Isabel Bogdan: Laufen

„…ich laufe mir die Grübelei weg, andere Leute laufen angeblich, weil sie dabei gut nachdenken können, ich kann an gar nichts anderes denken als an meinen Körper, ob er funktioniert, wie er funktioniert, wie das Laufen sich anfühlt, ob ich noch kann, und wenn ja, wie weit, und ob mir gerade etwas wehtut, oder was am meisten wehtut, aber beim Laufen tut endlich der Körper weh…“

Durch den Verlust ihres Lebenspartners aus der Bahn des Lebens geworfen, fängt sie zu laufen an und lässt neben den Füssen auch die Gedanken laufen. In einem endlosen inneren Monolog erzählt sie sich von ihrem Verlust, von ihren Gefühlen, von ihrer Verzweiflungen, immer wieder unterbrochen durch die eigene Aufforderung, die Gedanken zu stoppen, im Körper zu bleiben, auf das eigene Atmen zu achten – und um dann wieder weiter in den Fluss der Gedanken einzutauchen.

Zeit zieht ins Land, wir laufen als Leser mit, erkennen Veränderungen im Denkmuster, erfahren von Verbesserungen beim Laufen und beim Fühlen, und fragen uns, wohin die Geschichte wohl laufen wird.

„Ich will nicht allein sein, ich will meinen Alltag mit jemandem teilen, es fehlt mir, ich fühle mich immer noch wie halbiert, so muss sich ein Entzug anfühlen, Entzug von der Sucht nach Anfassen, nach Körperkontakt, der Sehnsucht danach, dass jemand da ist, was für ein Blödsinn, das ist keine Sucht, das ist ganz normal, glaube ich, oder ist Sehnsucht auch eine Sucht, heisst das deswegen so?

„Laufen“ erzählt die Geschichte einer Frau, welche durch den Suizid ihres Lebenspartners plötzlich alleine im Leben steht und sich in diesem Alleinsein nicht zurechtfindet. Es ist nicht bloss das Alleinsein, das drückt, es sind auch die drängenden Fragen nach eigener (Mit-)Schuld, der Umgang mit anderen Menschen, das wieder Zurechtfinden in einer Welt, die gerade noch eine geteilte, nun eine einsame ist. Es ist die Geschichte eines Verlorenseins im Leben, in welchem die vorher noch gültigen Begriffe plötzlich ihre Bestimmtheit verloren haben: Was ist ein Zuhause? Worauf kann ich bauen? Was ist man einem anderen Menschen schuldig?

„Es kann nie wieder besser werden, darf es überhaupt besser werden, hätte ich dich dann nicht wirklich auf dem Gewissen, wäre es dann nicht wirklich meine Schuld?

Die Form des inneren Monologs, der ununterbrochene Fluss der Sprache praktisch ohne Punkte, Abschnitte, Unterbrüche passen sich dem Inhalt an, sind die perfekte Wiederspiegelung der Gedanken und Gefühle der Protagonistin, das Durchgetaktete lässt das Laufen les- und erfahrbar werden.

Isabel Bogdan ist ein authentischer, in Form und Inhalt sich grossartig ergänzender, weil sich gegenseitig aufgreifender Roman gelungen, der die schwierige Thematik des Suizids und dessen Bedeutung für die Hinterbliebenen aufgreift. Es ist nicht ganz einfach, in den Fluss der Sprache zu kommen, was vielleicht auch eine schöne Parallele zum Laufen ist, welches auch nicht von Anfang an fliessend auf lange Zeit klappt. Da wie dort kann der Wunsch, aufzuhören, auftauchen, wozu auch teilweise häufige Wiederholungen von Gedanken, gleichen Sätzen beiträgt. Man mag einwenden, dass dies im eigenen Denken auch passiert, doch stellt sich die Frage, ob ein Roman tatsächlich die Wirklichkeit abbilden muss, um realistisch zu sein, oder ob nicht zu viel Wirklichkeitsgetreues dem Lesefluss und -vergnügen schaden kann.  

Fazit:
Die durch eine geschickt gewählte Erzählperspektive authentische Erzählung einer Frau, die sich nach einem Schicksalsschlag sprichwörtlich zurück ins Leben läuft. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Isabel Bogdan, geboren 1968 in Köln, studierte Anglistik und Japanologie in Heidelberg und Tokyo. Lebt in Hamburg, weil es da so schön ist. Liest, schreibt, übersetzt (Jane Gardam, Nick Hornby, Jonathan Safran Foer, Jonathan Evison, Megan Abbott). Vorsitzende des Vereins zur Rettung des „anderthalb“. 2006 erhielt sie den Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzung, 2011 den für Literatur. 2014 zusammen mit Maximilian Buddenbohm „Bloggerin des Jahres“ für wasmachendieda.de. Bloggt ansonsten unter isabelbogdan.de.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: KiWi-Taschenbuch; 1. Edition (11. Februar 2021)
ISBN-Nr.: 978-3462001587
Preis: EUR  11 / CHF 17.90

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Aus den Tiefen sein

Der Wind in den Bäumen
er sei himmlisch Kind,
verfolgt mich in Träumen,
die nicht himmlisch sind.

Er treibt mich durch Gassen,
er dringt in mich ein,
ich kann ihn nicht fassen,
sitzt da Markens Bein?

Ich denke in Normen,
die ich lang gelernt,
sie sollten mich formen,
was mich nie erwärmt.

Mich trieben oft Trotz und
auch Neugier schlicht an,
das sei nicht gesund,
so sei schlicht nicht man,

kriegt ich oft zu hören,
ich litt auch dabei,
ich liess mich nicht stören,
brach doch dann entzwei.

Ich suchte zusammen,
was ich von mir fand,
durchlebte manch’ Dramen,
macht’ mir manche Schand’

bei all diesen Jenen,
die nur für den Schein,
das Sein gar verneinen,
ich wählt’ für mich Sein.

Der Weg war kein leichter,
noch heut nag ich dran,
denk: „Wär ich nur seichter,
wär ich halt so „man“,

flöss alles von hier nach
dann da wie es muss,
wär alles gemach, – so
wie es sein muss.

So such ich mir täglich,
den eigenen Fluss,
So geh ich halt täglich,
auf eigenem Fuss.

Und schimpfe und klage,
verliere ich auch…
und danke und sage:
„Ich folg’ meinem Bauch.“

©Sandra von Siebenthal

Ferdinand von Schirach: Gott: Ein Theaterstück

„Aber uns vereint als aufgeklärte Gesellschaft dann doch die eine Sache: Wir können nie letztgültig wissen, was richtig und was falsch ist, absolute Urteile über die Welt gibt es nicht.“

Der Ethikrat tagt, mit dabei Sachverständige des Rechts, der Medizin und der Theologie sowie Richard Gärtner, um dessen Fall es geht, und sein Anwalt. Nachdem Gärtners Frau nach vielen gemeinsamen Jahren gestorben ist, erhofft er sich von seiner Augenärztin (auch sie vor Ort) Hilfe zum Suizid. Mit nun 78 Jahren, noch gesund, möchte er nicht mehr in einer Welt leben, in der seine Frau nicht mehr ist.

Die Frage, die sich stellt: Darf er wirklich frei entscheiden über seinen Tod und ist es ethisch vertretbar, dass ein Arzt ihm dabei hilft? Wir haben von Gesetzes wegen ein Recht auf unser Leben, doch beinhaltet dieses auch rein recht auf einen selbstbestimmten Tod?

„Wir können bedauern, wenn ein Mensch sterben will. Wir dürfen natürlich alles versuchen, ihn umzustimmen. Aber wenn uns das nicht gelingt, ist seine freie Entscheidung zu respektieren.“

Selbstbestimmung ist eine Grundvoraussetzung für Würde, nur ein selbstbestimmtes Leben ist eines, das würdig gelebt wird. Dazu kommt, das es keine Pflicht zu leben gibt, nur ein Recht. Nur: Ist das wirklich so? Haben wir nicht zumindest moralische Pflichten als soziale Wesen?

„Wir leben in einer Gemeinschaft, in Familien, in Freundeskreisen, in einem Staat. Jeder, der in einer Gemeinschaft lebt, hat auch eine Verantwortung für sie. Wir wissen heute, dass ein Selbstmord viele Menschen schwer belastet – Kinder, Enkel, Freunde, Arbeitskollegen. […] 60’000 leidende Hinterbliebene jedes Jahr. Ein Drittel davon entwickelt selbst psychische Störungen.“

Ferdinand von Schirach beleuchtet in seinem Buch „Gott“ die Frage, wem das Leben gehört, von verschiedenen Standpunkten, wobei er für jeden davon überzeugende Argumente liefert. Jeder Sachverständige wird nach seiner Meinung befragt und diese wird in der Folge hinterfragt. Fast fühlt man sich an die Sokratischen Dialoge erinnert, in welchen auch Meinungen durch Fragen ins Wanken oder gar Einstürzen gebracht werden. Es gelingt Ferdinand von Schirach, den Leser in dieses Nachdenken und Hinterfragen hineinzuziehen, so dass das Lesen zu einem quasi interaktiven Prozess wird.

Entstanden ist ein sehr philosophisches, tiefgründiges, durchdachtes, die grossen Themen des Lebens ansprechendes Buch, welches trotz der Komplexität der Thematik gut lesbar und verständlich ist. Ergänzt wird das Theaterstück durch drei Essays, welche das Thema Suizid nochmals aus religiöser und kultureller, ethischer und rechtlicher Perspektive beleuchten.

Fazit:
Ein philosophisch wertvolles, tiefgründiges und zum Hinterfragen eigener Meinungen anregendes Buch zum Thema Suizid und Beihilfe zu ebendiesem. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Ferdinand von Schirach, geboren 1964, arbeitet als Strafverteidiger und Schriftsteller in Berlin. Die Erzählungsbände »Verbrechen«, »Schuld« und »Strafe« sowie die Romane »Der Fall Collini« und »Tabu« wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück »Terror« zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm sein persönlichstes Buch »Kaffee und Zigaretten«, das Theaterstück »Gott« sowie der Band »Trotzdem« (mit Alexander Kluge).

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag; Originalausgabe Edition (14. September 2020)
ISBN-Nr.: 978-3630876290
Preis: EUR 18 / CHF 27.90

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Jean Paul (21. März 1763 – 14. Nov. 1825)

Am 21. März 1763 kommt Johann Paul Friedrich Richter in Wunsiedel zur Welt. Als Kind sowohl von einem protestantischen Umfeld sowie der eigenen Liebe  zur Literatur geprägt, studiert er zuerst Theologie, eher lustlos, um dann seiner wahren Berufung, dem Schreiben nachzugehen. Der finanzielle Erfolg lässt auf sich warten, so dass er sich als Privatlehrer betätigen muss. Daher stammt wohl auch die Erkenntnis:

„Die Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens.“

Doch schon bald soll sie auch zu seinem Brot werden. 1793 beginnen seine schriftstellerischen Ambitionen sich endlich auszuzahlen. Mit Hilfe von Karl Philipp Moritz, welchem er sein Manuskript geschickt hat, findet sein Roman „Die unsichtbare Loge“ einen Verlag. Gleich darauf widmet Jean Paul sich schon dem neuen Roman, „Hesperus oder 45 Hundposttage“, welcher 1795 erscheint und ihn schlagartig berühmt macht.

1796 reist Jean Paul nach Weimar, wohin er nach einigen weiteren literarischen Erfolgen („Siebenkäs“, „Das Leben des Quintus Fixlein“ und andere) zwei Jahre später ganz zieht. Neben dem Schreiben ist er auch in amouröse Geschichten verwickelt, verlobt sich zuerst mit Karoline von Feuchtersleben, von der er sich später wieder entlobt, wo auch mit Charlotte von Kalb eine Liebelei stattfindet, die er jedoch nicht verbindlich werden lässt. Überhaupt findet Jean Paul grosse Beachtung bei der Frauenwelt, welche nicht nur begeistert seine Bücher liest, sondern auch an ihm Gefallen findet, wobei er sich immer als erfolgreicher Eheverweigerer gibt.

„Die Liebe ist das Leben des Weibes, aber immer eine Episode im Leben des Mannes.“

Doch auch das hat einmal ein Ende. Im Jahr 1800 reist Jean Paul nach Berlin, lernt dort Karoline Mayer kennen und heiratet diese schliesslich. Die preussische Königin, eine Verehrerin seines Werkes, bringt ihn dazu, ganz nach Berlin zu ziehen, wo er bald ein freundschaftliches Umfeld findet mit Friedrich Schlegel, Johann Gottlieb Fichte und anderen Zeitgenossen.

An die Erfolge der alten Romane kann er allerdings nicht mehr anschliessen, die späteren, „Titan“ und Flegeljahre“ stossen nicht mehr auf so viel Interesse wie die früheren. Umso mehr verwundert es, dass heute diese am bekanntesten sind. Schon zu seiner Zeit ist die Rezeption auch seiner erfolgreichen Romane nicht einheitlich. Während sie von den einen hochgelobt werden, stossen sie bei anderen, darunter auch Goethe und Schiller auf Ablehnung.

1804 führt die Reise von Jean Paul und seiner Familie nach Beyreuth, wo sie ein eher zurückgezogenes Leben führen im Gegensatz zu Berlin damals. Auch die noch folgenden Romane werden keine Erfolge mehr. 1821 ereilt ihn durch den Tod seines Sohnes Max ein Schicksalsschlag, von dem er sich nicht mehr erholen wird.

„Das Alter ist nicht trübe, weil darin unsere Freuden, sondern weil unsere Hoffnungen aufhören.“

Auch gesundheitlich häufen sich die Probleme. Er stirbt am 14. November 1825 in Bayreuth.

„Die Zeit ist ein Augenblick. Unser Erdendasein wie unser Erdengang ein Fall durch Augenblicke.“

Werke

  • 1793 Die unsichtbare Loge. Eine Biographie, Roman
  • 1795 Hesperus oder 45 Hundposttage. Eine Biographie, Roman
  • 1796 Leben des Quintus Fixlein, aus funfzehn Zettelkästen gezogen, Erzählung
  • 1797 Siebenkäs, Roman
  • 1803 Titan, Roman
  • 1809 Dr. Katzenbergers Badereise, Erzählung

Friedrich Hölderlin (20. März 1770 – 7. Juni 1843)

Am 20. März 1770 wird Johann Christian Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren. Als er zwei Jahre alt ist, stirbt sein Vater, 7 Jahre später auch sein Stiefvater. Er durchläuft die übliche Schule mit mässigem Erfolg, beginnt ein Studium, wobei er. nicht wie von der Mutter gewünscht die theologische Laufbahn einschlagen will. Im Jahr 1791 veröffentlicht er die ersten Gedichte.

Um seiner Mutter nicht zur Last zu fallen, sucht er sich immer wieder Anstellungen als Hauslehrer, sieht diese aber nach anfänglicher Euphorie stets als untragbar, gar seiner eigenen geistigen Gesundheit abträglich. Um diese ist es dann auch wirklich nicht gut bestellt, bricht bei ihm doch 1806 eine geistige Krankeit aus, deretwegen gegen den eigenen Widerstand in eine Klinik eingeliefert wird, wo er 1807 als unheilbar krank wieder entlassen wird und fortan auf Pflege angewiesen ist. Er verbringt seine letzten Jahre in einem Turmzimmer. Schon in der Klinik begann er wieder mit dem Dichten, muss aber immer wieder aufhören, weil er zu erregt ist. Er ist sich seiner Situation bewusst und leidet auch darunter, worauf dieses Gedicht aus dem Jahr 1811 hindeutet:

„Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne
Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!

Sowohl Hölderlins Leben wie auch sein Dichten waren nicht gradlinig und schon gar nicht einfach zu deuten. Zu viele Widersprüche, zu viele Brüche weisen beide auf. Zuerst ein braver Zögling auf dem Weg zum Pfarramt, Befürworter der Französischen Revolution, dann wieder Rebell und dem Politischen sich entziehend durch die Poesie. Sein (geistiger) Zusammenbruch 1806 ist wohl nur äusseres Zeichen einer schon lange dauernden inneren Zerrissenheit. Sein Rückzug ins Turmzimmer nur letztendliche Konsequenz eines schon lange herrschenden Gefühls einer ihn erdrückenden Gesellschaft.

„Im heiligsten der Stürme falle
Zusammen meine Kerkerwand,
Und herrlicher und freier walle
Mein Geist ins unbekannte Land!“

In der Poesie lässt er das Einengende hinter sich, seine Gedichte fliessen förmlich aufs Papier und von da in die Weite. Selten sind sie irgendwie unterbrochen, immer fügt sich Eines ins Andere, soll doch die Poesie als Einheit, als Ganzes bestehen neben der Zerrissenheit der Welt, wie Hölderlin sie empfand. Auch wenn (oder gerade weil?) Hölderlins Gedichte alles andere als einfach gestrickt sind, werden sie auch heute noch gerne gelesen. Aus jeder Zeile tropft der Dichter, an seiner Zeit leidend, immer versuchend, im Denken frei zu bleiben. Hölderlin erwartete viel von der Poesie. Zusammen mit Hegel und Schelling formulierte er folgendes:

„Die Poesie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit.“

Man würde sich oft wünschen, die drei hätten recht.

Wenige von Hölderlins Texten werden zu Lebzeiten veröffentlicht, trotzdem bildet sich schon damals ein romantischer Kult um den Dichter im Turmzimmer. Erst anfangs des 20. Jahrhundert wird Hölderlins Dichtung wieder entdeckt. Es erstaunt deswegen, dass im Jahr 1861 ein junger Gymnasiast just Hölderlins (damals praktisch unbekanntes) Werk wählt für einen Schulaufsatz, und dieses feurig gegen Anschuldigungen verteidigte. An einen imaginären Brieffreund schreibt er er:

„…ich fühle mich bewogen, für diesen meinen Lieblingsdichter gegen dich in die Schranken zu treten.“

Und er fährt fort:

„Dies Verse (um nur von der äusseren Form zu reden) entquollen dem reinsten, weichsten Gemüt, diese Verse, in ihrer Natürlichkeit und Ursprünglichkeit die Kunst und Formgewandtheit Platens verdunkelnd, diese Verse, bald im erhabenen Odenschwung einherwogend, bald in den rartesten Klänge der Wehmut sich verlierend…“

Und fügt ein Gedicht an, in welchem sich „die tiefste Melancholie und Sehnsucht nach Ruhe ausspricht“:

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nehmt mich,
Purpurne Wolken! und mögen droben

In Licht und Luft zerrinnen mit Lieb und Leid! –
Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, flieht
Der Zauber. Dunkel wird’s, und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich.

Komm du nun, sanfter Schlummer! Zu viel begehrt
Das Herz, doch endlich, Jugend, verglühst du ja!
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann mein Alter.

Der Gymnasiast heisst Friedrich Nietzsche.

1936 wird die historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe aufgelegt, welche bei den Nazis grossen Anklang findet. Heidegger, ausgerechnet, kann mit seiner Deutung des Werkes diesen Fluch abwenden, so dass Hölderlin wieder über alle braunen Zweifel erhaben in die Zukunft strahlte. Ein

„Glaube und Liebe und Hoffnung sollen nie aus meinem Herzen weichen. Dann gehe ich, wohin es soll, und werde gewiß am Ende sagen: „Ich habe gelebt.“ Und wenn es kein Stolz und keine Täuschung ist, so darf ich wohl sagen, daß ich in jenen Stunden nach und nach, durch die Prüfungen meines Lebens, fester und sicherer geworden bin.“

Möge es ihm wirklich und genau so gelungen sein. Friedrich Hölderlin stirbt am 7. Juni 1843 in Tübingen.

Werke

  • 1791 Erste Gedichte
  • 1797 Hyperion, Roman
  • 1826/1846 Der Tod des Empedokles, Drama
  • Verschiedene theoretische Schriften

5 Inspirationen – Woche 11

Noch immer ist es ungewiss, wie alles weiter geht, noch immer scheint die Welt in einem Ausnahmezustand, der irgendwie doch langsam auch so etwas wie normal wird… und noch immer hört man Stimmen, die sich das alte Normal wieder wünschen. Und mir stellt sich ein wenig die Frage, was genau eigentlich „normal“ bedeutet. Nicht immer das, was man sich als Einzelner oder Gesellschaft eigentlich wünscht? Die Frage ist dann: Wie einheitlich ist das? Ich habe keine Ahnung, ich frage nur, bin dabei sehr dankbar, dass ich auch jetzt tun kann, was ich tue. Und ja, mir kommt aktuell mein Naturell als Leseratte und zurückgezogener Schreibtischarbeiter wohl entgegen.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Der Podcast „Eins zu Eins. Der Talk“ mit Brigitte Riebe hat mich diese Woche begeistert. Besprochen werden Themen wie die Kriegs- und Nachkriegszeit, das Schreiben unter Pseudonymen, und Bücher, die zum passenden Leser finden.
  • Einmal mehr hat mich dir Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiografie „Mein Leben“ sehr beeindruckt. Die Lebensgeschichte zeigt die Gräuel unserer Vergangenheit und der Verbrechen an den Juden auf, seine Liebe zur Kultur und zur Literatur dringt aus jeder Szene, jedem Buchstaben. Ich kann sowohl das Buch wie auch den Film sehr empfehlen, was oft nicht so ist, enttäuscht doch die Verfilmung eines geliebten Buches häufig. Was Marcel Reich-Ranicki selber zu der Verfilmung dachte, findet man HIER
  • Der Film „Mut zum Leben“ hat mich sehr berührt, bewegt, zum Nachdenken gebracht. Überlebende des Holocaust kamen zu Wort, Menschen, die in Auschwitz waren und die wohl schlimmsten Gräuel erleben mussten, die man sich vorstellen kann, denen man alles nahm: Familie, Freunde, Hab und Gut. Menschen, denen man die Menschenwürde wegnehmen wollte, die sie aber doch bewahrten, sogar im Kleinsten. Menschen, die überlebten und sich nicht als Opfer der Geschichte sahen (die sie durchaus waren), sondern hin standen und sich nicht kleinkriegen liessen. Die sagten, dass dieses Überleben ein Leben sein soll, das sie in den Händen haben und welche die Chance nutzen wollten. Ich wünsche uns allen ein wenig von diesem Mut. Der Film liess mich mit ganz viel Dankbarkeit für das, was ich habe, zurück.
  • Ich las im Netz von einem eigentlich gebildeten, durchaus intelligenten Menschen den Begriff „Coronanazis“. Ich habe mich in meinem ganzen Studium, sehr intensiv während meiner Dissertation mit der Zeit des Nationalsozialismus, mit dem Holocaust, mit dem Regime der Nazis beschäftigt und damit, was diese Zeit den Opfern antat. Corona mag eine Herausforderung sein, das teilweise hilflose Versuchen, damit umzugehen auf politischer Ebene mag unbefriedigend sein, Verbote und Gebote mögen einschneidend und teilweise zumindest im finanziellen, sicher aber auch im psychischen Bereich mögen ans Lebendige gehen. Und doch würde ich mir wünschen, wenn wir die Relationen bewahren würden, wenn wir den Sprachgebracht prüfen und sehen würden, wo wir wirklich stehen mit all dem. Ich schaue im Moment gerade den Vierteiler „Holocaust“. Die fiktive (aber durchaus realistische) Geschichte der Familie Weiss. Ich würde jedem, der die heutige Politik mit damals vergleichen will, diese ans Herz legen. Wer es noch realistischer mag, soll Claude Lanzmanns Dokumentation „Shoah“ empfohlen… Es gibt zudem sehr viele Bücher von Zeugnissen Überlebenden. Bei Interesse gebe ich gerne Tipps.
  • Friedrich Hölderlin schrieb einst:
    „Glaube und Liebe und Hoffnung sollen nie aus meinem Herzen weichen. Dann gehe ich, wohin es soll, und werde gewiß am Ende sagen: „Ich habe gelebt.“ Und wenn es kein Stolz und keine Täuschung ist, so darf ich wohl sagen, daß ich in jenen Stunden nach und nach, durch die Prüfungen meines Lebens, fester und sicherer geworden bin.“
    Das wünsche ich uns allen. Hölderlin würde übrigens am 20. März 2021 251 Jahre alt. Vielleicht ein schöner Anlass, ein wenig in seinen Gedichten zu stöbern. Sein Porträt erscheint dann auf meinem Blog,

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Katja Kulin: Der andere Mann: Die grosse Liebe der Simone de Beauvoir

Anlässlich einer Reise nach Amerika lernt Simone de Beauvoir den Schriftsteller Nelson Algren kennen, der sie ein wenig durch die Stadt führen soll. Die gegenseitige Anziehung lässt die Stadtbesichtigung in Algrens Wohnung enden, nach einer leidenschaftlichen Nacht heisst es jedoch schon wieder Abschied nehmen.

„Aber nächtliches Zusammensein ohne lendemain, das schien ihre erst heute wie die deutlichste Widerspiegelung der Absurdität und des Selbstbetrugs, der in der Tätigkeit des Reisens lag, bei der so vieles unverbindlich und ohne Folgen blieb.“

Es sollte nicht bei der einen Nacht bleiben, schon am nächsten Tag steht Simone wieder vor Nelsons Tür, die beiden stehlen sich die Zeiten zwischen ihren Terminen, bis sie schliesslich wieder nach Paris und zu Sartre zurück kehrt. Sartre, an dessen Seite sie schon seit Jahren lebte und arbeitete, eine Beziehung geistiger Natur, neben welcher Affären möglich und abgemacht waren. Doch es sollte keine Affäre bleiben.

„Wenn du zu unserem kleinen Zuhause zurückkommst, werde ich schon dort sein, unter dem Bett versteckt und allgegenwärtig. Ih werde ab jetzt immer bei dir sein, mein Geliebter, wie es eine liebende Frau bei ihrem geliebten Mann ist. Wir werden kein Erwachen erleben, denn dies war kein Traum, sondern eine wunderbare und wahre Geschichte, die gerade erst beginnt.“

In den Phasen des Getrenntseins fliegen Briefe zwischen Chicago und Paris hin und her, ein Band zwischen den beiden Liebenden, die sich selber als Ehemann und -frau bezeichnen, wird immer intensiver gewebt. Die jeweiligen Wiedersehen in Chicago, einmal auch in Paris, über die nächsten Jahre sind innig. Und doch ist eine gemeinsame Zukunft an einem Ort undenkbar.

„Aber ich könnte nicht nur für die LIebe leben oder für das Glück. Das wäre zu wenig. ich will wie du mit meinem Schreiben etwas verändern, das gäbe meinem Leben Bedeutung. Das ist viel schwerer zu erreichen als die Liebe, aber es ist eine Arbeit, die doch getan werden muss. Und ich glaube, wirklich ein en Sinn hat das nur dort, wo man verwurzelt ist.“

Die Liebe, so gross sie auch ist, reicht schlussendlich nicht, die Beziehung zu tragen. Nelsons Wunsch nach einem dauernden Zusammensein, die Unmöglichkeit von beiden, für den anderen die eigene Heimat aufzugeben, lässt die Beziehung schliesslich enden.

Katrin Kulin ist es gelungen, das Leben, Lieben und Schreiben einer grossartigen Frau und Denkerin in einer Geschichte zu vereinen, die den Leser von der ersten Seite in den Bann zieht. Die Liebesgeschichte wird abwechselnd aus Nelsons und Simones Blickwinkel erzählt und auch reflektiert, was tiefe Blicke hinter die Kulissen gewährleistet. Es gelingt Katja Kulin, das Denken und die Anliegen von Simone de Beauvoir in die Geschichte einfliessen zu lassen, meist unauffällig und doch informativ, ganz selten etwas zu ausführlich und den Erzählfluss störend. Gezeichnet wird dabei das Bild einer Frau (und immer auch Sartres Einfluss auf dieselbe), welche mit der tiefen Überzeugung durchs Leben geht, sich für die wichtigen Themen einsetzen zu müssen, weil darin ihre wahre Berufung liegt. Mit vollem Engagement setzt sie sich vor allem für die Rolle der Frau in einer von Männern bestimmten Welt ein.

„Die Welt war von Männern geformt worden und das, was man unter ‚Menschheit‘ verstand, war männlich. Die Frau wurde nicht als autonomes Wesen betrachtet, sondern als ein dem Mann entgegengesetztes, ihm untergeordnetes. Es gab sie nur in Relation zum Mann, sie war das Unwesentliche neben dem Wesentlichen, das Objekt neben dem Subjekt, das andere neben dem einen.“

Wie schnell man selber in die Rolle der sich unterordnenden Frau geraten kann, merkt Simone an sich, als sie sich durch die Liebe beflügelt zumindest zeitweise in die Rolle der umsorgenden Ehefrau wiederfindet. Dass auch ihr Verhältnis mit Sartre über weite Strecken (zumindest von aussen gesehen, aber auch selber gelebt) ein sich Unterordnen Simones mit sich bringt, zeigt ihr deutlich, wie viel noch zu tun ist, um diese Muster in der Gesellschaft zu durchbrechen.

„Das biologische Geschlecht musste von der sozialen Rolle der Frau als Konstrukt unterschieden werden. Man kam nicht als Frau zur Welt, man wurde es.“

Der Roman zeigt deutlich die intensive Auseinandersetzung Katja Kulins mit dem Menschen Simone de Beauvoir sowie mit ihren Ideen. Es gelingt ihr dadurch, aus einem reichen Wissensfundus zu schöpfen und dieses Wissen mehrheitlich unauffällig und doch kompetent einfliessen zu lassen. Entstanden ist ein mitreissendes und zutiefst menschliches Porträt einer spannenden Frau. Unterm Strich bleibt das Buch immer aber auch eine Liebesgeschichte, und da, wo diese dominiert gleitet der Erzählung ab und zu ins Pathetische und Kitschige, wird die Sprache gar blumig und auch die Metaphern wirken wie aus einem alten Barbara-Cartland-Roman. Zum Glück überwiegt der gute Erzählton bei Weitem, so dass man über diese Aussetzer grosszügig hinweglesen kann.

Fazit:
Die durch eine geschickt gewählte Erzählperspektive tiefgründende Lebens- und Liebesgeschichte einer grossartigen Frau und Denkerin. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Katja Kulin wurde 1974 in Bochum ­geboren und lebt seit Mitte 2018 in einem kleinen Dorf in der Voreifel. Sie studierte Germanistik und Erziehungswissenschaften. Sie schreibt Romane, Romanbiografien und Sachbücher und ist als Lektorin tätig.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (12. März 2021)
ISBN-Nr.: 978-3832165666
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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Christa Wolf (18. März 1929 – 1. Dez. 2011)

„Unverhüllt autobiographisches Schreiben ist unter den vielfältigen Schreibmöglichkeiten zugleich die leichteste und die schwerste: leicht, weil der oder die Schreibende sich im Stoff bewegt wie der Fisch im Wasser; weil alles bekannt, vertraut ist, nichts erfunden muss (oder darf) – vielleicht, dass, um des lieben Friedens willen, einige Namen verändert, einige Handlungsorte verschleiert werden. Aber man schöpft aus der Fülle.Das schwerste ist es, weil es, soll es gelingen, bekennendes Schreiben sein muss, was meistens heisst: Es muss weh tun.“

Dies schreibt Christa Wolf in ihrem Essay „Autobiographisch schreiben“ zu Günter Grass’ „Beim Häuten der Zwiebel“, aber man könnte es genauso als Selbstbeschreibung sehen, behandelt Christa Wolf in ihren Büchern doch immer auch ihre eigene Biografie, verwebt diese in die erzählten Geschichten.

Christa Wolf wird am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, wo sie auch bis kurz vor Kriegsende die Schule besucht. Als die Truppen der Roten Armee anrücken, flieht die Familie 1945 nach Mecklenburg. 1946 setzt Christa Wolf die Schule in Schwerin fort und studiert später in Leipzig Germanistik. Danach arbeitet sie zuerst als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, später als Lektorin und als Redakteurin. 1961 erfolgt ihre erste literarische Veröffentlichung „Moskauer Novelle“ (allerdings nur in der DDR, in der BRD erschien das Buch nicht) und ab 1962 arbeitet Christa Wolf ganz als freiberufliche Schriftstellerin, kann auch gleich mit dem Roman „Der geteilte Himmel“ einen Erfolg verzeichnen, wird das Buch doch mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet und 1964 verfilmt.

Christa Wolf ist als Mitglied der SED politisch engagiert und lässt dieses Engagement auch immer in ihre literarischen Texte einfliessen. Immer wieder behandelt sie aktuelle Themen wie den Mauerbau (verarbeitet in „Der geteilte Himmel), das Reaktorunglück in Tschernobyl (verarbeitet in „Störfall“)oder auch feministische Fragen, in der Hoffnung, diese Themen einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Auch die Auseinandersetzung mit sich selber und das Einfliessen lassen der eigenen Vergangenheit in ihr Schreiben war typisch für ihre Werke, wie oben bereits erwähnt.

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ (zit. nach Schulz, Christa Wolf)

Mit diesem Satz fängt Wolfs Buch „Kindheitsmuster“ an und zeigt deutlich ihr Verständnis vom Leben in der Gegenwart, welches (oft unterbewusst) geprägt ist von der Vergangenheit. Nur wenn man sich dieser Vergangenheit stellt, könne man bewusst gelebte Gegenwart erreichen, dessen ist sich Wolf sicher. Dabei ist das Erinnern oft trügerisch, erfinden wir doch nicht selten die Vergangenheit mehr, als dass wir sie wirklich erinnern:

„In die Erinnerung drängt sich die Gegenwart ein.“ (ebd.)

Es ist also die Gegenwart, die immer auch die Sicht auf die Vergangenheit manipuliert, wogegen Christa Wolf mit ihrem Schreiben angeht. Christa Wolfs Schreiben ist ein sehr bewusstes, welches sie selber oft in Essays, Briefen und Reden thematisiert. Daraus wird klar, dass Christa Wolf den Menschen als ein in seine politische Umwelt verflochtenes Wesen sieht, welches durch diese Umwelt in seinem Sein und Tun geprägt wird. Ihre Tagebücher legen über diese Verflochtenheit in ihrem eigenen Leben Zeugnis ab.

1988 erkrankt Christa Wolf schwer, in der Folge kommt es immer wieder zu gesundheitlichen Problemen. Sie stirbt am 1. Dezember 2011 nach einer schweren Krankheit mit 82 Jahren.

Ausgewählte Werke

  • 1961 Moskauer Novelle
  • 1963 Der geteilte Himmel, Erzählung
  • 1968 Nachdenken über Christa T., Roman
  • 1979 Kein Ort. Nirgends., Erzählung
  • 1983 Kassandra, Erzählung
  • 1990 Was bleibt, Erzählung
  • 1996 Medea. Stimmen, Roman

Briefwechsel

  • Sarah Kirsch,Christa Wolf: „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt.“ Der Briefwechsel
  • Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952 – 2011

Sammelbände

  • Lesen und Schreiben. Aufsätze und Betrachtungen
  • Fortgesetzter Versuch. Aufsätze, Gespräche, Essays
  • Geschlechtertausch. 3 Geschichten über die Umwandlung der Verhältnisse. Mit Sarah Kirsch und Irmtraud Morgner
  • Die Dimension des Autors. Essays und Aufsätze, Reden und Gespräche 1959 – 1985
  • Rede, dass ich dich sehe: Essays, Reden, Gespräche

Siegfried Lenz (17. März 1926 – 7. Okt. 2014)

Siegfried Lenz wurde am 17. März 1926 in Lyck, Ostpreussen, als Sohn eines Zollbeamten geboren. Selber beschrieb er diesen Umstand später so:

„Ich wurde am 17. März 1926 in Lyck geboren, einer Kleinstadt zwischen zwei Seen, von der die Lycker behaupten, sie sei die „Perle Masurens“. Die Gesellschaft, die sich an dieser Perle erfreute, bestand aus Arbeitern, Handwerkern, kleinen Geschäftsleuten, Fischern, geschickten Besenbindern und geduldigen Beamten.“ (Lenz, Autobiographische Skizze)

Der Vater starb früh, die Mutter liess den Sohn bei der Grossmutter zurück, als sie wegzog. Dieser kam später in ein Internat, von wo er nach einem Notabitur in die Kriegsmarine eingezogen wurde. Nach seiner Desertation kurz vor Kriegsende kam er in britische Kriegsgefangenschaft, wo er als Dolmetscher eingesetzt wurde. Die Jahre waren von einer emotionalen Berg- und Talfahrt begleitet, erlebte Lenz schon nach kurzer Kriegseuphorie eine grosse Ernüchterung.

Nach einem abgebrochenen Studium begann er bei einer Tageszeitung, wo er sich um Redaktor hocharbeitete, seine Frau kennenlernte und heiratete. Nach seiner ersten Roman-Veröffentlichung in der Zeitung setzte er ganz auf den Beruf Schriftsteller, anfangs allerdings mit mässigem Erfolg, stiess sein Erstling „Es waren Habichte in der Luft“ doch auch wenig Beachtung. Davon liess sich Siegfried Lenz nicht irritieren, beharrlich schrieb er weiter und durfte schon bald den ersten grossen Erfolg verzeichnen mit seinen Masurischen Geschichten „So zärtlich war Suleyken“. Zu seinem Schreiben sagte er einst:

„Was sind Geschichten? Man kann sagen, zierliche Nötigungen der Wirklichkeit, Farbe zu bekennen. Man kann aber auch sagen: Versuche, die Wirklichkeit da zu verstehen, wo sie nichts preisgeben möchte.“ (Siegfried Lenz, zit. nach Siegfried Lenz. 1926 – 2014. Eine Hommage)

Dieser Zweifel an der Wirklichkeit, an der Wahrheit, sowie auch eine latente Traurigkeit prägen denn auch sein Schreiben. Er schreibt über Menschen, die sich irren, die ausserhalb der Norm stehen. Vielleicht hat Goethe recht, wenn er sagt, dass alles Schreiben autobiographisch sei. Lenz sagte das gar selber mal:

„Man schreibt eigentlich nur von sich selbst.“ (zit. nach Siegfried Lenz. 1926 – 2014)

Lenz selber sah sich selber als Fremdling in der Welt, da er nur aus dieser Fremdheit heraus glaubte schaffen zu können. Er schreibt aber auch über Menschen wie die, welche nach eigener Aussage seinen Geburtsort besiedelten.
Bei den Kritikern schaffte es Lenz selten auf eine Stufe mit Grass oder Walser, beim Publikum indes war er beliebt und galt als einer der grossen Erzähler, auf gleicher Stufe mit den vorgenannten. Er galt als Volksschriftsteller, wohl auch darum, weil er über dieses schrieb durch seine Figuren. Zudem war er anders als viele seiner Kollegen nie in Debatten verstrickt oder und stets freundlich und herzlich, was ihm viele Sympathien einbrachte. Bei all seinem Erfolg blieb er immer bescheiden:

„Als Schriftsteller habe ich erfahren, wie wenig Literatur vermag, wie dürftig und unkalkulierbar ihre Wirkung war und immer noch ist.“

Dies sagte er anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, den er 1988 erhielt. Man möchte ihm in Bezug auf seine eigene Literatur widersprechen.

Siegfried Lenz war später regelmässiger Gast bei der Gruppe 47, engagierte sich daneben in der Politik, war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und Gastprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er schrieb insgesamt 15 Romane, über hundert Erzählungen, Theaterstücke, Essays und einiges mehr.

Siegfried Lenz starb am 7. Oktober 2014 in Hamburg.


Ausgewählte Werke

Romane

  • 1951 Es waren Habichte in der Luft
  • 1968 Deutschstunde
  • 1973 Das Vorbild
  • 1990 Die Klangprobe
  • 1994 Die Auflehnung

Erzählungen und Novellen

  • 1955 So zärtlich war Suleyken, Masurische Geschichten, Kurzgeschichten
  • 1957 Risiken für Weihnachtsmänner
  • 1960 Das Feuerschiff, Erzählungen
  • 1960 Verzicht, Erzählungen
  • 1973 Wie bei Gogol, Erzählung
  • 1984 Ein Kriegsende, Erzählung
  • 2008 Schweigeminute, Novelle


Diverses

  • 1953 Lotte soll nicht sterben, Kinderbuch
  • 1970 beziehungen, Essay
  • 1971 Verlorenes Land – Gewonnene Nachbarschaft, Rede
  • 1998 Über den Schmerz, Essay
  • 2006 Selbstversetzung, Über Schreiben und Leben

Zwischen Welten

Mit ganz leisem Klopfen
nur melden sich Tropfen,
verkünden die Botschaft,
die ich nicht versteh.

Der Himmel verhangen
mit tiefgrauen Wolken,
die Bäume im Nebel,
dahinter der See.

Ein Blick in die Ferne,
die mir bleibt verborgen,
ich schaue ins Leere,
verliere mich da.

Es scheinen zwei Welten,
die eine hier drinnen,
die andere draussen,
doch welche ist wahr?

Ich lebe mein Leben,
so zwischen den Stühlen,
Ich kenne mich aus hier,
hier bin ich bei mir.

©Sandra von Siebenthal

Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten

„Solange man schreibt, spricht man mit den Menschen, die man erfindet, man lebt ihr Leben mit ihnen, und die Zeit zwischen dem Schreiben wirsd irgendwann unwichtig, das Schreiben wird zum Eigentlichen.“

Ferdinand von Schirach hat mit „Kaffee und Zigaretten“ sein wohl persönlichstes Buch geschrieben. In 48 Kapiteln, jedes eine knappe Zigarette oder einen Kaffee lang, erinnert er sich an Geschichten aus seinem Leben, wirft dem Leser kleine Informationshäppchen zu, die dieser zur Kenntnis nehmen oder zum Anstoss weiteren Nachdenkens machen kann, oder er lässt uns an den unterschiedlichsten Beobachtungen und Gedanken teilhaben.

„Heimat ist kein Ort, es ist unsere Erinnerung.“

Dabei ist er oft nachdenklich, hinterfragt das Leben und die Beweggründe, es so zu führen, wie verschiedene Menschen es tun. Entstanden ist so ein Album voller Erinnerungen, mal aus seinem Berufsalltag als Strafverteidiger, mal (auch durchaus sehr tiefschürfende Erlebnisse) aus seinem privaten Leben. Er verzichtet dabei gänzlich auf Sentimentalitäten, fast schon lapidar kommen die einzelnen Episoden daher.

„Auch ohne die Begabung, glücklich zu sein, gibt es eine Pflicht, zu leben, denkt sie jetzt.“

Auch alte Themen aus früheren Büchern haben Eingang in dieses Bändchen gefunden, Ferdinand von Schirachs Gedanken zu Recht und Moral innerhalb einer Gesellschaft erscheinen nochmals in neuem Gewand.

„Die Würde des Menschen ist die strahlende Idee der Aufklärung, sie kann den Hass und die Dummheit lösen, sie ist lebensfreundlich, weil sie von unserer Endlichkeit weiss, und erst durch sie werden wir in einem tiefen und wahren Sinn zu Menschen. […] Sie ist nur eine Idee, sie ist zerbrechlich, und wir müssen sie schützen.“

Man erkennt in „Kaffee und Zigaretten“ den analytischen Denker Ferdinand von Schirach, hier und da drücken seine Analysen und auch die Fragen an die Zeit durch, regen zum Nachdenken an, geben eine Ahnung davon, was möglich gewesen wäre, hätte er ganz aus dem Vollen geschöpft. Das Buch trägt gute Gedanken in sich, die Sprache ist klar und gewohnt schnörkellos – leider sind es doch alles nur kleine Häppchen, was durchaus einen Reiz hat, die aber doch manchmal gar kurz ausfallen und einen mit Fragen nach dem Sinn und Zweck derselben zurücklassen. Vielleicht ist genau das gewollt.

Insgesamt ist „Kaffee und Zigaretten ein Buch voller Impulse, die zum Nachdenken anregen. Es ist ein Buch über das Leben einerseits Ferdinand von Schirachs, aber auch das als Mensch in unserer Gesellschaft und auf dieser Welt mit all ihren Herausforderungen. Und manchmal drückt sogar ein wenig Wehmut durch, weil :

„Damals gab es keine Zeit, so wie es in der Erinnerung keine Zeit gibt. Es war nur der Sommer, in dem wir unten am Fluss waren, Forellen fingen, und ich dachte, dass sich nie etwas ändern würde.“

Fazit:
Ein sehr persönliches Buch eines tiefgründigen Denkers, das in vielen kleinen Lesehäppchen Erinnerungen und Beobachtungen zu Denkanstösse werden lässt. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Ferdinand von Schirach, geboren 1964, arbeitet als Strafverteidiger und Schriftsteller in Berlin. Die Erzählungsbände »Verbrechen«, »Schuld« und »Strafe« sowie die Romane »Der Fall Collini« und »Tabu« wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück »Terror« zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm sein persönlichstes Buch »Kaffee und Zigaretten«, das Theaterstück »Gott« sowie der Band »Trotzdem« (mit Alexander Kluge).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 192 Seiten
Verlag: btb Verlag (13. April 2020)
ISBN-Nr.: 978-3442719747
Preis: EUR 11 / CHF 17.90

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5 Inspirationen – Woche 10

Wieder ist eine Woche förmlich vorbeigeflogen, Zeit, Rückschau zu halten. Es war für mich eine nachdenkliche Woche, eine Woche, die viel Innensicht und Selbsthinterfragung beinhaltete. Die heutigen fünf Punkte spiegeln das wohl ein wenig wieder. Als Motto könnte man vielleicht ein Zitat aus den Yoga Sutras voranstellen:

„Selbsterforschung führt zum inneren Licht.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 2.44)

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Diese Woche stiess ich auf einen Artikel, der mich sehr berührte: Was würde ich meinem zukünftigen Ich sagen? Wo stehe ich im Leben, worauf kann ich bauen? Es werden fünf Fragen empfohlen, die man sich stellen soll:
    • was habe ich bis heute gelernt?
    • Welche Menschen möchte ich in meinem Leben nicht missen?
    • Was bringt mein Herz zum Lächeln?
    • Kümmere ich mich gut um mich selber?
    • Wofür bin ich dankbar?
  • Am Montag war Weltfrauentag, auf Instagram sah ich lauter Bücher, die von Frauen geschrieben wurden. Es liegt in der Natur der Sache bei mir, dass ich früher hauptsächlich Männer las, da es bei den Klassikern gab und diese im Studium den grossen Schwerpunkt hatten. Ich habe bislang selten bewusst darauf geachtet, ob ein Buch von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde, ich schaute mehr auf Themen und wählte danach, was mich da anspricht. Als ich mir so Gedanken machte, dachte ich plötzlich, dass mir aber doch in letzter Zeit mehrheitlich Bücher von Frauen gut gefallen. Ob das Zufall ist oder nicht? Ich werde das mal bewusst im Auge behalten, einfach, weil es mich interessiert.
  • Diese Woche hörte ich den Podcast Unlocking us von Brené Brown mit Dr. Yaba Blay und der Buch One Drop: Shifting the Lens on Race. Yaba Blay sprach über eine Zeit, in welcher sie versuchte, es allen recht zu machen, zu beweisen, was sie alles schafft, was andere ihr nicht zutrauen, und wie ihre Seele darunter gelitten hat. Brené Brown hatte dazu eine Geschichte aus ihrer Therapie, als die Therapeutin sie fragte: „Was bräuchten Sie, dass es für sie endlich genug wäre, dass Sie sich als gut genug fühlen.“ Ich fragte mich, wie oft wir unseren Selbstwert aus den Erwartungen anderer ableiten, wie oft wir leiden, weil wir nicht selber unser Massstab sind, sondern dem Lob und der Anerkennung anderer nachrennen. Und ich fragte mich weiter, was wir uns selber damit antun.

„Wenn der Blick auf die Aussenwelt nötig ist, um zu erkennen und zu verstehen, wer wir sind, dann sind wir für uns selbst nur in begrenztem Umfang eine Autorität.“

Dabei geht es nicht darum, die eigene Meinung über die anderer zu stellen, aber wer sollte uns selber, unsere Wünsche und Träume besser kennen als wir selber? Wieso also beschäftigen wir uns nicht mit denen, sondern versuchen, die anderer zu erfüllen, indem wir sind, wie sie uns haben wollen?

  • Ich lese gerade das Buch von Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten. Ich kann es nur empfehlen, es ist ein wunderbares Buch mit kleinen Kapiteln voller Lebensgeschichten, Nachdenklichkeiten, Weltbeobachtungen.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Ingrid Noll: Hab und Gier

Begleitung bis in den Tod

Immer wieder wunderte ich mich, dass die Verstorbenen persönlich angesprochen wurden: Ruhe sanft! Wir werden dich nie vergessen! Du fehlst mir. […] Ob man davon ausging, dass die Verstorbenen die Botschaften mit Genugtuung zur Kenntnis nahmen? […] Während ich mich noch bei dieser Vorstellung amüsierte, entdeckte ich sie wieder, diese eigenartige und nicht eben freundliche Inschrift auf einer grauen Granitplatte: Bleib, wo du bist!

Wolfram Kemperer lädt seine ehemalige Bibliothekskollegin Karla zum Gabelfrühstück. Da er bald sterben wird, hat er einen letzten Wunsch, für den er Karlas Hilfe braucht. Er möchte zu Hause sterben. Wenn Sie ihn bis zum Tod betreut, wird sie die Hälfte seines Vermögens (unter anderem ein grosses Haus) erben, wenn sie ihm gar noch hilft, zum von ihm festgelegten Zeitpunkt auf die von ihm gewünschte Art aus dem Leben zu treten, kriegt sie alles.

Überfordert von diesem Ansinnen vertraut sich Karla ihrer Freundin Judith an.

…um ehrlich zu sein, bin ich nicht Mutter Theresa, sondern denke dauernd gierig an sein grosses Haus. Sein Auto steht mit jetzt schon zu, wenn ich für ihn einkaufe. Irgendwie hat er mich mit materiellen Anreizen geködert, das ist in hohem Masse unmoralisch.

Judith verspricht ihre Hilfe und bringt auch gleich noch ihren halbseidenen Freund Cord als Mann fürs Grobe mit. Zu dritt leben sie fortan mit Wolfram unter einem Dach, wobei keiner dem anderen richtig traut. Der Tod lässt nicht lange auf sich warten, allerdings kommt er anders als geplant.

Ingrid Noll ist mit Hab und Gier eine rabenschwarze Komödie gelungen, die von der ersten bis zur letzten Seite Lesespass verspricht. Das eigentlich ernsthafte Thema der Sterbehilfe und des würdevollen Todes wird in eine makabere Geschichte verpackt, die durch ihre Figuren lebt. Karla, die biedere Rentnerin, Judith, ihre jüngere Freundin, durchtrieben und geschäftstüchtig sowie Cord, eine Mischung aus gutmütigem Bär und Kleinkriminellem, laden den Leser ein, mit ihnen zusammen zu wohnen, immer im Wissen, dass bald etwas passieren wird, von dem man nur noch nicht genau weiss, was es sein wird.

Fazit:
Rabenschwarz mit viel Humor, eine gelungene Komödie mit grossem Unterhaltungswert. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Ingrid Noll
Ingrid Noll, geboren 1935 in Shanghai, studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier erwachsener Kinder und vierfache Großmutter. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt sofort zu Bestsellern wurden. Viele Ihrer Romane wurden erfolgreich verfilmt, für Die Häupter meiner Lieben wurde Ingrid Noll mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet. Von Ingrid Noll erschienen sind unter anderem Der Hahn ist tot (1993), Die Häupter meiner Lieben (1994), Die Apothekerin (1996), Kalt ist der Abendhauch (1998), Röslein rot (2000), Rabenbrüder (2005).

Angaben zum Buch:
NollHabundGierGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (29. Januar 2014)
ISBN-Nr.: 978-3257068856
Preis: EUR 21.90 / CHF 30.90

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Emanzipation? Es ist noch ein weiter Weg!

Diese Woche schaute ich eine Sendung im Fernsehen, in welcher es um Schönheitsoperationen im Intimbereich von Frauen ging. Ich sah mich mit Gedanken konfrontiert, die ich selber noch nie gehabt hatte. Und ich fragte mich:

Wieso stellt man sich hin, verbiegt sich mit Spiegel, um dann etwas an sich zu finden, das zu optimieren wäre.

Die Aussage, man täte das für sich selber, konnte ich irgendwie nicht gelten lassen, denn: So ich für mich (und ich bin ja nicht ganz unbeweglich) seh das selten und denke: Nein, das geht gar nicht, da muss ich was tun. Das denke ich nicht mal bei meinem Gesicht und das sehe ich täglich… es entspricht nun nicht den gängigen Modelidealen von landläufigen Sendungen, dazu hat es schon zu viel gesehen und durchstanden – sei es nur an Jahren.

Und dann fielen mir in den Sozialen Medien immer wieder Fotos von – in meinen Augen – wirklich schönen Frauen auf, welche so weichgezeichnet waren, dass alles leicht verschwommen, aber sicher kein Fältchen mehr zu sehen war. Das war wohl der Anspruch. Und ich ertappte mich dabei zu denken:

Wie schade. Das ganze Leben aus dem Gesicht gewischt.

Wieso? Und ja, ich kenne mich zu gut aus bei Fotoprogrammen, um es nicht zu sehen

Wir stehen hin und wollen für die Emanzipation kämpfen, schaffen es aber nicht mal selber, zu uns zu stehen und uns so, wie wir sind, als schön und wertvoll zu erachten. Wir müssen uns selber zuerst optimieren, dass es passt.
Wir haben einen weiten Weg vor uns. Und er wird bei uns selber anfangen müssen. Jetzt. Denn:

Wenn nicht jetzt, wann dann??

David Hockney: A bigger Book

Ein Leben in Bildern

David Hockney beschloss schon im Alter von 11 Jahren, dass er Maler werden will:


„Ich glaube, jeder, der Bilder malt, liebt dieses Gefühl, mit einem Pinsel voller Farbe etwas zu bestreichen!“

Hockney gilt als einer der grössten Maler heutiger Zeit. Seine Bilder bestechen durch ihre bunte Farbigkeit, seien das die flächig gemalten Stilleben, Landschaftsgemälde, Porträts oder auch in jüngster Zeit iPad-Bilder. In seinen Bildern hält er alles fest, was er um sich herum sieht und was ihm irgendwie gefällt – von Keksdosen über Zahnpastatuben, Zimmern, Früchte, Blumen bis hin zu Landschaften ist alles dabei.

Beim vorliegenden Buch ist der Titel Programm: A bigger Book ist in der Tat grösser als andere Bücher. Im SUMO-Format (50x70cm) findet man auf 500 Seiten eine visuelle Autobiografie des Künstlers.


„Das ist ein Buch mit wenig Text. Alles, was es braucht, sind Bilder.“

Zeichnungen und Bilder aus der Zeit auf der Bradford School of Art machen den Anfang und es geht weiter bis hin zu seinen Porträtreihen und iPad-Zeichnungen.


„Die Leute verwenden das iPad für die unterschiedlichsten Dinge“, erklärte er vor rund 200 Zuhörern. „Meine Mutter hätte es für ihre Kreuzworträtsel geliebt – und ich benutze es zum Zeichnen. Die Vielfalt der Farben und Möglichkeiten ist schier unendlich.“

Hockney hat den Entstehungsprozess des Buches eng begleitet, so dass die über 450 Bilder wirklich eine von ihm präsentierte Autobiographie seines Schaffens darstellen. Eingeleitet wird das Ganze durch ein handschriftliches Vorwort des Künstlers. Dieser scheint bei der Arbeit an diesem Buch selber überwältigt gewesen zu sein ob seines Schaffens:


Ich neige nicht dazu, in der Vergangenheit zu leben. An diesem Buch zu arbeiten hat mir gezeigt, wie viel ich geschaffen habe. [Übersetzung SvS]

Da trotz alledem einige Erklärungen immer hilfreich und wünschenswert sind, wird der Bildband von einer illustrierten Chronologie von über 600 Seiten begleitet, welche die Bilder im jeweiligen Kontext verorten und die Gedanken des Künstlers sowie die zeitgenössische Rezeption zu Wort kommen lassen.

Ein wirklich wunderbarer Bildband, der leider nicht ganz günstig ist. Die limitierte Auflage von 10’000 Exemplaren teilt sich auf in 9000 signierte Bücher, jedes mit einem Marc Newson Buchständer, und 4 Kunstausgaben, welche signiert sind und von einer iPad-Zeichnung sowie dem Buchständer begleitet werden. Wer also spendable Freunde, Partner oder Eltern hat, soll schon mal seinen Wunschzettel für Weihnachten schreiben – oder sich selber etwas Gutes gönnen. Ansonsten kann ich nur empfehlen, sich das Werk dieses Künstlers mal anzuschauen – es lohnt sich.

Fazit
Eine alle Masse und Rahmen sprengende visuelle Autobiographie eines der grössten Künstler unserer Zeit.

Angaben zum Buch:
Hardcover: 498 Seiten, 13 Ausklappseiten, 50 x 70 cm, mit Buchständer (Marc Newson) und illustriertem 640-seitigem Begleitbuch
Verlag: Taschen Verlag (25. September 2016)
ISBN: 978-3836508759
Limitierte Collector’s Edition von 9’000 signierten Exemplaren: Preis: EUR: 2000
Ebenfalls erhältlich: 4 Art Editionen von jeweils 250 Exemplaren plus iPad-Zeichnung

Erhältlich direkt beim Taschen Verlag: HIER