Tagesgedanken: Scheinkämpfe

Ich bin müde. So viele Missstände in der Welt, es gäbe viel zu tun. Und immer höre ich: Ach, das ändert sich nie. Ach, deine Gedanken sind doch Utopien. Gerechtigkeit? Abschaffung von Armut? Träum weiter. Und ja, ich wünsche mir, dass aus den Träumen Realität wird. Für alle. Und höre die Stimme: «Bist du eine Philosophin…»

Ich bin müde. Bei Diskussionen um den Feminismus höre ich oft, den brauche es nicht, Männer seien auch Arme, alle Fragen beträfen nicht nur Frauen. Das ist wohl wahr und ich bin überzeugt, dass die feministischen Ziele allen dienen würde. Ich solle es Humanismus nennen, wenn es alle beträfe. Aber das würde die jahrzehntelange Unterdrückung von Frauen ausblenden, die es anzugehen gilt. Es würde ausblenden, dass Frauen mehrheitlich betroffen sind bei Ungleichheiten. Das Ziel des Feminismus ist es, diese zu beseitigen, damit alle in einer Welt leben können, in welcher sie als die, welche sie sind, gleiche Chancen, Möglichkeiten und Rechte haben, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, Sexualität, etc. 

Das Argument, dass im Begriff «Feminismus» die Frau drinstecke, kommt oft gleich hinterher als Erklärung, wieso dieser nicht taugt. Und oft kommt er von denselben, welche die gendergerechte Sprache belächeln, finden, bei der männlichen Form sei die Frau mitgedacht, das müsse reichen. Wieso ist es dann ein Unding, beim Feminismus den Mann mitzudenken?

Ich verstehe das alles nicht. Ich verstehe nicht, wieso man gegen Begriffe kämpft, wieso man Unterdrückung schönreden will. Ich verstehe nicht, wieso man so viel Energie in Scheinkämpfe legen, wieso man sich für Träume rechtfertigen muss. Und manchmal denke ich: Ach, lass es doch sein, Sandra, vielleicht haben sie alle recht und du bist schlicht eine idealistische, verblendete Philosophin, die sich in überflüssigen Gebieten bewegt. Und dann schaue ich auf die Welt und denke: Nein!

Vielleicht hatte Rilke recht, als er sagte:

„Du musst das Leben nicht verstehen, 
dann wird es werden wie ein Fest.“

Tagesgedanken: Würde als Frau

In seinem Buch „Die Würde ist antastbar“ behandelt Ferdinand von Schirach in einem Essay die Frage der Gleichstellung der Frau. Er zeigt fragwürdige Haltungen in der Politik zu diesem Thema auf (nicht ganz aktuell, es gibt in Deutschland durchaus Hoffnung auf eine Verbesserung durch die aktuelle Koalition, allen voran Annalena Baerbock) und listet Zahlen aus Vorständen und Führungspositionen. Und man sitzt da und fragt sich, wie es möglich ist, dass der Frauenanteil in Vorständen grosser Firmen nur 3% beträgt, in Führungspositionen ist der Satz etwas höher, aber bei weitem nicht annähernd ausgeglichen. Nur mangelnder Einsatz und fehlende Bereitschaft kann nicht der Grund dafür sein.

Als Aristoteles seine Idee einer guten Gesellschaft formulierte, sprach er von gleichen Rechten für alle. Damals war klar, dass „alle“ nur freie Männer einer gewissen Klasse meinte. Sklaven, Arbeiter und Frauen waren ausgeschlossen aus diesem „alle“. Wenn man seine Schriften heute liest, denkt man, diese Bewertung sei antiquiert, doch die tatsächlichen Zahlen sprechen eine andere Sprache – immer noch. Die Aussage von Mary Shear:

„Feminismus ist die radikale Auffassung, dass Frauen Menschen sind.“

ist also nicht obsolet, sondern offensichtlich noch nicht in allen Köpfen in ihrer ganzen Tragweite angekommen. Zwar erkennt man Frauen durchaus als Menschen im Sinne des Menschseins, aber eben nicht im Sinne eines teilhabenden, gleichwertigen Menschen. Frauen sind eher „die Anderen“, die auch noch da sind, wenn die Welt verteilt ist unter denen, die eben „die Einen“ sind. Aus dieser Haltung leitet Simone de Beauvoir den Titel ihres Hauptwerkes ab („Das andere Geschlecht“) und das Buch ist aktuell wie eh und je.

Wir haben also noch viel zu tun, um auch zu den Einen zu gehören. Denn: Es steht uns zu. Alles andere spräche uns unsere Würde als Mensch ab. Wobei der Konjunktiv falsch gesetzt erscheint…


Interessantes Buch zum Thema Sichtbarkeit von Frauen im Literaturbetrieb:

Nicole Seifert: Frauenliteratur

Mithu M. Sanyal: Vergewaltigung

Inhalt

„Vergewaltigung ist eine Form von sozialer Performance: Sie ist hochritualisiert. Sie variiert von Land zu Land und zwischen unterschiedlichen Zeiten. An Vergewaltigung ist nichts Zeitloses oder Zufälliges. Ganz im Gegenteil sind Vergewaltigung und sexuelle Gewalt tief in konkreten politischen, ökonomischen und kulturellen Umständen verwurzelt.“ (Joanna Bourke, Historikerin)

Über Vergewaltigung zu sprechen, ist nicht leicht für die Betroffenen, zu tief sitzen Scham- und Schuldgefühle. Vergewaltigung ist ein gewaltsamer Eingriff in die persönliche (körperliche und psychische) Integrität eines Menschen (mehrheitlich einer Frau) und es ist wichtig, dass wir einen Umgang damit finden, der Opfern eine Sprache gibt.

Mithu M. Sanyal analyisert in diesem Buch die historischen Umstände, die zu einer Kultur führten, in welcher Vergewaltigungen stattfinden. Sie zeigt auf, wie über Jahrhunderte Frauen abgewertet und damit zum Objekt für den Mann gemacht wurden. Sie erläutert, inwiefern eine Vergewaltigung nicht einfach ein einzelner gewaltsamer Akt ist, sondern ein strukturelles Problem. Zudem entwickelt sie Perspektiven, wie man dieses Problem auf individueller und struktureller Ebene verhindern kann.

Weitere Betrachtungen

„Ereignisse mögen objektiv sein, ihre Verarbeitung und Bewertung ist abhängig von einer ganzen Reihe persönlicher Faktoren (wie Ressourcen und Resilienz) und sozialer Bedingungen (Umfeld, Kultur, gesellschaftliche Wertvorstellungen etc.).“

Je nach sozialem Umfeld, nach dem eigenen Stand in der Gesellschaft und im Leben, trifft eine Vergewaltigung das Opfer anders und fällt die Auseinandersetzung damit schwerer. Studien zeigen, dass je nach Status in der Gesellschaft Opfer mehr oder weniger Misstrauen entgegenschlägt, dass auch die Art einer Vergewaltigung und inwiefern sie dem kulturellen Bild einer solchen entspricht, die Glaubwürdigkeit beeinflusst. Des Weiteren spielt auch die persönliche Veranlagung eine grosse Rolle im Umgang mit sexueller Gewalt.

„Sprache spielt nicht nur eine zentrale Rolle dabei, wie wir Vergewaltigung be- und verurteilen, sondern auch dabei, wie wir sie verarbeiten. Wir brauchen Narrative, um uns die Dinge, die uns geschehen, zu erklären, um sie erinnern zu können, und um unsere Innenwelt für die Aussenwelt sichtbar zu machen.“

Sexualität ist per se ein Tabu in unserer Gesellschaft, die weibliche sowieso, wird sie doch verneint, verteufelt oder aber verschwiegen. Das führt dazu, dass uns die Sprache fehlt, über solche Dinge zu sprechen. Sie fehlt umso mehr, wenn es darum geht, von Gewalt in dem Bereich zu sprechen, da Schuld und Scham Schweigen befördern. Es kann nicht gesagt werden, wofür man keine Worte hat, es kann auch nicht gesagt werden, wovon man fürchtet, dass es nicht gehört werden will oder gar verurteilt werden wird. Sanyal weist auf Susan Brownmillers Satzung hin,

„…, dass Vergewaltigung nichts mit Sex zu tun habe, sondern alles mit Gewalt. Das war wichtig, weil sie damit klarstellte, dass Vergewaltigung nicht eine Spielart von Sexualität ist, sondern ein Verbrechen.“

Sexualität findet dann statt, wenn ein Konsens besteht, dass alle beteiligten Parteien das gleiche wollen. Ist dem nicht so, ist es keine Sexualität mehr, sondern Gewalt. Diese Unterscheidung ist wichtig, um eine Vergewaltigung als das zu sehen, was sie ist: Ein gewaltsamer Akt gegen einen Menschen. Daraus resultiert auch, dass der so zum Opfer gewordene Mensch keine Schuld trägt, weder durch seine Kleidung, sein Aussehen, sein Verhalten oder andere Eigenschaften. Jemand, der ein Nein nicht als Nein akzeptiert, verstösst gegen die Integrität eines anderen Menschen, verletzt seine Würde, zerstört ihn in seinem Wunsch auf Heil-Sein.

Persönlicher Bezug

„[bell] hooks erklärt […], dass die Fähigkeit, sich selbst und andere zu lieben und zu wertschätzen, ein elementarer Schritt zur Dekolonialisierung unserer Körper und Psychen ist. Schliesslich ist ein zentraler Aspekt von struktureller Unterdrückung, Menschen zu vermitteln, dass sie nicht denselben Wer haben – und damit nicht derselben Form der Liebe wert sind – wie weniger marginalisierte Gruppen.“

Es fängt vieles schon bei uns selber an. Wenn wir uns selber hassen, stufen wir uns automatisch tiefer ein als andere und der Umstand, dass die Anderen dann über uns stehen, gibt ihnen quasi mehr Wert und damit mehr Rechte – zu Unrecht. Kein anderer hat das Recht auf unsere Psyche oder unseren Körper. Was so offensichtlich klingt, ist im Alltag vieler nicht so einfach. Wir leben in Systemen, welche Wertverteilungen und Marginalisierungen in sich tragen und die in diesen Systemen Lebenden bis tief ins Unbewusste prägen. So sind wir uns der eigenen Abwertung oft nicht bewusst. Und genauso unbewusst fallen Abwertungen anderer aus – wir verhalten uns in einer kulturell geprägten Art und unterstützen damit immer weiter die strukturelle Gewalt.

So gesehen sind wir nicht einfach Opfer einer Kultur, wir haben einiges selber in der Hand. Aber wir leben in ebendieser Kultur und müssen ihre zugrundeliegenden Muster und Prägungen aufdecken und durchbrechen, um zu einer Veränderung zu kommen.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, ausführliches Buch über den Begriff der Vergewaltigung, deren Hintergründe und Bedingungen. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Dr. Mithu Melanie Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Journalistin sowie Referentin für Genderfragen und Dozentin an verschiedenen Universitäten. Sie schreibt für WDR, SWR, Deutschlandfunk, Der Spiegel, The Guardian, taz, Missy Magazine, Vice etc. Ihre Bücher »Vulva« (2009) und »Vergewaltigung« (2016) wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Die englische Ausgabe »Rape« wurde 2017 mit dem Preis Geisteswissenschaften International ausgezeichnet. 2021 erschien ihr Roman »Identitti« (Hanser). Im selben Jahr erhielt Mithu Sanyal den Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Edition Nautilus GmbH; 3. Edition (23. November 2020)
Taschenbuch: 256 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3960542452

Mann oder Frau oder was?

Es gab mal eine Zeit, da war die Welt noch in Ordnung. Männer hatten das Sagen und Frauen das Nachsehen. Während die grossen Männer in der grossen weiten Welt Geschäfte trieben und ihre Macht genossen, pflegten die Frauen zu Hause, was es zu pflegen gab, haushalteten, waren brav und unauffällig, fragten nett um Erlaubnis, wenn sie was wollten (was ihnen nicht zustand eigentlich, aber sie konnten es ja versuchen), und liessen den guten Mann Chef sein. Plötzlich begehrten einige auf. Sie fanden, das sei so nicht rechtens, sie wären auch Menschen und hätten auch das Recht, als solche mit Freiheiten und Möglichkeiten zu leben. Frauenbewegungen kämpften dafür, ungern gesehen von den Männern (und patriarchats-treuen Frauen), die auch gleich auf dem Platz standen und die kämpfenden Frauen verunglimpften. Mannsweiber seien sie. Hässlich. Primitive Phantasien, was man mit ihnen machen könnte oder müsste, um sie wieder zur Vernunft zu bringen, kursierten.

Nun denn, sie wurden nicht zur Vernunft gebracht, sondern setzten sich für ihre Rechte ein, von welchen sie auch einige umsetzten. In drei Wellen überfluteten sie die Welt mit ihren Forderungen, in drei Wellen kämpften sie immer wieder neu um Rechte wie den Zugang zu Bildung, das Wahlrecht, das Recht am eigenen Körper, Gleichberechtigung am Arbeitsplatz und vieles mehr. Sie kämpften erfolgreich, aber sicher noch nicht zu Ende.

Irgendwie war die Welt immer noch in Ordnung. Es gab Frauen und Männer und ein paar, die aus der Reihe tanzten – aber mein Gott, Spinner gibt es ja immer. Doch dann kamen die daher und befanden, dass sie nicht mehr die Spinner sein wollten, dass sie eine Berechtigung hätten, so zu sein, wie sie waren und damit als vollwertige Menschen anerkannt werden wollten. Mein Gott, wenn jeder will, wie er grad lustig ist, wo kämen wir da hin? Wie konnten die es wagen, an einem so sakrosankten Weltbild zu rütteln, das doch jedem einigermassen vernünftigen Mensch einleuchten müsste?

Müsste es wirklich? Simone de Beauvoir schrieb in ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ den berühmt gewordenen Satz:

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau gemacht.“

Sie meint damit, dass man zwar mit einem biologischen Geschlecht auf die Welt kommt, danach aber durch die Sozialisation mit Erwartungen und Zuschreibungen bedacht wird, welche aus einem das machen, was in der Gesellschaft als Frau bezeichnet wird. Damit einher gehen Rollenbilder, Verhaltensweisen und Möglichkeiten. Eigenschaften werden als weiblich definiert, andere als männlich, es ist gefordert, dass die jeweiligen Kinder die passenden an den Tag legen. Tun sie das nicht, stören sie das System und das wird ungern gesehen und teilweise auch mit harten Mitteln bestraft.

Erich Fromm schrieb in seinem Klassiker „Die Kunst des Liebens“, ein Mensch sei nur dann in sich ganz, wenn er sowohl die männliche wie die weibliche Polarität in sich lebe. Jeder Mensch, so Fromm, trägt also alles in sich selber und kann dem auch Ausdruck geben. Ganz sind wir erst, wenn wir nicht alles auf einer Seite suchen, sondern uns auf der ganzen Bandbreite der Möglichkeiten ausleben. So gesehen wäre jeder Mensch eine Ansammlung von Eigenschaften, die sich zwischen diesen Polen bewegen. Damit ergäbe sich kein duales Menschenbild, sondern ein pluralistisches. Und dem sollten wir, wie ich finde, Rechnung tragen.

Nun ist aber die Gesellschaft dahin gegangen und hat gefordert, dass eine Hälfte Mensch nur noch den einen Pol beackere, die andere den anderen. Und die Gesellschaft hat auch noch bestimmt, welcher Pol höher zu bewerten und damit zu stellen sei: Der männliche. Zurück blieben halbe Wesen, die sich gegenüberstanden und in obere und untere eingeteilt waren. Ein gelingendes Leben ist so schon schwierig, ein gelingendes Miteinander als Freie unmöglich. Unterdrückung musste sein, sonst wäre das Konstrukt auseinander gebrochen. Und so leben wir in einer Gesellschaft, die diese über Jahrzehnte eingerichtet und behauptet hat, die so tief in unseren Köpfen verankert ist, dass wir sie oft gar nicht mehr wahrnehmen, weil sie wie natürlich gegeben abläuft.

Frauen wollten sich das nicht gefallen lassen, sie gingen auf die Barrikaden, fingen zu kämpfen an. Sie kämpften für Zugang zu Schule und Studium, das Recht, arbeiten zu gehen, zu wählen und über ihren Körper selber entscheiden zu dürfen. Sie setzten sich ein für gerechtere Arbeitsbedingungen und gleichberechtigte Möglichkeiten und Bezahlungen. Sie erreichten viel, aber es ist auch noch viel zu tun. Während in einigen Köpfen noch die Wahnvorstellung herumgeistert, das sei ein Kampf von Frauen gegen Männer, ist vielen klar, dass es ein gemeinsamer Kampf gegen ein ungerechtes System sein soll, das beide in Rollenmuster presst, welche ihnen nicht wirklich entsprechen.

Leider klingen viele Mittel, mit denen man Ungleichheiten beseitigen will, in der Tat mehr nach einem Kampf als nach einer gemeinsamen Strategie. Die Einführung einer Quote zum Beispiel vermittelt vielen, dass hier (männliche) Köpfe rollen müssen, um neuen Platz zu schaffen, oder aber dass Männer fortan weniger Chancen haben als Frauen, die bevorzugt behandelt würden. Die Zahlen in Firmen sprechen nach wie vor eine deutlich andere Sprache. Und doch bleibt die Frage, ob die Quote die richtige Massnahme ist, zumal sie einfach eine neue Grenze eröffnet, über die sich dann streiten lässt. Denken wir zurück an den Anfang, haben wir ja nun mindestens drei Geschlechter, die es zu berücksichtigen gilt. Dazu kommt, wie es mit Menschen mit Behinderung oder solchen mit Migrationshintergrund ist? Was ist mit Hautfarbe und sexueller Orientierung? Vielleicht wären auch Veganer und Fleischfresser noch zu berücksichtigen? Was sind also aussagekräftige Argumente für die Besetzung einer Stelle und wie wollen wir fortan unsere Firmen (und andere Formen der in irgendeiner Form gemeinschaftlichen Teilhabe) zusammenstellen?

In meinen Augen gibt es nur eine Lösung: Es gilt, endlich zu dem Bewusstsein zu kommen, dass das Verbindende von allen das Menschsein ist. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch Anteile von allem hat, dass er aus verschiedenen Eigenschaften zusammengesetzt ist, die sich auf einer Bandbreite zwischen zwei Polen bewegen, die aktuell gesellschaftlich konnotiert sind, eigentlich aber nur als gegensätzlich und ohne Bewertung festzustellen sind, würde all das irrelevant. Das gilt auch für Hautfarben, von denen es unzählige Schattierungen und Farbausprägungen gibt, sowie weiteren Kriterien. So kämen wir zu einem Menschenbild, das alle umfasst, zu einer Gesellschaft, in welcher jeder frei mit Goethe denken könnte:

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Das einzige Problem, das ich nun noch sehe, ist das der eigenen Identifikation. Was bin ich denn nun? Frau? Mann? Beides? Nichts von alledem? Reicht „Ich“?

Wie weit darf freie Meinungsäusserung gehen?

Kürzlich lief ich mit dem Hund durch die Pampa und liess mich über Kopfhörer willkürlich beschallen. Eine Mischung aus allem lief, es war wunderbar. Ab und an kamen langjährige Lieblinge, dann und wann Dinge, die ich nicht mehr auf dem Radar hatte oder aber gar nicht kannte. Und dann kam das:

Ich dachte, ich höre nicht recht. Ich versuchte bislang, Rap etwas abzugewinnen. Sprachkönnen war da, oft auch Tiefgang. Eine Botschaft. Es war nie mein Gebiet, aber es war eines. Das hier ist aber nur noch destruktiv und abwertend. Und es hat Erfolg. Es ist unsere Jugend, die das hört. Und sie nimmt es sich zum Vorbild.

Wir hatten Jahrhunderte, in denen nur Männer was waren. Frauen gab es natürlich, doch sie waren mehrheitlich untergeben und weniger wert, die unbequemen wurden gar verbrannt. Dann standen ein paar auf und fingen zu kämpfen an. Einige Nachfolgerinnen haben es übertrieben, sie wollten den Spiess umkehren statt für ein Miteinander einzustehen. Ich denke, dem schulden wir das hier unter anderem…

Wann wird der Mensch endlich lernen, dass es nicht geht, wenn einer nur für sich und Seinesgleichen einsteht, alle anderen bekämpft? Es wird nur klappen, wenn wir miteinander in die Welt gehen. Die ist schon schwer genug, wir sollten die Kräfte bündeln.

Was aber machen wir nun mit solchem Schrott? Darf man das verbieten? Ich meine, es ist ein Aufruf, Mütter (das sind alle Frauen, die ein Kind haben) einfach von hinten zu nehmen, egal ob sie wollen. Damit wäre doch der Tatbestand des Aufrufs zu einer Straftat gegeben? Kann oder muss man es einfach laufen lassen? Ich weiss es nicht, aber: Solche Texte sind mehr als grenzwertig.

Frauen, Männer, Quoten

In letzter Zeit spülen mir die sozialen Medien immer mehr Artikel in den Gesichtskreis, in denen es um Gleichberechtigung geht, um Zahlen davon, wie viele Frauen wo vorhanden sind. Da wird gezählt. Akribisch. Der Buchpreis: Ein paar Frauen, ganz viele Männer. Die Jury: Ganz viele Männer, kaum eine Frau. Schullektüre: Fast gar keine Frauen, denn mehrheitlich Männer. Bestsellerlisten: Man ahnt es.

Ich merke, das Ganze nervt mich. Meist wird nicht gefragt, wieso es so ist, man zählt nur, was ist. Was, wenn sich gar nicht genügend gemeldet haben? Was, wenn es schlicht einfach mehr Männer gibt? Selbst das kann man natürlich hinterfragen, aber man sollte es tun. Fragen, wieso dem so wäre – wenn dem denn so wäre.

Ich habe mir Gedanken gemacht. Was las ich in der Schule? Und ja, im Deutsch ausschliesslich (tote) Männer. In der Zeit gab es aber auch kaum Frauen. Zumindest wenig „grosse“. Droste-Hüllshoff wäre eine – kam nicht. Ansonsten? Wer wäre? Franziska von Reventlow wird vernachlässigt, Seghers und Aichinger lebten noch, ebenso die Jelinek. Anno dazumal schrieben die wohl in Deutschland einfach nicht?

Im Englisch lasen wir auch nur Männer. Da ist es fragwürdiger, denn da hätte es einige gegeben: Austen, die Brontes, Virginia – Lag es dran, dass der Lehrer männlich war? Das waren der Deutsch- und der Französisch-Lehrer übrigens auch und auch im Französisch lasen wir nur Männer. Ob es da Frauen bei den Klassikern (nur solche lasen wir) gäbe, entzieht sich meiner Kenntnis. Simone de Beauvoir? Aber die wäre vielleicht eher Philosophie und das war Freifach – und da lasen wir Kant… (was ich aber toll fand… müsste ich sie besser finden, weil sie eine Frau ist? So fühlt sich die Zählerei ab und zu an….)

Ich ging in Gedanken weiter zum Studium. Im Verhältnis wenig Frauen gelesen, zumindest in Germanistik, in Anglistik die eine oder andere mehr. Ich müsste aber zählen, wie viele es denn wären im Verhältnis. Muss ich? Ist es relevant? Noch gebe ich nicht auf. Ich gehe weiter und erinnere mich an meine Professoren. In Germanistik hauptsächlich Männer. In Philosophie ebenso, Geschichte auch, Anglistik war die Vorzeige-Professorin, die in aller Munde war, weil sie so jung Professorin geworden war. Ich habe aber quasi nur bei Männern studiert. Guten Männern.

Wenn ich mir heute die Professoren-Listen in meinen Fächern anschaue, ist die Mehrheit noch immer männlich. In meinen Fächern waren Frauen in der Mehrzahl. Wo sind die alle hin? Waren sie wirklich so schlecht? Wollten sie nicht? Wurden sie nicht genommen? Da fängt es langsam an, unangenehm zu werden beim Denken. Ich habe selber Diskriminierung erlebt aufgrund meines Geschlechts. Eine Assistenzstelle kriegte ich nicht, weil ich (explizit so gesagt – übrigens von einer Frau) als Frau und alleinerziehende Mutter nicht in der Lage sei, die Anforderungen erfüllen zu können. Ein Stipendium kriegte ich erst, man wollte es mit der gleichen Begründung nachher absprechen… ich wäre fast vor Gericht gezogen.

Woran liegt es, dass Frauen in der Literaturwelt so untervertreten sind? Muss man das nun zählen und aktiv ändern? Wie sollte das gehen? Quoten? Dann wären Bücher von Frauen nur deshalb in Wettbewerben, weil sie von Frauen stammen. Frauen sässen nur in Jurys, weil sie Frauen sind. Frauen hätten Professuren inne, weil sie Frauen sind.

Man kann nun sagen: Das wäre, der Frau Unrecht getan. Das hiesse, Frauen (und Männer) nicht mehr nach Leistung, sondern nach Geschlecht zu bewerten. Das Argument greift zu kurz. Wer das Argument anführt, geht davon aus, dass es weniger fähige Frauen als Männer gibt. Denn nur dann wäre das Ungleichgewicht gerechtfertigt. Sobald man das negiert, müsste man zum Schluss kommen, dass beide gleich oft vertreten sein müssten. Wenn sie gleiche Chancen hätten.

Und ja, es ist nicht toll, zählen zu müssen. Es ist nicht toll, Quoten durchprügeln zu müssen. Es ist traurig, muss man Zahlen bemühen, um gelten zu lassen:

Alle sind gleich und sie sollen gleiche Chancen haben.

Davon scheinen wir noch weit entfernt zu sein.

Wir sind ja ach so gleichberechtigt

Kürzlich las ich im Netz einen Entsetzensschrei:

Frau Merkel trägt seit Jahren dasselbe Hemd zum Wandern.[1]

Ein paar Tage früher hatte man sich über die Farbwahl ihres Kleides lustig gemacht, die Bezeichnungen für die Farbe erstreckten sich auf der ganzen Klaviatur der Kakophonie. Und sind es nicht die Kleider, über die man spottet, so ist es die Frisur, die Handhaltung oder eine andere Äusserlichkeit.

Das erinnert mich an den Auftritt unserer Bundesrätin Leuthard bei der Eröffnung des neuen Basistunnels. Damals war es der Mantel, der die Medienwelt in Fahrt brachte. Er sähe aus wie ein Emmentaler Käse, war noch fast der netteste Kommentar.[2]

Wieso wird eigentlich bei Frauen stets so ein Aufhebens gemacht, Männer marschieren daneben mausgrau und unbehelligt durch? Hat man je einen Kommentar wegen farblich unpassenden Krawatten, falschen Socken, zu kurz geratenen Hosen, schrecklichen Schuhen gelesen? Was ist bei den netten Altherren, welche sich ihre restlichen drei Haare mit Uhu Sekundenkleber dreimal um die Glatze kleben? Muss viel besser sein als Frau Merkels Schnitt, denn auch dieses Highlight an Haarstyling schafft es kaum je in die Medien. Donald Trump stellt wohl die Ausnahme der Regel dar, seine Frisur war wohl in aller Munde – was aber eben nur die Ausnahme, nicht die Regel ist.

Unterm Strich bleibt: Während bei Männern mehrheitlich deren (erbrachte oder ausbleibende) Leistung Thema ist, wird bei Frauen jeder Millimeter abgecheckt. Und dies nicht nur von Männern, Frauen machen da fröhlich mit. Sie gefallen sich oft in der Rolle derer, die auf Frauen in der Öffentlichkeit schiessen aus dem Hinterhalt. Frauensolidarität sucht man vergebens.

Wir Frauen können uns nicht immer als arme Opfer der nicht vorhandenen Gleichberechtigung darstellen. Wenn Frauen wirklich fair behandelt werden wollen, wenn sie aufgrund ihrer Leistung bewertet und nicht wegen Äusserlichkeiten bevorzugt oder diskriminiert werden wollen, wäre ein Schritt auf dem Weg sicher, selber mit gutem Vorbild voran zu gehen. Was kümmert Frau Merkels Frisur, Robe oder Handhaltung? Und schon gar ihr Wanderhemd? Sie soll Politik betreiben, keine Modeschau bestreiten. Messt sie an ihren Taten, da gäbe es wahrlich genug zu schreiben. Oder ist es schlicht einfacher, einen Kalauer über ein Kleid zu machen, als politische Vorgänge vernünftig zu diskutieren?

Wer nun in diesem ganzen Artikel eine Haltung für oder gegen die Politik Angela Merkels gelesen haben sollte, soll bitte nochmals lesen. Es findet sich nichts, da es mir hier rein darum geht, wie Frauen und Männer Männer und Frauen bewerten. Es geht mir um die Haltung Menschen gegenüber. Und die unterscheidet sich im Hinblick aufs Geschlecht noch zu sehr.

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[1] Hier haben wir das Hemd

[2] Ich hatte das HIER kurz angetönt

Wer hat die meisten Stühle – Genderfrage als Reise nach Jerusalem?

Maria Furtwängler hat eine Studie durchgeführt, die als Fazit hatte, dass im deutschen Fernsehen Frauen deutlich untervertreten sind. Auf zwei Männer kommt eine Frau. Wenn man in den sozialen Medien als Frau auf diese Studie und vor allem auf ein Interview, das der Moderator Claus Kleber im Rahmen der Nachrichtensendung Heute mit Maria Furtwängler machte, hinweist, dazu noch befindet, dass Herr Kleber die Interviewte mit ihrem Thema eher ins Lächerliche zieht, sind kritische Stimmen gleich da. Hier das Interview:

ZDF: Heute Journal

Ich befürworte den Diskurs und finde es gut, dass sich Menschen überhaupt einer Diskussion stellen. Was ich nicht verstehe ist, wie man allen Ernstes behaupten kann, dass Kleber die Studie Furtwänglers nicht ins Lächerliche zog. Dass er mehrmals die gleiche Frage mit anderen Worten stellte, welche schon beim ersten Mal verneint wurde und welche per se rational nicht positiv beantwortet werden könnte, kann nur zwei Dinge bedeuten:

  • Er findet die Interviewte und ihr Projekt lächerlich
  • Er denkt, das Publikum ist so doof, dass es nicht schon beim ersten Mal begriffen hat.

Ein Argument, das ich oft lesen musste nach all dem war das Quoten-Argument. Man wolle lieber Qualifikation als Kriterium als Geschlecht. Aber genau darum geht es doch. Ich bin auch nicht für Quoten. Wenn man aber mal die Ausbildungsstatistiken anschaut, schliessen immer mehr Frauen Studien ab und das auch noch besser als Männer. In verschiedenen Fächern. Verblöden die nach dem Abschluss? Ich meine, irgendwo muss das Wissen und die Kompetenz ja hin, die verdampft nicht einfach so. Klar kann man nun das Kinder-Argument bringen. Aber he: Männer kriegen die Kinder auch. Irgendwie. Klar geht es ohne mittlerweile – ich denke aber nicht, dass wir die Diskussion nun dahin ausdehnen müssen.

Ich war immer gegen Quoten, da ich es unsinnig finde, Positionen aufgrund des Geschlechts zu besetzen. Wenn man aber erlebt, dass ein Geschlecht wirklich benachteiligt wird bei gewissen Berufen (und das meine ich in beide Richtungen), dann finde ich das schlicht nicht angebracht und das stösst mir sauer auf. Und wenn dann einer dahin geht und ein solches Ansinnen ins Lächerliche zieht, indem er mehrmals dieselbe Frage stellt (die in dieser Form ganz klar zeigte, dass er es dahin zieht, weil das, was er erfragte, unmöglich ist und sie hat es auch mehrfach verneint), dann finde ich das auch nicht angebracht.

Ich habe nie darauf geachtet, ob ein Mann oder eine Frau etwas gemacht hat, mir ging es immer drum, dass es gut ist, mir gefällt. Ich schaue auch bei Literatur kaum auf das Geschlecht des Autors, ich lese wohl mehrheitlich Männer, dies auch aus dem Grund, dass ich viele Klassiker lese und da schlicht mehr Männer sind. Auch in dem Bereich gab es kürzlich einen Aufschrei: Frauen würden zu wenig berücksichtigt im Literaturzirkus. Ich weiss es nicht. Ich nehme da eigentlich mehrheitlich Frauen wahr, die gelobt werden – die Statistik scheint aber ein anderes Bild zu zeichnen. Wie gesagt, Quoten interessieren mich nicht, ABER:
Ich habe Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts selber erlebt und mehrfach beobachtet. Und da finde ich, da sollte man hinschauen und ernst genommen werden dürfen – nein müssen. Ganz vieles, was aber unter dem Namen „Gender“ läuft, geht mir mehr als auf den Senkel und ich denke, mit vielen Aktionen schadet man einem Bestreben der Gleichberechtigung mehr als dass man nützt, da man dann die gerechtfertigten Ansprüche durch die Lächerlichkeit anderer miteinfärbt. Ich bin mir natürlich des Umstands bewusst, dass die Grenze, was angebracht und was überzogen ist, oft subjektiv gezogen wird.

Artikel zum Thema:

Verhandelbare Grundrechte?

Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Conny bleibt zu Hause, Felix verdient die Brötchen. Die beiden sind happy und überzeugt, Kind Franz wird es auch sein. Nun kommt Sabine, Connys Freundin, und sagt: „Wie kannst du nur so ein antiquiertes Lebensmodell wählen? Heute gehen Frauen arbeiten, Kinder in die Krippe. Wofür haben wir sonst gekämpft? Sag deinem Felix, er soll seiner Verantwortung nachkommen und auch was tun.“. Gut, Conny redet mit Felix und sie entschliessen, modern zu sein. Zwar wollen das beide nicht, aber was tut man nicht alles, um mit der Zeit zu gehen.

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Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Sie sind modern, Felix bleibt zu Hause, Conny verdient die Brötchen. Beide sind happy und überzeugt, Kind Frieda wird es auch sein. Nun kommt Hermann, Felix’ Freund, und sagt: „Was bist du für ne Lusche, ein echter Mann bleibt nicht zu Hause. Conny und Felix kriegen sich in die Haare, das Ende ist noch offen… immerhin wäre eine alleinerziehende Mutter mit Beruf und Kind in der Krippe modern.

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So oder so: Franz oder Friede kommen auf die Welt. Einer muss zumindest am Anfang zu Hause sein, dem neuen Erdenbürger den Einstand in derselben Erde zu ermöglichen. In der Schweiz ist es nun amtlich: Das muss die Mutter sein, denn der Vater kriegt keinen Vaterschaftsurlaub. Das geht gar nicht. Eltern müssten selber entscheiden können, wer den Urlaub nimmt. Klar nicht beide, denn sonst wäre bald die ganze Welt auf Urlaub.

War da nicht was von wegen „vor dem Gesetz sind alle gleich“? Und waren Frauen nicht auch gemeint mit „alle“? Männer waren es ja schon immer. Nur: Hier offensichtlich nicht. Der Schweizer Nationalrat kann sich gegen ein Grundrecht stellen und dem Mann Rechte absprechen, welche die Frau hat. Was genau zählen Grundrechte in einem Land, in dem man sie einfach mal so umstossen kann? Klar, wir bringen keinen um und sind auch sonst recht moderat und meist neutral… aber das soll einfach mal so gehen?

Mein Vorschlag:

Ein Kind kommt auf die Welt. Es hat einen Erzeuger und eine Erzeugerin. Die sind in der Pflicht. Mit der Geburt sollte geregelt sein, wie das Leben des Kindes finanziert wird. Egal, wer nun was macht im Leben, egal, ob die Liebe hält oder nicht. Das wäre Eigenverantwortung. Aber das ist wohl naiv oder unromantisch. Je nach eigenem Standpunkt. Trotzdem fände ich es den einzig gangbaren Weg. Für das Kind, für das Individuum und für den Staat. Das löst nie die emotionalen Probleme, die sind und bleiben, aber sie wären weniger vermischt.

 Fazit:

Was ich mit all dem sagen wollte? Elternteile sollten unabhängig vom Geschlecht gleiche Rechte, Pflichten und Möglichkeiten haben. Die Reihenfolge ist nicht hierarchisch, ich musste eine wählen. Das hiesse, alle gleicht zu behandeln. Alles andere ist Bullshit!

Pfauen und andere Tierchen

Sieht man das männliche Pfauentier mit stolz geschwellter Brust daher schreiten, den Schweif in bunter Farbenpracht gespreizt, förmlich schreiend nach Bewunderung, nimmt sich das eher blasse, kleine Weibchen daneben sehr unscheinbar aus. Ihn scheint das nicht zu stören, sie offensichtlich auch nicht, ist sie sich des Umstandes wohl auch nicht bewusst. Und so leben die beiden glücklich und einträchtig in ihren von der Natur zugedachten Rollen.

Da stehen wir Menschen und haben dieses Ding, das Bewusstsein heisst. Und wir merken all das, was die kleine Pfauenfrau nicht merkt. Und wir nehmen Anstoss daran. Zumindest heute und in unserer westlichen Zivilisation. Früher war auch hier die oben genannte Rollenverteilung normal, der Mann das grosse Tier nach aussen, die Frau im stillen Kämmerlein. Schulbildung war versagt, Weiterbildung sowieso. All das musste mühsam erkämpft werden. Dass dieser Kampf heute ab und an merkwürdige Blüten treibt, ist hier nicht Thema.

Der Mann[1] fühlte sich wohl in dieser Rolle, sah sich von den Frauen bewundert und in der starken Rolle des Ernährers, Beschützers und Mann von Welt. Er sonnte sich in seiner Rolle und noch mehr in der Bewunderung der Frau. Sie definierten sich und ihren Selbstwert dadurch. Durch die veränderten Bedingungen heute, in denen Frauen (rein theoretisch zumindest) dieselben Wege und Möglichkeiten offen stehen wie den Männern, sie diese auch gehen und ergreifen, kommt dieses Selbstverständnis ins Wanken. Was ist der Mann, wenn er nicht mehr der Grosse ist? Ist er dann noch ein Mann? Wird er noch als solcher wahr und ernst genommen?

Hannah Arendt hatte eine viel beschriebene Beziehung zu Martin Heidegger. Er der grosse und charismatische Professor, sie die kleine und unsichere Studentin. Die Beziehung blieb, als sie an eine andere Uni wechselte, auch später noch hatte sie Bestand. Zwischen den beiden galt die ungeschriebene Regel, dass sie ihm nie sagen durfte, dass sie auch nur eine Zeile selber geschrieben hatte. Nie durfte sie sich selber als (grosse oder erfolgreiche) Denkerin offenbaren, sie musste in der Beziehung die Kleine bleiben, die zwar seine Schriften kommentieren durfte (bevorzugt loben), selber aber nichts zustande bringt. Sie hat sich über viele Jahre daran gehalten. Als sie die Regel umging und ihm ein Buch von sich schickte, stiess sie auf Mauern.

Noch heute ist dieses Verhalten in vielen Köpfen drin. Der Mann als grosser Held möchte über der Frau stehen. Er möchte bewundert sein, denn daraus schöpft er noch immer seinen Selbstwert, damit identifiziert er noch oft sein Mannsein, weil es ds ist, was er kennt, das, was bislang die Regel war. Selbst wenn er das bestreitet, es drückt oft durch und ist mittlerweile auch Thema vieler Abhandlungen, Zeitungsartikel und psychologischen Studien geworden. Alte und hergebrachte Muster lassen sich nicht so einfach durch theoretische Wertänderungen ersetzen. All die Gedanken von Gleichberechtigung und Gleichstellung, von gleicher Augenhöhe und gleichen Möglichkeiten sind durchaus anerkannt und werden als wichtig erachtet. Im menschlichen Miteinander hinken wir emotional noch hinterher. Der Mann möchte tief drin immer noch seinen Federkranz mit geschwellter Brust präsentieren, die Frau soll bewundernd von unten aufschauen.

Die (menschliche) Natur ist träge in ihren Veränderungen und auch der Geist und das von diesem gesteuerte Verhalten reagiert nur langsam. Die Synapsen im Gehirn müssen sich erst neu bilden und festigen, bevor ein neues Verhalten in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bis dahin hilft wohl nur, sich immer wieder bewusst zu werden, was man eigentlich will im Leben. Und das betrifft beide Geschlechter. Es sind nicht nur die Männer, die sich gerne brüsten, es gibt auch immer noch genug Frauen, die nur den als Mann achten, der genau das tut. Damit wird dieses Verhalten immer wieder von Neuem bestärkt und die Veränderung (auch der Gesellschaft und damit der tatsächlichen Möglichkeiten, nicht nur der theoretisch gedachten) wird nach hinten geschoben.


[1] Es ist durchaus klar, dass jeder Mensch anders ist und nicht jeder Mann dem anderen gleicht. Es geht hier mehr drum Tendenzen zu beschreiben als Individuen zu klassifizieren.

Behinderung: Integration oder Gerechtigkeit?

Die heutige Welt zeigt sich gerne gerecht und offen für die Bedürfnisse der sogenannten Minderheiten und Schwächeren. Von Integration ist die Rede, von gleichen Möglichkeiten und Ausrottung von Diskriminierung und Herabwürdigung. Das sind gut gemeinte Ansätze, die aus einer ungerechten Welt eine gerechtere machen wollen. 

Es ist sicherlich sinnvoll, in realen Schritten hin zum Besseren zu schreiten, doch gelingt nicht mal das, wenn man die Begrifflichkeiten zu unsensibel wählt, nicht genau hinschaut, was man überhaupt versucht, wenn man etwas angeht. 

Nehmen wir das Thema Behinderung. Ich schrieb schon einmal darüber. 

Sicher ist es gut und wichtig, auf die Bedürfnisse und Ansprüche von Behinderten immer und immer wieder hinzuweisen. Behinderte sind immer noch Menschen in der zweiten Reihe. Zwar bemüht man, sie zu integrieren, versucht, die Möglichkeiten theoretisch zu verbessern. Die Realität ist noch weit von einer Gleichbehandlung und Gleichberechtigung entfernt. Gerechtigkeit eine Utopie in weiter Ferne scheinend. Das wird nicht ändern, wenn man nicht weiter Energie hinein steckt, da etwas zu ändern. Einen Versuch startet gerade im Blog quergedachtes mit seinem neusten Artikel „Ein #RufnachInklusion zum Umgang der Medien mit der Thematik Behinderung„.

Mich interessiert bei dieser Thematik nicht die Integration, denn ich denke, in dem Wort steckt schon eine Zweiklassengesellschaft: Es impliziert, dass wir eine normale Welt haben und und in diese nun die anderen integrieren. Mich interessiert eine Welt, in der Menschen verschiedener Möglichkeiten und Fähigkeiten zusammen eine Welt gestalten für Menschen mit verschiedenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. 

Klar mag es nachher ein wenig besser sein als jetzt. Klar stehen den heute Behinderten dann vielleicht Möglichkeiten offen, die ihnen heute verschlossen sind. Dabei bleibt irgendwie der Beigeschmack, dass dies aufgrund von Goodwill der Normalen zu ihren Gunsten passierte. Sie sind die Objekte im Handeln der „Normalen“. So lange diese Konnotationen in den Lösungsansätzen bestehen, wird in der Praxis von wirklicher Gleichberechtigung und Gerechtigkeit noch lange nicht die Rede sein können. 

Gleiche Rechte, unabhängig vom Geschlecht?

In Anlehnung an den Spiegel-Titel Nr. 1 diesen Jahres (Oh, Mann, Das starke Geschlecht sucht seine neue Rolle), möchte ich ein Brainstorming und eine Diskussion starten, die die Ursachen des auf uns zurollenden enormen Wandels der Geschlechterrollen hinterfragt. Dieser Wandel, der sich mit erstaunlichen Zahlen bereits in der US-amerikanischen Gesellschaft dokumentiert (in fast 40% verdienen Frauen in amerikanischen Ehen mehr als der Mann, siehe auch Hanna Rosin, The End of Men) wird sich bald, in Folge der auch hierzulande überwiegend durch Frauen erworbenen Hochschulabschlüsse, sehr deutlich auch bei uns bemerkbar machen. Die Kernfrage ist für mich weniger der Wandel, den ich nicht als gefährlich erachte, sondern vielmehr die philosophische Frage der Identitätsfindung, die schon immer für jeden einzelnen Menschen wesentlich war und ist. Wer man ist, was man sein möchte und was möglich ist.

Das ist der einleitende Absatz eines Blogartikels des Zeitspiegels. Der ganze Blogartikel ist unter Männer? – Frauen? nachzulesen. Ich möchte hier meine Sicht der Dinge in der Debatte der Geschlechterdiskussion anfügen. Ich habe dieses Thema lange gemieden, war teilweise genervt, wenn auch oft betroffen, was in der Natur der Sache liegt. In den letzten Jahren haben sich Vorfälle gehäuft, die mich selber persönlich an die Wichtigkeit des Themas erinnerten, in den letzten Monaten kam ich über verschiedene Kanäle und in verschiedenen eigenen Forschungsthemen auf dieses Thema zurück.

Liest man den Artikel des Zeitspiegels schnell durch, liest er sich wie der steile Erfolgsflug der Frauen auf Kosten der Männer. Zwar stellt Zeitspiegel diese Entwicklung nicht per se in Frage, trotzdem fügt er die so klingenden Informationen an und leitet daraus eine Identitätsfindungsproblematik ab. Ich möchte diese Informationen etwas beleuchten und dann auf die global noch immer vorherrschende tatsächliche Situation eingehen. Dabei geht es mir wenig um Hormonausschüttungen und biologische Kriterien (welche aber durchaus in gewissen Themen wie der Fortpflanzung und der damit verbundenen Folgen gesellschaftliche Folgen haben).

Im Artikel ist zu lesen, dass in knapp 40% der amerikanischen Ehen Frauen mehr Einkommen haben als Männer. Das klingt fast nach einem Vorwurf. Bei Lichte betrachtet haben so aber in über 60% der Ehen Männer mehr Einkommen als Frauen. Will man wirklich in den Wettbewerb eintreten, wer nun mehr verdient und daraus irgendwie geartete Schlüsse ziehen, so sind noch immer 2/3 der Männer im Vergleich mit ihren Ehefrauen besser gestellt. Was aber bringt der innereheliche Vergleich? Grundsätzlich besagt er gesamtgesellschaftlich nichts, denn relevant ist die erbrachte Leistung und der dafür erhaltene Lohn. Da stehen Frauen global noch immer hinter den Männern zurück. In der Schweiz stösst der Vorstoss, Firmen müssten ihre Lohnpolitik offen legen, auf Widerstand – zu gross wären die Aufwände, müsste man diese Unterschiede ausgleichen (es sei denn, man holte den Männerlohn so weit runter, wie der Frauenlohn raufgesetzt werden müsste – was wiederum zu Widerstand bei den Männern führen würde, da ihre Leistung plötzlich weniger honoriert würde und sie schlussendlich auch mit einem Budget ihren Lebensbedarf berechnet hatten).

Noch immer sind weltweit Frauen benachteiligt, wenn es darum geht, Zugang zu Bildung, freier Meinungsäusserung und gesundheitsförderlichen Massnahmen zu erhalten. Selbst in Ländern, die diese Freiheiten in den Gesetzen haben, ist im tagtäglichen Leben Frauen die tatsächliche Wahrnehmung dieser Rechte unmöglich, da sie innerfamiliäre Sanktionen fürchten müssten, in einigen Ländern bis hin zum Tod.

Eine weitere Ungleichheit, die global ist, ist die Betreuung von abhängigen Menschen. Seien das Kinder, Alte, Behinderte. Diese Arbeiten liegen meist in Frauenhand. Die einseitige Verteilung beraubt die Frau einerseits der Zeit, andere Ziele zu verfolgen, eigene Fähigkeiten und Möglichkeiten auszuschöpfen, und stellt sie vor der Gesellschaft dadurch als untätig bloss, weil sie eben kein wirtschaftliches Einkommen erzielen oder sich weiterbilden. Auch hier ist es noch ein weiter Weg hin zu einer Gleichstellung.

Frauen haben mittlerweile in einigen westlichen Ländern einen Status erreicht, der ihnen die Türen zu gleicher Bildung und gleichen Arbeitsmöglichkeiten geöffnet hat. Der Weg dahin war lang und schwer und das Jammern der Männer, die sich nun dadurch in Gefahr und das eigene Bild am Schwanken sehen, ist laut. Betrachtet man das Jammern aber ehrlich und hinterfragt es mal, muss man einsehen, dass das Jammern eigentlich nur eine Ursache hat: Der Thron ist gestürzt, die Gleichberechtigung ist nicht das, was sie wollen. Wenn sich jemand beklagt, weil ein anderer plötzlich gleiche Rechte hat und er deswegen sein Selbstbild in Gefahr sieht, muss er sich mal fragen, worauf dieses Selbstbild überhaupt gründete. Und sich vielleicht an der eigenen Nase nehmen.

Der Feminismus hat mitunter traurige Früchte gebracht. Es gab in der Tat Frauen, die für alle Rechte der Frauen kämpften, den Männern gerne keine mehr lassen wollten. Die Schere Mann = böse, Frau = gut wurde weit und weiter gespreizt und dem Mann kein Stück heile Erde mehr gelassen. Gerechtfertigt wurden solche Vorstösse mit der Aussage, dass man krasse Forderungen stellen müsse, um danach minimale Erfolge zu erreichen. Dass diese krassen Vorstösse der Sache ideell mehr schaden als nützen, sollte auf der Hand liegen, da sie nur Defensive herausfordern. Dass vor solchen Forderungen Ängste geschürt werden können, dass sich Männer damit nicht wohl fühlen, sich irgendwann fragen, wo sie noch stehen, wenn all das durchgesetzt werden würde, liegt auf der Hand. Das schmälert aber nicht die gerechtfertigten Ansprüche der Frau auf gleiche Chancen und Möglichkeiten im Leben.

Wir haben heute Mittel wie Frauenquoten eingeführt, um gewisse Ungleichheiten zu eliminieren. Ich bin kein Freund von Quoten, da ich denke, Leistung solle generell gewertet werden und auf keine Seite geschlechterspezifisch. Ich sehe nicht ein, wieso im Zweifelsfall die Frau eine Stelle kriegen sollte, wenn ein Mann genauso qualifiziert wäre. Da in den Köpfen aber der Mann noch so verankert ist als bevorzugtere Arbeitskraft, scheint das die einzige Möglichkeit zu sein, dagegen vorzugehen. Ich denke, dieses Mittel zur Problemlösung setzt falsche Zeichen, es macht angreifbar und schürt Ängste.

Diskriminierungen aufgrund von Rasse, Religion oder anderweitiger Zugehörigkeiten wird heute aufs Gröbste verurteilt und mit vielen Mitteln bekämpft. Die Diskriminierung aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit gilt noch immer als quasi Kavaliersdelikt, die Aufwände, sie wirklich anzugehen, werden gescheut. Es ist besser geworden, aber es ist noch immer ein weiter Weg. So lange diese Missstände noch so gravierend sind, so lange sehe ich das Jammern um eine gefallene Identität des Mannes als Thema, das noch warten kann. Dieser Mann sollte sich zuerst mal fragen, was er genau beklagt und was so schlimm daran wäre, wenn die Frau auf gleicher Stufe stehen dürfte wie er auch. Wichtig wäre, wirklich umzudenken, wirklich auf die Leistung zu schauen, die Menschen als Menschen und nicht als Mann und Frau zu betrachten.

 

Dieser Artikel erschien in leicht abgewandelter Form auch im Ein Achtel Lorbeerblatt