Ilona Hartmann: Land in Sicht


„Willkommen an Bord. Das hier müssen Sie noch ausfüllen.“ Sie schiebt ein Klemmbrett mit einem Formular und einem Kugelschreiber über den Tresen. Mit klammen Fingern greife ich danach und trage zittrig einen Namen ein, von dem ich hoffe, dass es meiner ist. Jana Bühler, wahrscheinlich 24 Jahre alt, wohnhaft irgendwo, Adresse vergessen.

Jana wächst alleine mit ihrer Mutter auf, einen Vater vermisst sie nie, im Gegenteil, es ist ihr nicht ganz klar, was so ein Mann im Leben überhaupt tun könnte, zumal ihre Mutter ja schon alles macht. Väter kennt Jana nur aus Filmen und von Freundinnen – aus diesen baute sie sich ihr Vaterbild zusammen. Und irgendwann kommt doch die Sehnsucht in ihr Leben, den eigenen Vater kennenzulernen.

Ich muss meinen Vater finden und kennenlernen, sagte ich mir, sonst bleibe ich vielleicht für immer nur halb – halb ich, halb da, halb am Leben.

Kurze Zeit später findet sich Jana auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Donau wieder unter lauter älteren Menschen, dem üblichen Publikum solcher Schifffahrten. Ihr Vater ist der Kapitän und sie hat nun sechs Tage Zeit, ihn näher zu betrachten…. und dann? Wird sie sich zu erkennen geben? Was könnte das schlimmste sein, was passiert? Was das beste?

Ilona Hartmann schreibt mit „Land in Sicht“ die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln. Sie tut dies in einer klaren, präzisen Sprache, mit lapidaren Untertönen, hingeworfenen Witzen, schonungslos ehrlichen Beobachtungen, die sie in ebensolche Worte packt. Auf diese Weise gelingt es ihr, Jana lebendig werden zu lassen, man glaubt als Leser, sie zu kennen, so stimmig, so fassbar tritt sie einem entgegen durch diese so authentisch wirkende Sprache.

Jana trifft auf dieser Reise nicht nur ihren Vater, sie wird auch mit vielen eigenen Vorurteilen, Vorstellungen konfrontiert, die sie revidieren muss. Und sie wird immer wieder auf sich selber zurück geworfen, erkennt, was sie nicht wahrhaben wollte. Das Buch sticht nicht wirklich tief, es bleibt immer ein wenig an der Oberfläche, auch wenn man Tiefen zwischen den Zeilen spüren (oder vermuten) kann. Dadurch bleibt es kurzweilig und gut lesbar, eine unterhaltsame Lektüre, die einen doch auch dann und wann mit Fragezeichen zurück lässt.

Fazit:
Ein kurzweiliges, gut lesbares Buch über die Suche einer jungen Frau nach ihren Wurzeln und auch nach sich selber. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Ilona Hartmann ist freie Autorin und Texterin. Geboren 1990 bei Stuttgart zog sie direkt nach dem Abitur erst nach Leipzig und dann nach Berlin, vor allem aber ins Internet, wo sie bis heute lebt. “Land in Sicht” ist ihr erster Roman. Texte von ihr finden sich regelmäßig auf ZEIT Online, in Der Freitag und auf Twitter. Instagram @ilona_hartmann Twitter @zirkuspony  

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Blumenbar(21. Juli 2020)
ISBN-Nr.: 978-3351050764
Preis: EUR 18 / CHF 27.90

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Bas Kast: Das Buch eines Sommers

Werde, der du bist

„Was an ihm war es, das mich so faszinierte? War es die schlichte Tatsache, dass er Schriftsteller war und ich das damals selbst auch so gern werden wollte?

In jungen Jahren war es klar: Nicolas wollte Schriftsteller werden wie sein skurriler Onkel, der von seinem Vater belächelt, von ihm verehrt wurde. Als er nach dem Abi quasi die Welt offen hatte, auf Reisen gehen wollte, versank er im Liebeskummer und die Reise führte ihn schliesslich zu seinem Onkel aufs Land, wo er einen Sommer verbrachte. Schriftsteller wird er dann doch nicht, sondern er übernimmt pflichtbewusst das Geschäft seines Vaters, heiratet, wird Vater, wenn auch ein durch die Arbeitslast eher abwesender. Auch die Liebe läuft mehr nebenher, ist Nicolas doch hauptsächlich damit beschäftigt, das Familienunternehmen erfolgreich zu führen.

Plötzlich klingelt das Telefon, seine Frau: Valentin ist gestorben. Die kleine Familie bricht auf, um sich vor Ort um die Beerdigung und andere Formalitäten zu kümmern. Aus dieser Reise wird für Nicolas eine Reise zu sich selber. Ist er wirklich der geworden, der er sein will? Hat er seinen Traum verraten? Ihm fällt auf, dass er in den letzten Jahren nur noch durchs Leben gehetzt ist.

„Wer oder was hetzte mich eigentlich? Woher kam dieser Drang, jeden Moment bloss so schnell wie möglich hinter mich bringen zu müssen, nur, um zum nächsten Moment zu eilen, als würde dieser das grosse Glück für mich bereithalten?“

Doch: Hatte er eine Wahl gehabt? Wirklich? Wie viel an eigenen Idealen und Wünschen steckt in seinem jetzigen Leben? Ist das, was er führt, ein gelungenes Leben?

Nach seinem sehr erfolgreichen Sachbuch „Der Ernährungskompass“ ist „Das Buch eines Sommers“ Bas Kasts erster Roman und: Es ist ihm damit ein grossartiges Buch gelungen. Bas Kast erzählt sehr fein und leise die Geschichte eines Mannes, der sich selber wieder finden muss, weil er sich vor Jahren von sich entfernt hat – ohne dies selber zu merken. Es ist eine Geschichte einer Liebe, die Geschichte vom Erfolg, aber auch eine Geschichte über Verlust und Aufgabe. Nie wird psychologisiert, nie moralisiert, nie über Gebühr philosophiert, es wird erzählt. Und in diesem Erzählen wird der Leser mitgenommen auf eine Reise – im besten Fall auch zu sich selber.

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das einen an die Hand nimmt und auf eine Reise mitnimmt, die im besten Fall zu einem selber führt. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Bas Kast, geboren 1973 in Landau, Pfalz, ging in den Niederlanden, Deutschland und Kalifornien zur Schule, studierte Psychologie und Biologie unter anderem am MIT in Boston. Ursprünglich wollte er Hirnforscher werden oder zumindest etwas Vernünftiges tun, wandte sich dann aber dem Schreiben zu. ›Der Ernährungskompass‹ wurde ein Weltbestseller, den allein in Deutschland über eine Million Menschen gelesen haben. ›Das Buch eines Sommers‹ ist sein erster Roman und erschien 2020 im Diogenes Verlag. Kast schreibt herzzerreißend schön und mit großer Sachkenntnis.

Mehr Infos unter: baskast.de

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (23. September 2020)
ISBN-Nr.: 978-3257071504
Preis: EUR 22 / CHF 33.90

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Santiago Amigorena: Kein Ort ist fern genug

Nein, angemessen auf das Masslose zu reagieren, das war unmöglich. Und wer das von den Opfern verlangt, der müsste auch von dem an den Strand geworfenen Fisch verlangen, dass er sich prompt Beine wachsen lasse, um in sein feuchtes Element zurückzuspazieren. (Günther Anders, Wir Eichmannsöhne)

Vicente Rosenberg, ein polnischer Jude, welcher im ersten Weltkrieg tapfer für sein Land kämpfte, beschliesst im Jahr 1928, dieses zu verlassen und mit seinem Freund nach Argentinien auszuwandern. Das Leben ist schön. Vicente hält sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, lernt seine Traumfrau kennen, heiratet, Kinder kommen. Als liebevoller Vater, gut eingebundener Freund und durch den Schwiegervater zu einem Möbelhaus gekommener Geschäftsmann geht er durch die Tage und Jahre.

Polen ist weit weg, irgendwie vergessen – damit auch seine Familie da. Dann und wann nagt ein schlechtes Gewissen, er schreibt halbherzig Briefe und fordert die Mutter auf, auch nach Argentinien zu kommen zumal sich die Lage in Europa zuspitzt, Krieg ausbricht, die Juden mehr und mehr unter Druck sind. Irgendwann ist es zu spät, an ein Ausreisen ist nicht mehr zu denken. Die Briefe der Mutter kommen spärlicher, in Vicente regt sich immer mehr das Gewissen und Fragen stellen sich: Wer ist er eigentlich? Pole? Argentinier? Jude?

Nie hatte er sich als Jude gefühlt, diese Identität war ihm erst durch die Nazis auferlegt worden.

Wie alle Juden hatte Vicente geglaubt, vieles zu sein, bis die Nazis ihm zeigten, dass ihn tatsächlich nur eines charakterisierte: sein Jüdischsein. […] Wie viele Juden verstand Vicente allmöhlich, dass der Antisemitismus Semiten braucht, um existieren zu können, er begriff allmählich, dass ein Antisemit, der sich als solcher definiert, nicht dulden kann, dass ein Semit sich nicht selber so definiert.

Vicente zieht sich immer mehr zurück. Von allen Nachrichten, von seinen Freunden, von seiner Familie – und am Schluss von der Sprache. Er schweigt.

Kein Ort zu fern“ ist ein Buch über Identität, über Krieg, über den Umgang mit eigenem Leid, mit Schuld und mit dem eigenen Überleben, wenn andere sterben. Es ist ein Buch, das in die Tiefe geht, das Fragen stellt, wo es keine Antworten mehr gibt. Was soll man noch sagen im Angesicht des Unaussprechlichen? Was kann man sich noch vorstellen, wenn die Welt unvorstellbar und grausam wurde? Was ist ein Leben wert? Und darf einer ein Leben haben, wenn der andere es verliert? Und: Es ist eine wahre Geschichte, es ist die Geschichte von Santiago Amigorenas Grossvater.

Vor fünfundzwanzig Jahren habe ich begonnen zu schreiben, um das Schweigen zu bekämpfen, an dem ich seit meiner Geburt fast ersticke. Die Seiten, die Sie hier in Händen halten, liegen diesem mehrteiligen literarischen Projekt zugrunde.

Zu sagen, es sein ein wunderbares Buch, wäre zwar insofern richtig, als es tief geht, berührt, bewegt, gefühlvoll geschrieben ist, ohne weinerlich, psychologisierend oder moralisch zu werden. Da das Thema des Buches aber so aufwühlend, so verstörend ist, indem es die dunkelsten Zeiten der Vergangenheit, die grausamsten Seiten des Menschseins aufzeigt, wäre das Wort irreführend. Es bleibt zu sagen, dass es ein Buch ist, das von der ersten bis zur letzten Seite mitreisst und anregt – zum Denken, Hinterfragen, Mitfühlen.

Fazit:
Ein tiefes, bewegendes, mitreissendes Buch, das zum nachdenken, weiterdenken, sich und das Leben hinterfragen anregt. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Santiago Amigorena, 1962 in Buenos Aires geboren, lebt und arbeitet in Paris. Er ist Autor, Drehbuchautor und Filmemacher. „A few Days in September“ (2006) mit Juliette Binoche, die seine Partnerin war, und Nick Nolte wurde international gefeiert. Sein Roman „Kein Ort ist fern genug“ wurde in Frankreich zum Bestseller, war u. a. für den Prix Goncourt nominiert und erscheint in zwölf Ländern weltweit.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 184 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (21. Juli 2020)
ISBN-Nr.: 978-3351038311
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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Blake Gopnik: Warhol. Ein Leben als Kunst

Die Biographie

„Er konnte der Nation ihre eigene Kultur auf eine Art erklären, wie es nur ein Beobachter von aussen konnte, und zugleich formte er sie aus ihr heraus aktiv um.“

Kaum jemand, der Andy Warhols Siebdrucke von Stars, Konservendosen und anderen Gegenständen nicht kennt. Doch wer war der Mensch, der hinter all dem stand? Wie lebte er, was machte ihn aus? Andy Warhol selber konnte man da kaum fragen, hielt dieser sich doch äusserst bedeckt, was sein Privatleben anging. Die widersprüchlichen Antworten auf private Belange fangen beim Geburtsdatum an und ziehen sich durch alle Bereiche des persönlichen Lebens.

Blake Gopnik hat sich der Aufgabe angenommen, Licht ins Dunkel zu bringen. Nach eigenen Angaben arbeitete er sieben Jahre an dem Buch, interviewte fast 300 Menschen. Er schafft es dabei, Warhol sowohl als Menschen mit Fehlern und Schwächen zu porträtieren, als auch seinem Schaffen den geschuldeten Respekt zu zollen, den es im Rahmen der Kunstgeschichte verdient.

Angefangen bei seiner Kindheit in Pittsburgh als Sohn einer armen Bauernfamilie erzählt Gopnik auf mitreissende und nie langweilig anmutende Weise Warhols Lebensweg, lässt den Leser daran teilhaben, wie die einzelnen Etappen Warhols späteres Schaffen beeinflusst haben könnten. Nach einem sehr erfolgreichen Start in der Werbe- und Textilindustrie entschied sich Warhol für ein Leben als Künstler, nahm dabei aber viel seiner früheren Arbeit mit.

„Warhol überbrückte den Graben zwischen unterschiedlichen Medien (Fotografie, Malerei, Druck) ebenso wie den zwischen „geringwertigen“ und „hochwertigen“ Kunstdisziplinen (Illustration und bildende Kunst), und die Konzeption hatte bei ihm stets Vorrang vor der technischen Umsetzung.“

Überhaupt war Warhol ein Meister des Grenzen Abtragens. Auch die Grenze zwischen Leben und Kunst schwand mehr und mehr, Warhol erschuf sich quasi als sein eigenes Kunstwerk, als welcher er durchs Leben ging.

Ab den 1960er Jahren konzentrierte sich Andy Warhol hauptsächlich auf seine zweite Leidenschaft: Filme. Dabei bewegte er sich aber weit ab von Hollywood- Filmen. Mit einer Filmkamera hielt er das Leben und die Menschen um sich fest. So filmte er zum Beispiel John Giorno über vier Stunden beim Schlafen. Nach dem Film und der Malerei weitete Warhol nach und nach sein Experimentierfeld aus, stiess in den Bereich der Musik vor, nahm einen Anlauf, Buchautor zu werden, auch ein Theaterstück entstand aus seiner Feder.

Ein Leben wie ein Kunstwerk – darauf deutet der Untertitel des Buches hin, der Inhalt belegt es auf eindrückliche Weise. Entstanden ist ein sehr umfassendes Buch über einen seine Zeit (und auch die kunstgeschichtliche Nachwelt) prägenden Künstler sowie ein Zeitdokument in sozialer, kunsthistorischer und auch politischer Hinsicht. Gopnik hat sich einer grossen Herausforderung gestellt, ein so umfassendes und vielschichtiges Leben mit seinen unzähligen Tiefen und Geheimnissen zusammengetragen. Durch seinen flüssigen und mitreissenden Erzählstil gelingt es ihm, den Leser von der ersten Seite an in den Bann zu ziehen und ihn nicht mehr loszulassen.

Fazit:
Ein Standardwerk – Genauer und detaillierter kann man das Leben und Schaffen eines Künstlers nicht erzählen. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 1232 Seiten
Verlag: Bertelsmann Verlag (9. November 2020)
ISBN-Nr.: 978-3570102077
Preis: EUR 48 / CHF 65.90

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Rezension – Aljoscha Blau: Multitalent Gouache

Klassische Technik neu entdeckt: Upgrade für Design und Illustration

Es war einmal ein kleines Mädchen, das beklagte sich so sehr, dass sein grosser Bruder alle Anerkennung abkriegt, während es im stillen Kämmerchen sein Dasein fristet und völlig unterschätzt wird. So etwa könnte das Märchen über die Protagonistin des Buches klingen, von dem diese Rezension handeln soll: Gouache.

Während Aquarell/Wasserfarben sich ihren Platz am Künstlertisch erkämpft haben und sich einer grossen Anhängerschaft erfreuen, fristet Gouache ein noch immer eher stiefmütterliches Ansehen. Ob dies darauf zurück zu führen ist, dass man kaum Anleitungen findet, wie man mit dem Medium umgehen soll, oder aber die mangelnden Anleitungen zum unterschätzten Stellenwert führen, ist so klar zu beantworten wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Langer Rede kurzer Sinn: Es gibt Abhilfe. Aljoscha Blau hat sich der Gouache angenommen und ein Buch geschrieben. Er selber hat ein solches Buch in seiner Ausbildung vermisst, nun schenkt er es uns. Dabei ist er sich bewusst:
Es mag für einen Autor paradox klingen, aber ich glaube, dass man aus einem Buch nur ansatzweise lernt. Aber woran ich fest glaube ist, dass Lernen mit dem Buch und einem Stift (oder Pinsel) in der Hand im Gegenteil wunderbar funktionieren kann. […] Lassen sie sich von dem, was Sie in diesem Buch entdecken, inspirieren und wenn eine bestimmte Technik Sie anspricht, probieren Sie sie aus.
Aljoscha Blau geht zuerst auf die Geschichte der Gouache ein und erläutert dann das Material von der Farbe über die Pinsel zum Papier sowie Zubehör. Es folgen verschiedene Techniken und Anwendungsbeispiele. Alles – wie könnte es bei dem Autoren anders sein – wunderbar illustriert, so dass man immer mal wieder versucht ist, den eigenen Pinsel wegzulegen und die Bilder zu geniessen. Dies soll aber keine Abzugspunkte geben, dies ist die Sahnehaube, denn: An gut erklärten Beispielen zeigt Aljoscha Blau die Herangehensweise an ein Bild, die verschiedenen Schritte mit den nötigen Materialien. Wer also – wie empfohlen – mit Stift oder Pinsel dasitzt und loslegt, der findet in dem Buch wunderbare Anleitungen und Inspirationen.

Ein wunderbares Buch, das grossartig illustriert, mit einem stilvollen Layout und hochwertiger Gestaltung daher kommt.

Fazit:
Ein grossartiges Buch, das sowohl vom Inhalt als auch von der Aufmachung her überzeugt. Alles, was man zum Thema Gouache wissen muss, wird in lesbarer und fundierter Weise vorgestellt und wunderbar illustriert. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Aljoscha Blau
Aljoscha Blau, geboren 1972 in St. Petersburg, wuchs dort in einer Künstlerfamilie auf und kam ein halbes Jahr nach dem Mauerfall 1990 nach Deutschland. Er studierte an der FH für Gestaltung Illustration und freie Grafik und veröffentlichte bereits als Student seine ersten Bücher. Heute lebt Aljoscha Blau in Berlin und arbeitet als Illustrator für deutsche und internationale Verlage. Er hat über 60 Bücher illustriert, viele davon wurden mit wichtigsten deutschen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Darunter zählen der Deutsche Jugendliteraturpreis, German Design Award Gold, Bologna Ragazzi Award, Österreichischer Staatspreis u.a. Neben seiner künstlerischen Arbeit unterrichtet Aljoscha Blau als Gastprofessor an den Kunsthochschulen in Deutschland, Dänemark, Schweiz, Italien.

Buchtipp: Das Dschungelbuch

Videoporträt: Bösner Kunstportal

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Verlag Hermann Schmidt (23. Januar 2020)
ISBN-Nr.: 978-3874399166
Preis: EUR 32 / CHF 43.90

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Husch Josten: Land sehen

Der Anruf kam im Juni des Sommers, da man viel vom Bienensterben sprach und Mücken nicht totzukriegen waren. Kurz nach Fronleichnam, von einem unbekannten Anschluss, gegen drei Uhr morgens.

Hora, eigentlich Horand Roth, Literaturprofessor und eher zurückgezogen, staunt nicht schlecht, als eines Morgens das Telefon klingelt und sein lange verschwundener Onkel Georg am Draht ist. Hora erinnert sich noch an gemeinsame Stunden am Klavier, an das wilde Leben des Onkels, an seine unkonventionellen Ansichten. Nach einem kurzen Austausch, bei welchem Georg eröffnet, dass er als Mönch einem Orden beigetreten ist, Hora aber mit dieser Information und vielen offenen Fragen zurück lässt, verspricht Georg, sich wieder zu melden, was er drei Wochen später auch tut und vor der Horas Universität steht. Die Überraschung ist gross, als Georg eröffnet, dass er eine Weile in der Gegend bleiben will.

Es entsteht eine enge Beziehung zwischen den beiden Männern, bei regelmässigen Treffen reden sie über Themen wie Glaube, was er ist, über die Liebe, das Leben. Sie erinnern sich an die Vergangenheit und doch erfährt Hora weniger, als er gerne erfahren würde. Er ist auf der Suche nach Antworten, die nur zögerlich kommen. Und doch fügt sich langsam, Stein für Stein, das Mosaik der Vergangenheit zusammen, Familiengeheimnisse kommen ans Licht – und lassen alle Beteiligten nicht unberührt.

Ein sehr feinfühlig geschriebener Roman über die Liebe, über Familien, über Familiengeschichten und die eigenen Muster, die man aus diesen zieht. Ein Buch über die Liebe, über den Glauben, ein Buch über Freundschaft und Loyalität.

Nach einer langen Leseflaute war dies das erste Buch, das mich wieder packte. Wie gerne hätte ich noch lange weitergelesen. Das Ende des Buches war ein Abschied, mir durch die Erzählung ans Herz gewachsene Menschen verschwanden wieder aus meinem Leben.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Husch Josten
Husch Josten, geboren 1969, studierte Geschichte und Staatsrecht in Köln und Paris. Sie volontierte und arbeitete als Journalistin in beiden Städten, bis sie Mitte der 2000er-Jahre nach London zog, wo sie als Autorin für Tageszeitungen und Magazine tätig war. 2011 debütierte sie mit dem Roman »In Sachen Joseph«, der für den Aspekte-Literaturpreis nominiert wurde. 2012 legte sie den vielgelobten Nachfolger »Das Glück von Frau Pfeiffer« vor und 2013 den Geschichtenband »Fragen Sie nach Fritz«. 2014 erschien »Der tadellose Herr Taft« sowie zuletzt die Romane »Hier sind Drachen« (2017) und »Land sehen« (2018) im Berlin Verlag. Jüngst wurde ihr der renommierte Literaturpreis der Konrad Adenauer Stiftung (2019) verliehen. Husch Josten lebt heute wieder in Köln.

Angaben zum Buch:
Gebundene Auagabe: 240 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (1. August 2018)
ISBN-Nr.: 978-3827013798
Preis: EUR  20 / CHF 31.90

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Rezension: Mark Franley – Schmutzige Seelen

Als ihr irgendwann die Sinne schwanden und der Kopf nach vorne überkippte, hatte er endlich von ihr abgelassen und deutlich ruhiger als zuvor gefragt: »Hast du es jetzt verstanden?«
Nun saß sie da, schmeckte den Schweiß, die Tränen und das Blut im Mund. Die Schläge schienen in ihren Ohren nachzuhallen. Ja, sie hatte seine Worte verstanden. Doch die Forderung war so ungeheuer, dass sich ihr Kopf weigerte, auch nur darüber nachzudenken.

FranleyRuben Hattinger macht Ferien mit seiner Familie, was selten genug vorkommt, als es vor Ort zu einem grausamen Verbrechen kommt – Sein Berufseifer ist geweckt, er macht sich an die Ermittlungen. Unterstützt wird er dabei von der ortsansässigen Oberkommissarin, die einerseits von seiner Beobachtungsgabe beeindruckt ist, sich andererseits nicht zu selten über seine exzentrische, wenig zugängliche und auch mal schroffe Art wundert. Vor allem mit dem Wundern steht sie nicht alleine, da sich Hattinger durch seine wenig zugängliche Art nicht nur Freunde macht.

Aus einem Fall wird schnell eine Serie, Verdächtige sind schnell gefunden, dann auch ein Täter. Nur: Hattinger ist sich nicht sicher, ob sie sich nicht irrten. Sein Verdacht gilt einem anderen, einem, dem man nichts nachweisen kann, einer, der über alles erhaben scheint. Hat er sich verrannt?

Nach einer sehr langen Lesepause, was Literatur und Krimis anbelangt, war dies mein erster Griff ins Regal und ich wurde nicht enttäuscht. Von der ersten Seite packte mich die Geschichte, deren Plot schlüssig und mit dem nötigen Spannungsbogen versehen ist. Die plastischen Charaktere, die durch ihre verschiedenen Facetten sehr authentisch erscheinen, haben den Sog, den die Geschichte ausübte, noch verstärkt.

Die sehr detaillierten sexuellen Szenen hätte es für meinen Geschmack nicht gebraucht, sie taten dem Buch aber auch keinen Abbruch. Die Verbrechen schlugen dafür in die andere Richtung aus, liessen an Perfidität und Grausamkeit wenig Luft nach oben. Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Thriller, den man so leicht nicht mehr aus der Hand legt.
Fazit:
Scmutzige Seelen ist ein Krimi, der einen durch einen stimmigen Plot und plastische Figuren kaum mehr loslässt – ein wahrer Pageturner. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor: Mark Franley
1972 in Nürnberg geboren, ist Mark Franley bis heute seiner Heimat treu geblieben. Inspiriert durch die lange und oftmals auch dunkle Geschichte seiner Stadt, wird diese zur perfekten Kulisse für das, was einen guten Psychothriller ausmacht.
Die Eigenschaft mit offenen Augen durch die Welt zu laufen, spiegelt sich in all seinen Geschichten wieder und erklärt sicherlich auch seinen Erfolg.
Immer wieder finden sich gesellschaftliche Themen, geschickt eingebettet in fiktive Geschichten, und regen so zum Nachdenken an. Einige kurze, prägnante Sätze genügen, um den Leser in eine andere Welt zu holen und ihn dort festzuhalten. Spannung ist in jedem Fall garantiert!

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 383 Seiten
Edition M (27. August 2019)
ISBN-Nr.: 978-2919807505
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

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Alois Prinz: Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt

Ich habe meine ganze Kindheit und halbe Jugend aber doch mehr oder weniger so getan, als ob es für mich das Leichteste und Selbstverständlichste auf der Welt sein würde, sozusagen das Natürliche, allen Erwartungen zu entsprechen. Vielleicht aus Schwäche, vielleicht aus Mitleid, aber ganz sicher, weil ich mir nicht zu helfen wusste.

Diese Worte schrieb Hannah Arendt als schon erwachsene Frau ihrem Mann Heinrich Blücher. Hannah Arendt wurde als Tochter jüdischer Eltern geboren und wuchs in Königsberg auf. Als sie sieben Jahre alt ist, stirbt zuerst ihr geliebter Grossvater, danach ihr Vater. Nach dem Besuch einer Privatschule (es gab noch keine staatlichen Schulen für Mädchen) studierte sie in Marburg bei Martin Heidegger, zu welchem sie eine geschichtsträchtige Beziehung pflegte, und in Heidelberg bei Karl Jaspers Philosophie, schloss das Studium mit einer Promotionsarbeit zum Liebesbegriff bei Augustin ab.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang sie zur Flucht nach Frankreich, wo sie im Lager Gurs interniert wurde. Sie konnte fliehen und entkam mit Heinrich Blücher, ihrem zweiten Ehemann und ihrer Mutter nach New York. Die ersten Jahre waren finanziell eng, was sich erst nach dem Erscheinen von Hannah Arendts erstem Buch über den Totalitarismus änderte. Darauf folgten Vorträge und Vorlesungen an Universitäten. Zweideutige Berühmtheit erlangte sie mit ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess, in dem sie die „Banalität des Bösen“ beschreibt. Diese Formulierung und ihre Beschreibung der Arbeit der Judenräte in den Konzentrationslagern kostete sie manche Freundschaft und schaffte viele Feindschaften.

Das Buch zum Eichmann-Prozess versinnbildlichte aber auch einen ganz wesentlichen Zug Hannah Arendts: Ihre unnachgiebige und unbarmherzige Suche nach der Wahrheit. Sie liess sich im Denken auf keine Konzessionen oder Kompromisse ein, sie war nicht auf Wirkung aus, sondern auf Inhalt. Es ging ihr darum, die Welt zu verstehen und nicht um Ruhm oder Ehre. Dafür wollte sie ohne Geländer denken, frei und in alle Richtungen.

Alois Prinz vermittelt in seinem Buch über die grosse Denkerin ein umfassendes Bild ihrer Person und ihres Umfelds. Er bettet diese ein in das politische Umfeld der jeweiligen Zeit. Diese Vielfalt an Themen und Personen nebst Hintergrundinformationen zu allem lässt das Buch ab und an sprunghaft wirken, es behandelt sehr viele Nebenschauplätze und lässt vor allem am Anfang Hannah Arendt ein wenig kurz kommen. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass Hannah Arendt erst mit 44 ihr erstes prägendes Werk (The Origins of Totalitarianism) auf den Markt brachte. Da Hannah Arendt die Meinung vertrat, dass der Mensch sich in seinem und durch sein Umfeld entwickelt und auch kennen lernt, ist dieses Umfeld auch für das Verständnis dieser Person wichtig und nötig. So gesehen hat sich Alois Prinz in der Methode seiner Darstellung von Hannah Arendt an die Philosophin selber gehalten.

Alois Prinz gelingt es, kurz und knapp die wichtigen Ströme von Hannah Arendts Denken und Schaffen verständlich aber nicht simplifiziert darzustellen und dem Leser so einen Einblick in ihre Philosophie zu geben. Daneben zeichnet er durch Briefausschnitte, Selbstbeschreibungen und Beschreibungen anderer ein plastisches Bild einer menschenfreundlichen, liebenswerten und dabei auch ab und an kühlen, harschen und arrogant wirkenden Frau, die einen messerscharfen Verstand und eine grosse Liebe zur Wahrheit hatte.

Fazit:
Eine gelungene Darstellung des Lebens und Wirkens einer herausragenden und faszinierenden Frau.
Zum Autor:
Alois Prinz
Alois Prinz ist 1958 in Wurmannsquick geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur ging er nach München, um dort Germanistik, Politologie, Philosophie und Kommunikationswissenschaften zu studieren. Parallel dazu absolvierte er eine journalistische Ausbildung und promovierte 1988 mit einer Arbeit über die 68er Studentenbewegung und ihren Einfluss auf die Literatur. Bis 1994 arbeitete er als freier Journalist und verfasste wissenschaftliche Texte. Alois Prinz lebt heute als Schriftsteller mit seiner Familie in einem kleinen Ort südlich von München. Von ihm erschienen sind unter anderem Biographien von Georg Forster (1997), Hannah Arendt (1998), Hermann Hesse (2000), Franz Kafka (2005),Josef Goebbels (2011).

PrinzArendtAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 326 Seiten
Verlag: Insel Verlag (9. Auflage 9. Dezember 2012)
ISBN-Nr: 978-3458358725
Preis: EUR 10; CHF 15.90

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Wolfgang Huber: Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens

Ethik und Moral im Leben von Geburt bis Tod

Ethik ist die Reflexion menschlicher Lebensführung. Unter den drei Grundfragen des Philosophen Immanuel Kant – Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? – steht die zweite im Zentrum.

Wolfgang Huber beschäftigt sich mit den wichtigen Fragen menschlichen Lebens zwischen Geburt (sogar davor) und Tod. Was ist Freiheit und wie weit kann sie gehen? Was schulde ich anderen, was mir selber? Wo fängt das Leben an, wie weit darf die Wissenschaft gehen?

Die Frage „Was soll ich tun?“ stellt sich, weil sich die Antwort nicht durch die Instinktsteuerung menschlichen Handelns von selbst ergibt. Der Mensch kann vielmehr zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen. Doch seine Selbstbestimmung ist an Grenzen gebunden, über die in der Geschichte des Denkens immer wieder gestritten wird. Ginge man von einer vollständigen Determiniertheit des menschlichen Handelns aus, bräuchte man nach der Ethik gar nicht mehr zu fragen. Insofern handelt die Ethik von der Möglichkeit eines Lebens aus Freiheit.

Kompetent und mit Verweisen auf die ganze Breite der abendländischen Philosophie von Aristoteles bis Sen und Nussbaum, zeichnet Wolfgang Huber ein Bild ethischen und moralischen Handelns, weist dabei auf die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen Moral und Ethik hin.

[…] Ronald Dworkin: „Moralische Massstäbe schreiben vor, wie wir andere behandeln sollen; ethische Massstäbe, wie wir selbst leben sollen […] Die Reihenfolge dieser beiden Definitionen enthält zugleich eine Rangfolge. Zwar kann man die Verantwortung für das Gelingen des eigenen Lebens als unsere wichtigste Aufgabe ansehen; aber diese Verantwortung können wir nur wahrnehmen, wenn wir zugleich mit der eigenen Würde auch die Würde der anderen achten.

Neben den Bezügen auf die Philosophie verweist Huber immer auch auf die jüdisch-christliche Tradition und behandelt die gestellten Fragen aus der Sicht des Bezugs auf Gott. Das Buch ist aus diesem Grund eher ungeeignet für Menschen, die an die Existenz eines solchen nicht glauben. Zwar kann man die Passagen überspringen und findet noch immer viel Anregendes und Tiefgründiges in dem Buch, allerdings werden einige Fragen nur aus religiöser Sicht beantwortet, der Autor bleibt die philosophische Sicht schuldig. Nichtsdestotrotz bleibt zu sagen, dass das Buch seiner Fragestellung gerecht wird, dass es wichtige und aktuelle Fragen auf eine fundierte und trotzdem gut lesbare Weise beantwortet, dabei nicht an Hinweisen auf weiterführende Literatur spart und somit eine gute Grundlage bietet, sich selber mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und vielleicht noch mehr in die Tiefe zu gehen bei einzelnen.

Fazit:
Wolfgang Huber geht auf tiefgründige und kompetente Weise auf die Fragen des Lebens zwischen Geburt und Tod ein, beleuchtet sich aus philosophischer und theologischer Sicht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Wolfgang Huber, geb. 1942, Professor für Theologie in Berlin und Heidelberg, ist Fellow des Stellenbosch Institute for Advanced Study in Südafrika, Mitglied des Deutschen Ethikrats und war 1994 – 2009 Bischof in Berlin sowie 2003 – 2009 Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der profilierte Vordenker in ethischen Fragen wurde vielfach ausgezeichnet und geehrt, u. a. mit dem Max-Friedländer-Preis, dem Karl-Barth-Preis und dem Reuchlin-Preis.

Angaben zum Buch:
ethikGebundene Ausgabe: 310 Seiten
Verlag: C.H. Beck Verlag (26. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3406655609
Preis: EUR: 19.95 ; CHF 32.90

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Otfried Höffe: Ethik. Eine Einführung

Was ist Ethik und wozu brauchen wir sie? Ist Ethik eine universelle Grösse oder verändert sie sich im Laufe der Zeit? Entspringt die Ethik der (menschlichen) Natur oder ist sie eine Schöpfung des menschlichen Geistes?

Diesen und anderen Fragen geht Otfried Höffe in diesem schmalen Band nach. Er beginnt bei der Begriffsdefinition und leitet ausgehend vom Ursprung „ethos“ drei Bedeutungen ab:

  1. der gewohnte Ort des Lebens, welche den Menschen in ein Kontinuum der Natur versetzt
  2. Inbegriff von Institutionen, Gewohnheiten und Sitten
  3. Die Art und Weise der Lebensführung

Die verschiedenen Bedeutungen greifen dabei ineinander über, es gibt keine klaren Grenzen.

In einem nächsten Schritt beleuchtet Höffe die anthropologischen Grundlagen und damit die Frage nach den biologischen, einschliesslich der neurobiologischen Eigentümlichkeiten, welche dafür verantwortlich sind, dass der Mensch ein Moralwesen wird. Die Moral hat einen Sollenscharakter nicht nur im vertrauten Sinne, sondern in einem grundlegenden:

Die Moral tritt nicht nur in Gestalt von vernunftbegründetem Sollen, einem Imperativ, auf. Vielmehr liegt schon ihrer Entfaltung ein deshalb noch basalerer Imperativ zugrunde. Das zur Moral fähige Wesen Mensch ist sowohl als Gattung als auch als Gruppe und als Individuum aufgefordert, sich von einem nur potentiellen zu einem aktualen Moralwesen zu entwickeln.

Es folgt die Analyse der menschlichen Eigenschaften wie die Suche nach Anerkennung, Neid, Eifersucht, Rache, Sympathie sowie von Bewertungsmassstäben wie gut und böse, Recht und Unrecht sowie Scham. Die positive Moral, welche sich entwickelte, setzte einen normativen Grundrahmen für den Menschen. Fazit der anthropologischen Betrachtung der Moral ist, dass sie eine Mischung aus Sollen, Bedürfnis und Sein ist:

Der seiner Biologie nach weltoffene, aber auch gefährdete Mensch (Bedürfnis)braucht wirksame Verbindlichkeiten (positive Moral: Sein), die die Intelligenz auf ihr Gutsein, letztlich auf ein uneingeschränktes Gutsein (Sollen) zu befragen erlaubt.

In der Folge behandelt Höffe Fragen des Guten und des Bösen, setzt sich mit der praktischen Philosophie im Allgemeinen auseinander und bestimmt die Methoden und deren Vielfalt im Zuge der Ethik, welche Teilgebiet der praktischen Philosophie ist. Es geht weiter mit Handlungstheorie, wobei er sich mit dem freien Handeln auseinandersetzt, welches bewusst und freiwillig passieren muss, um den so Handelnden als Urheber der Handlung und damit als verantwortlich und zur Moral fähig zu erachten.

Höffe nennt vier Grundmodelle/Prinzipen der Ethik:

  1. Das Moralprinzip des Glücks, das Streben nach einem gücklichen Leben
  2. Das Kollektivwohl, Utilitarismus: Streben nach dem Wohlergehen für die Gruppe
  3. Das Prinzip Freiheit und die Autonomie
  4. Moralkritik

Als letzten Punkt behandelt Höffe die Tugend, die seit Platon und Aristoteles ein Grundbegriff der Ethik ist. Dabei geht es hauptsächlich um die Charaktertugenden und die sie ergänzende intellektuelle Tugend, die Klugheit, welche in Verbindung das Ideal der Erziehung und der Selbsterziehung des Menschen zu einer Persönlichkeit ausmachen. Unterschieden wird dabei zwischen Tugenden aus Selbstinteresse, Tugenden des Geschuldeten (Gerechtigkeit) und verdienstlichen Tugenden (Solidarität und Wohltätigkeit).

Der schmale Band kommt über die Frage, wieso man überhaupt moralisch sein müsse, am Schluss zu der Frage nach der Macht der Moral in Gegenwart und Zukunft.

Auf dünnen 128 Seiten gelingt Otfried Höffe ein solider Überblick zum Thema Ethik. Er deckt die relevanten Fragen und Bereiche ab, was auf so engem Raum nicht umfassend möglich ist, trotzdem aber ausgewogen und hinreichend geschieht. Diese Einführung in die Ethik bildet eine fundierte Grundlage und erste Erkenntnisse, auf denen man aufbauen kann bei einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Ethik.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

höffeethikAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 13. März 2013
ISBN: 978-3406646300
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 14.90

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Franz M. Wuketits: Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion

Die Grundthese dieses Buches lautet: Die Vorstellung vom freien Willen ist eine Illusion. Aber Illusionen sind durchaus nützlich. Sie können als Resultate der Evolution durch natürliche Auslese gedeutet werden und haben ihren Sinn im Dienste des Überlebens.

Seit Jahrhunderten grenzt sich der Mensch vom Tier durch seinen freien Willen ab. Schwinden die Grenzen und Unterscheidungskriterien immer mehr, so bleibt der Glaube an den freien Willen, der dem Menschen eigen ist, beharrlich bestehen. Die biologischen und vor allem die neurologischen Erkenntnisse der letzten Jahre sprechen eine andere Sprache. Experimente zeigen auf, dass einer Handlung ein Willensakt vorausgeht und diesem wiederum das Bereitschaftspotenzial.

Ist der Mensch nur eine Verkettung von Synapsen? Alles Handeln gesteuert von Hormonen, Genen und biologisch dem Überleben geschuldeten Veranlagungen? Kann man gar nicht frei wählen, was man will, sondern gründet Wollen immer auf Erfahrungen, Ereignissen, Veranlagungen, Zwängen? Und wenn ja, was wäre mit den Begriffen von Schuld und Sühne? Wer hätte die Verantwortung für Unrecht? Wären Gesetze überholt, da keiner anders tun kann, als er tut?

Wuketits kommt zu diesem Schluss, er führt menschliches Verhalten und Handeln auf biologische Ursachen zurück, da alles schlussendlich Ausdruck der Biologie ist und alles nur durch die natürliche Auslese besteht. Da der Mensch aber ein soziales Wesen ist, gilt es, das Miteinander zu regeln und den einzelnen Menschen vor den anderen zu schützen. Aus diesem Grund bedarf es der Gesetze und Normen, die nicht mehr Strafe und Rache darstellen sollen, sondern Schutzcharakter haben. Akzeptiert werden sie von den Amoralischen deswegen, da sie diesen Schutz für sich selber auch wollen. Trotz biologischer Prägung ist der Mensch fähig, moralisch und unmoralisch zu handeln, kann eine Sicht von Moral entwickeln.

Doch auch wenn unser Wille nicht frei ist – wovon wir nunmehr ausgehen dürfen -, werden wir keineswegs von jeder Verantwortung entbunden. Als soziale Lebewesen bleiben wir mit der Fähigkeit zu moralischem und unmoralischem Handeln ausgestattet.

Nur danach handeln kann er nicht frei – nach der von Wuketits vertretenen Meinung –, er ist quasi biologisch und evolutionär getrieben.

Die gute Nachricht ist, dass der Mensch lernfähig ist und sich ändern kann. Dieses Lernen basiert wohl wieder auf Erfahrungen, die dann das nächste Verhalten mit steuern. Die Aussicht auf Strafe reicht aber, so Wuketits, nicht aus, um den Menschen zu verändern. Begründet wird dies mit dem Blick auf Länder mit Todesstrafe, welche die Verbrecher nicht von ihren Taten abhält.

Der freie Wille ist also blosse Illusion. Als solche ist er aber, so Wuketits, durchaus nützlich, da er den Menschen antreibt, ihm ein gutes Gefühl gibt. Zudem hätte diese Illusion nicht überlebt, wäre sie nicht zum Überleben brauchbar – so die evolutionäre Begründung.

Neben dem freien Willen ist auch das Ich eine Illusion. Eine bloss funktionale Realität des Gehirns. Irgendetwas handelt aber unbestritten, ob frei oder unfrei. Eine Materie setzt sich im Handeln in Bewegung. Diese Materie ist mit einem Gehirn (auch Materie) ausgestattet, in welchem ein Bewusstsein sitzt, das wahrnimmt, was um die Materie vorgeht und auch teilweise, was in der Materie vorgeht. Dieses Ganze von Materie und Bewusstsein (mitsamt sämtlicher genetischen, hormonellen, evolutionär überlebenden Prägungen) nennen wir Ich. Dies alles als Illusion und quasi nicht existent zu sehen, führte zu der Frage: Was lebt, wenn alles Illusion ist? Was genau ist daran die Illusion? Sind das alles nicht nur sprachliche Spitzfindigkeiten, die schlussendlich auf das eigentliche Leben wenig Einfluss haben?

Ein informatives Buch, gut lesbar geschrieben, breit abgestützt und inhaltlich begründet. Wuketits Werk bringt das menschliche Selbstverständnis ins Wanken und lässt Fragen nach Schuld, Moral und Recht aufkommen. Die Begründungen in diesem Bereich sind zu flach, zu wenig fundiert und damit philosophisch unhaltbar. Die Basis für eine weitergehende philosophische Diskussion ist damit aber gelegt, die Fragen „Was ist ein Mensch? Wie soll er handeln? Was ist Schuld? Wer trägt die Verantwortung?“ liegen neu zur Beantwortung bereit. Staats- und Rechtsphilosophie sowie Ethik sind gefordert, Stellung zu beziehen.

Fazit:

Einige Hypothesen stehen unbegründet, gewisse Schlussfolgerungen sind zu wenig abgestützt, trotzdem erscheint der Autor kompetent und belesen. Er argumentiert schlüssig und verweist auf die für seine These notwendigen Erkenntnisse in verschiedenen Wissenschaftsgebieten. Absolut lesenswert – wenn auch verwirrend (was am Thema, nicht am Buch liegt).

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 181 Seiten

Verlag: S. Hirzel Verlag

Preis: EUR 24.80 / CHF 35.90

Franz M. Wuketits: Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2008.

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Hannah Arendt: Denken ohne Geländer

‚Denken ohne Geländer’, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche.

Das vorliegende Buch beinhaltet zentrale Texte aus Hannah Arendts Schriften sowie Auszüge aus Briefen zu Themen, die Hannah Arendt bewegten und ihre Auseinandersetzung damit zeigen. Das Buch bietet damit eine Einführung in zentrale Gedankengänge, offenbart die klare Strukturiertheit von Hannah Arendts Denken und ihre Genauigkeit bei der Analyse von Zusammenhängen und Verwendung von Begriffen.

Denken ohne Geländer ist in fünf Teile gegliedert, von denen der erste die Philosophie allgemein behandelt. Es werden Fragen behandelt wie wo wir sind, wenn wir denken, was Denken überhaupt ist und wie es mit der Sprache zusammenhängt.

„Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste“ – weil Denken Lebendigsein ist, so wie Arbeiten Leben ist.

Arbeiten – Denken – Lieben sind die drei Modi des schieren Lebens, aus denen nie eine Welt entstehen kann und die daher eigentlich welt-feindlich, anti-politisch sind.

Der zweite Teil ist Arendts politischem Denken gewidmet. Der historische Sinn des Politischen liegt, so Arendt, in der Freiheit. Der Staat als Gewaltmonopol ist dazu legitimiert, dieses zu nutzen um dieselbe für seine Bürger zu gewähren – als ein Nicht-beherrscht-Werden und Nicht-Herrschen. In der Gegenwart stellt sich allerdings eher die Frage, ob Politik überhaupt noch Sinn ergebe, was den Erfahrungen von Totalitarismus und Terror geschuldet sei. Die Auseinandersetzung mit den Begriffen Macht, Stärke, Gewalt, Kraft und Terror zeigen Arendts Wertlegung auf präzise Begrifflichkeiten.

Nirgends tritt das selbstzerstörerische Element, das dem Sieg der Gewalt über die Macht innewohnt, schärfer zutage als in der Terrorherrschaft, über deren unheimliche Erfolge und schliessliches Scheitern wir vielleicht besser Bescheid wissen als irgendeine Zeit vor uns. Terror und Gewalt sind nicht dasselbe. Die Terrorherrschaft löst eine Gewaltherrschaft ab, und zwar in den, wie wir wissen, nicht seltenen Fällen, in denen die Gewalt nach Vernichtung aller Gegner nicht abdankt.

Der dritte Teil über das politische Handeln widmet sich hauptsächlich der jüdischen Geschichte, der jüdischen Armee, dem Kampf gegen den Antisemitismus und der Eichmann-Kontroverse. Daneben findet sich ihr Artikel zu Little Rock, der Frage nach des gleichberechtigten Schulbesuchs von schwarzen und weissen Kindern in einer Schule in den USA.

Im vierten Teil finden sich Texte über die Situation des Menschen und das, was den Menschen als solchen ausmacht an Fühlen und Handeln. Lebensthemen wie die Liebe, Treue, Schmerz und das Alter werden feinfühlig und durchdacht behandelt.

…für die Meinung, dass nur die Liebe die Macht hat zu vergeben, spricht immerhin, dass die Liebe so ausschliesslich auf das Wer-jemand-ist sich richtet, dass sie geneigt sein wird, Vieles und vielleicht Alles zu verzeihen.

Den abschliessenden fünften Teil füllen Lebensgeschichten aus. Es finden sich neben Texten zu Rahel Varnhagen, Jaspers und Heidegger Briefausschnitte aus Arendts vielfältigen Briefwechseln mit Heinrich Blücher, Mary McCarthy und Gertrud und Karl Jaspers.

…wie ich auf Deinen Brief gewartet habe, kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Das ist das Band, das mir immer wieder klarmacht, dass ich nicht verlorengehen kann. Denn wenn Du nicht da bist, bin ich gleich wieder so verletzbar wie früher.

Fazit:
Eine breite Zusammenstellung von Texten zu den verschiedensten Themen, die Hannah Arendt in ihrer klaren Art zu denken behandelt hat. Macht Lust auf mehr. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin:
Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

ArendtDenkenGeländerAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Piper Verlag (6. Auflage 1. Oktober 2006)
ISBN-Nr: 978-3492248235
Preis: EUR 9.99; CHF 16.90

Peter Bieri: Wie wollen wir leben?

Bin ich der, der ich sein will?

Damit unser Wille und unser Erleben die unseren sind als Teil der persönlichen Identität, müssen sie in eine Lebensgeschichte eingebettet und durch sie bedingt sein, und wenn es da Selbstbestimmung gibt, dann nur als Einflussnahme im Rahmen einer solchen Geschichte, die auch eine kausale Geschichte ist, eine Geschichte von Vorbedingungen.

Wer bin ich und wie will ich leben? Diese zentrale Frage steht am Anfang von Peter Bieris schmalen Band Wie wollen wir leben? In der Folge tastet sich der Philosoph langsam vor, geht vom Ich als einem Subjekt aus, das mit sich und seiner Umwelt im Einklang leben will, dabei herausfinden muss, welchen Einfluss diese Umwelt hat, was durch sie bedingt ist und was wirklich aus einem selbst kommt. Es geht dabei um die Erkenntnis des eigenen Ichs und die Fähigkeit, über sich selber zu bestimmen. Dabei ist das Ich nie unabhängig von den Anderen, da jeder Mensch den anderen Menschen braucht, der eine Aussensicht bringt, an der die Innensicht gemessen werden kann. Daraus resultiert die Einsicht, ob das Selbstbild wirklich der Wirklichkeit entspricht.

Selbstbestimmt ist unser Leben, wenn es uns gelingt, es innen und aussen in Einklang mit unserem Selbstbild zu leben – wenn es uns gelingt, im Handeln, im Denken, im Fühlen und Wollen der zu sein, der wir sein möchten.

Ein selbstbestimmtes Leben, so Bieri, ist ein Leben in Würde, da Selbstbestimmung viel mit Würde zu tun hat. Dabei ist Würde immer abhängig von der Kultur, da je nach kultureller Identität andere Vorstellungen vom Leben in einer Gemeinschaft und als Individuum vorherrschen. Diese Vorstellungen sind dabei nie unveränderbar, sondern unterliegen einem stetigen Wandel, was einem Bildungsprozess entspricht, welcher nur erfolgreich ist, wenn diese Vorstellungen auch verinnerlicht sind, erlebt und erfahren werden.

Peter Bieri gelingt in diesem dünnen Band ein Bogen von der Frage nach dem Ich aus sich selber heraus, dessen Auseinandersetzung mit dem Du hin zur Identitätsbildung in Abhängigkeit von der umgebenden Kultur. Dabei arbeitet er mit einer klar verständlichen Sprache, einer logischen Abfolge von Begriffen, die sich schlüssig auseinander entwickeln, und zeichnet so einen Weg auf, das Ich als der, der man sein möchte, zu erkennen, zu verstehen, umzusetzen.

Fazit:
Ein schmaler Band mit grossen Fragen. Gut lesbar führt Peter Bieri in komplexe Begriffe wie Selbsterkenntnis, Selbstbild, Würde und Identität ein. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Peter Bieri wurde 1944 in Bern geboren und ist Philosoph und Schriftsteller. Er lehrte an verschiedenen deutschen Universitäten Philosophie, hat verschiedene philosophische Werke veröffentlicht und sich unter dem Namen Pascal Mercier auch als Romanautor einen Namen gemacht (Nachtzug nach Lissabon, etc.). Er wurde sowohl für sein wissenschaftliches wie auch für sein literarisches Werk mehrfach ausgezeichnet. Von ihm erschienen sind unter anderem Das Handwerk der Freiheit

Angaben zum Buch:
BieriLebenTaschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. November 2.13)
ISBN-Nr.: 978-3423348010
Preis: EUR 7.90 ; CHF 13.90
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Geert Keil: Willensfreiheit und Determinismus

Es ist in der Philosophie der Gegenwart üblich geworden, das Problem von Willensfreiheit und Determinismus in zwei Teilprobleme aufzuspalten. Das traditionelle Problem lässt sich durch die Entweder-oder-Frage „Freiheit oder Determinismus?“ ausdrücken. […] Dagegen betrifft das Vereinbarkeitsproblem die Frage, ob Freiheit und Determiniertheit einander ausschliessen oder nicht.

Das Hauptproblem bei beiden Problemstellungen ist, dass die Begriffe des Determinismus und der Freiheit von verschiedenen Positionen unterschiedlich verwendet werden, so dass keiner vom selben spricht, wenn er sich gegen den anderen abheben will. Geert Keil versucht in seiner Abhandlung, sowohl den Freiheitsbegriff („So oder anders können“) als auch den Begriff des Determinismus („Der Weltlauf ist ein für allemal unabänderlich festgelegt“) zu definieren und so einen Grundlage zu schaffen, der Vereinbarkeit der beiden Positionen auf die Spur zu kommen.

Willensfreiheit ist dabei als Fähigkeit verstanden, so zu handeln, wie man will, wie man es nach eigenen Überlegungen für richtig hält. Man könnte aber, käme man zu anderen Schlüssen, auch anders handeln. Damit rückt die Willensfreiheit in die Nähe der Handlungsfreiheit. Würde diese Willensfreiheit bestritten, gäbe es zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, anders zu handeln als man tut, was Tadel oder Lob für Verhalten und Handlungen obsolet und auch Strafbarkeit fraglich machen würde.

Auch das Thema der Hirnforschung wird berücksichtigt bei der Frage, ob wir frei sein können oder unser Denken durch unsere Hirntätigkeit vorgespurt sind. Fazit ist, dass diese Frage für den philosophischen Freiheitsbegriff irrelevant ist. Fakt ist so oder so, dass Willensfreiheit nie eine Freiheit ohne Einschränkungen oder Behinderungen ist, sondern eine Möglichkeit des anderen Handelns in gleichen Situationen (nicht aber aufgrund derselben Gründe, da das irrational wäre).

Als Fazit stellt Geert Keil 10 Thesen zur Willensfreiheit auf, die aus den Überlegungen der vorhergehenden Kapitel resultieren und die Willensfreiheit als menschliche Fähigkeit zur hindernisüberwindenden Willensbildung festsetzt; dabei ist der entscheidende Mensch nicht determiniert, sondern disponiert, kann diese Disposition aber durch eigene Überlegungen auf ihre Wünschbarkeit hinterfragen und so seine Handlung frei wählen – was nicht mit zufällig gleichzusetzen ist.

Fazit:

Eine an Umfang kurzgehalten, thematisch aber umfassende Abhandlung über das philosophische Problem der Willensfreiheit. Konzise Begriffsherleitungen gehen einher mit folgerichtiger Überlegung und führen zu einem klar verständlichen und nachvollziehbaren Fazit. Sehr empfehlenswert als Einstieg in das Thema.

(Geert Keil: Willensfreiheit und Determinismus, in: Grundwissen Philosophie, Reclam Verlag, Stuttgart 2009.)

BildAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 140 Seiten
Verlag: Reclam Taschenbuch
Preis: EUR: 9.90 ; CHF 15.20

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Michael Gazzaniga: Die Ich-Illusion

Wie Bewusstsein und freier Wille entstehen

Das Gehirn ermöglicht mit seinen physikalisch-chemischen Prozessen auf eine uns unbekannte Weise den menschlichen Geist. Dabei unterliegt es – wie alle Materie – den Naturgesetzen. […] Die Wissenschaft geht davon aus, dass wir erst dann Wissen darüber erlangen, wer und was wir sind, nachdem das Nervensystem bereits gehandelt hat.

Die neusten Erkenntnisse neurobiologischer Studien rütteln am Bild des Menschen als freies und selbständig handelndes Wesen. Das führt zu weiterführenden Fragen in Bezug auf Schuldfähigkeit, Verantwortlichkeit und damit verbunden die Gesetze und deren Strafnormen.

Kann man jemanden für schuldig erklären, wenn dieser keine Wahl hatte, sein Handeln von unbewussten Vorgängen eines determinierten Gehirns geleitet war? Darf man jemanden überhaupt bestrafen, wenn er keine Verantwortung tragen kann für sein Tun? Wäre Vergebung die einzig mögliche Reaktion auf Unrechttaten?

Michael Gazzaniga bietet in seinem Buch einen breiten Blick in die verschiedenen Naturwissenschaften und ihre Erkenntnisse. Er beleuchtet Studien und deren Wert für die Beantwortung der Fragen nach der eigenen Verantwortlichkeit. Anhand von Experimenten mit sogenannten split brains konnte herausgefunden werden, welche Hirnareale für welche Aktivitäten zuständig sind. Zudem konnte man herausfinden, dass die Handlungsbereitschaft im Hirn vor der bewussten Entscheidung für eine Handlung abgebildet wird. Deterministen schliessen daraus, dass das Handeln nicht selber gesteuert wird, sondern wir bloss Aussführende eines vorgegeben, unbewussten Impulses seien. Dies würde das ganze Menschenbild umwerfen und diesen zur blossen Maschine oder Schachfigur degradieren. Die Ausführungen gewisser Neurologen gehen in die Richtung.

Michael Gazzaniga gibt in seinem Buch Entwarnung, indem er Handlungen und Entscheide nicht allein in einem Hirn verortet, sondern die Interaktion mit anderen Hirnen und damit anderen Menschen als relevant erachtet. Verantwortung, so Gazzaniga, ist damit keine Eigenschaft eines Gehirns, sondern ein sozialer Vertrag zwischen Menschen, die beide ein Gehirn haben, welches in Wechselwirkung mit dem eigenen Geist stehen, welche sich gegenseitig beeinflussen und des Weiteren durch die Interaktion mit der sozialen Gruppe, dem Umfeld geprägt und beeinflusst werden.

Gewisse Bereiche des (moralischen) Fühlens und Entscheidens sind somit in der Tat angeboren, die Ausprägungen und dadurch gesteuerten Lebensweisen aber auch erlernt und von der Umwelt beeinflusst. Strafen sind dabei durchaus wichtig, um diese Verantwortung in einer sozialen Gruppe überhaupt zu produzieren. Zum heutigen Zeitpunkt ändern die Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft nichts daran. Man weiss allerdings nicht, was die Forschung in Zukunft bringen wird.

Fazit:

Michael Gazzaniga versteht es, auf eine unterhaltsame und doch fundierte Weise die sehr komplexe Materie aus Sicht der Physik und der Neurowissenschaft zu beleuchten und die Folgen der Erkenntnisse auf unser Menschenbild und das Zusammenleben aufzuzeigen. Eines der besten Bücher, das ich über diese Thematik gelesen habe.

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 277 Seiten

Verlag: Hanser Verlag (2012)

Übersetzt aus dem Amerikanischen: Dagmar Mallett

Preis: EUR: 24.90 ; CHF 38.90

Michael Gazzaniga: Die Ich Illusion. Wie Bewusstsein und feier Wille entstehen, Hanser Verlag, München 2012.

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