Werk und Autor

Gehören Werk und Autor zusammen? Ist das Werk vom Autor zu trennen? Solche Fragen tauchen vor allem dann auf, wenn ein Autor ins Visier gerät, durch irgendeine Untat auffällig geworden. Und da wird dann oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, sprich, das Werk soll mit dem Autor untergehen.

Nur: Ist das legitim? Ich erinnere mich an meine Anfänge im Germanistikstudium. Die Biografie was massgeblich entscheidend für das Werk, oft wurde sie in diesem gesucht. Dann kam plötzlich die totale Verneinung. Werke müssen für sich sprechen, hiess es. Man müsse sie für sich lesen und dann – so quasi – was rein- oder rauslesen. Ich halte es mit einem «sowohl – als auch».

Man kann Werke nicht vom Autoren trennen. Werke entstehen in einer Zeit und in einem Kontext. Der Kontext ist weit. Er reicht von den Erfahrungen des Einzelnen bis hin zur kulturellen Stimmung im Land und in der Zeit. Es trägt die Konventionen der Zeit in sich, egal, ob sich der Autor davon distanzieren wollte oder sie mittrug; in einer anderen Zeit hätte er beides nicht müssen – vielleicht anderes. Das darf nicht ausser Acht gelassen werden.

Dieser Punkt zeigt sich grad heute sehr deutlich: Stimmen werden laut, welche die Literatur säubern wollen. Sie wollen alles ausmerzen, was nicht in die heutige Zeit und den heutigen Sprachgebracht passt. Ich schlage selten und höchst ungern mit der Nazikeule um mich, aber: Kennen wir das nicht schon? Was nicht passt, wird passend gemacht? Wird eingegliedert oder ausgemerzt?

Werke werden in einer Zeit geschrieben und die Zeit bestimmt viel von dem, was im Werk steht. Gerade das wäre ja ein Lehrstück: Schaut, wie es war, wir wollen es nicht. Also schreiben wir heutige Werke anders. So wurde das immer getan. Ein Werk auf heutige Konventionen hin umzuschreiben hiesse, es zu töten. Das darf nicht sein. Dieses Vorhaben spricht eher für den mangelnden Glauben an eine mündige Leserschaft, die durchaus in der Lage ist, zu differenzieren.

Zurück zur Ursprungsfrage: Kann oder muss man das Werk vom Autor trennen oder soll es mit diesem untergehen im Zweifelsfall? Ich bin der Überzeugung, dass wir viel verlieren würden mit dem Untergang. Museen wären leer, Bücherregale ebenso, das Fernsehprogramm könnte man wohl praktisch einstampfen. Wieso?

Ich bin der Überzeugung, dass jeder Schöpfer nur gerade sein Werk erschaffen kann (Fälscher können auch die anderer nachahmen, aber das ist keine Schöpfung in meinem Sinne). Insofern hängen Schöpfer und Schöpfung durchaus zusammen. ABER: Ich muss den Schöpfer nicht mögen in seinem Sein und Tun, er kann auf ganz vielen Ebenen ein Mensch sein, mit dem ich nicht in einem Raum sein, geschweige denn engeren Kontakt haben möchte. Und trotzdem kann sein Werk grossartig sein. Ist dieses plötzlich weniger wert, wenn ich das Leben des Urhebers nicht gutheisse? Müssten wir die Erkenntnisse von Hell und Dunkel, von realistischer Darstellung eines Caravaggios ignorieren, weil er ein Mörder und Trunkenbold war? Dürften wir Heideggers Gedanken zum Denken mit Verachtung strafen, nur weil er eine kurze Zeit auf Abwege kam und in einer Rede ein System pries, das so verabscheuenswürdig war? Die Frage, die sich stellt: Wäre die Geschichte anders ausgegangen, würden wir es anders sehen? Wohl schon, ein Glück, ging sie aus, wie sie ausging, wenn auch nach viel zu vielen Opfern. ABER: Was heisst das für Heideggers Gedanken? Macht eine Fehlzündung das ganze Feuerwerk kaputt? Dies sind nur zwei Beispiele, extra weit auseinander gewählt. Es gäbe unzählige.[1]

Ich habe viele Künstlerbiografien gelesen und keiner war so das, was man als angepassten, liebeswürdigen, im Umgang erfreulich leichten Zeitgenossen genannt hätte. Ich hätte die meisten wohl nicht gerne als Lebenspartner, Vater, Mutter, Kind gehabt. Aber als Gesprächspartner wohl schon. Und die Hochachtung vor dem Werk ist geblieben. Ich werde beim Anschauen von Caravaggios Bildern nicht zum Mörder oder dessen Verteidigerin, beim Lesen von Heideggers Gedanken nicht zum Befürworter nationalsozialistischen Gedankenguts. Und wenn  zum Beispiel – Max Frisch in seinen Werken das Wort «Neger» verwendete, kann ich differenzieren, dass dies in einer anderen Zeit geschah, als das Wort entweder anders konnotiert oder unkritischer verwendet wurde. Das wiederum wäre spannend zu erfahren. Das können wir aber nur, wenn wir es im Werk drin lassen.


[1] Gerade die #metoo-Kampagne hat viele an den Pranger gestellt. Zu Recht- nur: Diese sollen einem fairen rechtlichen Verfahren ausgesetzt werden, wie ich es mir für jeden gegen geltendes Recht und auch gegen die menschliche Ethik verstossenden wünschen würde. Für ein solches System stehen wir ein und berufen uns darauf, wenn wir uns in unseren Rechten betrogen fühlen.

12 Kommentare zu „Werk und Autor

  1. Das sehe ich ganz genauso. Zumal das moralische Verurteilen eines Menschen, den man nicht einmal begegnet ist, für mich immer etwas hat, was mir in sich alles anderes als moralisch hochstehend vorkommt … . Erst recht, wenn es um Menschen geht, die in einer Zeit und in Umständen gelebt haben, die wir selbst nicht erlebt haben. Woher soll man wirklich wissen, wie man selbst in einer solchen Zeit und diesen Umständen agiert hätte? Es spricht m.E. für eine gewisse Arroganz, von sich selbst zu denken, man wäre „besser“ und hätte deshalb das Recht (oder die Pflicht) Leute mit einem Lebensweg, der einem nicht „makellos“ vorkommt, zu verurteilen und ihr Werk auszulöschen. Denn niemand ist „makellos“. Und aus moralischer Sicht ist es vermutlich besser, an den eigenen „Makeln“ zu arbeiten, als an denen anderer… . Diese anderen kann man aber eventuell „als Spiegel“ benutzen, – dafür muss man freilich bereit sein, in den Spiegel schauen zu wollen – und die „Makel“ in dem Werk belassen … .
    Herzliche Grüße
    Maren

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    1. Liebe Maren, lieben Dank für deine Gedanken, die ich voll und ganz teile. Das Verurteilen anderer ist eine leichte Sache. Es gibt wohl Gründe für den Spruch: „Wer unter euch ohne Sünde sei, der werfe den ersten Stein.“ Die eigene Haustür bietet oft genug Material zum putzen.

      Liebe Grüsse
      Sandra

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    1. Es ist in der Tat ein weites Feld und ein spannendes dazu. Ich habe, auch in meiner Dissertationsphase, hauptsächlich mit Tätern und Opfern zu tun habe die ganze Geschichte unterschiedlich medial aufbereitet verschlungen. Und so viel gelernt. Und so viele Fragen im Kopf behalten. Die Täter-/Opferfrage ist kollektiv fast nicht zu beantworten. Und selbst auf der individuellen Ebene gibt es wohl Fragezeichen. Aber ja… es bleibt diese grausame Geschichte, und man will wissen, wer schuld war. Wer böse, wer gut. Leider ist es nicht so leicht.

      Liebe Grüsse
      Sandra

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  2. Da gebe ich Dir recht. (Bei uns war es in der Schule noch eine Spur schärfer, da musste auch noch der Klassenstandpunkt des Autors/Künsters stimmen.) Am Ende sind wir alle ein Produkt unserer Zeit und der Umstände unter denen wir gelebt haben, ob uns das gefällt oder nicht. Das fließt in das Werk des Autors ein, das fließt auch in die Rezeption durch die Leser ein. Werke deshalb anpassen, weil die Wortwahl, der Sprachgebrauch und vermutlich auch der Umfang uns heute nicht mehr gefallen oder uns anstrengen? Lieber nicht. Konsequent müsste man das auch alle paar Jahre neu machen. Der Zauberberg als Twitter-Thread… 😉 Vermutlich wären die Werke von „angepassten, liebeswürdigen, im Umgang erfreulich leichten Zeitgenossen“ auch lange nicht so fesselnd, wie die von Menschen mit Ecken und Kanten und ja, Fehlern und Macken.

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  3. In ethischen Diskussionen geschieht er immer wieder: der Ad-hominem-Irrtum.
    Ein Mensch argumentiert schlüssig und wissenschaftlich gut belegt gegen das Rauchen. In der Mitte des Vortrags: Raucherpause. Und wo findet man ihn? Paffend bei den Rauchern! Wird dadurch sein Argumentieren falsch?
    Die Qualität eines Kunstwerks steht in keinem Zusammenhang mit seinem Schöpfer. Es ist gut oder schlecht, mehr ist dazu nicht zu sagen. Bis auf eins:
    Es obliegt der Gegenwart, die Werke in einen historischen Zusammenhang zu stellen und kritisch zu kommentieren. Man bietet den Text in einer möglichst präzisen Rekonstruktion des Urtexts, so wie er war und fügt einen kritisch kommentierenden Apparat bei. So ist es (gute) verlegerische Tradition.
    Die Vergangenheit umschreiben? Begriffe auslöschen, als hätte es sie nie gegeben? Orwells 1984 macht vor, wie das geht.
    Die Vergangenheit vernichten? Die Taliban machen vor, wie das geht.
    „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft“ Wilhelm von Humbold, 1767-1835
    LG Michael

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  4. Wenn man alles anpassen will, damit ja nichts aneckt, spricht man ja auch dem Leser die Mündigkeit ab, selber sein Hirn zu gebrauchen und den Text eben in seinen Kontext zu setzen und daraus dann Schlüsse zu ziehen. Dies noch ganz abgesehen davon, dass man mit dem Umschreiben der Vergangenheit die Möglichkeit, daraus etwas zu lernen, vernichtet.

    Liebe Grüsse
    Sandra

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