Thomas Mann: Tonio Kröger

Inhalt

„Diese Art und Weise, sich selbst und sein Verhältnis zum Leben zu betrachten, spielte eine wichtige Rolle in Tonios Liebe zu Hans Hansen. Er liebte ihn zunächst, weil er schön war; dann aber, weil er in allen Stücken als sein eigenes Widerspiel und Gegenteil erschien.“

Tonio Kröger, Sohn einer angesehenen, bürgerlichen Familie, selber von dunklem Aussehen durch die südländische Mutter, verehrt die blonden, blauäugigen Wesen, bewundert die Menschen, die dazugehören zur Norm, während er immer am Rande, aussen vor steht. Er weiss schon früh, dass er seiner Bestimmung nicht entkommen wird, dass er Schriftsteller werden und damit die ganzen Nöte des Künstlertums, dessen Einsamkeit, dessen Ausserhalb-Stehen, auf sich nehmen muss. Er verlässt seine Heimat und kehrt nach vielen Jahren zurück, ängstlich vor den Erinnerungen, die noch in ihm sind und wieder aufbrechen. Als er dann schliesslich mit seinen Jugendlieben konfrontiert wird und ihm erneut sein Leben zwischen Welten bewusst wird, merkt er, dass wohl genau da sein Platz ist. Er kann nicht das Bürgertum verachten wie früher, aber er wird die Künstlernatur nicht los, die seine eigene ist. Sein Leben wird genau da stattfinden: Zwischen zwei Welten. 

Weiterführende Betrachtungen
Thomas Mann schrieb «Tonio Kröger» 1903, zwei Jahre nach dem Erscheinen der Buddenbrooks, zu welchem sich durchaus einige Parallelen finden lassen. Er ist zu dem Zeitpunkt 28 Jahre alt und noch nicht als Schriftsteller gefestigt. Noch kämpft er mit seinem Status, mit seiner Herkunft und auch mit der Konkurrenz mit seinem Bruder. Das alles fliesst in den «Tonio Kröger» hinein.

„Tonio Kröger“ ist sicher nicht Thomas Manns herausragendstes Werk, sofern man überhaupt in solchen Kategorien denken will, und doch hat sogar Mann selber dieses Werk als sein Lieblingskind bezeichnet. Im «Tonio Kröger» hat Thomas Mann viel von seiner eigenen Geschichte verarbeitet, er hat seine Eltern als Vorbilder für Tonios Eltern genommen, die eigenen Schwierigkeiten beim Heranwachsen und bei der Wahl seiner Zukunft als Schriftsteller thematisiert. Vor allem aber hat er sein eigenes Lebensthema, das Schwanken zwischen Bürger- und Künstlertum in Worte gefasst und dabei die eine grosse Frage gestellt:

«Aber was ist der Künstler?»

Tonio Kröger kommt zum Schluss, dass nur er, welcher sich vom Menschlichen entfernt, der das Leben den anderen überlässt, diese aus sicherer Distanz beobachtet, ein Künstler im wahren Sinne sein könne:

«Das Gefühl, das warme, herzliche Gefühl ist immer banal und unbrauchbar, und künstlerisch sind bloss die Gereiztheiten und kalten Ekstasen unseres verdorbenen, unseres artistischen Nervensystems. Es ist nötig, daß man etwas Außermenschliches und Unmenschliches sei, daß man zum Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehe, um imstande und überhaupt versucht zu sein, es zu spielen, damit zu spielen, es wirksam und geschmackvoll darzustellen.

Zu viel Gefühl verdirbt die Kunst, macht sie sentimental und nimmt ihr damit den wirklichen Ausdruck, den guten Stil:

«Es ist aus mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt.»

Und weiter:

«Die Begabung für Stil, Form und Ausdruck setzt bereits dies kühle und wählerische Verhältnis zum Menschlichen, ja, eine gewisse menschliche Verarmung und Verödung voraus.»

Auch diese Sicht ist durchwegs autobiographisch zu nennen, hat Thomas Mann sich doch auch zeitlebens gewisse Neigungen auszuleben verboten, hat sich in die Kunst geflüchtet und sie in dieser sublimiert. In seine Werke sind all seine Lieben eingegangen, teils als Jünglinge, teils noch verdeckter als Frauen. Es fällt in diesem wie auch in Thomas Manns anderen Werken auf, dass sich darin wenig Erfundenes findet. Thomas Mann schöpft aus der Wirklichkeit und verarbeitet diese in seine Geschichten. Er selber nannte das «Aneignungsgeschäfte».

Persönlicher Bezug
Die Liebe zu Thomas Mann begleitet mich schon viele Jahre. Als ich am Ende des Studiums meine Masterarbeit zu ihm schrieb, eröffneten sich mir da ein Leben und ein Werk, die mich beide faszinierten und in den Bann zogen. Dass ich mich deswegen oft auf die autobiographischen Bezüge in seinem Werk konzentrierte, liegt wohl auf der Hand – abgesehen davon, dass sie sich anbieten bei diesem Künstler.

Ich mag an Thomas Mann so ziemlich alles: Seine Geschichten, seine Sprache, seine Gedankengänge, die so vielfältige Bezüge zur Philosophie und auch zu einem mir wichtigen Thema, dem Künstlertum, aufweisen. Immer wieder zeigt sich mir bei der Lektüre etwas, das auch im «Tonio Kröger» erwähnt wird:

«Die reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die Zerstörung der Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der Sprache…»

Zum Autor
Paul Thomas Mann, wie Thomas Mann eigentlich hiess, wird am 6. Juni 1875 in Lübeck in eine Kaufmannsfamilie hinein geboren. Er mag die Schule nicht, geht vor dem Abschluss ab.

Schon während seiner Schulzeit hat Thomas Mann geschrieben, allerdings meistens schwülstige, von leidenschaftlicher Verliebtheit (zu einem Mitschüler) geprägte Gedichte (Eine Erinnerung daran findet sich wohl im Tonio Kröger und der Bleistiftszene wieder.). Nach einem kurzen Ausflug in die Arbeitswelt – Thomas Mann hat eine Stelle als Volontär bei einer Feuerversicherung angenommen und schnell wieder gekündigt – steht bei ihm der Entschluss, Schriftsteller werden zu wollen. Eine erste Erzählung mit dem Titel Gefallen wird auch sofort in einer Zeitschrift veröffentlicht, weitere folgen

1895 und 1986 reist Thomas Mann mit seinem Bruder Heinrich für einige Monate nach Italien, die beiden Brüder bleiben bis im April 1898 und Thomas Mann verfasst mehrere kleinere Arbeiten und beginnt 1897 mit den Buddenbrooks, welche er 1900 an Samuel Fischer schickt, es wird 1901 gedruckt.

1905 heiratet Thomas Mann Katia Pringsheim, Schlag auf Schlag folgen vier Kinder: Erika (1905), Klaus (1906), Golo (1909) und Monika (1910), später dann noch Elisabeth (1918) und Michael (1919). Es sind produktive und erfolgreiche Jahre, die lange andauern. Auch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ändert daran nicht viel.

Die Situation in Deutschland spitzt sich zu, Thomas Mann geht nach Küsnacht in der Schweiz 1936 verliert Thomas Mann die deutsche Staatsbürgerschaft und wird tschechoslowakischer Bürger. 1938 wandert die Familie Mann in die USA aus. Am 7 .Mai 1945 kapituliert Deutschland, Thomas Mann weigert sich lange, dahin zurückzukehren. 1950 reist Mann nach Zürich in die Schweiz. Thomas Mann stirbt am 12. August 1955 im Krankenhaus in Zürich.

Fazit:
Eine persönliche, sehr authentische, sprachlich herausragend geschriebene Künstler-Erzählung. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: FISCHER Taschenbuch; 50. Edition (26. September 1988)
ISBN-Nr.: 978-3596213818

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

#abcdeslesens – B wie Beherzigung (Johann Wolfgang von Goethe)

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.
Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie ers treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle!

Da haben wir ihn schon ein wenig, den Faust. So viele Fragen und so wenig Antworten. Faust studierte alles denkbar mögliche und fand keine Antworten, in diesem Gedicht findet sich zumindest ein Schluss. Aber der Reihe nach:

Da wird ein Mensch ins Leben geworfen und ist fortan diesem ausgesetzt. Was nun? Goethe formuliert präzise: Nicht: Was kann er verlangen, sondern was soll er verlangen. Können tut man ja grundsätzlich viel, nur: Ist es sinnvoll? Das «soll» ist also wichtig. Und dann fängt das Fragen an:

Soll er ruhig bleiben, auch wenn alles anders läuft als gewünscht? Oder soll er an seinen Wünschen festhalten? Soll er sich treiben lassen, schauen, wohin das Leben ihn schlägt? Oder doch ein Haus bauen, sich niederlassen? Der Punkt scheint wichtig, er wird in anderen Worten wiederholt: Zelte bricht man schnell mal ab, Felsen stehen gefühlt für die Ewigkeit.

Und dann findet er einen vorläufigen Schluss: Es sind nicht alle Menschen gleich, was dem einen Not tut, ist für den anderen falsch. Wie auch Voltaire kommt Goethe zum Schluss: Jeder kann nur für sich entscheiden, was für ihn stimmt, wie das Leben für ihn ein glückliches ist. Und dann soll er dafür sorgen, dass es so kommt, wie er es braucht und will und haben muss.

Goethe wäre nicht Goethe, schickte er nicht noch eine Warnung hinterher: Nachdem du nun also gesehen hast, dass das Leben für jeden selber zu leben ist, du dich für deinen Weg entschieden hast, schau, dass du darauf aufrecht gehst und nicht doch noch irgendwo in eine Grube fällst.

Ich mag keine Moralkeulen. Ich mag auch nicht, wenn man mir sagt, was ich tun oder lassen soll. Das tut Goethe hier nicht. Ich mag dieses Gedicht. Es wirkt auf mich nicht wie eine dogmatische Handlungsanweisung, eher wie eine Bestandsaufnahme, was wir im Leben vorfinden und wie wir damit umgehen könnten – zu unserem Wohl. Goethe hat das nicht erfunden, vor ihm waren die Stoiker da.

Epiktet sagte in seinem «Handbüchlein zur Moral», dass es im Leben Dinge gäbe, die man selber in der Hand hätte, und solche, auf die man keinen Einfluss hätte. Kämpft man gegen die der zweiten Sparte, kann man nur verlieren. Es ist nicht im eigenen Einflussgebiet. Bei den anderen allerdings sollte man sich ranhalten: Was will ich, was kann ich dafür tun? Und dann das Ganze umsetzen.

Das Gleicche gibt es auch in der östlichen Philosophie, bei Shantideva:

„Wenn Du Dein Problem lösen kannst, wozu dann Sorgen machen? Und wenn Du es nicht lösen kannst, wozu dann Sorgen machen?“

Wir haben im Leben nicht alles in der Hand, in der Hand haben wir einzig (und das nicht mal immer bewusst), wie wir auf die Dinge reagieren. Daran können wir arbeiten. In der Hoffnung, dass wir so dem Glück auf die Spur kommen.

Zum Autor
Johann Wolfgang von Goethe wird am 28 .August 1749 in Frankfurt als Spross einer reichen Familie geboren. Er wird von verschiedenen Hauslehrern unterrichtet, studiert später Jura, besucht andere Vorlesung zwecks eigener Abhärtung und Vervollkommnung, und beginnt Mitte 20 ernsthaft mit dem Schreiben. Wenige Wochen nur braucht er für «Die Leiden des jungen Werthers». Er schrieb in den verschiedensten Gebieten, hatte zudem viele Ämter inne, arbeitete als Jurist, Minister und Naturforscher – ein richtiger Allrounder oder Tausendsassa. Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Er hinterliess wohl eines der umfassendsten, vielfältigsten und umfangreichsten Werk überhaupt.

#abcdeslesens – A wie An sich (Paul Fleming)

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.

Schon am Anfang zeigt sich das Programm des Gedichtes. In einem kleinen Wort steckt schon so viel drin: Dennoch. Sei dennoch unverzagt. Selbst wenn alles nicht so läuft, wie das willst, wenn das Leben schwer ist, selbst dann sei unverzagt. Und gib dennoch nicht alles schon verloren, denn das ist es nicht. Hüte dich vor Neid dem Glücke anderer gegenüber und schau es nicht als Leid an, wenn dir selbst das Glück gerade nicht hold ist.

Was aber ist Glück und wie kommt man dahin? Wie kommt man mit einer Welt klar, in der die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das wünscht? Mit Gelassenheit, sagt Paul Fleming. Indem wir davon ausgehen, dass alles seine Bestimmung und seine Gründe hat, dass wir annehmen müssen, was ist. Und bei all dem sollen wir die Hoffnung nie verlieren, dass nach einem Unglück auch wieder bessere Zeiten kommen.

All die Klagen sind schlussendlich unnötig. Auch das Loben des Glücks ist es. Statt das Glück im Aussen zu suchen, solle man in sich gehen, denn: Alles ist schon da. Es liegt allein an mir selber, ob ich das Glück finde oder nicht, denn es liegt genau darin, was oben schon beschrieben ist: Annehmen was ist und sich nicht in Neid und Wehklagen zu verstricken. Dann ist man Herr seiner Gefühle, dann ist man Herr seiner selbst und steht damit über allem, was bedrücken könnte.

Paul Fleming hat dieses Gedicht 1641, also vor 380 Jahren geschrieben, in einer Zeit, die durch den 30-jährigen Krieg und die Pest stark gebeutelt war. Das Leben war kein sicherer Wert, es war jederzeit in Gefahr. Mit seiner Form (Sonett mit 14 Versen, aufgeteilt in zwei Quartette und zwei Terzette, mit sechshebigem Jambus (Alexandriner), abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen sowie dem umarmenden, in den Terzetten durch zwei Paarreime unterbrochenen, Reim)  ist das Gedicht typisch für seine Entstehungszeit, den Barock. In der Lebensauffassung dieser Zeit bildeten sich Gegensätze wie «Carpe diem – Memento mori», «Diesseits – Jenseits» heraus, Gegensätze, denen immer die Vergänglichkeit des Lebens eingeschrieben war. Ebenfalls präsent war der Glaube an die Vorbestimmung eines Lebens, daran, dass dieses dem Menschen quasi vorgezeichnet ist und es kein Entrinnen gibt.

Diese Lebensauffassungen mögen heute nicht mehr gelten, dennoch hat das Gedicht nichts von seiner Aktualität und Wahrheit eingebüsst. Noch heute ist der Mensch in seinem Streben nach Glück gleich, noch heute wird er aber einsehen müssen, dass er nur eines selber in Händen hat: Wie er auf die Dinge reagiert, welche das Leben bereit hält. Wenn es da gelingt, aus einem Gleichmut und einer Gelassenheit heraus anzunehmen, was ist, dann stellt sich eine Ruhe ein und damit auch eine Art Glück.

Zum Autor
Paul Fleming, geboren am 5. Oktober 1609 in Hartenstein (Sachsen) und gestorben am 2. April 1640 in Hamburg, war Arzt und Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Barockliteratur. Er schrieb sowohl lateinische wie auch deutsche Gedichte, wobei nur wenige lateinische Gedichte schon zu Lebzeiten veröffentlicht wurden.

#abcdeslesens – Z wie Stefan Zweig

«Nur wer Helles und Dunkles, Aufstieg und Niedergang erfahren hat, nur der hat wahrhaftig gelebt.»

Dieser Spruch kommt von einem, der immer wieder Depressionen gehabt hat, der also dunkle Stunden gut gekannt hat. Ob er dies wirklich so gemeint hat? Zumal: Er setzte irgendwann seinem Leben ein Ende, weil er all das Dunkle nicht mehr ertrug. Seine Frau folgte ihm auf diesem Weg. Man fand die beiden mit einer Überdosis im Blut eng beieinander liegend im Bett im argentinischen Exil, wohin sie wegen des Zweiten Weltkrieges geflohen waren. Vielleicht war irgendwann das Dunkle doch zu viel und nicht mehr tragbar. Aber: Vorher hat er viel geschaffen, das ihn überlebt hat und weiter überleben wird.

Nur am Rande erwähnt sei das, womit er wirklich bekannt wurde:  Seine psychologischen Novellen – man denke nur an die Schachnovelle neben vielen anderen -, Erzählungen und auch die biographischen Schriften – Hölderlin, Nietzsche, Freud, Magellan, Tolstoi und Dostojewski sind nur einige. Kaum einer schaffte es wie er, die Porträtierten so lebendig werden zu lassen, ihr Innerstes so ans Licht zu bringen. Und immer brachte er damit auch Seiten von sich an selbiges. Ein glückliches Ende sucht man in seinen Werken aber meist vergeblich – Stefan Zweigs Werke sind meist geprägt von Melancholie und sie enden grundsätzlich tragisch.

Gar nicht eingehen möchte ich auf seine sexuelle Ausrichtung – ihm wurde oft ein latenter Exhibitionismus vorgeworfen, für den Aussagen aus dem Freundeskreis, Briefe und daraufhin folgende Auslegungen seiner Werke deuten.

Ich möchte hier einige von Stefan Zweigs Gedichten vorstellen. Dass er auch solche geschrieben hat, ist leider viel zu wenigen bekannt. Bereits im Jahr 1901, Stefan Zweig war da 20 Jahre alt, erschien sein Gedichtband «Silberne Saiten», Rilke und Hugo von Hofmannsthal waren die Vorbilder für diese Gedichte. Sie warten mit klassischen Reimen auf, sind von Sehnsucht durchdrungen, blumig. Auch in späteren Bänden scheint Rilkes Einfluss durch, allerdings ändert sich der Stil. Die Gedichte sind noch immer sehr feinfühlig, sie werden aber länger und wenden sich dem Symbolismus zu – auch Ding-Gedichte finden sich.

In den Gedichten zeigt sich Stefan Zweigs Sensibilität, seine Fähigkeit zu Empathie und sein typischer Umgang mit der Sprache, welche wo immer nötig mit Adjektiven die gewünschte Stimmung zu erschaffen versucht deutlich – alles, was auch seine Prosa prägt.

Träume

Du mußt dich ganz deinen Träumen vertrauen
Und ihr heimlichstes Wesen erlernen,
Wie sie sich hoch in den flutenden blauen
Fernen verlieren gleich wehenden Sternen.
Und wenn sie in deine Nächte glänzen
Und Wunsch und Wille, Geschenk und Gefahr
Lächelnd verknüpfen zu flüchtigen Kränzen,
So nimm sie wie milde Blüten ins Haar.
Und schenke dich ganz ihrem leuchtenden Spiele:
In ihnen ist Wahrheit des ewigen Scheins,
Schöne Schatten all deiner Ziele
Rinnen sie einst mit den Taten in Eins.

Stefan Zweig hatte Träume. Er träumte vom Frieden, er war überzeugter Pazifist. Er träumte von einem geeinten Europa und musste im Krieg dessen Zerstückelung erleben. Er musste miterleben, wie alle Mitmenschlichkeit dem Grössenwahn eines Verrückten anheimfiel. Und das ertrug er nicht.

Verträumte Tage

Tage, die ich voll verträumte –
Oh, du von Erinnerung
Zart beschwingte, sanft umsäumte
Schar der frühen Dämmerung! –

Warum schwebt ihr wieder gleitend
Nahe an mein Leben hin,
Meine Stunden neu verleitend
Wolkig mit euch hinzuziehn?

Ist denn wirklich Traum das Leben,
Sinnen süßer als das Schaun?
Soll ich wieder mich dem Schweben
Eurer Schwingen anvertraun?

Dunkel sich zu Bildern bauschend
Kreisen mich die Träume ein,
Blind betörend, süß berauschend
Lockt ihr dämmernd Nahesein.

Und ich fühle: ein Ermatten
Macht mich ihrem Mahnen schwach;
Willenlos, ein dumpfer Schatten
Irrt mein Tag den Träumen nach.

Ich möchte mein Porträt nicht mit trüben Gedanken beenden, sondern noch ein feinfühliges, anrührendes Liebesgedicht anfügen:

Hand in Hand
Lass Deine Hand in meinen Händen,
Dort ruht sie weich und mild und gut,
Und leise rinnt ein Gabenspenden
Von meiner Glut in Deine Glut,

Bis sie nicht von einander scheiden
Was jede noch ihr eigen nennt.
Und dann verzehrend in den beiden
Ein einziger Gedanke brennt. –

Schön, wenn man Hand in Hand durchs Leben gehen kann, wenn aus einem Ich und Du ein Wir wird, welches zwar das Ich und Du bestehen lässt, es aber eint in einem gemeinsamen Wollen und Fühlen und in einem gemeinsamen Weg. Und ganz am Schluss soll noch das Gedicht stehen, das auch das letzte von ihm geschriebene ist – er schrieb es an seinem 60. Geburtstag:

“Linder schwebt der Stunden Reigen
Über schon ergrautem Haar
Denn erst an des Bechers Neige
Wird der Grund, der gold’ne klar.

Vorgefühl des nahen Nachtens
Es verstört nicht – es entschwert!
Reine Lust des Weltbetrachtens
Kennt nur, wer nicht mehr begehrt.

Nicht mehr fragt, was er erreichte,
Nicht mehr klagt, was er gemisst
Und dem Altern nur der leichte
Anfang seines Abschieds ist.

Niemals glänzt der Ausblick freier
Als im Glast des Scheidelichts,
Nie liebt man das Leben treuer
Als im Schatten des Verzichts.”

Ich muss zugestehen, dass Stefan Zweig ein Meister der Prosa war, dass seine Novellen und anderen Werke den höheren literarischen Rang haben als die Gedichte. Und doch möchte ich sie jedem, der Lyrik liebt, ans Herz legen. Es sind Gedichte in noch klassischer Dichtkunst, feinfühlige Gedichte, die von Herzen kommen und zum Herzen sprechen.

#abcdeslesens – Y wie William Butler Yeats

“Die Welt ist aus den Fugen, wie kann ich mit meiner Kunst angemessen darauf reagieren?”

Wollte man einen Antrieb für Yeats Sein und Schaffen finden, wäre es wohl diese Frage. Dass man bei der Ausgangslage nicht einfach stehen bleiben kann, sondern sich dem Wandel der Welt auch immer wieder neu stellen muss, liegt auf der Hand. So unterscheidet sich das Frühwerk von den späteren Gedichten Yeats auch deutlich. War er anfänglich noch der englischen – excuse me, irischen Romantik zuzurechnen, verfasste er später auch durchaus moderne Gedichte – und mit denen konnte er sich auch behaupten.

Mein Schwerpunkt hier liegt oft auf der Lyrik, ich werde also nicht darauf eingehen, dass Yeats auch Dramatiker und Essayist war. Ebenso wird kein Thema sein, dass er das irische Nationaltheater gegründet hat und nebenher Volksmärchen sammelte. Auch dem Umstand, dass er als Poet bei der Staatsgründung mitwirkte, wird hier kein Tribut gezollt. Erwähnt wird das alles nur, um zu zeigen, wie breit und weit denkend dieser Lyriker war. Leben und Lyrik war ihm eines, das Eine vom Andern nicht zu trennen.

Yeats war der erste Ire, der einen Literaturnobelpreis erhalten hat. Dass es heisst, seine wirklich grössten Werke hätte er erst nachher verfasst, sei nur erwähnt, den Beweis bleibe ich hier schuldig, zumal ich der Meinung bin, dass vieles Geschmacksache ist und Literatur sich nicht am Metermass messen lässt.

Sucht man nach Einflüssen für die Yeats’sche Dichtung, findet sich einiges. Angefangen von der keltischen Mystik über Shakespeare, Blake reichen Spuren bis nach Frankreich, zu Charles Baudelaire und Paul Verlaine.

Yeats war alles andere als ein weltabgewandter Dichter. Bewegten sich die frühen Gedichte noch in mystischen und Geisterwelten, wurde er mehr und mehr sachlich und lebensnah. Vor allem sah er es als Aufgabe der Kunst – und damit auch der Dichtung – den “politischen Kampf” zu unterstützen. Mit diesem Ansinnen änderte auch seine lyrische Sprache, da diese zu dem Zweck klar und deutlich sein müsse.

“Ohne uns gibt es weder Freund noch Feind.”

Wir haben alles selber in der Hand und müssen dafür einstehen. Die Welt ist nicht einfach, wie sie ist, sie ist, wie wir sie sehen. Vorbei die romantische Trauer und das abgehobene Heldentum, konkrete Sachlichkeit war gefragt. Dies war nicht nur ästhetisches Prinzip, sondern Lebensphilosophie. Und er war rigoros:

“Wir dürfen nie die Verantwortung für einen Kompromiss übernehmen.”

Was nicht passte, wollte er benennen, dafür einstehen mit seinen Mitteln. Es waren die der Dichtung. Und er hat sie beherrscht! Man sieht es an diesem wunderbaren Gedicht:

«Hätt ich des Himmels reichbestickte Tücher,
bestickt aus Golden- und aus Silberlicht,
die dunklen, die blauen und die hellen Tücher,
aus Nacht, aus Tag und aus der Dämmerung,
legt ich die Tücher dir zu Füßen.
Doch ich bin arm und habe nichts als Träume,
so leg ich meine Träume dir zu Füßen.
Tritt leise, denn du trittst auf meine Träume.»

Müsste ein Dichter Liebe beschreiben, er wäre in der engeren Auswahl. Es zählt nicht der äussere Schein, es ist das Gefühl, das kommt, wenn der Geliebte den Raum betritt. Weil er einem ist, was er ist:

„There is grey in your hair.
Young men no longer catch their breath
When you are passing;
But maybe some old gaffer mutters a blessing
Because it was your prayer
Recovered him upon the bed of death“
„Burdensome beauty – for your sole sake
Heaven has put away the stroke of her doom,
So great her portion in that peace you make
By merely walking into a room“

«Das Haar ist langsam grau,
jungen Männern stockt der Atem kaum,
wenn du vorüber gehst;
Vielleicht murmelt noch ein Alter ein Lob
Weil du’s so beschwörst in deinem Gebet,
er mög’ aus dem Totenbett steigen»
Belastende Schönheit – zu deinem Profit
Nahm der Himmel den Untergang mit,
weil du, wenn du den Raum betrittst,
immer auch den Frieden bringst mit.»
(Übersetzung SVS)

Und damit beende ich dieses Porträt. In der Hoffnung, Yeats bleibt nicht nur ein Buchstabe im Alphabet, sondern ein Lyriker, den man gerne nochmals lesen möchte.

#abcdeslesens – W wie William Wordsworth

William Wordsworth wurde am 7. April 1770 in Grossbritannien geboren. Er war einer der bekanntesten englischen Dichter der englischen Romantik und vor allem durch seine an der Natur orientierten Gedichte bekannt. William Wordsworth liebte es, zu wandern, sei es in Schottland, Irland, im Süden Englands, oder aber auch in Italien, Frankreich oder der Schweiz: Der englische Dichter durchstreifte die Natur und nahm diese mit allen Sinnen in sich auf. Dies alles floss dann in seine Gedichte, welche meistens draussen verfasst wurden.

‘A whirl-blast from behind the hill’

A whirl-blast from behind the hill
Rushed o’er the wood with startling sound;
Then – all at once the air was still,
And showers of hailstones pattered round.
Where leafless oaks towered high above,
I sat within an undergrove
of tallest hollies, tall and green;
A fairer bower was never seen.
From year to year the spacious floor
With withered leaves is covered o’er,
And all the year the bower is green.
But see! wher’er the hailstones drop
The withered leaves all skip and hop;
There’s not a breeze – no breath of air –
Yet here, and there, and every where
Along the floor, beneath the shade
By those embowering hollies made
The leaves in myriads jump and spring,
As if with pipes and music rare
Some Robin Good-fellow where there,
And all those leaves in festive glee
Were dancing to the minstrelsy.[1]

Wordsworth sah in der Natur einen Ort, in welcher der Mensch in sich hineinhorchen kann, wo er dem Lärm der immer weiter anwachsenden Städten entgehen kann. Er selber genoss die Abwesenheit anderer Menschen, die Abwesenheit von Lärm und Hektik.

In Wordsworths Zeit kam gerade der Blankvers (fünfhebiger Jambus mit weiblicher oder männlicher Kadenz, reimlos) auf, welchen der englische Dichter oft benutzte. Der Rhythmus desselben nahm den des Gehens auf und liess darin die Gedanken entstehen, die dann in Verse gegossen wurden.

Allerdings verschloss er sich auch nicht der Schönheit anderer Orte, unter anderem jener der Stadt London. In seinem Gedicht Composed upon Westminster Bridge glänzt diese in voller Pracht:

“Composed upon Westminster Bridge, September 3, 1802

Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear
The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne’er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!”[2]

Schönheit zu sehen braucht Zeit, die man sich nehmen soll. Wenn man einfach blind durch die Strassen rast, wird man zu viel übersehen. Das Gleiche gilt für Gedichte: Wordsworth verschafft dem Leser durch die Setzung der Interpunktionen immer wieder Atempausen, er lenkt den Fluss unter der Brücke des Blickes durch. Aus jeder Zeile steigt die Schönheit auf, erstreckt sich zwischen Erde und Himmel. Die Stille des Anblicks und der noch schlafenden Stadt spiegelt sich im ruhigen Fluss der Sprache.

Es fällt auf, dass die Stadt menschenleer ist, wodurch sie aber durch sich selber lebend erscheint. Sie trägt des Morgens Schönheit, wie ein Mensch Kleider trägt. Die Häuser, Schiffe, Tempel, Kuppeln, sie alle tragen zum Bild und zum Leben bei. Nicht mal als Schöpfer tritt der Mensch ins Bild, an seiner Stelle wird Gott angerufen, fast, als hätte er durch den Menschen hindurch eine Stadt erschaffen, welche nun, einem Naturschauspiel gleich, in ganzer Schönheit vor unseren Augen liegt.


[1] Deutsche Übersetzung:

‘Ein Windstoß wirbelnd übern Hügel sprang’

Ein Windstoß wirbelnd übern Hügel sprang,
daß es ein Brausen in den Wipfeln gab,
doch dann hielt plötzlich er den Atem an,
es folgt ein Prasseln von des Hagels Schlag.

Dort, wo die Eichen kahl vorm Himmel stehn,
im Unterholz ich ließ mir’s wohlergehn:
Stechpalmen, hoch gewachsen, grün und dicht,
dort bildeten ein Dach, zu schützen mich,
und weit im Umkreis liegen da die toten
braunen Stachelblätter auf dem Boden,
denn auch der Hülsen Immergrün erneuert sich.

Doch schau! Wohin auch falln des Schauers eis’ge Tropfen,
nicht nur die Hagelkörner, auch die dürren Blätter hopsen!
Im Schattenraum der Hülsen weht kein einz’ges Lüftchen,
doch in Myriaden rings die welken Blätter hüpfen,
als ob ein schelmisch guter Geist spielt’ auf dem Dudelsack
und allesamt sie mit Musik zum Tanz verzaubert hat.

[2] Eine deutsche Übersetzung:

«Verfaßt auf der Westminster-Brücke,
3. September 1802

Die Erde hat nicht Schöneres zu zeigen:
Stumpf wär’ ein Mensch, der hier vorübergeht
und nicht erlebt des Anblicks Majestät:
Die große Stadt hat heute sich gekleidet
in des Morgens Schönheit! Still da liegen
Dom, Theater, Türme, Schiffe, Kran,
frei gehn die Blicke zu der Wolken Bahn.
Niemals sah ich, fühlt’ ich solchen Frieden,
und niemals hat der frühen Sonne Scheinen
vergoldet reicher Hügel, Fels und Tal.
Der Fluß, wie sanft er will, dahin kann gleiten:
Mein Gott! die Häuser liegen all’ im Schlaf,
die Stadt hält an, so möcht’ man meinen,
des großen, mächt’gen Herzens Schlag!»

#abcdeslesens – V wie Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal war ein intellektuell interessiertes Kind, ein Kind, das viele Sprachen lernte, viel las und auch sonst lerneifrig war. Schon zu Schulzeiten schrieb er erste Gedichte, die er aber, da er noch Schüler war, nur unter einem Pseudonym veröffentlichen konnte. Und er hatte Erfolg. Hugo von Hofmannsthal zählte schon bald zum literarischen Jung-Wien, verkehrte mit Schriftstellern wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr und anderen und wurde auch über die österreichischen Grenzen hinaus bekannt. Stefan Zweig schrieb über ihn:

„Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung; in der Weltliteratur kenne ich bei solcher Jugend außer bei Keats und Rimbaud kein Beispiel ähnlicher Unfehlbarkeit in der Bemeisterung der Sprache, keine solche Weite der ideellen Beschwingtheit, kein solches Durchdrungensein mit poetischer Substanz bis in die zufälligste Zeile, wie in diesem großartigen Genius, der schon in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahr sich mit unverlöschbaren Versen und einer noch heute nicht überbotenen Prosa in die ewigen Annalen der deutschen Sprache eingeschrieben hat. Sein persönliches Beginnen und zugleich schon Vollendetsein war ein Phänomen, wie es sich innerhalb einer Generation kaum ein zweites Mal ereignet.“

Der Erfolg dieser frühen Gedichte war nicht nur Segen, Hofmannsthal beklagte später, dass er immer wieder an diesen gemessen würde, sie seinen Ruf quasi schon bestimmt hätten und er kaum mehr was daran ändern oder dazu tun könnte.

Immer wiederkehrende Themen der frühen Dichtung sind die Einsamkeit – Hofmannsthal gefiel sich in der Rolle des Einsamen, sah dies als seine wahre Daseinsform an -, das Leben und der Tod. In der Vergänglichkeit, so die Überzeugung Hofmannsthals, lag die Möglichkeit des Neuen und auch die Schönheit.

Was ist die Welt?

Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht

Und jedes Menschen wechselndes Gemüt,
Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend andre flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.

Und doch auch eine Welt für sich allein,
Voll süß-geheimer, nievernommner Töne,
Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,

Und keines Andern Nachhall, Widerschein.
Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.

Immer wieder kommentierte Hofmannsthal seine eigene Dichtung, stellte er poetologische Reflexionen an. Zwar hat er nicht ein theoretisches Werk im Sinne einer systematischen Literaturtheorie geschrieben, seine Gedanken zu dem Thema aber immer wieder in Essays ausgeführt. Gerade in diesen Essays kommt auch der Wandel von den frühen zu den späten Dichtungen gut zum Ausdruck: Waren die frühen Gedichte noch dem literarischen Jugendstil oder Impressionismus zuzuordnen (geprägt vom französischen Symbolismus, wie viele seiner Generation damals), zeigt sich in den späteren Werken eine sich verstärkende Sprachskepsis.

Rechtfertigung

So wie der Wandrer, der durch manch Verhau,
Manch blühend Dickicht seinen Weg gefunden:
Zerrißne Ranken haben ihn umwunden,
Auf Haar und Schläfen glänzt der frische Tau,

Und um ihn webt ein Duft noch viele Stunden
Wie Frühlingsgären und wie Ätherblau –:
So trägt der Dichter unbewußt zur Schau
Was schweigsam oft ein Freundesherz empfunden.

Er raubt es nicht, es kommt ihm zugeflogen
Wie Tau aus Blütenkelchen sich ergießt;
Der Blumen Zutraun hat er nicht betrogen,

Weil sichs ihm selber, unbegehrt, erschließt:
Den Tropfen hat ein Sehnen hingezogen,
Wo Bach zum Strom, und Strom zum Meere fließt.

Wie Stefan George, den er 1891 kennenlernte und der sein Werk sehr geprägt hat, war Hofmannsthal der Überzeugung, dass die Sprache der Dichtung sich von der Alltagssprache unterscheiden muss. Die Sprache der Dichtung, so Hofmannsthal, soll eigenen Gesetzen folgen und damit in sich geschlossen sein, eine Kunst-Welt, die zu keinem Zweck erstellt wird: L’art pour l’art.

Sonett der Seele

Willensdrang von tausend Wesen
Wogt in uns vereint, verklärt:
Feuer loht und Rebe gärt
Und sie locken uns zum Bösen.

Tiergewalten, kampfbewährt,
Herrengaben, auserlesen,
Eignen uns und wir verwesen
Einer Welt ererbten Wert.

Wenn wir unsrer Seele lauschen,
Hören wirs wie Eisen klirren,
Rätselhafte Quellen rauschen,

Stille Vögelflüge schwirren …
Und wir fühlen uns verwandt
Weltenkräften unerkannt.

Was die Sprache der Dichtung von der Alltagssprache unterscheidet, ist aber nicht ihr Inhalt oder ihre Form, sondern der ihr innewohnende Rhythmus, der Klang.

Einem, der vorübergeht

Du hast mich an Dinge gemahnet,
Die heimlich in mir sind,
Du warst für die Saiten der Seele
Der nächtige flüsternde Wind

Und wie das rätselhafte,
Das Rufen der atmenden Nacht,
Wenn draußen die Wolken gleiten
Und man aus dem Traum erwacht,

Zu blauer weicher Weite
Die enge Nähe schwillt,
Durch Zweige vor dem Monde
Ein leises Zittern quillt.

Bekannt worden ist Hofmannsthal auch durch seinen Chandos-Brief, welcher zudem einen Bruch in seinem dichterischen Schaffen markiert. Während vorher die Sprache das zentrale Element des Ausdrucks ist, rücken später Dinge in den Vordergrund, in welchen sich das Leben quasi präsentiert. Hofmannsthal sah Leben und Dichtung eng verbunden, dies sowohl durch die Metapher als auch durch das Symbol. Durch beide sei es möglich, Zusammenhänge in der Welt sichtbar zu machen, die sich sonst oft der Sprache entzögen.

#abcdeslesens – U wie Ludwig Uhland

Ein Eigenbrötler ist er gewesen, ein Schweiger, einer, der seinen Weg ging, unabhängig und ohne Förderung, ein Demokrat und ein Oppositioneller. Und ein Dichter von Rang und Namen – zumindest zu Lebzeiten. Doch von Anfang an:

Ludwig Uhland fiel in der Schule durch seine sprachliche Begabung auf, in der Mathematik konnte man davon nicht sprechen. Er entschied sich danach auch zuerst für ein Studium der Philologie, wechselte später zur Juristerei, welche er fleissig betrieb. Daneben begann er zu dichten, dies oft auf Wanderungen mit Dichterfreunden, welche zusammen die Schwäbische Dichterschule bildeten. Dass aus solchem naturverbundenen Tun keine progressiven oder gesellschaftskritischen Gedichte entstehen, liegt quasi auf der Hand. Heinrich Heine liess es sich denn auch nicht nehmen, polemisch gegen die Gruppe zu schreiben.

An einem heiteren Morgen

O blaue Luft nach trüben Tagen,
Wie kannst du stillen meine Klagen?
Wer nur am Regen krank gewesen,
Der mag durch Sonnenschein genesen.

O blaue Luft nach trüben Tagen,
Doch stillst du meine bittern Klagen!
Du glänzest Ahnung mir zum Herzen:
Wie himmlisch Freude labt nach Schmerzen.

Man kann sich förmlich vorstellen, wie die Wandersleute quasi «im Frühtau zu Berge» ziehen.

Uhland führte sein Jurastudium bis zur Promotion und arbeitete danach als privater Anwalt, liess sich in die Politik wählen, belegte verschiedene öffentliche Stellen, mehrheitlich allerdings ohne Entgelt, weswegen diese selten von Dauer waren. Sein privates Interesse schien aber bei der Philologie zu liegen, forschte er doch im Gebiet weiter, unternahm auch Forschungsreisen zur Sichtung von Schriften und Quellmaterial.

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Dieses ist wohl das bekannteste Gedicht Uhlands, es entstand im Jahr 1812. In ihm zeigt sich wieder Uhlands bevorzugte Themenwahl, die Natur (neben dem Mittelalter, mit dem er sich ja auch in seiner Forschung beschäftigte). Ebenfalls typisch ist dieses Gedicht in seiner Art der Darstellung, welche weder schwärmerisch noch pathetisch wirkt, sondern klar die Gegebenheiten beschreibt und in der Form an Volkslieder anknüpft (ein weiteres Forschungsfeld Uhlands).

Abendwolken

Wolken seh ich abendwärts
Ganz in reinste Glut getaucht,
Wolken ganz in Licht zerhaucht,
Die so schwül gedunkelt hatten.
Ja! mir sagt mein ahnend Herz:
Einst noch werden, ob auch spät,
Wann die Sonne niedergeht,
Mir verklärt der Seele Schatten.

Während Ludwig Uhland seine literarischen Forschungen weitertrieb, später sogar Professor für deutsche Sprache und Literatur wurde, versiegte sein eigenes literarisches Schaffen schon früh. Die meisten seiner Gedichte entstanden zwischen 1805 und 1815. Was er aber geschrieben hatte, sicherte ihm den Ruf des Volksdichters, dessen Werke in jedem Haushalt zu finden waren. Zu Lebzeiten wurde sein Name in einem Atemzug mit Goethe und Schiller genannt. Dass er heute eher vergessen ist, tut seinem Werk Unrecht.

Ein Abend

Als wäre nichts geschehen, wird es stille,
Die Glocken hallen aus, die Lieder enden.
Und leichter ward mir in der Tränen Fülle,
Seit sie versenket war von frommen Händen.
Als noch im Hause lag die bleiche Hülle,
Da wußt ich nicht, wohin nach ihr mich wenden;
Sie schien mir, heimatlos, mit Klaggebärde
Zu schweben zwischen Himmel hin und Erde.

Die Abendsonne strahlt‘, ich saß im Kühlen
Und blickte tief ins lichte Grün der Matten;
Mir dünkte bald, zwei Kinder säh ich spielen,
So blühend, wie einst wir geblühet hatten.
Da sank die Sonne, graue Schleier fielen,
Die Bilder fliehn, die Erde liegt im Schatten;
Ich blick empor, und hoch in Äthers Auen
Ist Abendrot und all mein Glück zu schauen.

#abcdeslesens – T wie Georg Trakl

Georg Trakl war – er befindet sich da in guter Gesellschaft – ein miserabler Schüler, mehrfach reichten die Noten nicht zur Versetzung, er brach ohne Abschluss ab und begann eine Ausbildung zum Apotheker. Das war insofern praktisch, als er nach dem Schulabbruch mit Drogen zu experimentieren begann und so nun an der Quelle sass. An selbige schloss er sogar noch ein Pharmaziestudium, welches er unter finanziell schwierigen Umständen trotzdem bis zum Master durchzog, nur mit einer Anstellung wollte es nicht klappen. Alkohol und Drogen säumten weiter seinen Weg. Ob es diesen geschuldet war oder schlicht Veranlagung, ist schwierig zu sagen, doch es stellten sich bei ihm mehr und mehr psychische Probleme ein.

Georg Trakl: Traumwandler

Wo bist du, die mir zur Seite ging,
Wo bist du, Himmelsangesicht?
Ein rauher Wind höhnt mir ins Ohr: du Narr!
Ein Traum! Ein Traum! Du Tor!
Und doch, und doch! Wie war es einst,
Bevor ich in Nacht und Verlassenheit schritt?
Weißt du es noch, du Narr, du Tor!
Meiner Seele Echo, der rauhe Wind:
O Narr! O Tor!
Stand sie mit bittenden Händen nicht,
Ein trauriges Lächeln um den Mund,
Und rief in Nacht und Verlassenheit!
Was rief sie nur! Weißt du es nicht?
Wie Liebe klang’s. Kein Echo trug
Zu ihr zurück, zu ihr dies Wort.
War’s Liebe? Weh, daß ich’s vergaß!
Nur Nacht um mich und Verlassenheit,
Und meiner Seele Echo – der Wind!
Der höhnt und höhnt: O Narr! O Tor!

Trakl begann seine lyrische Produktion schon früh, diese trat in den Ausbildungsjahren etwas in den Hintergrund, wurde aber später auch wieder intensiviert. Bei Kriegsausbruch wurde er in den Militärdienst eingezogen, welcher ihm nicht gut bekommen sollte. Einen Suizidversuch konnten seine Kameraden vereiteln, nach einem Fluchtversuch wurde er aufgrund seines Geisteszustands in eine Klinik eingewiesen, wo er durch eine Überdosis Kokain schliesslich starb.

Verfall

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Bei solchen Lebensumständen verwundern die eher düsteren Gedichte kaum. Themen wie der Tod, die Angst, der Herbst sind vorherrschend, das Dasein wird häufig von seiner grauenvollen Seite gezeichnet, Vergänglichkeit und Untergang sind oft präsent.

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Farben sind ein roter Faden in Trakls Werk, meist düstere Farben des Herbst oder aber Blau. Sind die Farben erst noch an Gegenstände geheftet, stehen sie später allein metaphorisch für Stimmungen. Trakls Gedichte leben von einer Bildhaftigkeit und einer Symbolik.

Die Sonne

Täglich kommt die gelbe Sonne uber den Hügel.
Schön ist der Wald, das dunkle Tier,
Der Mensch; Jäger oder Hirt.

Rötlich steigt im grünen Weiher der Fisch.
Unter dem runden Himmel
Fährt der Fischer leise im blauen Kahn.

Langsam reift die Traube, das Korn.
Wenn sich stille der Tag neigt,
Ist ein Gutes und Böses bereitet.

Wenn es Nacht wird,
Hebt der Wanderer leise die schweren Lider;
Sonne aus finsterer Schlucht bricht.

Dass im lyrischen Werk Einflüsse französischer Dichter zu erkennen sind, vor allem Baudelaire und Rimbaud, erstaunt wenig, kam Georg Trakl durch ein französisches Kindermädchen doch schon früh mit ebendieser Literatur in Berührung. Ebenfalls in Berührung kam er wohl mit seiner jüngeren Schwester, Biographen unken von einer inzestuösen Beziehung, das Gedicht Blutschuld scheint ihnen damit recht zu geben:

Blutschuld

Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse.
Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld?
Noch bebend von verruchter Wollust Süße
Wir beten: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Aus Blumenschalen steigen gierige Düfte,
Umschmeicheln unsere Stirnen bleich von Schuld.
Ermattend unterm Hauch der schwülen Lüfte
Wir träumen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Doch lauter rauscht der Brunnen der Sirenen
Und dunkler ragt die Sphinx vor unsrer Schuld,
Daß unsre Herzen sündiger wieder tönen,
Wir schluchzen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

#abcdeslesens – S wie Theodor Storm

Schaut man den heutigen Deutschunterricht an, finden sich da vor allem Storms Novellen, seine Gedichte sind kaum erwähnt. Das mutet komisch an, sah sich Storm selber doch vor allem als Lyriker und hatte als ebensolcher auch Verehrer: Thomas Mann lobte die Kraft der «Lebens- und Empfindungsaussagen», welche Storm in einfache Formen giesse, Fontane, Verspotter von Storms Prosa, nannte ihn einen der besten Dichter nach Goethe und Georg Lukács schloss sich dem Lob an.

Ausgangspunkt von Storms Gedichten, so seine eigene Aussage, ist immer das Ereignis. Es geht ihm dabei um Empfindungen, um das aktuelle Erleben und nicht einfach um personifizierte Bilder. Damit ist er in guter Gesellschaft, nannte doch auch Goethe «Gelegenheiten», aktuelles Erleben den Anstoss zu seinen Gedichten. Inspiriert haben ihn dabei sicher Eichendorff und Mörike.

Dahin!

Wie in stille Kammer
Heller Sonnenschein,
Schaut in stille Herzen
Mild die Lieb herein.

Kurz nur weilet die Sonne,
Schatten brechen herein,
Ach, wie so schnell entschwinden
Liebe und Sonnenschein.

Zentrale Motive seiner Gedichte sind die Natur, die Liebe und der Tod. Dabei wählt er oft eine einfache Sprache, ebensolche Metrik und Reimformen. Dies sollte allerdings nicht dazu führen, seine Lyrik abzuwerten oder gar als seicht zu sehen. Oft zeigen sich wahre Grösse und Können gerade in den einfachen Mitteln.

Nachts

Sternenschimmer, Schlummerleuchten
Hat nun rings die Welt umfangen;
Eingewiegt in tiefen Frieden
Schläft der Menschen Hast und Bangen.

Nur die seligen Engel wachen,
Leise durch den Himmel schwebend,
Alle, die hier unten schieden,
An die reinen Herzen hebend.

Und mir ist, als müßt ich einstens
Nach der letzten Not auf Erden
Tief befriedet, kinderselig
So von dir getragen werden.

Die Liebe, die Storm so oft in seinen Gedichten thematisierte, war natürlich auch in seinem Leben präsent. Die erste Verlobung endete allerdings bald, die Verlobte sprang ab. Der zweite Heiratsantrag war ebenfalls unglücklich, die von ihm Angebetete lehnte ab. Dass er sich schon als 19 Jähriger in die zu dem Zeitpunkt 10 Jährige verliebt hatte, wirft ein zwiespältiges Licht auf den Heiratswilligen. Ich will hier nicht weiter auf die Pädophilie-Vorwürfe eingehen, es gibt dazu eine Biografie, die dieses Thema beleuchtet. Schlussendlich heiratet Storm seine Cousine und hat mit ihr in der Folge 7 Kinder. Dass seine Frau nach der Geburts des siebten Kindes starb, stürzte Storm in tiefe Trauer.

Auf Wiedersehen

Das Mädchen spricht:

Auf Wiedersehn! Das ist ein trüglich Wort! –
O reiß dich nicht von meinem warmen Herzen!
Auf Wiedersehn! Das spricht von Seligkeit
Und bringt mir doch so tausend bittre Schmerzen.

Auf Wiedersehn! Das Wort ist für den Tod! –
Weißt du, wie über uns die Sterne stehen!
Noch schlägt mein Herz, und meine Lippe glüht –
Mein süßer Freund, ich will dich immer sehen.

Du schwurst mir ja, mein Aug bezaubre dich;
Schaut ich dich an, so könntst du nimmer gehen!
Mein bist du ja! – Erst wenn mein Auge bricht,
Dann küß mich sanft und sprich: Auf Wiedersehen!

Die Trauer währte allerdings nicht lange, schon ein Jahr später heiratete Theodor Storm erneut. Fast möchte man sagen, zum Glück, wären doch sonst wohl keine Liebeserlebnisse mehr Pate gestanden für seine wunderbaren Liebesgedichte.

Schließe mir die Augen beide

Schließe mir die Augen beide
mit den lieben Händen zu!
Geht doch alles, was ich leide,
unter deiner Hand zur Ruh.

Und wie leise sich der Schmerz
Well’ um Welle schlafen leget,
wie der letzte Schlag sich reget,
füllest du mein ganzes Herz.

Oder auch dieses:

Wer je gelebt in Liebesarmen

Wer je gelebt in Liebesarmen,
Der kann im Leben nie verarmen;
Und müßt er sterben fern, allein,
Er fühlte noch die selge Stunde,
Wo er gelebt an ihrem Munde,
Und noch im Tode ist sie sein.

Theodor Storm war aber nicht nur für seine Liebesgedichte bekannt, er drückte auch seine Liebe zu seiner Heimat Husum in immer wieder wunderbaren Gedichten aus:

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn’ Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

Theodor Storm starb 1888 im Alter von 71 Jahren an Krebs. Erst kurz zuvor hat er noch sein wohl bekanntestes Werk, «Der Schimmelreiter», fertiggestellt. Er hinterlässt ein Werk, das in meinen Augen viel zu gering geschätzt wird, vor allem, was seine Lyrik betrifft.

Trost

So komme, was da kommen mag!
So lang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus,
Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht,
Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.

#abcdeslesens – R wie Rainer Maria Rilke

Glücklich kann man die Kindheit von René Karl Rilke, wie er ursprünglich hiess, wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Drei Jahre sollte die Beziehung halten, doch verbunden blieben die beiden ein Leben lang, war ihm doch Lou Beraterin, Muse und wichtigste Freundin. Durch sie kam er auch mit der freudschen Psychoanalyse in Kontakt.

Träume, die in Tiefen wallen,
aus dem Dunkel lass sie alle los.
Wie Fontänen sind sie, und sie fallen
lichter und in Liederintervallen
ihren Schalen wieder in den Schoss.

Und ich weiss jetzt: wie die Kinder werde.
Alle Angst ist nur ein Anbeginn;
aber ohne Ende ist die Erde,
und das Bangen ist nur die Gebärde,
und die Sehnsucht ist ihr Sinn –

Rilke war ein Sprachtalent. Nach einer Reise nach Russland war er vom Land so begeistert, dass er die Sprache lernte – und zwar so gut, dass er sogar auf russisch Gedichte schrieb. Auch Französisch sprach er in einer Qualität, dass in dieser Sprache seine wunderbaren Rosengedichte entstanden. Dänisch kam auch noch dazu, wollte er doch Kierkegård im Original lesen. Wenn wir schon dabei sind, soll auch das Englische nicht unter den Tisch gekehrt werden, Rilke hat Gedichte von Elizabeth Barrett-Browning auf eine wundervolle Weise ins Deutsche übertragen, allerdings ging er da von einer Grundübersetzung und nicht vom Original aus.

Elizabeth Barett-Browning: Wie ich dich liebe?

Wie ich dich liebe? Lass mich zählen wie.
Ich liebe dich so tief, so hoch, so weit,
als meine Seele blindlings reicht, wenn sie
ihr Dasein abfühlt und die Ewigkeit.

Ich liebe dich bis zu dem stillsten Stand,
den jeder Tag erreicht im Lampenschein
oder in Sonne. Frei, im Recht, und rein
wie jene, die vom Ruhm sich abgewandt.

Mit aller Leidenschaft der Leidenszeit
und mit der Kindheit Kraft, die fort war, seit
ich meine Heiligen nicht mehr geliebt.

Mit allem Lächeln, aller Tränennot
und allem Atem. Und wenn Gott es giebt,
will ich dich besser lieben nach dem Tod.

(Übersetzt von Rainer Maria Rilke)

Rilkes Werk ist stark geprägt von der Philosophie Nietzsches und Schopenhauers. Er tritt gegen das christliche Jenseitsdenken ein, sieht die einzige Wirklichkeit im Diesseits offenbart durch die Natur und das menschliche Verhalten und Gefühlsleben. Dass es in Rilkes eigenem Gefühlsleben nicht immer rosig aussah, davon zeugen viele seiner – wie ich finde schönsten – Gedichte:

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Einen weiteren, nicht zu verachtenden – ich würde ihn sogar den grössten nennen – Einfluss auf Rilkes Schreiben hatte seine Zeit mit Auguste Rodin. Rodin, so Rilke, habe ihn sehen gelehrt. Und diesen klaren Blick erkennt man auch in seinen Gedichten nach dieser Zeit, sie haben an Bildhaftigkeit, an Tiefe gewonnen.

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Eine wirklich glückliche, andauernde Liebe war Rilke leider nicht vergönnt. Zwar säumen verschiedene Frauen sein Leben, waren ihm Geliebte, sogar einmal Ehefrau, oft Gönnerinnen, doch scheint seine grösste Liebe und Leidenschaft immer die Dichtkunst gewesen zu sein. Wie schwer muss es ihn getroffen haben, als diese plötzlich für 12 Jahre versiegte? Zum Glück fand sie wieder zu ihm zurück – man muss es in der Tat so nennen, flogen ihm die Zeilen förmlich zu, in nur vier Tagen hat er den ersten Teil der Sonette an Orpheus zu Papier gebracht. Er selber sah das als das «rätselhafteste Diktat», das er «je ausgehalten und geleistet habe». Nun denn, ein wenig Leistung scheint also doch dabei gewesen sein, wenn auch ein Dichtergeist diktiert zu haben scheint.

Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

#abcdeslesens – R (statt Q) wie Joachim Ringelnatz

«Ein Schulrüpel ersten Ranges» sei er gewesen. Dies besagt eine Notiz im Abgangszeugnis nach der wenig erfolgreichen Schulkarriere. Dem war wohl auch das folgende Gedicht geschuldet:

An meinen Lehrer

Ich war nicht einer deiner guten Jungen.
An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat
Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.
Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.

Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens
An meinem Bau geformt und dich gemüht.
Du hast die besten Werte meines Lebens
Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.

Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.
Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.
Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue
nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.

Ringelnatz hatte gekämpft, gekämpft gegen Spott und Unverständnis, welche er beide auf sein Aussehen zurückführte. Und wenn er sich nicht prügelte, zog er sich zurück und schrieb und zeichnete. Diese Begabungen waren ihm quasi in die Wiege gelegt worden, waren doch auch seine Eltern künstlerisch begabt. Ringelnatz strebte in seinem Tun dem Vater nach, welcher sich auch als Verfasser von humoristischen Versen und Kinderbüchern einen Namen machte.

Abschied der Seeleute

Chor der Seeleute:

Wir Fahrensleute
Lieben die See.
Die Seemannsbräute
Gelten für heute,
Sind nur für to-day.

Die Mädchen, die weinen,
Sind schwach auf den Beinen.
Was schert uns ihr Weh !
Das Weh, ach das legt sich.
Unsre Heimat bewegt sich
Und trägt uns in See,
Far-away.

Chor der Mädchen:

Wir, die Bräute
Der Fahrensleute,
Lieben und küssen,
Doch wissen, sie müssen
Zur Seefahrt zurück.

Und wenn sie ertrinken,
Dann – wissen wir – winken
Uns andre zum Glück.

Nach der Schule begann ein unstetes Leben, Ringelnatz pendelte zwischen Hunger und verschiedenen Brotjobs, in denen er allesamt nicht glücklich wurde. Daneben malte er, schrieb Gedichte. Er merkte bald, dass ein geregeltes Arbeitsleben nichts für ihn ist, tingelte durch die Welt als Sänger, Seemann, Gelegenheitsarbeiter, landete dabei sogar mal im Gefängnis und später in München, wo er in der Künstlerkneipe Simplicissimus erste Auftritte hatte und schnell zum Hausdichter aufstieg.

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.

Unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte er Gedichte in Zeitschriften und schliesslich endlich auch Bücher mit Gedichten, sowie zwei Kinderbücher. Und er litt: Unter mangelnder Bildung, unter materiellen Schwierigkeiten, unter vielem mehr. Neue Gelegenheitsjobs folgten, unter anderem als Wahrsagerin verkleidet in einem Bordell. Mangelnde Kreativität kann man dem Mann also nicht absprechen – ob dieser Job der finanziellen Not gehorchend oder aber seiner Begeisterung für kindliche Streiche geschuldet war, ist dabei nicht ganz klar.

Das Geld floss nie in Strömen, auch wenn er irgendwann Erfolg hatte und als Vortragskünstler herumreiste. Daneben veröffentlichte er viele Bücher, allerdings nicht alles Bestseller. Irgendwann wandte er sich intensiv der Malerei zu, konnte auch Ausstellungen bestreiten und Bilder verkaufen. Der grosse Bruch schliesslich kam mit dem Aufstieg der NSDAP. Nahm Ringelnatz diesen erst nicht ernst, kam es bald zu Auftrittsverboten und seine Bücher wurden verbrannt. Es gelang Ringelnatz noch, in der Schweiz einige Auftritte zu bestreiten, dann brach bei ihm die Tuberkulose aus und er starb am 17. November 1934 mit nur 51 Jahren. Dieser sein Leben lang kämpfende, leidende, wieder kämpfende Mann hinterlässt ein Werk von grosser Breite, seine Gedichte zeichnen sich oft durch Spitzfindigkeit, Humor und dem Sinn fürs Leichte aus. Aber er hat durchaus auch ernsthafte Lyrik geschrieben. Leider hat er seinen anwachsenden Ruhm nach 1945 nicht mehr miterlebt.

Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchter der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

#abcdeslesens – P wie Dorothy Parker

Dorothy Parker war eine Kämpfernatur von Anfang an – durch den frühen Verlust erst der Mutter, später des Vaters musste sie schnell lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie hielt sich mit Klavierspielen und leichten Gedichten über Wasser und kam schliesslich erst bei der Vogue, später bei der Vanity Fair unter, dort als Theaterkritikern, als welche sie durch ihre treffsicheren und pointierten Texte Erfolge feiern durfte. Daneben veröffentlichte sie Gedichtbände und Kurzgeschichten. Der britische Schriftsteller Sommerset Maugham äusserte sich zu Dorothy Parkers Werk folgendermassen:

„Ihr Stil ist leicht, aber nicht nachlässig, kultiviert, aber niemals affektiert. Er ist ein vielseitiges Werkzeug, um ihren vielseitigen Humor zur Geltung zu bringen, ihre Ironie, ihren Sarkasmus, ihre Zärtlichkeit und ihr Pathos.“

Leider war der Erfolg nur beruflicher Natur, privat lief es alles andere als rosig: Pech bei der Männerwahl, eine Fehlgeburt und drei Selbstmordversuche sprechen eine deutliche Sprache, der im Übermass konsumierte Alkohol spendete auch nicht den gewünschten Trost. Bei all dem blieb sie immer produktiv, verlor nie ihren Biss und legte in ihren Texten zielsicher die Doppelmoral und menschlichen Abgründe der damaligen Gesellschaft offen.

Auch mit sich selbst gewonnen Weisheiten sparte sie nicht:

Indian Summer

In youth, it was a way I had
To do my best to please,
And change, with every passing lad,
To suit his theories.

But. now I know the things I know,
And do the things I do;
And if you do not like me so,
To hell, my love, with you!

Altweibersommer

Gefallsucht war eins meine Art
und Beifall war mein Ziel.
Drum fand ich jeden Typen smart
Und tat, was ihm gefiel.

Doch heute weiss ich, was ich weiss,
Und tue, was ich tu;
Und Schatz: Lässt dich das kalt wie Eis,
Dann fahr zur Hölle, Du!

Ob sie diese auch wirklich umgesetzt hat, bleibt offen, in Anbetracht ihrer unglücklichen Beziehungen. Neben Beziehungsoffenbarungen finden sich aber auch andere – sie verheimlichte nicht mal ihre Selbstmordabsichten (welche bekannterweise nicht bei Absichten blieben) in ihren Gedichten:

Razors pain you;
Rivers are damp;
Acids stain you;
And drugs cause cramp.
Guns aren’t lawful;
Nooses give;
Gas smells awful;
You might as well live.

Klingen verletzen,
Flüsse sind nass,
Säuren verätzen,
und Gift macht blass,
Knarren sind sträflich,
Schlingen sind hoch.
Gas riecht eklig,
dann leb ich halt noch.

Bedenklich, wie eine Frau, die eigentlich erfolgreich war, doch unter enormen Selbstzweifeln litt, wovon ein Teil auch dem Frausein in einer von Männern dominierten (Literatur-)Welt geschuldet war:

«Bitte, Gott, lass mich schreiben wie ein Mann.»

Umso erstaunlicher aus einem Mund einer Frau zu hören, die mit ihren Kritiken in den 20er-Jahren durchaus die kulturelle Landschaft mitgeprägt hat. Konnte sie ihren eigenen Erfolg nicht wirklich wahrnehmen?

Sucht man nach einem wirklich durch und durch erbaulichen Gedicht, sucht man lang und oft (schlicht?) vergeben. In jedem der Gedichte steckt eine Spitze, sticht ein Dorn. Klingen einzelne Zeilen, gar Verse, noch vergnüglich leicht, kommt am Schluss die Spur bittere Erkenntnis nach. So bleibt zum Schluss noch dies Gedicht, das mit viel Lebensweisheit aufwartet, um dann doch am Schluss zumindest noch eine kleine Spitze anzufügen, die aber doch einen guten Rat beinhaltet: Die Botschaft mag gut klingen, doch schau, von wem sie kommt.

The Counsellor

I met a man the other day –
A kind man, and serious –
Who viewed me in a thoughtful way,
And spoke me so, and spoke me thus:

“Oh, dallying’s a sad mistake;
‘Tis craven to survey the morrow!
Go give your heart, and if it break –
A wise companion is Sorrow.

Oh, live, my child, nor keep your soul
To crowd your coffin when you’re dead…”
I ask his work; he dealt in coal,
And shipped it up the tyne, he said.

Der Ratgeber

Vor kurzem traf ich einen Mann
Von sanfter, ernsthafter Manier,
Der sah mich ganz versonnen an
Und sprach dann dergestalt zu mir:

«Versteif du dich aufs Zögern nicht;
Ein Feigling fragt, was bringt die Zeit?
Verschenk dein Herz, und wenn es bricht –
Ein weiser Freund ist dann das Leid.

Geniess das Leben, Kind und bann
Die Seele einst nicht in dein Grab…»
Mit Eulen handelte der Mann,
Trug sie nach Griechenland hinab.

#abcdeslesens – O wie Martin Opitz

Es war ihm ein Graus, dieses verwilderte Deutsch seiner Zeit. Da musste Ordnung her und er bemühte sich gleich selber drum und verfasste eine Theorie der Poesie, in welcher ganz klar geregelt war, was als Gedicht statthaft war und was nicht. Er machte es sich dabei aber nicht etwa einfach und übernahm einfach antike Versmasse, sondern er suchte metrische Formen, die an die deutsche Sprache angepasst waren. Sein 1624 erschienenes «Buch von der Deutschen Poeterey» wird zum Standardwerk für die deutsche Poesie.

Nun hatte Opitz also dieses strenge Regelwerk verfasst, welches Beachtung des Versmasses forderte und unreine Reime, Wortverkürzungen und Fremdwörter ablehnte, und sich dann selber nicht ganz daran gehalten. Wenn dabei aber ein so schönes Gedicht herauskommt, sieht man ihm das gerne nach:

«Schönheit dieser Welt vergehet,
Wie ein Wind, der niemals stehet,
Wie die Blume, so kaum blüht,
Und auch schon zur Erden sieht,
Wie die Welle, die erst kimmt
Und den Weg bald weiter nimmt.
Was für ein Urteil soll ich fällen?
Welt ist Wind, ist Blum und Wellen.»

Opitz beschreibt die Vergänglichkeit des Lebens, und er fragt, worüber man urteilen solle, wenn man wisse, dass alles ein Kommen und Gehen ist und nichts bestand hat. Die Bilder der Welle, des Kommens und Gehens und der Gedanke der urteilsfreien Betrachtung erinnern an die Philosophie der Stoa, in welcher Epiktet schreibt, dass man das, was man nicht beeinflussen kann, gleichmütig annehmen solle, indem man sich weder an das Schöne hänge oder am Schweren leide.

1625 wurde Martin Opitz zum Poeta laureatus, zwei Jahre später sogar zum geadelten Dichter, sein voller Name war dann Martin Opitz von Boberfeld. Trotz dieser Erfolge wurde ihm die Aufnahme in die damals sehr angesehene literarische Gesellschaft «Fruchtbringende Gesellschaft Köthens» lange verwehrt, vermutlich seiner politischen Stellung wegen. Opitz war nicht nur Hofhistograph in Polen, er war auch diplomatisch und als Agent tätig, belieferte Schweden mit Informationen über Polen und umgekehrt. Was er genau berichtet in diesen Belangen, werden wir leider nie erfahren, liess er doch kurz vor seinem Tod die ganze Korrespondenz verbrennen. Er wird Gründe gehabt haben.

Neben all dem war als Dichter sehr produktiv, hatte er doch die Absicht, der deutschen Sprache mehr Beachtung und Gewicht zu verschaffen in Europa. Nach Anfängen mit lateinischen Texten, wie sie damals noch üblich waren, wechselte er bald ins Deutsche begann neben eigenen Gedichten auch damit, Werke der Weltliteratur ins Deutsch zu übersetzen. Martin Opitz gilt heute als einer der wichtigsten Theoretiker und Dichter des Barocks. Aus seiner Feder stammen unzählige Oden, Sonette, Epigramme und auch Gelegenheitsgedichte, unter anderem auch dieses Liebesgedicht:

Ach Liebste lass uns eilen

Ach Liebste, lass uns eilen,
Wir haben Zeit,
Es schadet das verweilen
Uns beyderseit.

Der edlen Schönheit Gaben
Fliehen Fuss für Fuss,
Dass alles, was wir haben,
Verschwinden muss.

Der Wangen Ziehr verbleichet,
Das Haar wird greiss,
Der Augen Feuer weichet,
Die Brunst wird Eiss.

Das Mündlein von Corallen
Wird ungestalt,
Die Händ’ als Schnee verfallen,
Und du wirst alt.

Drumb lass uns jetzt geniessen
Der Jugend Frucht,
Eh’ als wir folgen müssen
Der Jahre Flucht.

Wo du dich selber liebest,
So liebe mich,
Gieb mir das, wann du giebest,
Verlier auch ich.

#abcdeslesens – N wie Friedrich Nietzsche

Musik war die grosse Liebe des Friedrich Nietzsche, die Musik schenkte ihm die Augenblicke der Empfindung. Sie sollte andauern, erst durch sie fühlte er sich am Leben, im Leben zu Hause. Von ihm stammt auch der folgende Ausspruch:

«Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.»

In der Musik sah er eine Verwandtschaft mit dem Werden und Vergehen des Lebens, wellengleich. Dies wollte er auch mit seiner Philosophie in Worten einfangen, versuchte durch sie ebenso Lebensgrundlage zu schaffen, wie er diese in der Musik fand – es wollte nicht gelingen. Dass Nietzsche auch dichtete, ist weniger bekannt, obwohl doch rund 700 Gedichte von ihm existieren. Es ist gar kein langer Weg von der Musik zur Lyrik, ist die Lyrik doch der Musik verwandt auf eine Weise. Nicht nur ist die Lyrik oft Grundlage für wundervolle Vertonungen, ein Gedicht trägt auch oft eine Melodie und einen Rhythmus in sich. Das Verhältnis von Musik und Sprache zeigt sich in folgendem Gedicht von Nietzsche deutlich:

An der Brücke stand
Jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
goldener Tropfen quoll’s
über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik –
trunken schwamm’s in die Dämmerung hinaus…

Meine Seele, ein Saitenspiel,
sang sich, unsichtbar berührt,
heimlich ein Gondellied dazu,
zitternd vor bunter Seligkeit.
– Hört Jemand ihr zu?…

Während von fern ein Gesang ertönt, schwingt die Seele, selber ein Saitenspiel, mit, sie singt ihr «Gondellied».

In vielen seiner Schriften hat Nietzsche die zentralen Gedanken als Gedichte oder Lieder geformt. Es ging ihm darum, dem Ganzen die Schwere zu nehmen, eine Leichtigkeit hineinzubringen, welche nicht von Worten erschlagen wird. Ein Beispiel dafür findet sich im Zarathustra:

Das trunkene Lied

Eins!
Oh Mensch! Gib acht!
Zwei!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Drei!
«Ich schlief, ich schlief -,
Vier!
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Fünf!
Die Welt ist tief,
Sechs!
Und tiefer als der Tag gedacht.
Sieben!
Tief ist ihr Weh -,
Acht!
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Neun!
Weh spricht: Vergeh!
Zehn!
«Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Elf!
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!»
Zwölf!»

Gustav Mahler hat dieses Gedicht als vierten Satz in seiner Dritten Sinfonie vertont.

Friedrich Nietzsche provozierte immer wieder. Er liebte es, Systeme aufzubrechen, Grenzen zu überschreiten, aufzubrechen in neue Gedanken. Er durchleuchtete geltende Werte, beerdigte Ideologien, tötete Gott. Damit nahm er dem Menschen den Halt im Aussen, es ging darum, die Eigenverantwortung hochzuhalten. In allem war Nietzsche allerdings nie eindeutig, sondern viel mehr voller Widersprüche, schwer fassbar, kaum einzuordnen – ein Pendler zwischen den Welten der Kunst, der Wissenschaft, der Philosophie, ein eigenwilliger Individualist.

Entschluss

Will weise sein, weil’s mir gefällt,
und nicht auf fremden Ruf.
Ich lobe Gott, weil Gott die Welt
so dumm als möglich schuf.

Und wenn ich selber meine Bahn
so krumm als möglich lauf’ –
der Weiseste fing damit an,
der Narr – hört damit auf.

Zu glauben, dass Nietzsche diesen doch immer einsameren Weg ohne Probleme ging, wäre allerdings falsch, er litt selber unter seinen vielen Spaltungen.

Pinie und Blitz

Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;
und sprech’ ich – niemand spricht mit mir.

Zu einsam wuchs ich und zu hoch –
ich warte: worauf wart’ ich doch?

Zu nah’ ist mir der Wolken Sitz, –
ich warte auf den ersten Blitz.

Die sozialen Beziehungen schwanden mehr und mehr, zerstörerische Phantasien nahmen zu, der Wahnsinn ergriff ihn immer stärker. Die psychischen Probleme hinderten ihn immer mehr am Arbeiten, die letzten zehn Jahre verbrachte er als Pflegefall. Friedrich Nietzsche wurde nur gerade 55 Jahre alt, sein Werk aber ist unsterblich.

Lebensregeln

Das Leben gern zu leben,
musst du darüber steh’n!
Drum lerne dich erheben!
Drum lerne – abwärts seh’n!

***

Den edelsten der Triebe
veredle mit Bedachtung:
zu jedem Kilo Liebe
nimm ein Gran Verachtung