Politisch korrekt und genderneutral

Als Kind hatte ich eine Hörspielkassette, ein Kasperlitheater mit dem Titel „De Schorsch Gaggo gaht nach Afrika“. Darin war von Negern die Rede, den Ausdruck kriegte ich quasi mit der Muttermilch (von welcher ich wiederum weniger kriegte, da ich – so sagt meine Mutter – zu faul zum saugen gewesen sei… das ist aber eine andere Geschichte, die an einem anderen Ort oder besser gar nicht thematisiert werden soll) und dachte mir nichts dabei, ausser: Das ist eine Bezeichnung für einen Menschen, wie Frau oder Mann – sie bezieht sich einfach auf eine Eigenschaft des Menschen.

Als ich studierte, sass ich in Vorlesungen, hörte Ansprachen, kriegte Anschreiben. Meist hiessen ich und meine Kommilitonen „Studenten“. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mich nicht angesprochen oder gar zurückgesetzt zu fühlen. Wieso auch? Klar war mir bekannt, dass die Rechte der Frau lange eher stiefmütterlich behandelt wurden und sie in ganz vielen Schriften nicht mitgemeint waren, wenn man von „Bürgern“ und ähnlichem sprach. Aber all das machte ich nie in der Sprache fest, eher in der Haltung, die dahinter steckt.

„Neger“ darf man heute nicht mehr sagen, Studenten sind entweder „Studenten und Studentinnen“, schriftlich auch „StudentInnen“, oder aber „Studierende“. Bis es soweit war, bedurfte es ganz vieler Kämpfe, es brauchte Menschen, die sich einsetzten für Werte, für Gleichberechtigung, für Menschenrechte, die für jeden gelten sollen, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Religionszugehörigkeit, sexuellen Ausrichtung oder des Geschlechts. Wir sind noch weit davon entfernt, erreicht zu haben, dass wirklich jeder Mensch qua seines Menschseins als Gleiche(r) unter Gleichen behandelt wird. Aber: Wir sind ganz gross darin, sprachliche Ausdrücke zu verteufeln, zu verdammen, den Finger drauf zu halten.

Hat eine Frau mehr Rechte, wenn der Rektor einer Uni die Menge mit „Liebe Studenten und Studentinnen“ anspricht? Auch die Mitarbeitende im Betrieb kann sich nicht mehr leisten, nur weil der Chef nicht mehr die Mitarbeiter anspricht, sondern von Mitarbeitenden (genderneutral) spricht. Helfen würde ihr nur, kriegte sie denselben Lohn für dieselbe Leistung. Davon sind wir weit entfernt, immer noch.

Ab und an erscheint es mir, als ob man sich gerne Nebenschauplätze wählt, auf denen man sich austoben kann, weil die Dinge, um die es wirklich geht, a) gross sind, b) den eigenen Ast absägen könnten, und c) …. es gäbe noch so viel, da nun das c) draus zu wählen täte den anderen Argumenten Unrecht und wäre damit nicht neutral, sondern wertend.

Sprache ist wichtig, sie ist prägend. Sprache ist ein zentrales Moment in der Identität und im Gedankengut von Menschen. Trotzdem denke ich nach wie vor, dass niemandem geholfen ist, wenn wir die Sprache zurechtbügeln, dass sie keine Ecken und Kanten mehr hat, an denen man sich stossen könnte. Was wirklich zählt, ist die Haltung dahinter. Wenn das chauvinistische Arschloch von Chef mit säuselnder Stimme am Weihnachtsessen seine MitarbeiterINNEN anspricht, diese aber in geschütztem Rahmen sexuell zweideutig angeht und ihnen auch nur einen Prozentsatz an Lohn auszahlt im Vergleich mit ihren männlichen Mitstreitern, hat er auf den ersten Blick alles richtig gemacht. Denn: Das Sexistische hintenrum hat keiner gesehen und über Geld spricht (in der Schweiz) kaum jemand.

Da würde ich lieber als Manager angesprochen und kriegte den ganzen Lohn. Denn das wäre die richtige Haltung. Und wäre die da, würde keiner mehr nach einem „INNEN“ schreien. Denke ich mal. Hoffe ich mal. So rein sprachlich, denn: Als Sprachwissenschaftler (nein, nicht –IN) rollen sich mir die Zehennägel auf bei all den Sprachverkehrungen.

Wer sich nun fragt, was Schorsch in dem ganzen Spiel zu suchen hatte, dem sei gesagt: Es ist dasselbe mit einem Unterschied: Wenn sich Menschen mit einem etwas pigmentierterem Teint verletzt fühlen durch den Begriff „Neger“, dann ist das sicher ein Punkt, den man nicht ignorieren darf. Aber: Unter sich nennen sie sich „Nigger“, es darf nur kein „Weisser“ den Begriff benutzen. Ich wage mich auf die Äste hinaus und sage: Auch da zählt nur die Haltung hinter dem Begriff. Denn: Sie würden sich gegenseitig beleidigen. Und das tun sie nicht. Sie trauen nur den „Nicht-Niggern“ die Toleranz und Akzeptanz nicht zu. Wörter werden das nicht ändern. Nur die Zeit und die Haltung. Die hinter den Wörtern.

Ich denke, wir sollten nicht weiter an der Sprache feilen, sondern an der Haltung. Das fängt bei der Toleranz im Kleinen an. So lange wir bei andern verspotten, was wir selber nicht mögen, sollten wir nicht mit Worten um uns schlagen und ebensolche bekämpfen, denn: Wir haben nichts begriffen. Worte sind leicht dahingesagt, das miteinander Leben ist die einzige Lösung. Für wohl alles auf dieser Welt.

 

7 Comments

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  1. Ich kann mich nicht anfreunden mit der Verhunzung unserer Sprache. Wäre ich allerdings Frau, wüsste ich nicht, wie ich empfinden würde.
    Im übrigen las ich kürzlich , daß wir alle im Grunde „weiblich“ anfangen, d.h. die Entwicklung des Fötus ist grundsätzlich zunächst auf weibliche Ausprägung ausgelegt. Deshalb haben Männer u.a. auch Brustwarzen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt danach erst werden XY-Föten durch Testosteronausschüttung in Richtung „männlich“ weitergeschoben. Aber auch da kann es in ganz seltenen Fällen passieren, daß das Testosteron im Körper „nichts“ bewirkt und der XY-Fötus weiter in Richtung Frau marschiert.

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  2. Du argumentierst gerade so, als ob das eine (die grammatikalisch korrekte Anrede einer Frau) das andere (den gleichen Lohn für gleiche Arbeit) ausschliessen würde.

    Was mir bei der Geschichte und den Endlosdiskussionen einfach nicht in den Kopf geht ist, weshalb es beispielsweise die Gebrüder Grimm im 19. Jahrhundert geschafft haben, Männlein und Weibein grammatikalisch korrekt mit dem richtigen Genus zu benennen, während es heutzutage so kompliziert sein soll.

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    • Nein, so habe ich nicht argumentiert, nirgends. Mir geht es eher darum, dass soviel Energie in (in meinen Augen aus verschiedenen Gründen) unnütze und sprachlich teilweise fragwürdige Konstrukte gesetzt wird, die man besser an Orten einsetzen würde, wo sie dringender wäre (eben bei Problemen wie gleichem Lohn für gleiche Leistung, etc.). Zusätzlich zur (in meinen Augen) verschwendeten Energie kommt noch, dass diese Sprachregelungen andere, wichtigere Dinge herabsetzen.

      Worum es mir aber vor allem ging: Wir können noch so viele Namen ändern, noch so viele Regeln für Anreden einführen: Wenn sich in den Köpfen nichts ändert, an der Haltung nichts ändert, dann hat man in meinen Augen gar nichts gewonnen. Und die Haltung würde eher ändern, wenn man an der Gleichstellung (der wirklichen) der Geschlechter in Bezug auf Rechte, Pflichten und Löhne arbeiten würde.Denn das sind die Punkte, die in unserer Gesellschaft zählen.

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      • Ich sehe Deine Antwort, verstehe sie auch intellektuell. Ich verstehe nur nicht, wieso sich das Arbeiten an der „wirklichen Gleichstellung“ und die Arbeit auf der Bewusstseinsebene (wir denken nun mal in Sprache) gegenseitig ausschliessen sollen. In meinem Verständnis ist beides nötig, beides gleich wichtig, denn: Sprache formt Gedanken und Gefühle, Gedanken und Gefühle formen Bewusstsein, und das Bewusstsein wiederum führt zum Handeln.
        Wobei ich auch darauf hinweisen möchte, dass ich mir Mühe gebe, mich präzise, grammatikalisch korrekt und wenn möglich höflich auszudrücken (das beinhaltet für mich auch, für weibliche Personen weibliche Bezeichnungen zu benutzen). Es käme mir hingegen nicht in den Sinn, jemandem meine eigene Sprech- und Schreibweise aufdrängen zu wollen.

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        • Ich denke, es geht uns gegenseitig in etwa gleich. Ich denke sogar (kann aber falsch liegen), dass wir nicht meilenweit auseinander liegen, aber teilweise schon. Ich kann mich nur nochmals wiederholen: Ausschliessen sagte ich nie. Ich kenne die Kette von Sprache, Denken, etc., denke aber, die Gefühle sind in dieser Aufzählung an der falschen Stelle, da sie übersprachlich, auch übergedanklich sind. Sprache ist begrenzter als es Gefühle sind. Wir werden mit der Sprache nie alles erfassen können. Aber klar können wir versuchen, das Möglichste zu erreichen.

          Ich rede meist, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Mag sein, dass nicht alles in der präzisesten Form daher kommt. Ich kann natürlich auch anders und bemühe mich in beiden Fällen, niemandem weh zu tun, die richtigen Worte zu finden.

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