Dummheit zahlt sich aus

Heute habe ich mich weitergebildet. Ich habe gelernt, dass eine Frau aus Korea sich dumm und dämlich verdient mit Youtube, indem sie mit totem Fisch schmust, eine Möhre mit den Zähnen raspelt, laut kreischend aus Parisern Farbe auf ein Bild kleckst und diese dann – immer noch kreischend – am Kleid reibt, um es einzusauen. Das ist eine Ausnahme? Bewahre.

Da ist die Frau, die ihr Gesicht in Brot drückt. Millionen Menschen klicken das an. Ein Mann flüstert. Nichts Besonderes, nichts Geistreiches, zu keinem speziellen Thema – aber: Alles, was er so sagt, flüstert er. Schweizerdeutsch. Vielleicht ist das toll für Ausländer (Deutsche finden unseren Akzent ja oft niedlich und lachen das laut raus), für mich eher normal. Die Reaktionen übertreffen alles (mit gesundem Menschenverstand zu erahnende): Von Hirnorgasmus ist die Rede. Die Klicks brechen die Millionengrenze.

Das sind nur ein paar Beispiele, es gäbe sicher noch mehr. Ich überlege, ob es wirklich sinnvoll ist, mein Kind in die Schule zu schicken, dass es was lernt: Dummheit zahlt sich aus, wie es aussieht.

Wer braucht mich eigentlich?

Es gab mal eine Zeit, da studierte ich. Und weil ich keine reichen Eltern hatte, musste ich arbeiten, um mir das Studium zu finanzieren. Das Studium dauerte dadurch etwas lange, denn ich musste mir nicht nur Studiengebühren finanzieren, sondern auch eine Wohnung in Zürich, Essen, Versicherungen (ohne geht gar nicht, sagte meine Mama, ihres Zeichens Versicherungsfachfrau), Krankenkassen (damals sicher günstiger als heute, aber immer noch teuer, wenn man nix hat) und so vieles mehr.

Wenn ich mich beworben habe, kriegte ich die Stelle ziemlich sicher. Ich arbeitete in Gasthöfen (servierte Essen), in Pubs (zapfte Bier, spielte Seelentröster und machte Stimmung), bei Heizöl-Riesen (pflegte die Datenbanken und fungierte als Poweruser und Instructor für neue Programme), als EDV-Lehrer (brachte Kindern und Grosis die Grundlagen bei, anderen Zertifikatskurse), bei Zeitungen und Zeitschriften als Freischaffende (ständig auf Achse, teilweise Seiten füllend), in Banken als EDV-Sachbearbeiterin (bastelte und pflegte Datenbanken) und in Anwaltskanzleien (tippte als Assistentin und recherchierte als Paralegal). Das alles als junge Frau, nach der Matur, mitten im Studium.

Heute bin ich nicht mehr ganz so jung, kann sicher mehr als dann, habe mehr erfahren, mehr erlebt und gelernt, bin gewachsen. Und genau das scheint mir zum Verhängnis geworden zu sein. Keiner will mehr eine promovierte Frau im besten (ich sag das mal, an irgendwas muss man sich ja halten) Alter einstellen, die noch dazu einen Titel hat. Gründe (wirkliche) kommen kaum. Wenn überhaupt eine Absage kommt, heisst es: „Besser geeignet“ (worauf fusst das? Häkchen beim Anforderungsprofil?).

So oft heisst es, dass Steuergelder verschwendet werden für Nonsense. Ich habe studiert. Das kostete den Steuerzahler. Ich würde nun gerne arbeiten und mein Wissen, mein Können, meine Fähigkeiten einsetzen. Ich beherrsche Apple und Windows, ich kann mich ausdrücken, habe Weiterbilldungen in Projektmanagement, kann mit Menschen, will mit Menschen. Aber das will keiner haben. Klar kann ich weiter selbständig wursteln. Das funktioniert. Ich weiss aber nur zu gut, dass es das nicht bei jedem tut und ich für mich hätte es gerne anders. Woran liegt es?

Bin ich ein Mensch, den die (Arbeits-)Welt nicht braucht? Wer braucht mich überhaupt? Klar, mein Sohn. Mein Hund auch. Die Katzen würden es nicht zugeben (ok, eigentlich schon), aber auch sie. Nur die Welt da draussen, die braucht mich nicht.

Das klingt autobiographisch? Das mag es sein (Stellenangebote gerne an mich direkt). Aber es trifft auf ganz viele zu.

Vorwärts

Als ich dachte,
es geht nicht,
war ich zu feige?
War es die Angst,
die mich zurückhielt,
oder hatte ich Gründe,
es nicht zu tun?

Als ich Gründe fand,
waren sie real?
Unumstösslich gar?
Waren es Hindernisse,
unüberwindbare,
oder einfach nur
vorgeschobene?

Als ich nachforschte,
was es war,
hätte ich umkehren können?
Müssen gar?
Oder war es schon zu spät?
Wie lange gibt es
ein Zurück?

Als ich nicht umdrehte,
handelte ich richtig?
Weil die Angst,
selbst wenn sie erkannt ist,
nicht einfach geht,
sondern bleibt,
und zermürbt?

Als ich hinterfragte,
hatte das überhaupt einen Sinn?
Oder nimmt das Leben,
wie es auch gelebt wird,
seinen Lauf,
immer vorwärts,
nie zurück?

Ich wünsche mir

Manchmal wünsche ich mir
die Leichtigkeit im Leben zurück.
Ich wünsche mir,
unbeschwert durchs Leben zu gehen,
möchte lachen,
tanzen und singen,
nur tun,
was das Herz begehrt.

Manchmal wünsche ich mir,
das Schwere würde wegfallen.
All die Pflichten,
all die Zwänge und Ketten.
Ich möchte durch Wälder streifen,
in Blumenwiesen liegen,
die Freiheit spüren,
für immer.

Manchmal wünsche ich mir,
die Welt stünde still,
es gäbe nichts,
dem ich hinterher rennen müsste.
Nichts, das eilt,
das drängt oder fordert.
Ich möchte sein,
nur einen Moment.

Manchmal wünsche ich mir
die Leichtigkeit im Leben zurück.
Ich wünsche mir,
dass die Gedanken nicht mehr drehen,
die Zweifel verschwinden,
die Fragen schweigen.
Ich möchte einfach nur
atmen und sein.

Ethik am Arbeitsplatz oder bloss gut klingende Worte?

Nehmen wir die Firma XXX. Sie baut Stellen ab und Manager Heinz muss das umsetzen. Er muss also dahin gehen und Menschen entlassen. Er muss ihnen sagen, dass es für sie keine Stelle mehr gibt in dem Unternehmen, weil dieses sparen muss. Zwar schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen und verzeichnet Gewinne, aber: Um die zu sichern, müssen Einsparungen her. Köpfe müssen rollen. Was ist Manager Heinz für ein Mensch? Ein skrupelloser? Ein böser? Einer, der eigentlich lügt, da der Kopf (und der Kopf ist nicht bloss ein Kopf, es ist ein Mensch, der die Stelle braucht, um zu überleben, es ist ein Mensch, der unter Umständen zu Hause eine Familie hat, die angewiesen ist auf ihn und darauf, dass er diese Stelle hat) grundsätzlich gar nicht rollen müsste, sondern es nur tut, weil gewisse Firmen ihren Ertrag über alles stellen.

Kürzlich diskutierte ich mit einem Bekannten über die heutige Arbeitswelt und darüber, dass die Bedingungen in dieser immer härter würden. Mein Bekannter sagte mit Inbrunst in der Stimme „Ich würde nie Manager werden können.“ Ich fragte ihn, ob er das auch noch sagen würde, wenn er die Wahl hätte, arbeitslos zu werden und somit seine Familie nicht mehr ernähren zu können. Er antwortete mit ja.

Ich schaute ihn an und fragte wieso. Die Begründung war: „Dazu muss man skrupellos sein.“ (Ok, er sagte „ein Arschloch). „Als Manager musst du Menschen anlügen, du musst sie entlassen, ihnen bis dahin das Blaue vom Himmel versprechen, wenn es der Firma dient. Das kann und will ich nicht. Ich lüge nicht.“

Meine Frage, ob er noch nie gelogen hätte. Ob er vor allem seine Familie, seine Frau noch nie angelogen hätte, liess er im Raum stehen und fand, dass ihm Ethik wichtig sei. Er könne nicht Menschen einfach anlügen, nur um selber eine bessere Position zu haben. Nun ehrt ihn dies sicherlich, doch frage ich mich folgendes:

Bringt man es wirklich nur als skrupelloser Mensch in höhere Positionen? Ist der Weg wirklich immer nur mit Lügen gepflastert? Gibt es in all den Managerreihen nur Arschlöcher und keine Menschen mit Herz und Mitgefühl? Ich kann es kaum glauben, aber weiter: Wenn es so wäre und man diese Reihen aus diesem Grund auch den Arschlöchern überlässt, statt sie selber auszufüllen und nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, ist man dann nicht selber schuld, wenn es eben gerade so ist, dass nur die dort sitzen (und damit das Managerbild überhaupt zeichnen)? Irgendwer wird die Aufgabe übernehmen, wem also tut man einen Dienst, wenn man sich selber mit solchen Argumenten davon distanziert?

Ich bin mir bewusst, dass man mit dem Argument „wenn ich es nicht tue, tut es ein anderer“ nicht alles rechtfertigen kann, aber wenn etwas getan werden muss, weil es keine Alternative gibt, dann ist es sicher zumindest bedenkenswert. Und zu guter Letzt die Frage: Der ethische Bekannte stellt das Wohl fremder Menschen mit seiner Entscheidung über das Wohl seiner eigenen Familie, in welcher er eine Rolle übernommen hat. Er will anderen Menschen nicht die Stelle kündigen, weil die daran hängen, ihre Familien an ihnen hängen, würde es aber selber in Kauf nehmen – um das nicht tun zu müssen. Ist das Ethik? Oder ist es einfach selbstherrliches Märtyrertum, das gut klingt? Oder etwas Drittes?

 

Von Sofamotzern und anderen Querulanten

Einer meiner Freunde teilte einen Beitrag eines Vaters, der mit seinem Sohn im Baumarkt war und beim Rauskommen merkte: Das geliebte Like-a-bike des Sohns war weg…

Was mir aufstiess? Es wurde in den Kommentaren nicht gegen den Dieb geschossen, sondern gegen den Vater. Dieser hatte zwar weder eine Anzeige gemacht, sondern nur die Rückgabe (sogar gegen Entgelt) gewünscht, und auch sonst keine wirklich bösen Worte gefunden, aber: Er hatte das Bike nicht abgeschlossen, mit dem Nennen des Markennamens Werbung gemacht und noch vieles mehr. Vom heimischen Sofa wurde geurteilt und geschossen.

Ich lese das oft in letzter Zeit. Wenn jemand ein Unrecht aufzeigt, wird das Unrecht zwar nicht negiert, aber gleich der Aufzeigende beschossen. Er zeige nur auf, täte aber nichts. Das Urteil ist zwar nicht fundiert, nur angenommen, aber es kommt als Angriff daher. Die eigenen Taten des Angreifers bleiben aussen vor, dass er nicht mal auf das Unrecht hinwies war wohl nicht nur Bequemlichkeit oder Ignoranz, sondern sicherlich einem guten Grund geschuldet. Aber:

Schon das Hinschauen ist eine Haltung. Aus dem Hinschauen können mehr Hinschauende gewonnen werden, daraus eine Handlungsabsicht und daraus eine Handlung. Irgendwo muss man mal anfangen. Wenn aber schon der Anfang belächelt, verurteilt und abgeputzt wird, sind wir bald da, wo alles sang- und klanglos durch geht. Weil die, welche an allem was rumzumeckern haben, das Terrain geebnet haben.

Die Würde des Menschen….und das Bundesgericht

Ein Mann vergewaltigt 24 Frauen und kommt ins Gefängnis. Aus irgendwelchen Gründen wird der Vollzug gelockert und der gute Mann fällt über die nächsten Frauen her, betäubt sie und vergeht sich an ihnen. Wieder wird er verurteilt, des Weiteren wird eine lebenslange Verwahrung wegen besonders schwerer Beeinträchtigung – sowohl psychisch wie physisch – der Opfer. Das fühlt sich gut und richtig an, doch dann geht das Ganze vors Bundesgericht.

Dieses sieht in der Tat keine besonders schwere Beeinträchtigung. Zwar kann nun das Basler Gericht, welches den Fall nun wieder zurück haben darf, immer noch eine Verwahrung anordnen, allerdings wird diese immer wieder neu geprüft. Unter Umständen kann die Verwahrung dann ein Leben lang dauern, nur fehlt ein wenig der Glaube daran, wenn man sieht, dass bei ihm nach einer Prüfung auch eine Vollzugslockerung gestattet wurde. Nun könnte man natürlich zynisch sein und sagen, dass in dieser zum Glück kein Opfer besonders schwer beeinträchtigt wurde nach Massgabe des Bundesgerichts, allerdings bleibt hier sogar dem Zyniker das Wort im Halse stecken.

Das Urteil des Bundegerichts ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht der Opfer, es zeugt auch von mangelnder Empathie und fehlender Fähigkeit, eine solche Tat einzuschätzen und einzuordnen. Zwar sind Urteile aufgrund von Gesetzen und nie aufgrund von Gefühlen (und sei es nur Mitgefühl) zu fällen, was gut, wichtig und richtig ist, aber hier wurde nicht nur menschlich versagt, auch rechtlich ist dieses Urteil alles andere als eine Meisterleistung und es zeichnet ein falsches Bild. Es suggeriert, dass die körperliche und psychische Integrität und damit auch die Würde des Menschen, welche ja unantastbar sein sollte (so steht es in unserem Grundgesetz) mit Füssen getreten werden kann. Nicht ungestraft, nein, eine Strafe kriegt er, aber die Beeinträchtigung ist nicht besonders schwer.

Der Gedanke, dass ich gerne wüsste, wie sich die Menschen, die so geurteilt haben, fühlen würden, wäre das ihnen geschehen, ob sie das immer noch als nicht wirklich besonders schlimm abtäten, durchzuckt mich. Ich schäme mich, ihn nur schon zu denken, denn wünschen kann ich das niemandem. Umso unverständlicher ist es mir, dass jemand die Schwere des Verbrechens in Frage stellt. Eine Frau wird überrumpelt, betäubt und wacht irgendwann auf und merkt, wie ihr geschehen ist. Sie konnte nichts tun, sie hatte keine Wahl. Sie weiss nicht, was ihr passiert ist, sie weiss nicht wieso – sie muss nun aber damit leben, dass es möglich war, dass es passiert ist und: dass es wieder passieren könnte. Was sonst noch alles in ihrem Kopf, in ihren Gefühlen vorgeht, möchte ich weder in Worte fassen noch genau durchdenken. Zurück bleibt nur die Trauer und die Frage: Was, wenn nicht das, stellt dann überhaupt noch eine „besonders schwere Beeinträchtigung“ dar?

(Hier die Ursache für mein Unverständnis)

Rezension: Alex Capus – Mein Nachbar Urs

Katzen, Kinder, Velopneus – das ganz normale Nachbarschaftsleben

Ich habe fünf Nachbarn, die mit Vornamen Urs heissen. […] Dann gibt es in unserer Nachbarschaft noch einen sechsten Urs, aber der will nicht, dass ich über ihn schreibe. Also sage ich, es seien nur fünf Urse.

In zwölf Kurzgeschichten erzählt Alex Capus aus seinem Leben in Olten, genauer aus seiner Nachbarschaft, hauptsächlich im Zusammenhang mit seinen fünf Nachbarn, die alle Urs heissen. Es gibt noch weitere Menschen mit anderen Namen, von denen die Geschichten handeln, einer davon ist Herbert – allerdings könnte er auch Norbert oder Robert heissen und er wohnt auch nicht in der Nachbarschaft. Doch das ist die Ausnahme. Hier geht es um Urse und Alexs Leben mit ihnen.

Die fünf Urse sind unterschiedlichen Charakters und auch mit unterschiedlichen Berufen und Leben ausgestattet, aber sie haben auch einiges gemeinsam. Sie finden zum Beispiel Alexs Auftreten nicht so, wie es sein sollte:

„Noch nie hat man dich auf einem ordentlichen Velo gesehen. Diese zwanghafte Nachlässigkeit – irgendwie kindisch finde ich das.“

„Wenn’s nur das Velo wäre“, fügte der dritte Urs hinzu.. Bei dir ist aber, wenn man genau hinguckt, alles immer ein bisschen vage und ungefähr. Irgendwie lasch. Nichts für ungut.“

„Ein bisschen lauwarm“, sagte der zweite Urs und nickte.

Als einziger Nicht-Urs kann Alex das nicht stehen lassen:

„Ich verstehe, dass euch mein Lottervelo ein Dorn im Auge ist“, sagte ich. „Aber nehmt bitte zur Kenntnis, dass ich mich genauso ärgern könnte […] Ich tu’s nicht, aber ich könnte mich ärgern. […]“

Wer denkt, das sei es nun gewesen mit der guten Nachbarschaft, dem sei gesagt: Weit gefehlt. Es wird weiter auf dem Kiesplatz mit Bänken und Grill an der Elsastrasse zusammengesessen, gegrillt, Bier getrunken und über Gott und die Welt geredet – wie man es als gute Nachbarn eben tut.

Mein Nachbar Urs ist sicher kein grosser literarischer Wurf und steht, in der Kategorie gedacht, weit hinter Alex Capus’ Romanen zurück, aber: Es ist ein unterhaltsames, zutiefst menschliches, witziges und aus dem Leben gegriffenes Buch, das einen Einblick in Alex Capus’ Leben in seiner Heimat Olten gibt – oder es zumindest gekonnt so aussehen lässt. Man fühlt sich als Leser mittendrin, lacht mit, wundert sich, fragt sich, ist dabei. Wer Alex Capus schon live erlebt hat, erkennt ihn wieder und liest den Alex so, wie er ihn geben würde.

Ich dachte in einer schlaflosen Nacht, ich könnte mal eine Geschichte lesen (dazu eignen sich Kurzgeschichten wunderbar), um dann wieder weiterzuschlafen. Da hatte ich die Rechnung ohne den Wirt (in diesem Fall Alex Capus) gemacht: Ich habe das ganze Buch in einem Zug durchgelesen. Also: Aufgepasst!

Fazit:
Ein unterhaltsames, kurzweiliges, witziges Buch rund um Alex Capus’ Leben mit seinen fünf Nachbarn namens Urs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz. Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009), Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).

Hier gibt es ein Interview mit dem Autoren.

 
Angaben zum Buch:
Capusmein_nachbar_ursTaschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (23. Oktober 2015)
ISBN-Nr.: 978-3423144490
Preis: EUR 8.90 / CHF 11.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Heranwachsende Söhne

Als ich Kind war, gab es keine Markenklamotten. Schuhe, Hosen, Jacken – alles „No Name“. Alles schön, alles toll, sauber. Aber keine Marke. Mein Vater hielt von Marken nichts. Man zahle nichts ausser dem Namen, meinte er. Ich litt damals, verstehe ihn heute und sehe es gleich.

Mein Sohn mag Marken. Weil: Alle haben die. Ich weiss, wer alle sind. Ich weiss aber auch, wie es sich anfühlt, wenn man nicht hat, was „alle“ haben. Ich kauf’ ihm kaum Marken, ab und an doch. Einiges kriegt er geschenkt, dafür bin ich sehr dankbar, es geht doch ganz schön ins Geld.

Wie es bei Kindern so ist: Sie wachsen. So trug besagtes Kind die schönen blauen „Nike Air“-Sportschuhe gerade mal einmal, dann waren sie zu klein. Die tolle schwarze Jeans hatte zwar keinen Namen, dafür aber einen gigantischen Schnitt. Nur: Das Kind passte nicht mehr rein.

Aber… und nun kommt’s… ich passte in beides rein. Und ich trug wohl das erste Mal in meinem Leben Nike Turnschuhe. Und die Jeans war auch toll. Leider ist das Kind mittlerweile in Hosen und Schuhen über mich hinausgewachsen, aber die beiden Stücke, die liebe ich heiss.

Das perfekte Kind

In der Schule meines Sohnes gibt es Einträge. Für jedes Vergehen kriegen die Kinder einen. Als Vergehen zählt, wenn das Kind zu spät kommt. Das finde ich sinnvoll, denn Pünktlichkeit ist wichtig. Erstens wird das Kind später im Berufsleben Pünktlichkeit brauchen, da sonst der Job schneller weg ist, als er gefunden wurde, andererseits stellt Pünktlichkeit auch Respekt dem Gegenüber dar, denn: Pünktlichkeit beinhaltet einen vereinbarten Termin und eine Vereinbarung impliziert mindestens zwei Partien. Einer von beiden wartet bei der Unpünktlichkeit des anderen. Dies in Kauf zu nehmen stellt für mich Respektlosigkeit dar und die mag ich gar nicht.

Als Vergehen zählt ebenso, wenn das Kind seine Aufgaben nicht gemacht hat. Auch das verstehe ich, denn Aufgaben werden erteilt und sie stellen Pflichten dar, die man abarbeiten muss. Das liegt in der Natur der Sache, in diesem Fall eines Abhängigkeitsverhältnisses. Sicher muss nicht jede Aufgabe gedanken- und kommentarlos akzeptiert werden, dieser Nachtrag ist aber sicherlich sinnvoller für mündige Menschen im Berufsleben als für Schüler in der Schulsituation (alle Abers verkneif ich mir und diskutiere ich an diesem Punkt nicht weiter).

Ebenfalls als Vergehen zählt, wenn das Kind alles gemacht hat, allerdings sein Blatt in einem anderen Zimmer hat als dem gerade benützten. Wären Schulzimmer wie zu meiner Zeit, wäre das gar nicht möglich gewesen, allerdings geht mein Kind in eine Schule, in der ich schon bei der Aufteilung der Zimmer den Überblick verloren habe, geschweige denn mir hätte merken können, wann ich wo womit sein müsste. Und auch da kriegt das Kind dann einen Eintrag.

Ich werde nichts sagen, ich werde mich hüten, aufzumucken, denn sonst kriege ich wieder von Lehrer-Bemitleidern zu hören, ich würde des Lehrers Zeit über Gebühr strapazieren. Auch weiss ich, dass es eh nichts bringen würde in den Mühlen unserer Schulmaschinerie, aber: Wenn ich für jede Vergesslichkeit einen Eintrag kriegen würde, wären meine Hefte voll. Wenn ich denke, wie oft ich in die Küche laufe und da angekommen vergessen habe, was ich überhaupt wollte, wie oft ich zum Coop fahre und dann ohne das, was ich dringend kaufen sollte, dafür mit vielem anderen nach Hause komme, wie oft ich ähnliches produziere, dann wären meine Hefte gut gefüllt.

Ich bin nicht perfekt. Kinder müssen es wohl sein. Sonst kriegen sie einen Eintrag. Den ich unterschreiben muss. Und das stösst mir mehr als sauer auf! Ich bin sehr für Anstand, Respekt, Ordnung. Mein Kind ist gut erzogen, es tobte nie durch Züge, isst manierlich, seit er sitzend essen kann, er hat Anstand andern Menschen gegenüber, ich war da eisern, weil es mir wichtig ist, aber: Es ist ein Mensch, es ist ein Kind, es ist nicht perfekt. Und das sollte es auch nicht sein müssen. Ich finde dieses Perfektionsstreben mit angedrohtem Tadel höchst bedenklich und absolut motivationstötend.

Politisch korrekt und genderneutral

Als Kind hatte ich eine Hörspielkassette, ein Kasperlitheater mit dem Titel „De Schorsch Gaggo gaht nach Afrika“. Darin war von Negern die Rede, den Ausdruck kriegte ich quasi mit der Muttermilch (von welcher ich wiederum weniger kriegte, da ich – so sagt meine Mutter – zu faul zum saugen gewesen sei… das ist aber eine andere Geschichte, die an einem anderen Ort oder besser gar nicht thematisiert werden soll) und dachte mir nichts dabei, ausser: Das ist eine Bezeichnung für einen Menschen, wie Frau oder Mann – sie bezieht sich einfach auf eine Eigenschaft des Menschen.

Als ich studierte, sass ich in Vorlesungen, hörte Ansprachen, kriegte Anschreiben. Meist hiessen ich und meine Kommilitonen „Studenten“. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mich nicht angesprochen oder gar zurückgesetzt zu fühlen. Wieso auch? Klar war mir bekannt, dass die Rechte der Frau lange eher stiefmütterlich behandelt wurden und sie in ganz vielen Schriften nicht mitgemeint waren, wenn man von „Bürgern“ und ähnlichem sprach. Aber all das machte ich nie in der Sprache fest, eher in der Haltung, die dahinter steckt.

„Neger“ darf man heute nicht mehr sagen, Studenten sind entweder „Studenten und Studentinnen“, schriftlich auch „StudentInnen“, oder aber „Studierende“. Bis es soweit war, bedurfte es ganz vieler Kämpfe, es brauchte Menschen, die sich einsetzten für Werte, für Gleichberechtigung, für Menschenrechte, die für jeden gelten sollen, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Religionszugehörigkeit, sexuellen Ausrichtung oder des Geschlechts. Wir sind noch weit davon entfernt, erreicht zu haben, dass wirklich jeder Mensch qua seines Menschseins als Gleiche(r) unter Gleichen behandelt wird. Aber: Wir sind ganz gross darin, sprachliche Ausdrücke zu verteufeln, zu verdammen, den Finger drauf zu halten.

Hat eine Frau mehr Rechte, wenn der Rektor einer Uni die Menge mit „Liebe Studenten und Studentinnen“ anspricht? Auch die Mitarbeitende im Betrieb kann sich nicht mehr leisten, nur weil der Chef nicht mehr die Mitarbeiter anspricht, sondern von Mitarbeitenden (genderneutral) spricht. Helfen würde ihr nur, kriegte sie denselben Lohn für dieselbe Leistung. Davon sind wir weit entfernt, immer noch.

Ab und an erscheint es mir, als ob man sich gerne Nebenschauplätze wählt, auf denen man sich austoben kann, weil die Dinge, um die es wirklich geht, a) gross sind, b) den eigenen Ast absägen könnten, und c) …. es gäbe noch so viel, da nun das c) draus zu wählen täte den anderen Argumenten Unrecht und wäre damit nicht neutral, sondern wertend.

Sprache ist wichtig, sie ist prägend. Sprache ist ein zentrales Moment in der Identität und im Gedankengut von Menschen. Trotzdem denke ich nach wie vor, dass niemandem geholfen ist, wenn wir die Sprache zurechtbügeln, dass sie keine Ecken und Kanten mehr hat, an denen man sich stossen könnte. Was wirklich zählt, ist die Haltung dahinter. Wenn das chauvinistische Arschloch von Chef mit säuselnder Stimme am Weihnachtsessen seine MitarbeiterINNEN anspricht, diese aber in geschütztem Rahmen sexuell zweideutig angeht und ihnen auch nur einen Prozentsatz an Lohn auszahlt im Vergleich mit ihren männlichen Mitstreitern, hat er auf den ersten Blick alles richtig gemacht. Denn: Das Sexistische hintenrum hat keiner gesehen und über Geld spricht (in der Schweiz) kaum jemand.

Da würde ich lieber als Manager angesprochen und kriegte den ganzen Lohn. Denn das wäre die richtige Haltung. Und wäre die da, würde keiner mehr nach einem „INNEN“ schreien. Denke ich mal. Hoffe ich mal. So rein sprachlich, denn: Als Sprachwissenschaftler (nein, nicht –IN) rollen sich mir die Zehennägel auf bei all den Sprachverkehrungen.

Wer sich nun fragt, was Schorsch in dem ganzen Spiel zu suchen hatte, dem sei gesagt: Es ist dasselbe mit einem Unterschied: Wenn sich Menschen mit einem etwas pigmentierterem Teint verletzt fühlen durch den Begriff „Neger“, dann ist das sicher ein Punkt, den man nicht ignorieren darf. Aber: Unter sich nennen sie sich „Nigger“, es darf nur kein „Weisser“ den Begriff benutzen. Ich wage mich auf die Äste hinaus und sage: Auch da zählt nur die Haltung hinter dem Begriff. Denn: Sie würden sich gegenseitig beleidigen. Und das tun sie nicht. Sie trauen nur den „Nicht-Niggern“ die Toleranz und Akzeptanz nicht zu. Wörter werden das nicht ändern. Nur die Zeit und die Haltung. Die hinter den Wörtern.

Ich denke, wir sollten nicht weiter an der Sprache feilen, sondern an der Haltung. Das fängt bei der Toleranz im Kleinen an. So lange wir bei andern verspotten, was wir selber nicht mögen, sollten wir nicht mit Worten um uns schlagen und ebensolche bekämpfen, denn: Wir haben nichts begriffen. Worte sind leicht dahingesagt, das miteinander Leben ist die einzige Lösung. Für wohl alles auf dieser Welt.

 

Von Hometrainern und Beinbrüchen

Ich habe einen Hometrainer. Das allein ist nicht spektakulär, aber: Ich benutze ihn. Täglich. Seit etwa 26 Jahren. Jeden Morgen nach dem Aufstehen steige ich für eine halbe Stunde auf das gute Teil und spule meine 14 km ab. Mach ich es gerne? Nicht wirklich. Ich denke fast jeden Morgen, wie schön es wäre, nun einfach liegen zu bleiben (ich bin eher faul). Aber ich weiss auch, dass es mir nachher nicht besser ginge, im Gegenteil. Mein Kreislauf spielte verrückt, ich würde mich schlapp und schlapper fühlen.

Klar könnte man sagen: „Einmal sein lassen, das wäre kein Beinbruch.“ Das stimmt wohl theoretisch, allerdings ist es die Kontinuität, die mich überhaupt durchhalten lässt. Die halbe Stunde steht nicht zur Debatte. Sie tut mir gut, sie ist meine Zeit am Morgen, die Zeit, die mir gehört. Ich lese auf dem Hometrainer, habe ihn so „umgebaut“, dass ich den Laptop draufstellen und schreiben kann, ich häkle, schaue Filme… aber ich trampe immer im Schnitt 28 km/h. Das ist nicht sehr schnell, es ginge sicher schneller ohne all das Nebenprogramm, aber dieses hilft mir bei der Kontinuität.

Ich höre oft im Umfeld: „Wenn ich einen Hometrainer hätte wie du, könnte ich auch täglich Sport treiben.“ Allerdings haben ganz viele Menschen einen Hometrainer und nutzen diesen nie – es sei denn als Kleiderständer. Würde ich täglich Sport treiben ohne den Hometrainer? Ich habe es viele Jahre gemacht, als ich sehr intensiv Yoga machte. Täglich eine Stunde und mehr. Ich denke, wichtig ist nicht, was man macht, sondern dass man das macht, was man selber gut in den eigenen Lebensplan einbauen kann, und sich dann ohne wenn und aber dafür entscheidet. Ich kann es nur empfehlen. Bis morgen früh, dann überlege ich wieder kurz, ob ich wirklich aufstehen soll….

Die selbsternannten Geschmackshüter

KonzertGabalierIch war gestern an einem Konzert. Das alleine wäre ja nicht verwerflich, einige fanden es aber so, weil der auftretende Künstler Andreas Gabalier war. Die Aussage „Ich bin erstaunt“ war noch die harmloseste, die „Intelligenter Mensch und Andreas Gabalier-Konzert schliessen sich aus“. Es ist nicht neu, dass ich wegen meines Musikgeschmacks verspottet werde. Dass der hier kritisierte Künstler das Hallenstadion voll machte und es danach in einem jubelnden, mitsingenden, fröhlichen Hexenkessel verwandelte, bringe ich mal nichts als Argument ins Spiel, das würde bloss als „reiner Kommerz“, „Masse statt Klasse“ und ähnliches abgetan. Es gibt etwas, das mir je länger je mehr sauer aufstösst:

Da gehen Menschen dahin und setzen ihren persönlichen Musikgeschmack als Absolutum. Sie setzen sich auf den Thron des Richters über gut und schlecht und setzen dann andere, die mit ihrem Geschmack nicht konform laufen, herab. Setzt man was dagegen, kriegt man gleich die Totschlagkeule um die Ohren: Du verstehst kein Spass! Es ist ja auch ach so lustig, ständig wieder abfällige Kommentare zu hören über die eigene Musik. Und vor allem ist es ach so kreativ, die ewig gleich Kommentare zu schreiben. Ich habe Humor. Allerdings sollte das Vorgetragene auch wirklich Humor darstellen und nicht nur unsensibles, unbedachtes und abwertendes Palaver.

Was mir aber noch mehr aufstösst: Wer masst sich eigentlich an, anderen zu sagen, was sie hören müssen? Was für ein Mensch ist das, der selber findet, die absolute Wahrheit in einem Bereich für sich gepachtet zu haben? Oft sind es sogar Menschen, die sonst von Pluralität reden, von Toleranz, von Offenheit und Empathie. Vermutlich ist es einfach einfacher, diese Begriffe zu diskutieren als sie selber zu leben. Notfalls kann man da ja alles als Humor und ach so witzig abtun und sich dabei gleich doppelt überlegen fühlen.

Gabalier
Andreas Gabalier Volks-Rock’n’Roll

Hab ich schon gesagt, dass ich und meine Freundin soeben Tickets für das Gabalier-Konzert in München bestellt haben? Auf das Konzert in Zürich haben wir fast 1,5 Jahre gewartet, so lange hatten wir die Tickets schon (eine lange Geschichte), diesmal ist die Vorfreude etwas kürzer, nur ein halbes Jahr. Wir hängen dann gleich das ganze WE dran und lassen es uns gut gehen. Wir sind halt einfach unbelehrbar.

Jerusalem – Ein Tag im Theater Neumarkt

Jerusalem – diesem Thema hat sich das Theater Neumarkt in Zürich am 29. November verschrieben. Um 6 Uhr morgens startet ein dokumentarisches Porträt mit dem Titel 24h Jerusalem. Es wird 24 Stunden lang im Foyer zu sehen sein.

Um 11.30 spricht Esther van Messel, Leiterin von FIRST HAND FILMS mit Filmwissenschaftlerin Sascha Lara Bleuler, wie es zum Film kam und welche Hindernisse zu überwinden waren. (Link)

Es folgt um 14 Uhr eine Gesprächsrunde rund um die Stadt Jerusalem.  Man darf sich auf Einblicke aus nächster Nähe freuen, wenn der NZZ-Korrespondent George Szpiro sich mit Sari Nusseibeh und Avraham Burg unterhält, welche beide in Jerusalem aufgewachsen sind und heute noch dort leben und dabei seit Jahren kritisch ihre eigene Geschichte mit dieser Stadt reflektieren.

Last but not least mein persönliches Highlight: Iris Berben stellt sich den Fragen von Roger Schawinski und präsentiert in diesem Zusammenhang auch ihr Buch Jerusalem. Seit 1968 reist Iris Berben regelmässig nach Jerusalem. Sie liebt das Land, die Menschen und hat auch eine Zeit lang da gelebt. Diese Stadt wird in dem Buch mit Bildern und persönlichen Texten lebendig, dargelegt von einer wunderbaren Schauspielerin und einer unermüdlichen Kämpferin für mehr Menschlichkeit und Toleranz. Ich werde dasein.