WillemsenEr reiste gerne. Am liebsten im Zug. Einen Führerschein besass er nie. Das Reisen war insofern nie eine Qual, als die Destinationen seinen Interessen geschuldet waren und Interessen hatte er viele. Wie gerne lasen wir von seinen Reisen, wie gerne gaben wir uns seinen Beschreibungen hin, die mit einer Leidenschaft daher kamen, die in uns das Interesse an Dingen weckte, das wir nie gehabt hätten sonst. Und hatten wir es gehabt, wussten wir nach der Lektüre, wieso.

Kürzlich sah ich im TV eine Wiederholung einer alten Sendung, ein Interview mit Roger Willemsen. Er hatte ein unglaublich gewinnendes Wesen. Nicht weil er es drauf anlegte, weil er bei allem, was er sagte, ganz er war und immer mit Begeisterung sprach von dem, was er tat, dachte, wollte. Er war ein interessierter Mensch, er wollte hinter die Dinge sehen, er wollte die Dinge erleben, über die er schrieb. Und er reiste hin. Im Zug. Er verstand es, dieses Interesse in seinen Texten lebendig werden zu lassen, er verstand es, seine Leser und Zuhörer mitzunehmen auf die Reisen.

Er war ein unglaublich belesener, unglaublich intelligenter Mensch. Er hat das nie zur eigenen Profilierung genutzt, aber er konnte beim Schreiben aus dem Vollen schöpfen. Und das spürte man beim Lesen. Und wenn man ihn erlebte, merkte man, dass es echt ist, dass er echt ist.

Geboren wurde er in eine gebildete und kunstinteressierte Familie, der Vater war Kunsthistoriker, Maler und Restaurator, die Mutter in ostasiatischer Kunst bewandert. Das mag seinen Weg vorgespurt haben. Dass die Familie keinen Fernsehen hatte, er täglich einige Hundert Seiten zum Zeitvertreib lesen „musste“, hat wohl nicht geschadet. Und er gab alles wieder:

„Ich vermittele sehr gerne, versuche Dinge aufzubereiten, reichere sie durch Enthusiasmus an, sonst bleiben sie meistens unbelebt.“

Heute würde er 62 Jahre alt. Zum Glück bleiben seine Bücher, die in seinem Sinne weiter wirken.

Die Liebe zum Werk und zu dessen Autor

Ich schrieb eine Arbeit über moderne französische Geschichte. Das muss ich erzählen, weil es erklärt, warum ich so tief in die Sache hineingeraten bin. Sie war bereits der zentrale Gegenstand meines Interesses oder, wenn man so will, meine intellektuelle Leidenschaft. Was es nicht erklärt, ist, warum ich so persönlich in die Sache verwickelt wurde.

Inhalt
Als Doktorand schreibt der Ich-Erzähler über den (fiktiven) Autor Paul Michel. Eines Tages lernt er eine Frau kennen, verliebt sich in sie: Die Germanistin. Sie ermutigt ihn, sich auf die Reise nach Frankreich zu machen, wo Paul Michel in einer Psychiatrie festgehalten würde. Der Ich-Erzähler macht sich auf die Reise, trifft auf seinen Autor und taucht mit ihm in ein Leben ein, das er so wohl nie für möglich gehalten hätte.

Beurteilung
DunckerGermanistinPatricia Duncker gelingt es im vorliegenden Roman, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln und mitzureissen. Immer tiefer taucht man selber in die Welt des Ich-Erzählers, später in die von Paul Michel und vor allem: in die Geschichte der beiden ein.

Die Germanistin ist die in der Retrospektive erzählte Geschichte einer Liebe, einer Leidenschaft, es ist aber auch eine Geschichte über das Schreiben, über die (mögliche oder unmögliche) Trennung von Werk und Autor. Es ist eine Geschichte über Wahnsinn und Leidenschaft, über einen Schriftsteller und dessen Leser.

Rückblickend sehe ich, dass die Sache von mir Besitz ergriffen hatte, dass ich von einer Leidenschaft besessen war, einer Suche, die nicht von mir ausgegangen war, aber zu meiner eigenen geworden war.

Diese Worte kommen vom Ich-Erzähler, aber sie könnten auch vom Leser kommen. Wenn man als Leser die letzten Zeilen des Buches gelesen hat, bleibt eine Trauer zurück. Eine Welt hat geendet, aus der man eigentlich nicht austreten wollte, so tief fühlte man sich darin verwurzelt, so sehr hat die Leidenschaft, das Leben auf einen gewirkt.

Die Wahl des Ich-Erzählers ist brillant gewählt, sie ermöglicht den Blick auf die eigentlich relevanten Figuren, der Erzähler führt einen nur auf sie zu. Er ist denn auch die am wenigsten plastische Figur, man erfährt fast nichts über sein Aussehen, seine Person, erlebt ihn nur durch seine Gedanken; man denkt und handelt quasi mit ihm mit. Auch ist es die einzig mögliche Perspektive, gewisse Geheimnisse bis zum Schluss zu bewahren, wenn auch schon früh gewisse Ahnungen sich melden, die aber zu diffus sind, um sie wirklich festzunageln. So gelingt es Duncker, bis zum Schluss einen Spannungsbogen aufzubauen, der zusätzlich zum stimmigen Plot und zur flüssig erzählten und einnehmenden Geschichte dazu beiträgt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Fazit:
Ein mitreissendes Buch, das einen als Leser in eine Welt hineinzieht, aus der man nie mehr austreten möchte. Absolute Leseempfehlung

Zur Autorin
Patricia Duncker
Patricia Duncker (*1951 in Kingston, Jamaika) ist eine britische Schriftstellerin und Hochschullehrerin.
Sie siedelte mit 13 nach Großbritannien über, wo sie Englisch am Newnham College der University of Cambridge sowie englische und deutsche Romantik am St Hugh’s College der University of Oxford studierte. Sie lebt abwechselnd in Aberystwyth und Südfrankreich und unterrichtete Literaturwissenschaft an der Aberystwyth University in Wales wie auch Creative Writing an der University of East Anglia. Seit Januar 2007 lehrt sie an der University of Manchester.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. September 2007)
Übersetzung: Karen Nölle-Fischer
ISBN: 978-3423135023
Preis: nur noch antiquarisch zu kaufen, z. B. bei AMAZON.DE

RosenkranzKalekoMascha Kaléko wird am 7. Juni 1907 im galizischen Chrzanów (damals Österreich-Ungarn, heute Polen) als nichteheliches Kind des jüdisch-russischen Kaufmanns Fischel Engel und der österreichisch-jüdischen Rozalia Chaja Reisel Aufen geboren (Die Eltern heiraten 1922 und der Vater adoptiert Mascha).

1914 reist die Mutter mit Mascha und deren Schwester Lea nach Frankfurt, um den Pogromen in ihrer Heimat zu entgehen, Mascha besucht hier die Volksschule. Weil Maschas Vater die russische Staatsbürgerschaft hat, wird er als feindlicher Ausländer verhaftet, kommt aber bald darauf wieder frei. Die Familie zieht 1916 nach Marburg um, 1918 folgt der Umzug nach Berlin. Mascha leidet unter den vielen Umzügen, das Gefühl von Heimat geht ihr verloren. Dieser Verlust wird sie zeitlebens prägen und auch Gegenstand ihrer Gedichte sein.

IMG_2417Mascha hätte gerne studiert, doch ihr Vater fand das für ein Mädchen unnötig, so dass sie 1925 im Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands eine Bürolehre beginnt und nebenbei an der Universität Abendkurse belegt. Nebenher schreibt sie immer schon Gedichte, als Inspiration dient ihr der Brotberuf und das Berliner Grossstadtleben, sie schreibt aus dessen Mitte heraus über die Gefühle der normalen Menschen auf der Strasse. Dafür wird sie geliebt, denn die Menschen erkennen sich wieder, sie sehen in Mascha jemanden, der ihre Sprache spricht, der sie versteht.

Am 31. Juli 1928 heiratet Mascha den Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko. 1929 veröffentlicht Mascha ihr erstes Buch, welches ein Erfolg wird. Lesungen folgen, sie verkehrt im Romanischen Café mit anderen Literaten Berlins. Als Hitler an die macht kommt, wird das Leben für jüdische Künstler schwieriger. Mascha ist noch nicht betroffen, auch von der Bücherverbrennung wird sie verschont. Erst 1935 stellt das Regime fest, dass Mascha Jüdin ist, ihr Erfolg nimmt ein jähes Ende.

Im selben Jahr lernt sie den Dirigenten und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver kennen und lieben. Die beiden erwrten bald darauf ein Kind, Avitar Alexander Kaléko erblickt im Dezember 1936 das Licht der Welt – denn verheiratet ist Mascha immer noch mit Saul Aaron Kaléko, der als Vater eingetragen ist. Mascha leidet unter der Lebenslüge, die sie wohl 1937 afdeckt. Kaléko will von einer Scheidung nichts wissen, zu sehr liebt er Mascha. 1938 werden die beiden dann doch rechtsgültig geschieden (im Oktober 1937 waren sie schon religiös geschieden worden) und Mascha und Chemjo können im Juni 1938 heiraten.

Die Ehe ist nicht nur einfach, trotz der grossen Liebe. Chemio scheint sehr impulsiv und aufbrausend zu sein, es kommt oft zu Streit. 1938 verlässt die kleine Familie Berlin und tritt die Emigration in die USA an. Mascha fühlt sich hier nie zu Hause, sie vermisst ihre Sprache, sie vermisst ihre Ausdrucksmöglichkeit. Zudem ordnet sie ihre eigenen Wünsche und Pläne ihrem Mann unter und versucht, ihn in seiner Karriere zu unterstützen. Ihre Familie ist ihr immer das Wichtigste, obwohl sie auch ihre Erfolge als Dichterin vermisst.

Nach dem Krieg können Maschas Gedichte in Deutschland wieder gelesen und neu aufgelegt werden. Eine Reise nach Deutschland kann sie sich aber lange nicht vorstellen. Erst 1955 wird sie die ehemalige Heimat wieder sehen. Sie sieht viel Vertrautes, aber merkt auch, dass es das Berlin, wie sie es kannte, nicht mehr gibt.

1960 wandern Mascha und Chemjo nach Palästina aus – auch dieser Schritt geschieht Chemjo zuliebe. Mascha leidet unter dem erneuten Wechsel und sie fühlt sich in nun noch isolierter als in Amerika, zumal sie die Sprache nicht spricht. Als 1968 ihr Sohn nach einer schweren Krankheit stirbt, zerbricht etwas in Mascha. Sie wird sich von dem Verlust nicht mehr ganz erholen.

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang
Nur vor dem Tod derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?[1]

Sie selber ist auch schon seit längerer Zeit immer wieder krank, auch Chemjo kämpft mit seiner Gesundheit. Eine grosse Müdigkeit lastet auf Mascha. Chemjo stirbt am 16. Dezember 1973.

1974 bricht sie nochmals auf eine ausgedehnte Europareise auf, besucht nochmals Berlin, überlegt sogar, hier eine kleine Zweitwohnung zu nehmen. Dazu soll es nicht mehr kommen. Als sie auf dem Weg zurück nach Jerusalem in Zürich Halt macht, muss sie ins Krankenhaus, wo sie am 21. Januar 1975 stirbt.

Ausgewählte Werke

  • Das lyrische Stenogrammheft (1933)
  • Kleines Lesebuch für Grosse (1935)
  • Verse für Zeitgenossen (1945)
  • Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere (1961)
  • Verse in Dur und Moll (1967)
  • Das himmelgraue Poesiealbum der Mascha Kaléko (1968)
  • Feine Pflänzchen (Posthum, 1976)
  • In meinen Träumen läutet es Sturm (Posthum, 1977)

Weiteres zu Mascha Kaléko

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[1] Memento, zitiert nach Jutta Rosenkranz, Mascha Kaléko

Das Leben
Arhur Schnitzler kommt am 15. Mai als Kind von Johann Schnitzler, Arzt, und dessen Frau Louise in Wien zur Welt. Er besucht ebenda das Gymnasium, nach dessen Abschluss er an der Universität Wien Medizin studiert. Schon früh beginnt er, literarische Texte – Prosa und Lyrik – zu verfassen. Seine erste Veröffentlichung ist das Liebeslied der Ballerine, welches 1880 in der Zeitschrift Der freie Landbote erschienen ist. Auf dieses sollen weitere folgen. Im selben Jahr schreibt er in sein Tagebuch:

Somit hab ich bis auf den heutigen Tag zu Ende geschrieben 23, begonnen 13 Dramen, soweit ich mich erinnere.[1]

Schon ein Jahr vorher hatte er notiert:

Ich fühl’ es schon, die Wissenschaft wird mir nie das werden, was mir die Kunst schon jetzt ist.[2]

Arthur_Schnitzler_1912_(cropped)Trotzdem hält er am Studium fest und die Medizin bleibt lange seine Haupttätigkeit. Nach einer Assistenzstelle im Allgemeinen Krankhaus der Stadt Wien wird er Assistent seines Vaters, publiziert in der Zeit mehrheitlich Fachartikel. Daneben pflegt er aber Freundschaften zu den Schriftstellern seiner Zeit, darunter Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und weitere der literarischen Wiener Moderne.

Als Schnitzlers Vater stirbt, tritt er aus dem Krankenhaus aus und eröffnete eine eigene Praxis. Seine Schriftstellerei nimmt immer mehr Raum in seinem Leben ein. Arthur Schnitzler ist kein Kind von Traurigkeit. Liebschaften aller Art zu Frauen aus verschiedenen Kreisen säumen seinen Weg und inspirieren sein Schreiben. Am 9. August 1902 kommt Arthur Schnitzlers Sohn Heinrich zur Welt, ein gutes Jahr später heiratete er dessen Mutter, die Schauspielerin Olga Gussmann. Sechs Jahre wird die gemeinsame Tochter Lili geboren. Die Ehe kriselt, 1921 kommt es zur Scheidung.

Literarisch feiert Schnitzler Erfolge, ist einer der meistgespielten Dramatiker im deutschen Sprachraum, was sich allerdings mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ändert. Während Schnitzler seinen Themen treu bleibt, wollen die Menschen mehr davon sehen und lesen, was sie aktuell beschäftigt: Vom Krieg. 1921 kam es zu einem Skandal anlässlich der Uraufführung des Bühnenstücks Reigen. Schnitzler musste sich in einem Prozess gegen den Vorwurf der Erregung öffentlichen Ärgernisses wehren. In der Folge zieht er sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück.

1928 nimmt sich Schnitzlers Tochter das Leben, einige Stimmen machen den Vater dafür verantwortlich. Für Arthur Schnitzler ist der Verlust ein harter Schlag, er nennt den Todestag in einem Tagebuch auch das Ende seines Lebens.

Arthur Schnitzler leidet neben zunehmender Schwerhörigkeit viele Jahre unter Tinnitus, was ihn Situationen meiden lässt, in welchen verschiedene Geräusche auf ihn zukommen – soziale Kontakte sind so teilweise schwer wahrzunehmen. Seine letzten Lebensjahre widmet Schnitzler hauptsächlich dem Schreiben von Erzählungen. Er stirbt am 21. Oktober 1931 an einer Hirnblutung.

Sein Schreiben
Arthur Schnitzlers Werk besticht dadurch, die Innensichten seiner Figuren aufs genauste zu durchleuchten. Anhand von Einzelbeispielen zeichnet er ein Bild der damaligen Wiener Gesellschaft. Protagonisten seiner Werke sind die typischen Originale Wiens: Offiziere, Ärzte, Künstler – meist von leichtem Charakter und gegen alle Normen und Regeln verstossend. Thematisiert werden so immer auch die Auswirkungen solchen Handelns auf sozial Schwächere, vor allem Frauen. Während diese in seinen frühen Werken blosse Opfer bleiben, fangen sie in den späten an, ihr Leben in die Hand zu nehmen und sich so aus der männlich dominierten Welt zu befreien.

Bezeichnend für Schnitzlers Werk sind auch autobiographische Verweise, da der Autor alles, was er schreibt, durch eigene Erfahrungen untermauert haben will. Sein Blick auf das Verhalten paarungswilliger Menschen mit all ihren Irrungen und Wirrungen nimmt einen zentralen Stellenwert in seinem Schreiben ein. Immer beleuchtet er dabei die Doppelmoral der Gesellschaft, welche nach vorne moralische Ansprüche predigt und im Geheimen diese selber mit Füssen tritt. Seine gesellschaftliche Analyse entspringt seiner subjektiven Einschätzung. Dass er mit seinen literarischen Innensichten durchaus ins Schwarze trifft, attestiert ihm Sigmund Freud einmal in einem Brief:

„Ich meine, ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu… Ihr Determinismus wie Ihre Skepsis – was die Leute Pessimismus heissen -, Ihr Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewussten, von der Triebnatur des Menschen, Ihre Zersetzung der kulturell-konventionellen Sicherheiten, das Haften Ihrer Gedanken an der Polarität von Lieben und Sterben, das alles berührt mich mit einer unheimlichen Vertrautheit. […] So habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie durch Intuition – eigentlich aber infolge feiner Selbstwahrnehmung – all das wissen, was ich in mühsamer Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe.“[3]

Für seine Darstellung der inneren Abläufe und psychischen Dispositionen entwickelt Arthur Schnitzler (zum Beispiel in seiner Novelle Leutnant Gustl, das Werk, das ihn wegen seiner kritischen Haltung den Offiziersrang im Militär kostet) mit dem inneren Monolog eine neue Ausdrucksform in der deutschen Literatur.

Für Arthur Schnitzler stehen stets die Auseinandersetzung mit seiner Zeit und sein Werk im Zentrum – beides bedingt sich gegenseitig. Heinrich Mann schreibt Schnitzler zu Ehren:

Kampf allein tut es nicht, was bleibt denn von den Kämpfen. Fortzuleben verdienen die schönen Werke und fordern, dass ihrer gebrechlichen, bedrohten Ursprünge gedacht wird. Ich ehre Sie, lieber Arthur Schnitzler.[4]

Ausgewählte Werke

  • Dramen:
    • Anatol (1893)
    • Reigen (1903)
    • Das weite Land (1910)
    • Professor Bernardi (1912)
  • Romane
    • Der Weg ins Freie (1907)
    • Chronik eines Frauenlebens (1928)
  • Erzählungen und Novellen

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[1] Tagebuch, 25. Mai 1880
[2] Tagebuch, 27. Oktober 1879
[3] Hartmut Scheible, Arthur Schnitzler, S. 124
[4] Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt, S. 234

Heute las ich auf FB die Frage, wann ein Mensch Autor genannt werden könnte. Da diese Frage relativ einfach zu beantworten ist, da Autor ein relativ klar definierter Begriff ist (Autor ist grundsätzlich ein Verfasser eines Textes – und der muss in Umfang, Art und Verwendung nicht definiert werden), wollte der Fragende wohl mehr erfahren. Und das hat er.

Es hagelte nur so Antworten. Wirklich interessant waren die Antworten derer, die sich als Autoren von anderen Schreibenden abheben wollten. Autor, so hiess es vehement, sei nur, wer ein Buch bei einem Verlag veröffentlicht hätte. Alle anderen wären nur Hobby-Schreiberlinge. Sie wurden auch nicht müde zu betonen, dass sie selber für (gleich) mehrere Verlage schrieben und das beim Finanzamt angäben (das Finanzamt scheint in dem Fall sehr wichtig zu sein). Sie gestanden bei dieser sehr finanzorientierten Definition immer ein, dass man nicht zwingend davon leben könne, wenn man die Kriterien erfüllt. Ich war froh, denn ich hatte von den Namen noch nie gehört, geschweige denn was von ihnen gelesen. Autor sei – das war trotzdem ihr Fazit – nur einer, dessen Text mindestens einmal gekauft wurde.

Nun erachte ich Schreiben durchaus als Kunst (mal mehr mal weniger kunstvoll). Ich wagte also todesmutig den Vergleich mit der Malerei. Gaugin, so mein Einschub, sei also ein Hobbymaler gewesen. Die Antwort: Zu Lebzeiten wohl. Zum Künstler wurde er erst posthum. Ich war dann still. Und dachte mir meines.

Hätte Gauguin es ebenso gesehen, gäbe es wohl kein Bild von Tahiti. Ganz viel Kunst wäre nie entstanden, würde man Kunst nur am Geldfluss messen. Ja, einige Kunst bringt viel Geld. Aber auch ganz viel Mist bringt viel Geld. Kunst am Geld festzumachen, erachte ich als falschen Weg. Natürlich würde ich mir wünschen, dass Künstler leben könnten von ihrer Kunst. Ich hätte Gauguin all die posthumen Millionen gegönnt. Generell wäre es schön, dass Kunst einen Wert hätte, der es dem Schaffenden ermöglichen würde, zu überleben. Und zu schaffen.

Aber: Kunst nur daran zu messen? Damit würde man der Kunst die Seele rauben. Kunst wäre keine Auseinandersetzung mehr mit dem Leben, mit der Welt, sie wäre blosser Kommerz. Und nein, ich sage damit nicht, dass jede Kunst, die Geld bringt, keine ist. Es gibt zum Glück Künstler, die früh genug entdeckt und gefördert und bezahlt werden. Der Umstand, wer dieses Glück hatte und wer nicht, entscheidet kaum über die Qualität ihrer Kunst, es sagt schlicht mehr über die Umstände aus, denn: Es gibt ganz viel finanzierte und veröffentlichte Kunst (Literatur), die schlicht nur Schrott ist, genauso gibt es viel an Kunst, das in Schubladen, Ateliers und Kellern auf Entdeckung wartet.

Ob etwas Kunst ist, sollte sich aus dem Werk selber definieren, nicht daraus, ob es Geld brachte. Produziert jemand nur, um Geld zu kriegen, ist es selten Kunst. Kann sein, muss nicht. Das ist nicht verwerflich. Wir müssen alle leben. Nur: Wenn wir dann aufs hohe Ross steigen und alle anderen abstufen, dann sitzen wir schlicht auf dem falschen Pferd. Ich bin dankbar für all die Künstler, die auch ohne finanziellen Erfolg weiter machten. Wie viele Meisterwerke in allen Bereichen wären uns verwehrt gewesen sonst.

Ich wünsche mir, dass jeder Künstler den Mut hat, seinen Weg zu gehen. Dass er sich nicht abhalten lässt von solchen Aussagen, die wohl mehr von der Profilierung der Aussprechenden zeugen als von einem Kunstverständnis. Künstler zu sein, hat selten mit Wohlstandswillen zu tun, es ist meist der Wunsch, sich auszudrücken. In einer Welt, die ist, wie sie ist. Wenn es gehört werden will – zu Lebzeiten des Künstlers –, umso schöner.

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Foto: Sarah Koska

Claudia Rossbacher, geboren in Wien, zog es nach ihrem Tourismusmanagementstudium in die Modemetropolen der Welt, wo sie als Model im Scheinwerferlicht stand. Danach war sie Texterin, später Kreativdirektorin in internationalen Werbeagenturen. Seit 2006 arbeitet sie als freie Autorin in Wien, seit 2015 auch in der Steiermark und schreibt vorwiegend Kriminalromane und Kurzkrimis. Ihr erster Steirerkrimi „Steirerblut“ wurde von Wolfgang Murnberger als ORF-Landkrimi verfilmt. Weitere Verfilmungen ihrer Bestseller-Serie mit LKA-Ermittlerin Sandra Mohr sind in den nächsten Staffeln im TV zu sehen. Der vierte Band »Steirerkreuz« wurde mit dem österreichischen Publikumspreis »Buchliebling 2014« ausgezeichnet.

Wer mehr über Claudia Rossbacher erfahren will, dem sei die Homepage empfohlen: http://www.claudia-rossbacher.com

Claudia Rossbacher hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin eine viel und weit gereiste gebürtige Wienerin, die nach Lehr- und Wanderjahren als Model, Werbetexterin und Kreativdirektorin nunmehr als Schriftstellerin angekommen ist. Die meiste Zeit lebe ich mit meinem Mann Hannes Rossbacher, einem begnadeten Maler, in einer idyllisch gelegenen Waldhütte auf 1.000 Metern Seehöhe in meiner steirischen Wahlheimat.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Auslöser war der Wunsch nach beruflicher Veränderung (die Begeisterung für die Werbung war mir mit den Jahren abhanden gekommen) sowie die Idee für einen Karibik-Thriller. Die Printausgabe meines Debütromans „Hillarys Blut“ ist inzwischen vergriffen, das e-Book zehn Jahre nach dessen Entstehung in einer überarbeiteten Fassung im Gmeiner Verlag erschienen.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Das Handwerk muss man, egal wie und wo, lernen. Möge das sprachlich-kreative Talent noch so außergewöhnlich sein. Umgekehrt nützt das Handwerk ohne die Begabung nur bedingt. Verfügt man über beides, sollte man ständig damit arbeiten, um besser zu werden. Wie Sportler müssen auch Schriftsteller regelmäßig trainieren und sich quälen, wollen sie konstant gute Leistungen erzielen. Selbstverständlich kann man auch nur aus Spaß schreiben. Mein Anspruch war es aber immer, in angemessener Zeit von meinen Büchern leben zu können. Das habe ich mit Disziplin, Zielstrebigkeit, Fleiß und dem nötigen Quäntchen Glück geschafft. Wäre mir das nicht gelungen, hätte ich mich längst einer anderen Profession zugewandt. Ausruhen darf ich mich aber nicht auf meinem Erfolg. Im Gegenteil: Ich arbeite weiterhin hart daran.

Wo ich das Schreiben gelernt habe? In der Schule, beim exzessiven Hören von Hörspielen, Bücherlesen und Geschichten erfinden, später beim Texten von Werbekampagnen. Bis auf einige wenige Kreativ-Workshops als Werberin und ein Drehbuchseminar basiert bei mir alles auf Learning by Doing.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich recherchiere erst einmal am Handlungsschauplatz, lasse mich dort inspirieren und suche nach einer reizvollen und tragfähigen Idee. Viel mehr als einen Klappentext habe ich nicht, wenn ich zu schreiben beginne. Ich lasse mich dann von den Figuren und der Handlung vorantreiben. Das hat den Vorteil, dass ich selbst oft überrascht werde. Dasselbe geschieht dann auch bei den Lesern. Vielleicht gelingt es mir deshalb, sie bei der Stange zu halten, weil meine Geschichten eben nicht konstruiert sind. Der große Nachteil an dieser Methode ist, dass ich in der Schreibphase immer wieder nachdenken und nachjustieren muss. Oftmals bekomme ich Panik, weil ich nicht sicher bin, ob sich am Ende alles ausgeht.

Wann und wo schreiben Sie?

Zuhause an meinem Schreibtisch. Ich brauche Ruhe und Zeit. Unterwegs kann ich nicht schreiben. Es sei denn, ich halte mich länger an einem Ort auf, der mir beides bietet.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Mittlerweile kann ich ganz gut abschalten. In der Natur, mit Freunden, beim Tennis spielen. Bloß nicht zu lange, sonst muss ich wieder von vorn anfangen, um in die Geschichte hineinzufinden. Zwischen zwei Romanen bereitet mir das Abschalten überhaupt keine Probleme.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich ringe ausschließlich um den Plot und kämpfe mit meinen Texten. Ansonsten liebe ich meinen Beruf, der mir so viel Abwechslung, außergewöhnliche Begegnungen und besondere Glücksmomente beschert. Ich schreibe, um meine Leser gut zu unterhalten, freue mich, dass es inzwischen so viele sind, die meine Bücher mögen. Einerseits genieße ich die Aufmerksamkeit und das Rampenlicht, andererseits mein stilles Kämmerlein, in dem ich vor mich hinschreiben kann, ohne dass mir jemand dreinredet. Was mich stört? Destruktive negative Kritiken. Obwohl ich die immer schneller verdaue, auch wenn sie schmerzen, zumal die positiven Meinungen stets überwiegen.

Wieso haben Sie sich für das Genre Krimi entschieden?

Auch als Leserin hatte ich schon immer ein Faible für spannende und gruselige Geschichten. Außerdem konnte aus der Idee zu meinem ersten Roman gar nichts anderes als ein Thriller werden.

Sie schreiben (unter anderem) Steirerkrimis. Wieso die Steiermark? Wäre das FBI in USA nicht knackiger? Oder wenigstens eine Grossstadt, zumal Sie ja früher oft in den verschiedenen Weltmetropolen gewesen sind?

Das dachte ich anfangs auch. Und habe mit einem Karibik-Thriller begonnen. Mein zweiter Thriller „Drehschluss“ ist auf Mallorca und in Berlin angesiedelt. Leider haben beide Bücher kaum jemanden interessiert, obwohl ich sie immer noch gelungen finde. Mit den Steirerkrimis habe ich dafür auf Anhieb ins Schwarze getroffen. Dabei wusste ich erst noch gar nicht, wo genau mein Opfer durch den Wald läuft, um seinem Mörder zu entkommen. Dann habe ich mich an meine Ferienlager in der Steiermark erinnert, dem waldreichsten Bundesland Österreichs. Zudem ist mein Mann gebürtiger Steirer, der aber die meiste Zeit seines Lebens in Wien verbracht hat. Inzwischen bin ich nicht nur Wahlsteirerin, sondern habe auch den verlorenen Sohn heimgeführt. Heute leben wir in der Nähe des Ferienlagers meiner Kindheit am Reinischkogel.

  1. Wie viele Steirerkrimis gibt es von Ihnen schon? Und wie viele sollen noch folgen?

Am 8.2.2017 erscheint mit „Steirerpakt“ der siebte Fall für mein ungleiches Ermittlerduo Sandra Mohr und Sascha Bergmann vom LKA Steiermark. Am achten schreibe ich bereits. Wie viele Bände es noch geben wird, weiß ich selbst nicht. So lange mir noch etwas Brauchbares einfällt und dermaßen viele begeisterte Leser auf Fortsetzungen warten, wäre es aber wahnwitzig, diese Serie zu beenden.

Österreich ist im Vergleich zu Deutschland eher klein (mit einem Zehntel der Einwohner). Empfinden Sie das als Nachteil (gerade durch die Ausrichtung der Landkrimis) oder sehen sie das sogar als Chance?

Erst einmal freue ich mich über die soliden Verkaufszahlen im eigenen Land, die keineswegs selbstverständlich sind. Und etliche Exemplare gehen ja auch über bundesdeutsche Ladentische und Online-Plattformen weg. Natürlich hätte ich nichts dagegen, zehnmal so viele Bücher wie jetzt zu verkaufen. Eine Umsatzsteigerung in Deutschland könnte demnächst drin sein, wenn der TV-Film „Steirerblut“ am 11. März 2017 erstmals zur Primetime in der ARD ausgestrahlt wird. Für Nachschub wird auch gesorgt: Der zweite Film „Steirerkind“ wird gerade für ARD und ORF nach meinem gleichnamigen Roman gedreht, ein dritter „Steirerkreuz“ soll folgen. Wir werden ja sehen … Auf alle Fälle sind österreichische Krimiautoren in Deutschland im Kommen, so sie nicht schon dort sind wie etwa Wolf Haas, Marc Elsberg, Andreas Gruber, Ursula Poznanski und Bernhard Aichner.

Was ist das für ein Gefühl, wenn Ihre Bücher verfilmt werden? Stolz, weil die Krimis offensichtlich ankommen? Auch etwas Angst, weil man doch einen Teil der Kontrolle über die eigenen Geschichten aufgibt?

Ein wenig stolz bin ich schon, weil die Bücher nicht ganz so schlecht sein können, wie manche Kritiker behaupten. Mir ist aber auch klar, wie viel Glück dabei war, als von hunderttausenden Büchern ausgerechnet meine zur Verfilmung auserkoren wurden. Dass ich mit dem Verkauf der Filmrechte die Kontrolle größtenteils abgebe, war mir von Anfang an klar. Auch hatte ich keine Lust, meinen Roman selbst zu zerfleddern, um ein Drehbuch daraus zu machen, bei dem viel zu viele Leute mitreden. Außerdem: Was habe ich als Romanautorin schon zu verlieren? Schlimmstenfalls finden die Leute meine Bücher besser als die Filme.

Haben sie Mitspracherechte am Set?

Ich könnte in der Drehbuchphase Bedenken anmelden. Am Set ist es dafür zu spät.

Die nächste Criminale steht vor der Tür, Sie sind in der Wettbewerbs-Jury. Was reizt Sie an der Aufgabe?

Ich bin nicht nur in der Jury für den besten Debütroman, sondern auch in der SOKO, dem lokalen Organisationsteam, und fungiere zudem als Herausgeberin der Criminale-Anthologie „SOKO Graz – Steiermark“, die im April im Gmeiner Verlag erscheint. Für die Juryarbeit habe ich mich gemeldet, um diese Erfahrung einmal gemacht zu haben. Außerdem interessiert es mich, welche neuen Autoren nachkommen, und ob sie vielleicht außergewöhnliche Herangehensweisen an das Genre haben. Immerhin zwei von rund 90 Autor/innen konnten mich mit ihren Büchern begeistern, darunter auch der/die Preisträger/in.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Es gibt viel zu viele schlechte Verlage und schlechte Autoren. Ich für meinen Teil fühle mich beim Gmeiner Verlag sehr gut aufgehoben, was Autoren über ihre Verlage ja eher selten behaupten, meistens zu recht. Wäre es anders, würde ich mich nach einem renommierten Verlag umsehen, dessen Bücher in den Buchhandlungen gut repräsentiert sind und der mich als Autorin wertschätzt und unterstützt, bevor ich meine Bücher um 99 Cent übers Internet verschleudere. Wäre ich Anfängerin und würde keinen Verlag für mein Werk finden, wäre ich vermutlich auch unter den abertausenden Selfpublishern, um mein Glück zu versuchen, in der Hoffnung, dass sich Qualität irgendwann durchsetzt.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss mich von Anfang in die Handlung hineinziehen, mich unterhalten und am besten nicht mehr loslassen. Egal, ob es sich um Belletristik oder Sachbuch handelt. Komplizierte Satzkonstrukte und gekünstelte Sprache mag ich überhaupt nicht, auch kein ausuferndes Geschwafel, dass nicht der Handlung oder der Figurenentwicklung dient.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • das Handwerk beherrschen beobachten,

  • zuhören und dazulernen

  • akribisch anTexten feilen

  • seine Leserschaft kennen und wertschätzen

  • sich für alle Anforderungen des Berufs rüsten, Schreiben im stillen Kämmerlein reicht schon lange nicht mehr. Um als Schriftsteller erfolgreich zu sein, braucht es ein umfassendes Gesamtpaket.

Herzlichen Dank für diese Antworten!

img_0965Susan Sontag wird am 16. Januar 1933 als Susan Rosenblatt in New York City geboren. Die ersten Jahre verbringt sie bei den Grosseltern, weil ihre Eltern durch den Beruf des Vaters in China sind. Als Susan 5 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater an Tuberkulose, Susan kriegt bald einen Stiefvater und mit diesem auch den Namen Sontag.

Beruflich weiss Susan Sontag schon früh, wo ihr Leben hinführen soll, auch wenn sie durchaus an sich und der Machbarkeit zweifelt:

Ich möchte schreiben – ich möchte in einer intellektuellen Atmosphäre leben – ich möchte in einem kulturellen Zentrum leben[1]

Der Wunsch nach Intellektualität, nach Kultur, nach Schreiben begleitet sie ein Leben lang. Vor allem in ihren jungen Jahren ist bei Susan Sontag eines zentral: Sich selber zu erschaffen, wie sie sich gerne hätte. Gerade die frühen Tagebücher zeugen von einer unerbittlichen Suche nach dem eigenen Selbst, nach dem Bild, das sie von sich haben will und ausfüllen kann. Immer wieder hinterfragt sie sich, analysiert sich, klagt sich auch an, um sich dann wieder aufzuraffen, Mut zu fassen, weiter zu gehen.

Es gibt nichts, nichts, was mich daran hindern würde, irgendetwas zu tun – ausser mir selbst … Nur die Zwänge meiner Umgebung, denen ich mich selbst unterwerfe und die mir immer allmächtig erschienen, so dass ich es nicht wagte, auch nur in Betracht zu ziehen, ihnen zuwiderzuhandeln…. Aber was hindert mich eigentlich daran?[2]

Wenig später ist sie überzeugt:

Jetzt fängt alles an – ich bin wiedergeboren[3]

Ab 1949 studiert Susan Sontag in Chicaco Literatur, Theologie und Philosophie. Mit 17 heiratet sie den Soziologen Philip Rieff, aus der Beziehung stammt Sohn David. Die Ehe geht nicht lange gut, was sicher auch an Susan Sontags Schwanken zwischen den Geschlechtern liegt. Bereits 1947 hat sie in ihr Tagebuch geschrieben:

Ich wollte mich unbedingt körperlich zu ihm hingezogen fühlen und wenigstens beweisen, dass ich bisexuell bin [am Rand: Wenigstens bisexuell – was für eine idiotische Idee][4]

Immer wieder kämpft Susan Sontag mit Krebs, schon in den 70er-Jahren muss sie sich einer aggressiven Chemotherapie unterziehen – sogar die Ärzte sehen kaum Hoffnung auf Erfolg. Sie kämpft aber auch gegen die Stigmatisierung dieser Krankheit, kämpft dagegen, nur als Kranke gesehen zu werden und nicht mehr als ganzer Mensch mit allen Facetten.

Ich für meinen Teil betrachte mich als Produkt meiner Geschichte. Mehr ist meine Wesensart nicht. – Und da ich erkenne, wie willkürlich meine Geschichte zum Teil ist, erscheint mir deren Produkt, meine Wesensart, logischerweise veränderbar, überwindbar.[5]

Susan Sontag ist zeitlebens eine Lernende, sie verschlingt Bücher, Filme, liebt Kunst und Musik. Ganze Listen legt sie an mit Titeln, die sie verschlungen hat oder noch lesen, sehen oder hören will. Sie ist in ihrem Schreiben und Urteilen aber kaum je dem Mainstream verpflichtet, sieht sich im Gegenteil als Revolutionärin im Ganzen:

Ich bin eine angriffslustige Schriftstellerin, eine polemische Schriftstellerin. Ich schreibe, um zu unterstützen, was attackiert wird, und um zu attackieren, was gefeiert wird.[6]

Allimg_0948erdings resultiert diese Haltung nicht aus einer Art Trotz, vielmehr folgt sie unbeirrt ihrer Wahrnehmung und Einschätzung.

Ein grosses Thema von Susan Sontag sind immer wieder die Liebe und Beziehungen. Vieles geht in die Brüche, Susan Sontag leidet, hinterfragt sich und die verflossenen Lieben. In ihren Tagebüchern findet man viel von diesem Hadern und Leiden. In den späten 80er-Jahren scheint es ruhiger zu werden. Von 1988 bis zu ihrem Tod lebt Susan Sontag mit der Fotografin Annie Leibovitz zusammen.

Susan Sontag stirbt am 28. Dezember 2004 in New York City.

Ihr Werk
Susan Sontag ist vor allem für ihre Essays über Literatur, Kunst, Film und Fotografie bekannt, aber auch ihr Roman In Amerca stiess auf begeisterte Kritik und brachte ihr den National Book Award ein.

Werke (u.a.)
Prosa

  • Der Wohltäter (1963)
  • Todesstation (1967)
  • Ich, etc. (1978)
  • In Amercia (2000)

Essays und andere Schriften

_____________________
[1] Susan Sontag, Wiedergeboren, Tagebücher 1947 – 1963, S. 27
[2] ebd., S. 46
[3] ebd., S: 52
[4] ebd., S. 28
[5] Susan Sontag: Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964 – 1980, S. 292
[6] ebd., S. 421

langekathrinKathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.

Kathrin Lange hat mir ein paar Fragen zum Schreiben und zu Ihrem neusten Roman Ohne Ausweg beantwortet:

langekathrin2Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Heute bin ich Schriftstellerin, früher war ich Buchhändlerin. Und grundsätzlich bin ich Buchnerd. Damit ist meine Biographie in den wichtigsten Punkten zusammengefasst.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe ungefähr im Alter von 14 Jahren angefangen zu schreiben und dann relativ schnell gewusst, dass ich Schriftstellerin werden möchte. Einen konkreten Auslöser gab es nicht, am ehesten könnte man vermutlich die Freude am Geschichtenerfinden dafür halten.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Es gibt ja diese zwei gegensätzlichen Meinungen. Auf der einen Seite die, dass man das Schreiben auf keinen Fall lernen kann, dass man es „haben“ muss. Und auf der anderen Seite sind da jene, die behaupten, alles sei nur Handwerk. Ich befinde mich irgendwo in der Mitte. Vieles ist Handwerk, und damit kann man auch recht ordentliche Unterhaltung schreiben, denke ich. Aber diesen Romanen fehlt dann oft etwas, das ich „den Funken“ nennen würde.

Wie bei allem im Leben ist es in meinen Augen also eine Mischung aus beidem: viel Handwerk, aber eben auch ein wichtiger Teil Inspiration und, ja, auch Talent, Genie, wie immer man es nennen möchte.

Ich selbst habe einfach angefangen zu schreiben, ganz naiv und ganz und gar ohne überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es sowas wie Handwerk gibt. Irgendwann dann, als in mir der Wunsch aufkam, zu veröffentlichen und ich die ersten Absagen von Verlagen kassierte, wollte ich wissen, was der Grund dafür war. In dieser Zeit habe ich einige Seminare besucht, in denen es ums Handwerk ging. Das meiste lief bei mir aber nach dem Prinzip trial and error, und irgendwie mache ich es noch heute so: ausprobieren, was geht, dann umschreiben, neuschreiben, wieder testen, neu umschreiben …

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Im Grunde so, wie ich eben schon beschrieben habe. Aber das ist von Buch zu Buch durchaus unterschiedlich. Grundsätzlich mache ich erst eine Menge Recherchen, bevor ich mich dann an eine erste, grobe Planung des Plots setze. Wenn die fertig ist, fange ich meistens an, die ersten Szenen zu schreiben, und ab da ist vieles Überarbeitung und Ringen um die passenden Worte. Und Haareraufen.

Wann und wo schreiben Sie?

Zu Hause in meinem Büro, aber auch am Küchentisch (wie gerade im Moment), im Zug oder im Hotel, wenn ich auf Lesereise bin. Und immer dann, wenn Zeit ist, frühmorgens, abends, ich habe keine festen Schreibzeiten.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Gar nicht. Leider.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Womit man kämpft? Neben den üblichen Schwierigkeiten mit Plot, Story und Figuren natürlich auch mit den „Demütigungen“, die das Business so mit sich bringt. Das ist ein sehr langes Thema, zu dem ich einen ganzen eigenen Roman schreiben könnte. Aber trotzdem ist es noch immer meine größte Freude, zu schreiben und auch zu veröffentlichen. Zu erleben, wie eine Story wächst, sich fügt und am Ende „rund“ wird, ist tief befriedigend. Und natürlich mag und schätze ich sehr den persönlichen Austausch mit meinen Leserinnen und Lesern. Wenn es auf einer Lesung zu richtig guten Gesprächen kommt, dann ist das eine große Freude.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben und wie entsteht aus einer Idee eine Geschichte?

Naja, im Grunde muss ich morgens nur noch die Zeitung aufschlagen und dann kommt mir eine neue Idee für den nächsten Faris Iskander-Roman. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich, wenn man, wie ich, so ein aktuelles Thema hat. Ich sammele vieles, Zeitungsartikel, Ausschnitte aus Fernsehsendungen, Begegnungen mit Menschen. Und meistens kristallisiert sich dann recht schnell eine neue Story heraus. Das passiert im Moment auch wieder. Die Story von Band 4 der Reihe ist gerade dabei, ein Eigenleben zu entwickeln.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Der gute, alte Goethe. J Ich habe oben von dem „Funken“ gesprochen, den ein guter Roman meiner Meinung nach haben muss. Vermutlich ist dieser Funke einfach eine Art „Angefasstsein“ des Autors vom eigenen Stoff. Man muss etwas zu sagen haben. Und natürlich hat man am Ehesten etwas zu sagen, über Dinge, die einem passieren, die man beobachtet und die einen emotional angehen. Insofern ist wohl wirklich jedes Schreiben in gewisser Weise autobiografisch.

Von mir persönlich steckt vermutlich einiges in der Figur der Ira Jenssen, angefangen von ihrem Hadern mit der Amtskirche bis hin zu großen Teilen ihrer Sicht auf die Welt. Ira sagt oft die Dinge, die ich gern sagen würde, aber sie ist nicht ich. Sie ist viel warmherziger, reflektierter, aber auch viel zerrissener und in gewisser Weise zögerlicher.

Mit Ohne Ausweg erschien gerade der dritte Band einer Reihe um den Ermittler Faris Iskander. War von Anfang an klar, dass es eine Reihe werden sollte oder hat sich das so entwickelt?

Es hat sich entwickelt. Als ich Faris schuf, wusste ich noch nicht, ob er sich als Serienfigur eignet, aber es hat sich schnell herausgestellt, dass er mich nicht mehr loslässt.

Faris ist sehr undurchschaubar, er lässt Menschen – nicht mal den Leser – nicht ganz an sich ran. Liegt er vor Ihnen wie ein offenes Buch oder verschließt er sich auch Ihnen teilweise, so dass Sie ihn noch weiter durchdringen wollen?

Das ist eine spannende Frage, über die ich erst einmal nachdenken musste. Im Grund lässt er ja nichtmal sich selbst an sich heran. Tatsache ist, dass er mit jedem neuen Buch neue Facetten entwickelt (oder mir zeigt?), von denen ich bisher keine Ahnung hatte. Manchmal werde ich von Entwicklungen in seinem Leben selbst überrascht, wie z.B. der Erkenntnis am Ende von Band 2, dass er eine Tochter hat. Und auch im Moment gerade bin ich wieder dabei, ihn neu zu entdecken.

Sie greifen in diesen Romanen sehr aktuelle Themen auf. Hatten Sie nie Angst, sich damit ins Kreuzfeuer zu begeben?

Schon, ja. Aber ich lasse diese Angst einfach nicht so dicht an mich ran, sonst könnte ich diese Bücher nicht schreiben.

Am Schluss Ihres Buches schrieben Sie im Nachwort von Ihrem Engagement für Flüchtlinge. Es wirkte auf mich wie ein Gegengewicht zur Geschichte, quasi um zu sagen: Es sind nicht alle Terroristen und viele brauchen unsere Hilfe? War das die Intention?

Naja, im Grunde ist das – sehr vereinfacht gesagt – ja auch die Aussage des Romans. Ich hoffe, dass das rüberkommt, und dass insofern das Nachwort kein Gegengewicht sein muss, sondern eher eine Ergänzung. Mir ist übrigens wichtig, dass „Terroristen“ in diesem Sinne nicht nur Islamisten meint, sondern auch rechtsmotivierte Täter. Interessanterweise geht das in allen Besprechungen, die bisher erschienen sind, ein bisschen unter, obwohl der rechte Terror in dem Buch ungefähr eine gleich große Rolle spielt wie der islamistische.

Oft wird unterschieden zwischen großer Literatur und Unterhaltungsliteratur. Krimis/Thriller werden teilweise noch eine Stufe drunter eingestuft. Was halten Sie von solchen Kategorien und wieso haben Sie sich für dieses Genre entschieden?

Ist das so? Dass Krimis und Thriller noch unter Unterhaltungsliteratur eingestuft werden? Ich empfinde das nicht so. Natürlich gibt es in Deutschland immer noch diese blöde Trennung zwischen der sogenannten E- und der sogenannten U-Literatur. Aber ich möchte in dieser Hinsicht optimistisch sein und daran glauben, dass sich da einiges tut. In meinen kühnsten Träumen wünsche ich mir, mit meinen Büchern dabei ein bisschen mitzuhelfen, aber das war natürlich nicht der Grund, warum ich mich für dieses Genre entschieden habe. Ich lese einfach gern Thriller, und ich glaube, ich kann ganz gut spannend schreiben. Mehr steckt da gar nicht dahinter.

Ich las kürzlich, Liebesromane müsste es auf Rezept geben, denn sie seien Heilung für die Herzen der Leser. Was sind so gesehen Kriminalromane und Thriller?

Es gibt Krimis, die wollen reine Entspannung sein, die wären nach dieser Sichtweise vielleicht eine Beruhigungspille für den vom Alltag aufgewühlten Geist. Wobei das so negativ klingt, und ich es gar nicht so meine. Besser wäre es vielleicht, nicht von Beruhigungspille zu reden, sondern von einem schönen Glas Wein, das einen abends nach all dem Stress entspannt und besser schlafen lässt.

Und dann gibt es eben die Krimis, die aktuelle Themen aufgreifen und/oder „etwas zu sagen“ haben. Für mich persönlich hat ein guter Krimi oder Thriller etwas, das nach dem Lesen noch in mir arbeitet, das mir – im Idealfall natürlich – irgendetwas klar gemacht oder meine Sicht auf die Welt oder die Psyche des Menschen ein klein wenig verändert hat.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Zweigeteilt. Der Buchmarkt ist ein hartes und leider auch ziemlich gnadenloses Geschäft, in dem oft nicht mehr das Lektorat oder der Verleger darüber entscheiden, ob ein Buch gemacht wird, sondern Vertrieb bzw. Controlling. Die Zeiten, in denen ein Verlag über Jahre an einem Autor festhielt, weil er an das glaubte, was dieser zu sagen hat, sind leider vorbei. Und in Zeiten, in denen sich die Auflagen im Sinkflug befinden und mehr und mehr Buchhandlungen vor der Macht der großen Player kapitulieren, kann ich inzwischen jeden Autor und jede Autorin verstehen, die sich entscheiden, lieber ihr eigenes Ding zu machen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Wie oben schon gesagt, möchte ich, dass eine Geschichte in mir nachhallt. Aber ich brauche auch eine gewisse Spannung, wobei das nicht automatisch Action oder Handlungsspannung sein muss. Es gibt auch Bücher, die ich sprachlich spannend finde. Grundsätzlich will ich mich beim Lesen nicht langweilen, das fasst es, glaube ich, ziemlich gut zusammen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ich bin Fan von Robert B. Parker, dem großen amerikanischen Hard-boiled-Autor aus Boston. Überhaupt lese ich viele amerikanische Autoren und wenn ich von etwas geprägt bin, dann vermutlich von diesen: Don Winslow. Michael Connolly. Lee Child. Dennis Lehane. Aktuell lese ich die James Lee Burke-Romane, die im Pendragon-Verlag erschienen sind.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Fünf. Okay.
Glaub an dich, egal, was die anderen sagen.
Schreib!
Schreib!
Schreib!
Schreib!

Herzlichen Dank für diese Antworten!

Ich glaube, dass alles Wichtige, alles Entscheidende sich auf die Jugend zurückführt. Dies ist keine Erkenntnis, die ich – etwa von der Psychoanalyse – übernommen, sondern eine Erfahrung, die ich selber gemacht habe, indem ich über meine Werke, meine Ideen, meine Arbeit nachdachte.[1]

durrenmattFriedrich Reinhold Dürrenmatt kam am 5. Januar 1921 als erstes Kind eines reformierten Pfarrers und dessen Frau in Stalden im Emmental (Schweiz) zur Welt. So viel Verständnis der bibeltreue Vater für seine Schäfchen hatte, so wenig brachte er für die Interessen seines Sohnes auf, zumal sich dieser auch nicht wie ein artiger Pfarrerssohn aufführte, sondern in der Schule eher durch aufmüpfiges Verhalten denn durch gute Noten brillierte. Trotz (oder gerade wegen?) der Konflikte, die nicht ausblieben, prägten die ländliche Idylle des Emmentals und die patriarchalischen Strukturen am Familientisch Friedrich Dürrenmatt und dessen Werk Zeit seines Lebens.

Mein Leben begann in einer gespenstischen Idylle, und diese Idylle empfand ich als labyrinthisch.[2]

1941 legte Dürrenmatt die Matur knapp genügend ab und war froh, die von ihm selber als wohl übelste Zeit seines Lebens bezeichnete Etappe auf seinem Weg hinter sich zu haben.

durrenmatt2Dürrenmatt hat schon früh zu zeichnen und zu malen begonnen, überlegte sogar eine Weile, eine Ausbildung als Kunstmaler zu machen, entschied sich dann aber für das Studium der Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik. Das Malen und Zeichnen gab er aber nie auf, sondern verlegte es auf die Nächte. Auch illustrierte er einige seiner Werke später selber.

Wer nun denkt, aus dem eher lernfaulen Schüler sei ein pflichtbewusster Student geworden, täuscht sich. Dürrenmatt selber bezeichnete sich als „verbummelten Studenten“[3]. Schon während des Studiums entstanden erste Texte. 1946 beendete er sein Studium, verzichtete auf eine eigentlich geplante Dissertation über Søren Kierkegaard und beschloss, Schriftsteller zu werden. Noch im selben Jahr heiratete er auch die Schauspielerin Lotti Geissler, mit welcher er nach Basel, später an den Bielersee zog. Dort entstand auch sein Roman Der Richter und sein Henker. In den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere waren Friedrich Dürrenmatt und seine fünfköpfige Familie (es waren über die Jahre drei Kinder zur Welt gekommen) trotz verschiedener Romane, Erzählungen und Bühnenstücke nicht auf Rosen gebettet. Dies änderte erst, als Dürrenmatt Aufträge für Hörspiele erhielt.

1952 zog die Familie Dürrenmatt nach Neuenburg. In der Folge durfte der fleissige Schriftsteller verschiedene Erfolge mit seinen Bühnenstücken feiern, erhielt1954 den Literaturpreis der Stadt Bern, sowie 1957 einen Hörspielpreis, um nur einige zu nennen. Neben all seinen literarischen Werken brachte sich Dürrenmatt immer wieder auch politisch ein. In verschiedenen Essays, Vorträgen und Reden bezog er direkt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, Stellung zur politischen Lage der Welt.

Ein grosser Schicksalsschlag für Friedrich Dürrenmatt war der Tod seiner Frau Lotti am 16. Januar 1983. Zum Glück erholte er sich davon und heiratete 1984 Charlotte Kerr, mit welcher er den Film Porträt eines Planeten sowie das Theaterstück Rollenspiele herausbrachte. Friedrich Dürrenmatt starb am 14. Dezember 1990 in Neuchâtel. Er war 69 Jahre alt, als sein Herz versagte.

Das Werk

Friedrich Dürrenmatt hinterlässt ein sehr vielfältiges Werk aus Erzählungen, Romanen (auch Kriminalromanen) und Theaterstücken. Viele seiner Bücher wurden als Hörspiele vertont. Ein Leitthema seiner Stücke ist – Friedrich Dürrenmatt sagte es selber im oben erwähnten Zitat – das erlebte Labyrinth seiner Kindheit und Jugend. Dies wird vor allem in seinem Theaterstück Der Besuch der alten Dame deutlich: Eine zur Milliardärin gewordene ehemalige Bewohnerin eines kleinen Dorfes kehrt zurück. Statt das verarmte Dorf mit Geld zu segnen, will sie sich für ihr erlittenes Unrecht rächen. Mit viel Witz und Scharfblick entwickelt Dürrenmatt die Geschichte um die „alte Dame“, zwei Zutaten, die in keinem seiner Werke fehlen.

Friedrich Dürrenmatt verstand es in seinem literarischen Werk immer wieder, die menschlichen Befindlichkeiten, die gesellschaftlichen Zwänge und Urteile offenzulegen, ohne zu sehr psychologisierend zu wirken. Fast beiläufig entwickelt er in einer einfachen und leicht lesbaren Sprache seine Geschichten, zieht den Leser hinein und entlässt ihn am Ende um viele Erfahrungen und Einblicke reicher.

Bekannte Werke Dürrenmatts

Romane

  • Der Richter und sein Henker (1951)
  • Der Verdacht )1953)
  • Grieche sucht Griechin (1955)
  • Die Panne (1956)

Theaterstücke

  • Der Besuch der alten Dame (1956)
  • Die Physiker (1962)
  • Der Meteor (1966)

Dies nur einige einer langen Liste.

Wer mehr über den Menschen Friedrich Dürrenmatt erfahren möchte, dem sei der Film Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte von Sabine Gisiger empfohlen.

______________________

[1] Friedrich Dürrenmatt: Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold, Zürich 1976, S. 9
[2] ebd., S. 11
[3] Friedrich Dürrenmatt: Philosophie und Naturwissenschaft, Band 18, der Werkausgabe, Zürich 1980, S. 9

„Ohne Vermögen, ohne Familienanhang, ohne Schulung und Wissen, ohne robuste Gesundheit bin ich ins Leben getreten, mit nichts ausgerüstet als einem poetischen Talent und einer schlechtsitzenden Hose.“ (Brief an Georg Friedländer, 3. Oktober 1893)

Theodor Fontane wird am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren, wo er später auch das Gymnasium besucht. Nach einem abgebrochenen Besuch der Gewerbeschule beginnt er 1836 eine Ausbildung zum Apotheker, um in die Fussstapfen seines Vaters zu treten und arbeitet nach deren Abschluss als Apothekergehilfe. Daneben erscheinen bereits erste literarische Werke. 1849 hängt er den Apothekerberuf an den Nagel, um als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Es ist immer dasselbe Lied: wer durchaus Schriftsteller werden muss, der wer’ es; er wird schliesslich in dem Gefühl, an der ihm einzig passenden Stelle zu stehen, auch seinen Trost, ja, sein Glück finden. Aber wer nicht ganz dafür geboren ist, der bleibe davon. (aus einem Brief Fontanes, zit. nach Thomas Mann, Der alte Fontane)

fontanetheodor
Theodor Fontane (1883), Gemälde von Carl Breitbach

Aufträge sind Mangelware und so lässt er sich von der Zentralstelle für Presseangelegenheiten anstellen. In deren Auftrag reist er nach London und berichtet von da unter anderem über Kunstausstellungen. Er verfasst auch Reisebücher und Theaterkritiken, doch all das befriedigt ihn nicht. Aus dem Grund ist der Entschluss nicht verwunderlich, wieder als freier Schriftsteller arbeiten zu wollen. Diesem Entschluss haben wir eine Reihe bis heute bekannter Bücher zu verdanken. Theodor Fontane stirbt am 20. September 1898 in Berlin.

Die Romane

Theodor Fontanes Romane werden dem poetischen Realismus zugeordnet. Er beschreibt in seinen Büchern das Leben von ganz normalen Menschen, zeigt ihre Befindlichkeiten und Schwierigkeiten. Es sind stille Bücher, die trotzdem eine grosse Tragkraft haben und in denen immer wieder Fontanes ironischer Humor durchkommt. Seine Bücher beginnen meistens gleich: Man fährt – wie bei der Kameraführung im Film – die Strasse entlang zum Haus, in den Garten, die Treppe hoch in die Wohnung und wird dann mit den Hauptfiguren des Romans bekannt. Man lernt ihre Stube kennen, die Bilder an der Wand, erfährt von einem auktorialen Erzähler einiges über ihre Geschichte und ihr aktuelles Leben.

Theodor Fontane ist aber nicht nur ein Meister der Beschreibungen, er ist auch ein Meister der Lücken. Ganz viel steht bei ihm zwischen den Zeilen, man kann es erahnen, sieht sich aber erst später in dieser Ahnung bestätigt. Teilweise sind es gerade die wichtigsten Dinge, die sich in Lücken befinden – man denke nur an Effi Briests Seitensprung.

Die meisten grossen Romane Fontanes sind erst nach seinem 60. Geburtstag entstanden. Was Thomas Mann in seinem Essay Der alte Fontane in Bezug auf dessen Briefe schrieb, könnte auch bei den Romanen gelten:

Scheint es nicht, dass er alt, sehr alt werden musste, um ganz er selbst zu werden?

Bekannte Werke Fontanes sind unter anderem Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862), Vor dem Sturm (1878), Grete Minde (1880), L’Adultera (1882), Irrungen, Wirrungen (1888), Unwiederbringlich (1892), Effi Briest (1896), Die Poggenpuhls (1896), Der Stechlin (1899).

Auch unbedingt lesenswert sind die Briefe Fontanes, allen voran seine Ehebriefe.

b-maxian_credit-michael-maritsch-0386Die Österreicherin Beate Maxian wurde in München geboren und verbrachte ihre Jugend u.a. in Bayern und im arabischen Raum. Heute lebt sie mit ihrer Familie abwechselnd in Oberösterreich und Wien und arbeitet neben dem Schreiben als Moderatorin und Journalistin sowie als Dozentin an der Talenteakademie. Ihre in Wien angesiedelten Krimis um die Journalistin Sarah Pauli haben eine treue Leserschaft erobert und sind Bestseller in Österreich. Des Weiteren ist Beate Maxian die Initiatorin und Organisatorin des ersten österreichischen Krimifestivals: Krimi-Literatur-Festival.at

Beate Maxian stand mir für ein paar Fragen Red und Antwort:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin eine in Bayern geborene österreichische Autorin. Der Beruf meines Vaters hat mich schon als Kind in die Arabischen Emirate, nach Jordanien und Afrika geführt. Möglich, dass ich deshalb an der Historie von Völkern und Epochen so interessiert bin. Generell bin ich ein sehr weltoffener, neugieriger Mensch, verliere mein Herz schnell an liebe Mitmenschen, die Tierwelt, schöne Regionen und Kulturstätten. Mein beruflicher Weg hat mich zuerst in die Spielfilmindustrie und zum Fernsehen geführt und danach Schriftstellerin werden lassen.

 Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Bücher und die darin enthaltenen Geschichten haben mich schon als Kind fasziniert. Für mich gab es keine schöneren Geschenke als Bücher. Das ist noch heute so. Mit sieben Jahren hab ich meine Eltern wissen lassen, Schriftstellerin werden zu wollen. Ich lebe somit meinen Kindheitstraum und bin sehr froh, dass es so gekommen ist.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Ich glaube, dass es nur bis zu einem bestimmten Punkt Handwerk ist. Denn wenn man Romane und Kurzgeschichten ausschließlich nach einem vorgegebenen Schema aufbaut, nimmt man dem Erzählten seine Seele und das merken Leser/Leserinnen. Letztendlich machte es die richtige Mischung aus Sprache, Erzählkunst und Handwerk aus.

Ich hab schon immer viel gelesen. So denke ich, bekommt man ein gutes Gespür für Sprache und den Aufbau von Geschichten. Da ich als Regieassistentin und Produktionsleiterin für die Filmproduktion gearbeitet habe, waren mir Dramaturgie und Erzählstruktur vertraut. Und Sprache hat mich schon immer begeistert.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Leonardo da Vinci soll einmal gesagt haben: Er behaue nicht den Marmor, er lege die Figur frei, die darin steckt. So ähnlich ist meine Herangehensweise. Ich schreibe nicht strukturiert, nach einem vorab erarbeiteten Exposee, weil mich das meiner Kreativität beraubt. Ich habe ein Thema, eine Idee, einen Ausgangspunkt, eine oder zwei Figuren. Dann beginne ich zu recherchieren, mache Notizen und zeitgleich beginne ich die Geschichte zu erzählen. Anfangs oftmals unstrukturiert. Ich reihe Szenen aneinander, wie Filmsequenzen und lege so nach und nach die Geschichte frei. Ich begleite letztlich meine Figuren auf ihrer Reise, beobachte und lenke, je nachdem, was gerade wichtig ist. Natürlich muss ich meine Figuren kennen, eine Bindung zu ihnen haben, um sie die Geschichte, die ich mir ausgedacht habe, wirklich erleben zu lassen. Aber diese Bindung ergibt sich, weil die Figuren ja ein Teil meiner Gedankenwelt sind.

Wann und wo schreiben Sie?

Ich schreibe zumeist zuhause an meinem Schreibtisch, umgeben von wandhohen Bücherregalen. Für mich der perfekt Ort. Wenn ich mit einem Roman beginne, schreibe ich durchwegs tagsüber, etwa zwischen fünf und zehn Stunden täglich. Sobald es in die Endphase geht, schreibe ich nahezu rund um die Uhr.

 Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich liebe meinen Beruf und genieße das Schreiben, daher stellt sich die Frage nach Feierabend oder Ferien nicht wirklich. Ich schreibe, wenn ich schreibe und hab frei, wenn ich meine, für heute fertig zu sein. Mein Notizblock und mein Laptop begleiten mich sogar in den Urlaub.

Abschalten kann ich wunderbaren in Museen, wobei mir auch dort Geschichten einfallen. Denn das Denken kann man ja zum Glück nicht abstellen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich kämpfe nicht, aber ich fordere mich täglich heraus, die passenden Wörter zu finden. Es ist ein bisschen wie komponieren, denn es kommt auf die Sprachmelodie an, ob mir eine Szene gefällt oder ob ich sie umschreibe. Aus dem Grund lese ich mir meine Kapitel auch laut vor.

Geschichten zu erfinden und erzählen zu können, macht mir Freude. Und wenn Leser/Leserinnen mir schreiben oder zu Lesungen kommen und mir erzählen, wie viele vergnügliche, spannende … Stunden sie mit meinen Büchern verbracht haben, dann freut mich das ebenfalls sehr.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Geschichten liegen auf der Straße. Man muss nur mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen, beobachten und zuhören. Oftmals sind es nur Sätze, die mich inspirieren, dann wieder Ereignisse. Die Idee zu Tödliches Rendezvous z.B. war eine Mischung aus der Tatsache, dass arbeitslose Frauen über 40 schwer einen neuen Job bekommen und einer für mich erschreckenden Folge der Kinderserie „Die Dinos“. In einer Folge mussten Dinosaurier an ihrem 70. Geburtstag in den Vulkan springen, um den anderen Dinosauriern nicht zur Last zu fallen. Die Aussage, fand ich schon sehr scheußlich, doppelt erschreckend, dass das in einer Sendung für Kinder verpackt wurde. Aus dem heraus hat sich dann der erste Fall für meine Journalistin Sarah Pauli entwickelt.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Eine Leserin meinte: Sie glaubt, dass ich ein sehr warmherziger Mensch bin, weil meine Hauptfigur Sarah Pauli oft empathisch reagiert.

Tatsächlich ist Empathie für mich persönlich sehr wichtig im Umgang miteinander. So gesehen, steckt dieser Teil von mir in Sarah Pauli. Auch gewisse Rituale, die sie pflegt, wie etwa zu Silvester rote Unterwäsche zu tragen, hat sie von mir.

Mit „Mord in Schönbrunn“ erschien gerade der sechste Band einer Reihe um die Journalistin Sarah Pauli. War von Anfang an klar, dass es eine Reihe werden sollte oder hat sich das so entwickelt?

Als ich den ersten Band geschrieben habe, war nicht klar, dass es eine Reihe werden wird. Doch meinem Verlag und den Leser/Leserinnen hat meine Sarah Pauli so gut gefallen, dass es nach Erscheinen des ersten Falls bald klar war, dass wir weitermachen. Dafür bin ich dankbar, denn Sarah ist mir sehr ans Herz gewachsen.

Alle Ihre Figuren kämpfen mit Beziehungsproblemen, so hat es zumindest den Anschein. Ist das Zufall oder sind Liebe und Beziehungen immer die Grundmotive allen Handelns?

Liebe und Beziehungen begleiten uns ein ganzes Leben, ebenso die damit verbundenen Höhen und Tiefen. Mich interessiert, wie Menschen miteinander umgehen. Wie sie reagieren. Wobei ich bis jetzt nicht das Gefühl hatte, dass alle meine Figuren mit Beziehungsproblemen kämpfen. Das sollte ich mal beobachten. J

Es gibt die Unterscheidung zwischen großer Literatur und Unterhaltungsliteratur. Krimis sind da meist dem zweiten Bereich zugeordnet. Was halten Sie von solchen Kategorien?

Ich halte nichts davon Literatur in Kategorien einzuteilen. Für mich ist das eine verstaubte Darstellung. Wer zieht den Strich zwischen E- und U-Literatur und weshalb? Die Grenzen sind längst verwischt und überholt. Der Schreibstil des Autors/der Autorin gefällt mir oder gefällt mir nicht. Die Geschichte spricht mich an oder nicht.

Sie schreiben Krimis – wieso haben Sie sich für das Genre entschieden? Wären Liebesromane nicht erbaulicher?

Diese Frage hat sich mir nie gestellt. Ich schreibe Krimis, weil ich sie selbst gerne lese. Ich schreibe unter meinem Pseudonym Marlene Lucas Familienromane (der erste erscheint im Herbst 2017 im Heyne Verlag), weil ich sie gerne lese.

Ich überlege mir beim Schreiben nicht welches Genre ich bediene, sondern nur, welche Geschichte ich erzählen möchte. Gut möglich, dass ich irgendwann einmal einen Thriller oder einen Liebesroman schreibe. Ideen dazu habe ich jedenfalls.

Ich las kürzlich, Liebesromane müsste es auf Rezept geben, denn sie seien Heilung für die Herzen der Leser. Was sind so gesehen Kriminalromane und Thriller?

Sie sind ein spannendes Abenteuer ohne selbst in Gefahr zu geraten. Generell ist lesen etwas Wunderbares und jedes Buch, egal welches Genre, sollte die Herzen der Leser/Leserinnen heilen und berühren.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist deine Meinung dazu?

Ich hab mich mit dem Thema Selfpublishing bis jetzt nicht auseinandergesetzt, kann daher auch kein seriöses Statement abgeben. Kann aber verstehen, dass man diesen Weg wählt, wenn man keinen Verlag bekommt. Und einige Autoren haben damit ziemlichen Erfolg.

Ich persönlich habe das Glück mit Goldmann und Heyne zwei großartige Verlage gefunden zu haben. Ich fühl mich dort wohl, habe tolle Lektorinnen und eine perfekte literarische Heimat für meine Figuren.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Die Geschichte und die Figuren müssen mich faszinieren, begeistern und unterhalten.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Da gibt es eine ganze Reihe und ich entdecke auch heute noch viele neue. Es sind zu viele, um sie aufzählen zu können, deshalb nur einige, die mich schon in jungen Jahren nachhaltig begeistert haben: Milan Kundera, Gerhard Roth, John Irving, Agatha Christie, Pearl S. Buck, Ruth Rendell …

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreiben.

Nie aufhören an sich selbst zu glauben.

Schreiben.

Kritisch mit dem eigenen Text umgehen.

Schreiben.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Hanni sehr schönes PortraitHanni Münzer hatte schon immer eine lebhafte Fantasie (zum Leidwesen von Eltern und Lehrern) und verschlang bereits als Sechsjährige jedes Buch. Nicht alles war jugendfrei. Aus der Leidenschaft zu lesen, entwickelte sich die Leidenschaft zu schreiben.
2013 veröffentlichte die in Wolfratshausen Geborene ihr Debüt Die Seelenfischer. Es war ein Experiment, das versehentlich gelang. Plötzlich war sie Autorin. Ihr neuster Roman: Honigtot.

Hanni Münzer hat sich die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Eine ganz normal Verrückte aus Bayern, glücklich verheiratet, zwei Kinder, ein Hund. Sie ist vorlaut, mit der Neigung zum zivilen Ungehorsam, erzählt gern schmutzige Witze (Spitzname:„Dirty Hanni“), nimmt sich aber selbst nicht zu ernst. Und sie liebt und lebt in ihren Geschichten.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe schon immer geschrieben. Da könnte man mich genauso fragen, was mich zum Essen, Trinken oder Lieben anhält. Schreiben ist für mich ein natürlicher Reflex, ich entkomme ihm nicht.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

„Talent ist zwar eine Voraussetzung, aber Können muss man sich hart erarbeiten.“ Das ist das Zitat eines fiktiven Musiklehrers aus meinem Buch „HONIGTOT“. Es ist wahr, für eine gute Geschichte muss man sich schinden. Recherche ist das A und O und: lesen, lesen, lesen. Man sollte nie aufhören zu lernen, vor allem von den Großen des Genres. Einen Schreibkurs habe ich nie besucht.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Erst die Idee, dann die Recherche. Das ist der schönste Part: Ich marschiere mit der Liste der Bücher, die ich dazu lesen muss in meine Buchhandlung vor Ort, und komme mit doppelt so vielen wieder heraus. Mindestens. Bücher sind für mich wie Schuhe, ich muss sie alle haben. Hier endet die Vorbereitung. Ich gestehe: Am Anfang steht die Planung, am Ende regiert das Chaos.

Wann und wo schreiben Sie?

So oft ich kann, verschwinde ich in meinen Schreibkeller.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich muss nicht abschalten. Schreiben ist für mich Entspannung pur, mein Gehirn hat immer Ferien. Die Geschichten und Ideen suchen mich zu jeder Tages- und Nachtzeit heim. Oft treibt es mich mitten in der Nacht an den PC. Mein Mann schimpft. Ich höre erst auf zu schreiben, wenn er nach einer warmen Mahlzeit verlangt. Oder der Hund mir die Leine vor die Füße legt. Mein Mann behauptet ja, ich könne mich nicht „Abschalten“, weil ich im wahrsten Sinne des Wortes eine Schreibmaschine wäre. Stimmt nicht, ich genieße die Zeit mit ihm, meiner Familie, meinen Freunden, dem Hund, dem Garten, dem Sport. Nicht zuletzt mit einem guten Buch. Und tausend anderen Dingen …

Hanni mit HundWas bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich habe das große Glück, dass aus einem Hobby, das für mich Berufung war, ein Beruf geworden ist, von dem ich derzeit sogar leben kann. Das Einzige, womit ich als Autor kämpfe, ist die Zeit. Sie zerrinnt mir zwischen den Händen.

Die größte Freude, die ich als Autor erlebe, ist der direkte Kontakt zu meinen Lesern. Gerade zu „HONIGTOT“ haben mich viele Leser angeschrieben, weil das Buch sie berührt hat, darunter auch einige Zeitzeugen. Für diese Sternstunden lebe und schreibe ich und dafür bin ich vor allem zutiefst dankbar. Kürzlich schrieb mir eine Leserin, meine erfundene Geschichte von Adam und Eva und der ersten Ameise Moriah aus „Honigtot“, habe es sogar als Hauptthema in die Predigt eines Pfarrers gebracht, der sie mit der Bergpredigt verknüpft hat. Wenn das mein alter Pfarrer Braun wüsste: Der ist daran verzweifelt, dass er mich nicht zum Glauben hinführen konnte.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist Ihre Sicht der Dinge?

 Diese Stimmen kenne ich nur vom Hörensagen. Verlage sind Unternehmen und müssen wirtschaftlich arbeiten, davon hängt die Zahl ihrer Arbeitsplätze ab. Die Konkurrenz ist groß und die veränderten Marktbedingungen machen es nicht leichter. Dass hier, wie in jeder anderen Branche auch, hart um und mit der Ware „Autor“ gefeilscht wird, ist nachvollziehbar. Es geht immer um Umsatz und Gewinn. Auch der Autor ist Unternehmer. Etwas Methusalix finde ich das Abrechnungssystem im Computerzeitalter. Verlage könnten wenigstens quartalsweise abrechnen. Doch vorwiegend gilt die jährliche Abrechnungsweise mit Zahlungsziel 30-60 Tage, selten die halbjährliche, für die muss man kämpfen. Ich für meinen Teil kann jedoch sagen, dass ich bei meinem Wunschverlag Piper untergekommen bin und sehr glücklich über die bisherige Zusammenarbeit bin.

Ihr Roman Honigtot greift ein historisches Thema auf. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?

Alles. Wieviel Zeit haben Sie?

Die Erzählungen meiner Stiefoma weckten in mir sehr früh das Interesse für die deutsche Vergangenheit. Wir sind mütterlicherseits Sudetendeutsche, väterlicherseits stamme ich zu einem Drittel von einer mobilen, ethnischen Gruppe ab. (So nennt man jetzt politisch korrekt ‚Zigeuner‘). Denkt man an diesen unsäglichen 2. Weltkrieg hat man sogleich die Bilder von Tod und Zerstörung im Kopf: Rollende Panzer, marschierende Soldaten, Bombenhagel, verwüstete Städte und Landstriche, vor allem aber auch Auschwitz mit seinen entsetzlichen Leichenbergen.

Diese Bilder wollte ich nicht heraufbeschwören. Ich wollte zeigen, was der Krieg mit den Seelen der Menschen machte, die das braune Regime damals zu unerwünschten Kreaturen erklärt hat. Wie diese Familien die Zeit erlebten, wie sie fühlten und litten und ums Überleben kämpften.

Und ich wollte den mutigen Frauen jener Zeit ein Denkmal setzen.„Honigtot“ lebt von seinen starken Frauengestalten. Elisabeth, die wie eine Löwin um ihre Liebe und später um ihre Kinder kämpft, ihre leidenschaftliche Tochter Deborah, die, um ihren Bruder zu schützen, zu allem bereit ist, und ihre toughe Freundin Marlene, die Widerstandskämpferin. Sie stehen stellvertretend für all jene Frauen, die in der heutigen Zeit ebenso für ihre Liebe, ihre Familie und ihre Kinder kämpfen müssen. Das ist der eigentliche Irrsinn: Es gibt immer noch zu viel Krieg und Unrecht auf dieser Welt. Der Mensch bleibt sich in seinen schlechten Taten treu, er lernt nicht dazu.

Hatten Sie auch Bedenken deswegen?

Niemals. Der Feind der Erinnerung ist das Vergessen. Die Erinnerung, zu welch furchtbaren Taten der Mensch fähig ist, sei es aus Machtgier, ideologischer Verblendung oder, weil jemand wie Hitler und seine Helfershelfer das anarchistische Umfeld geschaffen haben, das diese Monster damals straffrei wirken ließ, muss wachgehalten werden. Ich bin nur eine kleine Stimme, aber es ist eine Stimme.

Im Roman sieht man sich mit einer sehr prägenden Vergangenheit konfrontiert – sie prägt sogar, wenn man die genauen Hintergründe nicht kennt. Kann man seiner Vergangenheit entkommen oder ist sie immer präsent?

Mein Buch behandelt ja auch die Themen Schuld und Sühne und die Frage: Gibt es so etwas wie eine Erbsünde? Wie sehr wirkt sich das geistige Erbe, das vier Generationen Frauen in „Honigtot“ einander weitergeben, aus? Ist die Schuld unserer Väter vielleicht unsere Erbsünde? Wird es unserer Generation der Kriegsenkel je möglich sein, diese Schuld zu büßen?

Kürzlich fragte mich jemand dazu sinngemäß: Wenn uns die historischen Ereignisse wie eine unaufhaltsame Strömung treiben, sind wir noch für unsere Taten verantwortlich?

Ja, das sind wir.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Inspirationen und Ideen kommen, wenn sie wollen, nicht, wenn ich es will. Ich bin ihnen daher hilflos ausgeliefert. Natürlich hat die Idee zu einer Geschichte viele Wurzeln, sie wächst durch die eigenen Gedanken, Erlebnisse und Begegnungen, Gefühle und Emotionen.

Auch folge ich einem unbändigen Trieb der Neugierde, lese gerne, unterhalte mich gerne, reise gerne und interessiere mich für alles, insbesondere die unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Es beschäftigt mich sehr, nachzuvollziehen, warum der einzelne Mensch ist, wie er ist. Woher kommt das Böse, wie entsteht das Gute? Wie vorher erwähnt, recherchiere ich mit Leidenschaft. Oft ergeben sich dadurch neue Anregungen, ich entdecke einen Namen, dessen Schicksal ich weiterverfolge, knüpfe Gedankenfäden, die ich weiterspinne. So entstehen Geschichten.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Hanni Münzer steckt in Ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Das ist eine hinterlistige Frage. Ich liebe sie alle; auch die Bösen. Die Guten müssen ja in der Relation gut sein können. Natürlich habe ich besonders an meiner Protagonistin im „SEELENFISCHER“, der Journalistin Rabea Rosenthal, gefeilt, eine kämpferische Weltverbesserin mit Idealismus-Virus:-). Sie hat auf meiner Webpage sogar ihre eigene Form der Zehn Gebote. Mir steht auch der Jesuit Simone nahe. Er hat einen unmöglichen Kleidungsstil, kocht gerne, zitiert Shakespeare und erzählt noch unter Folter Jesuitenwitze. Besonders aber beschäftigen mich meine vier Protagonistinnen in „HONIGTOT“, ich kann sie nicht loslassen. (Siehe oben zum historischen Thema.)

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein, warum? Buch ist Buch und Meinung ist Meinung. Die habe ich auch, als Bürger. Ich wünsche mir weniger Politik und Staat und dafür mehr Volksentscheide. Die Iren haben es uns gerade wunderbar vorgemacht mit ihrer Abstimmung für die Homo-Ehe.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Wenn ich könnte, würde ich Tag und Nacht lesen, meine Lektüre ist auch stark stimmungsabhängig. An melancholischen Tagen lese ich Orhan Pamuk, Michel Houllebecq, Toni Morrison. Aber oft will ich vor allem eines: lernen. Ach, es gibt so viele großartige Kollegen, deren Bücher mich berühren und zum Nachdenken anregen. Alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Es ist kein Geheimnis, dass ich J.R.R. Tolkien verehre, sein sprachliches Spektrum ist genial. Er hat im Ersten Weltkrieg als Soldat das Gemetzel an der Somme mitgemacht und seine Erlebnisse in der Ring-Trilogie verarbeitet. Ich bewundere auch Richard Adams. Sein „Watership down“ ist magisch. Adams engagiert sich stark für den Tierschutz. Tiere sind ebenso Gottesgeschöpfe und ich finde, eine Gesellschaft sollte sich auch daran messen lassen, wie sie mit seinen Tieren und der Natur umgeht. Ansonsten lese ich sehr bunt. Jane Austen, weil sie zeitlos ist, Mark Twain, wegen seiner scharfen Zunge, aber vornehmlich Biographien von Zeitzeugen wie die von Egon Hanfstängl oder Hannah Arendt. Sehr lehrreich ist Robert Dallek´s „Kennedy – Ein unvollendetes Leben“. Es lässt die Verknüpfungen von Militär und Wirtschaft in den USA aufscheinen, auf die bereits Eisenhower in seiner berühmten Abschiedsrede 1961 hingewiesen hat. Auch Evelyne Levers „Madame de Pompadour“ ist ein Leseerlebnis. Die Pompadour war eine bewundernswerte Frau mit einem starken Charakter, künstlerisch multibegabt und von hoher intuitiver Intelligenz. In der heutigen Zeit wäre sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau oder ein gefeierter Impressario geworden. Eine wenig differenzierte Welt erinnert sich heute an sie mit Vorliebe als Matratze eines Königs.Das ist traurig.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  1. Das Wichtigste: Nehmen Sie sich Zeit! Eine Geschichte muss wachsen.

  2. Recherche, Recherche, Recherche – aus Büchern, nicht aus dem Internet. Da steht zuviel Blödsinn.

  3. Bloß kein W-Lan am Arbeitsplatz …

  4. Sätze nicht überfrachten. Muss der Leser wirklich wissen, ob Ihre Figur, „lange, dunkle, leicht gelockte Haare“ hat, auf dem „schief ein avantgardistisch anmutendes Hütchen sitzt, dessen schillernde Pfauenfeder sich sacht im vom smaragdblauen Meer herüberwehenden Wind bewegt“? (Seufz, ich wünschte, ich würde das selber genauso beherzigen)

  5. Schreiben Sie keinen Thriller, wenn Sie kein Blut sehen können.

  6. Machen Sie sich auf Kritik gefasst, die Welt hat nicht auf ihr Buch gewartet…

Oh, das waren jetzt sechs …

Ich bedanke mich sehr herzlich für diese sehr ausführlichen, spannenden und aufschlussreichen Antworten.

Husch Josten
josten_web_rechtsHusch Josten wurde 1969 in Köln geboren, studierte Geschichte und Staatsrecht und arbeitete als Journalistin. Mit ihrem Debütroman In Sachen Joseph (2010) wurde sie für den aspekte-Literaturpreis nominiert. 2012 erschien ihr zweiter Roman, Das Glück von Frau Pfeffer, 2013 die Kurzgeschichten Fragen Sie nach Fritz. Husch Josten lebt als Schriftstellerin in Köln.

Husch Josten hat mir ein paar Fragen zu ihrem Schreiben und ihrem neusten Buch Der tadellose Herr Taft beantwortet. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

1969 in Köln geboren. Rheinländerin. In Paris und Köln studiert. In diesen Städten wie auch in London als Journalistin gearbeitet – und das sehr gerne. Dann der erste Roman – ein Glück.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich wollte nie etwas anderes tun, was, aus heutiger Sicht, ein Geschenk ist: so früh zu wissen, was man wirklich machen möchte mit seinem Leben. Im Alter von sechs Jahren die erste Schreibmaschine zu Weihnachten: Eine blaue Plastikmaschine aus dem Spielwarenladen. Mit Farbband.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Durchs Lesen und Schreiben. Ich habe viel gelesen und immer geschrieben, geübt, probiert, experimentiert. Das Handwerk habe ich dann von der Pieke auf in der Lokalredaktion gelernt – vor allem durch einen Kollegen, Uli heißt er, der redigierte. Ihn rufe ich noch heute an, wenn es eine heikle, strittige Frage zur Grammatik gibt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich denke eine Geschichte von Anfang bis Ende. Dann recherchiere und notiere ich viel. Erst danach beginne ich zu schreiben.

Wann und wo schreiben Sie?

Ich habe ein Büro, mein Schreibzimmer, wo ich außerhalb meines Zuhauses jeden Tag arbeite.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Beim Lesen, Feiern, Kochen, im Gespräch… Aber natürlich arbeitet es danach oder manchmal auch dabei, ganz unbemerkt, in mir weiter und ich denke schon wieder erste Sätze…

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Die Inspiration kann in jedem winzigen Detail stecken. Ehrlich: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Es passiert einfach.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Husch Josten steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Es ist das alte, unlösbare Rätsel: Was ist wahr, was nicht, kann überhaupt etwas Geschriebenes nicht wahr sein? Mit Sicherheit kann ich sagen, dass manche Themen, über die ich schreibe, mich schon lange vorher bewegt haben und in der einen oder anderen Gestalt immer wieder vor mir aufgetaucht sind.

Was ist in Ihren Augen die Botschaft von Der tadellose Herr Taft?

Ich habe keine Botschaft, das ist für mich nicht die Aufgabe der Literatur. Ich erzähle seine Geschichte.

Ist die heutige Welt gedankenlos, dass sie Themen kaufen muss, über die sie sich Gedanken machen kann?

Auf jeden Fall glaube ich, dass uns viele Gedanken nur streifen und wir sie schnell weglegen, insbesondere dann, wenn sie unbequem sind, schwierig.

Verkaufte Taft vielleicht Themen, weil er sich selber nicht mehr darum kümmern konnte nach Veronikas Weggang? Verlegte er damit quasi nach Aussen, was er im Innern verloren hatte?

Möglicherweise. Das hängt davon ab, wer die Geschichte in welcher Verfassung liest. Jeder Leser findet in Daniel Taft etwas anderes, er ist eine Projektionsfläche. Mit seinen Ideenkarten findet er jedenfalls die ihm wichtige Gelegenheit, “von sich Reden zu machen”.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Schriftsteller tragen Verantwortung, natürlich, aber das muss nicht notwendig eine politische sein. Dass sie aber hinsehen, beobachten, benennen – in anderer Sprache und Form als es die Journalisten tagtäglich tun – das liegt ihrer Arbeit meines Erachtens bestenfalls zugrunde.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine gute Geschichte und eine schöne, besondere Sprache.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Das sind vor allem zwei: Thomas Mann und Philip Roth. Aber ich lese auch sehr gern Maeve Brennan, Thomas Bernhard, John Cheever, Saul Bellow, Ingeborg Bachmann…

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Mir fallen nur zwei ein, die mir aber wesentlich erscheinen: Es ernst meinen und anfangen.

©Alexander Hörbe
©Alexander Hörbe

Hans Rath studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie in Bonn. Er lebt mit seiner Familie in Berlin, wo er unter anderem als Drehbuchautor tätig ist. Mit der Romantrilogie Man tut, was man kann, Da muss man durch und Was will man mehr hat Rath sich eine große Fangemeinde geschaffen. Zwei der Bücher wurden bereits fürs Kino verfilmt. Sein Roman Und Gott sprach: Wir müssen reden! ist ebenfalls ein Bestseller.

Hans Rath hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin in einer niederrheinischen Kleinstadt aufgewachsen und hätte dort nach dem Abitur eine Banklehre machen sollen. Zum Glück konnte ich mich diesem Plan meines Vaters durch ein Philosophiestudium entziehen. Das hat mich aber auch erst auf Umwegen dazu geführt, es als freier Autor zu versuchen. Heute lebe ich mit meiner Familie in Berlin.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

In der Tat wollte ich schon immer Autor werden. Wie zuvor angedeutet, hat mich aber niemand dazu ermutigt, es zu versuchen. Deshalb brauchte es einige Jahre, bis ich es dann doch riskiert habe.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Das kommt sehr auf den Einzelfall an. Handwerk ist in der Tat nicht ganz unwichtig, und es kann einem viel Zeit ersparen, es zu erlernen, statt es sich durch Ausprobieren anzueignen. Mein Weg war geprägt von dem Prinzip Versuch und Irrtum. Ich habe deshalb sehr viel geschrieben, darunter zwei komplette Romane, bevor mein erstes Buch veröffentlicht wurde. Aber auch diese Routineübung hat etwas für sich.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich recherchiere sehr viel. Leider ergibt sich meistens beim Schreiben, dass ich nichts davon verwenden kann. Ich plane meine Bücher außerdem, allerdings nicht zu detailliert, denn sonst würde ich mich beim Schreiben langweilen. Der Weg ist also vorgezeichnet, aber vieles ergibt sich auch auf der Reise.

Wann und wo schreiben Sie?

Vorzugsweise Zuhause und tagsüber. Wenn ich es vermeiden kann, verzichte ich auf Wochenendschichten. Leider gelingt mir das nicht immer. Nachtschichten mag ich überhaupt nicht. Früher war das anders, aber inzwischen bin ich wahrscheinlich einfach zu alt für solche Anstrengungen – ich merke übrigens, dass das inzwischen auch für Partys und ähnliches gilt.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Das ist nicht ganz einfach. Ich muss mich schon anstrengen, abzuschalten. Meine Frau und mein Sohn helfen mir dabei. Die fordern schlicht Zeit mit mir ein. Ich werde also glücklicherweise zum Entspannen gezwungen.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich bin in der glücklichen Lage, mit meinen Traumjob ein gutes Leben zu führen. Manchmal ist das sehr anstrengend, oft lassen sich Dinge nicht so planen, wie man es sich wünscht und hin und wieder ist der Druck, den jeder Job mit sich bringt, auch in einem Traumjob deutlich spürbar. Aber am Ende des Tages möchte ich definitiv mit niemandem tauschen.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist Ihre Sicht der Dinge?

Ich müsste Ihnen jetzt ein Loblied auf den Rowohlt-Verlag im allgemeinen und das Rowohlt-Imprint „Wunderlich“ im besonderen singen, da ich mich dort bestens betreut und aufgehoben fühle. Die Probleme der Branche sehe ich natürlich, dennoch halte ich nicht viel davon, ständig das System für alle möglichen Missstände verantwortlich zu machen. Ich persönlich versuche, meine Energie anders einzusetzen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Keine Ahnung. Ich habe keine Rituale, um meine inneren Quellen anzuzapfen, falls Sie das meinen. Allerdings gibt es auch fast nichts, was mich nicht interessiert. Vielleicht bringt es mich auf Ideen, wenn ich nicht gezielt nach Ihnen suche.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Hans Rath steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich glaube, dass ein Autor alle seine Figuren auf irgendeine Art mögen sollte. Deshalb habe ich Verbindungen zu allen Charakteren und keine spezielle Identifiaktionsfigur. Was den autobiographischen Anteil betrifft, so ist dass einerseits von Buch zu Buch verschieden und andererseits schwierig in Zahlen auszudrücken. Vom Gefühl her würde ich aber sagen, Fiktion und Realität halten sich insgesamt in etwa die Waage.

Ihr letztes Buch handelte von Gott, nun kam mit Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch der Teufel ins Spiel. Was macht diese beiden Figuren spannend?

Gott und der Teufel stehen für den ältesten Konflikt der Menschheitsgeschichte. Und obwohl die Welt täglich komplizierter und undurchschaubarer wird, scheint das simple Prinzip von Gut und Böse sich nicht abzunutzen. Im Gegenteil. Ich stelle fest, das, sich schwierige Strukturen am Ende oft als simpler Dualismus entpuppen.

Manchmal ist der Teufel auch nur ein Mensch ist eine moderne Form der Faustsage. Was reizte Sie an dem Stoff?

Ich finde, wenn man den Fernseher einschaltet, wird man schneller von der Existenz des Teufels überzeugt, als von der Gegenwart Gottes. Außerdem scheint auf den entfesselten Märkten nur wenig zu existieren, das nicht käuflich ist. Die Frage nach dem Teufel und der Käuflichkeit der Seele liegt also nahe. Der moderne Mensch hält sich gern für unbestechlich und autark, im Grunde sind aber nur die Methoden der Verführung subtiler geworden.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Nicht zwangsläufig. Ich glaube, jeder Autor hat eine politische Verantwortung, aber die muss sich nicht darin äußern, dass man sich ständig zum Weltgeschehen meldet. Ich finde es im Gegenteil manchmal schwierig, wenn man den Eindruck gewinnt, dass bei manchen Autoren die politische Haltung zu einem Teil des Marketings geworden ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Och, nicht viel. Hinreißende Charaktere, eine grandiose Story, ein perfektes Erzähltempo, stilistische Brillanz und ein fantastischer Humor reichen schon.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Sehr viele, obendrein müsste ich noch eine Menge Filme aufzählen. Allerdings kann ich kein für mich ultimativ wichtigstes Kunstwerk nennen. Ich finde, es sind Momente, die Bücher oder Filme für einen persönlich wichtig machen. Deshalb tue ich mich auch immer schwer mit Hitlisten. Vielleicht soviel: Ich mochte den neuen Don Winslow, „Missing New York“ und halte viel von David Nicholls, weiß aber noch nicht, ob sein neuestes Buch auf meinem Nachtisch landen wird. Und wenn ich demnächst ins Kino gehe, dann wegen Liam Neeson oder wegen Denzel Washington.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Ich gebe angehenden Schriftstellern nur sehr ungern Tipps, weil es dafür Verlage, Agenten oder auch Schreibseminare gibt. Aber soviel: Wenn man schreiben will, dann ist es das Wichtigste, das auch zu tun. Ich kenne nicht wenige Leute, die von ihren Buchideen schwärmen, aber noch nie eine Zeile der betreffenden Story zu Papier gebracht haben. Deshalb ist das meiner Ansicht nach die wichtigste Regel: Wer wirklich schreiben will, der muss schlicht damit anfangen. Alles weitere wird sich dann finden.

Herzlichen Dank für diesen humorvollen, persönlichen und informativen Einblick!

Rolf_von_SiebenthalRolf von Siebenthal, Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Sprachlehrer. Er arbeitete viele Jahre bei einer Tageszeitung und im Schweizer Verkehrsministerium, heute ist er selbstständiger Journalist und Texter. Er lebt mit seiner Familie in der Nordwestschweiz. Von ihm erschienen sind die beiden Kriminalromane Schachzug (2013) und Höllenfeuer (2014).

Rolf von Siebenthal hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu seinem Schreiben und seinen Romanen zu beantworten, worüber ich mich sehr freue.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich habe Jahrgang 61 und bin ausgebildeter Sprachlehrer, arbeitete lange bei einer Tageszeitung und ein paar Jahre im Bundesamt für Verkehr. Heute bin ich selbstständiger Journalist und Texter.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Das Schreiben fällt mir ziemlich leicht, Schriftsteller wollte ich nie werden. Auch heute noch betrachte ich mich eher als Journalist denn als Autor.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

In den 14 Jahren bei einer Tageszeitung habe ich meinen Schreibstil ständig verbessern können. Doch mit dem ersten Krimi tat ich mich schwer. Deswegen habe ich tatsächlich einen einwöchigen Schreibkurs in Norddeutschland besucht. Dort haben mir erfahrene Kursleiter geholfen, meine Stärken und Schwächen zu erkennen. Für mich hat sich das sehr gelohnt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Bei „Schachzug“ probierte ich vieles aus, änderte, korrigierte, löschte – und fluchte. Bei „Höllenfeuer“ hatte ich von Anfang an einen ziemlich genauen Plot, an den ich mich dann auch hielt. Das ist für mich die bessere Variante.

Wann und wo schreiben Sie?

Früh am Morgen, der Ort spielt keine Rolle.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich kann einen Text zur Seite legen und mich mit anderen Dingen beschäftigen. Wenn ich aber am Schreiben bin, kreisen die Gedanken ständig um die Geschichte.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Journalist passt besser zu mir als Schriftsteller. Schreiben ist für mich ein Hobby, keine Berufung. Am Anfang hat mir das Krimischreiben keinen grossen Spass gemacht, meine Texte waren miserabel. Es hat zwei bis drei Jahre gedauert, bis ich meinen Stil gefunden hatte. Doch noch immer betrachte ich mich als Lehrling. Mit der Erfahrung nimmt auch die Freude zu.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Ich habe eine Agentin in Berlin. Für mich ist sie ein Glücksfall, weil sie mir die Suche nach einem Verlag und die anschliessenden Verhandlungen abgenommen hat. Leider kann sie nichts daran ändern, dass sich mit Büchern kaum Geld verdienen lässt.

Sie wohnen in der Schweiz, schreiben meist über Schweizer Schauplätze. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer kleinen Literaturszene. Wie sehen Sie Ihre Stellung innerhalb des deutschsprachigen Raums? Sehen Sie sich im Nachteil als Schweizer, gibt es Vorteile oder ist das irrelevant?

Mein deutscher Verlag gibt sogenannte „Regionalkrimis“ heraus. Er schätzt es sehr, wenn die Schweiz in meinen Texten klar zum Vorschein kommt. Von deutschen Lesern höre ich das ebenfalls. Ansonsten könnten meine Geschichten aber überall spielen.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Häufig verstecken sich Geschichten in Gemeindeblättern, Vereinsheften, Anzeigern. Ich lese alles, was mir in die Finger kommt. Dann stelle ich mir immer die Frage: Was wäre, wenn? Ein Beispiel: Kürzlich hat der Gemeindepräsident von Wintersingen (BL) bei Grabungen in seinem Garten Knochen gefunden. Später stellte sich heraus, dass sie von einem jungen Mann stammen, der vor über 100 Jahren starb. Aber was wäre, wenn die Knochen nur 10 oder 20 Jahre alt wären?

Am Anfang von „Höllenfeuer“ standen die Serien, die alle Zeitungen in der Sommerflaute bringen. Ein beliebtes Thema sind jeweils „Ungelöste Kriminalfälle“.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Rolf von Siebenthal steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Nein, ich identifizeire mich nicht mit den Figuren. Beim Journalisten Bollag spielt meine Berufserfahrung natürlich eine Rolle. Ich weiss aber nicht in jeder Situation, wie er reagieren würde. Das ist immer eine Annäherung und gilt auch für die anderen Figuren. Froh bin ich über Rückmeldungen von Testlesern, die eine Figur möglicherweise anders einschätzen.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Es ist das, was ich selber gerne lese.

Ihr Krimi Höllenfeuer bewegt sich zwischen politischen und privaten Themen, vereint komplizierte Liebesgeschichten und Geschäftsbeziehungen, verknüpft alte und neue Fälle. Was reizt Sie an der Verbindung dieser verschiedenen Ebenen, am Knüpfen solcher komplexer Netze?

Beschreibungen von Menschen, Landschaften, Mittagessen etc. sind nicht meine Stärke. Meine Krimis leben vom Plot, es muss viel passieren. Deswegen stecke ich viel Zeit in die Planung. Danach fällt mit das Schreiben viel leichter.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Nein. Wenn sich ein Autor äussern will, finde ich es in Ordnung. Aber hört ihm auch jemand zu?

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Tempo, Spannung, interressante Charaktere und eine abwechslungsreiche Geschichte.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mir gefallen angelsächsische Autoren wie Michael Connelly oder Ian Rankin gut. Die haben Tempo, gute Plots und eine schöne Sprache.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Viel lesen und schreiben, die eigenen Stärken und Schwächen suchen, Texte den Stärken und Schwächen anpassen, Kritik nicht persönlich nehmen. Und nur schreiben, was man selber gerne lesen möchte.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!