Kürzlich lief ich mit dem Hund durch die Pampa und liess mich über Kopfhörer willkürlich beschallen. Eine Mischung aus allem lief, es war wunderbar. Ab und an kamen langjährige Lieblinge, dann und wann Dinge, die ich nicht mehr auf dem Radar hatte oder aber gar nicht kannte. Und dann kam das:

Ich dachte, ich höre nicht recht. Ich versuchte bislang, Rap etwas abzugewinnen. Sprachkönnen war da, oft auch Tiefgang. Eine Botschaft. Es war nie mein Gebiet, aber es war eines. Das hier ist aber nur noch destruktiv und abwertend. Und es hat Erfolg. Es ist unsere Jugend, die das hört. Und sie nimmt es sich zum Vorbild.

Wir hatten Jahrhunderte, in denen nur Männer was waren. Frauen gab es natürlich, doch sie waren mehrheitlich untergeben und weniger wert, die unbequemen wurden gar verbrannt. Dann standen ein paar auf und fingen zu kämpfen an. Einige Nachfolgerinnen haben es übertrieben, sie wollten den Spiess umkehren statt für ein Miteinander einzustehen. Ich denke, dem schulden wir das hier unter anderem…

Wann wird der Mensch endlich lernen, dass es nicht geht, wenn einer nur für sich und Seinesgleichen einsteht, alle anderen bekämpft? Es wird nur klappen, wenn wir miteinander in die Welt gehen. Die ist schon schwer genug, wir sollten die Kräfte bündeln.

Was aber machen wir nun mit solchem Schrott? Darf man das verbieten? Ich meine, es ist ein Aufruf, Mütter (das sind alle Frauen, die ein Kind haben) einfach von hinten zu nehmen, egal ob sie wollen. Damit wäre doch der Tatbestand des Aufrufs zu einer Straftat gegeben? Kann oder muss man es einfach laufen lassen? Ich weiss es nicht, aber: Solche Texte sind mehr als grenzwertig.

In letzter Zeit spülen mir die sozialen Medien immer mehr Artikel in den Gesichtskreis, in denen es um Gleichberechtigung geht, um Zahlen davon, wie viele Frauen wo vorhanden sind. Da wird gezählt. Akribisch. Der Buchpreis: Ein paar Frauen, ganz viele Männer. Die Jury: Ganz viele Männer, kaum eine Frau. Schullektüre: Fast gar keine Frauen, denn mehrheitlich Männer. Bestsellerlisten: Man ahnt es.

Ich merke, das Ganze nervt mich. Meist wird nicht gefragt, wieso es so ist, man zählt nur, was ist. Was, wenn sich gar nicht genügend gemeldet haben? Was, wenn es schlicht einfach mehr Männer gibt? Selbst das kann man natürlich hinterfragen, aber man sollte es tun. Fragen, wieso dem so wäre – wenn dem denn so wäre.

Ich habe mir Gedanken gemacht. Was las ich in der Schule? Und ja, im Deutsch ausschliesslich (tote) Männer. In der Zeit gab es aber auch kaum Frauen. Zumindest wenig „grosse“. Droste-Hüllshoff wäre eine – kam nicht. Ansonsten? Wer wäre? Franziska von Reventlow wird vernachlässigt, Seghers und Aichinger lebten noch, ebenso die Jelinek. Anno dazumal schrieben die wohl in Deutschland einfach nicht?

Im Englisch lasen wir auch nur Männer. Da ist es fragwürdiger, denn da hätte es einige gegeben: Austen, die Brontes, Virginia – Lag es dran, dass der Lehrer männlich war? Das waren der Deutsch- und der Französisch-Lehrer übrigens auch und auch im Französisch lasen wir nur Männer. Ob es da Frauen bei den Klassikern (nur solche lasen wir) gäbe, entzieht sich meiner Kenntnis. Simone de Beauvoir? Aber die wäre vielleicht eher Philosophie und das war Freifach – und da lasen wir Kant… (was ich aber toll fand… müsste ich sie besser finden, weil sie eine Frau ist? So fühlt sich die Zählerei ab und zu an….)

Ich ging in Gedanken weiter zum Studium. Im Verhältnis wenig Frauen gelesen, zumindest in Germanistik, in Anglistik die eine oder andere mehr. Ich müsste aber zählen, wie viele es denn wären im Verhältnis. Muss ich? Ist es relevant? Noch gebe ich nicht auf. Ich gehe weiter und erinnere mich an meine Professoren. In Germanistik hauptsächlich Männer. In Philosophie ebenso, Geschichte auch, Anglistik war die Vorzeige-Professorin, die in aller Munde war, weil sie so jung Professorin geworden war. Ich habe aber quasi nur bei Männern studiert. Guten Männern.

Wenn ich mir heute die Professoren-Listen in meinen Fächern anschaue, ist die Mehrheit noch immer männlich. In meinen Fächern waren Frauen in der Mehrzahl. Wo sind die alle hin? Waren sie wirklich so schlecht? Wollten sie nicht? Wurden sie nicht genommen? Da fängt es langsam an, unangenehm zu werden beim Denken. Ich habe selber Diskriminierung erlebt aufgrund meines Geschlechts. Eine Assistenzstelle kriegte ich nicht, weil ich (explizit so gesagt – übrigens von einer Frau) als Frau und alleinerziehende Mutter nicht in der Lage sei, die Anforderungen erfüllen zu können. Ein Stipendium kriegte ich erst, man wollte es mit der gleichen Begründung nachher absprechen… ich wäre fast vor Gericht gezogen.

Woran liegt es, dass Frauen in der Literaturwelt so untervertreten sind? Muss man das nun zählen und aktiv ändern? Wie sollte das gehen? Quoten? Dann wären Bücher von Frauen nur deshalb in Wettbewerben, weil sie von Frauen stammen. Frauen sässen nur in Jurys, weil sie Frauen sind. Frauen hätten Professuren inne, weil sie Frauen sind.

Man kann nun sagen: Das wäre, der Frau Unrecht getan. Das hiesse, Frauen (und Männer) nicht mehr nach Leistung, sondern nach Geschlecht zu bewerten. Das Argument greift zu kurz. Wer das Argument anführt, geht davon aus, dass es weniger fähige Frauen als Männer gibt. Denn nur dann wäre das Ungleichgewicht gerechtfertigt. Sobald man das negiert, müsste man zum Schluss kommen, dass beide gleich oft vertreten sein müssten. Wenn sie gleiche Chancen hätten.

Und ja, es ist nicht toll, zählen zu müssen. Es ist nicht toll, Quoten durchprügeln zu müssen. Es ist traurig, muss man Zahlen bemühen, um gelten zu lassen:

Alle sind gleich und sie sollen gleiche Chancen haben.

Davon scheinen wir noch weit entfernt zu sein.

Kürzlich las ich im Netz einen Entsetzensschrei:

Frau Merkel trägt seit Jahren dasselbe Hemd zum Wandern.[1]

Ein paar Tage früher hatte man sich über die Farbwahl ihres Kleides lustig gemacht, die Bezeichnungen für die Farbe erstreckten sich auf der ganzen Klaviatur der Kakophonie. Und sind es nicht die Kleider, über die man spottet, so ist es die Frisur, die Handhaltung oder eine andere Äusserlichkeit.

Das erinnert mich an den Auftritt unserer Bundesrätin Leuthard bei der Eröffnung des neuen Basistunnels. Damals war es der Mantel, der die Medienwelt in Fahrt brachte. Er sähe aus wie ein Emmentaler Käse, war noch fast der netteste Kommentar.[2]

Wieso wird eigentlich bei Frauen stets so ein Aufhebens gemacht, Männer marschieren daneben mausgrau und unbehelligt durch? Hat man je einen Kommentar wegen farblich unpassenden Krawatten, falschen Socken, zu kurz geratenen Hosen, schrecklichen Schuhen gelesen? Was ist bei den netten Altherren, welche sich ihre restlichen drei Haare mit Uhu Sekundenkleber dreimal um die Glatze kleben? Muss viel besser sein als Frau Merkels Schnitt, denn auch dieses Highlight an Haarstyling schafft es kaum je in die Medien. Donald Trump stellt wohl die Ausnahme der Regel dar, seine Frisur war wohl in aller Munde – was aber eben nur die Ausnahme, nicht die Regel ist.

Unterm Strich bleibt: Während bei Männern mehrheitlich deren (erbrachte oder ausbleibende) Leistung Thema ist, wird bei Frauen jeder Millimeter abgecheckt. Und dies nicht nur von Männern, Frauen machen da fröhlich mit. Sie gefallen sich oft in der Rolle derer, die auf Frauen in der Öffentlichkeit schiessen aus dem Hinterhalt. Frauensolidarität sucht man vergebens.

Wir Frauen können uns nicht immer als arme Opfer der nicht vorhandenen Gleichberechtigung darstellen. Wenn Frauen wirklich fair behandelt werden wollen, wenn sie aufgrund ihrer Leistung bewertet und nicht wegen Äusserlichkeiten bevorzugt oder diskriminiert werden wollen, wäre ein Schritt auf dem Weg sicher, selber mit gutem Vorbild voran zu gehen. Was kümmert Frau Merkels Frisur, Robe oder Handhaltung? Und schon gar ihr Wanderhemd? Sie soll Politik betreiben, keine Modeschau bestreiten. Messt sie an ihren Taten, da gäbe es wahrlich genug zu schreiben. Oder ist es schlicht einfacher, einen Kalauer über ein Kleid zu machen, als politische Vorgänge vernünftig zu diskutieren?

Wer nun in diesem ganzen Artikel eine Haltung für oder gegen die Politik Angela Merkels gelesen haben sollte, soll bitte nochmals lesen. Es findet sich nichts, da es mir hier rein darum geht, wie Frauen und Männer Männer und Frauen bewerten. Es geht mir um die Haltung Menschen gegenüber. Und die unterscheidet sich im Hinblick aufs Geschlecht noch zu sehr.

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[1] Hier haben wir das Hemd

[2] Ich hatte das HIER kurz angetönt

Maria Furtwängler hat eine Studie durchgeführt, die als Fazit hatte, dass im deutschen Fernsehen Frauen deutlich untervertreten sind. Auf zwei Männer kommt eine Frau. Wenn man in den sozialen Medien als Frau auf diese Studie und vor allem auf ein Interview, das der Moderator Claus Kleber im Rahmen der Nachrichtensendung Heute mit Maria Furtwängler machte, hinweist, dazu noch befindet, dass Herr Kleber die Interviewte mit ihrem Thema eher ins Lächerliche zieht, sind kritische Stimmen gleich da. Hier das Interview:

ZDF: Heute Journal

Ich befürworte den Diskurs und finde es gut, dass sich Menschen überhaupt einer Diskussion stellen. Was ich nicht verstehe ist, wie man allen Ernstes behaupten kann, dass Kleber die Studie Furtwänglers nicht ins Lächerliche zog. Dass er mehrmals die gleiche Frage mit anderen Worten stellte, welche schon beim ersten Mal verneint wurde und welche per se rational nicht positiv beantwortet werden könnte, kann nur zwei Dinge bedeuten:

  • Er findet die Interviewte und ihr Projekt lächerlich
  • Er denkt, das Publikum ist so doof, dass es nicht schon beim ersten Mal begriffen hat.

Ein Argument, das ich oft lesen musste nach all dem war das Quoten-Argument. Man wolle lieber Qualifikation als Kriterium als Geschlecht. Aber genau darum geht es doch. Ich bin auch nicht für Quoten. Wenn man aber mal die Ausbildungsstatistiken anschaut, schliessen immer mehr Frauen Studien ab und das auch noch besser als Männer. In verschiedenen Fächern. Verblöden die nach dem Abschluss? Ich meine, irgendwo muss das Wissen und die Kompetenz ja hin, die verdampft nicht einfach so. Klar kann man nun das Kinder-Argument bringen. Aber he: Männer kriegen die Kinder auch. Irgendwie. Klar geht es ohne mittlerweile – ich denke aber nicht, dass wir die Diskussion nun dahin ausdehnen müssen.

Ich war immer gegen Quoten, da ich es unsinnig finde, Positionen aufgrund des Geschlechts zu besetzen. Wenn man aber erlebt, dass ein Geschlecht wirklich benachteiligt wird bei gewissen Berufen (und das meine ich in beide Richtungen), dann finde ich das schlicht nicht angebracht und das stösst mir sauer auf. Und wenn dann einer dahin geht und ein solches Ansinnen ins Lächerliche zieht, indem er mehrmals dieselbe Frage stellt (die in dieser Form ganz klar zeigte, dass er es dahin zieht, weil das, was er erfragte, unmöglich ist und sie hat es auch mehrfach verneint), dann finde ich das auch nicht angebracht.

Ich habe nie darauf geachtet, ob ein Mann oder eine Frau etwas gemacht hat, mir ging es immer drum, dass es gut ist, mir gefällt. Ich schaue auch bei Literatur kaum auf das Geschlecht des Autors, ich lese wohl mehrheitlich Männer, dies auch aus dem Grund, dass ich viele Klassiker lese und da schlicht mehr Männer sind. Auch in dem Bereich gab es kürzlich einen Aufschrei: Frauen würden zu wenig berücksichtigt im Literaturzirkus. Ich weiss es nicht. Ich nehme da eigentlich mehrheitlich Frauen wahr, die gelobt werden – die Statistik scheint aber ein anderes Bild zu zeichnen. Wie gesagt, Quoten interessieren mich nicht, ABER:
Ich habe Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts selber erlebt und mehrfach beobachtet. Und da finde ich, da sollte man hinschauen und ernst genommen werden dürfen – nein müssen. Ganz vieles, was aber unter dem Namen „Gender“ läuft, geht mir mehr als auf den Senkel und ich denke, mit vielen Aktionen schadet man einem Bestreben der Gleichberechtigung mehr als dass man nützt, da man dann die gerechtfertigten Ansprüche durch die Lächerlichkeit anderer miteinfärbt. Ich bin mir natürlich des Umstands bewusst, dass die Grenze, was angebracht und was überzogen ist, oft subjektiv gezogen wird.

Artikel zum Thema:

Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Conny bleibt zu Hause, Felix verdient die Brötchen. Die beiden sind happy und überzeugt, Kind Franz wird es auch sein. Nun kommt Sabine, Connys Freundin, und sagt: „Wie kannst du nur so ein antiquiertes Lebensmodell wählen? Heute gehen Frauen arbeiten, Kinder in die Krippe. Wofür haben wir sonst gekämpft? Sag deinem Felix, er soll seiner Verantwortung nachkommen und auch was tun.“. Gut, Conny redet mit Felix und sie entschliessen, modern zu sein. Zwar wollen das beide nicht, aber was tut man nicht alles, um mit der Zeit zu gehen.

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Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Sie sind modern, Felix bleibt zu Hause, Conny verdient die Brötchen. Beide sind happy und überzeugt, Kind Frieda wird es auch sein. Nun kommt Hermann, Felix’ Freund, und sagt: „Was bist du für ne Lusche, ein echter Mann bleibt nicht zu Hause. Conny und Felix kriegen sich in die Haare, das Ende ist noch offen… immerhin wäre eine alleinerziehende Mutter mit Beruf und Kind in der Krippe modern.

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So oder so: Franz oder Friede kommen auf die Welt. Einer muss zumindest am Anfang zu Hause sein, dem neuen Erdenbürger den Einstand in derselben Erde zu ermöglichen. In der Schweiz ist es nun amtlich: Das muss die Mutter sein, denn der Vater kriegt keinen Vaterschaftsurlaub. Das geht gar nicht. Eltern müssten selber entscheiden können, wer den Urlaub nimmt. Klar nicht beide, denn sonst wäre bald die ganze Welt auf Urlaub.

War da nicht was von wegen „vor dem Gesetz sind alle gleich“? Und waren Frauen nicht auch gemeint mit „alle“? Männer waren es ja schon immer. Nur: Hier offensichtlich nicht. Der Schweizer Nationalrat kann sich gegen ein Grundrecht stellen und dem Mann Rechte absprechen, welche die Frau hat. Was genau zählen Grundrechte in einem Land, in dem man sie einfach mal so umstossen kann? Klar, wir bringen keinen um und sind auch sonst recht moderat und meist neutral… aber das soll einfach mal so gehen?

Mein Vorschlag:

Ein Kind kommt auf die Welt. Es hat einen Erzeuger und eine Erzeugerin. Die sind in der Pflicht. Mit der Geburt sollte geregelt sein, wie das Leben des Kindes finanziert wird. Egal, wer nun was macht im Leben, egal, ob die Liebe hält oder nicht. Das wäre Eigenverantwortung. Aber das ist wohl naiv oder unromantisch. Je nach eigenem Standpunkt. Trotzdem fände ich es den einzig gangbaren Weg. Für das Kind, für das Individuum und für den Staat. Das löst nie die emotionalen Probleme, die sind und bleiben, aber sie wären weniger vermischt.

 Fazit:

Was ich mit all dem sagen wollte? Elternteile sollten unabhängig vom Geschlecht gleiche Rechte, Pflichten und Möglichkeiten haben. Die Reihenfolge ist nicht hierarchisch, ich musste eine wählen. Das hiesse, alle gleicht zu behandeln. Alles andere ist Bullshit!

Sieht man das männliche Pfauentier mit stolz geschwellter Brust daher schreiten, den Schweif in bunter Farbenpracht gespreizt, förmlich schreiend nach Bewunderung, nimmt sich das eher blasse, kleine Weibchen daneben sehr unscheinbar aus. Ihn scheint das nicht zu stören, sie offensichtlich auch nicht, ist sie sich des Umstandes wohl auch nicht bewusst. Und so leben die beiden glücklich und einträchtig in ihren von der Natur zugedachten Rollen.

Da stehen wir Menschen und haben dieses Ding, das Bewusstsein heisst. Und wir merken all das, was die kleine Pfauenfrau nicht merkt. Und wir nehmen Anstoss daran. Zumindest heute und in unserer westlichen Zivilisation. Früher war auch hier die oben genannte Rollenverteilung normal, der Mann das grosse Tier nach aussen, die Frau im stillen Kämmerlein. Schulbildung war versagt, Weiterbildung sowieso. All das musste mühsam erkämpft werden. Dass dieser Kampf heute ab und an merkwürdige Blüten treibt, ist hier nicht Thema.

Der Mann[1] fühlte sich wohl in dieser Rolle, sah sich von den Frauen bewundert und in der starken Rolle des Ernährers, Beschützers und Mann von Welt. Er sonnte sich in seiner Rolle und noch mehr in der Bewunderung der Frau. Sie definierten sich und ihren Selbstwert dadurch. Durch die veränderten Bedingungen heute, in denen Frauen (rein theoretisch zumindest) dieselben Wege und Möglichkeiten offen stehen wie den Männern, sie diese auch gehen und ergreifen, kommt dieses Selbstverständnis ins Wanken. Was ist der Mann, wenn er nicht mehr der Grosse ist? Ist er dann noch ein Mann? Wird er noch als solcher wahr und ernst genommen?

Hannah Arendt hatte eine viel beschriebene Beziehung zu Martin Heidegger. Er der grosse und charismatische Professor, sie die kleine und unsichere Studentin. Die Beziehung blieb, als sie an eine andere Uni wechselte, auch später noch hatte sie Bestand. Zwischen den beiden galt die ungeschriebene Regel, dass sie ihm nie sagen durfte, dass sie auch nur eine Zeile selber geschrieben hatte. Nie durfte sie sich selber als (grosse oder erfolgreiche) Denkerin offenbaren, sie musste in der Beziehung die Kleine bleiben, die zwar seine Schriften kommentieren durfte (bevorzugt loben), selber aber nichts zustande bringt. Sie hat sich über viele Jahre daran gehalten. Als sie die Regel umging und ihm ein Buch von sich schickte, stiess sie auf Mauern.

Noch heute ist dieses Verhalten in vielen Köpfen drin. Der Mann als grosser Held möchte über der Frau stehen. Er möchte bewundert sein, denn daraus schöpft er noch immer seinen Selbstwert, damit identifiziert er noch oft sein Mannsein, weil es ds ist, was er kennt, das, was bislang die Regel war. Selbst wenn er das bestreitet, es drückt oft durch und ist mittlerweile auch Thema vieler Abhandlungen, Zeitungsartikel und psychologischen Studien geworden. Alte und hergebrachte Muster lassen sich nicht so einfach durch theoretische Wertänderungen ersetzen. All die Gedanken von Gleichberechtigung und Gleichstellung, von gleicher Augenhöhe und gleichen Möglichkeiten sind durchaus anerkannt und werden als wichtig erachtet. Im menschlichen Miteinander hinken wir emotional noch hinterher. Der Mann möchte tief drin immer noch seinen Federkranz mit geschwellter Brust präsentieren, die Frau soll bewundernd von unten aufschauen.

Die (menschliche) Natur ist träge in ihren Veränderungen und auch der Geist und das von diesem gesteuerte Verhalten reagiert nur langsam. Die Synapsen im Gehirn müssen sich erst neu bilden und festigen, bevor ein neues Verhalten in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bis dahin hilft wohl nur, sich immer wieder bewusst zu werden, was man eigentlich will im Leben. Und das betrifft beide Geschlechter. Es sind nicht nur die Männer, die sich gerne brüsten, es gibt auch immer noch genug Frauen, die nur den als Mann achten, der genau das tut. Damit wird dieses Verhalten immer wieder von Neuem bestärkt und die Veränderung (auch der Gesellschaft und damit der tatsächlichen Möglichkeiten, nicht nur der theoretisch gedachten) wird nach hinten geschoben.


[1] Es ist durchaus klar, dass jeder Mensch anders ist und nicht jeder Mann dem anderen gleicht. Es geht hier mehr drum Tendenzen zu beschreiben als Individuen zu klassifizieren.

Die heutige Welt zeigt sich gerne gerecht und offen für die Bedürfnisse der sogenannten Minderheiten und Schwächeren. Von Integration ist die Rede, von gleichen Möglichkeiten und Ausrottung von Diskriminierung und Herabwürdigung. Das sind gut gemeinte Ansätze, die aus einer ungerechten Welt eine gerechtere machen wollen. 

Es ist sicherlich sinnvoll, in realen Schritten hin zum Besseren zu schreiten, doch gelingt nicht mal das, wenn man die Begrifflichkeiten zu unsensibel wählt, nicht genau hinschaut, was man überhaupt versucht, wenn man etwas angeht. 

Nehmen wir das Thema Behinderung. Ich schrieb schon einmal darüber. 

Sicher ist es gut und wichtig, auf die Bedürfnisse und Ansprüche von Behinderten immer und immer wieder hinzuweisen. Behinderte sind immer noch Menschen in der zweiten Reihe. Zwar bemüht man, sie zu integrieren, versucht, die Möglichkeiten theoretisch zu verbessern. Die Realität ist noch weit von einer Gleichbehandlung und Gleichberechtigung entfernt. Gerechtigkeit eine Utopie in weiter Ferne scheinend. Das wird nicht ändern, wenn man nicht weiter Energie hinein steckt, da etwas zu ändern. Einen Versuch startet gerade im Blog quergedachtes mit seinem neusten Artikel „Ein #RufnachInklusion zum Umgang der Medien mit der Thematik Behinderung„.

Mich interessiert bei dieser Thematik nicht die Integration, denn ich denke, in dem Wort steckt schon eine Zweiklassengesellschaft: Es impliziert, dass wir eine normale Welt haben und und in diese nun die anderen integrieren. Mich interessiert eine Welt, in der Menschen verschiedener Möglichkeiten und Fähigkeiten zusammen eine Welt gestalten für Menschen mit verschiedenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. 

Klar mag es nachher ein wenig besser sein als jetzt. Klar stehen den heute Behinderten dann vielleicht Möglichkeiten offen, die ihnen heute verschlossen sind. Dabei bleibt irgendwie der Beigeschmack, dass dies aufgrund von Goodwill der Normalen zu ihren Gunsten passierte. Sie sind die Objekte im Handeln der „Normalen“. So lange diese Konnotationen in den Lösungsansätzen bestehen, wird in der Praxis von wirklicher Gleichberechtigung und Gerechtigkeit noch lange nicht die Rede sein können.