Gleiche Rechte, unabhängig vom Geschlecht?

In Anlehnung an den Spiegel-Titel Nr. 1 diesen Jahres (Oh, Mann, Das starke Geschlecht sucht seine neue Rolle), möchte ich ein Brainstorming und eine Diskussion starten, die die Ursachen des auf uns zurollenden enormen Wandels der Geschlechterrollen hinterfragt. Dieser Wandel, der sich mit erstaunlichen Zahlen bereits in der US-amerikanischen Gesellschaft dokumentiert (in fast 40% verdienen Frauen in amerikanischen Ehen mehr als der Mann, siehe auch Hanna Rosin, The End of Men) wird sich bald, in Folge der auch hierzulande überwiegend durch Frauen erworbenen Hochschulabschlüsse, sehr deutlich auch bei uns bemerkbar machen. Die Kernfrage ist für mich weniger der Wandel, den ich nicht als gefährlich erachte, sondern vielmehr die philosophische Frage der Identitätsfindung, die schon immer für jeden einzelnen Menschen wesentlich war und ist. Wer man ist, was man sein möchte und was möglich ist.

Das ist der einleitende Absatz eines Blogartikels des Zeitspiegels. Der ganze Blogartikel ist unter Männer? – Frauen? nachzulesen. Ich möchte hier meine Sicht der Dinge in der Debatte der Geschlechterdiskussion anfügen. Ich habe dieses Thema lange gemieden, war teilweise genervt, wenn auch oft betroffen, was in der Natur der Sache liegt. In den letzten Jahren haben sich Vorfälle gehäuft, die mich selber persönlich an die Wichtigkeit des Themas erinnerten, in den letzten Monaten kam ich über verschiedene Kanäle und in verschiedenen eigenen Forschungsthemen auf dieses Thema zurück.

Liest man den Artikel des Zeitspiegels schnell durch, liest er sich wie der steile Erfolgsflug der Frauen auf Kosten der Männer. Zwar stellt Zeitspiegel diese Entwicklung nicht per se in Frage, trotzdem fügt er die so klingenden Informationen an und leitet daraus eine Identitätsfindungsproblematik ab. Ich möchte diese Informationen etwas beleuchten und dann auf die global noch immer vorherrschende tatsächliche Situation eingehen. Dabei geht es mir wenig um Hormonausschüttungen und biologische Kriterien (welche aber durchaus in gewissen Themen wie der Fortpflanzung und der damit verbundenen Folgen gesellschaftliche Folgen haben).

Im Artikel ist zu lesen, dass in knapp 40% der amerikanischen Ehen Frauen mehr Einkommen haben als Männer. Das klingt fast nach einem Vorwurf. Bei Lichte betrachtet haben so aber in über 60% der Ehen Männer mehr Einkommen als Frauen. Will man wirklich in den Wettbewerb eintreten, wer nun mehr verdient und daraus irgendwie geartete Schlüsse ziehen, so sind noch immer 2/3 der Männer im Vergleich mit ihren Ehefrauen besser gestellt. Was aber bringt der innereheliche Vergleich? Grundsätzlich besagt er gesamtgesellschaftlich nichts, denn relevant ist die erbrachte Leistung und der dafür erhaltene Lohn. Da stehen Frauen global noch immer hinter den Männern zurück. In der Schweiz stösst der Vorstoss, Firmen müssten ihre Lohnpolitik offen legen, auf Widerstand – zu gross wären die Aufwände, müsste man diese Unterschiede ausgleichen (es sei denn, man holte den Männerlohn so weit runter, wie der Frauenlohn raufgesetzt werden müsste – was wiederum zu Widerstand bei den Männern führen würde, da ihre Leistung plötzlich weniger honoriert würde und sie schlussendlich auch mit einem Budget ihren Lebensbedarf berechnet hatten).

Noch immer sind weltweit Frauen benachteiligt, wenn es darum geht, Zugang zu Bildung, freier Meinungsäusserung und gesundheitsförderlichen Massnahmen zu erhalten. Selbst in Ländern, die diese Freiheiten in den Gesetzen haben, ist im tagtäglichen Leben Frauen die tatsächliche Wahrnehmung dieser Rechte unmöglich, da sie innerfamiliäre Sanktionen fürchten müssten, in einigen Ländern bis hin zum Tod.

Eine weitere Ungleichheit, die global ist, ist die Betreuung von abhängigen Menschen. Seien das Kinder, Alte, Behinderte. Diese Arbeiten liegen meist in Frauenhand. Die einseitige Verteilung beraubt die Frau einerseits der Zeit, andere Ziele zu verfolgen, eigene Fähigkeiten und Möglichkeiten auszuschöpfen, und stellt sie vor der Gesellschaft dadurch als untätig bloss, weil sie eben kein wirtschaftliches Einkommen erzielen oder sich weiterbilden. Auch hier ist es noch ein weiter Weg hin zu einer Gleichstellung.

Frauen haben mittlerweile in einigen westlichen Ländern einen Status erreicht, der ihnen die Türen zu gleicher Bildung und gleichen Arbeitsmöglichkeiten geöffnet hat. Der Weg dahin war lang und schwer und das Jammern der Männer, die sich nun dadurch in Gefahr und das eigene Bild am Schwanken sehen, ist laut. Betrachtet man das Jammern aber ehrlich und hinterfragt es mal, muss man einsehen, dass das Jammern eigentlich nur eine Ursache hat: Der Thron ist gestürzt, die Gleichberechtigung ist nicht das, was sie wollen. Wenn sich jemand beklagt, weil ein anderer plötzlich gleiche Rechte hat und er deswegen sein Selbstbild in Gefahr sieht, muss er sich mal fragen, worauf dieses Selbstbild überhaupt gründete. Und sich vielleicht an der eigenen Nase nehmen.

Der Feminismus hat mitunter traurige Früchte gebracht. Es gab in der Tat Frauen, die für alle Rechte der Frauen kämpften, den Männern gerne keine mehr lassen wollten. Die Schere Mann = böse, Frau = gut wurde weit und weiter gespreizt und dem Mann kein Stück heile Erde mehr gelassen. Gerechtfertigt wurden solche Vorstösse mit der Aussage, dass man krasse Forderungen stellen müsse, um danach minimale Erfolge zu erreichen. Dass diese krassen Vorstösse der Sache ideell mehr schaden als nützen, sollte auf der Hand liegen, da sie nur Defensive herausfordern. Dass vor solchen Forderungen Ängste geschürt werden können, dass sich Männer damit nicht wohl fühlen, sich irgendwann fragen, wo sie noch stehen, wenn all das durchgesetzt werden würde, liegt auf der Hand. Das schmälert aber nicht die gerechtfertigten Ansprüche der Frau auf gleiche Chancen und Möglichkeiten im Leben.

Wir haben heute Mittel wie Frauenquoten eingeführt, um gewisse Ungleichheiten zu eliminieren. Ich bin kein Freund von Quoten, da ich denke, Leistung solle generell gewertet werden und auf keine Seite geschlechterspezifisch. Ich sehe nicht ein, wieso im Zweifelsfall die Frau eine Stelle kriegen sollte, wenn ein Mann genauso qualifiziert wäre. Da in den Köpfen aber der Mann noch so verankert ist als bevorzugtere Arbeitskraft, scheint das die einzige Möglichkeit zu sein, dagegen vorzugehen. Ich denke, dieses Mittel zur Problemlösung setzt falsche Zeichen, es macht angreifbar und schürt Ängste.

Diskriminierungen aufgrund von Rasse, Religion oder anderweitiger Zugehörigkeiten wird heute aufs Gröbste verurteilt und mit vielen Mitteln bekämpft. Die Diskriminierung aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit gilt noch immer als quasi Kavaliersdelikt, die Aufwände, sie wirklich anzugehen, werden gescheut. Es ist besser geworden, aber es ist noch immer ein weiter Weg. So lange diese Missstände noch so gravierend sind, so lange sehe ich das Jammern um eine gefallene Identität des Mannes als Thema, das noch warten kann. Dieser Mann sollte sich zuerst mal fragen, was er genau beklagt und was so schlimm daran wäre, wenn die Frau auf gleicher Stufe stehen dürfte wie er auch. Wichtig wäre, wirklich umzudenken, wirklich auf die Leistung zu schauen, die Menschen als Menschen und nicht als Mann und Frau zu betrachten.

 

Dieser Artikel erschien in leicht abgewandelter Form auch im Ein Achtel Lorbeerblatt

16 Kommentare zu „Gleiche Rechte, unabhängig vom Geschlecht?

  1. Ich verstehe Deine flammende Rede für die Rechte der Frauen sehr gut und ich finde es immer wieder interessant, wie man persönlich, mich selbst eingeschlossen, Texte interpretiert, die eigentlich eine anders gemünzte Fragestellung verfolgten.
    Viele Männer jammern, ich in meinem Artikel nicht. Die Frage ist durchaus ernst gemeint, ohne zu lamentieren: Sind als weiblich definierte Lösungsstrategien die besseren Antworten auf die Herausforderungen einer modernen Gesellschaft? Bleiben trotz aller hieraus gewonnenen Erkenntnisse und erzieherischer Maßnahmen noch Unterschiede zwischen Mann und Frau übrig, die wir auch trotz größter Bemühungen nicht ausradieren können? Man kann als Mann entweder auf stur und ignorant schalten oder sich aktiv mit der Frage beschäftigen, wie die Zukunft sinnvoll gemeinsam gestaltet werden kann, sogar mit der Eventualität, dass Mann verzichtbar ist.

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    1. Ich erachte weibliche Lösungsstrategien genau so als verfehlt wie männliche. ich denke, menschliche sollten es sein, die die Würde des Menschen als Menschen als Gleiche in Bezug auf gewisse Rechte und Möglichkeiten als Ausgangslage haben.

      Männer und Frauen sollen nicht gleichgemacht werden, aber auch nicht kulturell unterschieden in Bezug auf ihre Würde und ihre Rechte. Dass nun mal Frauen Kinder kriegen, liegt in der Natur, wer die dann aufzieht und was das bedeutet, müsste festzulegen sein. Des Weiteren bedürfte es einer klaren Regelung, die den Aufziehenden nicht in die Untergebenenrolle herabsetzt. Was ist ein Mensch und was kann er sein und tun? Darauf sollte es aufbauen. Weder weiblich, noch männlich, human.

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  2. Übrigens möchte ich nochmal betonen, dass die Zitierung der Tatsache, dass in 40% der amerikanischen Ehen inzwischen die Frauen mehr verdienen, keinesfalls als Vorwurf oder despektierlich zu verstehen ist. Im Gegenteil, es hat mich lediglich erstaunt und ich betrachtete es deshalb als erwähnenswert, da Frauen ja auch in den USA weiterhin im Wesentlichen die Erziehungsarbeit leisten. Daher zolle ich dieser Tatsache großen Respekt!

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    1. Diese Frage kann man nicht unabhängig vom Bezugspunkt beantworten. In gewissen Bereichen sollen sie sich auflösen, in anderen können sie gar nicht. Kein Mann wird je Kinder kriegen können, aber keine Frau sollte deswegen diskriminiert werden.

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  3. Ich muss, glaube ich, noch konkreter werden und doch auch die Biologie
    mehr ins Spiel bringen. Als Beispiel:
    Die enorme Bindung, die nunmal durch starke Hormonschübe getriggert wird
    (siehe auch http://wp.me/p18xEz-8O ), wenn eine Frau ein Kind zur Welt bringt und
    die durch das Stillen noch verstärkt wird, lässt es nur plausibel erscheinen, dass die
    Mutter mindestens in den ersten ein bis zwei Jahren die Hauptbezugsperson für das
    Kind ist (natürlich ist auch der Vater wichtig).
    Klar verläuft die Karriere dann im Vergleich zum Mann etwas langsamer.
    Das finde ich den wesentlichen Punkt, dass wir das anerkennen und auch entsprechend würdigen und entgelten und auch die Wiedereinstiegsmöglichkeiten entsprechend einfacher gestalten. Soll das pauschale Ziel wirklich sein, dass Frauen wenige Wochen nach der Geburt wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren, was die natürlich geknüpfte Bindung zum Kind unterbricht? Im weiteren
    Verlauf kann man ja, je nach Gusto, die Betreuung der Kinder in Arbeitsteilung zwischen Mutter und Vater gestalten, denn selbstverständlich wollen auch Väter viel Zeit mit ihren Kindern verbringen.
    Auch hier sollten flexiblere Arbeitszeitmodelle geschaffen werden.

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    1. Ich stimme dir zu. Ich fände die Unterstützung dieser BIndung gar gut und wichtig. Nur sollten daraus keine negativen Wiedereinstiegsmöglichkeiten ergeben. Das müsste irgendwie zu regeln sein, sei es in der wirklichen Anerkennung der „Aufzuchthandlung“ sowie in gegebenen Möglichkeiten des Wiedereinstieges sowie in der späteren Sicherung der geschlechtlichen Gleichbehandlung in Bezug auf Erziehung, Versorgung von Kinderbedürfnissen und Karrieremöglichkeit. Die Wahl, wie man das organisieren, einrichten möchte, sollte noch immer individuell sein, keine vorgegeben Muster, dass es zugeschriebene Zwänge gibt, die dem Einzelnen die Freiheit des zu wählenden Lebensmodells vorschreiben. So soll sich auch die Frau gegen die Kinderzeit entscheiden dürfen (was ich aus meinem Verständnis von Kinderkriegen und der damit verbundenen Aufgabe weniger befürworte als ein respektvollerer Umgang mit dieser Aufgabe). Es darf nicht sein, dass Männer „ungestraft“ weiter wursteln können als wäre nix, Frauen aber die Strafe der Geburt auf sich bürden und damit die Zukunft bei ihnen anders als bei Männern langfristig beeinträchtigt ist. – Dies eine sehr plakative Ausdrucksweise, das ist mir bewusst.

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  4. Hey, also ich kann da nicht viel diskutieren mit dir, denn ich sehe das alles fast wie du – und das als Mann, na holla!;-) Grundsätzlich sehe ich Veränderungen aller Art immer nüchtern. Wenn eine Gesellschaft sich aus sich selbst heraus verändert, dann gibt es weder richtig noch falsch, sonder nur ein: es ist halt so. Dafür sind wir alle zu sehr Kinder Darwins, was nicht mehr trägt wird abgestoßen und das neue Tragende tritt hervor. Wenn die Frauen jetzt mehr und mehr „Macht“ bekommen finde ich als Mann das gar nicht schlecht und undiskutierbar. Denn es ist halt: Natürliche Veränderung. Das sich manche dagegen wheren und ihr Gestern gerne ewig weiterschleppen würden ist nachvollziehbar. Aber den Kampf gegen natürliche Veränderungen hat noch jedes Individuum verloren. Also wird es, auch wie eh und je, um eine neue Anpassung an neue Gegebenheiten gehen. Aber da war der Mensch schon immer ganz gut drin und er wird es wieder meistern.
    Sorgen mache ich mir aber ein wenig um Frauen, bei denen ich jetzt schon sehe, dass sie mit ihren „neuen“ Rechten mental immer öfter baden gehen. Dass gerade Frauen depressiv werden, ne, wundert mich echt gar nicht. Denn die meisten frauen denken, wenn sie all den tollen Rechten und Möglichkeiten nicht gerecht werden, nicht alles unter einen Hut kriegen, dann läge das an ihnen, sei ihr Versagen. Ich, als jemand, der auf dem Papier aber doch der totale Gewinner sein müßte (männlich, Mitte 30, weiß, heterosexuell, über 1,80m auch noch…) kann nur sagen: Auch in der vermeintlich undiskriminierten Mehrheit lebt es sich denkbar dreckig. Für die Rechte von Minderheiten eintreten ist super – solange niemand der Illusion erliegt, das Leben würde irgendwie besser oder einfacher. Auch mir wird dauern die Tür vor der Nase zugeschlagen, auch ich bekomme zig Jobs nicht, auch ich erfahre täglich Beleidigung und Unverfrorenheit, Herabsetzung und respektlose Stigmatisierung. Ich darf es halt nur nicht „Diskriminierung“ nennen und mich allgemein nicht so ganz laut beschweren.
    Kurzum: Gleiche Rechte für alle, dringend, klar. Aber macht euch auf die heftige Desillusion gefasst. „Hier oben“ scheint die Sonne nämlich gar nicht so kräftig, wie mancher denkt. Ziemlich zugiger Ort sogar.

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    1. Ich denke, Mobbing und unterdrückende Arbeitsbedingungen gibt es bei beiden Geschlechtern. Das ist ein Thema, das für sich genommen betrachtet werden sollte. Die globalen Ungerechtigkeiten sind ein anderes und in meinen Augen gesondert zu betrachten. Nichts desto trotz fallen beide Themen unter die gleiche Thematik des Respekt gegenüber Menschen und der achtsamen Behandlung derselben. Es darf nicht angehen, dass Menschen unterdrückt und ausgenutzt werden aufgrund wie auch immer gearteten Gründen. Vermutlich wird es das immer geben, aber nichtsdesto trotz sehe ich es als wichtig und nötig, immer wieder drauf zu schauen und es zu beanstanden.

      Danke dir für deinen Kommentar!

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  5. Auch erörtern würde ich gerne, wie die besseren Leistungen an Schulen und Hochschulen zu erklären sind. Eine aus meiner Sicht durchaus stützbare These wäre, dass weibliche Gehirne prinzipiell flexibler und auch leistungsfähiger sind. In nahezu allen Bereichen, in denen Frauen der gleichberechtigte Zugang zu Bildung gewährt wird, schneiden sie auch besser ab. Das ist auch meine persönliche Erfahrung aus der Schul- und Universitätszeit. Nur im Ehrgeiz sind die Männer hier den Frauen noch voraus. Ein anderes Erklärungsmodell, das in meiner Generation noch relevant ist: Jungen ließ man noch mehr durchgehen, Disziplin wurde bei ihnen nicht so groß geschrieben wie bei Mädchen. Das scheint sich bei den heute 20jährigen langsam auszugleichen. Junge Frauen wollen nicht mehr nur gefallen und Erwartungshaltungen erfüllen. Spass haben, sich selbst verwirklichen, das waren Parolen von Cyndi Lauper und Madonna, die erst jetzt auch von einer neuen Generation junger Frauen auf breiter Fläche umgesetzt werden. Ich weiss, ich bin wieder sehr plakativ, aber ich will euch ja gerade dazu provozieren, zu widersprechen, andere Erklärungen auf die Tagesordnung zu bringen. Nur zu!

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  6. zur angestoßenen Queer-Theorie: Judith Butlers intensive wissenschaftliche Arbeit hierzu ist natürlich anzuerkennen. Aber berücksichtigen muss man dennoch auch die durch ein lesbisches Lebensmodell geprägte Perspektive. Diese straft offensichtlich leider biologische Einflüsse – ich muss immer wieder darauf pochen – mit kompletter wissenschaftlicher Ignoranz. Natürlich werden Geschlechterrollen und die Einteilung in „normal“ und „anders“ erheblich durch gesellschaftliche Einflüsse, Machtverhältnisse und Lebensbedingungen geprägt. Deswegen ist es mehr als berechtigt, hier wissenschaftlich Paroli zu bieten. Aber alle Unterschiede im Sinne der eigenen ideologischen Interessen einzuebnen kann auch nicht die Antwort sein. Natürlich sind auch extreme Theoriegebilde legitim, denn sie bieten auch eine unverzichtbare kraftgegebende Grundlage für die eigenen Lebensentwürfe. Gesicherte wissenschaftliche Fakten aber vollkommen unter den Tisch fallen zu lassen, wie es den Eindruck macht, erscheint mir dem eigenen Theoriemodell nicht dienlich. Nimmt man die plakative These für sich allein, Geschlechter seien nahezu vollständig kulturell begründet, kann ich nur erwidern: absurd!

    Deswegen ist ja mein drängendster Wunsch, dass ihr Brizendine lest!

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    1. Deinem Lesewunsch kann ich leider nicht nachkommen, da ich an einem ganz anderen Thema dran bin wissenschaftlich und das meine Zeit ziemlich in Anspruch nimmt. Auch Butler kann ich nur aus der Erinnerung hervorrufen, ich habe sie nie intensiv gelesen, fand aber das, was ich las, befremdend einerseits, erhellend und interessant andererseits.

      Ich möchte ganz unwissenschaftlich meine Meinung zu der Thematik sagen, nämlich dass ich denke, dass der Mensch diversen Einflüssen ausgesetzt ist. Die biologische Grundlage ist nicht wegzudiskutieren und die hat für männliche und weibliche Mitglieder der menschlichen wie nichtmenschlichen Tiere unterschiedliche Anlagen, Möglichkeiten und Ausstattungen zur Folge. Das äussert sich in äusseren wie inneren Merkmalen. Es gibt daneben immer aber auch den prägenden Einfluss der Umwelt, sei es Gesellschaft, sei es Zeit, Kultur, geographische Lage, Erziehungsstil, etc. Nun ist natürlich die Kultur immer auch menschgemacht und damit könnte man sie schlussendlich auf die biologische Basis zurückführen. Extreme Theorien des Determinismus (verbunden mit Hirnforschung) argumentieren in die Richtung. Das führt in meinen Augen aber zu weit. Ich denke, es gibt durchaus Bereiche des Lebens, in denen Unterschiede künstlich hochstilisiert werden. Mag sein, dass diese Unterschiede aus statistischen Werten gewonnen wurden, doch ist immer die Frage, ob diese Werte a) wirklich aussagekräftig, b) zeitlich stabil und c) auf den Einzelfall anwendbar sind. Dergestalt daherkommende Zuschreibungen können zu Stigmatisierungen führen, wenn ein Mensch sich eben nicht kulturkonform der eigenen Geschlechterrolle gerecht verhält und sie können zu Diskriminierungen führen, wenn der zugeschriebenen Rolle mehr Gewicht beigemessen wird als dem tatsächlichen Menschen und dessen Anlagen.

      Die Geschlechterattribute sind wandelbar. Einerseits verändern sich die Menschen selber mit der Zeit und damit auch ihre Anlagen, andererseits ändern sich die Anforderungen und Werte der Gesellschaft (was auch Lara in deinem Blog ansprach), was wiederum zu einem Wandel in der Wahrnehmung der Menschen und ihrer Geschlechter/ihres Einsatzes führt.

      Ich denke, abschliessend, dass man den Menschen und dessen geschlechterspezifischen Ausprägungen nicht isoliert anschauen sollte. Es ist nicht nur Biologie und es ist auch nicht nur Kultur, sondern vielmehr eine komplexe Mischung aus vielen Zutaten, welche alle zusammen den Menschen ausmachen.

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      1. Du hast es im letzten Absatz sehr gut zusammengefasst. Das macht unser menschliches Sein ja so spannend! Dafür, dass Du wissenschaftlich anders eingespannt bist, habe ich Verständnis. Mir geht es ja beruflich bedingt genauso, dass ich Deinen und Laras spannenden Empfehlungen nicht immer nachkommen kann und ich kann dann erstmal nur aus dem schöpfen, was ich kenne. Aber das macht andererseits den Austausch ja auch so fruchtbar und inspirierend, die anderen Perspektiven zu erfahren. Jetzt genieße ich in meiner Freiwoche, dass ich zumindest etwas nachholen kann. Aber vielleicht ergibt sich dennoch für euch noch die Gelegenheit, Brizendine zu lesen. Liest sich leicht 😉

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  7. Und übrigens, da ich gerade meine alten Spiegel-Ausgaben „durcharbeite“ und das gender-Thema hier immanent ist, angestoßen von der Autorin Susanne Amann, die sich als in Vollzeit berufstätige Mutter zu recht diskriminiert fühlt. Man sollte sich, mich besonders eingeschlossen, nicht dazu verleiten lassen, ein perfektes Lebensmodell zu propagieren. Wir müssen in der Tat besonders daran arbeiten, möglichst viele Lebensmodelle gelten zu lassen. Wichtig und schwierig dabei ist halt, sich nicht zu sehr von gesellschaftlichen Zwängen oder Moden, meist getriggert durch die Machtverhältnisse fremdbestimmen zu lassen. Weder der Spruch „Du gehst schon wieder arbeiten?“ noch der Spruch „Warum gehst Du nicht schon wieder arbeiten?“ sollten mehrheitsfähig sein oder Geltungscharakter haben (egal, ob Mann oder Frau).

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    1. Damit sprichst du mir voll und ganz aus dem Herzen. In meinen Augen wäre es nötig und wichtig, die Möglichkeiten für alle Rollenverteilungen und Lebensmuster offen zu halten für beide Geschlechter, so dass sie frei wählen können, welches Muster sie für sich wählen. Schlussendlich braucht es Mütter/Väter, um die Menschheit am Leben zu halten, Arbeitskräfte, um die Wirtschaft am Laufen. Beides sollte Platz haben und jeder soll das ihm entsprechende wählen, denn nur dann wird er die Leistung voll bringen und damit auch das Beste zum generellen Weiterbestand zutragen, ohne dabei selber zum Mittel zu werden, sondern Zweck zu bleiben. Die Würde des Menschen und dessen gutes und menschliches Leben sollte immer im Mittelpunkt stehen und Ausgangslage sein, die nicht anzutasten ist.

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