Bumerangs Abgesang

Es war einmal ein Bumerang

der flog so manche Strecke lang

und kehrte wieder, noch und noch

dahin, woher er einst auch flog.

Doch als das Wetter mal war trübe,

traf er seines Werfers Rübe,

was demselben nicht gefiel

– und hier endet dieses Spiel.

„Das war’s mit uns, du dummes Stück,

ich will dich nimmer mehr zurück.“

Sprach’s und holte ganz weit aus,

warf ihn in die Welt hinaus.

Daraus sieht man sonnenklar,

dass die Rübe matschig war.

Allen Leuten recht getan

Es gibt Menschen, denen wirst du es nie recht machen können im Leben. Egal, was du machst, sie werden etwas finden, woran sie dich aufhängen können. Selbst wenn du das tust, was sie bei deinem letzten Fehler vorschlugen, wird es nicht gut sein, weil dann etwas anderes plötzlich noch besser wäre. Und so rennst du ständig einer unerreichbaren Bestätigung hinterher, vergisst dabei fast, was du selber gerne möchtest, nur um andern zu genügen.

Wozu? Es ist absolut sinnlos. Wenn man erst einmal bemerkt hat, dass man es gewissen Menschen – wieso auch immer – nie recht machen kann, kann man auch genauso gut das tun, was man selber will, denn dann hat man es immerhin jemandem recht gemacht: Sich selber.

Peter Beck – Nachgefragt

Peter Beck

BeckPeterPeter Beck wurde 1966 geboren und studierte in Bern Psychologie, Wirtschaft und Philosophie, doktorierte in Psychologie und machte einen MBA in Manchester. Er trägt im Judo den schwarzen Gürtel, war Geschäftsleitungsmitglied eines Großunternehmens und in mehreren Verwaltungsräten. Heute ist Peter Beck sein eigener Chef und unterstützt Organisationen bei der Gestaltung der Unternehmenskultur.

Mehr zu Peter Beck unter www.peter-beck.net

Peter Beck hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinem Roman Söldner des Geldes zu beantworten.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Meine Biographie ist ziemlich langweilig. Auf die Welt gekommen bin ich 1966 in Bern und soweit ich mich erinnern kann, hatte ich eine glückliche Kindheit.

Dann studierte ich Psychologie, Wirtschaft und Philosophie, doktorierte in Psychologie und machte einen MBA in Manchester. Dort lernte ich auch meine Lebenspartnerin kennen. Anschliessend arbeitete ich für ein grosses Unternehmen, war dort in der Geschäftsleitung und in mehreren Verwaltungsräten.

Heute geniesse ich es, mein eigener Chef zu sein. Wir unterstützten Organisationen bei der Gestaltung und Weiterentwicklung ihrer Unternehmenskultur.

Daneben versuche ich regelmässig Sport zu machen und in spannenden Ländern zu reisen. Die meisten Handlungsorte meines ersten Thrillers Söldner des Geldes habe ich selber bereist.

 

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schreiben tue ich schon seit der Kindheit gerne und es ist mir eigentlich immer leicht gefallen. Söldner des Geldes war ein persönliches Projekt, das ich zwischen meiner Anstellung und meiner Selbständigkeit umsetzen konnte. Solche Gelegenheiten muss man packen.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich hatte immer gute Lehrer, aber zu einem Schreibkurs bin ich bis jetzt nicht gekommen. Für mich ist Schreiben tatsächlich vor allem Handwerk. Mit jedem Satz schlägt man einen Nagel ein. Anfangs hat man einen rohen Entwurf, überarbeitet diesen immer wieder und macht den Satz, den Text mit jedem Schritt ein bisschen besser. Hoffentlich!

 

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Der Weg beim Schreiben ist bei mir sicher nicht linear, sondern ziemlich verschlungen. Der Geist ist schliesslich frei.

Für Söldner des Geldes hatte ich die grobe Idee und einige Schlüsselszenen im Kopf. Dann habe ich angefangen die Geschichte abzuarbeiten, hier ein wenig ausgeschmückt, dort eine falsche Spur gelegt, schweren Herzen ein paar Kapitel gestrichen.

Die knapp 500 Seiten des Thrillers habe ich dann mehrmals vollständig durchgeknetet. Am schwierigsten war das Streichen liebgewordener aber unnötiger Stellen. Mein oberstes Gebot war und ist die Spannung für den Leser hoch zu halten, schliesslich bezahlt er für die Lektüre.

 

Wann und wo schreiben Sie?

Am besten schreibt es sich für mich am Morgen an meinem Pult. Dann ist es ruhig, der Kopf noch frei, und ich kann der Fantasie freien Lauf lassen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Abschalten tue ich am besten beim Sport oder in der Badewanne. Aber natürlich halte ich die Augen und Ohren immer offen und sammle Eindrücke, Ideen, Satzfetzen. So tauchen einige meiner Erfahrungen in Söldner des Geldes wieder auf. Für einen Thrillerautor liegen die Nuggets praktisch auf der Strasse, man muss nur hinschauen.

 

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es ist einfach ein schönes Gefühl, Söldner des Geldes in so vielen Buchhandlungen und Bibliotheken zu sehen. Zum Glück bin ich nicht nur Thrillerautor, sondern auch Partner, Sohn, Sportler, Firmeninhaber, Reisender, etc. Ich darf zum Glück ganz verschiedene Projekte machen. Der Autor in mir hätte gerne mehr Zeit, muss sich aber öfters gedulden.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritische und anklagende Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Der etablierte Emons-Verlag in Köln, der meinen Thriller verlegt hat, arbeitet sehr professionell, ist aber auch ein sehr persönlicher Verlag. So bekomme ich zum Beispiel auf Fragen per e-Mail innert Kürze eine Antwort. Und bei den Diskussionen um die Titelei (Cover, Titel, Rückseite) wurde ich immer mit einbezogen. Ich bin Emons jedenfalls sehr dankbar für die Unterstützung.

 

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben in Ihrem Roman Söldner des Geldes über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Söldner des Geldes ist in erster Linie ein internationaler Thriller und spielt – neben den Schauplätzen in der Schweiz – auch in Ägypten, Norwegen und Amerika. Persönlich bin ich glücklich Schweizer zu sein. Aber als frischer, deutschsprachiger Autor spielt die Nationalität keine grosse Rolle. Meine Verkaufszahlen zeigen, dass sich Söldner des Geldes auch in Deutschland und Österreich verkauft. Und ich hoffe, dass es bald auch eine Englische und Französische Übersetzung gibt. Auch bin ich Mitglied der Amerikanischen ITW (International Thriller Writer Association) und des Syndikates, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren. So lese ich Ende Mai in Nürnberg an der Criminale, dem grössten Krimifestival Europas, aus Söldner des Geldes.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Exzellente Frage, aber unmöglich zu beantworten, denn ich weiss nicht, wo meine Ideen letztendlich her kommen. Ich versuche mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und schnappe überall Sachen auf. Es ist wie ein grosses Puzzle, das sich in meinem Kopf zusammensetzt.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Peter Beck steckt in ihrer Geschichte? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Auch das weiss ich nicht genau. Sicher sind meine Erfahrungen in Söldner des Geldes eingeflossen: Orte, an denen ich war. Bei den Kampfszenen habe ich von meinen Erfahrungen als Judoka gezehrt. Und wahrscheinlich steckt in allen Figuren auch ein bisschen von mir. Aber ich gestalte meine Charaktere in erste Linie nach dramaturgischen Gesichtspunkten. Bestenfalls lehne ich mich an real existierende Personen an, mische diese miteinander, bis es für die Geschichte stimmt.

 

Wieso schreiben Sie Thriller? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Tatsächlich schreibe ich, was ich gerne selber lese: Rasante und intelligente Unterhaltung zum Abschalten in der Badewanne oder am Strand. Es ging mir beim Schreiben von Söldner des Geldes nie darum, irgend etwas auszuleben. Ich will einfach spannende Thriller schreiben und meine Leser damit so gut wie möglich unterhalten.

 

Ihr Thriller bewegt sich in der Wirtschaftswelt, thematisiert das Bankenwesen, Datenspionage und internationale Intrigen. Was reizt Sie an dieser Thematik?

Tom Winter, der Held von Söldner des Geldes ist Sicherheitschef einer Schweizer Privatbank. Ich wollte eine unverbrauchte Hauptfigur, nicht irgendeinen schlapphütigen Inspektor oder einen versoffenen Privatdetektiv.

Winters Bank hat Kunden auf der ganzen Welt. Als Autor kann ich ihn deshalb überall hin schicken. Das macht Spass. Da ist Tom Winter fast so frei wie Jack Reacher, der Held von Lee Child. Die Themen „Geld“, „NSA“, etc. leiteten sich dann fast automatisch daraus ab. Und praktischerweise gibt es in der Finanzwelt ja viele Bösewichte.

 

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Jeder Mensch hat eine politische Verantwortung. Wir stimmen nicht nur an der Urne, sondern täglich zum Beispiel bei der Wahl der eingekauften Produkte oder unseres Verkehrsmittels ab. Davon sind Autoren natürlich nicht ausgenommen.

 

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine spannende Geschichte und faszinierende Figuren. Ein gutes Buch muss mich packen und schwingt auch nach dem Fertiglesen noch nach. Aber zum Glück gibt es dafür keine Formel.

 

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ich kann mich an die „Rote Zora“ und die Serie „Drei Fragezeichen“ erinnern. In der Primarschule hatte ich eine tolle Bibliothekarin, Frau Zürcher, die mich mit Stoff versorgte.

Als Jugendlicher habe ich dann alle Maigrets von Simenon verschlungen. Bei den Thrillern ist le Carré mein Lieblingsautor. Der lebte übrigens selber einmal in Bern und hat einige Szenen hier angesiedelt.

Dann habe ich natürlich all die üblichen Verdächtigen gelesen: Lee Child, John Grisham, Ian Rankin, Denise Mina oder Mark Gimenez und Stuart MacBride. Aber auch die Nordländer inspirieren mich: Mankell, Stieg Larsson, Adler Olsen und Jo Nesbo. Ich lese viel auf Englisch aber mit Söldner des Geldes kann man einmal einen Schweizer Thriller im Original lesen.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Ich bin kein Fan von Listen oder Ratgebern, denn jeder muss seinen eigenen Weg finden. Aber ich kann sagen, was mir geholfen hat:

Erstens: Just do it! Die Idee, das Bild, der Dialog nützt im Kopf wenig und muss aufs Papier. Am Anfang ist es nie perfekt, aber es ist ein Anfang.

Zweitens: Nicht aufgeben! Ein Buch zu schreiben ist – ausser man ist ein Genie – zu 99% Schweiss, harte Arbeit und nur zu 1% Inspiration.

Drittens: Gut zuhören! Ich habe Söldner des Geldes vielen Testlesern gegeben und sie um ehrliches und hartes Feedback gebeten. Das war nicht immer leicht, aber hat mir geholfen, den Thriller besser, dichter, rasanter zu machen.

Viertens: Habe Spass! Ein schöner Satz, ein cooler Spruch, ein gelungener Cliffhanger macht Spass und erfüllt mich mit Stolz – und motiviert mich dran zu bleiben (siehe oben…;-)

Fünftes: Vertraue auf Dein Glück! Es gibt tausende von Autoren und letztendlich braucht es immer eine rechte Portion Glück. Es gibt einen abgewandelten Bibelspruch, der einen wahren Kern hat: „Gott gib mir Kaffee, um die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und Wein, um das zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann…“

Ich möchte mich bei Peter Beck für diese ausführlichen und interessanten Antworten bedanken, die einen  tollen Einblick in sein Schreiben sowie in sein Leben gewähren!

Liebe geht nicht nur durch den Magen

An meine Maturaprüfung musste ich 10 Werke der deutschen Literatur lesen. Neun las ich, das 10., Minna von Barnhelm von Lessing, ignorierte ich. Ich las wohl mehr Sekundärliteratur als das kleine Werk selber zu lesen gewesen wäre, trotzdem fühlte ich mich als Revoluzzer. Geprüft wurde das nicht gelesene 10. Werk und ich brillierte. Nach meiner Matura studierte ich Germanistik. Pünktlich zur Zwischenprüfung wurden wir Studenten mit einer ellenlangen Literaturliste beglückt, welche die zu lesenden Werke enthielt. Unter anderem Minna von Barnhelm. Dieses Mal las ich es und fand es toll. Ich liebte Lessings Spiel um Gefühl und Geld, die Kniffe, mit denen er die vorherrschenden Gedankengänge Liebender umfasste.

Kann sie mich lieben, wenn ich ihrer nicht würdig bin? Liebt er mich nicht mehr, weil ich bin, wie ich bin und habe, was ich habe? Probleme, die wohl zeitlos sind, über die ganze Bibliotheken geschrieben wurden. Jeder denkt, er hätte sie verstanden und stünde drüber, bis die Realität ihn einholt.

Was ist Liebe und wieso liebt man? Weil jemand etwas bieten kann? Sind Geld, Macht und Status ausschlaggebend oder doch die romantischen netten Gefühle, die Schmetterlinge tanzen und Herzen springen lassen? Springen die Herzen weiter, wenn der Magen knurrt oder wäre da nicht doch ein wenig mehr Substanz sinnvoller und hilfreicher?

Minna entscheidet sich für die Liebe und bringt diese Entscheidung dem etwas sturen, verarmten und doch geliebten Mann nahe. Der weiss nicht mehr, wie ihm geschieht vor lauter Ringen, nimmt den falschen und damit der Moral der Geschicht’ nach genau den richtigen. Denn – so will uns Lessing sagen –, es gewinnt immer die Liebe.

Das sollte sie wohl auch. Ein knurrender Magen mag ab und an störend wirken, ein ungeliebter Mann, der zwar den Magen füllt, das Herz aber leer lässt, verursacht jedoch einen Kloss im Hals. Das Filet rutscht gar nicht zum Magen durch, der bleibt leer und wenn nicht er, so doch das Herz. So wird man wohl mit vollem Magen überleben, aber ob blosses Überleben wirkliches Leben sei, das bleibt dahingestellt. Schaut man in die Welt der Schönen und Reichen, scheint diese nicht wirklich rosig und glücklich zu sein. Ich würde nicht behaupten wollen, dass sie viel unglücklicher als die der anderen Menschen ist, aber das Geld allein scheint das wahre Glück nicht zu befördern.

Klar kann man nun sagen, dass man, wenn man schon das Liebesglück nicht hat, wenigstens den Schuhschrank füllen kann – vom Magen ganz zu schweigen. Allerdings wird ein voller Schuhschrank das Loch im Innern nie ganz stopfen. Und wer weiss, vielleicht reicht es irgendwann, von Luft und Liebe zu leben. Und wenn nicht, muss es auch nicht immer Filet sein, Spaghetti sind Glücksnahrung. Was will man mehr.

Das etwas andere Liebesgedicht

Und da war dann noch die eine Frau,

uninteressant, wer nun genau!

Sie suchte nicht, sie fand,

Das brachte sie um den Verstand.

Fortan regierte nur das Herz –

mein Gott, war das ein Terz.

Sie hüpfte hoch und sang dazu,

die Nachbarn waren fort im Nu,

denn Singen war nicht wirklich Stärke,

klang nicht wie Nachtigall und auch nicht Lärche.

Egal, die gute Frau war froh,

ihr Herz entflammt gar lichterloh,

und wenn sie nicht gestorben ist,

singt sie noch heute diesen Mist.

Mensch unter Menschen

Das Leben ist nicht immer einfach, ab und an wirft es einem Steine in den Weg, baut ganze Berge drauf, die abzutragen man sich irgendwann nicht mehr zutraut, weil man sich so klein fühlt in deren Angesicht. Man versucht ab und an, sie zu bezwingen, doch mal wünschte man sich einen Führer, dann fehlt es an gutem Schuhwerk und wenn man fast oben wäre, reisst das Sicherungsseil und man purzelt wieder runter. Und liegt dann da. Schaut hoch. Sieht sich gescheitert. Denkt sich, was wohl die anderen denken. Erfindet eine Geschichte, dass man gar nicht hoch wollte, es eigentlich unten viel schöner sei, man überhaupt sehr froh sei, hier unten zu sein, da die Luft oben viel zu dünn wäre.

Und tief drinnen schmerzt es. Es schmerzt, nicht hochgekommen zu sein, es schmerzt, niemandem vom Schmerz erzählen zu können und es schmerzt, sich so verdammt alleine zu fühlen. Der Schmerz gräbt sich ein, tief und tiefer und man fühlt sich klein, so unendlich klein neben diesem Berg und klein, weil keiner sieht, wie klein man sich fühlt. Doch: Wie sollte es anders sein? Die anderen sehen nur das, was man zeigt und zeigen tut man nur das Strahlegesicht, welches ausdrückt, alles im Griff zu haben, weil man denkt, niemand möge einen mehr, wenn man ein anderes aufsetzen würde. Und wenn man noch gemocht würde, so sicher mitleidig, nie aus Überzeugung.

Den Schein wahren nennt man das. Wozu eigentlich? Was bringt einem dieser Schein? Eine kurzfristige Befriedigung, nicht das Gesicht verloren zu haben. Vor wem? Menschen, die einen mögen, würden einem nie vorwerfen, dass man nicht perfekt ist. Menschen, die wirklich zu einem stehen, würden einen nicht fallen lassen, nur weil man einen Berg nicht bezwang. Wem also wollen wir imponieren? Unseren Freunden? Der Welt? Können wir das überhaupt? Und ist es sinnvoll? Freunde werden wir nicht halten, wenn wir immer nur maskiert rumlaufen und für die Welt sind wir kleine Lichter (die meisten sicher – und das ist nicht mal schlecht, man stelle sich nur vor, die ganze Welt stünde auf der Matte und man hätte sie zufrieden zu stellen).

Wieso also diese Maske? Wieso nicht einfach zu sich stehen und sagen: Ja, der Berg war zu hoch, ich habe ihn nicht geschafft. Ich leide darunter, aber ich muss damit leben? Wäre nicht das wirkliche Grösse? Man zeigt sich nicht klein, weil man was nicht geschafft hat, sondern gross, weil man es erkannt hat. Zu sich steht. Hinsteht und sagt: He, ich bin nicht perfekt, ich leide, es geht nicht gut. Aber ich habe es erkannt und ich gehe es an. Und plötzlich kommen Menschen. Sie haben dasselbe erlebt, sie erkennen sich wieder. Sie stehen zu dir. Machen Mut. Geben Zuspruch. Und du siehst: Ich bin nicht allein. Ich bin nicht der Versager unter lauter Gewinnern, sondern Mensch unter Menschen. Und das tut unglaublich gut. Es braucht ein wenig Mut, aber es ist der wohl einzig richtige Weg.

Wanderung aufs Schnebelhorn – 11. Mai 2014

DSCF0002War ich als Kind viel gewandert, das sogar gerne (wenn ich mal unterwegs war, vorher konnte es durchaus vorkommen, dass ich motzte und nicht wirklich begeistert war), hörte das Wandern mit der Pflicht durch die Eltern ziemlich auf. Nicht dass ich nicht bei jedem Bild von Bergen das Reissen bekam, noch immer war ich Bergkind, die Berge für mich Kraftorte und wenn ich die Wahl hatte zwischen Bergen und Meer, wählte ich immer die Berge, aber ich raffte mich nicht mehr auf, hatte auch niemanden, der half, Motivation wachzurufen und ohne sah ich mich nicht in der Lage, meine eher faulen Glieder in Bewegung zu kriegen.

DSCF0009Heute kam die Veränderung. Ich wanderte aufs Schnebelhorn, seines Zeichens höchster Berg des Kantons Zürich. Die Wettervorhersagen waren eher mässig, meine sonst wirklich liebe Mama lachte sich kaputt, als sie von meinen Plänen erfuhr, ich aber zog es dank wunderbarer Begleitung durch (zumal ich nicht das Gesicht verlieren wollte und mich auch wirklich freute).

Mit dem Zug ging es nach Steg, von wo die Wanderung losging. Schon nach kurzer Zeit waren wir mitten im Grünen. Nach all den Jahren einfach nur wunderbar. Die ersten Meter waren eher steil, aber gut machbar. Ich spürte einen lange nicht mehr gekannten Elan, stieg munter bergan. Das Grün nahm zu, mit jedem gewonnenen Meter wurde der Horizont weiter, die Sicht ging mehr in die Ferne. Berge erhoben sich weit hinten, umschlossen von Tälern, Ebenen mit Städten und Dörfern. Weit hinten erkannte man alsbald auch den Bodensee – ein Panorama, das seinesgleichen sucht (zumindest für einen Langzeitnichtmehrwanderer).

DSCF0019Der Aufstieg war problemlos, auch das als schmal und gefährlich ausgewiesene Weglein war gut machbar (an dieser Stelle auch mal ein grosses Dankeschön an meine Eltern und vor allem meinen Papa, der mir ein guter Lehrmeister in Sachen Wandern gewesen ist).  Das stille und gleichmässige Hochsteigen liess meine Gedanken fliessen, ohne dass ich sie gross lenkte. Eine Weite und Klarheit tat sich auf – aussen wie innen – und das war wunderbar. Ich gestand mir ein, dass ich vor der Wanderung schon meine Ängste hatte – Angst, den Mund zu voll genommen zu haben, Angst, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Angst, dadurch das Gesicht zu verlieren. Und ich lernte über mich viel dabei:

Oft sehen wir die Herausforderungen grösser als sie sind, weil wir uns selber kleiner einschätzen, als wir in Tat und Wahrheit sind.

DSCF0030Der Gipfel kam nah und näher, am Ende wartete nochmals ein eher steiles Stück. Oben angekommen war das Hochgefühl grandios. Geschafft. Was am Anfang so gross und hoch erschien, war einfach erlaufen worden. Ich war oben und ich fühlte mich toll. Das Wetter hatte ziemlich gehalten, ein paar sehr starke und kalte Winde liessen mich zwar vor Kälte erbeben, das tat meinem Glücksgefühl keinen Abbruch. Auf das geplante Picknick wurde zugunsten einer Einkehr im Tierhag verzichtet. Ein zünftiges Bergplättli gab neue Kraft und der Abstieg konnte beginnen.

DSCF0040Es gab mehrere Optionen, eine war wegen Forstarbeiten geschlossen. Wir wählten eine Variante, die teilweise sehr steil durch den Wald ging, schlussendlich aber bei der Tössscheide ankam und dem Fluss entlang bis nach Steg zurückführte. Insgesamt sind wir wohl an die 4,5 Stunden gelaufen – die Pausen nicht eingerechnet. Es war wunderbar, es war ein Erlebnis, wie ich es schon lange nicht mehr hatte. Klar hat es Kraft gebraucht, aber es gab noch viel mehr zurück. Drum meine Erkenntnis:

Der Weg auf einen Berg mag dich Kraft kosten, ihn bezwungen zu haben wird dir aber ein Vielfaches an Kraft zurück geben.

DSCF0049Die Zugfahrt zurück war eine erfüllte, eine sehr stille, ein wenig müde, aber glückliche. Fazit des Tages: Das war erst der Anfang (und was für einer), es geht weiter und ich freue mich drauf.

Der Weg

Vigilio

Ich sah Vigilio das erste Mal vor 13 Jahren. Sein Sohn, mein späterer Mann, nahm mich mit, um mich den Eltern vorzustellen. Als wir ankamen, war Vigilio nicht zu Hause, seine Frau öffnete die Tür. Nach einem kurzen Gespräch packten wir den Hund und gingen spazieren. Auf dem Weg in den Park stießen wir dann auf ihn. Jeans, T-Shirt, Weste und Schirmmütze – so sah ich ihn später meistens. Vigilio war mit Hauswartsarbeiten im Quartier beschäftigt. Schon von weitem erkannte er seinen Sohn, winkte, rief mit kräftiger Stimme „Halli Hallo“ und lachte. Das sollte immer seine Begrüßung sein in den nächsten Jahren. Auch dass er kaum zu Hause war, sondern ständig am arbeiten, stellte sich als Dauerzustand heraus.

Vigilio wuchs mit seinen acht Geschwistern im Trentino auf. Eines der Kinder durfte studieren, die anderen mussten Berufe erlernen. Vigilio reiste jung in die Schweiz, arbeitete, wo immer er Arbeit fand, lernte seine Frau kennen, gründete eine Familie. Die beiden Menschen arbeiteten hart, um ihre Familie zu ernähren, Vigilio als Hauswart, seine Frau als Putzfrau, beide an mehreren Orten, teilweise Tag und Nacht. Wer nun dächte, das hätte ihn unzufrieden gemacht, er haderte in irgend einer Form mit dem Leben, weil er nicht studieren konnte, weil er Tag und Nacht für andere da sein musste (und auch wollte, weil er es als normal ansah, zu helfen, wenn Not am Mann war), weil er anderen den Dreck wegräumte, wie er ab und an lachend sagte, der kennt Vigilio nicht. Er ging immer mit einem Lächeln durchs Leben, grüßte jeden freundlich, plauderte mit allen, machte seine Späße. Ab und an waren es gar viele Späße, die den Anschein erweckten, er nehme nichts ernst, schon gar nicht einen selber. Vielleicht war das seine Art, mit dem Leben und dessen nicht immer schönen Seiten umzugehen.

Als mein Sohn auf die Welt kam, war ihm Vigilio ein liebender Grossvater. Er nahm ihn mit auf seine Hauswartstouren, ließ ihn am Handschubwagen Gehübungen machen, seine Augen leuchteten, wenn er seinen kleinen Enkel sah, was oft war, weil wir im selben Haus wohnten. Leider dauerte das Glück nicht lange, wir zogen weg, meine Ehe ging in die Brüche und damit verlor sich der Kontak zu Vigilio größtenteils. Ein paar Jahre später kam die Nachricht: Krebs. Vigilio war erkrankt und musste zur Chemo. Die Nachricht erschütterte mich, aber ich war weit weg, fühlte mich nicht mehr als Bestandteil dieser Familie, war mein Platz als Schwiegertochter doch neu besetzt. Als ich Vigilio das nächste Mal sah, waren seine Haare, auf die er so stolz gewesen war, ausgefallen. Das war aber auch das einzige äußere Zeichen für seine Erkrankung, ansonsten sah er immer noch wie der starke, vitale Mann von früher aus. Leider schlug die Chemo nicht wie gewünscht an. Es folgten weitere, der Krebs streute, gewisse Teile mussten herausgeschnitten werden, andere neu bestrahlt. Es half nichts. Der Krebs ließ sich nicht besiegen. Irgendwann setzte man die Chemo ab. Die Haare kamen zurück. Was äußerlich schien wie neues Leben, war eigentlich nur das Zeichen, dass der Tod langsam und schleichend seinen Weg gehen, ihm nichts mehr entgegen gestellt werden konnte.

Eines Tages kam die Nachricht: Vigilio ist im Spital. Da hielt mich nichts mehr zu Hause. Ich eilte hin, musste ihn sehen. In mir gingen ganze Filme ab, ich sah ihn und mich früher, sah sein Lachen, hörte seinen für einen Italiener so typischen Akzent. Ich wollte das wieder hören, wollte nochmals mit ihm reden, wollte ihm vor allem zeigen, dass ich an ihn dachte, für ihn da bin. Als ich sein Zimmer betrat, lag er ruhig, wie schlafend, im Bett. Er hatte die Tür aber trotzdem gehört und als er den Kopf zu mir drehte, mich sah, ging ein Strahlen über sein Gesicht. „Sandra, du kommst mich besuchen?“, fragte er mit feiner Stimme. Seine Frau kam auf mich zu, umarmte mich. Die Freude war offensichtlich, auch bei mir. Vigilio sah noch immer gut aus, aber man sah den Kräfteverlust. Man sah, dass er oft an Schmerzen litt, dass sie ihn plagten. Wir redeten über seine Krankheit. Er wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Er redete über sein Leben, dass dieses nun bald vorbei sei, er alles hinter sich lasse. Er erzählte davon, was er alles getan habe, um für seine Familie, seine Kinder dazusein, ihnen eine gute Zukunft zu ermöglichen. Und er wurde traurig dabei. Ich hielt seine Hand, sagte, dass er stolz auf sich sein könne, dass er mehr für seine Familie getan hätte, als so mancher, dass er ein wunderbarer Mensch sei. Und ich meinte und fühlte alles genau so. Und da sagte er es: „Sandra, du warst für mich immer meine zweite Tochter. Ich habe dich sehr gern.“ Das war der Moment, in dem es um meine Fassung geschehen war und die Tränen flossen. Ich spürte, dass ich dasselbe fühlte. Ich hatte diesen Mann sehr gerne, mehr als ich mir all die Jahre ohne Kontakt zugestehen wollte. Ich weinte um die verpassten Jahre und darum, dass wir sie nicht mehr zurückholen konnten. Und ich weinte, weil er mich genauso gern hatte – das waren die Freudentränen im Ganzen. Freude und Leid liegen oft nahe zusammen, sogar in solchen Situationen.

Von da an besuchte ich ihn, wann immer ich es einrichten konnte, teilweise täglich. Ich half ihm beim essen, besorgte ihm, was er brauchte, massierte seine schmerzenden Füße, zog Socken an und aus – es war ganz natürlich, obwohl ich nicht wirklich der pflegende Typ bin und Füße sonst nur unter Protest anfassen würde. Zwischen Vigilio und mir war dieses Band, diese Vertrautheit, die alle Scheu wegfallen ließ. Seine Freude jedes Mal, wenn er mich sah, die Wärme, die ich für ihn empfand – alles half, die Zeit, die wir verpasst hatten, zwar nicht zurückzuholen, aber zumindest zu überbrücken und neu anzufangen. Schade, müssen erst so einschneidende Erlebnisse kommen, damit man eine Beziehung lebt, die so schön sein könnte.

Vigilios Frau war die ganze Zeit an seiner Seite, sie pflegte ihn zu Hause, besuchte ihn im Spital, wusch, kochte, putzte, half, lebte fast nur noch für ihn. Auch zu ihr entwickelte sich wieder eine Nähe, wie wir sie vorher nie hatten leben können. Meine Sorge galt auch ihr, weil ich fürchtete, sie ginge über ihre eigenen Kräfte. In ihr kämpften der Wunsch, ihren Mann bei sich zu haben, für ihn dazusein, und das Gefühl der eigenen Grenzen, des Kräfteverlusts. Nach über 50 Jahren musste sie mit ansehen, wie ihr Mann  immer schwächer, von Schmerzen geplagt wurde, und sie wusste, dass er über kurz oder lang nicht mehr bei ihr sein würde.

Vigilio konnte wieder nach Hause, allerdings hielt das Glück nicht lange, schon bald lag er wieder im Spital. Der Magen streikte, mal arbeitete er gar nicht mehr, mal zu schnell. Die Schmerzen nahmen zu, die Mittel dagegen wurden erhöht. Vigilio beklagte, dass er nicht mehr klar denken könne, dass die Medikamente sein Hirn lahmlegten. Trotzdem verzweifelte er nicht, sondern nahm dieses Schicksal mit Humor, machte noch immer Spässe, die allerdings milder geworden waren im Vergleich zu früher, sah der Realität ins Auge, nahm es meistens gefasst, wenn auch ab und an Trauer über ihn kam. Wenn man von etwas in der Zukunft erzählte, wurde er still. Und man spürte, dass er sich wohl innerlich fragte, ob er das noch erleben würde. Oder fürchtete er von vornherein, dass es nicht so sein würde?

Noch lebt er. Ich hoffe, ich werde noch manche Stunde an seinem Bett sitzen, noch manche Stunde die Gelegenheit haben, mehr aus seinem Leben zu erfahren, ihn so besser kennenzulernen. Ich möchte unser Band vertiefen, damit es hält, wenn er mal nicht mehr ist. Ich möchte noch viele Erinnerungen mit auf meinen Weg nehmen, damit Vigilio mich weiter begleitet. Und ich hoffe, ich kann ihm auf seinem Weg, den er zu gehen hat, eine Stütze sein, ihn begleiten, ihm Kraft geben. Zumindest sagt er das und das ist unendlich wertvoll für mich, denn ich weiß eines: Ich liebe ihn. Er ist wie ein zweiter Vater, was ich spät erkannte, zum Glück nicht zu spät.

Paola Predicatori: Der Regen in deinem Zimmer

Was zählt im Leben

Heute ist der erste Schultag nach dem Tod meiner Mutter. Ich steige die Treppe zu meinem Klassenraum hinauf und spüre, wie mich alle anstarren. ich bemühe mich, möglichst normal zu wirken, obgleich ich mich fühle, als hätte die Welt mir mein innerstes Geheimnis entrissen.

Als Alessandra 17 Jahre alt ist, verliert sie ihre Mutter nach langer Krebskrankheit und bleibt bei ihrer Grossmutter zurück. Alessandra kann nicht einfach weiter machen wie bislang, sie entzieht sich dem bislang gelebten Leben und verzieht sich in eine eigene Welt. Was im Aussen nur als neuer Platz im Schulzimmer aussieht, nämlich die hinterste Bank neben dem Klassen-Loser Zero, entwickelt sich nach und nach zu einer Suche nach einem neuen Dasein.

Nach Hause zu kommen ist immer das Schwerste. Alles ist so still und ordentlich, als wäre die Zeit an jenem Tag stehengeblieben.

Dabei rebelliert Alessandra gegen alles und jeden, gegen das Leben an sich, trotzdem kann sie ihrer Erinnerung nicht entkommen.

Das Letzte, woran ich denke, ehe der Schlaf mich übermannt, ist, dass ich auf der Flucht in einem Käfig lebe.

Alessandra muss sich ihren Gefühlen stellen, kann ihnen nicht mehr davon rennen und findet dabei heraus, was wirklich zählt im Leben.

Der Regen in deinem Zimmer ist ein sehr nachdenkliches Buch, das in einer klaren Sprache, ohne Pathos, ohne zu viel Emotionalität oder Psychologisierung der Figuren und Situationen den Umgang eines Teenagers mit dem Verlust seiner Mutter und damit mit dem Auseinanderbrechen der eigenen gewohnten Welt erzählt.

Fazit:
Ein tiefgründiges, stilles Buch, das zum Nachdenken anregt. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Paola Predicatori
Paola Predicatori, geboren in Senigallia (Marken), ist Buchhändlerin und lebt in Mailand. „Der Regen in deinem Zimmer“ ist ihr erster Roman.

 

PredicatoriRegenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 238 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (1. März 2013)
Übersetzung: Verena von Koskull
ISBN-Nr.: 978-3351035204
Preis: EUR  16.99 / CHF 26

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Novalis (2. Mai 1772)

Leben

Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, wie Novalis mit richtigem Namen heisst, wird am 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt (ehemaliges Rittergut in Wiederstedt, Sachsen-Anhalt) in ein altes niederdeutsches Adelsgeschlecht hineingeboren. Auf den anfänglichen Unterricht durch Hauslehrer folgt der Besuch der Prima des Gymnasiums Eisleben, ein Jahr unter der Obhut seines Onkels Friedrich Wilhelm Freiherr von Hardenberg auf dem Gutsholm in Lucklum und 1790 der Beginn des Jurastudiums in Jena. Im Zuge seines Studiums besucht Novalis 1791 Schillers Geschichtsvorlesung, zu dem während dessen Krankheitszeit ein enger Kontakt entsteht. Weitere Bekanntschaften dieser Zeit sind Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried Herder und Jean Paul sowie eine enge Freundschaft mit Ludwig Tieck, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und den Brüdern Friedrich und August Wilhelm Schlegel.

1794 schliesst Novalis sein Jurastudium mit bestem Examen ab und arbeitet zuerst als Aktuarius bei dem Kreisamtmann Coelestin August Jest. Er lernt die junge Sophie von Kühn kennen und verlobt sich an ihrem 13. Geburtstag 1795 mit ihr. Die Verlobung wird allerdings wieder aufgelöst. Die Jahre 1795/96 stehen im Zeichen der Naturwissenschaften, Novalis nimmt sein Studium an der Bergakademie in Freiberg auf und befasst sich mit Mathematik, Chemie, Bergwerkskunde, Grubenarbeit – ein Bildungsweg, der Tradition in seiner Familie besitzt.

1798 erscheinen erste literarische Fragmente unter dem Titel Blüthenstaub im Athenaeum (Zeitschrift von Friedrich Schlegel). Dabei benutzt er auch zum ersten Mal sein Pseudonym Novalis (der Name geht auf einen uralten Beinamen in der Familie zurück). Es folgt eine zweite Verlobung, dieses Mal mit der Tochter des Berghauptmanns und Freiberger Professors Johann Friedrich Willhelm von Charpentier, mit Julie von Charpentier. Novalis arbeitet ab 1799 in der Salinendirektion und wird im Dezember desselben Jahres in die Direktion derselben berufen. Der nächste Schritt in Novalis’ Lebenslauf ist 1800 die Ernennung  zum Supernumerar-Amtshauptmann im Thüringischen Kreis (vergleichbar mit dem heutigen Landrat). Novalis stirbt am 25. März 1801 an einem Blutsturz. Er litt schon seit 1800 an einer Lungenkrankheit, vermutlich hatte er sich bei Schiller angesteckt.

 

Werk und Wirkung

Novalis gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Frühromantik. Er beginnt schon früh zu schreiben und kann dabei auf ein umfassendes Wissen in den Bereichen Naturwissenschaften, Recht, Philosophie, Politik und Wirtschaft zurückgreifen. Sein Beruf sowie die jeweiligen Themen, denen er sich zuwendet, inspirieren ihn in seinem Schreiben, er reflektiert es in seinen Schriften und bildet Zusammenhänge im Sinne einer allumfassenden Enzyklopädie der Künste und Wissenschaften.

Kern seines literarischen Schaffens ist das Streben nach einer Romantisierung der Welt. Die Verbindung von Wissenschaft und Poesie, von Philosophie und Dichtung, die er als der Philosophie übergeordnet erachtet, leiten sein Schreiben.

In den Jahren 1795/96 setzt sich Novalis mit Fichtes Wissenschaftslehre auseinander, welche ihn nachhaltig prägt. Aus Fichtes Abgrenzung des „Ich“ vom „Nicht-Ich“ entwickelt Novalis seine eigene Liebesreligion, aus dem „Nicht-Ich“ macht er ein „Du“, welches er als gleichwertiges Subjekt dem „Ich“ gegenüberstellt. Es folgt 1799/1800 die Beschäftigung mit der Religion. In dieser Zeit entstehen sein Aufsatz Die Christenheit oder Europa sowie die Geistlichen Lieder.

Die Christenheit muss wieder lebendig und wirksam werden und sich wieder eine sichtbare Kirche ohne Rücksicht auf Landesgrenzen bilden, die alle nach dem Überirdischen durstige Seelen in ihren Schoss aufnimmt und gern Vermittlerin der alten und neuen Welt wird.

Der Aufsatz erschien erst postum, weil die Reaktion darauf zwiespältig war. Vor allem Goethe riet von einer Veröffentlichung ab. Vor allem die enthusiastische Behandlung des Katholizismus stiess bei den Romantikern auf Skepsis. Wenn der Text auch immer wieder als politische Aussage und reaktionäre Rechtfertigung der Heiligen Allianz im frühen 19. Jh. gelesen wird, steht er tatsächlich in engen Zusammenhang mit Novalis selber entwickelten mystisch-romantischen Philosophie, die auf Glauben und Liebe basiert, auf dem von Fichtes „Ich“ und „Nicht-Ich“ abgeleiteten „Ich“ und „Du“. Nach der Ablehnung seiner Schrift verlagert Novalis sein Schreiben weg von der Weltveränderung durch philosophische Schriften hin zur Romanschreiberei.

Novalis’ zwei unvollendete Romane sind als Bildungsromane in die Weltliteratur eingegangen. Sie vermitteln den Grundgedanken des Lebens als stetigen Lernprozess, welcher den Menschen hin zu seinem angedachten Zustand bringen, in welchem er mit der Natur harmoniert. Novalis lässt sich für seine Romane von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre sowie anderen Bildungsromanen inspirieren, setzt sich dann aber von diesen ab, indem sein Held sich zwar auch entwickelt, allerdings auf einen schon lange ursprünglich in ihm angelegten Punkt hin, so dass das Lernen schlussendlich ein Innewerden, ein Auffinden von etwas in sich Verschüttetem wird, kein Streben im Aussen.

Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.

Als für seinen Roman erforderliche Mittel nennt Novalis

eine gewisse Altertümlichkeit des Stils, eine richtige Stellung und Ordnung der Massen, eine leise Hindeutung auf Allegorie, eine gewisse Seltsamkeit, Andacht und Verwunderung, die durch die Schreibart durchschimmert.

Novalis erlebt nur die Veröffentlichung der Blüthenstaub-Fragmente, der Fragmentsammlung Glauben und Liebe oder der König und die Königin und der Hymnen der Nacht. Seine unvollendeten Romane Heinrich von Ofterdingen und Die Lehrlinge von Salis sowie die Rede Die Christenheit oder Europa erschienen erst postum, herausgegeben durch Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel.

Werke

Lyrik

  • Klagen eines Jünglings (1791 in Wielands Neuem Teutschen Merkur)
  • Geistliche Lieder (erschienen 1801)
  • Hymnen an die Nacht (entstanden 1799/1800, erschienen 1800)
  • Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren (Gedicht aus dem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen)

 

Epik

  • Die Lehrlinge zu Sais (Romanfragment, 1802 postum erschienen)
  • Heinrich von Ofterdingen (Romanfragment, 1802 postum erschienen)

 

Philosophie

  • Blüthenstaub (1798 in der Zeitschrift Athenaeum von Friedrich Schlegel)
  • Glauben und Liebe oder der König und die Königin (1798)
  • Sammlung von Fragmenten und Studien, entstanden 1799–1800

 

Sonstiges

  • Europa (entstanden 1799, erschienen 1826 als Die Christenheit oder Europa)
  • Das Allgemeine Brouillon umfasst die enzyklopädistischen Materialien, die 1798/99 zusammengetragen wurden.

 

 

 

 

Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V.

_MG_6743Die Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. ist eine persönliche und einladende Buchhandlung in Chemniz. Sie verkauft ein allgemeines Sortiment, versteht sich als Stadtteilbuchhandlung. Bücher, die nicht im Regal stehen, werden besorgt, egal um welches Gebiet oder Genre es sich handelt. Fremdsprachige Titel werden über Nacht vom Grosshändler oder als Direktimporttitel aus USA, GB, Italien, Spanien und Frankreich bestellt und auch die antiquarische Suche von vergriffenen Titeln gehört zum Service mit dazu.
Beim Stöbern und Entdecken stehen dem Kunden jederzeit kostenlos Kaffee und Tee zur Verfügung, von der kompetenten und freundlichen Beratung ganz zu schweigen.

Klaus Kowalke von der Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. stand mir Rede und Antwort:

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Ein Ort der Literatur. Ein Ort für Literatur. Unser Motto lautet: Einfach Bücher.
[siehe auch tumblr-blog: http://lessingkompanie.tumblr.com/ ]

Klaus KowalkeWieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Ich bin Quereinsteiger. >Kaufmann >Philosoph/Historiker >Verleger >Dozent >Buchhändler. In dieser Reihenfolge habe ich meinen Lebensunterhalt verdient und entsprechende Abschlüsse durch Studium erworben.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Nein. Ich würde die Abkürzung wählen.

Was fasziniert Sie an Büchern? Woher stammt die Liebe dazu?

Gibt es Menschen, die keine Bücher lieben?

Gibt es Bücher, Schriftsteller, die Sie persönlich geprägt haben, die Ihnen wichtig sind?

Ja, das sind sehr sehr viele. Geprägt? David Hume würde ich sagen.

Ist der Literaturbetrieb zu bequem und auch antiquiert, müsste er mehr tun für sein eigenes Überleben? Haben neue Ideen überhaupt Platz oder behaupten die ewig gleichen ihren Platz?

Der Literaturbetrieb unterscheidet sich schon wesentlich vom Buchmarkt, was meinen Sie? Im Literaturbetrieb zählen Moden und die Hoffnung Debütanten zu entdecken. Im Buchmarkt lebt man von der Auswahl, also von der Hoffnung das richtige Sortiment zu wählen.

Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Eigentlich gar nicht. Von dem technischen Drum und Dran mal abgesehen: Ich wähle aus (meist zuviel) und kaufe ein, der Laden ist voll. Also voller Entdeckungen. Und so war es im Buchhandel und so soll es auch bleiben. Buch pur.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Amazon? Ein Konkurrent, ganz klar. Man muss besser sein! Wir sind es!

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Gute Bücher müssen verlegt werden. Und gute Bücher müssen in die Buchhandlungen. Das sollte reichen. Nonbook, Onlinevetrieb – alles Zeitverschwendung. Der Buchhändler soll seine Kunden im Gespräch fesseln können: Ein Laden lebt von der Begeisterung des Personals und seine Kunden müssen diese Begeisterung spüren.

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Er kann mir in die Augen schauen. Unterschätzen Sie das nicht!

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

E-Book ist eine technische Neuerung. Es wird sich neben dem Buch behaupten und in gewisser Weise den Markt verändern. Das Buch wird bleiben, wenn der Buchhändler bleibt.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Selfpublisher? Der Markt ist schon sehr überschwemmt. Als Sortimenter benötige ich die Filterfunktion des Verlages, des Lektorats damit sich Qualität durchsetzt.

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Gehen Sie in Ihrer Buchhandlung vor Ort einkaufen!

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

Nur zu, es macht Spaß! Sei identisch mit dem was du machst!

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Der Spaßfaktor: Es macht unendlich viel Spaß Bücher zu verkaufen (aber auch der Einkauf macht uns viel Freunde!).

Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Thomas Gralla von der „Buchhandlung Gralla am Hindenburgdamm“ in Berlin.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

_MG_6785Eckdaten:
Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V.
Franz-Mehring-Strasse 8
09112 Chemnitz

Öffnungszeiten:
MONTAGS BIS FREITAGS
 10:00 – 19.00 Uhr
SAMSTAGS
 10:00 – 13:00 Uhr

Welt der Papiere

Irgendjemand ist immer der Unterhund. Man redet gross über Gleichberechtigung, über gleiche Rechte für alle und wie man diese erreichen will. Erreicht man es schon in den viel besprochenen Fällen nie, so bleibt daneben immer wieder eine neue Gruppe Menschen, die durch alle Maschen fallen. Über diese richtet man von oben herab, weil sie nicht den Status haben, selber mitzurichten. Sie sind Menschen zweiter Klasse, sofern man ihnen überhaupt eine Klasse zugesteht, sie nicht nur einfach als zu behandelnde Ware abtut.

Eine dieser Klassen sind die Behinderten. Man diskutiert über Eingliederungsmassnahmen und missachtet dabei, dass sie genauso Menschen sind wie wir. Nur weil jemand im Rollstuhl sitzt, hat er sein Hirn nicht abgegeben. Nur weil einer geistig nicht mehr mitdenken kann, ist er nicht minderwertig, sondern hat Bedürfnisse, die er teilweise sogar formulieren kann, wenn man nur zuhören mag. Aber man mag gar nicht, man rechnet schon, wie viel kostbare Zeit da flöten ginge und diskutiert seinen Fall lieber vor x Gremien, vor denen man sich mit ach so tollen Vorschlägen profilieren kann, die zwar oft allesamt an den Bedürfnissen des davon Abhängigen vorbei gehen, aber gut klingen. Darauf kommt es an.

Und immer wieder ein gefundenes Fressen sind die Jenischen. Die Sans-Papiers. Die gehören eh nirgends hin. Die kann man rumschieben. Wo sie auftauchen, schickt man sie weg. Man will sie nicht haben. Befindet, was ihnen zusteht und was nicht und wie man sie wieder loswird. Dass sie auch Menschen sind, interessiert nicht. Ihnen fehlen die nötigen Papiere, damit sind sie nutz- und schutzlos. Nicht gewollt in dieser Welt, zumindest nicht in diesem Staat – und wohl in keinem anderen, was dann irgendwann wieder die Welt wäre.

Papiere sind es, die zählen. Hast du die richtigen, zählst du was, hast du sie nicht, bist du nichts. Sei es bei Tieren, die nur mit Stammbaum wertvoll sind, sei es bei Stellen, wo nur Diplome zählen, nicht wirklich Können. Alles steht auf Papieren. Du tust gut daran, dir eine Flut davon zuzulegen – für alle möglichen Notwendigkeiten eines. Dann gehst du auf Nummer sicher. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen dir nicht mehr auf die Hände und in die Augen schauen, sondern nur noch dein Dossier prüfen, um zu sehen, ob du passt. Partnersuche geschieht von ferne über Tasten, Bewerbungen werden via Analyse der vorhandenen Papiere entschieden (oder Vitamin B – was man mit Abstammungs- der Hinternwischpapieren gleichsetzen kann).

Und so schliesst sich der Kreis: Fehlen die nötigen Papiere, sind wir alle irgendwie behindert in dieser Welt. Es wird von irgendwo über uns entschieden und wir werden entweder ausgesiebt oder mit gut gemeinten (und für den Meinenden profitablen weil Ruhm bringenden) Massnahmen abgespeist.

Fair? Gerecht? Gibt es die beiden überhaupt? Ich denke nicht. Ich denke auch nicht, dass es erstrebenswert ist, eine gerechte oder faire Welt zu schaffen. Gerechtigkeit ist ein Kunstbegriff, Fairness ein Ideal. Das erste ist unerreichbar, das zweite anzustreben. Es reichte in meinen Augen schon, offen und ehrlich an die Dinge heranzugehen, hinzuschauen, wirkliche Lösungen finden zu wollen und den Menschen als Menschen mit seinen wirklichen Fähigkeiten und Talenten (aber auch Schwächen) und nicht als Summe seiner Papiere zu sehen. Ob man das je wollen wird?

Margarita Kinstner: Mittelstadtrauschen

Die Frage nach der Liebe

Jakob und Marie, Marie und Jakob. Wenn es den kleinen Liebesgott mit den Pfeilen auf dem Rücken wirklich geben sollte, dann sieht er jetzt zufrieden drein und lächelt noch einmal in die Runde, bevor er sich zu seinem nächsten Auftrag begibt.

Marie stolpert in einem Wiener Cafe über Jakob. Eigentlich ist Jakob mit Sonja zusammen, was er aber nicht mehr sein will und sich von ihr trennt. Nun liebt er Marie. Und das innig.

Die grosse Liebe ist austauschbar, wie alles im Leben.

Marie gibt sich in diese Beziehung hinein, denkt aber noch immer an Joe, welcher vor Jahren ihre grosse Liebe war. Joe ist tot, doch er verschwindet nicht aus ihrem Leben. Sonja lernt derweil Gery kennen, welcher der beste Freund von Joe war. Gery schwärmt heimlich für Marie, allerdings ist die als Joes Freundin tabu.

Wie leicht haben es doch diejenigen, die nicht mehr auf der Suche nach der grossen Liebe sind, die die Suche entweder aufgegeben haben oder sich mit dem begnügen, was sie einst gefunden haben. […]

Für die brennende, alles verzehrende Liebe gibt es eine Zeit, wie für alles andere auch, aber diese Zeit hat ein Ablaufdatum. […] Wirklich gross bleibt sie nur, wenn sie sich nicht erfüllt. Man muss sich daran gewöhnen, dass die grosse Liebe nicht brennt und flackert.

Vom innersten Kreis, Jakob und Marie, heraus, entwickelt Margarita Kistner ein Geflecht von Geschichten, die alle irgendwie miteinander zusammenhängen. Maries Vater, Jakobs Eltern, Joe und viele andere treten auf und in Beziehung. Der Zusammenhang zwischen ihnen enthüllt sich erst nach und nach, teilweise erst am Ende der Geschichte. Margarita Kinstner versteht es, den Leser in dieses Geflecht zu verstricken, dass er nicht mehr herausfindet und auch nicht finden will. Er will tiefer stechen und die ganze Geschichte entflechten.

 

Mit viel Sprachwitz entwickelt Margarita Kinstner eine Geschichte über die Liebe, über Verlust, über Beziehungen und über das Leben in der Grossstadt von heute. Trotz des Humors und der Spielerei, die sich in der Sprache finden, besitzt die Geschichte inhaltlich grosse Tiefe und Nachdenklichkeit. Die Charaktere des Buches sind lebensnah fassbar, man lernt sie kennen, man lebt und fühlt mit ihnen mit. Des Weitern gelingt es Kinstner, den Lokalkolorit Wiens wunderbar sprachlich einzufangen, so dass man die Stadt und seine Cafes bildlich vor sich sieht, sich in der Stadt und an den einzelnen Orten wähnt.

Fazit:
Ein mitreissendes, tiefes, witziges, unterhaltsames Buch über die Liebe, über Wien, über Menschen und ihre Beziehungen. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Margarita Kinstner
Margarita Kinstner, geboren 1976 in Wien, hat bisher in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Mittelstadtrauschen ist ihr erster Roman.

 

KinstnerMIttelstadtrauschenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Deuticke Verlag (3. Auflage, 26. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3552062269
Preis: EUR  19.90 / CHF 28.70

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

Ludwig Uhland (26.4.1787 – 13.11.1862)

Am 26. April 1787 wird Johann Ludwig „Louis“ Uhland in Tübingen in eine alte Gelehrtenfamilie hinein geboren. Sein Geburtshaus an der Neckarhalde 24, das er wenige Monate nach seiner Geburt verlässt, ist denkmalgeschützt und so heute noch in seiner ursprünglichen Form erhalten. Den grossen Teil seiner Kindheit und Jugend verbringt Uhland mit seiner Familie im Haus seines Grossvaters väterlicherseits in Tübingen.

Ludwig Uhland besucht von 1793 bis 1801 die Schola Antolica, die Tübinger Lateinschule, und glänzt da vor allem in den sprachlichen Fächern, Mathematik ist ihm zeitlebens ein Gräuel. 1801 erhält Ludwig Uhland ein Stipendium für das Tübinger Stift, wendet sich da zuerst vornehmlich philologischen Themen zu, um dann 1805 mit dem Studium der Rechtswissenschaften zu beginnen. Er ist ein eifriger, ordentlicher, disziplinierter  und auch schweigsamer, zurückhaltender Student. Er freundet sich mit dem Medizinstudenten Justinus Kerner an und unternimmt zusammen mit diesem und anderen Kameraden ausgedehnte Wanderungen, welche Inspiration für viele Gedichte Uhlands aus dieser Zeit sind. Ebenfalls bewegte er sich im Schwäbischen Dichterkreis, zu deren Mitgliedern er einen lebenslangen Kontakt bewahrte, wovon zahlreiche Briefe zeugen.

1810 erfolgt die Promovierung Uhlands zum Doktor der Rechtswissenschaften, er geht danach auf eine Bildungsreise nach Paris, wo er sich altdeutschen und französischen Schriften widmet und nicht, wie sein Vater annimmt, dem romanischen Rechtskreis. 1811 kehrt Uhland nach Tübingen zurück und eröffnet seine Anwaltskanzlei, befasst sich daneben aber intensiv mit der Auswertung seiner Forschungsergebnisse aus Frankreich. Aus dieser Zeit stammt auch Uhlands wohl bekanntestes Gedicht Frühlingsglaube. Obwohl das Gedicht vom Charakter wie auch von der Wahl des Themas sehr romantisch anmutet, zeigt sich Uhlands wortkarge und nüchterne Natur deutlich, so dass seine Lyrik nicht überladen mit Schwärmerei, Gefühl und blumigen Ausschmückungen punktet, sondern auf prägnanten, anschaulichen Darstellungen des Beschriebenen beruht.

1812 schliesst Uhland seine Kanzlei und zieht nach Stuttgart, wo er eine unbezahlte Stelle als zweiter Sekretär des württembergischen Justizministers erhält, die er 1814 verlässt. In diesem Jahr findet sich auch die erste Erwähnung von Emilie Vischer aus Calw, die er später heiratet. In eben diesem Jahr entsteht auch eine von Uhlands bekanntesten Balladen Schwäbische Kunde.

Uhland begibt sich1815  in die Politik, setzt sich als führender Sprecher der Landstände für das alte Recht ein, das von Friedrich I. durch eine neue Verfassung in Gefahr ist. In dieser Zeit entsteht eine Reihe von Gedichten, die sich mit den Grundsätzen der Verfassung auseinandersetzen und die bei Versammlungen vorgetragen werden. 1819 wird mit der Verkündung des neuen Grundgesetzes Uhlands Drama Ernst Herzog von Schwaben in Stuttgart aufgeführt. Wegen mangelnder Bezahlung quittiert Uhland schon 1817 seine Stellung in Stuttgart und arbeitet wieder als freier Anwalt – allerdings auch nicht finanziell erfolgreich. Geldnot ist sein ständiger Begleiter. Dass er ohne eigenes Zutun 1819 in den Landtag gewählt wird, erscheint als Rettung.

1820 heiratet Uhland Emilie Auguste Vischer, die Hochzeitsreise führt in die Schweiz, wo er sich mit mittelalterlichen Handschriften beschäftigt. 1826 zieht er sich aus der Politik zurück und wendet sich ganz seinen wissenschaftlichen Studien zu. 1829 wird dieser Einsatz mit Erfolg gekrönt, er wird Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität in Tübingen, so dass das Paar 1830 in Uhlands Geburtsstadt zieht. Uhland vermag die Studenten mit seiner Begeisterung für die vorgetragenen Inhalte zu fesseln.

Trotz allem lässt sich Uhland 1832 dazu überreden, nochmals für den Landtag zu kandidieren, was ihn bald vor die Entscheidung Professur oder Politik führt. Er entscheidet sich für die Politik, was den Verlust seiner Professur zur Folge hat. 1838 scheidet er wieder aus der Politik aus und arbeitet danach als Privatlehrer. 1848 erfolgt ein neuer Versuch in der Politik, welcher 1849 endet und Uhland wieder zum Privatgelehrten werden lässt. Er reist in dieser Zeit viel und betreibt Sagenkunde.

Als Uhland am 26. April 1862 seinen 75. Geburtstag feiert, feiert das deutsche Volk mit ihm. Er hat es in diesem Land zu Bekanntheit gebracht, er wird als Ideal nationaler Einheit und Freiheit verehrt. Allerdings ist Uhland schon da geschwächt von einer Erkältung, die er seit dem Februar desselben Jahres mitträgt. Am 13. November 1862 stirbt Ludwig Uhland. Er ist auf dem Tübinger Stadtfriedhof beigesetzt.

 

Werk und Wirkung

Ins Jahr 1806 fallen die ersten Veröffentlichungen seiner Gedichte in verschiedenen Medien.  1809 verlegt Uhland sein Schaffen mehrheitlich auf Balladen. Sein Themenschwerpunkt liegt dabei auf der Natur- und Liebeslyrik, immer fällt aber Uhlands kurzer und knapper Stil auf, welcher ihn von den sonst oft schwülstigen Gedichten anderer Autoren unterscheidet. Uhland zeichnet eine weitgehend domestizierte Natur, die sich dem gutgesinnten Menschen gütlich zeigt. Es herrscht ein heiterer Unterton, religiöse Grundsymbolik  und der Verweis auf den Tod, welcher nicht als drohender Dämon, sondern als natürlicher Lauf des Lebens auftritt, sind weitere Merkmale der Uhlandschen Lyrik.

 

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor,
Stiller sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.
Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal,
Hirtenknabe, Hirtenknabe,

Dir auch singt man dort einmal.

Uhland versteht es, die vorherrschenden gesellschaftlichen Themen in eine Naturmetaphorik zu übertragen und durch diese darzustellen.  So deutet er zum Beispiel schon in seinem frühen Gedicht Naturfreiheit seine Ideale von Freiheit und bürgerlicher Gleichheit an:

Mit den Lüften will ich streiten,
Rauschend durch den grünen Hain;
Mit den Strömen will ich schweifen,
Schwimmend in des Himmels Schein;
In der Vögel Morgenlieder
Stimm ich frei und freudig ein
Alle Wesen sollen Brüder,
Du, Natur, uns Mutter sein.

Durch die politischen Zustände 1809 inspiriert entsteht Uhlands Gedicht Der gute Kamerad, welches mit einer Melodie von Friedrich Silcher vertont in späteren Jahren oft umgedeutet und im Sinne patriotischen Aufbruchs und Kriegsverherrlichung verwendet wird – was nicht im Sinne des Dichters ist, dem es ausschliesslich um eine Darstellung von Freundschaft in Zeiten des Krieges geht.

Uhlands 1815 erstmals erschienene Sammlung seiner Gedichte wurde in diverse Sprachen übersetzt und trägt massgeblich zu seinem Rang als Dichter bei. Er inspirierte mit seinem Schaffen Dichter wie Grillparter oder Hebbel, die ihn hoch lobten:

Der letzte deutsche Dichter. (Grillparzer)

Der einzige Dichter, von dem ich ganz gewiss weiss, dass er auf die Nachwelt kommt. (Hebbel)

Vor allem nach 1830 war Uhland mit seinem spätromantisch-biedermeierlichen Werk ein Autor, der über die deutschen Grenzen hinaus bekannt war. Heute gehört er zu den vergessenen Lyrikern des 19. Jahrhunderts, es gibt nur wenige Ausnahmen, welche im Bildungskanon deutscher Schulen noch bekannt sind, so zum Beispiel das Gedicht Der gute Kamerad oder die Ballade Des Sängers Fluch.

 Uhlands lyrische Schaffenszeit umfasst die Zeit zwischen 1805 und 1816, danach verstummte er bis 1829 ziemlich. Erst 1829 hört man wieder von ihm, jetzt setzt auch der eigentliche Erfolg ein, seine Gedichtesammlung aus dem Jahr 1815 erreicht bis 1862 43 Auflagen. Heinrich Heine schreibt im Jahrbuch für Literatur 1839 über diesen Sammelband:

Uhlands Gedichtesammlung ist als das einzige überlebende lyrische Denkmal jender Töne der romantischen Schule zu betrachten.

 

Werke Uhlands

Gedichte
Die Kapelle
Der Wirtin Töchterlein
Frühlingsglaube
Der gute Kamerad (heute noch fester Bestandteil militärischer Beisetzungen)
Einkehr
Freie Kunst
Schäfers Sonntagslied
Ulmenbaum (1829)

Balladen:
Des Sängers Fluch (vertont von Robert Schumann)
Der Schenk von Limpurg
Schwäbische Kunde
Das Schloß am Meere
Das Glück von Edenhall

Dramen:
Ernst, Herzog von Schwaben (Trauerspiel in fünf Aufzügen; 1817)
Ludwig der Baier (Schauspiel in 5 Aufzügen; 1819)

Wissenschaftliche Arbeiten:
Walther von der Vogelweide, ein altdeutscher Dichter (Monografie, 1822)
Der Mythos von Thôr nach nordischen Quellen (Studien zur nordischen Mythologie, 1836)
Sagenforschungen (1836)