtigsten Autorinnen der klassischen Moderne. Von ihr erschienen sind unter anderem:

  • The Voyage out
  • Mrs. Dalloway
  • Orlando
  • Room of One’s own (das grossen Einfluss auf die damalige Frauenbewegung hatte)
  • Flush
  • etc.

Wer mehr über das Leben von Virginia Woolf erfahren will, dem kann ich diesen Film ans Herz legen: THE HOURS

Selbstliebe

Kennst du das auch, dass du in eine Runde kommst und dazu gehören willst? Vielleicht hast du einen neuen Partner, lernst dessen Familie oder Freunde kennen und willst bloss nichts falsch machen – sie sollen dich doch mögen. Vielleicht hat er dir vorher noch erzählt, wie wichtig ihm diese Familie ist – umso mehr willst du dich anstrengen, keine Fehler zu machen, den Erwartungen (die du nicht mal genau kennst, die du dir nur vorstellst, wie sie aussehen könnten) zu genügen. Als Mensch generell zu genügen und nicht irgendwie durch die Maschen zu fallen. Und so kommst du da an und bist unsicher. Und du versuchst diese Unsicherheit zu überspielen, entweder indem du gar nichts sagst, denn dann kann es zumindest nichts Falsches sein, oder aber redest wie ein Buch, um ja nicht langweilig zu wirken. Und beides bist eigentlich nicht du – aber wer bist du eigentlich? Und vor allem: Wieso denkst du, nicht der sein zu dürfen, um angenommen zu werden?

Bei Brené Brown las ich mal den schönen Satz

Lass los, was du glaubst sein zu müssen, und umarme, was du bist.

Ich war oft in solchen Situationen. Sie kommen umso mehr vor, je wichtiger mir die sind, zu denen ich gehören will – aus welchen Gründen auch immer: Ich will jemandem gefallen, ich will jemandem genügen, ich will in eine Gruppe passe da ich sie toll finde – und vieles mehr. Immer dann, wenn für mich etwas persönlich davon abhängt, dazuzugehören, werde ich unsicher, ob ich dafür gut genug bin. Bei Wildfremden kann ich ich sein. Bei ihnen habe ich nichts zu verlieren, da ich von ihnen nichts erhofft habe. Und noch wichtiger: Ich erhoffe mir auch von mir und für mich nichts. Ich hoffe nicht, aufgenommen zu werden in eine Runde. Ich fürchte nicht, durchzufallen, verurteilt und verstossen zu werden. Ich fürchte nicht, nicht zu genügen.

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist wohl eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, ein authentisches Leben zu führen. Es ist aber auch eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, Beziehungen zu führen. Nimmt man sich nämlich nicht selber an, wie man ist, ist man zu schnell dazu bereit, ja zu sagen statt nein. Man unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und ist danach wütend auf sich – und ein wenig auch auf den anderen. Und seien wir mal ehrlich: Wenn in einer Beziehung nur der andere seine Bedürfnisse anmelden und durchsetzen dürfte, wir selber nicht genügend wären, wenn wir all uns Sein und Wünschen und Brauchen hintenanstellen: Wäre das wirklich eine Beziehung, wie wir sie uns wünschen? Oder aber würden wir so viel lieber in so einer Beziehung leben als gar keine zu haben? Das ist wohl möglich – aber ob es gut tut? Es spricht zumindest nicht von einer grossen Selbstliebe, und ohne die, das glaube ich mittlerweile aus tiefem Herzen, ist eine wirkliche Verbundenheit nicht möglich.

Doch wo ging diese Selbstliebe verloren? Und wieso? Ich bin kein Freund vom Graben in der Kindheit. Ich bin auch keiner davon, einen Schuldigen in der Vergangenheit zu suchen, um nun Opfer in der Gegenwart sein zu können. Ich denke aber, wir haben unsere Prägungen, unsere Muster, und die haben einen Ursprung. Und wenn wir den finden, ist es vielleicht leichter, daran zu arbeiten, sie loszulassen, weil wir uns sagen können: Heute ist heute, gestern war gestern. Der jetzt vor mir stehende Mensch ist nicht der, welcher mich dazu brachte, genügen zu wollen oder gar zu müssen. Der jetzt vor mir stehende Mensch hat eine Chance verdient, als mitfühlender und toleranter Mensch wahrgenommen zu werden, indem ich ihm zeige, dass ich mich ihm öffne, im Vertrauen darauf, dass er dies mit einem fühlenden Herzen annimmt – mich annimmt, wie ich bin. Natürlich können wir das auch ohne die Kenntnis der Ursache, nur fällt es ab und an leichter anders.

Nun ist es durchaus so, dass wir uns nicht einfach allen Menschen gegenüber öffnen können und sollten. Nicht jeder Mensch ist der richtige Mensch für jede Art von Offenbarung. Es gilt zu unterscheiden, wo wir mit unserem Sein auf offene Arme und wo auf gefährliches Terrain geraten insofern, als manche Menschen vielleicht selber nicht mit einer solchen Offenheit umgehen können – oder wollen. Der alte Spruch

Trau,schau wem?*

hat durchaus etwas Wahres an sich. Und auch da bin wieder ich das erste Glied in der Kette. Ich muss vertrauen. In mich und mein Sein, dann in mein Urteil, wem ich trauen kann, und dann aber wirklich auch dem, den ich als vertrauenswürdig ansehe. Und das tue ich, indem ich mich gebe, wie ich bin. Offen und authentisch. Als ich. Dann kann eine Verbindung entstehen zwischen uns. Dann gehöre ich dazu. Und er auch zu mir. Es ist ja durchaus gegenseitig, was wir in unserer Angst, nichtzu genügen, oft vergessen.

___________

*Die Redewendung geht übrigens auf einen lateinischen Spruch zurück: „Fide, sed cui, vide.“, was zeigt, dass die menschlichen Probleme und Bedürfnisse im Miteinander sich seit der Antike wohl unswesentlich verändert haben….

E. T. A. Hoffmann (24.1.1776 – 25. Juni 1822)

Geboren am 24. Januar 1776 in Königsberg schlug E. T. A. Hoffmann, ganz der Familientradition folgend, nach seiner Schulzeit die juristische Laufbahn ein. Schon damals war er den Künsten zugewandt, schrieb, zeichnete und musizierte, gab auch Musikunterricht. Trotz seines schon damals ausgeprägten Interesses an Kunst und Kultur, zog er die Juristerei bis zum dritten Staatsexamen durch, bekleidete danach diverse Ämter, doch die Kunst liess ihn nie los. Er schrieb, komponierte, entschied sich ganz für die Künstlerlaufbahn und kehrte doch wieder in den Staatsdienst zurück – nicht ganz glücklich, worauf verschiedene Bewerbungen im Musikbereich deuten, welche leider nur zu Absagen führten.

In E. T. A. Hoffmanns Schreiben zeigt sich eine Welt, die zwischen Realität und Märchen angesiedelt ist. Einerseits durchleuchtet und präsentiert er den Menschen in seinem Sein auf sehr entlarvende Weise, andererseits werden seine Charaktere immer auch mit Wundersamem und Wunderbarem konfrontiert. Geheime und dunkle Mächte haben nicht selten ihre Wirkungen auf den Helden in Hoffmanns Erzählungen, drohen, ihn ins Verderben zu stürzen.

Bei anderen Dichtern seiner Zeit polarisierte Hoffmann: Goethe, Eichendorff und Jean Paul konnten wenig mit ihm anfangen, Grimm mit der Ausnahme des Nussknackers ebenso (Er befand Hoffmann in einer Aussage sogar als widerwärtig seines Geistes und Witzes wegen). Anders aber Heine, Chamisso oder Balzac. Vielleicht war er mit seiner Reise in die Phantasiewelt seiner Zeit voraus, denn spätere Generationen liessen sich von ihm durchaus inspirieren.

E. T. A. Hofmann starb am 25. Juni 1822 in Berlin.

Bekannte literarische Werke Hoffmanns:

  • Der Sandmann
  • Lebensansichten des Katers Murr
  • Der Nussknacker
  • Das steinerne Herz
  • Der goldene Topf
  • Rat Krespel
  • etc

Hera Lind: Die Frau zwischen den Welten

Roman nach einer wahren Geschichte

„Manchmal muss man an Orte der Vergangenheit zurückkehren, damit Frieden einkehren kann. Damit nimmt man den Erinnerungen die Schärfe. Ich wuchs in zwei Sprachen auf, lebte zwischen zwei Kulturen, zwischen zwei verfeindeten Nationen, die bis heute nach einer Aussöhnung suchen. Ich war fast mein ganzes Leben lang zwischen den Welten.“
(Ella Berner)

Als Kind einer Deutschen und eines Tschechen erfährt Ella schon als kleines Kind, wie es ist, zwischen den Stühlen zu sitzen. Das Schicksal will es, dass ihre Familie immer auf der falschen Seite steht und das machthabende Regime gegen sich hat. Als 1945 Ellas Vater von tschechischen Revolutionsgarden erschlagen wird, wird alles noch viel schlimmer. Ellas Mutter ist gezwungen, mit den beiden Kindern zur Familie ihres ermordeten Mannes zu ziehen, welche sie hasst und ihr fortan das Leben schwer machen wird. Ella selber wird in Klosterschulen gesteckt, in welchen ihr Leben zur Tortur wird.

„Was der alte Mann im Beichtstuhl in meiner Seele anrichtete, ist mit Worten nicht zu beschreiben.“

Doch dann verliebt sich Ella in Pavel. Und sie scheint endlich auf der Sonnenseite des Lebens angekommen. Leider trügt der Schein, es folgen Psychiatrie, eine weitere Flucht, weitere Gefahren… bis Ella die Liebe ihres Lebens trifft. Doch noch immer schlägt das Schicksal weiter zu.

Die Frau zwischen den Welten ist ein bewegendes Buch über eine Frau, die vom Schicksal mehr als auf die Probe gestellt wurde. Oft sitzt man beim Lesen da und fragt sich, wie ein einzelner Mensch so viel tragen, ertragen kann. Es ist die Geschichte einer Frau, die schon als kleines Mädchen lernen musste, dass man keinem trauen kann – und das rettet ihr sogar später das Leben. Es ist die Geschichte einer Frau, die trotz allem immer wieder aufsteht und kämpft. Für sich, für das Leben, für die, welche sie liebt.

Hera Lind erzählt die Geschichte von Ella Berner auf eine gut und flüssig lesbare Weise, es gelingt ihr, den Leser von der ersten Seite an zu packen und nicht mehr loszulassen. Die Geschichte trägt mit ihrer Tragik sicher viel zu diesem Effekt bei. Auch wenn das Buch stilistisch sicher nicht der grossen Literatur zuzuzurechnen ist, da es ab und an ins Pathetische abgleitet oder auch stellenweise Züge seichter Liebesromantik trägt, so gelingt der Erzählerin doch ein Erzählfluss, der mitreisst. Und vielleicht tut gerade das auch gut bei der Schwere, welche diese Lebensgeschichte doch mit sich bringt.

Fazit:
Ein bewegendes Buch, das einen von der ersten Seite packt und nicht mehr loslässt. Die Lebensgeschichte einer mutigen Frau, die trotz grausamem Schicksal immer wieder die Kraft findet, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Hera Lind studierte Germanistik, Musik und Theologie und war Sängerin, bevor sie mit zahlreichen Romanen sensationellen Erfolg hatte. Seit einigen Jahren schreibt sie ausschließlich Tatsachenromane, ein Genre, das zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Immer wieder erobert sie die SPIEGEL-Bestsellerliste. Ihr Roman »Die Hölle war der Preis«, eine bewegende Geschichte, die im Frauengefängnis Hoheneck in der ehemaligen DDR spielt, stieg sogar direkt auf Platz 1 ein. Hera Lind lebt mit ihrer Familie in Salzburg.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 432 Seiten
Verlag: Diana Verlag (14. Dezember 2020)
ISBN-Nr.: 978-3453292277
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE oder ORELLFUESSLI.CH

Das Ende eines Liebestaumels

Das Ende eines Liebestaumels

Die Worte sind mir ausgegangen,
ich weiss nicht, wo sie sind,¨.
Ich wollte so viel sagen, doch
in allem fehlt der Sinn.

Ich ringe und ich kämpfe,
ich weine und ich suche,
ich fühle so viel schreien
von ganz tief in mir drin.

Und während ich da stehe
den Abgrund nur noch sehe,
fühle ich auch gar nichts mehr,
nur Leere in mir drin.

Es gibt nicht Form noch Farbe mehr,
kein Zeichen, auch kein Bild,
das mir noch sagen wollt,
wer ich als ich noch bin.

Liebe war, was ich einst suchte,
Liebe war, was ich auch fand,
ein Hafen schien’s, ein sichrer Hort,
ein Heim für mich, ein Heimatort.

Doch merk ich täglich immer mehr,
dass ich hier schlicht nicht hingehör,
dass ich oft falsch, dass ich nicht recht,
dass ich, so wie ich bin, offenbar als Liebe schlecht

in das so passe, was gewünscht.
So bliebe nur, mich anzupassen,
oder aber diese Stätte
schnellstens möglich zu verlassen.

Das wär, was ich nie wollen würde,
das ist das, was eine Bürde,
mir im Leben wär,
doch wär es nicht ganz gar so schwer,

wie wenn ich nur des Steines Anstoss wär,
an dem die Zehen sich der eine stiesse
dem ich doch nur das Beste wollte,
leider ohne, dass ich’s sein sollte.

©Sandra von Siebenthal

Else Lasker-Schüler (1869-1945)

Heute vor 76 Jahren starb Else Lasker-Schüler. Ich habe mein Glas auf diese wunderbare Dichterin, die in ihrem Stil so unverwechselbar war. Ihr zu Ehren heute ein Gedicht von ihr. Dieses passt auch gut in mein Projekt „Lyrische Hausapotheke – für jede Gelegenheit gibt es ein passendes Gedicht“


Ich bin traurig

Deine Küsse dunkeln, auf meinem Mund.
Du hast mich nicht mehr lieb.

Und wie du kamst -!
Blau vor Paradies;

Um deinen süßesten Brunnen
Gaukelte mein Herz.

Nun will ich es schminken,
Wie die Freudenmädchen
Die welke Rose ihrer Lende röten.

Unsere Augen sind halb geschlossen,
Wie sterbende Himmel –

Alt ist der Mond geworden.
Die Nacht wird nicht mehr wach.

Du erinnerst dich meiner kaum.
Wo soll ich mit meinem Herzen hin?

(Else Lasker-Schüler (1869-1945))
—-
Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man traurig ist oder unter Liebeskummer leidet.

5 Inspirationen – Woche 3

Es ist ein neues Jahr, doch irgendwie hat sich gar nicht viel verändert. Das ist ja meistens so. Wir setzen uns zeitlich Termine wie Geburtstage, Jahresenden und -anfänge und dann soll alles anders sein. Dabei war nur eine normale Nacht dazwischen. Noch immer ist Corona in aller Munde, die Möglichkeiten sind beschränkt, die Aussichten ungewiss. Ich versuche weiter, das zu sehen, was geht, das bewusst wahrzunehmen, was gut ist – so auch heute wieder die fünf Inspirationen der letzten Woche.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich stiess im Netz auf einen Artikel über die täglichen Routinen von Schriftstellern, ein Thema, das mich schon lange interessiert: Wie tut ein Schriftsteller das, was er tut? Ich schrieb auch meine Masterarbeit zu diesem Thema am Beispiel von Thomas Mann. Die Herangehensweisen an das Schreiben sind oft unterschiedlich, und doch finden sich auch Parallelen. Etwas, das ich oft las, dass viele Schriftsteller eine tägliche Routine haben, dass sich die Tage und das Schreiben in immer gleichem Rhythmus abspielt. Diese Verpflichtung dem eigenen Schreiben gegenüber scheint, so interpretiere ich das, eine grundlegende Voraussetzung zu sein für das erfolgreiche Schreiben (im Sinne eines wirklich stattfindenden und zu einem Ergebnis führenden). In dem Zusammenhang finde ich es auch spannend, die Schreibplätze von Schriftstellern zu sehen – dazu gab es in der NY Times mal einen Artikel: Hier
  • Gerald Hüthers Buch „Würde“ hat mich zum Nachdenken angeregt – nicht zum ersten Mal: Hier die Rezension. Was bedeutet Würde eigentlich? Ist sie eine absolute Grösse oder aber eine individuelle Bestimmung? Können wir als Einzelne würdevoll leben oder bedürfen wir der Gesellschaft dazu? Ist ein Leben im Alleingang würdevoll oder zeigt sich Würde gerade auch im Miteinander?
  • Freundschaft – diese Woche wurde mir einmal mehr bewusst, wie wichtig Freunde sind, wie wichtig, irgendwie lebensnotwendig es ist (in meinem Leben teilweise wirklich wortwörtlich), welche zu haben. Menschen, die da sind Die auch ehrlich sind. Die dir deine Schwächen durchaus zeigen, aber dich trotzdem lieben und dich damit begleiten. Bei denen du weisst: Ich muss mich nur melden, da kommt was zurück. Ich kann drauf zählen. Ich bin sehr dankbar, in meinem Leben Menschen kennengelernt zu haben, die ich wirklich Freunde nennen darf. An einem Tag, an dem ich Freunde brauchte waren welche da. Und ich las zufällig (?) dieses Gedicht:

Der Freundschaft Immergrün
Glücklich, was in Lieb und Treue
sich hienieden einst verband
und sich immerfort aufs Neue
noch wie weiland wiederfand!
 
Schön wie eine liebe Sage
klinget die Erinnerung
und im Zauber schöner Tage
fühlt das Herz sich wieder jung.
 
So nur gibt′s für uns kein Altern,
kein Verwelken, kein Verblühn,
wenn wir treu verbunden halten
fest der Freundschaft Immergrün.
(Hoffmann von Fallersleben, * 02.04.1798, † 19.01.1874)

  • Dankbarkeit – die Freundschaft führt mich gleich zum nächsten. Aristoteles nannte das grösste Gut des Menschen die Glückseligkeit. Damit war durchaus etwas anderes gemeint das das heute alltägliche Glück – und doch… ich würde die Dankbarkeit höher einstufen. Jeden Tag zu sehen, wofür wir dankbar sein können, ist eine Gabe und eine Wohltat. Ich sage nicht, dass damit jeder Schmerz und jedes Leid aus dem Leben weggewischt ist, aber: Selbst wenn wir leiden, selbst wenn Dinge weh tun: Wir haben immer auch gute Dinge im Leben. Es hilft oft schon viel, sich diese wieder ganz bewusst vor Augen zu führen. In ganz dunkeln Stunden im Leben habe ich immer wieder damit begonnen, mich abends hinzusetzen und fünf Dinge aufzuschreiben, wofür ich an dem Tag dankbar war. Ich habe immer fünf Dinge gefunden. Die mussten nicht gross sein. Ein schönes Gespräch beim Einkaufen, eine Blume am Wegesrand, ein Hundespaziergang bei Sonnenschein, ein Lächeln, ein schönes Lied, das Erinnerungen weckte… ich hätte sie übersehen in all dem Tagesgeschehen und dem drückenden Leid. So aber brachten sie ein Gegengewicht – ein Wohlgefühl sogar. Und das tat gut. Und genau das hatte ich so dringend nötig. Und ja, vielleicht ist auch das schon ein kleines Quäntchen Glück.
  • #the100dayproject – Es ist nicht neu, es findet glaube ich schon viele Jahre statt. Es geht dabei darum, 100 Tage einem Projekt zu widmen und dies dann in den sozialen Medien zu zeigen. Die Idee dahinter ist nicht neu: Wenn man etwas lang genug macht, entwickelt sich eine Routine, man wird besser. Da man aber mit solchen Projekten oft alleine ist und bei einem Durchhänger alles schwer wird, soll die Gemeinschaft der Mitstreiter helfen, die Motivation zu behalten. Es gibt dafür ein bezahltes Programm, aber das ist für mich gar nicht nötig. Das offizielle Projekt startet am 31. Januar, aber eigentlich kann man zu jedem Zeitpunkt anfangen. Nur schon die eine Frage finde ich wertvoll: Was ist mir so wichtig, was möchte ich so gerne, dass ich mich für 100 Tage verpflichten würde, es zu tun. Um selber zu wachsen. Um selber tiefer zu gehen und zu sehen, ob es wirklich meins ist. Oder auch schlicht: Um Spass zu haben. Ich habe ein paar Ideen für meinen Instagram-Account. Ich kann nicht garantieren, dass ich es jeden Tag machen werde, denn dann und wann werden Aktualitäten dazwischen kommen… aber ich bin gespannt. Und ich lasse mir die Zeit bis zum 31. Januar noch für die definitive Entscheidung.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Kleine Poesie: Schmetterling

Die Raupe und der Schmetterling

Freund, der Unterschied der Erdendinge
Scheinet groß und ist so oft geringe;
Alter und Gestalt und Raum und Zeit
Sind ein Traumbild nur der Wirklichkeit.

Träg und matt auf abgezehrten Sträuchen
Sah ein Schmetterling die Raupe schleichen
Und erhob sich fröhlich, argwohnfrei,
Daß er Raupe selbst gewesen sei.

Traurig schlich die Alternde zum Grabe:
„Ach, daß ich umsonst gelebet habe!
Sterbe kinderlos und wie gering!
Und da fliegt der schöne Schmetterling.“

Ängstig spann sie sich in ihre Hülle,
Schlief, und als der Mutter Lebensfülle
Sie erweckte, wähnte sie sich neu,
Wußte nicht, was sie gewesen sei.

Freund, ein Traumreich ist das Reich der Erden.
Was wir waren, was wir einst noch werden,
Niemand weiß es; glücklich sind wir blind;
Laß uns eins nur wissen: was wir sind.

(J. G. Herder)

Was ist gute Literatur?


Kürzlich stellte ich ein Bild meiner aktuellen Lektüre ins Netz. Und ich erntete prompt Naserümpfen, hochgezogene Augenbrauen (nicht gesehen, nur aus jedem Buchstaben tropfend) und Nachfragen:

„Du liest DIE Autorin????“

Das „wie kann man nur!!!!!!!“ klang förmlich mit. Ja, mir war sie auch von früher als eher seicht bekannt, doch: Als ich im Regal im Laden stöberte, fiel mir das Buch auf, der Klappentext überzeugte der Geschichte wegen – ich habe es gekauft und das nicht bereut.

Es wäre wohl alles anders gelaufen. Hätte ich gelesen, wer die Autorin ist. Die fiel mir schon mal negativ auf, die les ich nicht. Die schreibt eh nur Schund, das ist unter meinem Niveau. Etwa so klangen ja auch die Kommentare. Ich dachte: Die Geschichte klingt gut, die interessiert mich, ich gebe dem Buch eine Chance. Und mir damit eine auf unterhaltsame Zeit.

Und: Ich wurde belohnt. Das Buch hat mich gepackt, ergriffen, mitgerissen. Ich bin nun knapp über der Hälfte und ich kann es kaum erwarten, weiter zu lesen. Jeder, der hier liest, hat irgendwie Glück, denn: ich könnte nun lesen, aber ich schreibe….wieso?

Weil es mir am Herzen liegt. Ich habe Literaturwissenschaften studiert. Alte und neue Literatur. Und ja, ich habe alles mit „summa cum laude“, Note 6 (in der Schweiz das höchste) abgeschlossen. Schreibe ich das, um mich irgendwie gross zu machen? Nö. Es bringt mir im Leben nichts. Aber so ganz und gar gar nichts. Ausser: Ich beherrsche das Fach. Das wurde mir mehrfach bestätigt.

Ich wurde oft gefragt, wieso ich keine Verrisse schriebe. Ich schreibe Rezensionen nur dann, wenn mir das Buch gefiel. Denn: Nur dann lese ich es zu Ende. Und mich kümmert dabei überhaupt nicht, wer der Autor war. Ich könnte klar sagen, wieso mir etwas nicht gefiel. Vielleicht fange ich damit doch mal noch an. Aber zu sagen: Lest das ja nicht??? So viel, das ich nicht lesen konnte/wollte, gefiel andern. Und das ist doch wunderbar. Und so ein Buch zu schreiben ist unglaublich viel Aufwand, Zeit und Herzblut. Schon das achte ich als Leistung. Auch ich bin der Meinung, dass ganz viel Müll da draussen zwischen Buchdeckeln rumgeistert. Aber: Das ist meine bescheidene Meinung. Wenn jemand das toll findet, darum liest, sich darum besser fühlt? Wunderbar.

Und so bleibe ich dabei: Ich werde keine Verrisse schreiben. Vielleicht fange ich an, zu schreiben, wieso ich Bücher nicht weiter lesen konnte. Das waren dann meine Gründe. Ganz persönlich. Wenn ich aber eine Rezension schreibe, kann man davon ausgehen: Ich habe das Buch gelesen und das ist meine Meinung. Auch ganz persönlich! Was ich dabei spannend fände – immer: Wie sieht das ein anderer?

Ich bin überzeugt: Nicht nur der Autor macht das Buch, der Leser hat auch einen Anteil. Und der interessiert mich immer auch.

Ilona Hartmann: Land in Sicht


„Willkommen an Bord. Das hier müssen Sie noch ausfüllen.“ Sie schiebt ein Klemmbrett mit einem Formular und einem Kugelschreiber über den Tresen. Mit klammen Fingern greife ich danach und trage zittrig einen Namen ein, von dem ich hoffe, dass es meiner ist. Jana Bühler, wahrscheinlich 24 Jahre alt, wohnhaft irgendwo, Adresse vergessen.

Jana wächst alleine mit ihrer Mutter auf, einen Vater vermisst sie nie, im Gegenteil, es ist ihr nicht ganz klar, was so ein Mann im Leben überhaupt tun könnte, zumal ihre Mutter ja schon alles macht. Väter kennt Jana nur aus Filmen und von Freundinnen – aus diesen baute sie sich ihr Vaterbild zusammen. Und irgendwann kommt doch die Sehnsucht in ihr Leben, den eigenen Vater kennenzulernen.

Ich muss meinen Vater finden und kennenlernen, sagte ich mir, sonst bleibe ich vielleicht für immer nur halb – halb ich, halb da, halb am Leben.

Kurze Zeit später findet sich Jana auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Donau wieder unter lauter älteren Menschen, dem üblichen Publikum solcher Schifffahrten. Ihr Vater ist der Kapitän und sie hat nun sechs Tage Zeit, ihn näher zu betrachten…. und dann? Wird sie sich zu erkennen geben? Was könnte das schlimmste sein, was passiert? Was das beste?

Ilona Hartmann schreibt mit „Land in Sicht“ die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln. Sie tut dies in einer klaren, präzisen Sprache, mit lapidaren Untertönen, hingeworfenen Witzen, schonungslos ehrlichen Beobachtungen, die sie in ebensolche Worte packt. Auf diese Weise gelingt es ihr, Jana lebendig werden zu lassen, man glaubt als Leser, sie zu kennen, so stimmig, so fassbar tritt sie einem entgegen durch diese so authentisch wirkende Sprache.

Jana trifft auf dieser Reise nicht nur ihren Vater, sie wird auch mit vielen eigenen Vorurteilen, Vorstellungen konfrontiert, die sie revidieren muss. Und sie wird immer wieder auf sich selber zurück geworfen, erkennt, was sie nicht wahrhaben wollte. Das Buch sticht nicht wirklich tief, es bleibt immer ein wenig an der Oberfläche, auch wenn man Tiefen zwischen den Zeilen spüren (oder vermuten) kann. Dadurch bleibt es kurzweilig und gut lesbar, eine unterhaltsame Lektüre, die einen doch auch dann und wann mit Fragezeichen zurück lässt.

Fazit:
Ein kurzweiliges, gut lesbares Buch über die Suche einer jungen Frau nach ihren Wurzeln und auch nach sich selber. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Ilona Hartmann ist freie Autorin und Texterin. Geboren 1990 bei Stuttgart zog sie direkt nach dem Abitur erst nach Leipzig und dann nach Berlin, vor allem aber ins Internet, wo sie bis heute lebt. “Land in Sicht” ist ihr erster Roman. Texte von ihr finden sich regelmäßig auf ZEIT Online, in Der Freitag und auf Twitter. Instagram @ilona_hartmann Twitter @zirkuspony  

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Blumenbar(21. Juli 2020)
ISBN-Nr.: 978-3351050764
Preis: EUR 18 / CHF 27.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Kooni – ein Blick hinter die Kulissen

Wie würde eine kurze Biographie von Ihnen aussehen?

Geschlüpft in Schaffhausen, den gestalterischen Vorkurs besucht an der F+F in Zürich, studiert an der HSLU in Luzern, lebt und arbeitet in Hamburg.

Kooni ist nicht dein Taufname – wie und wieso kamst du auf den Namen und ist das nur deine Künstleridentität oder bist du auch privat Kooni?

Ich habe unter Kooni, einer Ableitung des Spitznamens meines Großvaters, in meiner Jugend Streetart gemacht. Mittlerweile nennen mich aber alle so.

Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?

Zeichnen hat schon eine große Rolle gespielt, ja, aber ich habe mich viel draußen rumgetrieben, die Stifte waren eher Waffen gegen langweilige Schulstunden oder Regentage.

Sind Sie heute immer mit einem Skizzenbuch unterwegs, um auch vom Leben zu zeichnen, oder dienen Ihnen diese nur zu Studienzwecken/Skizzen für Illustrationen?

Tatsächlich habe ich das Skizzenbuch immer dabei, ich halte spontane Einfälle fest oder überbrücke langweilige Wartezeiten. Das Skizzenbuch ist mein Fundus, mein Sammelbecken, daraus entsteht alles.

Wie sah Ihr Weg in die Illustration aus?

Mein Vater hat mir ein kleines leeres Buch geschenkt, als ich 4 Jahre alt war, ich habs aufgeschlagen und angefangen zu zeichnen. Ich muss auch gestehen, ich habe nie wieder besser gezeichnet als in dieses erste Skizzenbuch, absoluter Karrierehöhepunkt.

Ist eine Ausbildung zum Illustratoren unabdinglich, hilfreich, unnötig?

Der größte Pluspunkt meines Studiums war und ist das riesige Netzwerk an Menschen, von dem ich wahrscheinlich das ganze Leben lang profitieren werde. Außerdem ist es für kreative Menschen sicher auch nicht schlecht, nach einer langen Schullaufbahn, die auf Standartberufe ausgelegt ist, unter Gleichgesinnten zu sein und für Fähigkeiten, die bis anhin als unwichtig abgestempelt wurden, ernstgenommen zu werden.
Techniken, Verfahren und sonstiges Wissen kann man sich aber gut selber erarbeiten.

Ich hörte mal die Aussage, Talent gebe es nicht, Können von Willen, Ehrgeiz, Ausdauer, Schweiss und Tränen. Wie sehen Sie das? Alles Talent oder kann man Zeichnen/Illustrieren lernen?

Ich glaube nicht so sehr an Talent und bin auch kein Fan von dieser Schweiß-Tränen-Leiden-Nummer. Klar, ein Mensch hat bestimmt gewisse Veranlagungen, aber gerade Zeichnen ist Übungssache. Ich zeichne seit ich denken kann, klar bin ich da gut drin, das wäre jeder andere Mensch auch. Und zu Schweiß und Tränen: Ich zeichne besser, wenn ich Spaß habe, als wenn ich mich wochenlang selbstgeißele für ein Projekt.

Was macht einen guten Illustratoren aus?

Ich finde, dass Illustrator*Innen einen neuen Blickwinkel aufzeigen sollten, bei einem Bilderbuch zum Beispiel nicht einfach das zeichnen, was der Text sagt, sondern eine neue Ebene einbauen, einen zusätzlichen Witz erzählen, eine Nebengeschichte zum Text aufmachen, den Betrachtern etwas zutrauen. Zudem flashen mich ganz persönlich Illustrator*Innen, die bei ihren Figuren eine große Diversität in der Mimik haben.

Haben Sie Lieblingsmedien (welche?) oder passen Sie diese immer den jeweiligen Ideen an?

Ich experimentiere immer wieder gerne mit neuen Techniken, aber hauptsächlich arbeite ich analog mit Tusche oder Bleistift und mache die Nachbearbeitung in Photoshop, die Layouts im InDesign.

Ihre Illustrationen sind mehrheitlich sehr linear, Farben setzen sie sparsam ein. Was bedeutet Ihnen Farbe?

Die komplette Überforderung, ich habe keine Ahnung davon.

Sie arbeiten hauptsächlich im Bereich Editorial, Cover und Plakate – wieso kam es dazu? Reizt Sie das mehr als zum Beispiel Buchillustrationen?

Ich bin eine spontane Zeichnerin, ich sitze nicht gerne monatelang an einem Projekt und mache 1000 Skizzen vor der Reinzeichnung, darum passe ich gut in die schnelllebige Medienlandschaft. Die Aufträge aus der Kulturszene kommen, weil ich mich da auch gerne bewege, ich mag Konzerte, gute Restaurants und Bars, die Clubkultur… Ein ewiges Rätsel, das mich immer reizt, ist: Wie visualisiere ich Musik? Wie zeichne ich die Klänge unterschiedlicher Instrumente, wie zeichne ich Bass, Rausch, Sphäre?

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Vor 11:00 passiert nichts Brauchbares, außer ich finde in meinem Posteingang einen wichtigen Spontanauftrag. Aber normalerweise beantworte ich im Bett E-Mails und reagiere auf kleine Korrekturwünsche. Danach ein Blick in den Kalender und auf die To-Do-Liste. Ich beginne mit dem dringendsten Projekt, dazu hör ich Podcasts. Ich arbeite gerne in die Nacht hinein, um 1:00 – 2:30 ist meine Konzentration am höchsten. 1-2 Tage die Woche arbeite ich als Ausgleich in einem Café.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Wenn ich im Ungleichgewicht oder von einem Projekt nicht überzeugt bin, nervt mich selbst das kleinste Geräusch. Dann versuche ich, mich mit Noise Cancelling Kopfhörern oder in einer ungestörten Nachtschicht zu konzentrieren. Im Grunde bin ich aber ein extrovertierter Mensch, ich brauche meine Leute um mich herum. Die Illustration ist schon eher ein einsamer Beruf, darum setze ich mich auch gerne mal in den Flur meiner großen WG oder in ein überfülltes Café. Ich glaube, da braucht man einfach für jeden Tagesbedarf eine Strategie.

Woher holen Sie Ihre Inspirationen/Ideen?

Alltagssituationen, Internet, Museen, ein Thema während der Arbeit im Café tagelang zerdenken oder ohne nachzudenken stundenlang im Flow zeichnen.

Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zum fertigen Bild beschreiben?

Manchmal hat man in der ersten Sekunde die richtige Idee, manchmal braucht man dafür tagelang, das ist unterschiedlich. Wenn ne Idee dann aber da ist, habe ich das Endprodukt schon ziemlich klar vor Augen. Ich zeichne nicht vor, ich arbeite direkt mit Tusche, lasse Fehler stehen und korrigiere danach am Computer, so spare ich Zeit.

Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt? Wenn ja: Welches, und wieso?

Das Plakat und der visuelle Auftritt für das Schaffhauser Jazzfestival. Als die Organisator*innen für 2018 anfragten, hab ich mich riesig gefreut, denn das stand schon ewig lange auf meiner Traumauftragsliste. Ich habe im Projekt alte Konzepte weiterentwickelt, eine neue Sprache gefunden, auch aus heutiger Sicht stimmt da noch immer alles.

Wenn Sie ein Traumprojekt beschreiben könnten: Was würden Sie gerne illustrieren?

Ich würde gerne noch mehr Aufträge in den Themenbereichen machen, die mich auch als Mensch privat beschäftigen, z.B. für Seenotrettung-NGO’s, feministische Organisationen, Klimaschutz, …

Wie erleben Sie das Klima unter Illustratoren? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man sich gerne austauscht?

Ich habe, das Studium miteingerechnet, noch nie Rivalität erlebt, es ist eher das Gegenteil: es werden sich Aufträge zugespielt, Illustrator*innen mit passenderem Stil empfohlen, gegenseitig um Rat gefragt bei Unsicherheiten…

Haben die elektronischen Medien den Beruf schwerer gemacht oder beflügelt?

Ich denke nicht, dass sich ein Medium so einfach in gut oder schlecht kategorisieren lässt. Die elektronischen Medien gehören zu unserer Zeit, mit allen Vor- und Nachteilen.

Was raten Sie jemandem, der Illustrator werden will?

Ein gut gepflegtes Portfolio im Internet und/oder ein Instagram Account. Charme und ein lockeres Mundwerk, um Leute, für die man gerne arbeiten würde, vollzusabbeln. Sich bei den Themen Urheberrecht und Nutzungsrecht schlau machen.
Die Bereitschaft, dass man mit unregelmäßigem Einkommen auskommen und sich um Rente, Steuern, Krankenkasse und den ganzen Kram selber kümmern muss. Sich nicht verrückt machen, wenn man mal einen Monat gar nicht zeichnen kann. Ich nenne das Input-Phasen, in der Zeit einfach neue Eindrücke sammeln, Museen besuchen, Dokus schauen, Neues kennenlernen.
Und am Anfang ist ein regelmäßiger Job, der öffentlich zu sehen ist, das Allerbeste, selbst wenn der Lohn lausig ist. Also das Veranstaltungsprogramm für ein Club oder Theater, was dann Monat für Monat in der ganzen Stadt hängt, eine wechselnde Speisekarte für ein Restaurant, eine Illustration in einer Wochenzeitung und sei es nur ein Inserat für eine Firma, irgendwie sowas. Beste Werbung!

Welchen Illustrator soll ich hier noch vorstellen?
_

Wer mehr von Kooni sehen will, findet ihr Portfolio HIER

Auch auf Instagram hat sie ein Profil: HIER