Kampf der Geschlechter

Genderdebatten, Gleichberechtigung, Emanzipation, Feminismus – Schlagwörter, die die letzten Jahre und Jahrzehnte dominierten. Die Frau soll weg aus ihrer unterdrückten und benachteiligten Lebensrolle und hinein in die grosse weite Welt mit all ihren Möglichkeiten. Sie soll sich nicht länger dem Mann unterordnen. Patriarchat war gestern, vorgestern, aber sicher nicht heute. Heute steht die Frau ihren Mann, zeigt allen, was in ihr steckt  – sie macht alles selbst, sie ist nun gross, sie kann das. Die Frau am Herd hat ausgedient, heute sitzt sie am Bürotisch und ist gleich dreimal so toll dadurch.

Deutschland stimmte unlängst im Parlament darüber ab, ob auch Familien Anspruch auf Betreuungsgeld haben sollen, deren Kinder zu Hause betreut werden. Ein Aufschrei ging durch die Reihen, viele distanzierten sich eigentlich davon, trotzdem kriegte die Lösung ein Mehr (blosse Zugeständnisse hiess es…). Das sei ein Rückschritt, ein Schlag ins Gesicht der Frauen und ihrer Vorkämpferinnen. Die Frauen könnten so lieber bei den Kindern bleiben, statt ihr Recht zu Arbeiten wahrzunehmen. Welch ein Fluch, welch eine Schande, welch ein Verlust?

Früher herrschte der Mann, er hatte das Sagen. Frauen konnten lange nicht studieren, hatten keine politischen Rechte und konnten kaum arbeiten; wenn, dann in Dienstbotenverhältnissen und damit am unteren Ende der Gesellschaft. Viele starke Frauen und deren Mitstreiter haben es geschafft, diese demütigende und unhaltbare Situation zu verändern. Frauen kriegten Zugang zu allen Bereichen des Lebens, sie wurden zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft, des Staates. Ein Sieg, eine Notwendigkeit! Gleiche Rechte für alle – unter diesen Allen waren nun auch Frauen, vorher waren es nur mündige männliche Bürger.

Was ist ein Recht? Ein Recht ist die Möglichkeit, etwas zu tun, weil man es tun darf. Ich habe das Recht zu schweigen, wenn ich mich mit einer Aussage selber belaste. Ich habe das Recht auf Bildung. Bis zu einem gewissen Alter sogar die Pflicht, sie wahrzunehmen, danach ist es ein blosses Recht. Schaut man auf die Frauenfrage, wurde aus dem Recht ein Zwang, eine Pflicht. Das Recht auf Arbeit wurde zum „du musst nun arbeiten, gib endlich deine Kinder ab“. Die Frau, die sich erdreistet, zu Hause bleiben zu wollen, ist das Heimchen am Herd, welches die Früchte der Emanzipation verrät. Sie sieht sich täglich den Fragen „was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ und „wann gehst du wieder arbeiten?“ ausgesetzt. Das Recht wurde zur Plage. Wo früher Männer unterdrückten, tun es heute die Frauen mit anderen Vorzeichen. Wo ist da die Freiheit? Wäre nicht sie das eigentliche Ziel der Emanzipation? Ein Recht auf alles mit der Freiheit, sich individuell zu entscheiden?

Ist es nicht eigentlich frauenfeindlich, die Dinge so zu sehen? Schauen wir auf die Forderung „Kein Betreuungsgeld für Mütter, die ihre Kinder selber betreuen“. Wertet man damit nicht die Leistung von Müttern ab? Eine Krippenaufsicht kriegt einen Lohn, niemand würde ihn ihr absprechen, die Mutter soll es gratis tun? Und wenn sie es tut, hat sie das Nachsehen, weil sie von anderen Frauen verachtet wird, ihre Arbeit nichts zählt, da sie nichts einbringt und sie am Schluss hören muss, sie hätte die ganzen Jahre nichts getan, obwohl sie tat, wofür andere eine Lehre machen und dann Lohn beziehen? Ist es heute wirklich eine Schande, für seine Kinder sorgen zu wollen? Wenn man das von Herzen gern und mit Liebe und Einsatz tut – wo genau liegt das Problem?

Kindererziehung zu Hause ist heute Fronarbeit und zählt nichts. Genauso ist es mit der Betreuung und Pflege von familiären alten Menschen. Reiner Liebesdienst ohne Anerkennung, ohne Wertschätzung. Menschen, die sich diesen Diensten verpflichten sind die Verlierer im System. Sie werden argwöhnisch betrachtet, als Schmarotzer und Profiteure gesehen und nach ihrem (ökonomischen) Beitrag zur Gesellschaft gefragt. Kannst du dir das leisten? Wovon lebst du eigentlich? Das sind die Fragen, die sie hören. Kann sich ein Bankdirektor leisten, Steuern zu hinterziehen, indem er sich im falschen Kanton anmeldet und damit durchkommt, weil er es geschickt genug tut? Klar, er ist ein angesehener Mann mit Ruhm und Ehre durch einen zu diesen führenden Beruf.

Vielleicht sollten wir weniger am Spiel Mann gegen Frau arbeiten, sondern mehr an unserer Wertschätzung dem Menschen gegenüber. Vielleicht wäre die Zeit reif, zu sehen, was wirklich zählt im Miteinander und wie man das tragen kann. AHV und andere Sozialversicherungen gehen langsam vor die Hunde. Wann, wenn nicht heute wäre die Zeit da für ein wirkliches Miteinander an Stelle eines Kampfes an immer wieder unterschiedlichen Fronten?

5 Kommentare zu „Kampf der Geschlechter

  1. „Vielleicht sollten wir weniger am Spiel Mann gegen Frau arbeiten, sondern mehr an unserer Wertschätzung dem Menschen gegenüber.“

    Gute Idee, da es sich ja leider um kein Spiel, sondern um hart geführte Kämpfe geht, bei denen viele Menschen auf der Strecke bleiben.
    Man denke nur an die Kinder, die nächste Generation.
    Welche Werte bekommen sie mit auf ihren Lebensweg?

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    1. Die Werte sind die ewig gleichen: Versuche, den anderen klein zu machen, um selber gross zu sein. Damit verschieben sich immer die Kräfteverhältnisse, Menschen müssen sich wieder neu finden und verlieren dabei einen Teil ihres Selbstbewusstseins. Es ist nach wie vor ein Kampf aller gegen alle, einfach mit immer neuen zu Grunde liegenden Ideologien.

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      1. Du sagst es! Menschliche Grösse ist meist der erfolgreiche Versuch, den oder die anderen klein zu machen. Auf der anderen Seite machen sich viele selbser klein, weil sie es so erfahren haben.
        Können Beziehungen funktionieren, wenn einer das Anhängsel des anderen ist. Bequem ist es vielleicht schon – vielleicht sogar für beide Seite – dauerhaft kann es nicht sein. Jede Veränderung kann die Beziehung zum Kippen bringen. Wirklich befriedegend können solche Beziehungen kaum sein. Weiterentwicklung ist beinahe ausgeschlossen.
        Bei einer Beziehung auf Augenhöhe, bei der keiner dominieren will, aber die Stärken und Schwächen durchaus bewusst sind, können beide wachsen, sich verändern, aufblühen, in Freiheit und doch gemeinsam.

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  2. Ich muss hier ( vermutlich auch nicht zum letzten Mal, auch wen Du es Leid bist 😉 ) das Wort in der gender-Debatte ergreifen. Für die Frauen, für die Quote, auch wenn es mir keiner dankt ;-). Dabei erntest Du von mir überwiegend Zustimmung. Die Industrieverbände lachen sich heimlich ins Fäustchen, da die Feministinnen ihnen die Lobbyarbeit abnehmen. Man fragt sich wirklich, ob Mutter oder Vater, wer wünschte sich denn nicht gerne, dass man die eigenen Kinder die ersten zwei Jahre zuhause selbst betreuen könnte oder zumindest halbtags ab dem zweiten Jahr. Finden wir da etwa keine grosse Mehrheit in der Bevölkerung? Stattdessen kann der deutsche Arbeitgeberpräsident sich diese Woche aufgrund der Stimmungslage dreist aus dem Fenster lehnen und eine Begrenzung der Elternzeit auf ein Jahr fordern, angeblich im Sinne der Frauen. Ein Wolf im Schafspelz. Was die Diffamierung der Frauen untereinander (auch Männer haben ja untereinander Diffamierungsstrategien) angeht, so steckt ja entweder Neid dahinter oder eben ein anderes Lebensmodell und da scheint das Verständnis voll berufstätiger Frauen auch eher gering. Erstaunlich ist auch immer das Unverständnis der kinderlosen Frauen, deren Perspektive sich um 360° ändert, sobald sie selbst Mütter sind. Andererseits ist es weiterhin ein Drahtseilakt, mit Kind selbst halbtags berufstätig zu sein. Hier ist noch enormer Verbesserungsbedarf. Hier müssten sich die Mütter und Väter auch untereinander mehr solidarisieren und organisieren. Wir sollten uns auch immer bewusst sein, dass Kinder unser Leben bereichern, aber das auch mit Verzicht verbunden ist. Das Rundum-Sorglos-Paket kann keiner für uns stricken. Deswegen stutze ich immer bei Forderungen, die Betreuung der eigenen Kinder vom Staat bezahlen zu lassen. Steuererleichterungen sehr wohl, aber Gehalt für die Betreuung der eigenen Brut? Zu guter? letzt ein Plädoyer für die Quote, simpel und einleuchtend: es gibt inzwischen genügend qualifizierte Frauen. Also rein mit ihnen in die männlich dominierten Vorstände, da hier offensichtlich diskriminierend selektiert wird. So, wie ich die Quote verstanden habe, gilt ja „bei gleicher Qualifikation“. Wer behauptet, dem sei nicht so, bitte verlässliche Quellenanagabe.

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    1. Es gibt auch – wenn ich mich nicht täusche – Bestrebungen, einen bestimmten Prozentsatz an Frauen haben zu wollen. Gleiche Leistungen kann man dann auch nicht immer herbeizaubern. In vielen Inseraten steht, Bewerbungen von Frauen seien erwünscht. Ab und an sogar, sie würden bevorzugt. Das empfinde ich nicht als gerechtes Vorgehen und das ist nicht Gleichberechtigung. Das ist Diskriminierung mit neuen Vorzeichen.

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