Nicol Ljubic: Als wäre es Liebe

Liebe in Auszeiten

Gerhild verliebt sich in Friedrich. Das wäre nicht gar so aussergewöhnlich, wäre Friedrich nicht als „Bestie vom Schwarzwald“ bekannt und ein verurteilter Vergewaltiger und Mörder und Gerhild die Mutter eines erwachsenen Sohnes, welcher versucht, seine Mutter und deren Liebe zu verstehen.

Vielleicht wird sich der eine oder andere fragen, wie es für mich war, als ich erfuhr, dass meine Mutter diesen Mann offensichtlich liebte. Weil es doch nicht zu verstehen ist. Ein Mensch, der die Nähe eines Mörders sucht, sich in seine Arme sehnt, mit dem kann etwas nicht stimmen. Und dann handelt es sich bei diesem Menschen auch noch um die eigene Mutter. Noch dazu eine Mutter, die bis dahin jegliche Nähe gemieden hat. Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Ich war eifersüchtig.

Gerhild und Friedrich teilen die gemeinsamen Momente auf Friedrichs Freigängen. Auf diesen Ausflügen lernen sie sich kennen und lieben. Diese Liebe macht Gerhild zu einer Aussenseiterin, niemand will etwas mit einer Frau zu tun haben, die ein offensichtliches Monster liebt. Dies und auch die Kenntnis von Friedrichs Geschichte bestätigt Gerhilds Sicht, dass es die Umstände waren, die Friedrich zu dem machten, was er wurde, dass es nicht seine Schuld war. Vor allem aber erkannte sie, dass gewisse Fehler von der Gesellschaft  nie verziehen werden.

Sie ärgerte sich über die Verlogenheit. Sie sprachen von Resozialisierung, in Wirklichkeit ging es ums Wegschliessen, am besten für immer. Das nannte sich dann Sicherheitsverwahrung. Was hinter den Gefängnismauern geschah, interessierte die Gesellschaft nicht.

Eine eindringliche Geschichte erzählt von Gerhilds Sohn. Stimmig aufgebaut, flüssig erzählt, vom Erzählfluss her still und doch mitreissend. Ljubic gelingt es, die Psychologie einer ungewöhnlichen und auch unakzeptierten Liebe zu erzählen, ohne dabei psychologisierend zu wirken, der Verzicht auf Innenansichten und tiefschürfende Analysen lässt dem Leser die Möglichkeit, sich selber in die Figuren einzufühlen, die sich in ihrem Tun und Sein offenbaren.

 

Fazit:
Ein eindringlicher, psychologischer, tiefgründiger Roman. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Nicol Ljubić
Nicol Ljubić, 1971 in Zagreb geboren, wuchs in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet als freier Journalist und Autor. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis. 2010 erschien mit ›Meeresstille‹ sein zweiter Roman, für den er 2011 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis sowie den Verdi-Literaturpreis erhielt. Zuletzt gab er die Anthologie ›Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit‹ heraus. Nicol Ljubić lebt in Berlin.

 

ljubicAlswäreAngaben zum Buch:
Broschiert: 224 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Februar 2014)
ISBN-Nr.: 978-3423142892
Preis: EUR  9.90 / CHF 16.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

Lebe dein Leben

Jahre vergehen
wir waren mal nah,
verloren die Nähe,
verloren uns ganz,
Gedanken, sie kamen
und gingen dahin.
Die Trauer geschluckt,
den Alltag gelebt,
den Graben geschaufelt,
der Übergang fehlt.

Es plätschert der Fluss
und still liegt der See,
wir treiben dahin,
die Ruder im Schoss,
lassen geschehen,
dass Land ausser Sicht,
erzählen uns Gründe
und glauben uns nicht.

Der Tag, er wird kommen,
denn das tut er stets,
und er wird uns zeigen,
was wir überseh’n.
Wir werden erschüttert
und hören uns flehen,
zurück gibt es keines,
die Einsicht nur bleibt.
Drum lebe dein Leben
und lass dich nicht gehen,
sag was du fühlst,
bald ist es zu spät.

Der Weg

IMG_1376Angefangen,
losgegangen,
hoch geflogen,
tief gefallen,
aufgerappelt,
gerade gerückt,
weiter gegangen,
tief geflogen,
doch gefallen,
liegen geblieben,
Wunden geleckt,
nachgedacht,
Tränen abgewischt,
hoch gestemmt,
aufgestampft,
jetzt erst recht.

Jetzt

Wenn du jemanden liebst – sag es ihm. Wenn du jemanden sehen willst – geh zu ihm. Wenn du etwas zu klären hast – tu es. Es könnte sein, dass plötzlich der Tag kommt und es ist nicht mehr möglich, etwas zu sagen, hinzugehen, etwas zu tun. Wie würde sich das anfühlen?

Fehler im Leben

Ein weiser älterer Mann sagte mir heute:

Du darfst Fehler machen, aber du solltest nie denselben Fehler zweimal machen.

Ich fand den Spruch gut, nickte. Ein paar Stunden später dreht der Kopf. Wann weiss ich, was ein Fehler ist und was nicht? Können zwei Situationen gleich aussehen, sind es aber nicht? Definiert nicht erst das, was kommt eine heutige Entscheidung als richtig oder falsch? Frei nach Kierkegaard:

Das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.

Das Leben führt uns immer wieder in ähnliche Situationen. Wir gehen Beziehungen ein, haben Arbeitsstellen, pflegen Freundschaften. Alle diese Lebensumstände bringen gute und schwierige Zeiten mit sich, machen es nötig, ab und an Entscheidungen zu treffen für oder gegen etwas oder gar für oder gegen jemanden. Wenn ich nun einmal gegen jemanden entscheide, später in eine ähnliche Situation käme, die wieder eine Entscheidung forderte – wäre ein Entscheid dagegen der gleiche Fehler zum zweiten Mal? Oder ist es ein neuer Fehler, den ich nur aufgrund meiner Tendenz, im Leben immer einen Sinn und einen Zusammenhang zu suchen, als gleichen Fehler deklariere?

So gesehen wäre der Ausspruch, dass man aus Geschichte lernen sollte, falsch, da unmöglich. Jede neue Situation fordert ihre situative Entscheidung, die Geschichte mag zwar immer wieder ähnliche Situationen aufbringen, gleich sind sie nie – und die Folgen sind selten dieselben, selbst wenn man alles genau gleich macht. Dies hat den Grund darin, dass nie nur etwas für Folgen verantwortlich ist, sondern ein Zusammenspiel von vielen verschiedenen Faktoren. Die Entscheidung selber ist also stets nur ein Faktor.

Hatte der weise ältere Mann also nicht recht mit seinem Ausspruch? Vielleicht lässt sich der Ausspruch nicht eins zu eins umsetzen, aber er zeigt auf, dass man, wenn man in eine Situation kommt, besser mal zurück denkt, ob man Vergleichsfälle hat, wie man dann handelte und was dabei rauskommt. Zwar gibt einem niemand die Gewissheit, dass es dieses Mal gleich ist, es regt einen aber zum Abwägen an, lässt einen innehalten, die Situation noch einmal genau betrachten, die verschiedenen Wege noch einmal im Geiste beschreiten und mögliche Folgen bewerten. So gewappnet lässt sich dann eine überlegtere Entscheidung treffen, als man sie vielleicht aus dem hohlen Bauch oder auf die Schnelle getroffen hätte. Ob dann alles gut kommt oder nicht, weiss man nie vorher, allerdings hat man nach bestem Wissen und Gewissen entschieden und sollte der Entscheid später Folgen haben, die man lieber vermieden hat, kann man sich immer sagen, dass man es zum Zeitpunkt des Entscheids nicht wusste, was man nun weiss.

Und wer weiss: Ab und an haben Fehler, die man sich einst vorwarf, im noch späteren Nachhinein etwas Gutes gehabt. Auch das wäre möglich.

Das Leben

Des Lebens
Höhen
vermissen
ersehnen
erklimmen
erkunden
drauf schwimmen
geniessen

In des Lebens Tiefen
abtauchen
sich finden
schwimmen
sich suhlen
sich verfluchen
sie verdammen
sich fangen
untergehen
sich nach oben sehnen.

Des Lebens Ende
erahnen
fürchten
verdrängen
erinnern
kommen sehen
beweinen
ausreizen
annehmen
angehen
erleben.

Brot und Spiele

Ich mag keine halben Sachen. Alles oder nichts heisst die Devise. Wieso mich mit halben Sachen zufrieden geben, wenn ich alles haben könnte? Und wenn ich nicht alles haben kann, wieso die Brosamen nehmen, die jemand bereit ist, mir hinzuwerfen?

Hab ich es nötig? Bin ich nicht mehr wert? Was denkt der andere, der denkt, ich könnte damit zufrieden sein? Schätzt er mich so gering? Sich so gross? Wie hoch schätze ich mich, wenn ich das Angebot annehme? Die Brosamen schlucke? Denke ich nicht, ich habe eh nichts Besseres verdient? Bin ich schon so enttäuscht vom Leben, dass ich denke, es kommt sowieso nichts Besseres mehr nach? Ist der Hunger so gross, dass selbst ein Krümel besser scheint als gar nichts? Erachte ich den Anspruch, alles haben zu wollen, als zu hoch? Wieso?

Es ist schon so, alles ist kaum möglich. Alles, was ist, hat einen Preis und der Preis zieht sich von allem ab. Damit ist das Alles zwar nie 100% in allen Belangen, es ist aber 100% in dem Bereich, indem man es eingeht. Die Abzüge sind meist an anderen Orten. So kann man das Leben schlussendlich mathematisch aufschlüsseln. Die Romantiker unter uns mögen das grausam prosaisch schelten, allerdings steckt ein Stück Wahrheit drin und wenn diese hilft, den eigenen Wert zu bemessen – den, den wir uns selber geben und den, den uns andere zugestehen -, dann hat selbst die schnöde Mathematik ganz viel Gutes geleistet in unserem Leben.

Denn: Wenn wir uns nicht mehr wert sind als ein paar Krümel, werden wir auch nie mehr als das erhalten. Wir werden immer hungrig nach ihnen ausschauen und sie aufpicken, wenn wir sie sehen. Wenn wir sie ausschlagen (und dabei zu hören kriegen, wie lecker sie doch wären und wir sollen uns nicht so haben und uns den Genuss nicht versagen), weil wir wissen, dass wir ein ganzes Brot wert sind, wird das Brot kommen. Vielleicht in einer Form, an die wir heute nicht mal denken – aber es kommt. Dazu ist es aber dringend nötig, dass wir unseren eigenen Wert erkennen und uns nicht drunter verkaufen. Denn: Krümel können noch so viele kommen, satt machen sie nie, nur noch hungriger. Durch das ständige Naschen an ihnen werden wir aber das Brot übersehen, das sich uns anbieten könnte.

„Was wäre wenn“ und „wenn dann mal“

Wie oft verstricken wir uns in Gedankenspielereien, in denen wir uns ausmalen, wie unser Leben sein könnte, wenn es wäre, wie wir es gerne hätten. Wir benutzen die ganze Palette an bunten Farben, zeichnen jedes Detail genau, sehen es bildlich vor uns und schwelgen in sehnsuchtsvoller Freude ob des Gesehenen. Selber sitzen wir in einem Leben, das dem eben gemalten Bild kaum entspricht, oft sogar diametral davon verschieden ist.

Wir haben Gründe, Ausreden, Argumente, wieso nicht ist, was schön wäre. Wir sehen uns überall behindert, eingeengt, unfrei, zu erfüllen, wovon wir träumen. Und wenn der Druck der Fesseln zu gross wird, flüchten wir wieder in ein „Was wäre wenn“. Und malen bunt statt dem täglichen Einerlei und Grau zu erliegen.

Darauf angesprochen, wieso wir nicht tun, was wir gerne täten, fallen uns viele Dinge ein. Wir würden es sofort tun, wenn nur denn mal dies und das anders wäre. Wenn wir älter, freier, reicher, mutiger, schlänker, was auch immer wären, dann würden wir es tun. Dann wäre das, was wäre wenn, das erste, was ist – aber eben: Erst müsste eben… und wenn denn dann sei, dann wäre auch…

Und so gehen die Jahre vorüber, es ändert sich selten viel, die Träumereien bleiben, die Fesseln ebenso. Darauf angesprochen heisst es nur immer wieder: Ich würde ja schon gerne, aber ich kann halt nicht. Was meist eine Ausrede ist, denn meist könnte man schon, aber man will schlicht nicht wirklich, weil es Konsequenzen hätte, die man nicht tragen möchte. Und so bleibt das „Was wäre wenn“ ein bunter Traum, der ständig daran scheitert, dass „wenn dann mal“ keine verlässliche Grösse, sondern nur eine Ausrede ist.

Ist das zu hart? Das Leben lebte sich noch nie im Konjunktiv, es ist der Indikativ, der zählt. Aber: Niemand sagte, es sei leicht….

Noah Hawley: Der Vater des Attentäters

Die Suche nach dem Grund und eigenen Fehlern

Paul Allen, Arzt, Familienvater in zweiter Ehe, führt ein normales Leben, gutbürgerlich und unauffällig. Bis der Tag kommt, der alles auf den Kopf stellt. Im Fernsehen sieht er seinen Sohn aus ersten Ehe, der als Tatverdächtiger des Attentats auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten  von Beamten abgeführt wird. Paul Allen schwankt zwischen der Verzweiflung, dass sein Kind diese Tat begangen haben könnte und der Hoffnung, dass alles ein Irrtum ist.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Schläfen. Langsam musste ich mir eingestehen, dass ich hier nicht die Kontrolle hatte. Hatte ich sie überhaupt je gehabt? Kontrolle ist eine Illusion, eine übermütige Vorstellung. Wenn diese Menschen dort recht hatten, hatte ich ein Leben gezeugt, das ein anderes Leben beendet hatte.

Es folgt eine Suche nach der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen als Vater, die Analyse der Vergangenheit, in der Hoffnung, Antworten auf die immer drängenderen Fragen zu finden und die verzweifelte Suche nach einem Hinweis, dass alles doch ein Irrtum sein könnte. Sein Sohn Daniel hilft ihm nicht bei seiner Suche nach Antworten. Er bekennt sich schuldig, ohne über die Tat sprechen zu wollen, ergibt sich in sein Schicksal, der Todesstrafe entgegenzusehen.

Wir sind nicht alle auf Erden, um das Richtige zu tun.

Paul Allens Besessenheit, die Unschuld seines Sohnes beweisen zu wollen, wird zur Zerreissprobe für ihn selber, seine Familie und sein ganzes Leben.

Noah Hawley gelingt es, die inneren Kämpfe eines Mannes zu zeigen, der sein ganzes Leben plötzlich am Abgrund sieht. Alles, was er sich aufgebaut hat, die Normalität des Alltags, erscheint ihm als Illusion und er fragt sich, was er falsch gemacht hat, wo seine Schuld liegt am Tun anderer. Man merkt seinen detaillierten Beschreibungen von Personen, Landschaften und Abläufen an, dass er hauptsächlich als Drehbuchautor arbeitet. Er vermag es, den Leser zu packen und vor ihm Bilder und Charaktere entstehen zu lassen, die plastisch und nachvollziehbar sind. Ein sauber aufgebauter, gut durchdachter, schlüssig durchgezogener Roman. Ab und an zieht er sich ein wenig in die Länge, es fehlt an wirklichen Höhepunkten oder ergreifender Spannung, was aber durch die Neugier wettgemacht wird, die in einem wächst, weil man wissen will, wie es ausgeht.

Fazit:
Ein psychologischer, analytischer Roman über menschliche Beziehungen, Schuld und Verantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Noah Hawley
Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er arbeitete in einem Rechtshilfeverein für missbrauchte und verwahrloste Jugendliche, zog nach San Francisco und wurde Mitglied des San Francisco Writer’s Grotto. Heute arbeitet Hawley als Film- und Fernsehproduzent sowie als Drehbuchautor und hat vier Romane veröffentlicht. Er schrieb und produzierte die erfolgreiche TV-Serie Bones; er konzipierte und führte Regie bei den TV-Shows The Unusuals und My Generation und arbeitet zurzeit an einer TV-Adaption des Spielfilms Fargo der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.

HawleyAttentäterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (3. Februar 2014)
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
ISBN-Nr.: 978-3312006038
Preis: EUR  21.90/ CHF 34.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Hin und Her

Und irgendwann
trocknen die Tränen,
das Schluchzen stirbt.
Es bleiben bloss
Kloss und klammes Herz,
ein Loch im Bauch.

Man sieht’s im Spiegel,
leerer Blick,
die Nase rot,
die Lider schwer.
Es fehlt an Mut,
an noch viel mehr.

Man blickt zurück,
schluckt erst nur tief,
richtet sich auf,
schaut dann nach vorn,
und weiss bereits,
es geht noch mehr.

Weil – ja weil es muss
und weil es soll,
weil man es will,
hat man die Wahl?
Wär’ aufgeben nicht
nur noch mehr Qual?

Erst ein Blitz,
dann gar ein Strahl,
zeigt sich ein Licht
am Horizont,
fügen kleine Teile sich,
bilden so ein Ganzes.

Es geht voran,
man hofft erneut,
die Angst beständig
im Hinterkopf präsent,
auf ein gutes Ende,
irgendwann.

Ein erstes Lächeln,
das zweite glaubt man fast,
das dritte nimmt die Augen mit
erst nur wenig,
dann ein ganzes Stück,
bis es wirklich ist.

Und wieder zeigt es sich,
dass nichts gemeint
für immer ist.
Ob Glück, ob Leid,
sie wechseln stets,
was bleibt ist nur
das Hin und Her.

Stark sein

Wieviel Schwäche darf man zeigen,
ohne das Gesicht zu verlieren?
„Du bist so stark“ –
Wie lange kann man es hören,
ohne darüber in Tränen auszubrechen,
weil man nur noch Sarkasmus,
Zynismus drin hört,
auch wenn es anders gemeint ist.

Wer fühlt den Schmerz dessen,
der leidet,
der einsam ist,
allein?

Wie kann man schwach sein,
wenn man es nicht sein darf,
ohne in der Gesellschaft
unten durch zu sein?
Wann dürfen Tränen fliessen?
Sind sie nicht einfach nur Zeichen
des Scheiterns,
des eigenen Versagens?

Man war nicht stark,
man ist gefallen
vom Olymp derer,
die es schaffen,
die Haltung bewahren,
Fassung dazu.

Der tagtägliche Kampf um die Maske,
die fallen will,
nicht darf.
Der tagtägliche Kampf mit der Realität,
die so unbarmherzig nagt
an den Fäden der Larve,
die mühevoll man hochhält.
Bis sie fällt.
Tränen enthüllt.
Sie strömen.
In Bächen,
Flüssen,
reissenden.

Und nun?

Steuern – alle Jahre wieder

Kürzlich las ich auf Facebook eine Anzeige, dass eine Firma für sage und schreibe CHF 50 eine komplette Steuererklärung erstelle inkl. Gratisordner, in welchem alles fein säuberlich abgelegt wäre. Nun erwirke ich grundsätzlich jedes Jahr eine Fristerstreckung, die ich bin zum letzten Tag ausreize und dann am Nachmittag, kurz vor Briefkastenleerung, hinsitze, um sie doch noch auszufüllen. Ein Problem ist es eigentlich keines, ich kann das… aber ich schiebe es zu gerne auf.

Ich füllte das Formular aus, harrte der Dinge, die da kommen sollten und wollten – und sie kamen. Heute rief ein netter Herr mit undefinierbarem Dialekt (ich schwanke zwischen St. Gallen, Freiburg und Thurgau, tendiere zu einer Mischung aus allem) an und erklärte mir nochmals alles, was ich schon aus dem Inserat wusste. Es folgte die Aufzählung dessen, was ich alles bräuchte und die besorgte Frage, ob ich das alles hätte. Irgendwann unterbrach ich den guten Mann und meinte, ich könnte grundsätzlich eine Steuererklärung ausfüllen, da ich in dem Bereich gearbeitet hätte (noch dazu für eine sehr renommierte Firma), sei aber einfach zu faul, es zu tun. Schweigen. Das erste mal seit einer gefühlten Ewigkeit. Ich genoss sie. Und studierte gleich nochmals, was für ein Dialekt das wohl gewesen sei. Die Stimme war noch dazu etwas grell, was den Effekt des Dialekts nicht verbesserte. So oder so lag aber meine Ungeduld wohl weniger an der Stimme oder am Dialekt, sondern vielmehr dran, dass ich grad selber auf dem Sprung war und keine Zeit hatte – wie immer, wenn es um meine Steuererklärung ging, wieso ich sie auch immer aufschiebe, erstrecke, vergesse, verdränge, mit schlechtem Gewissen dran zurückdenke, um sie dann wieder in eine Schublade (geistig oder real) zu stecken.

Dann sprach er wieder. Meinte, dass er verstehe. Fragte nach einem Termin. Kriegte ihn. Meinte nochmals – unterbrach sich selber, indem er bemerkte, ich wisse ja, sei buchstäblich nur zu faul – wie ich selber sage. Es war ihm peinlich, es gesagt zu haben, ich bestätige drum schnell lachend. Er war sichtlich aus dem Konzept. Stotterte. Ich versuchte ihn zu retten, indem ich ihn zum Fachmann erklärte, dem man das überlassen müsse, weil jeder seine Fähigkeiten habe. Er nahm den Faden auf – sein Konzept war jedoch dermassen ausser Rand und Band, dass er keinen Satz mehr zu Ende brachte. Zum Termin käme nicht er, meinte er nur noch, sondern einer seiner Mitarbeiter. Ich bin gespannt.

Das Leben geht weiter

Das Leben geht weiter

Ein Spruch, den man oft zu hören kriegt, wenn man mit dem Schicksal hadert, etwas passierte, das einen traurig macht, das einen verletzt, wo man vielleicht auch eigene Fehler sieht – oder sich denen anderer ausgesetzt. Das Leben geht weiter. Es will heissen, man solle abhaken, was war und vorwärts gehen. Man könne nicht ändern, was war, nur was ist und sein wird. Alles wahr.  Trotzdem war, was war und es wirkt nach. Es hinterlässt Gefühle und es lässt einen mit diesen Gefühlen kämpfen, sie hinterfragen, hinterfragen auch, was war und ob es hätte anders sein können.

Hätte ich mich anders verhalten müssen? Habe ich falsch entschieden? Habe ich etwas übersehen? Wo bog ich falsch ab auf meinem Weg? War ich zu leichtgläubig? Zu stur? Falschen Wünschen hinterher rennend?

Es stimmt, man kann die Vergangenheit nicht ändern. Was war, war, es wird nicht anders, nur weil ich es mir anders wünsche. Und doch lässt es ab und an nicht los. Die Gelassenheit, die man leben sollte, das nicht Anhaften, das Loslassen – alles gut und schön. Es gibt Zeiten, da kommt die Vergangenheit hoch und überrollt einen wie eine grosse Welle.  Man sieht sich konfrontiert mit eigenen Fehlern, mit eigenem (heute so gewertetem) Versagen, sieht Menschen, die man verlor, Beziehungen, die zerbrachen, Träume, die wie Seifenblasen platzten. Man hadert mit der eigenen Sturheit in vergangenen Situationen, mit verpassten Chancen, gelebter Feigheit und wünscht sich, man hätte damals gesehen, was man heute sieht. Nur war das damals nicht zu sehen.

Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden. (Sören Kierkegaard)

Damals hat man agiert, wie man damals musste und glaubte, es wäre richtig. Vielleicht sagte sogar eine leise Stimme in einem, dass es nicht richtig sei, aber man hatte nicht den Mut, ihr zu folgen. Sich heute dafür zu schelten, wäre schade und würde nichts bringen. Die Trauer zuzulassen über das, was vielleicht war oder nicht war, ist menschlich. Es darf auch Platz haben. Wichtig ist – so denke ich – dass man sich immer wieder vor Augen führte, dass damals alles anders war, damalige Entscheidungen auf anderen Voraussetzungen fussten. Hätte man damals gewusst, was man heute weiss, hätte das Leben eine andere Bahn genommen. Doch bei soviel Konjunktiv kommt das Leben nicht mehr mit, es findet im Indikativ statt. Zu jeder Zeit. In jedem Augenblick. Und so kann ich in jedem Moment nur das sehen, was gerade sichtbar ist, ich kann es bewerten mit dem Werkzeug, das ich im Moment selber habe und ich gehe dann den Weg, den mir all die Mittel, die ich verfügbar habe, weisen. Im Wissen, dass ich nie unfehlbar bin, im Vertrauen, dass alles einen Sinn hat,und in der Hoffnung, das alles kommt, wie es soll.

Rückschläge, Fehler, Leiden – alles gehört zum Leben. Was zählt ist, wie man damit umgeht, wie man danach weiter geht. Und so hadere auch ich ab und an mit Entscheidungen, hinterfrage sie, trauere und gehe weiter.

Wessen Leben lebe ich?

Was werden wohl die anderen denken?

Dieser Satz prägt so viele Leben, so viele Entscheide werden auf dieser Grundlage getroffen. Das eigene Glück, die eigenen Wünsche unterliegen oft dabei. Man vergisst sich förmlich im Streben danach, von den anderen geliebt zu werden. Was man zudem vergisst ist, dass die anderen immer noch ihr Leben haben, das sie leben. Sie werden das unsere nicht übernehmen, wenn wir es nach ihren Wünschen ausrichten. Zwar werden sie – wenn es gut kommt – kurz zustimmend nicken, doch ausbaden können wir das Ganze. Da sitzen wir dann und schauen buchstäblich in die Röhre, leben ein Leben, das den anderen zwar gefällt, uns aber nicht entspricht. Wozu? Das ist die Frage. Ob uns die anderen wirklich mehr lieben, wenn wir dies tun, bleibt zu bezweifeln.

Man denkt, sie müssten einen mehr lieben, weil man ja so sei, wie sie das von einem erwarten. Nur vergisst man dabei, dass jemand, der uns nur liebt, wenn wir genau so sind, wie er es möchte, es eigentlich gar nicht wert wäre, dass wir uns nach ihm richten. Wahre Liebe kann das nicht sein. Uns liebt er auch nicht, eher seine eigene Vorstellung davon, was richtig und was falsch ist. Uns danach zu richten hiesse, uns ihm zu unterwerfen. Wieso? Weil er mehr wert wäre als wir? Weil er besser wüsste als wir, was richtig und was falsch ist? Wohl nur, weil wir selber uns als nicht wertvoll genug erachten, nach unseren eigenen Vorstellungen glücklich zu werden.

Wir wachsen oft so auf, dass wir uns geliebt fühlen, wenn wir die nötigen Leistungen erbringen. Diese Haltung übernehmen wir ins Erwachsenenleben und folgen ihr unreflektiert. Das muss nicht so bleiben. Meist braucht es einen Weckruf, meist einen, der schmerzt. Spätestens dann werden wir einsehen, was wir uns selber antun mit dieser Haltung. Wir werfen unser Leben weg, um das anderer zu leben. Wir setzen unser Glück aufs Spiel, um Erwartungen anderer zu erfüllen. Wozu? Für die illusionäre Hoffnung, dafür geliebt zu werden. Was wäre, wenn man den Schmerz nicht erst erleben müsste, sondern gleich das Leben in die eigenen Hände nehmen könnte?