Gleiche Rechte, unabhängig vom Geschlecht?

In Anlehnung an den Spiegel-Titel Nr. 1 diesen Jahres (Oh, Mann, Das starke Geschlecht sucht seine neue Rolle), möchte ich ein Brainstorming und eine Diskussion starten, die die Ursachen des auf uns zurollenden enormen Wandels der Geschlechterrollen hinterfragt. Dieser Wandel, der sich mit erstaunlichen Zahlen bereits in der US-amerikanischen Gesellschaft dokumentiert (in fast 40% verdienen Frauen in amerikanischen Ehen mehr als der Mann, siehe auch Hanna Rosin, The End of Men) wird sich bald, in Folge der auch hierzulande überwiegend durch Frauen erworbenen Hochschulabschlüsse, sehr deutlich auch bei uns bemerkbar machen. Die Kernfrage ist für mich weniger der Wandel, den ich nicht als gefährlich erachte, sondern vielmehr die philosophische Frage der Identitätsfindung, die schon immer für jeden einzelnen Menschen wesentlich war und ist. Wer man ist, was man sein möchte und was möglich ist.

Das ist der einleitende Absatz eines Blogartikels des Zeitspiegels. Der ganze Blogartikel ist unter Männer? – Frauen? nachzulesen. Ich möchte hier meine Sicht der Dinge in der Debatte der Geschlechterdiskussion anfügen. Ich habe dieses Thema lange gemieden, war teilweise genervt, wenn auch oft betroffen, was in der Natur der Sache liegt. In den letzten Jahren haben sich Vorfälle gehäuft, die mich selber persönlich an die Wichtigkeit des Themas erinnerten, in den letzten Monaten kam ich über verschiedene Kanäle und in verschiedenen eigenen Forschungsthemen auf dieses Thema zurück.

Liest man den Artikel des Zeitspiegels schnell durch, liest er sich wie der steile Erfolgsflug der Frauen auf Kosten der Männer. Zwar stellt Zeitspiegel diese Entwicklung nicht per se in Frage, trotzdem fügt er die so klingenden Informationen an und leitet daraus eine Identitätsfindungsproblematik ab. Ich möchte diese Informationen etwas beleuchten und dann auf die global noch immer vorherrschende tatsächliche Situation eingehen. Dabei geht es mir wenig um Hormonausschüttungen und biologische Kriterien (welche aber durchaus in gewissen Themen wie der Fortpflanzung und der damit verbundenen Folgen gesellschaftliche Folgen haben).

Im Artikel ist zu lesen, dass in knapp 40% der amerikanischen Ehen Frauen mehr Einkommen haben als Männer. Das klingt fast nach einem Vorwurf. Bei Lichte betrachtet haben so aber in über 60% der Ehen Männer mehr Einkommen als Frauen. Will man wirklich in den Wettbewerb eintreten, wer nun mehr verdient und daraus irgendwie geartete Schlüsse ziehen, so sind noch immer 2/3 der Männer im Vergleich mit ihren Ehefrauen besser gestellt. Was aber bringt der innereheliche Vergleich? Grundsätzlich besagt er gesamtgesellschaftlich nichts, denn relevant ist die erbrachte Leistung und der dafür erhaltene Lohn. Da stehen Frauen global noch immer hinter den Männern zurück. In der Schweiz stösst der Vorstoss, Firmen müssten ihre Lohnpolitik offen legen, auf Widerstand – zu gross wären die Aufwände, müsste man diese Unterschiede ausgleichen (es sei denn, man holte den Männerlohn so weit runter, wie der Frauenlohn raufgesetzt werden müsste – was wiederum zu Widerstand bei den Männern führen würde, da ihre Leistung plötzlich weniger honoriert würde und sie schlussendlich auch mit einem Budget ihren Lebensbedarf berechnet hatten).

Noch immer sind weltweit Frauen benachteiligt, wenn es darum geht, Zugang zu Bildung, freier Meinungsäusserung und gesundheitsförderlichen Massnahmen zu erhalten. Selbst in Ländern, die diese Freiheiten in den Gesetzen haben, ist im tagtäglichen Leben Frauen die tatsächliche Wahrnehmung dieser Rechte unmöglich, da sie innerfamiliäre Sanktionen fürchten müssten, in einigen Ländern bis hin zum Tod.

Eine weitere Ungleichheit, die global ist, ist die Betreuung von abhängigen Menschen. Seien das Kinder, Alte, Behinderte. Diese Arbeiten liegen meist in Frauenhand. Die einseitige Verteilung beraubt die Frau einerseits der Zeit, andere Ziele zu verfolgen, eigene Fähigkeiten und Möglichkeiten auszuschöpfen, und stellt sie vor der Gesellschaft dadurch als untätig bloss, weil sie eben kein wirtschaftliches Einkommen erzielen oder sich weiterbilden. Auch hier ist es noch ein weiter Weg hin zu einer Gleichstellung.

Frauen haben mittlerweile in einigen westlichen Ländern einen Status erreicht, der ihnen die Türen zu gleicher Bildung und gleichen Arbeitsmöglichkeiten geöffnet hat. Der Weg dahin war lang und schwer und das Jammern der Männer, die sich nun dadurch in Gefahr und das eigene Bild am Schwanken sehen, ist laut. Betrachtet man das Jammern aber ehrlich und hinterfragt es mal, muss man einsehen, dass das Jammern eigentlich nur eine Ursache hat: Der Thron ist gestürzt, die Gleichberechtigung ist nicht das, was sie wollen. Wenn sich jemand beklagt, weil ein anderer plötzlich gleiche Rechte hat und er deswegen sein Selbstbild in Gefahr sieht, muss er sich mal fragen, worauf dieses Selbstbild überhaupt gründete. Und sich vielleicht an der eigenen Nase nehmen.

Der Feminismus hat mitunter traurige Früchte gebracht. Es gab in der Tat Frauen, die für alle Rechte der Frauen kämpften, den Männern gerne keine mehr lassen wollten. Die Schere Mann = böse, Frau = gut wurde weit und weiter gespreizt und dem Mann kein Stück heile Erde mehr gelassen. Gerechtfertigt wurden solche Vorstösse mit der Aussage, dass man krasse Forderungen stellen müsse, um danach minimale Erfolge zu erreichen. Dass diese krassen Vorstösse der Sache ideell mehr schaden als nützen, sollte auf der Hand liegen, da sie nur Defensive herausfordern. Dass vor solchen Forderungen Ängste geschürt werden können, dass sich Männer damit nicht wohl fühlen, sich irgendwann fragen, wo sie noch stehen, wenn all das durchgesetzt werden würde, liegt auf der Hand. Das schmälert aber nicht die gerechtfertigten Ansprüche der Frau auf gleiche Chancen und Möglichkeiten im Leben.

Wir haben heute Mittel wie Frauenquoten eingeführt, um gewisse Ungleichheiten zu eliminieren. Ich bin kein Freund von Quoten, da ich denke, Leistung solle generell gewertet werden und auf keine Seite geschlechterspezifisch. Ich sehe nicht ein, wieso im Zweifelsfall die Frau eine Stelle kriegen sollte, wenn ein Mann genauso qualifiziert wäre. Da in den Köpfen aber der Mann noch so verankert ist als bevorzugtere Arbeitskraft, scheint das die einzige Möglichkeit zu sein, dagegen vorzugehen. Ich denke, dieses Mittel zur Problemlösung setzt falsche Zeichen, es macht angreifbar und schürt Ängste.

Diskriminierungen aufgrund von Rasse, Religion oder anderweitiger Zugehörigkeiten wird heute aufs Gröbste verurteilt und mit vielen Mitteln bekämpft. Die Diskriminierung aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit gilt noch immer als quasi Kavaliersdelikt, die Aufwände, sie wirklich anzugehen, werden gescheut. Es ist besser geworden, aber es ist noch immer ein weiter Weg. So lange diese Missstände noch so gravierend sind, so lange sehe ich das Jammern um eine gefallene Identität des Mannes als Thema, das noch warten kann. Dieser Mann sollte sich zuerst mal fragen, was er genau beklagt und was so schlimm daran wäre, wenn die Frau auf gleicher Stufe stehen dürfte wie er auch. Wichtig wäre, wirklich umzudenken, wirklich auf die Leistung zu schauen, die Menschen als Menschen und nicht als Mann und Frau zu betrachten.

 

Dieser Artikel erschien in leicht abgewandelter Form auch im Ein Achtel Lorbeerblatt

Franziska zu Reventlow: Das Männerphantom

Werden die Mädchen am Anfang behütet grossgezogen und wachsen im Unwissen um die Eigenschaften des anderen Geschlechts heran, so kommt irgendwann der Tag, da diese Unwissenheit aufhört.

Daß er, »der Mann«, existiert, hat man ja auch schon vorher gewußt, aber wie er existiert, wie er beschaffen ist, auf welchen Bedingungen sein Dasein sich aufbaut, weshalb, wozu und inwiefern er eben »der Mann« ist, das wird bekanntlich dem heranwachsenden Weibe so lange wie möglich verborgen gehalten.

Franziska zu Reventlow schreibt in diesem Werk über die Mädchen und Frauen ihrer Zeit und darüber, wie diese zum anderen Geschlecht stehen. Sie beschreibt das Erwachen aus den Illusionen der Mädchenjahre hin zur Erkenntnis darüber, wie der Mann wirklich beschaffen ist.

Es ist daher ein furchtbarer Moment, wenn sie schließlich doch einmal erfährt, daß alle Männer »so« sind. Das Mädchen mag vor solcher Erkenntnis behütet bleiben, einmal durch sein eignes Wesen und dann durch die tausend und abertausend Schranken, die Brauch und Sitte um sie her aufrichten, sie mag älter und selbst alt werden, ohne ihre Illusionen einzubüßen. Wird sie aber Braut und Frau, so ist es unvermeidlich, daß ihre Ideale Schiffbruch leiden.

Der Mann kommt nicht wirklich gut weg, doch verharrt Franziska von Reventlow nicht in dieser einseitigen Schuldzuweisung. Sie zeigt auch das Wesen der Frau unbarmherzig auf.

Die einen ergeben sich in ihr Schicksal, als stille Frau an der Seite des Sünders auszuharren, und versuchen in tausendfacher Entsagung das zertrümmerte Götterbild wieder zusammenzuflicken, und wenn sie Mutter werden, in ihren Kindern die vernichteten Ideale wieder aufzubauen. Die andern wenden sich und werden »moderne Frauen«.

Frauen sind dabei nicht nur Opfer im Spiel der Geschlechter und unterliegen dem Mann, sie zementieren die ständige Idealisierung in ihrer Erziehung und helfen damit, das System zu festigen. Nicht mal die Frauen, die sich emanzipieren, kommen gut weg, denn sie kehren den Spiess einfach um, pflastern ein Bild durch Verallgemeinerungen:

Und sie gehen hin und werden Bewegungsweiber. Der Mann ist ihnen fortan etwas, das überwunden werden muß. Und das Bewegungsweib konstruiert sich ein seltsames Phantasiegebilde zurecht und sagt: das ist der Mann, so ist der Mann, wir haben ihn endlich erkannt.

In einem locker flockig anmutenden Plauderstil behandelt sie Themen wie Eifersucht, Muttersein und die Rollen von Mann und Frau. Dabei ist sie in ihren Erkenntnissen erschreckend aktuell, auch wenn man heutzutage gerne dahin ginge, sich fortgeschrittener zu sehen. Sicher fliesst Franzsika zu Reventlows Biographie in diesen Text mit ein, die persönlichen Erfahrungen mit Männern wie Frauen und vor allem auch die gesellschaftliche Stellung der Frau in der damaligen Zeit haben ihren Blick durchaus geprägt. Da sie in der damaligen Gesellschaft aber eine durchaus ungewöhnliche Biographie aufzuweisen hat, indem sie Wege beschritt, die nicht gewöhnlich waren, zeigte sie selber, dass auch gesellschaftliche Strukturen nicht immer in Stein gemeisselt sind, ein Ausbrechen offensichtlich möglich ist.

Fazit:

Eine schonungslose Analyse der Geschlechter und ihres Umgangs miteinander, die an Aktualität über die Jahre nichts eingebüsst hat. Absolut lesenswert.

BildAngaben zum Buch:

Format: Kindle Edition

Dateigröße: 108 KB

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 13 Seiten

Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.

Sprache: Deutsch

Preis: EUR 0 / CHF 0

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