Tagesgedanken: Von Zahlen und Menschen

Das war meine Lektüre der letzten Tage. Ich muss gestehen, sie fiel mir nicht leicht und sie brachte mir keine gute Laune. Auf der einen Seite waren es schlicht viele Zahlen, Tabellen, Diagramme, technischen Fakten, auf der anderen Seite zeigten die Inhalte auf Missstände der heutigen Welt, die so vor Augen zu haben, bedrückten. Was ich schon lange dachte, nämlich, dass wir unser ganzes Leben der Wirtschaft unterordnen, dass demokratische Werte den ökonomischen geopfert werden, dass Mitmenschlichkeit gegen Profit verliert, wird in diesen Büchern durch den klaren Blick auf die globalen Zustände und die Mechanismen, die dahin geführt haben, offensichtlich.

Die Schere zwischen den Reichsten und den Ärmsten wird grösser, Armut ist ein Problem, das moralisch kaum mehr zu vertreten ist, wirtschaftlich aber weiter gepflegt wird, während die Reichen mit ihrem Reichtum zusätzlich einen Grossteil der ökologischen Sünden verursachen, unter welchem dann mehrheitlich die Ärmsten auf der Welt leiden. Und wir sitzen zu Hause im bequemen Sofa und wollen es offensichtlich so haben. Wir würden schon etwas ändern, wenn die Anderen in der Pflicht wären, aber mit uns hat das nichts zu tun. Dabei gäbe es Lösungen. Machbare.

Man weiss, dass ab einer gewissen Grösse des Einkommens/Besitzes das Glück nicht mehr zunimmt. Nehmen wir einen Millionär mit einem Vermögen von 100 Millionen. Er hat mit einem Bruchteil dieser Millionen zu tun, er braucht sie nicht alle. Er hat sie und definiert sich durch dieses Haben. Hätte er – sagen wir – nur 50, lebte er noch genauso wie jetzt. Und wenn es vielleicht eine Yacht weniger wäre – ich denke nicht, dass er massiv unglücklicher wäre. Wieso also keine progressive Steuer auf diese hohen Vermögen? Wieso keine Umverteilung von denen, denen es nicht weh tut, zu denen, denen das Nichthaben grosse Schmerzen bereitet? Darauf habe ich leider keine Antwort. Und genau das treibt mich um, da ich verstehen möchte. Immer. Ich bleibe dran (allerdings lieber wieder mehr philosophisch, weniger ökonomisch).

Michael J. Sandel: Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun

Inhalt

„Es geht um die Frage, wie man die Einstellungen, Voraussetzungen und Charaktereigenschaften kultiviert, die in einer guten Gesellschaft wünschenswert sind.“

Der Philosoph Michael J. Sandel, Professor in Harvard, widmet sich in diesem Buch einer grundlegenden Frage, der der Gerechtigkeit. Anhand von aktuellen Ereignissen legt er die Konflikte dar, die entstehen können, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen, wie wir handeln sollen. Steht die Gemeinschaft zuvorderst und wir müssen nach dem grösstmöglichen Nutzen derselben trachten? Damit wären wir bei der Position der Utilitaristen. Auf der anderen Seite steht das Interesse des Individuums. Ist es legitim, ihm in Form von Steuern etwas wegzunehmen, um andere damit zu unterstützen?

Was ist gerecht und was zeichnet richtiges Handeln aus? Woher stammen die Kriterien, die wir anwenden, um dies zu entscheiden? Können wir rechtlich zur Solidarität verpflichtet werden oder müsste Hilfe immer ein freiwilliger Akt sein? Diese und weitere Fragen rollt Michael J. Sandel auf und analysiert die möglichen Antworten auf einer fundiert abgestützten Basis. Er legt gut verständlich die massgebenden Positionen von Kant, Rawls und Aristoteles dar, verweist auf die Utilitaristen Bentham und Mill, denen er die Position Nozicks entgegenstellt. Er vergleicht den voluntaristischen Entwurf der Person mit einem narrativen und entwickelt aus all dem eine Theorie des richtigen Handelns, wie es in einer nach Gerechtigkeit strebenden Gesellschaft gelebt werden sollte.

Weitere Betrachtungen
Sandel konstatiert generell, dass wir immer mehr materiellen statt moralischen Werten nachhängen, und propagiert eine Verschiebung zurück zu den Werten, weg von den Dingen. Damit negiert er nicht die Relevanz materieller Güter, im Gegenteil, er zeigt auf, wie die (fehlende) Verteilungsgerechtigkeit durchaus weitreichende Konsequenzen hat.

„Eine zu grosse Kluft zwischen Reich und Arm untergräbt die Solidarität, die für eine demokratische Bürgerschaft unerlässlich ist. Aufgrund der grossen sozialen Ungleichheit entfernt sich die Lebenswelt der Reichen zunehmend von jener der Armen.“

Damit zieht Sandel eine direkte Linie von der Ungleichverteilung der Güter hin zum Gemeinwohl. Die Ungleichverteilung lässt also nicht nur die Armen leiden, sondern sie hat Auswirkungen auf die ganze Gemeinschaft, welche die immer grösser werdende Kluft nicht nur im sozialen Miteinander, sondern auch in der Ausübung der Bürgerpflichten, welche für eine lebendige demokratische Gemeinschaft wichtig wären, spürt.

„Einrichtungen, die einst Menschen zusammenbrachten und als informelle Schulen staatsbürgerlicher Tugenden dienten, werden immer seltener. Die Aushöhlung des öffentlichen Raums erschwert es, die Solidarität und den Gemeinschaftssinn zu pflegen, von denen eine demokratische Zivilgesellschaft abhängt.“

Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun ist ein sehr fundiertes, klar durchdachtes und leicht lesbares Buch, welches die vielleicht wichtigste Frage des individuellen wie des sozialen Lebens verständlich an aktuellen Beispielen aufrollt und analysiert. Sandel stellt die unterschiedlichen philosophischen Ansätze des liberalen Egalitarismus, des Libertarianismus, des Utilitarismus sowie die Moralkonzeption Kants und Aristoteles’ fair nebeneinander, erläutert ihre Vor- und Nachteile und schält so langsam einen Begriff der Gerechtigkeit heraus. Schlussendlich präsentiert er seine eigene Position, welche an Aristoteles und Alasdair McIntyre anlehnt und am amerikanischen Kommunitarismus orientiert ist. Kernpunkt dieser Theorie ist sicher der am Gemeinwohl orientierte Dialog aller Menschen, die einander als Menschen verpflichtet sind.

Persönlicher Bezug
Es gibt wenige Bücher, die auf so gut lesbare Weise so viel Tiefe und fundiertes Denken an den Tag legen. Michael J. Sandel gelingt es, anhand von vielen anschaulichen Beispielen die grundlegenden Fragen danach zu stellen, was wir tun sollen, wie wir leben sollen, um ein gutes Leben zu ermöglichen für alle. Er legt den Finger in die Wunden der heutigen Gesellschaften, bespricht die fehlende Bereitschaft zur Teilhabe an der Demokratie, wodurch die Mittel fehlen, die nötig wären, das Land zu gestalten und die Frage, was wir tun sollen und können, mit zu beantworten.

Er zeigt, was es bedeutet, wenn einige immer mehr und andere immer weniger haben. Nicht nur leiden die Armen unter ihrer Situation, diese Ungleichheit hat einen massgeblichen Einfluss auf das ganze System: Es driftet auseinander, und das nicht nur finanziell, sondern auch in der Haltung. Wie soll man Solidarität mit jemandem empfinden, der so weit von einem weg ist? Wieso sich kümmern, wenn man gar keinen Bezug mehr hat? Und wenn ein Problem ansteht, das alle miteinander betrifft, kämpfen sie in Lagern gegeneinander, statt solidarisch miteinander für die wichtige Sache. Es ist Zeit, aufzuwachen und diesen Riss zu kitten, der sich durch die Gesellschaft bahnt. Gerechtigkeit ist der Leim dazu.

Fazit
Ein sehr fundiertes, gut strukturiertes, gut verständlich geschriebenes Buch zu einem grossen und schwierigen, nichtsdestotrotz wichtigen Thema.

Zum Autor:
Michael J. Sandel, geboren 1953, ist politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Seine Vorlesungsreihe über »Justice« machte ihn zum weltweit populärsten Moralphilosophen.

Tagesgedanken: Freiheit des Tuns

Carolin Emcke schrieb in ihrem Buch „Journal“ den wunderbaren Satz, in dem ich mich so gut wiederfinde:

„Ohne die Sprache, ohne das Schreiben, fühle ich mich wie ein Obdachloser ohne Heimat.“

So fühlte es sich an, als ich von einem Tag auf den anderen meine Sprache und mein Lesen verloren hatte. Ich stand zwischen all meinen Büchern und fand keinen Zugang mehr. Ich war wie ausgeschlossen aus einer Welt, die so eigentlich die meine war, doch sie blieb mir verschlossen. Jeder Versuch, hineinzukommen, scheiterte. Ich begann zu malen. Es klingt ein wenig wie ein Klischee und vermutlich entspricht es genau dem. Frau, mittleren Alters auf der Suche nach sich selbst.

Es war der verzweifelte Versuch, eine neue Heimat zu finden. Ich malte wie besessen, jeden Tag, für Stunden. Ich wollte „es richtig machen“, es sollte nicht einfach ein kleines Hobby am Rand sein, sondern ein neues Zuhause werden, mein neues Ich. Und da es sich nicht so anfühlte, war ich unsicher und interpretierte jede Äusserung von aussen als Abwertung meines Tuns und Seins. Und vermutlich war ich die einzige, die beides abgewertet hat innerlich. Weil ich zweifelte. Am Tun. An mir. An allem. Es fühlte sich nichts richtig an, es fühlte sich nichts richtig gut an.

Vieles gelang, vieles machte auch Freude. Einmal sagte mir jemand, ich müsse meine Sprache finden. Die Antwort war sofort klar: Ich habe keine Bildsprache, meine Sprache sind die Worte, doch die sind mir ausgegangen. Ich habe viele Sprachen ausprobiert, mich in vielen auch ein wenig wohl gefühlt für eine kurze Zeit, doch nie auf Dauer und nie so ganz. Und immer fehlte etwas, immer war da eine innere Unruhe, ein inneres Ziehen, ein Suchen, eine Unsicherheit in und mit mir.

Das alles war mir nicht so bewusst damals, ich erkenne es im Rückblick. Seit einiger Zeit bin ich endlich wieder zurück in meiner Heimat. Ich merke, wie ich in mir mit meinem Tun sicherer bin und mich darum nicht mehr so schnell in Frage gestellt fühle. Ich zweifle sicher noch immer ab und zu an mir, aber das eher situativ als in einem mich im Ganzen erschütternden Mass. Dafür bin ich dankbar.

Ich bin aber auch dankbar für den (Um-?)Weg. Er hat mich viel gelehrt. Und es sind einige Bilder entstanden, die mir sehr am Herzen liegen, auf die ich stolz bin, die mir viel Freude gemacht haben und weiter machen. Auch hat mir dieser Weg eine Zuflucht gewährt in einer Zeit, in der ich sie so sehr brauchte und suchte, in der so viel Unsicherheit und Haltlosigkeit lag. Ab und zu denke ich, damals war ich irgendwie freier, weil das Malen nicht so tief in mir war wie das Schreiben. Es hing nie so viel daran, es war nicht so eminent wichtig. Ich konnte auch mal nicht malen. Beim Schreiben ist das schwerer. Es ist ab und zu ein regelrechter Kampf, mich dazu zu entscheiden, mit Schreiben Lesen zu pausieren und mich anderem zu widmen. Aber vielleicht ist genau das die grösste Freiheit: Tun zu können, was einem so sehr Bedürfnis ist.

Tagesgedanken: Was kümmert mich die Welt?

Ich lese aktuell drei Bücher: eines über die Geschichte des Kapitalismus, eines über Philosophie und Armut, eines über Moral und Politik. Ich lese Zeitungen, sehe, was passiert auf dieser Welt und es erschüttert mich. Wir haben es geschafft, aus dieser Welt ein Schlachtfeld zu machen, einen Tummelplatz der Schädigungen, die alle auf dem eigenen Profitdenken fussen. Nun kann man einfach sagen: Ich selber habe ja nichts gemacht, ich lebe ja nur mein Leben – doch ich denke, das ist zu einfach gedacht.

Wir frönen dem Konsum, während andere Menschen auf der Welt verhungern. Woher rührt die Gleichgültigkeit, die mangelnde Aufregung, die fehlende Empörung? Ist das Thema zu wenig präsent? Zu wenig konkret? Hätten wir nicht die Pflicht, zu helfen? Worauf gründen überhaupt Pflichten? Wer steht in der Verantwortung? Wofür? Auf welche Weise?*

Versuchen wir es mit einer Analogie zur Veranschaulichung (das Beispiel ist von Peter Singer): Ein Mann geht an einem Teich vorbei, darin ertrinkt gerade ein Säugling. Der Mann hilft dem Kind nicht, weil er seinen teuren Anzug nicht ruinieren will. Das löst bei den meisten vermutlich Empörung aus. Man ist sich wohl mehrheitlich einig, dass der Mann dem Kind hätte helfen müssen. Es wäre hier um eine Güterabwägung gegangen, bei welcher das Leben eines Kindes mehr Gewicht gehabt hätte als ein Anzug. Wir sehen hier also den Mann in der Pflicht. Zudem sind wir uns mehrheitlich sicher, dass wir geholfen hätten.

Kann man diese Sicht analog auf das Armutsproblem anwenden? Dort sterben Menschen, hier sitzen wir, könnten helfen (wie wäre noch konkret zu klären) und tun es nicht. Wieso sehen wir uns hier nicht in derselben Hilfspflicht wie beim ertrinkenden Kind? Es gibt einige Unterschiede zwischen den beiden Fällen:

Im Teichbeispiel haben wir einen einzelnen Mann und ein Opfer. Die Hilfe ist einmalig und danach ist alles wieder gut, das Kind in Sicherheit. Im Falle der Armut haben wir es mit 800 Millionen Menschen zu tun, das kann kein Einzelner bewältigen. Eine Spende wäre sicher eine Gewissensberuhigung, aber noch keine ausreichende oder gar nachhaltige Hilfe. Armut ist kein individuelles Problem, es reicht nicht, allen etwas zu essen zu geben, einen Einzelnen von einer Krankheit zu heilen. Die nächste Krankheit wird kommen und der nächste Hunger auch. Armut ist ein strukturelles Problem, es rührt daher, dass Menschen keinen Zugang zu Gütern für ihre Grundversorgung (Nahrung, medizinische Versorgung, Bildung, etc.) haben. Da müsste man ansetzen. Es gibt einige sehr sinnvolle globale NGOs, die in grösserem Masse helfen und die auf Unterstützung angewiesen, allerdings müsste das Problem auch auf politischer Ebene und in noch umfassenderem Rahmen angegangen.

Sind wir also doch fein raus aus der Pflicht? Können wir weiterleben wie bisher, unserem Vergnügen frönen und die Probleme dieser Welt vergessen, da wir nichts tun können? Ich denke nicht. Mit unserem Konsumverhalten fördern wir die Ungleichheiten auf dieser Welt. Indem wir uns mit Kleiderbergen aus wenig nachhaltiger und ausbeuterischer Produktion eindecken, stärken wir Systeme, die so produzieren. Der Verzicht auf diese Produkte würde nicht den Menschen dort die Arbeit nehmen (so wird der eigene Kaufrausch oft gerechtfertigt), sondern die Firmen dazu anhalten, andere Bedingungen zu schaffen (natürlich nicht von heute auf morgen und das ist nur ein Schritt von vielen).

Ein weiteres Problem: Unsere Regierungen unterstützen die Politiker in den von Armut betroffenen Ländern, sie tun das für unseren Profit. Sie kaufen Rohstoffe aus Verbrecherstaaten, der Gewinn kommt nur der jeweiligen Regierung, nie dem Volk zugute. So werden die Ressourcen ganzer Länder geplündert, das Volk bleibt in Armut und die machthabenden Gauner bereichern sich.

Das geht uns nichts an? Wir haben damit nichts zu tun? Auch hier kommen wir nicht so leicht davon: Wir haben unsere Regierungen gewählt und wir wählen die Bedingungen in unserem Land durch Wahlen, Abstimmungen und durch unser Verhalten. Wir verschwenden Ressourcen, da sie ja endlos vorhanden zu sein scheinen (die Bedingungen dafür ignorieren wir). Wir sind nicht mal im eigenen Land bereit, zu einer gerechteren Umverteilung beizutragen, um hier die Armut, die durchaus existiert, zu bekämpfen. So stimmen wir zum Beispiel immer wieder gegen höhere Besteuerung, weil wir nicht wollen, dass man uns etwas wegnimmt. Helfen ja, aber nicht auf unsere Kosten… Es würde sonst nicht mehr für das tägliche Fleisch und das 12. Paar Schuhe reichen.

Mich frustriert das im Moment sehr. Auch das Wissen, dass ich mir in der Vergangenheit viel zu wenig Gedanken darüber gemacht habe, frustriert mich. Ich werde die Welt nicht retten können, aber ich möchte zumindest hinsehen, was passiert und meinen Beitrag zu einer möglichen Verbesserung leisten. Da ich als Philosophin ein denkender und schreibender Mensch bin, werden das meine vorrangigen Mittel sein zur Bewusstmachung des Problems. Ich will und darf nicht mehr schweigen, wenn ich Missstände sehe, und ich will und muss auch mein eigenes Verhalten überdenken. Frei nach Gandhi:

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“


*Das sind nur Gedanken und soll keine abschliessende Abhandlung darstellen. So liegt es in der Natur der Sache, dass vieles Erwähnenswerte keinen Eingang fand und die perfekte Lösung des Problems noch aussteht. Man möge es mir nachsehen.

Die Würde des Menschen

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

So lautet der erste Absatz des ersten Artikels des Deutschen Grundgesetzes. Neu ist der Begriff der Würde nicht, er lässt sich historisch durchaus zurückverfolgen, Was ich hier aber nicht ausführlich tun möchte. Nur noch soviel: In der Aufklärung schrieb der Naturrechtsphilosoph Samuel von Pufendorf:

„Der Mensch ist von höchster Würde, weil er eine Seele hat, die ausgezeichnet ist durch das Licht des Verstandes, durch die Fähigkeit, die Dinge zu beurteilen und sich frei zu entscheiden, und die sich in vielen Künsten auskennt.“

Er verknüpft die menschliche Würde mit der Vernunft und der (Entscheidungs-)Freiheit, eine Verbindung, die sich auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 findet:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Kürzlich hörte ich eine Sendung über Menschenwürde. Im Grundgesetz gilt diese – wir sahen es oben – als unanstastbar und zwar für alle Menschen ohne Unterschied allein aufgrund ihres Mensch-Seins. Ferdinand von Schirach hat diese Unantastbar bezweifelt und ein Buch mit dem Titel „Die Würde des Menschen ist antastbar“ geschrieben, in dem er ausgeführt, sie würde täglich angetastet durch unsere gesellschaftlichen Umstände, welche mehr auf Profit als auf Mitmenschlichkeit ausgerichtet sind.

Die Würde wird oft herbeigeholt, wenn es darum geht, Argumente für etwas zu finden, manchmal für verschiedene Standpunkte. Man denke zum Beispiel an die Sterbehilfe: Beide Seiten argumentieren mit der menschlichen Würde, um ihre Position zu begründen. Und manchmal kommt es mir so vor, als wäre die Würde ebenso ein Konjunktiv wie das entsprechende Verb in der Form: Sie würde schon jedem zukommen, die Würde, aber darum können wir uns gerade nicht kümmern…

In dieser Sendung wurde argumentiert, dass Würde nur bei entsprechenden kognitiven Fähigkeiten verletzt werden könne, da jemand, der eine Erniedrigung nicht als solche empfinde, könne gar nicht verletzt werden. Schlimmer noch: Mangels dieser kognitiven Fähigkeiten und auch der Möglichkeit auf freie (politische) Entscheidungen sprach man Babies und Kleinkindern, zudem entsprechend Behinderten und Dementen Würde ab (was nicht hiess, dass man sie nicht trotzdem gut behandeln müsse). Und ich merkte, wie sich alles in mir sträubte.

Auf den ersten Blick könnte man denken, diese Argumentation stimmt überein mit Pufendorf und in der Menschenrechtserklärung, wo Würde mit Vernunft und freier Entscheidung zusammenfällt. Sich auf Pufendorf zu berufen, wäre in meinen Augen keine hinreichende Begründung für das Absprechen von Würde in der heutigen Zeit. Pufendorf attestiert dem Menschen durchaus Würde aufgrund einer Seele, welche er als vernunftbegabt und zu Entscheidungen fähig sieht. Wenn man allerdings die rassistische und frauenabwertende Sicht der Philosophen der Aufklärung kennt, ist mit einer solchen Begründung wohl auch Schwarzen und Frauen eine entsprechende Seele und damit die Würde abgesprochen worden. In der Menschenrechtserklärung heisst der erste Satz ganz klar:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Alle. Frei und gleich geboren. Mit Würde und Rechten. Die nachfolgende Beschreibung macht das nicht rückgängig. Sie ist auch nicht als nachträglich einschränkende Bedingung formuliert. Insofern behält der erste Satz seine Gültigkeit. Das muss so sein, denn: Könnte man Würde all denen absprechen, die keine ausgebildete Kognitionsfähigkeit zum Erfassen der eigenen Würde haben, wäre Würde eine reine Zuschreibung. Diese erfolgte aufgrund verschiedener Fähigkeiten und Möglichkeiten und wäre in der Form eher beliebig, da Fähigkeiten und Möglichkeiten in unterschiedlichen Kulturen und zu unterschiedlichen Zeiten verschieden bewertet werden.

Würde hat aber eine tiefere Bedeutung. Würde ist etwas dem Menschen immanentes, das schreibt keiner nach irgendwelchen Kriterien zu. Wir haben uns Wesen gegenüber so zu verhalten, dass ihre ihnen eigene Würde nicht verletzt wird – egal, ob sie von ihrer Würde wissen oder eine Verletzung derselben empfinden (können). Wenn wir Würde von individuellen Befindlichkeiten abhängig machen, siegt die Willkür, was dazu verleiten kann, moralische Pflichten des (eigenen) Verhaltens zu vernachlässigen – man kann sich immer darauf berufen, dass man nicht hätte ahnen können, wie der andere etwas empfindet und sich mit Unabsichtlichkeit herausreden: „Mich würde das nicht stören, man wird ja wohl noch sagen/tun dürfen…“

Ich möchte es vorläufig mit Schiller halten:

„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!“

Die Würde steht jedem Menschen zu. Es ist an jedem Einzelnen, Menschen dementsprechend zu behandeln. Menschen verlieren ihre Würde nicht durch fehlende Fähigkeiten oder Möglichkeiten, andere Menschen sprechen sie ihnen ab durch ihr falsches, unwürdiges, entwürdigendes Verhalten – und das tun sie zu Unrecht. Jeder Mensch besitzt eine Würde und wir haben uns Menschen gegenüber so zu verhalten, dass diese gewahrt ist. Weil sie Menschen sind und damit wie wir das Recht darauf haben.

Die beste aller möglichen Welten

Hier in Spanien gibt es in den Felsen der Hügel Höhlen. In diesen Höhlen wohnen Menschen, die sonst kein Zuhause haben in der Welt. Gestern erzählte mir jemand von einem jungen Mann aus Dänemark, der in einer solchen Höhle lebt. Er spricht ein wenig Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, hält sich mit einigen Gelegenheitsjobs soweit über Wasser, dass er nicht verhungert. Seine Schuhe haben Löcher, so dass die Zehen rausschauen. Alles, was er hat, trägt er bei sich – es ist wenig.

Vor dem Einkaufszentrum, in welchem ich hier meine Lebensmittel einkaufe, sitzt seit Jahren Tag für Tag ein Mann in ausgeleierter Kleidung, mit verfilzten Haaren. Bei ihm sind seine zwei Hunde. Er sitzt da bei den Einkaufswagen, hilft ab und zu, wenn jemand Hilfe benötigt, spielt ansonsten auf dem Handy. Wir grüssen uns immer freundlich, wir kennen uns und wissen doch nichts voneinander.

Ich frage mich immer wieder, wie es soweit kommen kann. „In unseren Breitengraden wird jedem geholfen, da muss keiner so enden.“ Das hörte ich grad gestern wieder. Und ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, dass einer von den Menschen hier in den Höhlen sich als Lebensziel gesetzt hat, da zu landen. Als ich davon anfing, dass es möglich sein muss, unsere Wirtschaft so zu verändern, dass wirklich allen geholfen ist, wurde ich als naive Philosophin hingestellt. Nun ja, ich sage nicht, dass es einfach ist, aber ich bin überzeugt, dass es theoretisch möglich sein müsste. Ich bilde mir nicht ein, dass ich diese Lösung als einzige finden würde, aber darüber nachdenken möchte ich. Zumal ich denke, dass der erste Schritt in eine bessere Welt das wachsende Bewusstsein ist, das geweckt werden muss. Nicht nur in Bezug auf die Armut in der Welt, sondern auch in Bezug auf unsere ökologischen Probleme, die dringend einer Lösung bedürfen, wollen wir unsere Welt nicht an die Wand fahren. Die Lösungen müssen nachhaltiger sein als einfach Benzin durch ebenso schädliche Autobatterien zu ersetzen. Es reicht nicht, Oberflächenkorrekturen vorzunehmen, wir müssen in die Tiefe steigen:

Was hat welche Wirkung, was brauchen wir, welche Mittel haben wir, das zu erreichen und wie setzen wir es um. Ich möchte daran glauben, dass ich nicht einfach eine naive Philosophin bin, sondern dass es gelingen kann, die Welt zu einer zu machen, in der wir alle ein gutes Leben leben können. Auch die nachfolgenden Generationen.

Als ich gestern meine Hoffnungen für eine bessere Welt mit weniger Armut äusserte, kamen doch auch Reaktionen, dass diese utopisch sei – weil schon so lange nicht realisiert. Ich frage mich: Was ist die Alternative? Die Welt dem Abgrund geweiht zu sehen und schon mal vorsorglich reinzuspringen? Das möchte ich nicht glauben. Ich habe mich bislang im Leben nicht als Optimisten gesehen, wobei ich wohl auch kein Pessimist bin – und doch möchte ich mich hier zur optimistischen Seite zählen, frei nach dem Spruch von Theo Lingen:

„Lieber ein enttäuschter Optimist, als ein Pessimist, der recht hat.“

Wir leben in einer Welt mit verschiedenen Ungleichgewichten: arm – reich, Frau – Mann, Schwarze – Weisse, Mensch – Natur, Staat – Wirtschaft. Im Vergleich zu früher haben wir in verschiedenen Punkten Verbesserungen erreicht (das Patriarchat ist rechtlich abgeschafft, in den Köpfen muss noch einiges gehen, Rassismus ist mehr ins Bewusstsein gerückt, etc. ), was Hoffnung auf mehr macht, in anderen Punkten wurde es eher schlimmer (die Ausbeutung der Natur schreitet voran), in meinen Augen aber nicht hoffnungslos. Was sicher ist: Um Veränderungen zu bewirken, bedarf es eines Umdenkens. Wir müssen weg von der Mentalität, dass der Staat unsere Bedürfnisse befriedigen muss, hin zu einem Denken für mehr Gemeinwohl. Weg aus der egozentrierten Selbstoptimierungshaltung hin zu mehr Gemeinsinn. Wir müssen hinsehen und erkennen, welchen Beitrag wir selber leisten. Und wir müssen bereit sein, etwas zu verändern, auch wenn wir selber dadurch Einschränkungen erleben. Wir haben das Glück, in einer Demokratie zu leben, was die wohl einzige Staatsform ist, die Möglichkeiten bietet, gemeinsam Probleme zu bewältigen. Dazu müssen wir uns aber auch einbringen und in den Dialog treten.

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

Inhalt

„Weil das Leben […] keinen vorgegebenen Sinn hat, ist der Weg für den einzelnen Menschen frei, ihm jeden Sinn zu geben, den er möchte. Wenn unser Leben einen Sinn hat, dann einen, den wir selbst ihm geben, und nicht einen, der fertig vorgegeben wäre… Wir [sind] Urheber und Autoren unserer selbst.“

Es gibt einige Fragen, die sind so alt wie die Menschen selber, sie haben Philosophen beschäftigt, seit es diese gibt. Die Frage nach dem Sinn ist eine davon. Aristoteles sah den höchsten Sinn des Lebens in der Glückseligkeit, die es zu erreichen gilt, nachfolgende Denker fanden die verschiedensten sinngebenden Dinge, bis hin zu Sartre, der im Leben gar keinen Sinn mehr sah ausser dem, den man diesem selber gibt.

Terry Eagleton schafft es auf humorvolle, kurzweilige Art, die Sinnfrage neu aufzurollen und sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Eine abschliessende Antwort findet er nicht, aber er liefert höchst unterhaltsam Einblicke und Gedankenanstösse. Als Fazit könnte vielleicht folgendes gelten:

„Der Sinn des Lebens ist nicht die Lösung eines Problems, sondern eine bestimmte Art, zu leben. Er ist nicht metaphysisch, sondern ethisch. Er ist … das, was das Leben lebenswert macht, d.h. eine bestimmte Qualität, Tiefe, Fülle und Intensität des Lebens.“ „Sinn ist .. ein auf Dauer unabgeschlossener Prozess.“

Weitere Betrachtungen

„Es gibt einen häufig genannten Grund, weshalb manche Denker die Frage nach dem Sinn des Lebens selbst für eine sinnlose Frage halten: Sinn sei eine Sache der Sprache und nicht der Dinge. Er sei keine Eigenschaft von Dingen wie etwa die Textur, das Gewicht oder die Farbe, sondern habe damit zu tun, wie wir über Dinge reden…. Nach dieser Theorie können wir dem Leben durch unser Reden einen Sinn geben, aus sich selbst heraus kann es keinen haben.“

Der Mensch denkt, so lange er lebt. Das merkt man, wenn man denkt, nicht mehr denken zu wollen, zum Beispiel bei einer Meditation. Dann erst fällt einem auf, was einem die ganze Zeit meist unbewusst durch den Kopf schiesst. Leben ohne zu denken ist ein Ding der Unmöglichkeit, da wir die Welt nur denkend – und das ist durch Sprache – erfassen. Erst wenn wir sie denken können, befinden wir uns in der Welt. Erst wenn wir sie benennen können, haben wir eine Beziehung zu derselben.

Insofern ist Sinn immer auch ein sprachliches Phänomen, eines der eigenen sprachlichen Verortung in der Welt.

„Über die Welt nachzudenken ist Teil unserer Art, in der Welt zu sein.“

Persönlicher Bezug

„Die grosse Sinnfrage taucht meist in Zeiten auf, in denen wir bislang als gesichert geltende Rollen, Überzeugungen und Konventionen in eine Krise geraten.“

Wenn das Leben gut läuft, keine Probleme aufwirft, ist die Sinnfrage wohl selten sehr präsent – ausser man stellt sie sich als Philosoph quasi beruflich. Im alltäglichen Leben taucht sie dann auf, wenn die Dinge nicht mehr laufen, wie man sie gerne hätte, wenn Unglück oder Leid über einen hereinbricht und man sich fragt: Wozu das Ganze, warum? Man sucht einen Sinn in allem, was passiert, um es dann einordnen und dadurch besser damit umgehen zu können.

Wenn wir etwas Sinn zusprechen, können wir es besser annehmen, weil es eine Bedeutung bekommt, mit der wir etwas anfangen können. Dann haben wir eine Art, die Dinge zu fassen und gewinnen dadurch eine Hoffnung, damit umgehen zu können. Sinn ist also auch etwas, das hilft, das Leben zu leben, weil es dieses fassbar macht und ihm dadurch gefühlt etwas von der Willkür nimmt, die man sonst fürchten müsste.

Fazit
Ein unterhaltsames, differenziertes und gut lesbares Buch über den Sinn des Lebens, wieso es ihn nicht gibt und wir ihn trotzdem finden können. Sehr empfehlenswert.

Autor
Terry Eagleton ist Professor für Englische Literatur an der University of Manchester und Fellow der British Academy. Der international gefeierte Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker hat über 50 Bücher verfasst. Auf Deutsch liegen u.a. vor Der Sinn des Lebens (2008), Das Böse (2011), Warum Marx recht hat (2012) und Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch (2016).

Angaben zum Buch
Herausgeber: List Taschenbuch; 6. Edition (13. Januar 2010)
Taschenbuch: 160 Seiten
Übersetzung: Michael Bischoff
ISBN-Nr.: 978-3548609430

Tagesgedanken: Was kann ich wissen?

Kürzlich dachte ich so bei mir, dass ich vieles nicht weiss, weil mich Dinge früher zu wenig interessiert haben oder ich zu sehr mit anderem beschäftigt war. Und es kam das Gefühl auf: Das kann ich nie mehr aufholen. Es war ein Bedauern darin. Wenn ich lese, komme ich meist von einem Buch zu xxx anderen, die auch noch lesenswert wären. Ich lege Listen an und sehe diese immer mehr anwachsen. Und mir wird bewusst: Das werde ich nie alles lesen können, es wird mir nie möglich sein, alles wirklich tief zu ergründen. Auch da schwingt ein Bedauern mit und immer die Frage: Könnte ich mehr tun? Müsste ich mehr tun? Alles werde ich wohl nie wissen, das ist mir klar, aber zu sehen, wie wenig vom grossen Ganzen ich selber erfasse, gibt ab und zu das Gefühl des Klein-Seins. Hier Sokrates zu zitieren wäre zu billig…

Neben dem Bedauern denke ich aber auch, dass es vielleicht gut ist, sich bewusst zu sein, wie wenig man eigentlich weiss – wissen kann. Da draussen ist so viel und wir haben nie alles von allen Seiten im Blick. Umso erstaunlicher ist es doch, mit welcher Vehemenz teilweise Dinge behauptet werden, Wissen demonstriert wird. Wie viele (oft selbsternannte) Experten erklären uns die Welt, im Glauben, die einzig richtige Sicht auf alles zu haben? Und wie oft lassen wir uns davon beeindrucken und fühlen uns klein daneben, statt wirklich zu hinterfragen, ob das wirklich so ist, so sein muss, oder ob es nicht auch andere Möglichkeiten gäbe, die Dinge zu sehen?

Ein gutes Beispiel sind die russischen Medien: Sie fälschen gezielt Informationen, um das Volk zu manipulieren. Wer einfach in blindem Glauben und Gehorsam folgt, wird nur das von der Welt wissen, was ihn andere glauben machen wollen. Kant sagte einst, man solle den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Ich ziehe meinen Hut vor dem Mut von Maria Ovsiannikova, ich hätte ihn wohl nicht, aber es zeigt, dass man Dinge immer hinterfragen sollte, im Wissen, dass man die Wahrheit vielleicht nie entdeckt, sich ihr aber annähern kann durch eine Ausweitung des eigenen Blicks, die verschiedene Perspektiven zulässt.

Martha Nussbaum: Königreich der Angst

Gedanken zur aktuellen politischen Krise

Inhalt

„Wenn Menschen Angst voreinander und vor einer unbekannten Zukunft haben, führt dies leicht dazu, dass ein Sündenbock gesucht wird, dass Rachefantasien und ein giftiger Neid auf die Bessergestellten (seien es die Wahlsieger oder die sozial und wirtschaftlich Mächtigeren aufkommen.“

Wir leben aktuell in einer Welt, durch die ein tiefer Riss geht. Die gesellschaftliche Spaltung zeigt sich in verschiedenen Bereichen, sie vergrössert sich in den Verhältnissen von arm und reich, aber auch in den verschiedenen Gesinnungen der Menschen. Menschen bilden Gruppen und stellen sich gegen andere Gruppen, man befeuert sich gegenseitig innerhalb der eigenen Gruppe, der Dialog mit der anders denkenden fällt aus. Das Gefühl eines Miteinanders im Grossen ist schon lange Geschichte und die Gräben werden immer tiefer.

Wie kam es dazu? Was hat dazu geführt, dass sich Menschen immer mehr voneinander entfernen und entfremden? Martha Nussbaum geht diesem Problem auf den Grund und kommt zum Schluss, dass politische Vorgänge immer auf Emotionen gründen, allen voran rangiert die Angst. Menschen sehen sich durch die zunehmende Globalisierung immer machtloser und kleiner, sie fürchten um ihren Platz in der Welt. Aus Angst heraus suchen sie Schuldige für diese Gefühle und finden sie auch: Andere Rassen, Geschlechter, Religionen, etc.

Wir müssen diese Mechanismen erkennen, damit wir sie aus der Welt schaffen und wieder zusammenwachsen können. Martha Nussbaums Buch ist ein guter Weg dahin.

Weitere Betrachtungen

„Die Schuldzuweisung gibt uns eine Strategie an die Hand: Jetzt werde ich meinen Willen mit Toben und Lärmen durchsetzen. Doch sie drückt auch ein ihr zugrunde liegendes Bild von der Welt aus: Die Welt sollte uns geben, was wir verlangen. Wenn Menschen das nicht tun, sind sie böse.“

Niemand ist gerne machtlos, man möchte etwas tun, man möchte sich die eigene Welt sichern und sich in der Welt, in der man lebt, zu Hause fühlen. Aus dieser Hilflosigkeit und Angst heraus begehren wir auf, wir nutzen soziale Medien und die Kraft der Gruppe, um unseren Unmut kundzutun. Wir fühlen uns in der Gruppe stark und gehen gegen die Sündenböcke los. Und bei dem Unterfangen erwarten wir, dass der Staat hinter uns steht. Er soll uns die Welt bereiten, die wir uns wünschen. Tut er das nicht, unterstellen wir ihm falsche Interessen und Prioritäten.

In dieser Haltung zeigt sich eines deutlich: Der Mensch sieht sich als Konsument in einer Welt, die für ihn wie ein Markt funktionieren soll. Während laut Forderungen zur Befriedigung der eigenen Interessen gestellt werden, schwindet die aktive Teilhabe an politischen Vorgängen immer mehr.

„In allen Gesellschaften werden Gruppen von Menschen marginalisiert und als zweitrangig behandelt… Im Gegensatz dazu ist in modernen Demokratien die. öffentliche Norm in der Regel eine des gleichen Respekts und der gleichen Berücksichtigung. Wenn es zur Herabstufung einer Gruppe kommt, verletzt dies die eigenen Gerechtigkeitsnormen der Gesellschaft.“

Die Demokratie ist die Staatsform, in der die Macht beim Volk liegt, sprich, das Volk hat es durch seine Teilhabe in der Hand, die Umstände im Sinne der eigenen Werte zu gestalten. Die Verfassung ist Ausdruck dieser Werte, die Umsetzung kann durchgesetzt werden. Dazu bedarf es aber der aktiven Teilhabe durch staatliche Rechtsmittel, lauter Protest und innerstaatliche Grabenkämpfe sind da wenig hilfreich.

Wir müssen aufpassen, denn:

„Die Demokratie kann zerbrechen, wenn wir der Angst nachgeben.“

Persönlicher Bezug

„Sokratisches Denken ist eine Praxis der Hoffnung, weil es eine Welt des Zuhörens, der leisen Stimmen und des gemeinsamen Respekts vor der Vernunft schafft.“

Ich wünsche mir eine Welt, in der wir wieder miteinander reden und gemeinsam für die gute Sache kämpfen. Ich wünsche mir eine Welt, in der nicht der recht hat, welcher am lautesten schreit, sondern wir durch das Zusammentragen von verschiedenen Stimmen eine gemeinsame Lösung finden. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir einander wieder zuhören, voneinander lernen, aneinander wachsen. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir uns nicht immer weiter voneinander entfernen, sondern wieder mehr zusammenwachsen.

Fazit
Ein tiefgründiges, differenziertes und doch gut lesbares Buch über das Phänomen der Angst und deren gefährlichen Folgen für die Gesellschaft und die Demokratie. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Martha Nussbaum ist Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago. Mit ihrem umfangreichen Werk hat sie mehrere Literaturpreise und über sechzig wissenschaftliche Ehrengrade erhalten und gilt als eine der profiliertesten Philosophinnen der Gegenwart.

Angaben zum Buch
Herausgeber: wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG); 1. Edition (14. Januar 2019)
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Übersetzung: Manfred Weltecke
ISBN-Nr.: 978-3806238754

Lohnungleichheit Frauen und Männer

Ich habe mich in der letzten Zeit in Ökonomie-Bücher gestürzt – eine neue Welt, die für mich zwar anstrengend war durch die doch trockenen Fakten, die mir aber auch ganz neue Einblicke ins Leben und in die Welt eröffnet haben. Mir wurde einmal mehr bewusst, wie wertvoll es ist, die eigenen Pfade ab und an zu verlassen und Neues zu entdecken. Ich kam zum Schluss, dass eigentlich ökonomische Zusammenhänge ganz viel von unserem (Zusammen-)Leben bestimmen, dass diese Zahlen und Fakten viel mehr sind als nur das. Sie bestimmen Lebensumstände.

Es gibt den Spruch, dass das, was einer hat, bestimmt, was einer ist. Das ist ein Denken, das man gerne ablehnt, weil man findet, den Mensch mache viel mehr aus als sein Besitz. Man liest den Ausspruch in der Weise, dass das Haben wichtiger ist als das Sein und ist darüber moralisch empört, da das Sein doch viel zentraler ist. Nur: Um sein zu können, muss man etwas haben, denn ohne die grundlegende Finanzierung dieses Seins wird dieses Sein nicht nur kein befriedigendes sein, sondern sogar ein leidvolles. Und das ist es in der heutigen Zeit immer noch für viele Menschen auf dieser Welt.

Befasst man sich intensiver mit der Thematik der Geldverteilung auf dieser Welt, sieht man, dass diese alles andere als gleich oder gerecht ausfällt. 1 % der Menschen am oberen Ende der Skala besitzt mehr als 50 % am unteren zusammen. Die Menschen am ganz unteren Ende haben von allem zu wenig, ihr Überleben ist auf menschenwürdige Weise oft nicht mehr möglich. Hier möchte ich eine andere Ungleichheit herausgreifen: Die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Die Zahlen dazu habe ich aus dem Buch „Der Sozialismus der Zukunft“ des französischen Ökonomen Thomas Piketty. Es versammelt seine Kolumnen aus Le Monde aus den Jahren 2016 – 21.

Im Alter von 25 arbeiten beide Geschlechter in vergleichbaren Stellen, da beträgt der Einkommensunterschied zwischen 10 und 20 %. Im Laufe der Jahre werden Männer mehr befördert als Frauen, der Unterschied steigt an, liegt bei 50 Jahren bei 60 & und kurz vor der Rente bei 64 %. Das sind die Zahlen aus Frankreich im Jahr 2016, ich denke aber, viel hat sich da noch nicht geändert und auch in anderen Ländern wird es nicht komplett anders sein. Piketty hat berechnet, dass dies aber schon eine Verbesserung zu früher darstellt, und da, wenn die Entwicklung so weiter geht, wir im Jahr 2102 Lohngleichheit haben werden.

Ich frage mich, ob wirklich jemand mit einem Ansatz von Gewissen in einer solchen Welt leben möchte?! Oft heisst es, das patriarchalische System hänge noch in den Köpfen, diese Umstände seien den Ängsten der Männer vor Macht- und Jobverlust geschuldet, weshalb sie die alten Strukturen leben liessen. Ich kann (will) nicht glauben, dass jemand am Abend wirklich noch in den Spiegel schauen könnte, wenn er das bewusst so geplant hätte. Sind uns diese Zahlen zu wenig bewusst? Müssten wir uns mehr dafür einsetzen, diese Missstände aufzuzeigen? Wer? Wo? Auf welche Weise? Was können wir tun? Mir war das alles nicht in dem Ausmass bekannt (in Ansätzen aber schon). Das Thema will ich weiter verfolgen, vor allem auch, weil ich denke, dass mit dieser Ungleichheit noch ganz viele andere Probleme dieser Welt zusammenhängen, Piketty spricht in dem Zusammenhang auch von er weltweiten Armut sowie dem Klimaschutz.

Helen Pluckrose, James Lindsay: Zynische Theorien

Wie aktivistische Wissenschaft Race, Gender und Identität über alles stellt – und warum das niemandem nützt

Inhalt

„Die Kernprobleme der Critical-Race-Theorie sind: dass sie Kategorien rund um das Thema Race wieder soziale Bedeutung zuschreibt und damit Rassismus entfacht, dass sie rein auf der Theorieebene argumentiert, dass sie sich auf das postmoderne Wissensprinzip und das politische Prinzip des Postmodernismus stützt, dass sie zutiefst aggressiv ist, dass sie ihre Relevanz für alle Aspekte sozialer Gerechtigkeit behauptet und dass sie nicht zuletzt von der Annahme ausgeht, Rassismus sei immer und überall gegeben.“

Ein neuer moralischer Kanon erobert die Universitäten und breitet sich in der Gesellschaft aus: Das System ist strukturell schlecht und gefährlich, Menschen sind historisch geprägt und damit in ihren Rollen festgeschrieben – Weisse sind per se Rassisten (und nur sie), Männer toxisch, Heterosexuelle rückständig und andere Formen der Sexualität unterdrückend und Sprache ist sexistisch und abwertend. Mit aggressiven Ansätzen und halbwissenschaftlichen Methoden versuchen Vertreter der sogenannten Social-Justice-Bewegung unter dem Deckmantel des Strebens nach mehr sozialer Gerechtigkeit und weniger Diskriminierung ein Weltbild zu zementieren, das keinen Widerspruch duldet.

Helen Pluckrose und Janes Lindsay nehmen sich in diesem Buch dieser Thematik an, analysieren die vorgebrachten Theorien und setzen sie in Bezug zu einem Liberalismus, welcher sich die gleichen Ziele auf die Fahnen schreibt, dies aber mit einem realistischeren Menschenbild und einer freiheitlicheren Methode, welche mit Dialog statt mit absolutistischen Argumenten agiert.

Herausgekommen ist eine tiefgründige Analyse des postmodernistischen Gedankenguts der Social-Justice-Bewegung, die sich auf die Fahnen schreibt, sich für die soziale Gerechtigkeit und gegen Diskriminierung (in Bezug auf Race, Gender und Identität) einzusetzen, dabei die Deutungshoheit für sich proklamiert und der Sache an sich einen Bärendienst erweist auf diese Weise.

Weitere Betrachtungen

„Wenn beispielsweise von „Rassismus“ gesprochen wird, bezieht sich das Wort nicht auf rassistische Vorurteile, sondern vielmehr, nach Definition der Social-Justice-Bewegung, auf ein grundlegend rassistisches System, das die gesamte Gesellschaft durchzieht und weitgehend unsichtbar und unbemerkt bleibt; es kann nur von denjenigen erkannt werden, die Rassismus selbst erfahren oder die richtigen „kritischen“ Methoden erlernt haben, mit deren Hilfe sich dieser allgegenwärtige, versteckte Rassismus aufspüren lässt.“

Alle Weissen sind per se Rassisten. Ihre Hautfarbe macht sie dazu. Wenn sie sich einsetzen gegen Rassismus, wenn sie sich stark machen für Opfer von Rassismus, sind sie umso mehr Rassisten, da sie mit dem Einsatz nur (unterbewusst) ihre Schuld zu verdecken suchen. Jeder Weisse muss sich schämen. Das sind die Ansichten in Bezug auf Rassismus, wie sie von der Social-Justice-Bewegung vertreten werden. Analog argumentieren sie bei anderen Themen wie Gender und Sexismus. Sie argumentieren vordergründig sachlich und nachvollziehbar, oft mit akademischem Anspruch (dem Postmodernismus verpflichtet), allerdings immer unter Ausklammerung von Gegenargumenten, die sie nicht nur nicht berücksichtigen, sondern auch nicht hören wollen. Jegliche Art von Widerspruch wird als Rassismus, Sexismus oder Diskriminierung aufgrund der sexuellen Ausrichtung ausgelegt.

„Dessen [Liberalismus] wichtigsten Grundsätze bestehen in politischer Demokratie, in der Einhegung und Begrenzung der Regierungsmacht, der Entwicklung universeller Menschenrechte, rechtlicher Gleichheit erwachsener Bürger, Meinungsfreiheit, dem Respekt für die gesellschaftliche Bedeutung von Meinungsvielfalt, offenen Debatten, Evidenz und Vernunft der Trennung von Kirche und Staat und der Religionsfreiheit.“

Soziale Gerechtigkeit ist ein Ziel, das schon der Liberalismus anstrebt und zwar mit Argumenten, die auf einem Menschenbild von Freien und Gleichen basiert, die wissenschaftlich fundiert und zielorientiert sind. es geht beim Liberalismus darum, dass Individuen im Zentrum stehen und gemeinsam für eine Welt kämpfen, in welcher gleiche Rechte und keine Diskriminierung vorherrschen. Der Postmodernismus geht weiter:

„Es geht um die Rekonstruktion der Gesellschaft nach dem Vorbild einer Ideologie, die sich selbst als „Social Justice“ bezeichnet.“

Der Postmodernismus unterstellt, dass die Gesellschaft unterlaufen ist von althergebrachten Strukturen, die nur von den Eingeweihten wahrgenommen und von den anderen geglaubt werden müssen. Die Argumentation des Postmodernismus zeichnet nicht nur das Bild des Menschen als ein für allemal festgeschrieben ohne eigene Möglichkeit des Hinterfragens und sich Positionierens, sie ist auch zutiefst demokratiefeindlich, da sie einen Dialog per se ausschliesst. Sie weist totalitäre Ansprüche auf und ist nur schon deswegen höchst bedenklich.

Persönlicher Bezug

„Wir vertreten die Ansicht, dass die Methoden der Social-Justice-Forschung einen immensen wissenschaftlichen wert haben und die Sache der Menschheit beträchtlich voranbringen können (nicht zuletzt was die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit betrifft), wenn sie reformiert und wissenschaftlich hieb- und stichfest gemacht werden.“

Soziale Gerechtigkeit ist ein grosses Thema und eines, dass die Menschen theoretisch und als Betroffene seit Menschengedenken beschäftigt. Immer wieder gab es Bewegungen, die sich mit viel Kraft für mehr Rechte einsetzte, immer wieder kam es auch zu Fortschritten, welche aus der Gesellschaft eine immer gerechtere machten: Rassismus ist im Gesetz verankert, Chancengleichheit für Männer und Frauen ebenfalls, Gewalt aufgrund von Geschlecht, Rasse, Religion und mehr wird geahndet, sexistisches Verhalten ebenfalls. Dass nach so vielen Jahrzehnten der Prägung in vielen Köpfen noch alte Rollenmodelle und damit auch Verhaltensmuster präsent sind, verwundert nicht. Statt aber diese grundsätzlich fest- und zuzuschreiben, damit Gräben zu errichten und eigentlich mit derselben Argumentation zu agieren, die man eigentlich bekämpfte, wäre es sinnvoller, die tatsächlichen Missstände zu benennen, sie dadurch ins Bewusstsein zu rufen und Methoden zu entwickeln, wie man ihnen beikommen könnte.

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Mensch sich ändern kann, dass er zwar in eine Welt geworfen wird, die er sich nicht ausgesucht hat, dass er durchaus auch geprägt wird von dieser Welt, dass er aber die Fähigkeit hat, sich und die Welt zu hinterfragen und sich in dieser Welt nach seinen Werten zu positionieren. Ich halte es mit dieser Sicht mit Sartre, welcher befand, dass man sich selber erschaffen kann, dass dies die anzustrebende Freiheit ist, die aber eine Verantwortung mit sich bringt, nämlich die Verantwortung für das eigene Sein. Damit wäre keiner durch irgendein äusseres Merkmal ein für alle Mal festgeschrieben, sondern es bestünde die Möglichkeit einer Veränderung, was sich im Miteinander zeigen könnte und zu einer gerechteren Welt führen könnte.

Fazit
Ein tiefgründiges, differenziertes und doch gut lesbares Buch über über das postmodernistische Gedankengut der Social-Justice-Bewegung, die der sozialen Gerechtigkeit einen Bärendienst erweist mit ihren aggressiven und absolutistischen Argumenten. Sehr empfehlenswert.

Die AutorInnen
Helen Pluckrose ist liberale Publizistin, Gründerin der Plattform „Counterweight“ und ehemalige Chefredakteurin des „Areo Magazine“. Sie hat zahlreiche Essays über die Postmoderne, die kritische Theorie, den Liberalismus, Säkularismus und Feminismus verfasst. Pluckrose lebt in London, England.

James Lindsay ist Mathematiker und Buchautor. Seine Essays sind in zahlreichen Zeitungen und Magazinen erschienen, darunter das „Wall Street Journal“, die „Los Angeles Times“ und „Time“. Lindsay lebt in Tennessee, USA.

Angaben zum Buch
Herausgeber: C.H.Beck; 1. Edition (17. Februar 2022)
Taschenbuch: 380 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3406781384

Susan Arendt: Rassismus begreifen

Vom Trümmerhaufen der Geschichte zu neuen Wegen

Inhalt

«Die Meinungsfreiheit lässt ausreichend Raum dafür, etwas als rassistisch oder eben auch nichtrassistisch zu bezeichnen. Am Ende aber ist Rassismus keine Meinung, sondern eine Macht und Herrschaftsstruktur, die vermittels Privilegierung und Diskriminierung Leben bewertet, beeinflusst, beeinträchtigt und beendet.»

Rassismus ist ein Thema, das uns seit vielen Jahrzehnten beschäftigt und nie ganz zum Verschwinden gebracht werden konnte. Zwar gab es immer wieder Bewegungen, die sich dagegen einsetzten, es wurden auf verschiedenen gesellschaftlichen und auch politischen Ebenen Fortschritte erzielt, doch sind auch heute noch rassistisches Verhalten und rassistisch motivierte Gewalt an der Tagesordnung.

Susan Arndt geht dem Thema Rassismus auf den Grund, sie analysiert dessen Entstehungsgeschichte und die gegenwärtige Situation, um so zu einem besseren Verständnis kommen, da nur dieses helfen wird, Rassismus erfolgreich zu bekämpfen.
 
Weitere Betrachtungen

«Zur Geschichte der Menschheit gehört es, dass sich Gesellschaften immer wieder geopolitisch voneinander abgrenzen – mit allen dazugehörigen Konflikten und Kriegen, Eroberungen und Okkupationen, Ent- und Besiedlungen sowie Erzählungen, dass die Anderen anders seien. kulturell, religiös oder körperlich, in gegebenen Verschränkungen.»

Gruppen definieren sich durch das Gemeinsame, welches sie gerne dadurch besonders herausschälen, dass sie sich von anderen abgrenzen. Die Anderen sind dann die, welche abgewertet werden müssen, um die eigene Gruppe an die Macht zu stellen. Dies ist im Laufe der Geschichte immer wieder passiert, dieses Denken hat sich kulturell und sozial tief eingegraben. Dass etwas, das so lange gewachsen ist, sich in den einzelnen Köpfen sowie in gesellschaftlichen und politischen Institutionen festgesetzt hat, liegt auf der Hand.

„So wie Frauen nicht als Frauen geboren, sondern dazu gemacht werden… werden auch Männer vom Patriarchat dazu geformt, wie Männer zu ticken. Analog dazu werden Menschen beispielsweise in Schwarze oder weisse Positionen hineinsozialisiert – ob sie nun (so) möchten oder nicht. …Diese existieren unabhängig davon, ob sie wahrgenommen oder reflektiert werden.“

Argumente wie dieses hört man heute oft von postmodernistischen VertreterInnen der sogenannten Social-Justice-Aktivistinnen. Es wird damit ein Menschenbild zementiert, das dem Menschen die Selbstreflexion und die Möglichkeit einer Veränderung, wo nötig und gewünscht, absprechen. Ein so geartetes Menschenbild schreibt alle Macht gegebenen Strukturen zu, welchen der Mensch hilflos ausgeliefert ist. Das ist eine bedenkliche und von mir abgelehnte Sicht. Ich bin der Überzeugung, dass der Mensch durchaus in der Lage ist, sein Tun zu hinterfragen (ich behaupte nicht, dass dies in jedem Fall passiert) und sich entsprechend zu verhalten. Ansonsten wäre eine Verbesserung von gegenwärtig als Missstand wahrgenommenen Situationen gar nicht möglich. Die Geschichte zeigt, dass dies nicht stimmt.

«Weil es der Lebenssinn des Rassismus ist, aus dem Herzen von weisser Macht und Herrschaft heraus weisse Überlegenheit zu behaupten und Weisse zu privilegieren, können Schwarze, die das anzweifeln oder gar Schwarze Überlegenheit postulieren, nicht rassistisch sein.»

Auch dieses Argument ist abzulehnen. Es wäre ein Messen mit unterschiedlichen Massstäben. Zwar ist es in der Tat so, dass – gerade durch die Geschichte – die weissen Privilegien durchaus mehr vertreten sind, der Rassismus auch heute noch oft von Weissen ausgeht, doch zeigt auch da die Geschichte, dass nicht „nur“ die Hautfarbe Grund für Rassismus ist, und dass es nicht vertretbar ist, einem Menschen aufgrund seiner Zugehörigkeit welcher Art auch immer Eigenschaften zuzuschreiben.
 
 
Persönlicher Bezug

«Rassismus ist ein System, und in diesem tragen Individuen zwar Mitverantwortung, können es aber auch nicht einfach so verlassen. Umgekehrt heisst das, dass Rassismus zwar nicht durch ein blosses Wollen Einzelner ad acta gelegt werden kann, es aber dennoch auf jede*n ankommt. Es bedarf also systemischer Prozesse, die individuell mitgetragen werden, und individueller Initiativen, die systemische Prozesse anstossen und tragen.»

Ich habe in diesem Buch oft die postmodernistische Sicht auf das Problem des Rassismus beanstandet, da es einerseits zu Widersprüchen im Buch selber führte, andererseits auch eine Rollenverteilung in Stein meisselt, die einerseits auf einem falschen Menschenbild beruht, wie ich denke, andererseits aber keinem hilft. Indem man versucht, Schwarze zu Opfern, Weisse zu Tätern zu machen, nimmt man beiden die Möglichkeit einer Selbstwirksamkeit. Schwarze könnten sich nach dieser Sicht nie selber wehren, sie bedürften eines Systems, das sich ihnen annimmt und für sie die Steine aus dem Feuer holt. Das würde die Schwarzen zu unmündigen, hilflosen Wesen machen und sie in ihrem Selbstverständnis herabsetzen. Weisse dahingegen wären in ihrer Täterrolle, die sie – so heisst es – oft gar nicht sehen, festgeschrieben und könnten sich nicht verändern, da alles, was sie tun, durch ihr Weiss-Sein bereits rassistisch wäre.

Ich bin der Meinung, dass Rassismus durchaus noch ein systembedingtes, strukturelles Problem ist, da das Denken noch in zu vielen Köpfen sitzt. Es ist aber auch ein individuelles, indem jeder selber für sein Denken und Tun insofern verantwortlich gemacht werden muss, dass es ihm frei steht, es zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern. Insofern vertrete ich die Ansicht, dass wir auf allen Ebenen ansetzen müssen: Der Mensch selber muss sein eigenes Tun hinterfragen, dazu bedarf es des Bewusstseins für die Missstände und die eingeprägten Sichtweisen. Dieses Bewusstsein zu schaffen ist wichtig und nötig und da können aufklärerische Texte helfen. Es braucht aber auch eine Analyse der heutigen Systeme, um unterschwellig vorhandenen Rassismus aufzudecken und zu bekämpfen. Dies können wir nur gemeinsam schaffen, Schwarze und Weisse, die miteinander für die eine gerechte Gesellschaft einstehen.

Fazit
Ein grundsätzlich informatives, ausführliches, gut recherchiertes Buch über Rassismus, was er bedeutet und wie er entstanden ist. Dabei zu oft mit postmodernistischen Argumenten agierend, was zu Widersprüchlichkeiten führt. Empfehlenswert.
 
Autorin
Susan Arndt ist Professorin für englische Literatur- und Kulturwissenschaft und Anglophone Literaturen an der Universität Bayreuth.
 
 
 
Angaben zum Buch
Herausgeber: C.H.Beck; 1. Edition (2. November 2021)
Gebundene Ausgabe: 477 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3406765544
 
 

Wie retten wir unsere Demokratie?

Am 24. Juni 1995 wurde Südafrika zum Rugby-Weltmeister gekürt. Rugby war in Südafrika bis dahin der Sport der Weissen gewesen, Schwarze wurden lange Jahre vom Sport ausgeschlossen. Nelson Mandela wollte aufzeigen, dass Sport verbinden kann, er überreichte dem Siegerteam in dessen Trikot die Trophäe und zu Tränen gerührt verkündeten die Spieler, diesen Sieg für ganz Südafrika geholt zu haben. An diesem Abend feierten alle gemeinsam, Schwarze und Weisse, diesen Triumph. Die Springboks, die früher für die Apartheid standen, wurden zu einem Symbol der Hoffnung. Das hätte nach den Jahren der Apartheid mit all ihren grausamen, diskriminierenden Massnahmen gegen die schwarze Bevölkerung der Anfang eines friedlichen Zusammenlebens sein können. Leider fehlte dafür der Mann, der es in die Hand nahm, und die rassistischen Zustände in Südafrika verstärkten sich wieder.

Was Nelson Mandela aufzeigte, war, dass wir verbindende Massnahmen brauchen, keine trennenden, wenn wir einem System Herr werden wollen, das Menschen diskriminiert. Die Menschen weiter gegeneinander aufzuhetzen, um eigene Interessen (so wichtig und richtig sie auch sein mögen) durchzusetzen, wird zu keinem friedlichen Miteinander führen. Leider ist das bis heute in vielen Köpfen nicht angekommen, im Gegenteil:

Immer mehr (mehrheitlich) Linke konzentrieren sich auf eine Identitäts-Politik, indem sie sich auf eine Gruppe von Minderheiten konzentrieren, deren Rechte sie durchsetzen wollen. Zwar ist der Einsatz für benachteiligte Gruppen und deren Gleichberechtigung und Würde zu befürworten, allerdings werden dazu aktuell mehrheitlich Opfernarrative bemüht, welche dazu dienen sollen, sich gegen andere Gruppen zu behaupten. Das führt dazu, dass es zu einer immer grösseren Aufspaltung der Gesellschaft kommt. Die Menschen fühlen sich nicht mehr als Teil der (staatlichen) Gemeinschaft, sondern als Teil einer kleinen Gruppe, welche gegen andere Gruppen kämpft. Die Solidarität untereinander nimmt ab, der Blick aufs Gemeinwohl schwindet zugunsten der Fokussierung auf partielle Interessen. Der Politologe Francis Fukuyama sieht in dieser Bewegung die Gefahr eines neuen Tribalismus.

Dass bei dieser Entwicklung immer auch Menschengruppen durch die Maschen der Aufmerksamkeit fallen, bleibt nicht aus. Vor allem die Arbeiterklasse, mehrheitlich weisse Europäer, Menschen, die finanziell und sozial am unteren Ende der Gesellschaft stehen, fühlen sich nicht mehr beachtet, sie fühlen sich in ihren Sorgen und Nöten nicht mehr wahr- und ernstgenommen und damit in der Gesellschaft und von der Politik nicht mehr repräsentiert. Das spielt populistischen Parteien in die Hände, die sich diesen Menschen annimmt und ihnen versprechen, was sie vermissen. Sie scheinen ihnen so die verloren gegangene Würde zurückzugeben. Diese Tendenz zeigt sich in vielen Nationen, in denen es zu einem deutlichen Rechtsrutsch und zu Erfolgen populistischer Parteien gekommen ist.

Ich denke, in unseren Breitengraden kann man von einer allgemeinen Befürwortung des demokratischen Systems sprechen – welches andere politische System wäre besser? Eine liberale Demokratie gestattet es dem Menschen, in grösstmöglicher Freiheit im Wissen um den Schutz derselben und der eigenen Person und Eigentumsverhältnisse zu leben und an der Steuerung des Landes teilzuhaben durch die demokratischen Mittel, die das Volk gemeinsam in den Händen hat. Nur: Diese Befürwortung verkommt mehr und mehr zur Theorie, die tatsächliche Lage der Nation sieht anders aus.

Wollen wir die Demokratie retten und damit ein Gesellschaftssystem der Teilhabe bewahren, müssen wir den Blick wieder vermehrt auf das Gemeinwohl lenken. Oft wird das mit einem Abbau individueller Rechte und Freiheiten gleichgesetzt, was aber nicht stimmt, eigentlich im Gegenteil. Indem wir uns politisch dafür einsetzen, dass wir ein System realisieren können, in welchem Diskriminierung und Unterdrückung beseitigt werden, in welchem jeder Bürger die gleichen Rechte an der Teilhabe und Möglichkeiten, seine Fähigkeiten zu verwirklichen, hat, verbessern wir die Lage jedes Einzelnen und fördern auch das Gemeinwohl, weil eine Gesellschaft mit weniger Ungleichheiten zugleich eine besser gestellte ist, eine, in welcher Menschen untereinander eine Verbindung spüren und nicht gegeneinander ins Feld ziehen.

Die Grundfragen, die sich stellen, sind immer wieder dieselben:

Was ist ein gutes Leben?
In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Wenn wir nur darauf fokussieren, was für uns persönlich ein gutes Leben wäre, dabei nicht berücksichtigen, dass wir als Individuen nie ohne die soziale Welt auskommen können, ignorieren wir die Bedingungen, die überhaupt erst ein gutes Leben ermöglichen. Der Blick auf Einzelinteressen wird immer zum Ausschluss der Anderen führen und damit nichts Gutes bringen. Identitätspolitik, die nur die Interessen der eigenen Gruppe vertritt, wird für diese Gruppe und die Gemeinschaft keine gute Welt schaffen. Es wäre an der Zeit, sich wieder mehr auf den integrativen Charakter der Demokratie zu konzentrieren. Wir müssen als Gemeinschaft für gerechte Strukturen innerhalb unseres demokratischen Systems sorgen, wir haben es durch unsere Teilhabe an politischen Entscheiden in der Hand, unser Land mitzugestalten und damit die Lebensbedingungen der Menschen in ihm.

Fukuyamas Lösung für das Problem besteht darin, „größere und einheitlichere nationale Identitäten zu definieren, welche die Mannigfaltigkeit liberaler demokratischer Gesellschaften berücksichtigen“*. Es gilt, ein nationales Bewusstsein zu entwickeln, das auf Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und Menschenwürde baut und nicht durch Volkszugehörigkeit, Rasse, Geschlecht oder Religion bestimmt ist. Dieses einende Bewusstsein könnte auch der Tendenz der letzten Jahre, dass immer weniger Menschen wirklich an der Demokratie partizipieren, entgegen wirken. Dies war nämlich ein weiterer Effekt der vermehrten Individualisierung: Man war kaum mehr bereit, sich für etwas zu engagieren, zu dem man sich nicht zugehörig fühlt.

Um diese Teilhabe wirklich zu befördern, bedarf es einer politischen Bildung, die bereits in der Schule stattfinden müsste. Demokratisches Handeln muss gelernt, Werte und Möglichkeiten müssen vermittelt werden, damit sie umgesetzt werden können. Dazu gehört auch der Blick auf Missstände wie Diskriminierung. Dazu gehört auch der Blick auf historisches Unrecht, das es künftig zu vermeiden gilt. Dazu gehört auch der Blick aufs Ganze, weg vom Einzelnen. Nur wenn wir sehen, dass wir nicht nur vom Staat fordern können, was wir denken, dass es uns gebührt, sondern als Bürger auch etwas zurückgeben müssen, werden wir einen Staat und damit ein Zusammenleben gestalten können, in dem jeder die Anerkennung bekommt, die ihm zusteht, weil er ein Mensch unter Menschen ist und dadurch die gleiche Würde, den gleichen Wert besitzt.

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*vgl. zu dem Thema Francis Fukuyama, Identität: Wie der Verlust unserer Würde die Demokratie gefährdet

Flüchtlinge – oder: Werte auf dem Prüfstand

Lange dachten viele von uns hier im westlichen Europa, wir wären die Generationen, die nie einen Krieg erlebt haben oder erleben würden. Zwar gab es auf der Welt durchaus Krieg, doch der war immer woanders. Er war weit weg und wir verschlossen die Augen, so gut es eben ging. Gestört in unserer heilen Welt wurden wir nur, wenn Menschen aus Kriegsgebieten plötzlich in Scharen über die Grenzen wollten, wenn Menschen, die nicht mehr bleiben konnten, wo sie waren, Zuflucht suchten.

Unsere Sicht mussten wir revidieren. Es ist Krieg. Und er ist nicht so weit weg, als dass er uns nicht betreffen müsste. Ein machtbesessener, grössenwahnsinniger und selbstherrlicher Herrscher will sich ein Denkmal setzen und sein Machtgebiet zu ihm genehmen Grössen anwachsen lassen. Dafür geht er sprichwörtlich über Leichen, überschreitet mit fadenscheinigen (wenn auch durchaus immer mit ein bisschen Wahrscheinlichkeit behafteten) Gründen ebenso sprichwörtlich die Grenzen. Die Ukraine verteidigt ihr Land, sie sagen, wenn nötig mit allem, was nötig ist, was schlussendlich das Leben sein kann. Und oft sein wird. Viele Menschen fliehen, weil ein Leben so nicht mehr lebenswert, oft nicht mal mehr lebbar ist. Häuser liegen in Trümmern, die Welt, wie sie mal war, existiert für sie nicht mehr.

„Flüchtlinge sind heutzutage jene unter uns, die das Pech hatten, mittellos in einem neuen Land anzukommen und auf die Hilfe der Flüchlingskomitees angewiesen waren.“*

Diese Worte stammen von Hannah Arendt, zum ersten Mal erschienen sie 1943 in der Zeitschrift The Menorah Journal im Aufsatz We Refugees (Wir Flüchtlinge). Auch wenn sie sich in diesem Aufsatz auf die Flucht der Juden aus Deutschland bezieht, hat sich an der Grundproblematik bis heute nichts geändert – das Thema ist aktuell und wird es so lange bleiben, wie irgendwo auf der Welt Krieg herrscht.

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüsst, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein.“*

Immer wieder hört man, Flüchtlinge überfluten unsere Länder, sie machen unsere Kultur kaputt, weil sie zu viel von ihrer mitbringen. Die Menschen hier sehen sich in ihrer Identität gefährdet, weil sie plötzlich mit Neuem konfrontiert sind. Nur: Wenn man sich mal mit der anderen Seite befasst, sieht man, dass nicht die Menschen hier es sind, deren Identität in Gefahr ist. Die Menschen, die hier herkommen, die ihre Sprache, ihre Gebräuche, ihre Gewohnheiten hinter sich lassen mussten, oft auch die Mehrheit der Familie und Freunde, sie sitzen in einem fremden Land, in dem sie von vielen nicht willkommen sind, sind fremden Bräuchen ausgeliefert und haben vieles, das Bestandteil ihrer Identität war, verloren. Vielleicht ist es vor diesem Hintergrund klar, dass sie sich ein paar Dinge bewahren wollen – und sei es nur die Religion, die denen, die glauben, Halt geben kann in einer sonst haltlosen Situation.

„Der Mensch ist ein geselliges Tier, und sein Leben fällt ihm schwer, wenn er von seinen sozialen Beziehungen abgeschnitten ist. Moralische Wertvorstellungen sind viel leichter im gesellschaftlichen Kontext aufrecht zu erhalten.“*

Man sperrt Flüchtlinge in Heime, am liebsten möglichst weg von den Siedlungen der Menschen hier. Es wird von Standortentwertung gesprochen durch Flüchtlingsheime, man fürchtet um Leib und Leben, fühlt sich nicht mehr sicher, wenn die Flüchtlinge hier sind. Fast könnte man meinen, es ginge um eine Horde wilder Tiere, über die gesprochen wird, aber nein, es sind Menschen.

Leiden verbindet, insofern ist es nicht verwunderlich, dass Menschen, die hierher kamen durch eine Flucht, sich aneinander halten. Da viele hier zudem Berührungsängste haben, bleibt den Neuankömmlingen (diese Bezeichnung hätte sich Hannah Arendt statt Flüchtling gewünscht) wenig anderes übrig. Genau das ist aber problematisch. Wie sollen sich Menschen hier integrieren können, wenn man sie ausschliesst? Wie sollen sie unsere Gebräuche kennenlernen und sich einbringen lernen, wenn man sie nicht lässt? Wie sollen sie sich hier heimisch fühlen, wenn man sie wie Aussätzige behandelt?

Wir sprechen immer von Menschlichkeit und Mitgefühl, schreiben ethische Werte auf unsere Flaggen, aber: Wenn es drauf ankommt, ist sich oft jeder der Nächste. Dann zählt plötzlich der Schutz der eigenen Persönlichkeit, die man durch das Kommen (zu vieler, wie man findet) Fremder gefährdet sieht, mehr als Hilfe für oft um Leib und Leben bangende Menschen, die die grössten Strapazen auf sich nahmen, nur um wenigstens eine Chance auf Überleben zu haben. Schön wäre es, würde es nicht beim Überleben bleiben, sondern ein Leben draus. Und da sind wir gefordert.

Flüchtlinge nehmen uns nicht die Arbeit weg, sie haben ihre verloren. Sie stehlen auch unser Geld nicht. Wir haben Gesetze und Richtlinien, wie man Menschen in welchen Notlagen helfen kann – so funktioniert ein Sozialstaat, zu dem wir alle grundsätzlich ja sagen – ansonsten müsste man die gesetzlichen Grundlagen ändern, nicht den Flüchtlingen die Schuld zuweisen, denn sie haben weder die Gesetze gemacht noch können sie irgendwas hier bewegen. Insofern sind sie Gäste in einer fremden Kultur, an der sie in vielen Bereichen nicht teilhaben können.

Es wird nun an uns sein, zu zeigen, dass Werte wie Menschlichkeit, Empathie und Solidarität nicht nur leere Worte sind. Es wird an uns sein, Gastfreundschaft zu zeigen, gemeinsam ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in welchem Menschen, die dringend Zuflucht brauchen, diese finden und fühlen: Hier darf ich sein, hier kann ich auf- und durchatmen.

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*Hannah Arendt: Wir Flüchtlinge

Heimat

Ich bin in meinem Leben oft umgezogen. Wenn ich sagen müsste, woher ich komme, was meine Heimat ist, wäre es schwer. Klar kann ich aufzählen, wo ich geboren wurde, wo ich aufwuchs – aber ist das heute noch zu Hause, nachdem ich über die Hälfte meines Lebens weg bin und auch damals keinen wirklichen Bezug zu der Stadt hatte? Oder ist Zuhause der Ort, den ich mir selber aussuchte, um da zu leben, und den ich am besten kenne von allen Städten, in denen ich mal gelebt habe? Oder ist Zuhause der Ort, an dem ich nun lebe und wo ich mich wohl fühle?

Ich beneide manchmal Menschen, die an einem Ort aufwuchsen, Freunde fanden, blieben. Mit festen Wurzeln im Boden und im Leben. Sie scheinen in einer Welt zuhause zu sein, die sie antrafen und in die sie hineinwuchsen. Das hatte ich nie. Was bei mir immer das gleiche blieb, war das Land. Und: Alle meine Ortswechsel waren freiwillig, sie waren meine eigene Wahl. Wie muss es Menschen gehen, die nicht mehr bleiben können, weil Bleiben den Tod bedeuten könnte? Wie muss es Menschen gehen, die ein Zuhause haben, es aber nicht behalten dürfen? Nicht nur sind sie zur Flucht gezwungen, am neuen Ort kann es ihnen passieren, dass sie verachtet werden, dass man sie nicht haben will, dass man sie als Schmarotzer sieht, gar hasst.

In dem Zusammenhang fällt mir immer Mascha Kalekos Gedicht ein:

Der Eremit

Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen,
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen sein Haus.*

Der Eremit traf auf eine Welt, die ihn nicht haben wollte. Er wählte das Exil in der Wüste und machte da das Beste aus seiner Situation. Das klingt positiv und nach einer guten Lösung, nur: Ist es das, was wir uns wünschen? Wäre eine Welt, in der wir uns zuhause fühlen dürften, weil wir angenommen werden, nicht schöner? Für alle schlussendlich? Es ist Zeit, uns damit auseinanderzusetzen…


*Zit. nach „In meinen Träumen läutet es Sturm“ © 1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München (https://www.dtv.de/search/result?search=kaleko)