Selim Özdogan: Kopfstand im Karmataxi

 

„…die Sehnsucht nach Sinn wiegt möglicherweise in jedem Alter jenseits der Kindheit gleich schwer und man sieht die Dinge klarer, wenn man noch nicht zu vielen irrigen Annahmen aufgesessen ist.“  

Was ist der Sinn des Lebens und wo findet man ihn? Was ist Erleuchtung und welcher Weg führt dahin? Das hier vorgestellte Buch schildert die fast schon verzweifelte Suche nach Erleuchtung, nach Erkenntnis, nach Durchblick und nach Sinn des Lebens. Der Weg führt über Drogen, Hochschulvorlesungen, Alkohol, exzessives Gewichtheben und Zen hin zu Yoga. Allerdings endet er da nicht, sondern er scheint erst anzufangen, indem nun das ganze Erleuchtung versprechende System durchleuchtet und mit dem Verstand zerpflückt wird.

Nachdem das ruhige Sitzen in der Zenmeditation nicht die gewünschten Ergebnisse geliefert hat, stellt Yoga einen nächsten Versuch dar, dem Lebenssin auf die Spur zu kommen. Obwohl ein erster Versuch vor Jahren gescheitert ist, gibt Özgür Yolcu Yoga eine zweite Chance. Er fühlt sich nicht glücklich, obwohl er sich ein Leben geschaffen hat, wie er es sich wünscht, frei, unabhängig, selbstbestimmt. Er hadert mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten, versinkt in Selbstzweifeln. Er sehnt sich nach Glück, einem sich zuverlässig einstellenden Wohlgefühl. Nach einigen Yogastunden fühlt er es zum ersten Mal. Etwas verändert sich, er fühlt sich gut – und das Gefühl hält an. Özgür belässt es nicht bei den Asanas, sondern vertieft sich in die Philosophie des Yogas, welche er mit viel Ironie, Skepsis und Verstandesakrobatik angeht. Die regelmässigen Yogastunden zeigen erste Fortschritte, so dass er die Dosis nach und nach steigert. Nebenher widmet er sich den Yamas und Niyamas, fragt sich, welchen Sinn Pranayama macht, wenn man das Leben gar nicht verlängern will, sinniert darüber, weswegen er keinen Guru findet und was Grenzen sind. Während Özgür auf der körperlichen Ebene vom Yoga überzeugt ist, zweifelt er noch immer an der geistigen, weil er da keine Veränderung spürt. Trotzdem geht er weiter auf dem Weg, hinterfragt sich und die Welt und seinen eigenen Weg in dieser Welt.

 

Fazit:

Ein Buch, das flüssig geschrieben und leicht lesbar einen Yogaweg aufzeigt, der sich von den sonst üblichen Lobeshymnen der Schauspielerautobiographien abhebt. Mit viel Selbstironie, Authentizität und kritischem Verstand stellt Selim Özdogan das östliche System in Frage, ohne es zu verurteilen, aber auch ohne es unreflektiert zu verherrlichen.

 

Selim Özdogan: Kopfstand im Karma-Taxi. Bekenntnisse eines Pranajunkies. Edition Spuren,  Winterthur 2012. (Rezension erschienen im Schweizer Yoga Magazin)

Rainer Dresden: Beim ersten OM wird alles anders

„Über Männer, die im Lotossitz laut atmen und Om singen, habe ich noch nicht einmal gelächelt; ein derartiges Verhalten erschien mir völlig artfremd.“, schreibt Rainer Dresden in seinem witzig-ironischen Buch über seinen Weg vom Yoga-Ignoranten hin zum begeisterten Yoga-Anhänger. Yoga sei Frauensache, davon ist er spätestens in den 70er-Jahren überzeugt, nachdem er die Bücher und Sendungen der damals populären Yoga-Pionierin Kareen Zebroff gesehen hat. Er begrüsst gar die abflachende Yogabegeisterung und die aufkommende Aerobicwelle in den 80er-Jahren. Nicht dass er da hätte mitmachen wollen, aber das Zuschauen empfindet er durch die andere Art der Trikots und Frisuren attraktiver.

Zu früh gefreut, möchte man sagen, Yoga kam wieder auf und er entkommt ihm nicht mehr. Eine zu unbedacht geäusserte Bemerkung darüber, dass er den Yogakopfstand beherrsche bringt ihn in seine erste Yogastunde, welche nicht die letzte sein soll. In seinem ersten Übermut bucht er gar sogleich einen Yogaurlaub in Griechenland, welcher ihn vor die Aufgabe stellt, eine eigene Yogamatte zu besorgen. Fortan sieht man ihn mit rosa Matte unter dem Arm durch München laufen.

Schon bald ist Yoga nicht mehr aus seinem Leben wegzudenken. Mehr noch: Rainer Dresden kommt zum Schluss, dass er eigentlich schon immer Yogi war, auch wenn er sich dessen nicht bewusst war. Dass er sich auch nach einem Jahr Yoga-Unterricht weigert, gemeinsam beim OM mitzusingen, tut dem keinen Abbruch, denn Yoga heisst auch, seine Grenzen zu akzeptieren und nichts zu erzwingen.

Beim ersten OM wird alles anders handelt von der „Kunst, Yoga zu lernen und doch Mann zu bleiben“. Obwohl Yoga in Indien ursprünglich von Männern praktiziert wurde, sind es heute vorwiegend Frauen, die sich in den örtlichen Yogastudios tummeln. Das Bild, dass Yoga eine Frauensache sei, hält sich hartnäckig in den Köpfen der männlichen Spezies, wie es auch in Rainer Dresdens Kopf war. In seinem Buch beschreibt er, wie er auf den Yogaweg kam und was er auf diesem erlebte. Dabei behält er einen nüchternen Blick, zeigt auf, dass nicht überall, wo Yoga drauf steht, auch Yoga drin ist und die wirtschaftlich orientierten Versuche, Yoga mit allen Themen des sonstigen Lebens zu kombinieren, nicht immer glücklich sind.

Das Buch glänzt durch anschauliche Beschreibungen und witzige Anekdoten. Der Leser begleitet Rainer Dresden zu seinen Yogastunden, schwitzt mit ihm, ertappt sich ab und an, lesend eine Haltung nachzumachen, fiebert der ersten Nackt-Yogastunde entgegen und erkennt sich sicherlich an vielen Stellen wieder. Mit viel Humor und überhaupt nicht dogmatisch werden auch Themen wie Vegetarismus und andere yogischen Prinzipien angeschnitten. Ein Lesegenuss, welcher hoffentlich den einen oder anderen Mann dazu bringt, zur Matte zu greifen und sich in den Handstand zu schwingen.

Fazit:

Kurzweiliger Lesespass, der einen kleinen Überblick darüber gibt, was Yoga ist und versucht, mit einigen Klischees aufzuräumen.

Rainer Dresden: Beim ersten OM wird alles anders, Südwest, München 2010. (Rezension erschienen im Schweizer Yoga Magazin)

Harry Mulisch – Das Attentat

 

Als kleiner Junge muss Anton miterleben, wie seine Eltern und sein Bruder umkommen, wie sein Zuhause in Flammen aufgeht. Er geht durch die Mühlen der Nazis und kommt schliesslich zu seinem Onkel, wo er aufwächst. Der Krieg ist bald in weiter Ferne, keine Erinnerung, keine rede mehr davon. Anton studiert Medizin, lebt sein Leben unpolitisch, ohne Zeitung, ohne Nachrichten, ohne Teilnahme am aktuellen Geschehen.

 

Schweigt die Vergangenheit auch vordergründig, so schwelt sie doch im Innern weiter, trägt ihre Früchte, prägt Antons Sein:

 

„Wenn er über die Zeit nachdachte, was er manchmal tat, sah er die Ereignisse nicht aus der Zukunft kommen und durch die Gegenwart in die Vergangenheit gleiten, sondern aus der Vergangenheit kommend sich in der Gegenwart entwickeln und auf eine ungewisse Zukunft zubewegen.“(169/170)

 

Über die Jahre hinweg wird Anton immer wieder mit der Vergangenheit konfrontiert und langsam vervollständigt sich das Puzzle der verhängnisvollen Nacht und Anton kriegt Einblicke in das, was wirklich vorgefallen ist.

 

Ein Buch über Schuld, Unschuld, Wahrheit, Täter und Opfer. Es zeigt auf, dass die Grenzen verschwimmen und klare Zuteilungen nicht möglich sind.

 

Alle taten, was sie taten – aus der Zukunft ein Urteil über die damals Handelnden zu fällen ist oft schwer wenn nicht unmöglich.

 

Fazit:

Ein lesenswertes Buch, das nachdenklich stimmt ohne schwer zu werden, das mitfühlen lässt, ohne auf die Tränendüse zu drücken.

Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land

Vom strebsamen Jurastudenten zum Betrüger wider Willen: In «Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land» taucht der italienische Autor Gianrico Carofiglio in die Niederungen der Psyche ab.

 

Ist Betrug an einem Betrüger moralisch verwerflich oder ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit? Oder ist einer, der so was tut, nicht gar ein Robin Hood? Solche Fragen beschäftigen Guido, nachdem er als Komplize des Trickspielers Francesco an einem getürkten Kartenspiel teilgenommen hat.

In «Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land» erzählt der italienische Autor Gianrico Carofiglio von Guido, einem vorbildlichen Studenten, der seinen Eltern ein folgsamer Sohn ist und ebenso vorbildliche Freundinnen mit nach Hause bringt. Eines Abends auf einer Party wächst der sonst Unscheinbare aber über sich hinaus, indem er seinen Bekannten Francesco durch einen gezielten Kinnhaken vor einem Angriff bewahrt. «Das war in gewisser Weise nicht ich», erinnert sich Guido.

 

Vergewaltigungsserie

Eine Einsicht, zu der er in der Folge noch öfters kommen wird. Guido taucht immer mehr in Francescos Welt des Falschspiels ein – das alte Leben muss einem neuen Platz machen. Parallel zu Guidos Geschichte wird der Leser mit einer Vergewaltigungsserie konfrontiert. Junge Mädchen werden nachts nach dem immer gleichen Muster missbraucht und laufen gelassen. Lange tappt der Leser im Dunkeln, was die beiden Geschichten verbindet. Erst als Guido darüber in der Zeitung liest und sich dabei die Frage stellt: «Was tust du da?», wird allmählich klar, dass er in irgendeiner Weise darin verstrickt ist.

Spannender Thriller

Gianrico Carofiglio, 1961 in Bari geboren, war in seiner Heimatstadt lange als Richter und Antimafiastaatsanwalt tätig, fungierte danach als Berater der italienischen Regierung und sitzt heute im italienischen Senat. Schon mit acht Jahren wollte er einen Roman schreiben, liess dieses Vorhaben aber abgesehen von ein paar nicht weiter verfolgten Versuchen bis ins Jahr 2000 ruhen. Die bis heute erschienenen vier Romane stiessen international auf grosses Interesse und brachten Carofiglio einige Preise ein.

Der Autor erzählt in einer klaren und schnörkellosen Sprache von Guidos Weg in den Abgrund. Er beleuchtet dabei nicht nur die Abgründe der Psyche, sondern auch die Realität in all ihren Schattierungen. Jeder ist gleichzeitig Täter und Opfer, je nach Perspektive. Damit hebt sich Carofiglios Psychothriller erfrischend ab von der aktuell vorherrschenden Killerliteratur, in der blutgetränkte Opfer und heldenhafte Fahnder die Hauptrolle spielen. Bei Carofiglio sind es vielmehr die Ambivalenz seiner Helden und das moralische Dilemma, die für nachhaltige Beklemmung sorgen. (Berner Zeitung)

Gianrico Carofiglio: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land. Roman, übersetzt von Julia Eisele, Goldmann, 284 S. (Erschienen im Bund 09.07.2009 und in der Berner Zeitung)

 
 
 

Wider die Vernunft

Als ich heute die Treppen hochstieg zu meiner Wohnung, sinnierte ich über die Vernunft. Vom Menschen als ihm eigene und ihn über das Tier erhebende Eigenschaft erkannt und gewertet. Wer kennt nicht Sätze wie:

  • Du musst doch vernünftig sein!
  • Ist das wirklich vernünftig?
  • Du verhältst dich absolut unvernünftig. 

Wer hat nicht schon geschwankt zwischen dem, was vernünftig wäre und dem, was er will. Und sich vielleicht dann zum Satz geflüchtet:

Le coeur a ses raisons que la raison ne connaît point.

Was aber ist eigentlich Vernunft? Mir kam auf die Schnelle folgende Definition in den Sinn:

Vernunft ist das, was bleibt, wenn alle Gefühle rationaler Berechnung gewichen sind. 

Und wenn ich dann in mich gehe und mich frage, ob ich das will, schreit alles in mir ganz laut: NEIN. Ich möchte gar nicht vernünftig sein. Ich möchte meinem Herzen folgen und tun, was ich tun möchte. Ich möchte nicht bei allem meine Gefühle wegpacken und die Dafürs und Dawiders gegeneinander stellen, möchte nicht ständig im Widerstreit der gegenteiligen Argumente hin und her geschleudert sein und innerlich denken: Aber ich will doch.

Und doch, bei all dem Wollen und Sehnen und innerlichen Schreien und Freistrampeln von all den ach so vernünftigen und rationalen und so unromantischen Begründungen und Argumentationsketten ist neben der Stimme, die doch eigentlich will, auch oft die Stimme, die sagt: Ich kann doch aber nicht. Die Stimme kommt von tief unten. Zwar ist sie vielleicht nicht so sehnsüchtig, nicht so lustvoll, aber doch sehr präsent. Und eingeübt. Und eingeimpft. Von klein auf. Bei vielen dieser Stimmen hört man noch den Tonfall des sie ursprünglich Aussprechenden und damit Einimpfenden mit.

  • Du kannst nicht einfach schnell barfuss zum Briefkasten laufen, du erkältest dich – Papa drückt durch. 
  • Du kannst das Geschirr nicht stehen lassen, was du heute aufräumst ist morgen nicht mehr da – wieder Papa. 
  • Du kannst nicht einfach laut singen, deine Stimme ist hässlich – Barbara aus der zweiten Klasse (ich sang nachher nie mehr laut, zumindest nicht, wenn jemand zuhörte)

Aber ich will doch! Aber was, wenn ich mich dann erkälte? Was, wenn ich morgen in die Küche komme und mich ärgere, dass der Abwasch noch nicht gemacht ist? Was, wenn alle lachen, weil ich so schrecklich singe und sich fragen, ob ich nicht wisse, dass meine Stimme ganz schrecklich ist?

Du kannst dem nicht einfach sagen, dass du dich verliebt hast. Was, wenn er nur Spass will („der will doch nur spielen, der bleibt nicht“ – Frei nach Hundebesitzer)? Was, wenn ich ihn damit vergraule? Was, wenn ich mich bloss stelle? Lächerlich mache? Ich kriege schon hochrote Ohren, wenn ich daran denke. Ich kann doch wirklich nicht. Und sitze da. Aber ich will doch? Also eigentlich will ich ja nicht, aber ich möchte wissen, was er will und das weiss ich ja nur, wenn ich endlich mal sage, was ich will, denn er sagt ja nichts. Wobei eigentlich könnte auch er etwas sagen, ich meine, er ist ja der Mann. Wobei, es könnte ja auch ein gutes Zeichen sein, dass er nichts sagt, weil das würde ja darauf hinweisen, dass er vielleicht schüchtern ist. Und nicht so geübt. Würde er gleich rauspreschen und mir die Sterne vom Himmel holen, könnte das ja durchaus sehr routiniert aussehen. Aber trotzdem will ich eigentlich, dass er was sagt. Und eigentlich will ich auch selber was sagen. Das ist alles verdammt schwierig.

Vernunft ist irgendwie die sichere Seite, bei der man immer schön ohne Risiko, weil berechnet und damit rational durchs Leben geht. Leider bleibt dabei auch viel auf der Strecke. Und schlussendlich ist all die Berechnung auch nur Wahrscheinlichkeit, da sie immer den eigenen Gedanken entspringt, vielleicht abgestützt auf eigene oder fremde Erfahrungen, die auch wieder nur eine Wahrscheinlichkeit ist, da sie singulär und damit nicht absolut gültig.

Was bleibt? Es lebe die Unvernunft? Herz voran, Herz auf die Zunge und drauf los? Wer nichts wagt, der nichts gewinnt? Vermutlich ist ein Mittelweg das beste (wobei nur schon der Satz wieder sehr vernünftig klingt und damit die Vernunft schon wieder siegreich scheint). Das Herz lenkt, das Herz bestimmt, die Vernunft kann Fallschirm sein. Wenn einen nur eigene Ängste hindern, etwas zu tun, das man gerne tun möchte, die Gefahren nicht wirklich schlimm, sondern vielleicht ein wenig gebrochenes Herz und verletzter Stolz sind, ist das, was man gewinnt, wenn man dem Herzen folgt, um einiges wertvoller, denn man hat sich getraut, zu sich selber zu stehen. Und selbst wenn nicht das dabei rauskam, was man sich erträumt hat, so doch das Gefühl, ganz sich selber gewesen zu sein. Und irgendwann wird man auch merken, dass das das Schönste überhaupt ist. Und witzigerweise auch das, was einen meist weiter bringt. Niemand lacht einen aus, weil man Gefühle zeigt. Selbst wenn sie nicht erwidert werden. Und tut es einer, dann wäre er es sowieso nicht wert gewesen. Menschen, die auf deinen Gefühlen rumtrampeln, sie mit Füssen treten, sich darüber lustig machen oder sie schlicht nicht behutsam behandeln, sind es nicht wert, sich nicht zu trauen, zu ihnen zu stehen. Denn schliesslich und endlich zeigt es nur die Schwäche der anderen, indem sie nämlich sehr wenig gefühlvoll umgehen – und wie sie das mit dir tun, tun sie das mit grösster Wahrscheinlichkeit mit sich selber.

Vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, diesen Blogbeitrag zuerst zu gliedern im Kopf, stichwortartig zu Papier zu bringen, den roten Faden zu suchen, statt ihn in wenigen Minuten im Akkord in die Tasten zu hämmern. Aber mir war grad danach. Ich wollte einfach. Und so tat ich. Und immerhin, wer das noch liest, blieb  bis zum Schluss. Danke!

Sex sells

Wieder einmal wurde ich durch einen Blog von Gesine zum Nachdenken gebracht. Ist ein Buch sexy? Muss es das sein?

Dass die Gesellschaft immer mehr sexualisiert wird, macht schon lange die Runde. Sex sells – so das alte Wort und es hat viel Wahres. Autos und Motorräder werden mit nackten Frauen aufgewertet, Filme mit Bettszenen gespickt, Fotomodelle haben immer weniger Stoff und immer mehr Haut. Joghurtwerbung zeigt den flachen sexy Bauch und Schokoriegel werden von ultraschlanken Joggerinnnen in knappen Höschen beworben. Die Strategie scheint Erfolg zu haben, sonst wäre sie einer neuen gewichen. Ich denke aber nicht, dass sie überall funktioniert und ich denke zudem, dass irgendwann mal Schluss ist, das Mass voll. Langsam macht sich auch Überdruss breit. Hörte man am Anfang noch die Feministinnen aufschreien und sich über Sexismus beklagen – was wohl das Interesse daran eher steigerte denn minderte -, so sieht man immer mehr gelangweilte Gesichter. Krimis werden nicht spannender, wenn sich der Kommissar die halbe Zeit statt dem Fall der netten Praktikantin zuwendet und auch Actionfilme nicht mitreissender, wenn die Agentin mehr Wert auf den Schlitz im Rock als auf die Verfolgung des ewig Bösen legt.

Wie steht es beim Buch? Das Cover ist sicher ein Kriterium für den Buchkauf. Spricht es an, ist schon mal der erste Blickkontakt hergestellt und der erste Eindruck ist doch immer auch ein prägender. Ob das aber sexy sein muss? Ich wage es zu bezweifeln. Ich denke, gerade bei Büchern ist das Argument eher nicht massgebend. Das Cover und die Aufmachung sollten das widerspiegeln, was drin ist. Wenn ich ein Sachbuch zum Unergang des Dritten Reiches lesen will, wird mich ein Cover mit einem amerikanischen, leicht bekleideten Pinup Girl eher abschrecken, denke ich mal. Da könnte es so sexy sein, wie es wollte. Bei Büchern und ihrem Erscheinungsbild gilt es also, den Inhalt prägnant, eingängig, geschmackvoll und treffend zu präsentieren.

Ist ein Buch an sich sexy? Spontan kam mir das in den Sinn:

Die kühle Seide des Lakens schmiegt sich an den Körper, während das Papier des Buches neben mir ein verlockendes Rascheln von sich gibt. Was verbirgt sich hinter der nächsten Seite? Womit werde ich beglückt? Meine Spannung steigt ins Unermessliche, langsam fahre ich mit der Zunge über die Lippen. Der Buchdeckel liegt warm durch die Berührung in meiner Hand. Er fühlt sich so vertraut an. Ich halte es nicht mehr aus. Ich muss es wissen. Ich blättere um uns stürze mich gierig in die Buchstaben.

Ist ein Gegenstand an sich sexy? Ich denke kaum. Das sind Zuschreibngen, die die Werbeindustrie macht. Sie will damit erreichen, dass etwas mehr Anklang findet und damit gekauft wird. Das habe ich oben schon erläutert. Muss ein Buch sexy sein? Die Frage wäre: wieso? Was bringt mir ein sexy Buch? Denke ich dann beim Lesen, wenn ich nicht mehr weiter mag, weil es ätzend ist, dass es aber sexy ist und lese beschwingt weiter? Klar, man könnte sagen, das Buch ist dann schon gekauft und damit die Rechnung aufgegangen. Langfristig wird das sicher nicht klappen. Bücher sind sicher eher nicht sexy. Ihnen haftet was streberhaftes an, etwas langweiliges, ruhiges. Und heute muss alles schnell, cool, trendig sein. Daher wohl die neue Schiene, auf die man das Buch zwingen will. Man erhofft, einen neuen Markt zu eröffnen. Den der coolen Menschen. Man vergisst dabei, dass das, was man mit dem wenn auch noch so sexy Gegenstand machen kann, immer dasselbe bleibt: lesen. Und das mag man oder mag es nicht. Man greift sicher eher zum Buch im Laden, wenn das Cover anspricht. Aber das tut es auch ohne Sexappeal – ich wiederhole mich.

Bin ich sexy, wenn ich lese? VIelleicht, wenn ich wirklich in kühler Seide mich räkelnd da liege. Aber auch das hat dann eher wenig mit dem Buch zu tun. Was bleibt? Buch bleibt Buch. Und damit wohl eher unsexy. Und das ist in meinen Augen auch gut so, Zwar verstehe ich den verzweifelt anmutenden Kampf um den immer kleiner werdenden Markt durch die immer grösser werdende Konkurrenz, allerdings wird man den in meinen Augen nicht gewinnen, indem man auf Attribute setzt, die mit dem Produkt wenig gemein haben. Sinnvoller wäre es, die Stärken des Produkts hervorzuheben und derer gibt es genug. Auf das von allen anderen Kampagnen schon eher abgenutzte Konstrukt des „Sex sells“ zu setzen, kommt eher einer Abwertung des Buches gleich, da man ihm damit die eigenen Vorzüge abspricht und es über andere Wege an den Mann/die Frau zu bringen hofft.

Abu Jahia al-Libi – Mord oder Notwehr?

Wieder hat mich ein Blog zum Nachdenken gebracht. Die Gedanken sind noch nicht ausgereift, sondern eher spontane Durchzüge durch meine Gehirnwindungen. Aber vielleicht regen sie den einen oder anderen auch zum Nachdenken an und wer weiss, vielleicht kriege ich die eine oder andere Resonanz, die mich wieder anregt? Denken im Austausch führt in meinen Augen weiter als das Denken im stillen Kämmerlein. Das ist eher ein Selbstgespräch und führt – man sah es in Sils Maria – oft in unerwünschte Abgründe der menschlichen Psyche, die auch Krankheit genannt werden.

Abu Jahia al-Libi ist tot. Der Tagesanzeiger berichtete darüber und mein Freund Thomas entsetzte sich in seinem Blog über die Handhabe der Amerikaner, deren Präsident Friedensnobelpreisträger ist und bewilligte, dass ein Mensch ermordet wird. Hat er damit ein Menschenrecht verletzt? War es verwerflich? Ein nicht zu rechtfertigender Übergriff, der das Grundrecht eines anderen auf Leben torpedierte? 

 Es ist ein schwieriges Thema. Ich war mal an einer Wissenschaftlichen Arbeit dran, die untersuchen sollte, ob humanitäre Einsätze in besetzten Staaten nicht die Souveränität des Landes untergraben. Und ob man sie trotzdem rechtfertigen kann. Die erste Frage, die sich dabei stellt: Was ist ein humanitärer Einsatz? Welche Einsätze kann man mit moralischen (so klingenden?) Argumenten hinreichend begründen, dass man die Souveränität eines anderen Landes aushebeln kann?

Der hier Ermordete hat sich mehrfach gegen die USA ausgesprochen. Propagierte Angriffe, die mehrere Tote in den Staaten zur Folge hätten. War es Notwehr? Im weitesten Sinne? Ist es legitim, dass er deswegen auf der Abschussliste stand? Im zivilen Recht wäre es das in der Schweiz nicht, der Abschuss sicher nicht, nicht mal eine Sanktion sonst. Keine Strafe ohne Tat. Und vor allem „Nulla poena sine lege“ – keine Strafe ohne Gesetz. Es müsste erst was passieren und das müsste einen rechtlich verankerten Tatbestand erfüllen.

Was aber, wenn die Drohnungen in diesem Falle wahrgemacht worden wären? Ein neuerliches 09/11? Wären die Stimmen nicht laut, es sei angekündigt gewesen, wieso man nichts gemacht hätte?

Wer ist Täter? Wer ist Opfer? Sind die Bösen die, die ihr Land schützen? Sind die Mittel zu grob? Was wären angebrachte Mittel? Was hinreichende? Ist das Opfer der nun Tote? Hätte er das Menschenrecht auf das eigene Lebens gehabt und das hat man bösartig genommen? Hat er im Gegenzug Menschenrechte geachtet? Hat seine Organisation es je getan? Aber gilt deren Haltung als Entschuldigung? Auge um Auge, wie du mir, so ich dir?

Ich denke, es ist ein schwieriges Problem, dem man mit ein wenig Entsetzen und Schuldzuweisungen nicht Herr wird. Thematisieren muss man es aber und nachdenken drüber auch. ICH kenne keine Lösung und keine Antwort. Wer kennt sie wirklich? Ich bin aber sicher, im Diskurs kommt man ihr näher. Und dazu sind solche Gedankenanstösse super.

Sind Bücher out?

Angeregt durch den Blogeintrag von  Gesine von Prittwitz bei SteglitzMind machte ich mir heute meine Gedanken zum Thema Buch und ob es nicht langsam out wäre. Die Stimmen hallen ja schon lange durch die Regale und Buchläden, die Verlage unken es und fürchten sich. Die neuen Medien scheinen auf dem Vormarsch und dabei das gute alte Buch zu verdrängen. Die einen betrauern die guten alten Zeiten und fürchten, sie seien unwiederbringlich dem Untergang geweiht, die anderen verstehen den Aufruhr nicht und fragen sich, wieso einem simplen Gegenstand wie einem Buch so viel Aufmerksamkeit zukommt.

Wieso wird das Buch so hochgehalten? Wieso hat e einen höheren Status als ein Autoreifen, eine Zahnbürste? Ich denke, die Gründe sind vielfältig.
Wer ist nicht schon mit einem Buch in eine andere Welt entschwebt? Hat genossen, neue Gedanken kennen zu lernen, Abstand vom Alltag zu kriegen? Bücher sind kleine Oasen und als solche haben sie einen hohen Stellenwert.

Bücher sind Kunst. Wie Bilder. Wie Musikstücke. Damit heben sie sich von einer Zahnbürste als blossem Gebrauchsgegenstand ab. Klar könnte man den Inhalt des Buches anders transportieren, auf dem Computer, auf Tablets. Trotzdem behält das Buch seinen Stellenwert neben diesen neuen Wegen der Übermittlung. Ein Teil dieses Wertes ist wohl der Nostalgie geschuldet. Man wuchs (heute noch) damit auf, man ist gewohnt, in Büchern zu blättern. Man weiss noch, wie man als Kind unter der Bettdecke las, geniesst das ganze Drumrum des Buches mit.

Bücher haben Substanz. Die hat ein Tablett auch, aber eine andere. Es ist kälter, ferner. Das Buch liegt warm in den Händen, ich kann reinschreiben, kann die Seiten riechen, die Druckerschwärze riechen. Ich kann von Hand blättern. Es ist unmittlbarer. Beim Tablett steckt viel Technik dahinter. Das ist immer noch fremd. Trotz aller praktischen Seiten wie Hintergrundbeleuchtung, die das Lesen unter der Bettdecke vereinfacht (selber schon probiert). Man fühlt sich damit nicht vertraut und spätestens, wenn die Technik streikt, ist alles aus.

Wieso muss man die beiden überhaupt gegenüberstellen? Sie können ja nebeneinander bestehen bleiben. Das Auftauchen der Fotokameras war auch nicht das Ende der gemalten Kunst, Fernsehen hat das Theater nicht ausgeblendet. Klar, es fanden Verschiebungen statt. Der Markt musste geteilt werden. Aber schlussendlich fanden alle ihren Platz – mit Verschiebungen, mit Veränderungen zu früher, aber sie hatten weiter Bestand.

Noch nie mochten alle Menschen Bücher. Es gibt sehr viele Menschen, denen Bücher egal bis hin zu einer Plage sind. Das war immer so und wird wohl immer so bleiben. Diese Menschen machen sich aber auch kaum Gedanken über das Büchersterben, sie sind nur froh, wenn sie keine lesen müssen. War man früher auf Bücher angewiesen, um ein wenig BIldung zu kriegen,  geht das heute auf anderen Wegen. Das ist durchaus ein Gewinn, da Bildung trotz allem wichtiger ist, als gerne zu lesen. Sage ich als Buch- und Literaturliebhaber. Schon da hat der Wert des Buches abgenommen, man muss keine Bücher mehr haben, um als gebildet zu gelten. Trotzdem vermittelt ein volles Bücherregal im Wohnzimmer diesen Eindruck noch heute. Das sind Bilder in Köpfen, Assoziationen. Die sterben nicht so schnell aus. Und das ist vielleicht auch gut so. Denn sie haben auch ein Stück Wiedererkennungswert und Stabilität in sich.

Es bringt in meinen Augen nichts, in einen Trauergesang um das Büchersterben auszubrechen. Sterben werden sie nicht. Sich neu einordnen in einem immer grösser werdenden Dschungel an Möglichkeiten aber schon. Es findet quasi eine Art Evolution im kulturellen Bereich statt.

Teilhaben am Leid anderer oder einfach mal fröhlich sein

Kürzlich am Küchentisch fanden im Hause Cosima wieder einmal die üblichen philosophischen Diskussionen statt. Auslöser war ein ganz profanes Thema: „Mama, was für Filme schaust du gerne im Kino?“ Also mein Sohn das nicht wüsste, stossen wir doch zu Hause beim Fernsehprogramm wie auch im Kino immer wieder an unsere Kompromissgrenzen. Er schaut alles gerne, das mit Action, Science Fiction, Agenten, Spannung zu tun haben, ich schaue – das Lied „weil ich ein Mädchen bin“ kommt mir grad in den Sinn – gerne Liebeskomödien oder aber Filme über die Shoah, das Dritte Reich, die Zeit des Krieges und der verfolgung. Dieses Interesse fängt nicht bei den Filmen an, das tut es in der Wissenschaft, erstreckt sich über die Literatur bis in den Film hinein. Mein Sohn schaut mich gross an und sagt mit noch grösserem Ernst: „Mama, wieso beschäftigst du dich mit diesen Dingen? Die sind vorbei und so traurig. Wir sollten fröhlich sein heutzutage und fröhliche Dinge schauen.“ Ich versuchte etwas von historischer Verantwortung und nicht vergessen dürfen zu erklären, die Argumente griffen wenig. Nicht dass mein Sohn nicht interessiert an Geschichte wäre, das ist er sogar sehr, die einzigen Bücher, die mein nicht lesendes Kind liest, sind Geschichtsbücher (vornehmlich über Römer). Trotzdem bleibt er dabei: Es bringt nichts, sich mit traurigen Dingen zu beschäftigen, die nehmen einem die Freude und es ist besser, zu lachen und fröhlich zu sein.

Nun ist es nicht so, dass ich nie lache, im Gegenteil. Aber die Beschäftigung mit diesen doch eher düsterern Themen nehmen einen grossen Platz in meinem Leben ein. Dass ich mich an dieses Gespräch erinnere, kommt nicht von ungefähr, sondern wurde durch den Blog eines lieben Freundes angestossen: http://lautenist.livejournal.com/58000.html?view=138640#t138640 Er stellt sich auch die Frage, ob es Voyeurismus ist, Freude am Leid anderer, wenn man sich damit beschäftigt.

Was packt mich an dem Thema – bei mir dem Thema der Judenverfolgung, der Vernichtung, des Leids von Millionen von Menschen? Es ist nicht ein Gefühl der Freude über ihr Leiden, eher schon Trauer, Wut, Entsetzen. Interesse ist nicht immer positiven Gefühlen geschuldet. Woher aber rührt die Trauer, die Wut? Icih denke, sie lässt sich auf das Unverständnis zurückführen, wie Menschen so sein können. Es ist das wissen Wollen, wie es dazu kommen kann. Was die einzelnen Menschen angestachelt hat. Ich möchte die Mechanismen dahinter erkennen, sie durchschauen – um immer wieder zu sehen: sie sind nicht zu verstehen. Vielleicht ab und an zu erklären. Ab und an zu bechreiben. Aber zu verstehen? Nicht im Herzen. Ganze Regale zu dem Thema habe ich gelesen, jedes neue Buch drängt sich mir wieder auf, jeder neue Film muss gesehen werden. Das Thema hat eine Gewalt. Und in mir den Zwang, dran zu bleiben. Aus einer inneren Pflicht heraus, einer Verantwortung. Als Mensch. Das, was mein Sohn nicht als Argumente gegen die Freude gelten liess, stimmt doch ein Stück weit für mich. Es darf nicht vergessen werden. Es muss weiter gehen. Weiter bedacht werden, dessen muss weiter gedacht werden. Es darf nicht sein, dass so viele Menschen in den Tod befördert wurden, damit man ie nachher noch ganz vergisst. Und damit quasi zum zweiten Mal tötet. Denn was bleibt, ist die Erinnerung. Die Überlebenden spürten die Pflicht, Zeugnis abzulegen, die Erinnerung zu bewahren ganz deutlich. Und wenn diese Überlebenden auch nicht mehr leben, ist es an den nachkommenden Generationen, weiter zu gedenken.

Trotzdem hat mein Sohn natürlich recht. Freude darf und soll sein. Wir tun niemandem einen Gefallen, uns die Freude am Jetzt zu nehmen, nur weil im Gestern Menschen litten – es auch im Heute noch tun. Was wir aber tun können ist, unsere Freude bewusst zu sehen, sie bewusst zu leben und dankbar zu sein, dass wir in der Lage sind. Und dabei nie zu vergessen, dass es nicht selbstverständlich ist, ein Privileg  gar.

Zusammenbleiben

Eine schlaflose Nacht brachte es mit sich, dass ich einen Film schaute, zuerst in der Hoffnung, dabei einschlafen zu können, dann mit immer mehr Gefallen am Gesehenen selber. Ein Kleinunternehmer, gutaussehend, Familienvater von drei Kindern, verheiratet mit einer eigentlich hübschen, ihm aber wohl zur Gewohnheit gewordenen Ehefrau, welche mehr an Alltag denn an Erotik denken liess, verliebte sich (nicht zum ersten Mal in seiner Ehezeit) in eine Frau (die, man hat es erahnt, nicht die seine war). Die Liason dauerte ein paar Monate, die Ehe daneben plätscherte dahin, die Frau fühlte sich allein gelassen, keifte, was sie nicht attraktiver machte für den Mann. Ganz Unschuld von Lande war sie auch nicht, auch ihre Ehekarriere war durchbrochen mit sicher zwei Affairen. Reingeschlittert aus dem Wunsch, begehert zu werden, aus der Vernachlässigung heraus, vielleicht auch aus Frust über den Alltagstrott.

Irgendwann das Unvermeidliche: die Sache kam ans Licht. Vorher zwar erahnt, war nun klar für die Frau: da ist eine andere Frau. Und der Mann stand in der Situation, dass diese andere Frau eine Entscheidung haben wollte. Die Trennung wurde beschlossen, man redete erst emotional, den anderen verletzen wollend, vielleicht um ihm ein wenig von der eigenen Verzweiflung, die in diese Situation geführt hatte, abzutreten, dann sachlich. Trennte sich in derselben Nacht, die Frau noch nüchtern, er eher weniger, was ihm im Auto nicht gut bekam. Er landete in der Ausnüchterungszelle. Da weinte sie nun zu Hause aus Trauer über das, was sie verloren hatte, was doch nicht nur Alltag, Gewohnheit war, sondern auch Erinnerung, Lebensinhalt, eigenes Leben. Er tat das Gleiche in der Zelle, plötzlich bewusst, dass ihn doch mehr mit dieser Frau verbindet als die Kinder und die Zahl der Jahre. Am nächsten Morgen trennt er sich von der Nebenfrau, die ins Schlittern geratenen Geschäfte können dank der Hilfe der Nochfreu aufgefangen werden und am Schluss sieht man die beiden in den lange geplanten und immer verschobenen Urlaub fahren. Im Wissen, dass es nicht nur einfach werden wird und eitel Sonnenschein, aber doch nachdenklich geworden.

Die Filme und Bücher über das Zusammenbleiben scheinen sich zu mehren. Waren früher eher Kennenlerngeschichten aktuell, stolpere ich immer mehr über die, welche die Fortsetzung der Anfangsromantik thematisieren. Zufall? Zeichen der Zeit? Ich weiss es nicht, nutze es aber zu eigenen Gedanken.

Früher war mir eines klar: Ein Seitensprung wäre das unweigerliche Ende. Treue als oberste Maxime, ohne Toleranz. Ich bin älter geworden. Vielleicht ruhiger. Bestimmt ruhiger. Und wohl auch nachdenklicher. Zudem hat die Erfahrung des Lebens einiges mit sich gebracht. Eine Beziehung, welche aus Liebe entsteht, aus Romantik auch, aus vielen Wünschen und Träumen des Miteinanders, des Wachsens, gemeinsam, aneinander ist etwas Wertvolles. Das zu erkennen dürfte noch keine Hexerei sein. Was aber so blumig und schön anfängt, bleibt selten so, das Leben geht weiter, das Leben ist nicht immer einfach, äussere Einflüsse tun das ihre, innere Stimmungen zu erzeugen, nicht immer nur positive. Zwei Menschen sind nie identisch, Wünsche prallen aufeinander, Bedürfnisse, widersprechende, sich ab und an ausschliessende. Kompromisse sind wichtig, nicht immer befriedigend. Ab und an kommt die Sehnsucht nach Unabhängigkeit dazu, nach Neuem, nach Abenteuer. Verlockungen sind nicht selten, wenn gar Möglichkeiten da sind… wird das Schwierige noch schwieriger, der Schlussstrich scheint der einfachere Weg.

Das mag in jungen und umabhängigen Jahren noch zutreffen, doch selbst dann kommt nicht immer etwas Besseres nach. Je älter man wird, je mehr in einer Beziehung auch verbindet, desto weniger trifft es in meinen Augen zu, dass Gehen die bessere Alternative ist. Erstens wird alles erst mal Neue irgendwann alt, zweitens werden mit jedem neuen Menschen auch neue Probleme auftauchen und drittens ist im Alten nie alles nur schlecht, so dass einem irgendwas ganz schrecklich fehlen wird, wenn der Mensch erst mal weg ist. Dazu kommt – und das wiegt viel schwerer: Die Vertrautheit, die man über die Zeit aufgebaut hat, wird in einer neuen Beziehung nie so da sein. Selbst wenn man denkt, den Seelenverwandten getroffen zu haben, der einen blind versteht. Nach dieser anfänglichen Blindheit gehen beiden meist die Augen auf und von dem Verstehen bleibt nicht mehr ganz so viel, Unterschiede tauchen auf.

Es gibt viele Sprüche heute darüber, dass man viel zu schnell aufgibt, nicht mehr kämpft, sich nicht mehr zusammenrauft. Man möchte es als leere Weisheiten abtun, möchte dagegen halten. Das Argument der neuen Möglichkeiten der Frau, die das erst realisierbar machten, ist schnell bei der Hand, auch nicht ganz von derselben zu weisen. Und doch bleibt ein Funken Wahrheit dabei. Ob man heute wirklich glücklicher ist damit? Ich wage es zu bezweifeln.

Was ich aber ganz konkret durch diesen Film überlegte, war: wieso ist der Umstand der sexuellen Treue so relevant, so wichtig? Vieles andere wäre man bereit, zu verzeihen, aber bei dem sagt man: Game over. Ist Sexualität so viel wichtiger in einer Beziehung als Liebe, als Miteinander, als Freundschaft, als Vertrauen. Klar, dieses Vertrauen wurde verletzt durch einen Seitensprung, aber andere Vertrauensbrüche würde man leichter wegstecken. Sie wären schmerzhaft, aber nicht das Ende. Grundsätzlich sind sie aber alle dasselbe. Alle Vertrauensbrüche gehen darauf zurück, dass man etwas tat, von dem man wusste, der andere wäre verletzt, der andere würde leiden. Und man tat es doch. Heimlich. Weil man a) nicht verletzen möchte und b) nicht verlieren, was man hat. Sei es aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit oder doch auch Liebe. Trotz allem. Ich bin durch all das zum Schluss gekommen für mich, dass ich es heute wohl nicht mehr so rigoros sagen könnte. Klar erwarte ich nach wie vor Treue – genauso aber auch Ehrlichkeit auf anderen Ebenen. Ich habe keine Hierarchie mehr in diesem Wunsch. Die sexuelle Ehrlichkeit wiegt dabei nicht höher als jede andere, denn der Verlust an Vertrauen ist bei allen Brüchen derselbe. Wäre diese eine Ebene die alleinausschlaggebende, wäre es ja auch die einzige Ebene, die die Beziehung zusammenhält. Aber da ist so viel mehr. An Austausch, an Halt, an Gefühlen, an Herausforderung – und auch an Gewohnheit.

Gewohnheit hat oft einen langweiligen Touch. Alles muss immer neu sein. Aufregend. Dabei übersieht man, dass Gewohnheit auch ganz viel Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Und damit auch ein Stück Ruhe. Auch das kann wertvoll sein. Aufregend genug ist das Leben meistens selber. Und wenn der geliebte Mensch es auch ab und an ist, weil er es sein will, sich die Mühe gibt, es zu sein, dann ist eigentlich schon viel erreicht. Den Wert der Zeit wird Neues nie aufwiegen können. Beziehungen werden nie tief, wenn der Faktor Zeit fehlt. Und gerade diese Tiefe lässt wachsen – sich und den andern und beide zusammen. Drum sind eigentlich diese neuen Liebesgeschichten die interessanteren. Weil sie mehr über den Menschen an sich aussagen. Und damit auch über einen selber.

Das alles ist blosse Theorie. In diesem Punkt liebe ich die Theorie mehr als den Praxisbezug – wie es sich für eine Philosophin wohl auch gehört. 🙂

Endlich leben

Das Leben war oft grausam mir,
Hürden, ganze Berge standen.
Als ich begegnete dann dir,
sich alle meine Glieder wanden,
davon zu kommen, schnell und schneller,
da nicht sein konnt‘, was ich fühlte.
Doch es wurde hell und heller,
wie wenn Flut den Sand wegspülte,
der über mein Leben sich gelegt,
mich immer tief und tiefer drückte,
ihn aber trotzdem noch gehegt,
als ob er mich seit je beglückte.
Es war Zuhause mir, dies düstre Loch,
in das ich kroch tagaus, tagein,
und sehnte mich wehmütig doch,
das konnt nicht all’s gewesen sein.
Sachte fing ich an die Mauern
einzubrechen, Stein für Stein,
ab und an auch mit Bedauern,
liess ich nun das Licht herein.
Lernt‘ es schätzen, lernt‘ es lieben,
fühlte bald, wie gut es tut,
Sand und Dunkel war’n vertrieben,
in mir regt‘ sich neuer Mut.
Zwar kehrt die Angst zeitweise wieder,
dass das Dunkel kehrt zurück,
dass sie stimmen, all die Lieder,
die besing’n verlornes Glück.
Doch bleibt nur eins – es heisst, vertrauen,
dass du bleibst, ich werd’s erleben,
möchte lieben, auf dich bauen,
denn nur so ist leben Leben.

Hintenrum

Was kümmern mich Menschen, die hiner meinem Rücken über mich sprechen? Die schaue ich eh nur mit dem Hintern an.

Wieso sprechen so viele lieber hinter dem Rücken von andern, statt sich direkt mit dem Menschen auseinanderzusetzen? Wo liegt der Kick? Gibt es eine innere Befriedigung? Oder weiss man selber, dass das, was man sagt, eigentlich falsch ist, man es deswegen nicht vorne rum der entsprechenden Person ins Gesicht sagen kann? Weil man fürchtet, die Antwort könnte einen selber mehr treffen, als man den anderen trifft?

Wenn ich etwas nicht vorne rum sagen kann, müsste ich mich fragen, wieso das so ist. Es gibt verschiedene Gründe:

  •  Ich will mit der Person nichts zu tun haben – dann stellt sich die Frage, wieso sie so wichtig ist, dass ich mich dennoch mit ihr beschäftige und ihr meine Zeit widme, indem ich über sie spreche.
  •  Ich weiss, dass das, was ich sage, nicht richtig ist – wieso will ich es dann erzählen? Was will ich damit erreichen? Rache? Selbstbefriedigung? Aber wird es eine sein, wenn ich wissentlich Lègen erzähle? Wenn ich jemanden mutwillig schlecht mache? 
  • Ich weiss, dass ich den anderen Menschen damit verletzen würde – wieso sage ich es dann hintenrum? Die Gefahr, dass er es über Ecken trotzdem erfährt und dann umso verletzter ist, liegt auf der Hand.
  • Es macht Spass – wo genau liegt der Spass, hinter dem Rücken anderer zu sprechen? Weil man dann ungehemmt lästern kann? Worin muss die Lästerei bestehen, wenn man die Inhalte nicht auch vorne rum loswerden kann und gemeinsam lachen? 

So gesehen gibt es wohl keinen wirklichen Grund, hintenrum zu sprechen. Tut man es doch, liegt das Problem eher bei einem selber als bei dem, über den man redet – meistens schlecht redet. Und vielleicht wäre es sinnvoll, die Zeit, die man für das Gerede aufwendet, sich also mit einem anderen beschäftigt, mal für sich selber einzusetzen und zu schauen, was einen treibt. Was einen antreibt, gegen andere zu schiessen. Man könnte unter Umständen sehr viel mehr über sich selber lernen dabei als man über den andern zu wissen glaubt.

Und sollte je über einen selber hintenrum geredet werden: was kümmert es schon, wer mit unserm Hintern spricht. Schön ist es, wenn vor den Augen die Menschen stehen, die einem wichtig sind.

Ich und du

„Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen!“
„Au ja, wann?“
„Mir egal, ich bin immer hier.“
„Ich bin auch hier.“
„Nein, du bist dort, hier bin ich.“
„Nicht wahr, ich bin hier, zudem bin ich  ich, du bist du.“
„Das stimmt doch einfach nicht. Ich bin ich und du bist du. Und ich bin hier, du nicht, ich seh dich nicht.“
„Weil du nicht hier bist, sondern dort.“
„Ich bin ich. Ich bin hier. Beweis erbracht.“
„Welcher Beweis?“
„Dass ich hier bin.“
„Sag ich doch, ich bin hier, du bist dort.“
„Nein, ich bin hier, und ich bin ich. Du bist du und du bist dort.“
„Du nervst!“
„Finde ich auch.“
„Wo sehen wir uns denn nun?“
„Na hier, bei mir.“
„Gut, also hier bei mir.“
 „Also, dann komm her.“
„Nein eben nicht, du musst kommen.“
„Wieso, ich bin ja schon hier.“
„Nein, du bist dort.“
„Ich komme nicht mehr draus.“
„Stimmt doch gar nicht, ich komme sehr wohl draus, du kommst nicht draus.“
„Du auch nicht?“
„Nein,du sagtest, ich komme nicht draus, aber ich komme draus.“
„Du bist doof.“
„Finde ich auch.“
„Endlich sind wir uns mal einig.“

Was trägt der Mensch?

Was passiert,wenn Bäche wachsen,
zu Flüssen werden,
Strömen gleich?
Wenn alles flieht
alles stürzt,
mit sich reisst?
Was passiert, wenn Mauern stürzen,
Dächer fallen,
Böden aufgehn?
Wenn alles drückt,
und alles drängt,
mich erschlägt?
Was passiert, wenn Fässer bersten,
alles strudelt,
mich ertränkt.
Wenn Fluten drohen
und Luft wegbleibt,
ich ersticke?
Was passiert, wenn nichts mehr ist,
nur Leere schreit,
ein grosses Nichts?
Wenn alles weg,
ich ganz allein
und haltlos bin?
Was passiert, wenn es nicht endet,
ohn‘ Erbarmen,
ohne Gnade,
Ich nur sehne,
nach dem Ende,
nach dem Aus.