Dieser oder jener?

Ich sitze hier und lese Zeitung. Lese von Putin und Obama und deren Treffen. Ab und an höre ich auch im Radio davon oder sehe es im TV. Es ist überall präsent und als Zuschauer weiss ich nach jedem Sehen noch weniger als zuvor. Vor allem die Hauptfrage bleibt: Wer ist denn nun der Böse? Ist Putin der böse Krim-Annektierer, der es auf die Weltherrschaft abgesehen hat und dafür all die Diktatoren dieser Welt auf seine Seiten bringen will? Oder ist vielleicht Obama gar nicht so nett lächelnd, sondern Kopf einer durchdachten Weltherrschafts- und Intrigen-Organisation? Oder sind beide irgendwo dazwischen?

Was ich denke (und ich denke, ich denke es nicht nur, ich bin mir da ziemlich sicher): In eine solche Position (Putins wie auch Obamas) kommt man nicht ohne Machtstreben und das Ergreifen jeglicher Mittel, die zur Macht führen. Nett und brav auf eine sich eventuell auftuende Chance hoffen reicht da kaum. Machtstreben basiert auf Machthunger und dieser ist selten wählerisch bei der Wahl seiner Mittel. Es gibt vielleicht beim einen oder andere grössere Skrupel und höhere Latten, aber: Wenn die Aussicht auf Erfolg gross genug ist, knicken sie wohl alle ein (das ist übrigens nicht nur in der Politik so, das lässt sich auch auf aufstrebende Wirtschaftsmenschen anwenden).

Wer also ist der bessere Mensch? Und: Wären andere Menschen (gar man selber) in diesen Positionen besser? Ich denke: Keiner und nein. Das ist nicht schön, das ist auch nicht erfreulich. Aber: Wir müssen damit leben, denn es ist im Hier und Heute die Realität. Kann man was ändern? Im Grossen und Ganzen wohl nicht auf die Schnelle, im eigenen Umfeld sicher schon. Und wer weiss. Vielleicht stimmt es ja, dass im Kleinen beginnt, was irgendwann im Grossen Früchte trägt.

Und nun? Russland oder Amerika? Ich habe meine Präferenzen, klar. Die sind aber wohl wenig sachlich begründet (wenn ich es auch dann und wann versuche) und mehr gefühlsmässig. Wieso ich es überhaupt versuche? Ich denke, der Mensch neigt dazu, in gut und böse unterteilen zu wollen. Er positioniert sich irgendwie in dieser grossen weiten Welt, indem er sich entscheidet, was er lieber hat und wovon er sich fernhält. Denn: Der Mensch braucht SEINEN Platz in dieser Welt.

Rezension: Felix Scheinberger – Mut zum Skizzenbuch. Zeichnen und Skizzieren unterwegs

Ich mal mir meine Welt, wie sie mir gefällt

ScheinbergerSkizz2Jeder kennt es: Man wartet auf den Bus und langweilt sich. Oder das Essen kommt nicht und die Zeit will nicht vergehen. Oder aber die Zeit im Wartezimmer beim Zahnarzt. Auch auf Reisen gibt es immer wieder Zeiten zu überbrücken. Hier kann Abhilfe geschaffen werden: mit einem Skizzenbuch. Das gute Teil hat noch einen weiteren Vorteil: Man kann darin die wunderbaren Momente im Urlaub festhalten, kann die Bushaltestelle mitsamt der wartenden Menschen zeichnen, kann das Wartezimmer skizzieren und auch das Essen, das bald mal hoffentlich vor einem steht. Eigentlich perfekt, oder? Wenn nur das Wörtchen „aber“ nicht wäre: „Aber ich kann doch gar nicht zeichnen!“

Egal! Es gibt Hilfe in Form von Felix Scheinbergers Buch Mut zum Skizzenbuch. Der Autor beschreibt es folgendermassen:

Das Buch, das Sie in Händen halten […] ist zunächst einmal eine Zeichen- und Skizzierschule. Es geht um Basics und Tipps und vor allem um den Spass beim Skizzieren.

Im ersten Teil werden denn auch die verschiedenen Medien beschrieben, die man bei einem Skizzenbuch verwenden kann: Welches Skizzenbuch soll man nehmen und mit welchen Stiften zeichnet man rein? Scheinberger behandelt Marker, Füller, Kugelschreiber, Bleistifte, Aquarell, Collage und vieles mehr. Er zeigt, wie man Ideen finden, ihnen einen Ausdruck gibt und dann ein Bild daraus macht. Er gibt Anfängern und auch Geübten Übungen mit auf den Weg wie das Blindzeichnen, nimmt sogenannten Fehlern (die eigentlich keine sind, nur Möglichkeiten, weiter zu experimentieren) ihren Schrecken und räumt mit dem Irrglauben auf, dass Zeichnungen so wirklichkeitsgetreu wie Fotografien sein müssen. Mit dem Hintergrund lassen sich auch Menschen zeichnen, ohne gleich zu denken „die sah aber nicht so aus….“.

Zeichnen besitzt etwas Authentisches und Individuelles. […] Indem Sie Dinge zeichnen, reflektieren Sie die Wirklichkeit neu. […] Das Skizzenbuch ermöglicht somit eine Blickerweiterung, die zur Erweiterung der eigenen Welt führt.

Auf unterhaltsame, leicht lesbare und doch fundierte Weise behandelt Felix Scheinberger Fragen nach der richtigen Ausbildung, dem richtigen Material, dem geeigneten Arbeitsplatz und der Lebensnotwendigkeit des Geldverdienens.

ScheinbergerSkizz1Das mit vielen Kritzelein und Skizzen bebilderte Buch macht richtig Lust, gleich Stift und Skizzenbuch zur Hand zu nehmen und loszulegen. Theoretische Kapitel über Bildeinstellung, Perspektive, Licht und Schatten sowie vieles mehr helfen dabei, eigene kleine Kunstwerke zu schaffen und sich damit die Welt ein Stück weit selbst zu malen. Frei nach Pippi Langstrumpf: Ich mal mir meine Welt, wie sie mir gefällt.

Dass das Buch in seiner Aufmachung sowie dem Layout wunderschön daher kommt – wie die Bücher vom Verlag Hermann Schmidt eigentlich immer – ist natürlich ein Sahnehäubchen obendrauf. Ein Highlight für Bücherfreunde und eine grosse Inspiration für Kreativköpfe, die gerne mal wieder den Stift übers Papier gleiten lassen wollen.

Fazit:
Ein inspirierendes, motivierendes und lehrreiches Buch. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Felix Scheinberger
Felix Scheinberger wurde 1969 in Frankfurt am Main geboren. Schlagzeug war ihm wichtiger als Schule, statt Abi zu machen spielte er bis zum 22. Lebensjahr in Punkbands. Die Begabtenprüfung wurde seine Eintrittskarte an die FH für Gestaltung in Hamburg, wo er Illustration studierte und anschließend nahtlos in die Selbstständigkeit startete.
In den letzten zehn Jahren hat er über 50 Bücher illustriert, regelmäßig für angesehene Zeitungen gearbeitet, Preise gesammelt, in Mainz, Hamburg und Jerusalem gelehrt und durch seine Lehrbüchern reihenweise Kreative den Zeichenstift und den Wasserfarbkasten wieder entdecken lassen. Felix Scheinberger war von 2010 -12 Stellvertretender Vorsitzender der IO – Illustratoren Organisation, des Berufsverbandes deutschsprachiger Illustratoren. Seit 2012 ist er Professor für Illustration an der Fachhochschule Münster.

Angaben zum Buch:
ScheinbergerSkizzGebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Verlag Hermann Schmidt (30. Oktober 2009)
ISBN-Nr.: 978-3874397827
Preis: EUR 29.80 / CHF 45.90

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Ungehorsam beim Salatessen

Wenn man sich gesund ernähren will, sieht man sich immer wieder Entscheidungen und auch Gewissenskonflikten ausgesetzt. Fragen wie „Wie viel ist genug und was ist zuviel?“, „Ist Fleisch für eine gesunde Ernährung nötig oder einfach nur barbarisch?“, „Ist Salat mit Biolabel gesünder als anderer?“ und viele mehr sind an der Tagesordnung.

Heute hatte ich wieder mit einem solchen Gewissenskonflikt zu kämpfen. Ich kaufte – zugegebenermassen etwas bequem – bereits geschnittenen und gewaschenen Salat. Auf der Packung stand explizit, dass der Salat gewaschen und verzehrfertig sei, man ihn unter keinen HaltUmständen waschen solle, um einen Vitaminverlust zu vermeiden. Ich packte die losen Blätter also gewissenhaft aus und sah schon bald auf einem Blatt eine kleine Schnecke (oder war es ein Wurm? Egal, klein, eklig und tot). Nun stand ich da und überlegte: Was, wenn der noch Freunde mit im Sack hatte? Augen zu und durch der guten Vitamine wegen? Oder gleich wegwerfen, weil mir irgendwie die Lust auf Salat gründlich vergangen ist?

Ich beschloss, auf Vitamine zu pfeifen und den Salat – ungezogen und ungehorsam, wie ich bin – gründlich zu waschen. Vitamine hatte er nun wohl keine mehr, aber mit einer leckeren Sauce würden die mir sicher nicht fehlen – und als Proteinbeilage (da man mich schon auf die Idee einer solchen gebracht hatte) schnetzelte ich gleich Wurst und Käse für einen zünftigen Wurstsalat hinein.

Der Salat mit all den Ingredienzen taugte nicht mehr als gesundes Grünzeug? Egal! Da die Vitamine eh draussen waren, kam es auf den Rest auch nicht mehr an. Wenn schon Rebellion, dann richtig.

Illustratoren vorgestellt: Tina Good

Tina Good

Porträ tHomepage: http://gogood.ch/
Tina Good (Jahrgang 1976) besuchte nach dem neusprachlichen Gymnasium den gestalterischen Vorkurs und absolvierte nach einem Praktikum in einer Kommunikationsfirma ein Studium an der Kunsthochschule in Luzern. Nach dem erfolgreichen Abschluss ist sie seit 2003 selbständig als Illustratorin und Malerin tätig. Zudem leitet sie Illustrations-Workshops. Tina Good wohnt in Zürich.

Waren Sie das Kind, dass immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?

Ja, es war immer ein besonderes Interesse.

Wie sah Ihr Weg in die Illustration aus?

Mich faszinierte schon immer das figürliche, erzählerische Zeichnen und ich habe gerne illustrierte Bücher gelesen. Ich wollte wissen, wie das geht, deswegen wollte ich Illustratorin werden.

Was macht einen guten Illustratoren aus?

Das weiss ich nicht. Ich bin fasziniert, wenn ich in Illustrationen die Freude und Leidenschaft am Zeichnen und die Beschäftigung mit dem Thema nachempfinden kann und wenn ich sehe, dass sich daraus eine individuelle Bilderwelt ergibt, die ich so noch nicht kenne.

TinaGood-qualle
Ist Illustration Kunst oder Handwerk?

Je nachdem. Ist beides möglich.

Haben die elektronischen Medien den Beruf schwerer gemacht oder beflügelt?

Weder noch.

Was zeichnet Ihren Stil aus?

Merkmale meiner Bildsprache sind das Interesse an Atmosphären, daran, dass sich ein Ausdruck und eine Intensität manifestieren, die mehrere Deutungsmöglichkeiten erlauben. Diese Rätselhaftigkeit, dass das Bild nicht alles preis gibt, soll den Betrachter ruhig etwas beschäftigen.

Haben Sie Lieblingsmedien (welche?) oder passen Sie diese immer dem jeweiligen Thema/Auftrag an?

Meine Medien und die Umsetzungsart, wähle ich jeweils dem Inhalt und Auftrag entsprechend.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Von aussen betrachtet, nicht so interessant, wie man sich vielleicht denkt. Ich sitze im Grossen und Ganzen täglich am Tisch und zeichne. Übrigens auch wenn ich keine Aufträge habe. Langweilig wird es jedenfalls nie.

Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zur fertigen Illustration beschreiben?

Die Vorgehensweise variert. Es geht jeweils um Themenfindung, Skizzieren und die Ausführung. Manchmal ergibt sich aber eine Idee auch erst aus der Beschäftigung mit einem Material.

Wie ist das Klima zwischen Illustratoren? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man netzwerkt?

Ich sehe das in den meisten Fällen so, dass wir für dieselbe Sache unterwegs sind.

Was raten Sie jemanden, der Illustrator werden will?

Er oder sie soll sich mit Bildern beschäftigen und sich das nötige technisch-handwerkliche Wissen aneignen um solche selber herzustellen. Im Berufsalltag finde ich Offenheit, Freiheitsliebe und Ausdauer wichtig, sich selber treu bleiben. Und lesen, lesen, lesen.

Du gibst auch Illustrations-Workshops. Wer kann da mitmachen?

Antwort: Alle, die Freude am Zeichnen, Malen und Gestalten haben. Vorkenntnisse sind willkommen, aber nicht Voraussetzung.

Welchen Illustrator soll ich hier noch vorstellen?

Dirk Bonsma
http://dirk-bonsma.magnolia.ch/Log-Buch/

Mein Auto säuft zuviel…

mini-convertibleIch fahre einen Mini. Genauer: Ein Mini Cabrio. Wieso? Weil ich immer so eines wollte. Weil das mein absolutes Lieblingsauto war über Jahre und ich irgendwann fand: Ich will das nun haben. Die Wahl ist fragwürdig, weil dieses Auto nichts kann, was ich von einem Auto bräuchte: Wir haben kaum alle Platz drin, wenn doch, dann nur ohne Gepäck. Nur: Wohin sollten wir alle gehen wollen ohne Gepäck, wenn wir auch eine Fahrkarte für den öffentlichen Verkehr haben? Ich wollte DIESES Auto. So!

So weit, so gut. Worauf ich hinaus will?

Testergebnisse von Autos belegen immer unglaublich toll tiefe Verbrauchsstatistiken. Das war sicher auch immer ein Punkt bei der Auswahl. So ein SUV wäre auch toll, aber: Ich dachte immer, ein SUV säuft unendlich viel, und ich wollte ja nicht ständig die Tankstellen leerkaufen, nur: Die Statistik ist weit unter meinem Mini. Ok, die Ministatistik ist noch Welten tiefer…. Die Realität sah so oder so immer anders aus. Schon bei meinem Diesel (Lancia), meinem Peugeot, meinem Renault… beim Nissan schaute ich noch nicht drauf, man möge mir die jugendliche Leichtigkeit von vor 18 Jahren nachsehen.

Was ich sagen will? Hätte ich mich mal früher aufgeregt über die Differenz zwischen Testverbrauch und realem, wäre ich heute wohl berühmt. Nun regen sich Fachkräfte drüber auf, die auch schon dahinter kamen….

Neues aus der Politik: Rosa Wölkchen

Balthasar Glättli (Grüne) will Zweitwohnungen zu Flüchtlingsunterkünften machen… irgendwie mutet das ein wenig wie Zwangsenteignung an… die Bürgerlichen erfreuen dafür überraschend: Reiche sollen aus subventionierten Wohnungen ausziehen müssen. Besteht noch Hoffnung, dass die Mitte sich wieder findet und sich über kurz oder lang eine wählbare Politik herauskristallisiert? Eine, in der nicht nur polemisiert und mit heisser Luft gewedelt wird, in der nicht linksidealistische Kommunismusphantasien in rosa Wölkchen gepackt werden, sondern Menschen aufgrund ihrer Leistungskraft behandelt werden?

Vielleicht ist auch die Hoffnung ein rosa Wölkchen, aber ich glaub mal dran, denn: Zuletzt aber bleiben Glaube, Liebe Hoffnung. Zwar obsiegt im Spruch die Liebe, aber die Hoffnung folgt zugleich.

Sammeltage

Es gibt so Tage, da geht einfach nichts. Und du denkst, es müsste doch was gehen und gehst es an. Was? Egal, Hauptsache etwas. Doch schon kurz nach dem Angehen merkst du, dass du eigentlich gar keine Lust darauf hast. Und du denkst dir innerlich, du könntest auch wieder aufhören, denkst aber auch, dass das nicht geht, da du ja schliesslich was tun musst und nun schon mal damit begonnen hast. Und so machst du weiter und versucht, es möglichst schnell hinter dich zu bringen, was zur Folge hat, dass du unachtsam und unsorgfältig wirst und dir dann denkst, dass das eh nichts wird und du es besser gleich gelassen hättest.

Und dann bist du fertig und siehst das Ergebnis, das nicht überzeugt und bist zudem wieder gleich weit wie zuvor: Du musst ja was tun und hast keine Ahnung was, nur geht es gar nicht, dass du einfach nichts tust. Wobei: Natürlich ginge es, schliesslich scheint nichts so eilig, dass du es wirklich tun müsstest, sonst würdest du es ja tun und hättest keinen dieser Tage, an denen nichts geht und du auch nicht weißt, was gehen müsste, was du tun könntest und vor allem: tun wolltest.

Vielleicht wäre es klüger, einfach einzusehen, dass es so Tage gibt, an denen nichts geht. Und dann wäre es wohl besser, nicht weiter zu denken, denn das Denken führt an genau diesen Tagen auch zu nichts Gutem, sondern nur noch weiter in die Spirale des „Irgendwie-Müssens-aber-nicht-Wissens-was“. Vielleicht sind es auch genau die Tage, die wir brauchen, um danach wieder was tun zu können und auch zu wollen, weil wir Kraft getankt haben, Energie gesammelt haben und damit Boden gelegt für neue Ideen und neuen Antrieb.

Ich bin dann mal sammeln. Habt’s gut!

Das Leben wagen

Mein Leben als Rosamunde-Pilcher-Film

Ich oute mich: Ich liebe Rosamunde Pilcher. Nicht die Bücher, die würde ich kaum lesen, ich liebe die Filme. Ich liebe es, mich vor den Fernseher zu legen und in diese Welt einzutauchen, die von schönen Bildern, wundervollen Landschaften, altvertrauten Schauspielern und dem ewig gleichen Lebensmuster geprägt sind. Ich liebe es, schon am Anfang zu wissen, wie es enden wird, und nie enttäuscht zu werden. Das ist ein Stück heile Welt, die trotz Höhen und Tiefen immer sicher ist, weil sie absehbar ist. Diese Absehbarkeit allein ist schon irgendwie beruhigend, dass es dabei immer auf das Gute hinausläuft, macht es umso besser.

Und ja, ich gestehe es: Ich würde gerne in einem Rosamunde-Pilcher-Film leben. Langweilig? Das würde heissen, dass man den Kitzel braucht, dass etwas in die Hose gehen kann, um im Leben Salz in der Suppe zu haben. Es ist ja nicht mal so, dass alles reibungslos läuft in den Filmen, es gibt immer Intrigen, immer Krisen. Aber: Sie lösen sich auf und am Schluss strahlen alle, mit denen man gehofft hat, und all die, welche falsches Spiel spielen, sind entlarvt und schauen in die Röhre. Und ich sitze vor dem Fernseher und strahle glücklich vor mich hin. Frau fühlt ja mit.

Leider ist das Leben kein Pilcher-Film. Leider wissen wir nicht, wie es ausgeht und können nicht drauf bauen, dass etwas so kommt, wie wir uns das wünschen. Das bringt Unsicherheiten mit sich und diese schüren Ängste. Angst ist nie ein guter Ratgeber und sie bewirkt selten etwas Gutes. Meist ist sie unbegründet oder baut auf Ahnungen, Vorstellungen, selten auf wirkliche Fakten oder tatsächliche Gefahren. Wenn wir uns von unseren Ängsten leiten lassen, bleibt es über kurz oder lang nicht aus, dass wir anfangen, gegen alles und jedes zu kämpfen, weil überall Gefahren lauern. Menschen können einen verletzen, Projekte können scheitern, Ziele können unerreichbar sein. Und weil dem so ist, wagen wir es nicht mal. Und noch schlimmer: Wir sehen überall Gründe oder Feinde, die uns im Weg sind, die mithelfen, dass wir scheitern (wobei wir noch nicht mal gescheitert sind, wir sind nicht mal losgegangen aus der Angst heraus, der Weg könnte abrupt enden).

Heute las ich einen Spruch:

Die Zuversicht springt über den Schatten der Angst. (Ernst Ferstl)

Im wahren Leben ist es leider so, dass man nicht immer schon weiss, ob man den Mann schlussendlich kriegt, ob man die Prüfung besteht, die eigenen Ziele erreicht. Man kann es sich wünschen, aber ein Risiko bleibt. Beziehungen scheitern, Prüfungen sind immer auch ein bisschen Glück und Tagesverfassung, Wege hin zu Zielen bergen immer das Risiko von Hindernissen (von aussen wie aus einem selber). Aus diesem Grund den Weg gar nicht erst zu gehen, weil die Angst übermächtig wird, wäre schade, denn dann gibt es garantiert keinen Erfolg. Der Mann wird von einer andern weggeschnappt (und man sagt sich: „Das habe ich mir doch gleich gedacht!“), die Prüfung ist nicht bestanden („Gut habe ich es gar nicht erst versucht!“) und das Ziel bleibt in weiter Ferne („Das hätte ich eh nie erreicht!“). Nur innerlich brodeln auch die Zweifel, die an einem selber: „Wäre es nicht doch möglich gewesen?“ „Habe ich nicht vielleicht einen Fehler gemacht?“

Auf diese Zweifel gibt es keine positive Antwort, denn: Sie sind absolut richtig. Niemand anders ist schuld, dass es nicht geklappt hat, als man selber. Dabei ist nicht gesagt, dass es geklappt hätte, aber die Chance wäre ungleich höher gewesen. Und wer weiss: Vielleicht hätte man bei diesem Versuch auch gemerkt, dass der Mann gar nicht passt, die Prüfung nicht so wichtig und das Ziel nicht das richtige ist. Sogar das wäre ein Happy End, denn zu wissen, was nicht passt, weil man es selber herausfand, ist immer ein Schritt nach vorne.

Wenn es aber doch klappt, dann – ja dann – haben wir es, das:

HAPPY END

Und dann ist das Leben für einen Moment fast wie ein Pilcher-Film. Ich hol’ schon mal das Taschentuch für die Tränchen der Rührung.

Erweichen Schreckensbilder Herzen von Ignoranten?

Egal welche Onlinezeitung ich anklicke, mir springt das Bild eines kleinen toten Jungen ins Auge, der mit dem Gesicht voran im Wasser liegt. Mein erster Impuls ist: Mir wird schlecht. Mein zweiter: Ich will das nicht sehen. Der dritte: Das hat das Kind nicht verdient, für Klickraten und Sensationsgeilheit instrumentalisiert zu werden.

Ich höre Stimmen, diese Bilder seien wichtig, da sie wachrütteln sollen. Mit solchen Bildern sollen die Herzen derer erweicht werden, welche sich als besorgte Bürger gegen Flüchtlinge stellen, welche diese Flüchtlinge als Pack bezeichnen, ihre Unterkünfte anzünden. Glaubt wirklich jemand im Ernst, dass solche Menschen sich um ein solches Bild kümmern? Glaubt wirklich jemand allen Ernstes, dass die nun mit Tränen in den Augen vor dem Bildschirm oder der aufgeschlagenen Bildzeitung sitzen und Besserung geloben?

Die Flüchtlingsthematik ist seit Wochen Thema Nummer eins. Wir haben viele Bilder gesehen, wir haben von viel Schrecken gehört. Dass etwas getan werden muss, Hilfe nötig ist, sollte klar sein. Es bedarf sicher keines Bildes mehr, das zu belegen. Ich denke, solche Bilder bewirken eher das Gegenteil: Wir stumpfen ab.

Der Mensch erträgt nicht zu viel Leid, das kann er nicht verarbeiten. Wenn das Hirn überwältigt wird von Schmerz, setzt es seine Schwelle höher. Das sichert das Überleben. Das ist ein gut angelegter Mechanismus im Organismus – die Evolution lässt grüssen. Solche Bilder helfen also nicht, das Leid zu erkennen, sie helfen eher, sich davon nicht mehr so stark berühren zu lassen. Ob das hilft? Und: Was brauchen wir als nächstes?

Dieser kleine Junge hat in seinem Leben nichts anderes als Krieg erlebt. Nun ist er tot. Und selbst jetzt muss er noch herhalten für irgendwelche Interessen. Man benutzt sein Bild dazu, Klick- und Leseraten zu steigern. Man nutzt das Bild seiner Leiche dazu, die Sensationsgeilheit der Menschheit zu befriedigen. Mehr wird damit nicht passieren. Klar kann man nun sagen, dass das Bild zu Diskussionen führte. Ich habe sie geführt, ich schreibe hier darüber. Aber ich diskutierte schon vorher und schrieb auch schon vorher. Das taten auch all die, welche sich für das Thema interessieren und etwas bewirken wollen. Jeder auf seine Weise. Man hätte diesem kleinen Jungen seine Würde lassen können. Man hätte ihn nicht durch die Medien schleifen müssen. Das hat er nicht verdient, wie er sein ganzes Leben nicht verdient hat. Möge er nun an einem besseren Ort sein.

Ich aber bleibe dabei: Ich will diese Bilder nicht sehen. Weil ich sie nicht mehr loswerde. Und weil ich denke, dass sie nie als Zeichen der Menschlichkeit und Nächstenliebe verbreitet werden, sondern meist aus Eigennutz: Der eine hofft, das Bild des Jahres geschossen zu haben, der nächste, die meisten Klicks für seinen Artikel zu erhalten. Nur: Auch Tote haben eine Würde und die gilt es zu wahren. Das wurde bei dem kleinen Jungen sträflich vernachlässigt.

Rezension: Hans de Beer – Gustav ganz gross

Einmal gross sein

Der kleine Dackel Gustav hat genug davon, alles nur von unten zu sehen. Einmal möchte er auch gross sein und die Dinge von oben betrachten. Als alles nichts hilft, erhält er von einem Freund den Tipp, auf die Stadtbrücke zu gehen, da er von dort einen weiten Blick über die ganze Stadt hat. Gustav zieht los durch die Stadt. Was ihn wohl erwartet?

Hans de Beer hat schon den kleinen Eisbären Lars erfunden und damit viele Kinderherzen erobert. Mit Gustav wird ihm das genauso gelingen. Der kleine Dackel mit dem roten Pullover ist süss gezeichnet und wer könnte sein Anliegen besser verstehen als ein kleiner Mensch?

Ein wunderbares Buch über das Kleinsein, über Freundschaft, Abenteuer und Geborgenheit. Untermalt wird die Geschichte mit grossformatigen Zeichnungen, die mit viel Liebe fürs Detail gezeichnet wurden. Die Figuren wirken alle freundlich und lieblich. Ein Buch, das schöne Momente und gute Gefühle mit sich bringt!

Fazit:
Ein schönes Buch mit einem liebenswerten Helden und wunderbaren Zeichnungen. Sehr empfehlenswert.

Der Autor und Illustrator
Hans de Beer
Hans de Beer, geboren 1957 in Muiden in der Nähe von Amsterdam. Nach einem kurzen Geschichtsstudium ließ sich Hans de Beer an der Kunstschule Rietveld Art Academy in Amsterdam ausbilden. Seine Examensarbeit über den kleinen Eisbären Lars bescherte de Beer 1987 weltweiten Erfolg. Seit seinem Abschluss 1984 arbeitet Hans de Beer als freier Illustrator. Er lebt mit seiner Lebenspartnerin, einer italienischen Illustratorin, in Amsterdam und in der Nähe von Florenz.

Angaben zum Buch:
DeBeerGustavGebundene Ausgabe: 32 Seiten
Verlag: NordSüd Verlag (20. August 2015)
Empfohlenes Alter: 4 – 6 Jahre
ISBN-Nr.: 978-3314103100
Preis: EUR 13.99 / CHF 19.90

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Das Leben ist eine Einbahnstrasse

Wir gehen durchs Leben und hören immer wieder: Alles ist möglich. Du musst es nur wollen. Wenn man mal zaudert und zögert, wird man mit der Frage konfrontiert: „Was willst du?“ Oft weiss man besser, was man nicht will, als was man will. Und wenn man weiss, was man will, ist das eher so eine Vorstellung, zu der ein Weg führt, der genauso schwammig ist, wie die Vorstellung selber, da es nur eine Vorstellung sein kann, sonst wäre es ja – und man wäre ziellos. Und: Wer kein Ziel hat, hat keinen Plan, der ist planlos. Und wer planlos ist, weiss nicht, was er will.

Ist alles möglich? Grundsätzlich wohl schon, ob individuell und aktuell und immer und überall? Das wage ich zu bezweifeln. In all den Fragen des Wollens und des Möglichen steckt immer auch die Frage des freien Willens drin. Ob es ihn gibt oder nicht, ist Streitfrage. Philosophen und Neurowissenschaftler schlagen sich Argumente dafür und dagegen um die Ohren. Ich denke, dass sie es grundlos tun, denn: Es kommt schlicht nicht drauf an.

Ich sehe die grossen Augen, die zu Berge stehenden Haare schon vor mir, drum erkläre ich mich:

Wer bestreitet, dass es einen eigenen Willen gibt, der steht dafür ein, dass wir als Wesen determiniert sind (A). Wir funktionieren nach unseren Anlagen, irgendwelche Synapsen bilden sich und lassen unser Hirn in einer Weise funktionieren, die dann unser Tun (und die dafür notwendigen Entscheidungen) steuert (man verzeihe mir die stark vereinfachte und abgekürzte Erklärung). Wer für den freien Willen eine Lanze bricht, der sagt, dass wir immer eine Wahl haben, egal, wie die Synapsen liegen. Wir können entscheiden, ob wir etwas wollen und tun oder nicht (B). Und schlussendlich gibt es noch die in der Mitte, die sagen, dass wir nicht entscheiden, was wir wollen, aber immerhin, was wir tun (C).

So weit, so gut. Wieso also kommt es nicht drauf an, in welchem Lager man steht? Ich mache ein (fiktives!!) Beispiel.

 Wir haben mich und eine Flasche Wein.

Nach (A) wären irgendwelche Synapsen dafür verantwortlich, ob ich die Flasche trinke oder stehen lasse. Diese Synapsen wären durch meine Erfahrungen, Kultur, Veranlagungen, genetischen Grundlagen, etc. zustande gekommen.

Nach (B) könnte ich mich entscheiden, ob ich trinken will und es auch tue, ob ich trinken will und es nicht tue oder ob ich nicht trinken will und es auch nicht tue (und der Vollständigkeit halber auch noch nicht trinken wollen – so wirklich – und es trotzdem tun).

Nach (C) könnte ich trinken wollen und es doch nicht tun, weil es ja ach so gesund ist, es nicht zu tun und ich schliesslich gesund leben und sterben – oder eben gerade nicht (also sterben) – will.

Nur: Schlussendlich kann ich so oder so nur das eine tun. Und werde nie wissen, was das andere gebracht hätte. Ist es wirklich so relevant, ob ich das nun ganz frei gewollt habe oder eine Einschränkung des Willens (bis hin zu seiner Negierung) bestand? Strafrechtlich ja, wenn man den Willen als strafnormbestimmend ansieht (wenn man das Recht mehr als Schutz der Gesellschaft ansähe und Strafen damit präventiven Charakter hätten, wäre es auch da nicht wichtig, aber das würde nun hier und jetzt zu weit gehen und darum sollen sich bitte die Juristen kümmern, ich bin nur für die philosophischen Gedanken zuständig). Ansonsten? Das Leben nimmt seinen Lauf. Und man hat seine Anlagen. Und Prägungen. Bewusst. Unbewusst. Sonst wie – die Psychologie bleibt ja auch nicht stehen mit ihren Begriffen und Diagnosen.

Schlussendlich haben wir dieses eine Leben und gehen hindurch. Jede Entscheidung ist eine für etwas und damit eine gegen etwas. Ob frei gefällt oder irgendwie „erzwungen“ – wir müssen sie leben. Und weiter gehen. Ein Zurück gibt es nie. Drum ist das Leben so oder so immer eine Einbahnstrasse. Es geht immer nur vorwärts, nie zurück. Selbst wenn wir voll determiniert wären, ohne jegliches eigenes Zutun, wäre ja jeder positive Gedanke ein Schritt in die richtige Richtung. Denn: Synapsen gehen den Weg des geringsten Widerstandes (sehr abgekürzt formuliert). Und wenn wir was mitbestimmen können: Umso mehr! Es gibt nur das eine Leben. Leben wir’s! Und ab und an weiss man nicht wie. Aber eines ist sicher: Es geht immer nur vorwärts.

Die Moral von der Geschicht?

Nachbarshunde

Version 2Der Hund bellt. Irgendwas muss draussen sein. Ich eile zum Fenster und sehe es schon: Nachbars Hund. In unserem Garten. Und: Er kackt. Laut rufe ich „Scheisshund“ und bemerke erst dann, dass das Fenster offen ist. Es liegt in der Natur der Nachbarschaft, dass der Nachbar in Hördistanz ist und es sicher gehört haben muss, zumal ich diesen unmittelbar nach meinem Ausruf nach seinem Hund rufen höre.

Mann, ist das peinlich!

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich den Hund zuckersüss finde und den Nachbarn eigentlich mag. Trotzdem sammelte ich schon ab und an Hundekot in unserer Wiese ein und passe auf den eigenen Hund immer auf – zumal der eh nie einfach so herumstreunt. Und mein Hund bellt, wenn der andere Hund in unserem Garten ist, wie er immer bellt, wenn irgendwer nur schon dran vorbei läuft. Und ich habe immer Angst, dass er damit die Nachbarn nervt, weswegen ich peinlichst darauf bedacht bin, dass er eben ruhig ist. Dabei ist ein Nachbarshund im Garten nicht förderlich….

Kürzlich sassen der Hund und ich im Garten. Ich las, der Hund schlief. Ich schaute immer wieder, ob er auch noch da ist, nicht plötzlich irgendwo verschwindet, schliesslich passt man ja auf seinen Hund auf. Dass der Hund auch nie einfach im Blickfeld liegt, sondern man sich immer verbiegen muss, um ihn zu sehen, liegt wohl irgendwie in der Natur der Sache oder entspricht Murphy’s Law. Irgendwas wird es sein.

Dann musste ich rein, war in Gedanken und ins Gespräch vertieft. Verrichtete drinnen, was zu tun war, als es klingelte. Ich fragte mich, ob nun die Post oder sonst wer käme, öffnete nichts ahnend die Tür… Nachbars Tochter. Mit meinem Hund auf dem Arm. Er hatte den Weg zu ihnen gefunden. Und seit er ihn gefunden hat, will er ihn immer wieder ausprobieren, er schaffte es schon in Nachbars Wohnzimmer.

Mann, ist das peinlich!

Rezension: David Foenkinos – Charlotte

Das ganze Leben in einem Kunstwerk

Charlotte lernt früh, dass der Tod ein teil des Lebens ist.
Sie greift nach den Tränen ihrer Mutter.
Die um ihre Schwester trauert wie am ersten Tag.
Manche Wunden heilen nie.

Charlotte Salomon ist die Tochter eines Arztes und dessen Frau Franziska. Diese steht in einer langen Reihe von Selbstmorden in ihrer Familie, leidet darunter, wird selber lebensmüde. Trotz aller Bemühungen stürzt sie sich irgendwann in den Tod, lässt Charlotte als Kind zurück. Allerdings wird diese die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter erst spät erfahren, so glaubt sie, ihre Mutter wohne als Engel im Himmel und schreibe ihr bald einen Brief. Mit Paula kriegt Charlotte eine Stiefmutter, die sie verehrt. Sie braucht sie auch, da sie sonst ausgeschlossen ist – und es immer mehr wird durch die Machtübernahme der Nazis. Charlotte ist Jüdin.

Charlotte strahlt so eine Kraft aus, sie hat etwas Berührendes.
Ist das der Zauber der Schweigsamen?
Oder die traurige Macht der Ausgeschlossenen?
[…] Wenn einen ein ganzes Land zurückweist.
Was soll man da von einem einzelnen Menschen erwarten?

Nachdem sie trotz ihrer Religion zur Kunstschule zugelassen wird, erhält sie einen gewonnen Preis genau deswegen nicht und wird kurz darauf ganz ausgeschlossen. Trotzdem malt und zeichnet sie weiter.

Darf sie sich eingestehen, dass sie sich fühlt wie eine Künstlerin?
Künstlerin.
Immer wieder sagt sie dieses Wort vor sich hin.
Ohne zu wissen, was es genau bedeutet.
Egal.
Wörter müssen nicht immer einem Ziel zustreben.

Die Lebensumstände spitzen sich zu, Charlotte muss fliehen und geht nach Frankreich zu ihren Grosseltern. Ihre Grossmutter bringt sich bald darauf um, der Grossvater verbittert und verfällt dem Wahnsinn. Dieser Krankheit ist es wohl auch zu verdanken, dass sie nach ihrer Internierung im Lager Gurs, in welchem auch Hannah Arendt ist, freikommt. Ein beschwerlicher Weg zurück nach Südfrankreich folgt. Charlotte ist selber dem Wahnsinn nah – und alleine. Sie hat nur zwei Menschen, die an sie glauben, einer davon ist der Arzt des Ortes. Er rät ihr auch, zu malen. Er glaubt an ihr Talent, gar an ihr Genie.

Sie muss leben und malen.
Malen, um nicht verrückt zu werden.
[…] Muss man die Grenzen des Erträglichen überschreiten?
Um die Kunst als einzig mögliche Lebensform anzusehen?

Charlotte hat mit ihrem Leben abgeschlossen.
[…] Ein seltener Ausgangspunkt für ein künstlerisches Werk.

Es entsteht ein Werk aus Bildern und Text, ihr Leben. Sie übergibt es ihrem Arzt mit den Worten

C’est tout ma vie

David Foenkinos erzählt die Biographie der Malerin Charlotte Salome auf seine ganz persönliche Weise. Er erzählt, wie er ihr auf die Spur kam, wie sie auf ihn wirkte, wie er ihren Lebensstationen folgte. Er wollte diese Geschichte schreiben, aber es fiel ihm nicht leicht. David Foenkinos beschreibt seine Schwierigkeiten dieser ihm so wichtigen Geschichte selber.

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang.
[…] Ich sass immer da und wollte ein Buch schreiben.
Aber wie?
[…] Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich spürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

Entstanden ist ein Buch in einer kurzen, prägnanten Sprache. Sie ist frei von Sentimentalität und greift doch die Stimmung auf. Der Inhalt passt sich perfekt in die Form, entstanden ist ein Zeugnis eines Lebens, das tragischer kaum sein könnte.

Das Leben Charlottes zeugt vom Alleinsein, vom Ausgestossensein, von der Einsamkeit und von der Angst. Es ist das Leben einer jungen Frau, die Zuflucht in die Kunst nimmt, da diese das einzige ist, das ihr Überleben irgendwie sichert. Alles andere ist von Angst besetzt, von Unsicherheit: sich selber und dem Leben gegenüber.

Charlotte ist das Lesehighlight seit langem. Es ist eine Geschichte, die packt, die einen einnimmt und nicht mehr loslässt. David Foenkinos hat eine unkonventionelle Weise des Erzählens gewählt, eine, die genau zu ihm und der Geschichte passt, eine, die Charlotte gerecht wird.

Fazit:
Eine tiefgründige, erschütternde, packende Lebensgeschichte, bei der alles stimmt: Die Sprache greift den Inhalt auf, wodurch dessen Tragik noch deutlicher zum Tragen kommt. Absolut empfehlenswert. Unbedingt lesen!

Zum Autor
David Foenkinos
David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der von Foenkinos selbst (zusammen mit seinem Bruder Stéphane) mit Audrey Tautou und François Damiens in den Hauptrollen verfilmt wurde. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman, „Charlotte“, wurde 2014 mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet und hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft.

Christian Kolb (Übersetzung)
Christian Kolb wurde 1970 geboren und studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Neben den Romanen von David Foenkinos übersetzte er u. a. auch Nicolas Fargues „Die Rolle meines Lebens“. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch:
FoenkinosCharlotteGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (31. August 2015)
Übersetzung: Christian Kolb
ISBN-Nr.: 978-3421047083
Preis: EUR 17.99 / CHF 26.90

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Von Menschen für Menschen

Der Künstler Yehuda Bacon ist ein Überlebender des Holocaust. Als er später Auschwitz das erste Mal besuchte, wurde ihm bewusst, was er dort verloren hatte: Seine Kindheit, seine Jugend. Trotz des Schrecklichen, was ihm wiederfahren ist, findet er positive Gedanken zum Problem des Bösen, wie er es nennt. Er findet sogar einen Sinn im Leiden, denn er sagt:

Ja, auch das Leiden kann Sinn haben, wenn wir erkennen, dass auch der andere Mensch ist wie ich selber. Ich kann ein Verhältnis mit jedem anderen Menschen haben, auch wenn er eine andere Religion, eine andere Richtung hat. Er ist ein Mensch, er ist eine Kreatur. Wir haben etwas Gemeinsames: Wir sind Menschen.

Das Leiden, das Yehuda Bacon erlebt hat, ist mit Worten nicht zu erfassen, sie greifen alle zu kurz, und für die meisten von uns unvorstellbar. Er hat für sich versucht, etwas Positives in dem Ganzen zu finden: In der ganzen Unmenschlichkeit, die damals herrschte, unter der er und viele andere litt, viele davon in den Tod getrieben wurden, lernte er, was Menschlichkeit bedeutet: In sich und anderen das Gemeinsame anerkennen und lieben, denn:

In jedem Menschen steckt der gleiche Kern. Jeder hat eine Mutter.

Für Yehuda ist das eine Erkenntnis der Liebe. Sie ist für Bacon die positive Antwort auf all die Fragen, die das Leiden aufwarf.

Eine solche Aussage kann nur einer machen, der das Leiden – dieses Leiden – selber durchmachte, denn von jedem anderen Menschen wäre sie inakzeptabel. Sie würde die Tat in einer Weise mit Sinn behaften, die diese in keiner Weise hatte. Gerade die Sinnlosigkeit der Gräueltaten, der Verbrechen gegen die Menschheit und die Menschlichkeit, war es ja, die diesen eine noch grössere Tragik gaben.

Ein Betroffener, der noch dazu überlebt hat, muss verstehen, wenn er irgendwie weiterleben will. Der Mensch neigt dazu, Sinn zu suchen und zu finden, denn ohne Sinn wäre alles sinnlos – auch das Weiterleben. Für Bacon ist der Sinn die Erkenntnis, dass wir alle Menschen sind – im Kern – und dass wir uns als Menschen lieben sollen, unabhängig von unserer Zugehörigkeit – sei diese religiös, sexuell, regional oder anderweitig bestimmt.

Diese Fragen – und vor allem diese positive Antwort – sind heute aktueller denn je. Wir sind heute wieder in der Pflicht, Menschen als Menschen anzusehen und anzunehmen. In Scharen fliehen sie tausende Kilometer, um zu überleben und werden hier nicht mit Liebe empfangen, nicht mit einer Haltung von Menschen für Menschen. Es schlägt ihnen Misstrauen, Missmut, gar Hass entgegen. Man sieht in ihnen die Gefahr für die eigenen Vorteile, sieht in ihnen Eindringlinge ins eigene Land (das man sich meist nicht freiwillig aussuchte, sondern nur Glück hatte, da geboren worden zu sein oder aber die Möglichkeit gehabt zu haben, als Willkommener – oder zumindest Geduldeter – einzuwandern). Was man nicht mehr sieht, ist, dass es Menschen sind. Genau wie wir. Menschen in Not noch dazu. Es sind Menschen, die Hilfe benötigen und dies oft, weil unsere Länder es waren, die ihre Länder vorher ausgebeutet haben oder aber mit Waffen versorgt, weil der Krieg dort vor Ort hier Profit gab. Und nun, da alles aus dem Ufer läuft, will man hier Grenzen ziehen und sich schützen.

Nur: Wovor? Es sind Menschen und sie brauchen Hilfe. Und selbst wenn wir durchaus auch im eigenen Land Armut haben und Menschen, die leiden und Hilfe benötigen, ist dies kein Grund, sie anderen zu verwehren und sie damit in den sicheren Tod zu schicken.

(Die Zitate stammen – fast wörtlich – aus „Auschwitz und Ich. Für das Leben lernen:  Eine Erkenntnis der Liebe“