Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

Inhalt

„Weil das Leben […] keinen vorgegebenen Sinn hat, ist der Weg für den einzelnen Menschen frei, ihm jeden Sinn zu geben, den er möchte. Wenn unser Leben einen Sinn hat, dann einen, den wir selbst ihm geben, und nicht einen, der fertig vorgegeben wäre… Wir [sind] Urheber und Autoren unserer selbst.“

Es gibt einige Fragen, die sind so alt wie die Menschen selber, sie haben Philosophen beschäftigt, seit es diese gibt. Die Frage nach dem Sinn ist eine davon. Aristoteles sah den höchsten Sinn des Lebens in der Glückseligkeit, die es zu erreichen gilt, nachfolgende Denker fanden die verschiedensten sinngebenden Dinge, bis hin zu Sartre, der im Leben gar keinen Sinn mehr sah ausser dem, den man diesem selber gibt.

Terry Eagleton schafft es auf humorvolle, kurzweilige Art, die Sinnfrage neu aufzurollen und sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Eine abschliessende Antwort findet er nicht, aber er liefert höchst unterhaltsam Einblicke und Gedankenanstösse. Als Fazit könnte vielleicht folgendes gelten:

„Der Sinn des Lebens ist nicht die Lösung eines Problems, sondern eine bestimmte Art, zu leben. Er ist nicht metaphysisch, sondern ethisch. Er ist … das, was das Leben lebenswert macht, d.h. eine bestimmte Qualität, Tiefe, Fülle und Intensität des Lebens.“ „Sinn ist .. ein auf Dauer unabgeschlossener Prozess.“

Weitere Betrachtungen

„Es gibt einen häufig genannten Grund, weshalb manche Denker die Frage nach dem Sinn des Lebens selbst für eine sinnlose Frage halten: Sinn sei eine Sache der Sprache und nicht der Dinge. Er sei keine Eigenschaft von Dingen wie etwa die Textur, das Gewicht oder die Farbe, sondern habe damit zu tun, wie wir über Dinge reden…. Nach dieser Theorie können wir dem Leben durch unser Reden einen Sinn geben, aus sich selbst heraus kann es keinen haben.“

Der Mensch denkt, so lange er lebt. Das merkt man, wenn man denkt, nicht mehr denken zu wollen, zum Beispiel bei einer Meditation. Dann erst fällt einem auf, was einem die ganze Zeit meist unbewusst durch den Kopf schiesst. Leben ohne zu denken ist ein Ding der Unmöglichkeit, da wir die Welt nur denkend – und das ist durch Sprache – erfassen. Erst wenn wir sie denken können, befinden wir uns in der Welt. Erst wenn wir sie benennen können, haben wir eine Beziehung zu derselben.

Insofern ist Sinn immer auch ein sprachliches Phänomen, eines der eigenen sprachlichen Verortung in der Welt.

„Über die Welt nachzudenken ist Teil unserer Art, in der Welt zu sein.“

Persönlicher Bezug

„Die grosse Sinnfrage taucht meist in Zeiten auf, in denen wir bislang als gesichert geltende Rollen, Überzeugungen und Konventionen in eine Krise geraten.“

Wenn das Leben gut läuft, keine Probleme aufwirft, ist die Sinnfrage wohl selten sehr präsent – ausser man stellt sie sich als Philosoph quasi beruflich. Im alltäglichen Leben taucht sie dann auf, wenn die Dinge nicht mehr laufen, wie man sie gerne hätte, wenn Unglück oder Leid über einen hereinbricht und man sich fragt: Wozu das Ganze, warum? Man sucht einen Sinn in allem, was passiert, um es dann einordnen und dadurch besser damit umgehen zu können.

Wenn wir etwas Sinn zusprechen, können wir es besser annehmen, weil es eine Bedeutung bekommt, mit der wir etwas anfangen können. Dann haben wir eine Art, die Dinge zu fassen und gewinnen dadurch eine Hoffnung, damit umgehen zu können. Sinn ist also auch etwas, das hilft, das Leben zu leben, weil es dieses fassbar macht und ihm dadurch gefühlt etwas von der Willkür nimmt, die man sonst fürchten müsste.

Fazit
Ein unterhaltsames, differenziertes und gut lesbares Buch über den Sinn des Lebens, wieso es ihn nicht gibt und wir ihn trotzdem finden können. Sehr empfehlenswert.

Autor
Terry Eagleton ist Professor für Englische Literatur an der University of Manchester und Fellow der British Academy. Der international gefeierte Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker hat über 50 Bücher verfasst. Auf Deutsch liegen u.a. vor Der Sinn des Lebens (2008), Das Böse (2011), Warum Marx recht hat (2012) und Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch (2016).

Angaben zum Buch
Herausgeber: List Taschenbuch; 6. Edition (13. Januar 2010)
Taschenbuch: 160 Seiten
Übersetzung: Michael Bischoff
ISBN-Nr.: 978-3548609430

3 Kommentare zu „Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

  1. Ein vorzüglicher Text, halt auch weil er meinen Intentionen entspricht… Goethe geht im Faust noch weiter, was mir sehr gut gefällt:

    Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
    Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
    Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
    schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
    Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
    und schreib’ getrost: Im Anfang war die Tat!“

    Wobei die Tat wohl nur dann Wert hat, wenn sie Sinn macht. Also vielleicht ist wirklich am Anfang von allem die Sinnhaftigkeit.

    Gefällt 2 Personen

  2. Sandra: „Im alltäglichen Leben taucht sie [die Sinnfrage] dann auf, wenn die Dinge nicht mehr laufen, wie man sie gerne hätte, wenn Unglück oder Leid über einen hereinbricht … Man sucht einen Sinn in allem, was passiert, um es dann einordnen und dadurch besser damit umgehen zu können.“

    …um so die Kontrolle über das Leben zu gewinnen,
    die Oberhand. Nur haben wir die nicht.

    Schon wenn jemand sagt: „Ich atme“,
    ist das nicht wirklich zutreffend.

    Gut, ein paar Minuten lang können wir willentlich ein- und
    ausatmen. Aber wie lange? 10 Minuten? 20, 30, 60 Minuten?

    Wenn der Körper das nicht übernimmt,
    sind wir in kürzester Zeit hinüber.

    Letztlich haben wir keine Kontrolle über unser
    Leben. Wir können uns das allenfalls einbilden.

    🌾

    Glück und Unglück entstehen, wenn
    wir die Geschehnisse streng bewerten.

    Ansonsten gibt es weder
    das eine noch das andere.

    Für die Glück/Unglück-Münze entscheiden
    wir uns, wenn wir es dramatisch haben wollen.

    Steigen wir aus dieser Dramatik aus,
    landen wir… in der Zufriedenheit.

    Die Zufriedenheit kennt keine starken Ausschläge
    und ist von nichts und niemandem abhängig.

    Da fällt mir das Gebet des Reinhold Niebuhr ein…

    🌾

    Einen zufriedenen Tag 🌞
    (oder einen dramatischen)
    wünscht Nirmalo

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