Moral, Künstler und Kunst

Wir haben als Menschen gewisse moralische Grundsätze. Die besagen, was geht und was eben nicht geht. Das ändert mit der Zeit, ist auch nicht an allen Orten gleich, aber Menschen, die zur gleichen Zeit im gleichen Kulturkreis leben, teilen mehrheitlich dieselben moralischen Grundsätze.

Seit es Menschen gibt, gibt es auch Kunst – in irgendeiner Form. Über Sinn und Zweck derselben streitet man zwar ab und an, aber jeder geniesst sie in irgendeiner Form und das ist Grund genug, sie weiterleben zu lassen. Kunst wird von Menschen produziert, wir nennen sie Künstler. Da sie aber Menschen bleiben, haben sie auch menschliche Eigenschaften – und damit ihre Abgründe. Was, wenn ein solcher Abgrund offengelegt wird? Was, wenn plötzlich ein Künstler einer Tat bezichtigt wird, die unseren moralischen Grundsätzen widerspricht? Betrifft das nur sein Menschsein oder aber auch seine Kunst?

Darf man Kunst eines Menschen, der sich moralisch verwerflich verhielt, noch geniessen?

Polanski hat Mädchen sexuell ausgenutzt. Weinstein stand vor kurzem am Pranger. Nun haben wir noch Kevin Spacey, Michael Jackson stand praktisch immer unter Verdacht. Das sind ein paar Namen, die mir grad einfallen, es gibt sicher viele mehr und: Es gibt ganz sicher eine enorme Dunkelziffer. Denn die Namen kennen wir ja erst, wenn jemand redet. Die Maschinerie des Schweigens funktioniert oft gut. Zu gut.

Wenn wir alle Filme von Filmproduzenten, welche übergriffig wurden, boykottieren, fällt schon mal eine grosse Bandbreite weg – darunter Filme, die Kultstatus erreichten (gerade fällt mir noch Woody Allen ein….Bing Crosby). Es gibt ja auch nicht nur Missbrauch – was ist mit Scientology? Würde man Sekten verurteilen moralisch, wären alle Filme mit Anhängern der Sekte tabu. Und: Gilt nur Moral oder auch Recht? Wie ist es mit Steuerhinterziehung? Betrug (in welcher Form auch immer)?

Der Ruf zum Boykott ist verständlich. Man will keinen Menschen „belohnen“, der sich unmoralisch verhalten hat. Man will keinem in die Hände spielen, der Blut an diesen kleben hat. Man möchte integer sein. Man hat Werte. Ansprüche. Und das ist gut so. Nur so funktioniert ein Miteinander, eine Gesellschaft. Aber:

Die Welt ist nicht schwarz-weiss, sie hat leider ganz viele Schattierungen und die machen es verdammt schwer, in ihr zu leben und zu urteilen. Auch einer, der moralisch ein Schwein ist, kann einen künstlerischen Blick auf Dinge haben, der toll ist, der tief ist, der wahr ist. Wenn man diesen anerkennt, akzeptiert man nicht gleich sein moralisches Vergehen mit.

Das Kunstwerk entstand nicht im luftleeren Raum. Es entstand in und durch den Menschen, der durch sein anderes Tun ein Ekel, ein unmoralischer Mensch, ein Betrüger oder was auch immer ist. Aber wenn er es geschaffen hat, steht es auch für sich. Als Kunst. Das vollendete Werk ist vom Künstler losgelassen. Er wendet sich dann Neuem zu. Das sagen ganz viele Künstler über ihre Werke: Sie brüten und schaffen – dann lassen sie los. Und dann passiert ja auch viel damit durch die Reaktionen der Betrachter. Das Werk gehört quasi ihnen, da sie dann daraus durch die Rezeption was machen.

Drum schaue und höre ich mir weiter Werke von Künstlern an, die ich moralisch fragwürdig finde. Ich neigte noch nie zum Fan-Kult. Mir ist relativ egal, wer hinter einem Werk steht. Entweder es überzeugt mich oder nicht. Das gibt den Ausschlag, ob es meine Zeit wert ist – oder nicht. Wie haltet ihr das?

4 Comments

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  1. Die Frage stellt sich mir leider nicht, denn sobald ich davon überzeugt bin, dass ein Künstler kriminell ist oder schwer moralisch versagt hat (wie z.B. Tom Cruise) kann ich die Werke derjenigen nicht mehr wahrnehmen ohne an diese Gegebenheiten zu denken und damit kann ich mich dem Werk nicht mehr zuwenden.

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  2. Also mit Tom Cruise konnte ich noch nie viel anfangen und wegen seiner Sektiererei hätte ich weniger Probleme einen Film mit ihm anzuschauen. Bei Künstlern wie Woody Allen aber bekomme ich Beklemmungen, weil ich den sehr gern mochte. Es gibt Künstler, die sund so sehr mit ihrem Werk verbunden, dass dieses mit ihrem Verbrennen auch verbrennt. Ob jetzt Andy Warhole oder Tom Waits. Da gehört die Extravaganz dazu und nacht das Kunstwerk. Ein anderes Beispiel ist Albert Speer Senior. Seine Architktur kann man nie mehr neutral bewerten. Grüße Wolfgang

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