Noah Hawley: Der Vater des Attentäters

Die Suche nach dem Grund und eigenen Fehlern

Paul Allen, Arzt, Familienvater in zweiter Ehe, führt ein normales Leben, gutbürgerlich und unauffällig. Bis der Tag kommt, der alles auf den Kopf stellt. Im Fernsehen sieht er seinen Sohn aus ersten Ehe, der als Tatverdächtiger des Attentats auf den demokratischen Präsidentschaftskandidaten  von Beamten abgeführt wird. Paul Allen schwankt zwischen der Verzweiflung, dass sein Kind diese Tat begangen haben könnte und der Hoffnung, dass alles ein Irrtum ist.

Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Schläfen. Langsam musste ich mir eingestehen, dass ich hier nicht die Kontrolle hatte. Hatte ich sie überhaupt je gehabt? Kontrolle ist eine Illusion, eine übermütige Vorstellung. Wenn diese Menschen dort recht hatten, hatte ich ein Leben gezeugt, das ein anderes Leben beendet hatte.

Es folgt eine Suche nach der eigenen Schuld und dem eigenen Versagen als Vater, die Analyse der Vergangenheit, in der Hoffnung, Antworten auf die immer drängenderen Fragen zu finden und die verzweifelte Suche nach einem Hinweis, dass alles doch ein Irrtum sein könnte. Sein Sohn Daniel hilft ihm nicht bei seiner Suche nach Antworten. Er bekennt sich schuldig, ohne über die Tat sprechen zu wollen, ergibt sich in sein Schicksal, der Todesstrafe entgegenzusehen.

Wir sind nicht alle auf Erden, um das Richtige zu tun.

Paul Allens Besessenheit, die Unschuld seines Sohnes beweisen zu wollen, wird zur Zerreissprobe für ihn selber, seine Familie und sein ganzes Leben.

Noah Hawley gelingt es, die inneren Kämpfe eines Mannes zu zeigen, der sein ganzes Leben plötzlich am Abgrund sieht. Alles, was er sich aufgebaut hat, die Normalität des Alltags, erscheint ihm als Illusion und er fragt sich, was er falsch gemacht hat, wo seine Schuld liegt am Tun anderer. Man merkt seinen detaillierten Beschreibungen von Personen, Landschaften und Abläufen an, dass er hauptsächlich als Drehbuchautor arbeitet. Er vermag es, den Leser zu packen und vor ihm Bilder und Charaktere entstehen zu lassen, die plastisch und nachvollziehbar sind. Ein sauber aufgebauter, gut durchdachter, schlüssig durchgezogener Roman. Ab und an zieht er sich ein wenig in die Länge, es fehlt an wirklichen Höhepunkten oder ergreifender Spannung, was aber durch die Neugier wettgemacht wird, die in einem wächst, weil man wissen will, wie es ausgeht.

Fazit:
Ein psychologischer, analytischer Roman über menschliche Beziehungen, Schuld und Verantwortung. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Noah Hawley
Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er arbeitete in einem Rechtshilfeverein für missbrauchte und verwahrloste Jugendliche, zog nach San Francisco und wurde Mitglied des San Francisco Writer’s Grotto. Heute arbeitet Hawley als Film- und Fernsehproduzent sowie als Drehbuchautor und hat vier Romane veröffentlicht. Er schrieb und produzierte die erfolgreiche TV-Serie Bones; er konzipierte und führte Regie bei den TV-Shows The Unusuals und My Generation und arbeitet zurzeit an einer TV-Adaption des Spielfilms Fargo der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.

HawleyAttentäterAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (3. Februar 2014)
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
ISBN-Nr.: 978-3312006038
Preis: EUR  21.90/ CHF 34.90

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1 Comment

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  1. Das Thema regt unweigerlich dazu an – so man Kinder hat, die eben erwachsen und selbständig werden – sich zu fragen, was man hätte anders machen müssen? Abgesehen davon, dass es keine zweite Chance gibt, ist es ohnehin unmöglich, alles richtig zu machen. Und man wird bereits erkannt haben, dass Kinder ein Eigenleben haben, das ans Licht drängt. Man gibt keine Anleitung, sondern begleitet dieses Eigenleben, so gut man eben kann. Ich freue mich, dass es gut zu gehen scheint.
    Aber ich habe auch im engeren Umkreis Beispiele, wo es nicht so gut gelaufen ist, müssig zu fragen warum. Und auch da müssen die Jungen ihr Leben irgendwann selbst in die Hand nehmen.
    Ja, und dann gibt es Biographien, die sind derart, dass ich daran verzweifle. Wo von der Beinahe-Abtreibung bis heute nur Schatten, kaum Licht ist. Wo die Katastrophen so zur Gewohnheit werden, dann man Angst vor dem Positiven hat. Wo es sinnlos ist zu fragen, weil es einfach keine Antwort gibt.

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