Wer braucht mich eigentlich?

Es gab mal eine Zeit, da studierte ich. Und weil ich keine reichen Eltern hatte, musste ich arbeiten, um mir das Studium zu finanzieren. Das Studium dauerte dadurch etwas lange, denn ich musste mir nicht nur Studiengebühren finanzieren, sondern auch eine Wohnung in Zürich, Essen, Versicherungen (ohne geht gar nicht, sagte meine Mama, ihres Zeichens Versicherungsfachfrau), Krankenkassen (damals sicher günstiger als heute, aber immer noch teuer, wenn man nix hat) und so vieles mehr.

Wenn ich mich beworben habe, kriegte ich die Stelle ziemlich sicher. Ich arbeitete in Gasthöfen (servierte Essen), in Pubs (zapfte Bier, spielte Seelentröster und machte Stimmung), bei Heizöl-Riesen (pflegte die Datenbanken und fungierte als Poweruser und Instructor für neue Programme), als EDV-Lehrer (brachte Kindern und Grosis die Grundlagen bei, anderen Zertifikatskurse), bei Zeitungen und Zeitschriften als Freischaffende (ständig auf Achse, teilweise Seiten füllend), in Banken als EDV-Sachbearbeiterin (bastelte und pflegte Datenbanken) und in Anwaltskanzleien (tippte als Assistentin und recherchierte als Paralegal). Das alles als junge Frau, nach der Matur, mitten im Studium.

Heute bin ich nicht mehr ganz so jung, kann sicher mehr als dann, habe mehr erfahren, mehr erlebt und gelernt, bin gewachsen. Und genau das scheint mir zum Verhängnis geworden zu sein. Keiner will mehr eine promovierte Frau im besten (ich sag das mal, an irgendwas muss man sich ja halten) Alter einstellen, die noch dazu einen Titel hat. Gründe (wirkliche) kommen kaum. Wenn überhaupt eine Absage kommt, heisst es: „Besser geeignet“ (worauf fusst das? Häkchen beim Anforderungsprofil?).

So oft heisst es, dass Steuergelder verschwendet werden für Nonsense. Ich habe studiert. Das kostete den Steuerzahler. Ich würde nun gerne arbeiten und mein Wissen, mein Können, meine Fähigkeiten einsetzen. Ich beherrsche Apple und Windows, ich kann mich ausdrücken, habe Weiterbilldungen in Projektmanagement, kann mit Menschen, will mit Menschen. Aber das will keiner haben. Klar kann ich weiter selbständig wursteln. Das funktioniert. Ich weiss aber nur zu gut, dass es das nicht bei jedem tut und ich für mich hätte es gerne anders. Woran liegt es?

Bin ich ein Mensch, den die (Arbeits-)Welt nicht braucht? Wer braucht mich überhaupt? Klar, mein Sohn. Mein Hund auch. Die Katzen würden es nicht zugeben (ok, eigentlich schon), aber auch sie. Nur die Welt da draussen, die braucht mich nicht.

Das klingt autobiographisch? Das mag es sein (Stellenangebote gerne an mich direkt). Aber es trifft auf ganz viele zu.

21 Gedanken zu “Wer braucht mich eigentlich?

  1. Solche Erfahrungen habe ich schon in meinen 30ern gesammelt, da passte ich nicht in das junge Team!?! Spter habe ich dann die Erfahrung gemacht, dass Geschäftsführer oder sonstige Manager ungern Menschen einstellen die schon formal etwas auf dem Kasten haben, um sich selber nicht die Blöße zu geben. Du bist sicher im leistungsfähigsten Alter, aber das zählt auch hier in Deutschland nicht viel und so wird heute gerne alles komplett anonym gehandhabt, indem die Bewerbungsunterlagen nur noch in Datenbanken hochgeladen werden. Wahrscheinlich sucht dann ein Programm aus, wer für eine Position geeignet erscheint und alles was sonst noch so vom Bewerber mitgebracht werden könnte, wird weder gefragt, noch scheint es zu interessieren. Meinem persönlichem Empfinden nach liegt es auch an der jahrelangen Selbstständigkeit, die bei vielen Firmen auf skepsis stösst, weil dort immer noch die Vorstellung herrscht, man könnte da erst um 10 Uhr aufstehen und ab 13 Uhr wieder Feierabend machen. Ich würde sogar mal Geld dafür ausgeben, um die Gedanken des Verantwortlichen zu kennen, der einen geeigneteren Bewerber leider vorziehen musste – wir werden es wohl nie erfahren 😉

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  2. Ich habe es schon rausgefunden, warum wir nicht gebraucht werden, wir sind zu vielseitig interessiert und ausgebildet, das verunsichert die Strukturen. Darum bin ich für die Einführung eines BGE, ein bedingusloses Grundeinkommen, um sich mit seinen Talenten für eine multifunktionale Nachbarschaft zu engagieren. In Zürich gibt es schon solche Projekte von Neustart Schweiz. In Basel tut man sich noch etwas schwer mit dieser Zürcher Idee. Aber Du kannst doch unterrichten an der Schule.
    Ich habe das Transition Town angeschaut, das ist eine weltweite Bewegung im Umgang mit dem Wandel. „the power of Neighbourhoods“. https://cop21.transitionnetwork.org/#testimonials

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  3. Hallo,

    ich finde dies nun sehr interessant, denn dies spricht mir einfach aus der Seele und ich fühle mich nicht mehr ganz so alleine. Manchmal wünsche ich mir weniger gelernt zu haben, weniger ausgebildet zu sein und weniger Erfahrungen gemacht zu haben, um eben in diese „mittelmäßige“ Gesellschaft zu passen oder einfach einem „einfacheren Beruf“ nachzugehen. Doch dann schließe ich einen Moment die Augen, gehe in mich und bin froh für jede einzelne Entscheidung, jeden einzelnen Nebenberuf, jede Erfahrung, die ich gemacht habe. Man mag gerne als „überqualifiziert“ abgestempelt werden und zweifelt, ob man in dieser Gesellschaft bestehen kann, insbesonders als Allrounder, doch trotzdem sollte man immer stolz auf diese Vielfältigkeit, diese Anpassungsgabe sein. Vergiss das nicht. 🙂 Wer braucht mich eigentlich außer der Schuldienst, frag ich mich dann manchmal und weiß, dass ich zu viele Talente habe, um dort zu versauern und mich von diversen Menschen herablassend behandeln zu lassen, da ich ja NUR Grund- und Sekundarschullehrerin bin. Ich bin es leid, jedem (Eltern, unfähigen Kollegen) all meine Zusatzqualifikationen auf den arroganten Latz zu tättowieren und ihm mit meinem spitzen Finger und bösen Blick meinen Standpunkt zu verdeutlichen. Und selbst nachdem ich mich selbstständig gemacht habe und als Freiberuflerin arbeite, MUSS ich mich immernoch rechtfertigen. Es hört einfach nicht auf! Aber ja es wird immer schwieriger, desto länger ich nicht mehr Fuß fassen möchte. Ich liebe es frei zu sein, Wenige in DE mögen eine Lehrerin mit Germanistik-/Anglistikstudium und verrückte Mathematikerin, die mal im Immobiliengeschäft tätig war und sehr lange in Australien und Singapur unterrichtet hat und sogar an der Uni in Singapur. Das passt keinem ins Bild und ich passe auch nicht mehr in den Schuldienst. Deutschland will mich nicht und daher frag ich mich „Wer braucht mich eigentlich“? Ich bin ein „alien element“.

    Glaube mir, jemand braucht dich und wird all deine Kompetenzen zu schätzen wissen, selbst wenn es Zeit bedarf. Vertraue auf deine Fähigkeiten und lass dich nicht „unterkriegen“ 🙂

    Vielen Dank für deinen Beitrag!

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  4. Liebe Leute, es gibt genau diese Jobs für Menschen wie euch und Arbeitgeber, die euer Können zu schätzen wissen. Sie sind etwas schwierig zu finden, ähnlich einer Nadel im Heuhaufen, aber gibt nicht auf, denn es lohnt sich.

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  5. Ich bin froh, durfte ich im Januar in (die ordentliche) Rente. Damit reicht das „Gruneinkommen“ – nicht bedingungslos, hatte ja 45 Jahre einbezahlt- für meinen gewünschten Lebensstandard. Wird’s dann mal teuer, Heim oder so, na ja, wird man mich wohl auch nicht auf die Strasse setzen.
    Schlechtes Gewissen? Von wegen. Wenn ich kalkuliere, was ich heute gratis für die Gesellschaft leiste, muss mir auch nie jemand kommen von wegen „die Jungen subventioniere Dich“. Und dies natürlich nicht nur ich.
    Wieviele Jungen können arbeiten, sich selber verwirklichen und verdienen, weil die Alten Kinder hüten und pflegen, noch Ältere, Kranke besuchen, chauffieren, betreuen und unterstützen.
    Und so zeigt sich, wir sind alle aufeinander angewiesen, soll es allen recht gehehn. Deshalb verstehe ich oft nicht, wie man sehr oft einfach aus Bequemlichkeit nicht genau hinschaut, wer sich wofür bewirbt und welches Potential sich da einem anbietet. Manchmal aus Angst, plötzlich der Unterlegene zu werden. Plötzlich auf der Karriereleiter einen Stop zu erleben.
    Und teilweise auch, weil sich gewisse High Potentials wirklich bald einmal auch sehr arrogant benehmen (sicher NICHT Sandra) denn Erfahrung macht vorsichtig oder ängstlich).
    Und so empfehle ich immer, mit einem im wörtlichen Sinn zu verstehen, gesunden Selbstbewusstsein, offen, ehrlich/ authentisch aufzutreten und nie in der Bittstellerposition. Anbieten, nicht betteln. Die Unternehmen suchen ja Leute, die mithelfen, sich im Markt als starke Partner ihrer erfolgreichen Kunden zu positionieren. Und wenn ich nachweisen kann, dass ich für den Erfolg meines Kunden echt nützlich, ja fast unentbehrlich bin, dann wird er mich doch unbedingt wollen.

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  6. Wer braucht mich eigentlich? Jetzt einmal, nicht einfach wer mich, sondern wer wen – immer im Blick auf Unternehemen.
    Das Unternehmen, die Gemeinschaft von Menschen, die etwas gemeinsam anbieten, brauchen Verkäufer am Markt. Die Verkäufer brauchen Forschung und Produktion, die das Angebot entwickeln und herstellen, eine Logistik, die liefert. Alle die genannten wollen Geld für ihren Einsatz. Also braucht es Buchhaltung,/Finanwesen, die kalkulieren und verrechnen und einkassieren und daraus die Löhne zahlen. Alle die genannten müssen koordiniert werden, als braucht es ein Management. Und viele können nicht alles alleine. Also braucht es Assistenten, die entlasten.
    Und das soll aus gepflegten Räumlichkeiten geliefert werde, also braucht es Putzequipe……………….
    Es geht als nur im gleichwertig geschätzten Zusammenspiel verschiedenster „Player“ mit verschiedenstem Können, Wissen, Erfahrung etc. Damit müsste es doch für alle einen Platz haben.

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  7. Interessantes Thema – und eine Frage, die man wegen ihrer Vielschichtigkeit nicht in zwei Sätzen beantworten kann. Arno von Rosen und beatiful world in my eyes haben es ja schon sehr treffend ind im Wesentlichrn zusammengefasst, denke ich.
    Allerdings denke ich, dass der Ansatz „wer braucht mich“ etwas unglücklich gewählt ist. Die Frage lautet doch eher: „Wer und welches Unternehmen ist so flexibel (geistig, weltanschaulich) und ist in der Lage, nicht in Schubladen denken zu müssen, um Menschen mit besonderen Lebensläufen und Qualitäten einzustellen?

    Herzliche und solidarische Grüße

    Sonja

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  8. Mir ging es so ähnlich. Mit 50. An Ende meiner ersten fast 20-jährigen Selbstständigkeit. Und obwohl ich mich ausreichend qualifiziert empfand, ergab sich aus den vielen Bewerbungen kein einziges Vorstellungsgespräch.

    Ich hab dann die Geduld verloren und das gemacht, was ich kann. Wieder Selbst – ständig.

    Viele Jahre später hab`ich nochmals über diese Zeit der Bewerbungen nachgedacht. Meine einzige Erklärung die ich bis heute aus dieser Zeit gefunden habe ist die, dass ich nach den vielen Jahren der zerrenden und anstrengenden Selbstständigkeit gerne in ein geregeltes Arbeitsleben gewechselt hätte, aber ob ich das so wirklich aus dem Tiefsten meines Inneren wollte – ich weiß es nicht und kann es auch bis heute nicht eindeutig beantworten.

    Ich glaube, dass meine Unsicherheit, die mir damals nicht bewusst war, immer in Nuancen sichtbar war. Und nicht nur deswegen, würde ich gerne einen erweiterten Gedanken einbringen, nämlich, dass Personalentscheider nicht immer nur nichts wissende Idioten sind die Angst davor haben, dass der Neue eine Gefahr ist der an ihrem Stuhl sägt, sondern dass es oft auch geschulte Fachleute auf ihrem Gebiet sind, die in vielen Jahren ihre speziellen Erfahrungen gesammelt haben.
    Fachleute, die nicht mehr oder weniger sind, wie es hier jeder beruflich von sich selbst behaupten würde.

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