Stark sein

Wieviel Schwäche darf man zeigen,
ohne das Gesicht zu verlieren?
„Du bist so stark“ –
Wie lange kann man es hören,
ohne darüber in Tränen auszubrechen,
weil man nur noch Sarkasmus,
Zynismus drin hört,
auch wenn es anders gemeint ist.

Wer fühlt den Schmerz dessen,
der leidet,
der einsam ist,
allein?

Wie kann man schwach sein,
wenn man es nicht sein darf,
ohne in der Gesellschaft
unten durch zu sein?
Wann dürfen Tränen fliessen?
Sind sie nicht einfach nur Zeichen
des Scheiterns,
des eigenen Versagens?

Man war nicht stark,
man ist gefallen
vom Olymp derer,
die es schaffen,
die Haltung bewahren,
Fassung dazu.

Der tagtägliche Kampf um die Maske,
die fallen will,
nicht darf.
Der tagtägliche Kampf mit der Realität,
die so unbarmherzig nagt
an den Fäden der Larve,
die mühevoll man hochhält.
Bis sie fällt.
Tränen enthüllt.
Sie strömen.
In Bächen,
Flüssen,
reissenden.

Und nun?

10 Comments

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  1. Nur mal so dahingesprochen:
    Frauen wird anscheinend in der Kindheit auferlegt, ihr eigenes hintenanstellen zu können und für andere da zu sein. Das scheint so etwas wie ein Frauenideal zu sein, das ihnen von ihren Müttern als Package mitgegegeben wird.
    Die Mütter sagen unausgesprochen: Das brauchst Du später! Für Deine Aufgabe als Mutter und Familienhüterin.

    Und tatsächlich kenne ich Frauen, die dieses Starksein so verinnerlicht haben, daß sie garnicht anders können.
    Sicher ist es hilfreich manchmal, in eigener Not sich den Nöten anderer zuzuwenden: Das lenkt von der eigenen Misere ab und tut zugleich ein gutes Werk. Aber ist es nicht geradezu ein Schlag gegen die Nöte des inneren Kindes, das eher Hilfe und Zuwendung braucht?

    Für andere Menschen, speziell Männer, ist es nicht einfach, dem zuzusehen. Eine Frau, die ihre Nöte durch „Starksein“ zu lösen versucht, ist nicht einfach. Schon oft hatte ich von einer Partnerin gehört, daß es ihr schon eine Woche psychisch sehr schlecht geht. Ich aber hatte das nicht gemerkt – weil sie es gut verborgen hatte. A) wie fühlt man sich da als Mann? und b) Wie bewertet man DANACH die zukünftigen Erfahrungen mit dieser Frau? Kann man ihr noch trauen? Ihrem Gesicht, ihrem Verhalten, ihrer Ausstrahlung? Wenn sie inwendig vielleicht schreit, aber nach aussen nur so tut? Was ist das dann für eine menschliche Begegnung?
    Man wünscht sich doch eine wahrhafte Begegnung! Man wünscht sich, daß der Partner ehrlich zu einem ist. Wenn man dann feststellen muß,das „Fake“ öfters vorkam als einem lieb war, dann ist man stark verunsichert, bekommt den Boden unter den Füssen weggezogen. Man muß sich doch auf seine Intuitition verlassen können!

    Kurzer Rede, langer Sinn: Es macht Sinn, Dinge für sich selbst regeln zu können. Das ist Stärke! Aber man bedenke, daß diese Stärke auch ein Damoklessschwert sein kann.
    Vielleicht sollte man lernen, zu kommunizieren. Rechtzeitig und wiederholt zu kommunizieren, wie es einem geht. Stark kann man danach immer noch sein! Aber wichtig ist doch Wahrhaftigkeit!
    Zum Schluß: Was ich eingangs sagte, stimmt wohl so: Es ist eine Art Fluch, eine Rolle als Starke aufdoktriiert zu bekommen.Davon „wegzukommen“, dazu bedarf es wohl gehöriger innerer (und aussen vollzogener(!)Arbeit, denn das Loslassender Regeln ist bestimmt sehr angstbesetzt – weil man dabei gegen einen ernste Auflage verstösst.Das erzeugt schwere Angst manchmal.

    So, das mal so als Reflexion.

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    • Eine ganz tolle und wertvolle Reflexion. Es ist doch diese Gratwanderung zwischen „ich muss auch was für mich regeln müssen, da der andere nicht mit allem belastete werden darf und kann“ und dem „wir sind ein Team, wir stehen einander bei, vertrauen einander, öffnen uns“. Jeweils den richtigen Zeitpunkt, die richtige Grenze zu erkennen, ist eine Herausforderung – für einen selber und für eine Beziehung.

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  2. Ich kann (wenn ich darf) mich den Ausführungen von Gerhard nur anschließen …
    Liebe Sandra, Du kennst doch die Logikanekdote bzgl. Gott und Stein, die man/n (wie so unsagbar vieles) Albert Einstein zuschreiben darf … Steckt hier nicht auch ein ‚Geheimnis‘ der Macht zur ‚Ohnmacht‘ (die besagter ‚logischer‘ Allmacht implizit sein müsste …) …
    Und ist nicht das Wasser der Tränen auch der stete Tropfen, der Steine höhlt (und Berge zu versetzen vermag)? Wenn sie fließen (im Fluss (sic!)), ’schmilzt‘ der ‚gewachsene‘ Panzer, der sich um unsere Herzen gelegt hat, wie Gletscher aus Eis … DAS ist Stärke, wachsend im Loslassen aus (selbst-loser) Liebe (die das Wesen des Selbst Schicht um Schicht (oft schmerzvoll) frei legt) …
    Ach ja, und suche bitte nicht auf dem ‚Olymp‘ … die ‚Götter‘ dort tragen (festgewachsene) Masken, deren WachsSchichten nicht schmelzen können, weil sie diese Art Liebe nicht kennen …

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    • Wie wahr – die Tränen dürfen zugelassen werden, alles kann und muss raus, aber dass sie da sind, hat meistens Gründe und meistens sind es welche, die man lieber nicht hätte, die einen traurig machen – und die würde man lieber nicht haben.

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  3. Aber über eines sind wir uns sicher einig: Tränen sind kein Zeichen der Schwäche, sondern des Annehmens. Sie sind eine Regung der Seele, die sich einen Ausdruck sucht. Seelisches, das an die Oberfläche drängt wie das Wasser einer Quelle – und so kann „oben“ etwas fruchtbar werden. Schmerzlich ist es trotzdem.

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  4. Zu Tränen:
    Es gibt Menschen, die oft und lange in ihrem Leben geweint haben, ohne das das, so glaube ich, therapeutischen Nutzen für sie hatte.
    Man muß den Schmerz dahinter verstehen lernen. Man muß dahinter kommen, was einen wirklich quält. Wo die eigentliche Wunde liegt. Diese ist oft keinesfalls offensichtlich und kann sehr verborgen sein (Alice Miller – Du sollst nicht wissen!)
    Manche Wunden sind recht stark (das ungeliebte Kind etwa – (sehr verkürzt!)), da bedarf es langer, geduldiger Arbeit. Irgendwann kann man dann hoffentlich loslassen, aber die Erinnerung bleibt.

    Aber abgesehen davon: Weinenkönnen ist was Schönes, kann was Schönes sein. Zugang zur Seele. Offen sein. Da bin ich einig mit meinen Vorredern.

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