WillemsenEr reiste gerne. Am liebsten im Zug. Einen Führerschein besass er nie. Das Reisen war insofern nie eine Qual, als die Destinationen seinen Interessen geschuldet waren und Interessen hatte er viele. Wie gerne lasen wir von seinen Reisen, wie gerne gaben wir uns seinen Beschreibungen hin, die mit einer Leidenschaft daher kamen, die in uns das Interesse an Dingen weckte, das wir nie gehabt hätten sonst. Und hatten wir es gehabt, wussten wir nach der Lektüre, wieso.

Kürzlich sah ich im TV eine Wiederholung einer alten Sendung, ein Interview mit Roger Willemsen. Er hatte ein unglaublich gewinnendes Wesen. Nicht weil er es drauf anlegte, weil er bei allem, was er sagte, ganz er war und immer mit Begeisterung sprach von dem, was er tat, dachte, wollte. Er war ein interessierter Mensch, er wollte hinter die Dinge sehen, er wollte die Dinge erleben, über die er schrieb. Und er reiste hin. Im Zug. Er verstand es, dieses Interesse in seinen Texten lebendig werden zu lassen, er verstand es, seine Leser und Zuhörer mitzunehmen auf die Reisen.

Er war ein unglaublich belesener, unglaublich intelligenter Mensch. Er hat das nie zur eigenen Profilierung genutzt, aber er konnte beim Schreiben aus dem Vollen schöpfen. Und das spürte man beim Lesen. Und wenn man ihn erlebte, merkte man, dass es echt ist, dass er echt ist.

Geboren wurde er in eine gebildete und kunstinteressierte Familie, der Vater war Kunsthistoriker, Maler und Restaurator, die Mutter in ostasiatischer Kunst bewandert. Das mag seinen Weg vorgespurt haben. Dass die Familie keinen Fernsehen hatte, er täglich einige Hundert Seiten zum Zeitvertreib lesen „musste“, hat wohl nicht geschadet. Und er gab alles wieder:

„Ich vermittele sehr gerne, versuche Dinge aufzubereiten, reichere sie durch Enthusiasmus an, sonst bleiben sie meistens unbelebt.“

Heute würde er 62 Jahre alt. Zum Glück bleiben seine Bücher, die in seinem Sinne weiter wirken.

Die Liebe zum Werk und zu dessen Autor

Ich schrieb eine Arbeit über moderne französische Geschichte. Das muss ich erzählen, weil es erklärt, warum ich so tief in die Sache hineingeraten bin. Sie war bereits der zentrale Gegenstand meines Interesses oder, wenn man so will, meine intellektuelle Leidenschaft. Was es nicht erklärt, ist, warum ich so persönlich in die Sache verwickelt wurde.

Inhalt
Als Doktorand schreibt der Ich-Erzähler über den (fiktiven) Autor Paul Michel. Eines Tages lernt er eine Frau kennen, verliebt sich in sie: Die Germanistin. Sie ermutigt ihn, sich auf die Reise nach Frankreich zu machen, wo Paul Michel in einer Psychiatrie festgehalten würde. Der Ich-Erzähler macht sich auf die Reise, trifft auf seinen Autor und taucht mit ihm in ein Leben ein, das er so wohl nie für möglich gehalten hätte.

Beurteilung
DunckerGermanistinPatricia Duncker gelingt es im vorliegenden Roman, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln und mitzureissen. Immer tiefer taucht man selber in die Welt des Ich-Erzählers, später in die von Paul Michel und vor allem: in die Geschichte der beiden ein.

Die Germanistin ist die in der Retrospektive erzählte Geschichte einer Liebe, einer Leidenschaft, es ist aber auch eine Geschichte über das Schreiben, über die (mögliche oder unmögliche) Trennung von Werk und Autor. Es ist eine Geschichte über Wahnsinn und Leidenschaft, über einen Schriftsteller und dessen Leser.

Rückblickend sehe ich, dass die Sache von mir Besitz ergriffen hatte, dass ich von einer Leidenschaft besessen war, einer Suche, die nicht von mir ausgegangen war, aber zu meiner eigenen geworden war.

Diese Worte kommen vom Ich-Erzähler, aber sie könnten auch vom Leser kommen. Wenn man als Leser die letzten Zeilen des Buches gelesen hat, bleibt eine Trauer zurück. Eine Welt hat geendet, aus der man eigentlich nicht austreten wollte, so tief fühlte man sich darin verwurzelt, so sehr hat die Leidenschaft, das Leben auf einen gewirkt.

Die Wahl des Ich-Erzählers ist brillant gewählt, sie ermöglicht den Blick auf die eigentlich relevanten Figuren, der Erzähler führt einen nur auf sie zu. Er ist denn auch die am wenigsten plastische Figur, man erfährt fast nichts über sein Aussehen, seine Person, erlebt ihn nur durch seine Gedanken; man denkt und handelt quasi mit ihm mit. Auch ist es die einzig mögliche Perspektive, gewisse Geheimnisse bis zum Schluss zu bewahren, wenn auch schon früh gewisse Ahnungen sich melden, die aber zu diffus sind, um sie wirklich festzunageln. So gelingt es Duncker, bis zum Schluss einen Spannungsbogen aufzubauen, der zusätzlich zum stimmigen Plot und zur flüssig erzählten und einnehmenden Geschichte dazu beiträgt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Fazit:
Ein mitreissendes Buch, das einen als Leser in eine Welt hineinzieht, aus der man nie mehr austreten möchte. Absolute Leseempfehlung

Zur Autorin
Patricia Duncker
Patricia Duncker (*1951 in Kingston, Jamaika) ist eine britische Schriftstellerin und Hochschullehrerin.
Sie siedelte mit 13 nach Großbritannien über, wo sie Englisch am Newnham College der University of Cambridge sowie englische und deutsche Romantik am St Hugh’s College der University of Oxford studierte. Sie lebt abwechselnd in Aberystwyth und Südfrankreich und unterrichtete Literaturwissenschaft an der Aberystwyth University in Wales wie auch Creative Writing an der University of East Anglia. Seit Januar 2007 lehrt sie an der University of Manchester.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. September 2007)
Übersetzung: Karen Nölle-Fischer
ISBN: 978-3423135023
Preis: nur noch antiquarisch zu kaufen, z. B. bei AMAZON.DE

RosenkranzKalekoMascha Kaléko wird am 7. Juni 1907 im galizischen Chrzanów (damals Österreich-Ungarn, heute Polen) als nichteheliches Kind des jüdisch-russischen Kaufmanns Fischel Engel und der österreichisch-jüdischen Rozalia Chaja Reisel Aufen geboren (Die Eltern heiraten 1922 und der Vater adoptiert Mascha).

1914 reist die Mutter mit Mascha und deren Schwester Lea nach Frankfurt, um den Pogromen in ihrer Heimat zu entgehen, Mascha besucht hier die Volksschule. Weil Maschas Vater die russische Staatsbürgerschaft hat, wird er als feindlicher Ausländer verhaftet, kommt aber bald darauf wieder frei. Die Familie zieht 1916 nach Marburg um, 1918 folgt der Umzug nach Berlin. Mascha leidet unter den vielen Umzügen, das Gefühl von Heimat geht ihr verloren. Dieser Verlust wird sie zeitlebens prägen und auch Gegenstand ihrer Gedichte sein.

IMG_2417Mascha hätte gerne studiert, doch ihr Vater fand das für ein Mädchen unnötig, so dass sie 1925 im Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands eine Bürolehre beginnt und nebenbei an der Universität Abendkurse belegt. Nebenher schreibt sie immer schon Gedichte, als Inspiration dient ihr der Brotberuf und das Berliner Grossstadtleben, sie schreibt aus dessen Mitte heraus über die Gefühle der normalen Menschen auf der Strasse. Dafür wird sie geliebt, denn die Menschen erkennen sich wieder, sie sehen in Mascha jemanden, der ihre Sprache spricht, der sie versteht.

Am 31. Juli 1928 heiratet Mascha den Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko. 1929 veröffentlicht Mascha ihr erstes Buch, welches ein Erfolg wird. Lesungen folgen, sie verkehrt im Romanischen Café mit anderen Literaten Berlins. Als Hitler an die macht kommt, wird das Leben für jüdische Künstler schwieriger. Mascha ist noch nicht betroffen, auch von der Bücherverbrennung wird sie verschont. Erst 1935 stellt das Regime fest, dass Mascha Jüdin ist, ihr Erfolg nimmt ein jähes Ende.

Im selben Jahr lernt sie den Dirigenten und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver kennen und lieben. Die beiden erwrten bald darauf ein Kind, Avitar Alexander Kaléko erblickt im Dezember 1936 das Licht der Welt – denn verheiratet ist Mascha immer noch mit Saul Aaron Kaléko, der als Vater eingetragen ist. Mascha leidet unter der Lebenslüge, die sie wohl 1937 afdeckt. Kaléko will von einer Scheidung nichts wissen, zu sehr liebt er Mascha. 1938 werden die beiden dann doch rechtsgültig geschieden (im Oktober 1937 waren sie schon religiös geschieden worden) und Mascha und Chemjo können im Juni 1938 heiraten.

Die Ehe ist nicht nur einfach, trotz der grossen Liebe. Chemio scheint sehr impulsiv und aufbrausend zu sein, es kommt oft zu Streit. 1938 verlässt die kleine Familie Berlin und tritt die Emigration in die USA an. Mascha fühlt sich hier nie zu Hause, sie vermisst ihre Sprache, sie vermisst ihre Ausdrucksmöglichkeit. Zudem ordnet sie ihre eigenen Wünsche und Pläne ihrem Mann unter und versucht, ihn in seiner Karriere zu unterstützen. Ihre Familie ist ihr immer das Wichtigste, obwohl sie auch ihre Erfolge als Dichterin vermisst.

Nach dem Krieg können Maschas Gedichte in Deutschland wieder gelesen und neu aufgelegt werden. Eine Reise nach Deutschland kann sie sich aber lange nicht vorstellen. Erst 1955 wird sie die ehemalige Heimat wieder sehen. Sie sieht viel Vertrautes, aber merkt auch, dass es das Berlin, wie sie es kannte, nicht mehr gibt.

1960 wandern Mascha und Chemjo nach Palästina aus – auch dieser Schritt geschieht Chemjo zuliebe. Mascha leidet unter dem erneuten Wechsel und sie fühlt sich in nun noch isolierter als in Amerika, zumal sie die Sprache nicht spricht. Als 1968 ihr Sohn nach einer schweren Krankheit stirbt, zerbricht etwas in Mascha. Sie wird sich von dem Verlust nicht mehr ganz erholen.

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang
Nur vor dem Tod derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?[1]

Sie selber ist auch schon seit längerer Zeit immer wieder krank, auch Chemjo kämpft mit seiner Gesundheit. Eine grosse Müdigkeit lastet auf Mascha. Chemjo stirbt am 16. Dezember 1973.

1974 bricht sie nochmals auf eine ausgedehnte Europareise auf, besucht nochmals Berlin, überlegt sogar, hier eine kleine Zweitwohnung zu nehmen. Dazu soll es nicht mehr kommen. Als sie auf dem Weg zurück nach Jerusalem in Zürich Halt macht, muss sie ins Krankenhaus, wo sie am 21. Januar 1975 stirbt.

Ausgewählte Werke

  • Das lyrische Stenogrammheft (1933)
  • Kleines Lesebuch für Grosse (1935)
  • Verse für Zeitgenossen (1945)
  • Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere (1961)
  • Verse in Dur und Moll (1967)
  • Das himmelgraue Poesiealbum der Mascha Kaléko (1968)
  • Feine Pflänzchen (Posthum, 1976)
  • In meinen Träumen läutet es Sturm (Posthum, 1977)

Weiteres zu Mascha Kaléko

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[1] Memento, zitiert nach Jutta Rosenkranz, Mascha Kaléko

Das Leben
Arhur Schnitzler kommt am 15. Mai als Kind von Johann Schnitzler, Arzt, und dessen Frau Louise in Wien zur Welt. Er besucht ebenda das Gymnasium, nach dessen Abschluss er an der Universität Wien Medizin studiert. Schon früh beginnt er, literarische Texte – Prosa und Lyrik – zu verfassen. Seine erste Veröffentlichung ist das Liebeslied der Ballerine, welches 1880 in der Zeitschrift Der freie Landbote erschienen ist. Auf dieses sollen weitere folgen. Im selben Jahr schreibt er in sein Tagebuch:

Somit hab ich bis auf den heutigen Tag zu Ende geschrieben 23, begonnen 13 Dramen, soweit ich mich erinnere.[1]

Schon ein Jahr vorher hatte er notiert:

Ich fühl’ es schon, die Wissenschaft wird mir nie das werden, was mir die Kunst schon jetzt ist.[2]

Arthur_Schnitzler_1912_(cropped)Trotzdem hält er am Studium fest und die Medizin bleibt lange seine Haupttätigkeit. Nach einer Assistenzstelle im Allgemeinen Krankhaus der Stadt Wien wird er Assistent seines Vaters, publiziert in der Zeit mehrheitlich Fachartikel. Daneben pflegt er aber Freundschaften zu den Schriftstellern seiner Zeit, darunter Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und weitere der literarischen Wiener Moderne.

Als Schnitzlers Vater stirbt, tritt er aus dem Krankenhaus aus und eröffnete eine eigene Praxis. Seine Schriftstellerei nimmt immer mehr Raum in seinem Leben ein. Arthur Schnitzler ist kein Kind von Traurigkeit. Liebschaften aller Art zu Frauen aus verschiedenen Kreisen säumen seinen Weg und inspirieren sein Schreiben. Am 9. August 1902 kommt Arthur Schnitzlers Sohn Heinrich zur Welt, ein gutes Jahr später heiratete er dessen Mutter, die Schauspielerin Olga Gussmann. Sechs Jahre wird die gemeinsame Tochter Lili geboren. Die Ehe kriselt, 1921 kommt es zur Scheidung.

Literarisch feiert Schnitzler Erfolge, ist einer der meistgespielten Dramatiker im deutschen Sprachraum, was sich allerdings mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ändert. Während Schnitzler seinen Themen treu bleibt, wollen die Menschen mehr davon sehen und lesen, was sie aktuell beschäftigt: Vom Krieg. 1921 kam es zu einem Skandal anlässlich der Uraufführung des Bühnenstücks Reigen. Schnitzler musste sich in einem Prozess gegen den Vorwurf der Erregung öffentlichen Ärgernisses wehren. In der Folge zieht er sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück.

1928 nimmt sich Schnitzlers Tochter das Leben, einige Stimmen machen den Vater dafür verantwortlich. Für Arthur Schnitzler ist der Verlust ein harter Schlag, er nennt den Todestag in einem Tagebuch auch das Ende seines Lebens.

Arthur Schnitzler leidet neben zunehmender Schwerhörigkeit viele Jahre unter Tinnitus, was ihn Situationen meiden lässt, in welchen verschiedene Geräusche auf ihn zukommen – soziale Kontakte sind so teilweise schwer wahrzunehmen. Seine letzten Lebensjahre widmet Schnitzler hauptsächlich dem Schreiben von Erzählungen. Er stirbt am 21. Oktober 1931 an einer Hirnblutung.

Sein Schreiben
Arthur Schnitzlers Werk besticht dadurch, die Innensichten seiner Figuren aufs genauste zu durchleuchten. Anhand von Einzelbeispielen zeichnet er ein Bild der damaligen Wiener Gesellschaft. Protagonisten seiner Werke sind die typischen Originale Wiens: Offiziere, Ärzte, Künstler – meist von leichtem Charakter und gegen alle Normen und Regeln verstossend. Thematisiert werden so immer auch die Auswirkungen solchen Handelns auf sozial Schwächere, vor allem Frauen. Während diese in seinen frühen Werken blosse Opfer bleiben, fangen sie in den späten an, ihr Leben in die Hand zu nehmen und sich so aus der männlich dominierten Welt zu befreien.

Bezeichnend für Schnitzlers Werk sind auch autobiographische Verweise, da der Autor alles, was er schreibt, durch eigene Erfahrungen untermauert haben will. Sein Blick auf das Verhalten paarungswilliger Menschen mit all ihren Irrungen und Wirrungen nimmt einen zentralen Stellenwert in seinem Schreiben ein. Immer beleuchtet er dabei die Doppelmoral der Gesellschaft, welche nach vorne moralische Ansprüche predigt und im Geheimen diese selber mit Füssen tritt. Seine gesellschaftliche Analyse entspringt seiner subjektiven Einschätzung. Dass er mit seinen literarischen Innensichten durchaus ins Schwarze trifft, attestiert ihm Sigmund Freud einmal in einem Brief:

„Ich meine, ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu… Ihr Determinismus wie Ihre Skepsis – was die Leute Pessimismus heissen -, Ihr Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewussten, von der Triebnatur des Menschen, Ihre Zersetzung der kulturell-konventionellen Sicherheiten, das Haften Ihrer Gedanken an der Polarität von Lieben und Sterben, das alles berührt mich mit einer unheimlichen Vertrautheit. […] So habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie durch Intuition – eigentlich aber infolge feiner Selbstwahrnehmung – all das wissen, was ich in mühsamer Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe.“[3]

Für seine Darstellung der inneren Abläufe und psychischen Dispositionen entwickelt Arthur Schnitzler (zum Beispiel in seiner Novelle Leutnant Gustl, das Werk, das ihn wegen seiner kritischen Haltung den Offiziersrang im Militär kostet) mit dem inneren Monolog eine neue Ausdrucksform in der deutschen Literatur.

Für Arthur Schnitzler stehen stets die Auseinandersetzung mit seiner Zeit und sein Werk im Zentrum – beides bedingt sich gegenseitig. Heinrich Mann schreibt Schnitzler zu Ehren:

Kampf allein tut es nicht, was bleibt denn von den Kämpfen. Fortzuleben verdienen die schönen Werke und fordern, dass ihrer gebrechlichen, bedrohten Ursprünge gedacht wird. Ich ehre Sie, lieber Arthur Schnitzler.[4]

Ausgewählte Werke

  • Dramen:
    • Anatol (1893)
    • Reigen (1903)
    • Das weite Land (1910)
    • Professor Bernardi (1912)
  • Romane
    • Der Weg ins Freie (1907)
    • Chronik eines Frauenlebens (1928)
  • Erzählungen und Novellen

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[1] Tagebuch, 25. Mai 1880
[2] Tagebuch, 27. Oktober 1879
[3] Hartmut Scheible, Arthur Schnitzler, S. 124
[4] Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt, S. 234

Heute las ich auf FB die Frage, wann ein Mensch Autor genannt werden könnte. Da diese Frage relativ einfach zu beantworten ist, da Autor ein relativ klar definierter Begriff ist (Autor ist grundsätzlich ein Verfasser eines Textes – und der muss in Umfang, Art und Verwendung nicht definiert werden), wollte der Fragende wohl mehr erfahren. Und das hat er.

Es hagelte nur so Antworten. Wirklich interessant waren die Antworten derer, die sich als Autoren von anderen Schreibenden abheben wollten. Autor, so hiess es vehement, sei nur, wer ein Buch bei einem Verlag veröffentlicht hätte. Alle anderen wären nur Hobby-Schreiberlinge. Sie wurden auch nicht müde zu betonen, dass sie selber für (gleich) mehrere Verlage schrieben und das beim Finanzamt angäben (das Finanzamt scheint in dem Fall sehr wichtig zu sein). Sie gestanden bei dieser sehr finanzorientierten Definition immer ein, dass man nicht zwingend davon leben könne, wenn man die Kriterien erfüllt. Ich war froh, denn ich hatte von den Namen noch nie gehört, geschweige denn was von ihnen gelesen. Autor sei – das war trotzdem ihr Fazit – nur einer, dessen Text mindestens einmal gekauft wurde.

Nun erachte ich Schreiben durchaus als Kunst (mal mehr mal weniger kunstvoll). Ich wagte also todesmutig den Vergleich mit der Malerei. Gaugin, so mein Einschub, sei also ein Hobbymaler gewesen. Die Antwort: Zu Lebzeiten wohl. Zum Künstler wurde er erst posthum. Ich war dann still. Und dachte mir meines.

Hätte Gauguin es ebenso gesehen, gäbe es wohl kein Bild von Tahiti. Ganz viel Kunst wäre nie entstanden, würde man Kunst nur am Geldfluss messen. Ja, einige Kunst bringt viel Geld. Aber auch ganz viel Mist bringt viel Geld. Kunst am Geld festzumachen, erachte ich als falschen Weg. Natürlich würde ich mir wünschen, dass Künstler leben könnten von ihrer Kunst. Ich hätte Gauguin all die posthumen Millionen gegönnt. Generell wäre es schön, dass Kunst einen Wert hätte, der es dem Schaffenden ermöglichen würde, zu überleben. Und zu schaffen.

Aber: Kunst nur daran zu messen? Damit würde man der Kunst die Seele rauben. Kunst wäre keine Auseinandersetzung mehr mit dem Leben, mit der Welt, sie wäre blosser Kommerz. Und nein, ich sage damit nicht, dass jede Kunst, die Geld bringt, keine ist. Es gibt zum Glück Künstler, die früh genug entdeckt und gefördert und bezahlt werden. Der Umstand, wer dieses Glück hatte und wer nicht, entscheidet kaum über die Qualität ihrer Kunst, es sagt schlicht mehr über die Umstände aus, denn: Es gibt ganz viel finanzierte und veröffentlichte Kunst (Literatur), die schlicht nur Schrott ist, genauso gibt es viel an Kunst, das in Schubladen, Ateliers und Kellern auf Entdeckung wartet.

Ob etwas Kunst ist, sollte sich aus dem Werk selber definieren, nicht daraus, ob es Geld brachte. Produziert jemand nur, um Geld zu kriegen, ist es selten Kunst. Kann sein, muss nicht. Das ist nicht verwerflich. Wir müssen alle leben. Nur: Wenn wir dann aufs hohe Ross steigen und alle anderen abstufen, dann sitzen wir schlicht auf dem falschen Pferd. Ich bin dankbar für all die Künstler, die auch ohne finanziellen Erfolg weiter machten. Wie viele Meisterwerke in allen Bereichen wären uns verwehrt gewesen sonst.

Ich wünsche mir, dass jeder Künstler den Mut hat, seinen Weg zu gehen. Dass er sich nicht abhalten lässt von solchen Aussagen, die wohl mehr von der Profilierung der Aussprechenden zeugen als von einem Kunstverständnis. Künstler zu sein, hat selten mit Wohlstandswillen zu tun, es ist meist der Wunsch, sich auszudrücken. In einer Welt, die ist, wie sie ist. Wenn es gehört werden will – zu Lebzeiten des Künstlers –, umso schöner.

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Foto: Sarah Koska

Claudia Rossbacher, geboren in Wien, zog es nach ihrem Tourismusmanagementstudium in die Modemetropolen der Welt, wo sie als Model im Scheinwerferlicht stand. Danach war sie Texterin, später Kreativdirektorin in internationalen Werbeagenturen. Seit 2006 arbeitet sie als freie Autorin in Wien, seit 2015 auch in der Steiermark und schreibt vorwiegend Kriminalromane und Kurzkrimis. Ihr erster Steirerkrimi „Steirerblut“ wurde von Wolfgang Murnberger als ORF-Landkrimi verfilmt. Weitere Verfilmungen ihrer Bestseller-Serie mit LKA-Ermittlerin Sandra Mohr sind in den nächsten Staffeln im TV zu sehen. Der vierte Band »Steirerkreuz« wurde mit dem österreichischen Publikumspreis »Buchliebling 2014« ausgezeichnet.

Wer mehr über Claudia Rossbacher erfahren will, dem sei die Homepage empfohlen: http://www.claudia-rossbacher.com

Claudia Rossbacher hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin eine viel und weit gereiste gebürtige Wienerin, die nach Lehr- und Wanderjahren als Model, Werbetexterin und Kreativdirektorin nunmehr als Schriftstellerin angekommen ist. Die meiste Zeit lebe ich mit meinem Mann Hannes Rossbacher, einem begnadeten Maler, in einer idyllisch gelegenen Waldhütte auf 1.000 Metern Seehöhe in meiner steirischen Wahlheimat.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Auslöser war der Wunsch nach beruflicher Veränderung (die Begeisterung für die Werbung war mir mit den Jahren abhanden gekommen) sowie die Idee für einen Karibik-Thriller. Die Printausgabe meines Debütromans „Hillarys Blut“ ist inzwischen vergriffen, das e-Book zehn Jahre nach dessen Entstehung in einer überarbeiteten Fassung im Gmeiner Verlag erschienen.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Das Handwerk muss man, egal wie und wo, lernen. Möge das sprachlich-kreative Talent noch so außergewöhnlich sein. Umgekehrt nützt das Handwerk ohne die Begabung nur bedingt. Verfügt man über beides, sollte man ständig damit arbeiten, um besser zu werden. Wie Sportler müssen auch Schriftsteller regelmäßig trainieren und sich quälen, wollen sie konstant gute Leistungen erzielen. Selbstverständlich kann man auch nur aus Spaß schreiben. Mein Anspruch war es aber immer, in angemessener Zeit von meinen Büchern leben zu können. Das habe ich mit Disziplin, Zielstrebigkeit, Fleiß und dem nötigen Quäntchen Glück geschafft. Wäre mir das nicht gelungen, hätte ich mich längst einer anderen Profession zugewandt. Ausruhen darf ich mich aber nicht auf meinem Erfolg. Im Gegenteil: Ich arbeite weiterhin hart daran.

Wo ich das Schreiben gelernt habe? In der Schule, beim exzessiven Hören von Hörspielen, Bücherlesen und Geschichten erfinden, später beim Texten von Werbekampagnen. Bis auf einige wenige Kreativ-Workshops als Werberin und ein Drehbuchseminar basiert bei mir alles auf Learning by Doing.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich recherchiere erst einmal am Handlungsschauplatz, lasse mich dort inspirieren und suche nach einer reizvollen und tragfähigen Idee. Viel mehr als einen Klappentext habe ich nicht, wenn ich zu schreiben beginne. Ich lasse mich dann von den Figuren und der Handlung vorantreiben. Das hat den Vorteil, dass ich selbst oft überrascht werde. Dasselbe geschieht dann auch bei den Lesern. Vielleicht gelingt es mir deshalb, sie bei der Stange zu halten, weil meine Geschichten eben nicht konstruiert sind. Der große Nachteil an dieser Methode ist, dass ich in der Schreibphase immer wieder nachdenken und nachjustieren muss. Oftmals bekomme ich Panik, weil ich nicht sicher bin, ob sich am Ende alles ausgeht.

Wann und wo schreiben Sie?

Zuhause an meinem Schreibtisch. Ich brauche Ruhe und Zeit. Unterwegs kann ich nicht schreiben. Es sei denn, ich halte mich länger an einem Ort auf, der mir beides bietet.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Mittlerweile kann ich ganz gut abschalten. In der Natur, mit Freunden, beim Tennis spielen. Bloß nicht zu lange, sonst muss ich wieder von vorn anfangen, um in die Geschichte hineinzufinden. Zwischen zwei Romanen bereitet mir das Abschalten überhaupt keine Probleme.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich ringe ausschließlich um den Plot und kämpfe mit meinen Texten. Ansonsten liebe ich meinen Beruf, der mir so viel Abwechslung, außergewöhnliche Begegnungen und besondere Glücksmomente beschert. Ich schreibe, um meine Leser gut zu unterhalten, freue mich, dass es inzwischen so viele sind, die meine Bücher mögen. Einerseits genieße ich die Aufmerksamkeit und das Rampenlicht, andererseits mein stilles Kämmerlein, in dem ich vor mich hinschreiben kann, ohne dass mir jemand dreinredet. Was mich stört? Destruktive negative Kritiken. Obwohl ich die immer schneller verdaue, auch wenn sie schmerzen, zumal die positiven Meinungen stets überwiegen.

Wieso haben Sie sich für das Genre Krimi entschieden?

Auch als Leserin hatte ich schon immer ein Faible für spannende und gruselige Geschichten. Außerdem konnte aus der Idee zu meinem ersten Roman gar nichts anderes als ein Thriller werden.

Sie schreiben (unter anderem) Steirerkrimis. Wieso die Steiermark? Wäre das FBI in USA nicht knackiger? Oder wenigstens eine Grossstadt, zumal Sie ja früher oft in den verschiedenen Weltmetropolen gewesen sind?

Das dachte ich anfangs auch. Und habe mit einem Karibik-Thriller begonnen. Mein zweiter Thriller „Drehschluss“ ist auf Mallorca und in Berlin angesiedelt. Leider haben beide Bücher kaum jemanden interessiert, obwohl ich sie immer noch gelungen finde. Mit den Steirerkrimis habe ich dafür auf Anhieb ins Schwarze getroffen. Dabei wusste ich erst noch gar nicht, wo genau mein Opfer durch den Wald läuft, um seinem Mörder zu entkommen. Dann habe ich mich an meine Ferienlager in der Steiermark erinnert, dem waldreichsten Bundesland Österreichs. Zudem ist mein Mann gebürtiger Steirer, der aber die meiste Zeit seines Lebens in Wien verbracht hat. Inzwischen bin ich nicht nur Wahlsteirerin, sondern habe auch den verlorenen Sohn heimgeführt. Heute leben wir in der Nähe des Ferienlagers meiner Kindheit am Reinischkogel.

  1. Wie viele Steirerkrimis gibt es von Ihnen schon? Und wie viele sollen noch folgen?

Am 8.2.2017 erscheint mit „Steirerpakt“ der siebte Fall für mein ungleiches Ermittlerduo Sandra Mohr und Sascha Bergmann vom LKA Steiermark. Am achten schreibe ich bereits. Wie viele Bände es noch geben wird, weiß ich selbst nicht. So lange mir noch etwas Brauchbares einfällt und dermaßen viele begeisterte Leser auf Fortsetzungen warten, wäre es aber wahnwitzig, diese Serie zu beenden.

Österreich ist im Vergleich zu Deutschland eher klein (mit einem Zehntel der Einwohner). Empfinden Sie das als Nachteil (gerade durch die Ausrichtung der Landkrimis) oder sehen sie das sogar als Chance?

Erst einmal freue ich mich über die soliden Verkaufszahlen im eigenen Land, die keineswegs selbstverständlich sind. Und etliche Exemplare gehen ja auch über bundesdeutsche Ladentische und Online-Plattformen weg. Natürlich hätte ich nichts dagegen, zehnmal so viele Bücher wie jetzt zu verkaufen. Eine Umsatzsteigerung in Deutschland könnte demnächst drin sein, wenn der TV-Film „Steirerblut“ am 11. März 2017 erstmals zur Primetime in der ARD ausgestrahlt wird. Für Nachschub wird auch gesorgt: Der zweite Film „Steirerkind“ wird gerade für ARD und ORF nach meinem gleichnamigen Roman gedreht, ein dritter „Steirerkreuz“ soll folgen. Wir werden ja sehen … Auf alle Fälle sind österreichische Krimiautoren in Deutschland im Kommen, so sie nicht schon dort sind wie etwa Wolf Haas, Marc Elsberg, Andreas Gruber, Ursula Poznanski und Bernhard Aichner.

Was ist das für ein Gefühl, wenn Ihre Bücher verfilmt werden? Stolz, weil die Krimis offensichtlich ankommen? Auch etwas Angst, weil man doch einen Teil der Kontrolle über die eigenen Geschichten aufgibt?

Ein wenig stolz bin ich schon, weil die Bücher nicht ganz so schlecht sein können, wie manche Kritiker behaupten. Mir ist aber auch klar, wie viel Glück dabei war, als von hunderttausenden Büchern ausgerechnet meine zur Verfilmung auserkoren wurden. Dass ich mit dem Verkauf der Filmrechte die Kontrolle größtenteils abgebe, war mir von Anfang an klar. Auch hatte ich keine Lust, meinen Roman selbst zu zerfleddern, um ein Drehbuch daraus zu machen, bei dem viel zu viele Leute mitreden. Außerdem: Was habe ich als Romanautorin schon zu verlieren? Schlimmstenfalls finden die Leute meine Bücher besser als die Filme.

Haben sie Mitspracherechte am Set?

Ich könnte in der Drehbuchphase Bedenken anmelden. Am Set ist es dafür zu spät.

Die nächste Criminale steht vor der Tür, Sie sind in der Wettbewerbs-Jury. Was reizt Sie an der Aufgabe?

Ich bin nicht nur in der Jury für den besten Debütroman, sondern auch in der SOKO, dem lokalen Organisationsteam, und fungiere zudem als Herausgeberin der Criminale-Anthologie „SOKO Graz – Steiermark“, die im April im Gmeiner Verlag erscheint. Für die Juryarbeit habe ich mich gemeldet, um diese Erfahrung einmal gemacht zu haben. Außerdem interessiert es mich, welche neuen Autoren nachkommen, und ob sie vielleicht außergewöhnliche Herangehensweisen an das Genre haben. Immerhin zwei von rund 90 Autor/innen konnten mich mit ihren Büchern begeistern, darunter auch der/die Preisträger/in.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Es gibt viel zu viele schlechte Verlage und schlechte Autoren. Ich für meinen Teil fühle mich beim Gmeiner Verlag sehr gut aufgehoben, was Autoren über ihre Verlage ja eher selten behaupten, meistens zu recht. Wäre es anders, würde ich mich nach einem renommierten Verlag umsehen, dessen Bücher in den Buchhandlungen gut repräsentiert sind und der mich als Autorin wertschätzt und unterstützt, bevor ich meine Bücher um 99 Cent übers Internet verschleudere. Wäre ich Anfängerin und würde keinen Verlag für mein Werk finden, wäre ich vermutlich auch unter den abertausenden Selfpublishern, um mein Glück zu versuchen, in der Hoffnung, dass sich Qualität irgendwann durchsetzt.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss mich von Anfang in die Handlung hineinziehen, mich unterhalten und am besten nicht mehr loslassen. Egal, ob es sich um Belletristik oder Sachbuch handelt. Komplizierte Satzkonstrukte und gekünstelte Sprache mag ich überhaupt nicht, auch kein ausuferndes Geschwafel, dass nicht der Handlung oder der Figurenentwicklung dient.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  • das Handwerk beherrschen beobachten,

  • zuhören und dazulernen

  • akribisch anTexten feilen

  • seine Leserschaft kennen und wertschätzen

  • sich für alle Anforderungen des Berufs rüsten, Schreiben im stillen Kämmerlein reicht schon lange nicht mehr. Um als Schriftsteller erfolgreich zu sein, braucht es ein umfassendes Gesamtpaket.

Herzlichen Dank für diese Antworten!

img_0965Susan Sontag wird am 16. Januar 1933 als Susan Rosenblatt in New York City geboren. Die ersten Jahre verbringt sie bei den Grosseltern, weil ihre Eltern durch den Beruf des Vaters in China sind. Als Susan 5 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater an Tuberkulose, Susan kriegt bald einen Stiefvater und mit diesem auch den Namen Sontag.

Beruflich weiss Susan Sontag schon früh, wo ihr Leben hinführen soll, auch wenn sie durchaus an sich und der Machbarkeit zweifelt:

Ich möchte schreiben – ich möchte in einer intellektuellen Atmosphäre leben – ich möchte in einem kulturellen Zentrum leben[1]

Der Wunsch nach Intellektualität, nach Kultur, nach Schreiben begleitet sie ein Leben lang. Vor allem in ihren jungen Jahren ist bei Susan Sontag eines zentral: Sich selber zu erschaffen, wie sie sich gerne hätte. Gerade die frühen Tagebücher zeugen von einer unerbittlichen Suche nach dem eigenen Selbst, nach dem Bild, das sie von sich haben will und ausfüllen kann. Immer wieder hinterfragt sie sich, analysiert sich, klagt sich auch an, um sich dann wieder aufzuraffen, Mut zu fassen, weiter zu gehen.

Es gibt nichts, nichts, was mich daran hindern würde, irgendetwas zu tun – ausser mir selbst … Nur die Zwänge meiner Umgebung, denen ich mich selbst unterwerfe und die mir immer allmächtig erschienen, so dass ich es nicht wagte, auch nur in Betracht zu ziehen, ihnen zuwiderzuhandeln…. Aber was hindert mich eigentlich daran?[2]

Wenig später ist sie überzeugt:

Jetzt fängt alles an – ich bin wiedergeboren[3]

Ab 1949 studiert Susan Sontag in Chicaco Literatur, Theologie und Philosophie. Mit 17 heiratet sie den Soziologen Philip Rieff, aus der Beziehung stammt Sohn David. Die Ehe geht nicht lange gut, was sicher auch an Susan Sontags Schwanken zwischen den Geschlechtern liegt. Bereits 1947 hat sie in ihr Tagebuch geschrieben:

Ich wollte mich unbedingt körperlich zu ihm hingezogen fühlen und wenigstens beweisen, dass ich bisexuell bin [am Rand: Wenigstens bisexuell – was für eine idiotische Idee][4]

Immer wieder kämpft Susan Sontag mit Krebs, schon in den 70er-Jahren muss sie sich einer aggressiven Chemotherapie unterziehen – sogar die Ärzte sehen kaum Hoffnung auf Erfolg. Sie kämpft aber auch gegen die Stigmatisierung dieser Krankheit, kämpft dagegen, nur als Kranke gesehen zu werden und nicht mehr als ganzer Mensch mit allen Facetten.

Ich für meinen Teil betrachte mich als Produkt meiner Geschichte. Mehr ist meine Wesensart nicht. – Und da ich erkenne, wie willkürlich meine Geschichte zum Teil ist, erscheint mir deren Produkt, meine Wesensart, logischerweise veränderbar, überwindbar.[5]

Susan Sontag ist zeitlebens eine Lernende, sie verschlingt Bücher, Filme, liebt Kunst und Musik. Ganze Listen legt sie an mit Titeln, die sie verschlungen hat oder noch lesen, sehen oder hören will. Sie ist in ihrem Schreiben und Urteilen aber kaum je dem Mainstream verpflichtet, sieht sich im Gegenteil als Revolutionärin im Ganzen:

Ich bin eine angriffslustige Schriftstellerin, eine polemische Schriftstellerin. Ich schreibe, um zu unterstützen, was attackiert wird, und um zu attackieren, was gefeiert wird.[6]

Allimg_0948erdings resultiert diese Haltung nicht aus einer Art Trotz, vielmehr folgt sie unbeirrt ihrer Wahrnehmung und Einschätzung.

Ein grosses Thema von Susan Sontag sind immer wieder die Liebe und Beziehungen. Vieles geht in die Brüche, Susan Sontag leidet, hinterfragt sich und die verflossenen Lieben. In ihren Tagebüchern findet man viel von diesem Hadern und Leiden. In den späten 80er-Jahren scheint es ruhiger zu werden. Von 1988 bis zu ihrem Tod lebt Susan Sontag mit der Fotografin Annie Leibovitz zusammen.

Susan Sontag stirbt am 28. Dezember 2004 in New York City.

Ihr Werk
Susan Sontag ist vor allem für ihre Essays über Literatur, Kunst, Film und Fotografie bekannt, aber auch ihr Roman In Amerca stiess auf begeisterte Kritik und brachte ihr den National Book Award ein.

Werke (u.a.)
Prosa

  • Der Wohltäter (1963)
  • Todesstation (1967)
  • Ich, etc. (1978)
  • In Amercia (2000)

Essays und andere Schriften

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[1] Susan Sontag, Wiedergeboren, Tagebücher 1947 – 1963, S. 27
[2] ebd., S. 46
[3] ebd., S: 52
[4] ebd., S. 28
[5] Susan Sontag: Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964 – 1980, S. 292
[6] ebd., S. 421