Michael J. Sandel: Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun

Inhalt

„Es geht um die Frage, wie man die Einstellungen, Voraussetzungen und Charaktereigenschaften kultiviert, die in einer guten Gesellschaft wünschenswert sind.“

Der Philosoph Michael J. Sandel, Professor in Harvard, widmet sich in diesem Buch einer grundlegenden Frage, der der Gerechtigkeit. Anhand von aktuellen Ereignissen legt er die Konflikte dar, die entstehen können, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen, wie wir handeln sollen. Steht die Gemeinschaft zuvorderst und wir müssen nach dem grösstmöglichen Nutzen derselben trachten? Damit wären wir bei der Position der Utilitaristen. Auf der anderen Seite steht das Interesse des Individuums. Ist es legitim, ihm in Form von Steuern etwas wegzunehmen, um andere damit zu unterstützen?

Was ist gerecht und was zeichnet richtiges Handeln aus? Woher stammen die Kriterien, die wir anwenden, um dies zu entscheiden? Können wir rechtlich zur Solidarität verpflichtet werden oder müsste Hilfe immer ein freiwilliger Akt sein? Diese und weitere Fragen rollt Michael J. Sandel auf und analysiert die möglichen Antworten auf einer fundiert abgestützten Basis. Er legt gut verständlich die massgebenden Positionen von Kant, Rawls und Aristoteles dar, verweist auf die Utilitaristen Bentham und Mill, denen er die Position Nozicks entgegenstellt. Er vergleicht den voluntaristischen Entwurf der Person mit einem narrativen und entwickelt aus all dem eine Theorie des richtigen Handelns, wie es in einer nach Gerechtigkeit strebenden Gesellschaft gelebt werden sollte.

Weitere Betrachtungen
Sandel konstatiert generell, dass wir immer mehr materiellen statt moralischen Werten nachhängen, und propagiert eine Verschiebung zurück zu den Werten, weg von den Dingen. Damit negiert er nicht die Relevanz materieller Güter, im Gegenteil, er zeigt auf, wie die (fehlende) Verteilungsgerechtigkeit durchaus weitreichende Konsequenzen hat.

„Eine zu grosse Kluft zwischen Reich und Arm untergräbt die Solidarität, die für eine demokratische Bürgerschaft unerlässlich ist. Aufgrund der grossen sozialen Ungleichheit entfernt sich die Lebenswelt der Reichen zunehmend von jener der Armen.“

Damit zieht Sandel eine direkte Linie von der Ungleichverteilung der Güter hin zum Gemeinwohl. Die Ungleichverteilung lässt also nicht nur die Armen leiden, sondern sie hat Auswirkungen auf die ganze Gemeinschaft, welche die immer grösser werdende Kluft nicht nur im sozialen Miteinander, sondern auch in der Ausübung der Bürgerpflichten, welche für eine lebendige demokratische Gemeinschaft wichtig wären, spürt.

„Einrichtungen, die einst Menschen zusammenbrachten und als informelle Schulen staatsbürgerlicher Tugenden dienten, werden immer seltener. Die Aushöhlung des öffentlichen Raums erschwert es, die Solidarität und den Gemeinschaftssinn zu pflegen, von denen eine demokratische Zivilgesellschaft abhängt.“

Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun ist ein sehr fundiertes, klar durchdachtes und leicht lesbares Buch, welches die vielleicht wichtigste Frage des individuellen wie des sozialen Lebens verständlich an aktuellen Beispielen aufrollt und analysiert. Sandel stellt die unterschiedlichen philosophischen Ansätze des liberalen Egalitarismus, des Libertarianismus, des Utilitarismus sowie die Moralkonzeption Kants und Aristoteles’ fair nebeneinander, erläutert ihre Vor- und Nachteile und schält so langsam einen Begriff der Gerechtigkeit heraus. Schlussendlich präsentiert er seine eigene Position, welche an Aristoteles und Alasdair McIntyre anlehnt und am amerikanischen Kommunitarismus orientiert ist. Kernpunkt dieser Theorie ist sicher der am Gemeinwohl orientierte Dialog aller Menschen, die einander als Menschen verpflichtet sind.

Persönlicher Bezug
Es gibt wenige Bücher, die auf so gut lesbare Weise so viel Tiefe und fundiertes Denken an den Tag legen. Michael J. Sandel gelingt es, anhand von vielen anschaulichen Beispielen die grundlegenden Fragen danach zu stellen, was wir tun sollen, wie wir leben sollen, um ein gutes Leben zu ermöglichen für alle. Er legt den Finger in die Wunden der heutigen Gesellschaften, bespricht die fehlende Bereitschaft zur Teilhabe an der Demokratie, wodurch die Mittel fehlen, die nötig wären, das Land zu gestalten und die Frage, was wir tun sollen und können, mit zu beantworten.

Er zeigt, was es bedeutet, wenn einige immer mehr und andere immer weniger haben. Nicht nur leiden die Armen unter ihrer Situation, diese Ungleichheit hat einen massgeblichen Einfluss auf das ganze System: Es driftet auseinander, und das nicht nur finanziell, sondern auch in der Haltung. Wie soll man Solidarität mit jemandem empfinden, der so weit von einem weg ist? Wieso sich kümmern, wenn man gar keinen Bezug mehr hat? Und wenn ein Problem ansteht, das alle miteinander betrifft, kämpfen sie in Lagern gegeneinander, statt solidarisch miteinander für die wichtige Sache. Es ist Zeit, aufzuwachen und diesen Riss zu kitten, der sich durch die Gesellschaft bahnt. Gerechtigkeit ist der Leim dazu.

Fazit
Ein sehr fundiertes, gut strukturiertes, gut verständlich geschriebenes Buch zu einem grossen und schwierigen, nichtsdestotrotz wichtigen Thema.

Zum Autor:
Michael J. Sandel, geboren 1953, ist politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Seine Vorlesungsreihe über »Justice« machte ihn zum weltweit populärsten Moralphilosophen.

4 Kommentare zu „Michael J. Sandel: Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun

  1. Befriedung durch Balance

    Sandra: „…eine Theorie des richtigen Handelns, wie es in einer nach Gerechtigkeit strebenden Gesellschaft gelebt werden sollte.“

    „Sollte…“

    Denn das tatsächliche Streben gilt nicht einer Idee wie „Gerechtigkeit“,
    sondern ganz praktisch dem eigenen Vorteil, sofern dieser für die Einzel-
    Person gesetzeskonform, also (für sie) schadlos umgesetzt werden kann.

    Der hier zentrale Begriff der Gerechtigkeit selbst wird wohl nicht näher
    beleuchtet; ist aber erforderlich, da er selber nur eine Theorie darstellt:

    Es gibt keine „Gerechtigkeit“, außer als
    realitätsfernes Hirngespinst ohne Wert.

    Die „Ungerechtigkeit“ beginnt bereits mit der Geburt.
    Hierbei meine ich nicht das soziale, intellektuelle oder
    wirtschaftliche Umfeld, in das jemand geboren wird.

    Ludwig van Beethoven hatte sechs Geschwister ― aber nur von ihm
    hat man gehört. Nur er brachte das Ausnahmetalent mit, an dessen
    Werken noch wir als späte Nachfahren unsere Freude haben können.

    Noch ein Beispiel. Man hat von einem Tellerwäscher gehört,
    der zum Millionär wurde, nachdem er das Trockentuch an
    den Nagel gehängt hatte. ― Es gibt viele Tellerwäscher, aber
    nur dieser brachte die entsprechenden Voraussetzungen mit.

    Gerechtigkeit und Gleichheit gibt es nicht.

    Was es aber gibt, was erreicht werden kann, ist eine
    permanente Ausrichtung auf Befriedung durch Balance.

    Eine intelligente Gesellschaft wird
    vorrangig die Harmonie im Fokus haben.

    Daß Diversität nicht gleichbedeutend sein muß
    mit Mißklang, zeigt uns jedes Sinfonie-Orchester.

    Hier geht es nicht darum, zu diktieren, sondern zu harmonisieren,
    es geht darum, die Verschiedenheiten in Einklang zu bringen.

    🌿

    Sandra: „eine Theorie des richtigen Handelns…“

    Hier berühren wir „Weisheit“ und „Geistige Reife“
    ― denn „richtiges Handeln“ setzt Reife voraus.

    Wo das rechte Handeln nicht gewußt
    ist…, müssen Moral und Gesetze her.

    Daß unsere Gesellschaft als Ganze nicht reif genug ist,
    richtig zu handeln, zeigt die Zahl der Gerichtsverfahren.

    Wo z.B. die Entlohnung für die selbe Leistung allein aufgrund des Geschlechts
    differiert, mangelt es nicht an „Gerechtigkeit“, sondern an Weisheit und Reife.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich weiss gar nicht, ob es richtig wäre, wenn es einen Leitfaden gäbe, das Richtige zu tun. So habe ich aufgrund Deiner Rezension das Buch nicht verstanden. Gerechtigkeit ist für mich nicht zwingend eine Frage der Moral, sondern der Ethik, der Haltung. Insofern ist es wohl nicht möglich, das Richtige zu tun, aber eine humanistische Ethik ermöglicht es mir, das Angemessene zu tun. Angemessen in dem Sinne, dass es Betroffene zu Beteiligten, Gekränkte zu Gesunden, Verlassene zu Verantwortlichen macht.
    Danke wiederum für die Anregungen

    Gefällt 1 Person

    1. Hannah Arendt hält sich bei der Suche nach dem richtigen Handeln nicht an eine von aussen gegebene Moral, sie geht auch weiter als Kants kategorischer Imperativ reicht, und hält sich eher an Sokrates, der fragt: Kann ich, wenn ich das tue, noch mit mir zusammenleben? – Die Frage nach dem richtigen Tun ist also eine Frage der Treue zu sich selber. Das gefällt mir.

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