Das perfekte Kind

In der Schule meines Sohnes gibt es Einträge. Für jedes Vergehen kriegen die Kinder einen. Als Vergehen zählt, wenn das Kind zu spät kommt. Das finde ich sinnvoll, denn Pünktlichkeit ist wichtig. Erstens wird das Kind später im Berufsleben Pünktlichkeit brauchen, da sonst der Job schneller weg ist, als er gefunden wurde, andererseits stellt Pünktlichkeit auch Respekt dem Gegenüber dar, denn: Pünktlichkeit beinhaltet einen vereinbarten Termin und eine Vereinbarung impliziert mindestens zwei Partien. Einer von beiden wartet bei der Unpünktlichkeit des anderen. Dies in Kauf zu nehmen stellt für mich Respektlosigkeit dar und die mag ich gar nicht.

Als Vergehen zählt ebenso, wenn das Kind seine Aufgaben nicht gemacht hat. Auch das verstehe ich, denn Aufgaben werden erteilt und sie stellen Pflichten dar, die man abarbeiten muss. Das liegt in der Natur der Sache, in diesem Fall eines Abhängigkeitsverhältnisses. Sicher muss nicht jede Aufgabe gedanken- und kommentarlos akzeptiert werden, dieser Nachtrag ist aber sicherlich sinnvoller für mündige Menschen im Berufsleben als für Schüler in der Schulsituation (alle Abers verkneif ich mir und diskutiere ich an diesem Punkt nicht weiter).

Ebenfalls als Vergehen zählt, wenn das Kind alles gemacht hat, allerdings sein Blatt in einem anderen Zimmer hat als dem gerade benützten. Wären Schulzimmer wie zu meiner Zeit, wäre das gar nicht möglich gewesen, allerdings geht mein Kind in eine Schule, in der ich schon bei der Aufteilung der Zimmer den Überblick verloren habe, geschweige denn mir hätte merken können, wann ich wo womit sein müsste. Und auch da kriegt das Kind dann einen Eintrag.

Ich werde nichts sagen, ich werde mich hüten, aufzumucken, denn sonst kriege ich wieder von Lehrer-Bemitleidern zu hören, ich würde des Lehrers Zeit über Gebühr strapazieren. Auch weiss ich, dass es eh nichts bringen würde in den Mühlen unserer Schulmaschinerie, aber: Wenn ich für jede Vergesslichkeit einen Eintrag kriegen würde, wären meine Hefte voll. Wenn ich denke, wie oft ich in die Küche laufe und da angekommen vergessen habe, was ich überhaupt wollte, wie oft ich zum Coop fahre und dann ohne das, was ich dringend kaufen sollte, dafür mit vielem anderen nach Hause komme, wie oft ich ähnliches produziere, dann wären meine Hefte gut gefüllt.

Ich bin nicht perfekt. Kinder müssen es wohl sein. Sonst kriegen sie einen Eintrag. Den ich unterschreiben muss. Und das stösst mir mehr als sauer auf! Ich bin sehr für Anstand, Respekt, Ordnung. Mein Kind ist gut erzogen, es tobte nie durch Züge, isst manierlich, seit er sitzend essen kann, er hat Anstand andern Menschen gegenüber, ich war da eisern, weil es mir wichtig ist, aber: Es ist ein Mensch, es ist ein Kind, es ist nicht perfekt. Und das sollte es auch nicht sein müssen. Ich finde dieses Perfektionsstreben mit angedrohtem Tadel höchst bedenklich und absolut motivationstötend.

3 Gedanken zu “Das perfekte Kind

  1. Also bei mir in der Schule ist es so, dass zwar alles aufgeschrieben wird, aber erst bei wiederholtem Male Konsequenzen hat. Beispielsweise haben wir früher erst bei mehrfachen „vergessen“ der Hausaufgaben einen Zettel mit nachhause bekommen. Ebenso werden Verspätungen erst ab einer gewissen Anzahl auf dem Zeugnis vermerkt. Eben, weil jeder mal verschläft oder etwas vergisst.

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