„Oft kämpft man mit dem am meisten, was einem am nächsten ist.“

„Sei mal so wie alle andern. Sei einfach mal normal.“ Das sagte mir mein Vater als Kind oft. Später kam dann, dass ich nicht einfach sei und mir bewusst sein müsse, dass mich so nie jemand mögen würde. Auf Dauer. Und ja, er meinte es nur gut, ich weiss, er liebte mich, er wollte, dass ich ein leichtes Leben habe. Und er hat es damit so schwer gemacht. Nicht, dass er schuld wäre daran. Ein anderes Kind hätte Paroli geboten, wäre in den Widerstand gegangen, hätte aufbegehrt. Ich wollte genügen. Ich wollte in die von ihm bereitete Schachtel passen, in die man passen muss, um geliebt zu werden – wenigstens von ihm. Um einmal gut genug zu sein.

Ich habe mir im Leben immer wieder Ziele gesetzt. Und immer gedacht: Wenn ich DAS erreiche, dann bin ich gut genug. Das erste war die Matur. Ich hasste die Schule, aber ich wollte sie machen. Erstens, weil ich dann gut wäre. Zweitens, weil ich nichts lieber wollte, als zu studieren. Als ich die Matur bestanden hatte, merkte ich: Hinter der Tür ist alles noch wie vor derselben. Die Matur hatte ich im Sack, ich fühlte mich aber nicht besser. Aber das nächste Ziel stand schon da: Studienabschluss. Ich hätte gerne Kunst oder Innenarchitektur studiert. Das Veto kam sofort. Ich fing mit Jura an. Nach der Zwischenprüfung war mein Mass an stillem Zuhören erreicht. Ich ertrug es nicht und wollte mitreden, kreativer denken dürfen. Literatur und Philosophie waren die Rettungsanker, ein wirklich wunderbares Studium mit ganz vielen grossartigen Professoren, für die ich noch heute dankbar bin ( zu nennen wären u.a. Peter von Matt, Georg Kohler, Thomas Fries – sie haben meinen Lebensweg alle massgeblich geprägt).

Und ich dachte: Wenn ich ein Studium schaffe, dann bin ich gut genug. Mein Vater fand eigentlich, dass ich gar nicht studieren sollte, da ich sowieso irgendwann mal Familie haben würde. Als ich neben dem Studium auch Jobs für meinen Lebensunterhalt hatte, die mehr einbrachten, als es ein Studium wohl je bringen würde, verstand er mich gar nicht mehr, nur: Für mich waren diese Stellen nur Mittel zum Zweck und immer auch eher Qual, da mir diese Art Arbeit nicht entsprach. Aber ich nahm sie auf mich, um mein Ziel zu erreichen. Und ja, ich erreichte es Ich erreichte es sogar mit Kleinkind als Alleinerziehende. Damals fiel ein paar Männern nichts Besseres ein, als zu spotten, ich hätte sicher einen kurzen Rock angehabt beim Abschluss – sicher unglaublich witzig gemeint, aber trotzdem auch verletzend. Und: Auch hinter der Tür war nichts besser oder anders als vorher. Meine Zweifel an mir bestanden nach wie vorher. Aber: Es gab ein neues Ziel: Doktorat.

Ich bewarb mich um ein Stipendium, um diesen Traum zu erfüllen – wie sonst hätte ich das mit Kleinkind machen sollen? Ich hatte mich vorher für einige Assistenzstellen beworben, kriegte aber explizit die Antwort: Als Alleinerziehende mit Kind würde ich das sowieso nicht schaffen. Wäre ich ein Mann oder ohne Kind, hätte ich die Stelle gehabt mit meinem Abschluss. Ich kriegte das Stipendium, es war für ein Jahr begrenzt. Das reichte natürlich nicht für eine ganze Dissertation, so dass ich ein Neues anvisierte, beim Schweizer Nationalfonds. Auch das habe ich gekriegt. Die nächste Hürde stand schon an: Der Professor, unter dem mein Antrag gelaufen war, fand: Als Alleinerziehende schaffst du das eh nicht. Ich wäre vor Gericht gezogen, doch dann lenkte er ein mit der Äusserung: Wärst du ein Mann, würde ich dich in Ruhe arbeiten lassen, aber so??? Will ich Beweise… es waren eher Schikanen und ein drohendes Damoklesschwert, dass das Geld weg sei, sobald ich nicht genügend liefere einen Monat. Ich kürze ab, ich erreichte auch den Doktortitel, es kamen ein paar Hürden dazu, aber nun denn. Nur: Auch danach war alles beim Alten: Ich fühlte mich noch immer nicht zureichend.

Ich absolvierte noch einige weitere Ausbildungen, gründete Unternehmen… Das innere Bild blieb. Und die Stimme:

„Sei doch mal wie alle anderen. So bist du nicht genug.“

Und ich dachte immer, die anderen fänden das sicher auch. Und wollte mich beweisen. Egal, was ich tat oder erreichte, immer wieder kamen neue Wogen des Selbstzweifels. Zwischendurch auch wieder Hoch-Zeiten, in denen ich glücklich und dankbar war für meinen kreativen Weg, sah, was ich erreicht hatte. Doch sie wurden schnell wieder abgelöst durch das Grundgefühl des Nicht-Genügens.

Ich bin nun in der zweiten Hälfte meines Lebens. Ich war nie ein Freund von Feminismus und Emanzipation und möchte auch fortan keinen Kampf gegen Männer führen, denn ich mag Männer. Und doch möchte ich endlich das Thema angehen, das mich doch so lange begleitet hat… und ich kann nur das aus eigenem Herzen tun: Was bedeutet Frau-Sein? Was würde ich mir wünschen im Leben als Frau? Für mich selber, in der Gesellschaft.

Ich wünsche mir Männer, die das ebenso für ihr Geschlecht tun. Damit wir endlich mal in ein Miteinander starten können, in welchen keine vorgefertigten Muster das Rollenspiel definieren, sondern Menschen auf Menschen treffen und sich gegenseitig annehmen in ihrem So-Sein.

Ich-Sein, Frau-Sein, der Umgang mit Mustern, Rollen und Zwängen wird für mich ein Hauptthema werden – in Bild und Text. Weil: Es ist mein Thema. Von klein an. Und es prägt noch heute.

Kürzlich hörte ich von einer Frau – und es klang lobend und freudig:

Mein Mann hilft im Haushalt.

Sie sagte das als Antwort auf das Jammern ihrer Freundin, welche beklagte, dass sie alles alleine machen muss. Im ersten Moment dachte ich „toll“ und gratulierte der guten Lobenden innerlich. Schliesslich muss man sich den Mann passend aussuchen und man weiss meist, was man kriegt. Doch dann überlegte ich weiter. Und war nicht mehr so begeistert.

Man kommt als Paar zusammen und gründet einen gemeinsamen Haushalt, irgendwo ein gemeinsames Leben. Natürlich sind da Rollen zu verteilen. Dies sollte im besten Fall gemeinsam passieren, so dass jede der beiden Parteien zufrieden ist. Wenn nun aber ein Haushalt gemeinsam ist, hilft dann einer dem anderen, wenn es darum geht, diesen in Schuss zu halten? Oder aber ist es eine gemeinsame Aufgabe, die man im Miteinander löst?

Nun gibt es verschiedene Beziehungsmodelle:

Beide arbeiten gleich viel. Spontan könnte man hier sagen, dass beide gleich viel im Haushalt machen müssten. Nehmen wir an, einer arbeitet 100%, der andere 60%. Müsste nun die Haushaltslast entsprechend angepasst werden? Was, wenn der mit 60% gleich viel verdient, wie der mit 100%? Und: Wohnt dann der, welcher 100% arbeitet, weniger im Haushalt als der andere? (Nicht nur zeitlich, auch gefühlsmässig). Nehmen wir an, eine Hausfrau mit drei (gemeinsamen oder auch durch Heirat mit aufgenommenen) Kindern lebt mit einem zu 100% arbeitenden Mann zusammen. Wer gehört in den Haushalt? Spannend wird es in dem Modell bei den Ferien des so arbeitenden Mannes. Kann er nun übernehmen? Wenn nicht: Wann sind ihre Ferien? (Die Frage kann man auch mit umgekehrten Geschlechtsrollen stellen).

Man merkt wohl, worauf ich hinaus will: Es ist nicht ganz so einfach, schon gar nicht mathematisch. Es mag wohl hinkommen, dass der, welcher mehr zu Hause ist oder seine Arbeit freier einteilen kann, mehr Möglichkeiten hat, Dinge im Haushalt zu erledigen. Das macht diesen aber nicht zu dessen Haushalt, es bleibt ein gemeinsamer. Ergo ist es keine Hilfe, sondern ein Beitrag, wenn der andere was tut.
Reine Wortklauberei? Ich finde nicht. In diesen Worten steckt eine Hierarchie. Der eine muss und der andere macht nur aus gutem Willen mit, muss dafür schon gelobt werden. Es ist nicht selbstverständlich, dass beide dafür sorgen, dass das gemeinsame Heim schön ist, einer will es schön haben, der andere macht. Und ja, nehmen wir das Rollenmodell Hausfrau-100%Arbeiter: Wer nun einwenden will, dass gewisse Männer ach so arm und viel arbeitend sind (vice versa für Frauen im umgekehrten Falle), dem sei gesagt: Sie könnten das in dem von ihnen gewählten Modell auch nicht tun, wenn sie nicht Frauen hätten, die ganz viel abnehmen – zum Beispiel: Drei Kinder zu unterschiedlichen Hobbies fahren, Elterngespräche wahrnehmen, Sorgen abhören und Hausaufgaben überwachen. Essen kochen, Dinge einkaufen, die der Mann nicht essen dürfte wegen seiner Diät und ihn trösten, wenn die Waage nicht will, wie er. Für alle anderen Modelle kann man das anpassen oder das Wort „Hilfe“ per se in die Tonne treten. Und das kann man es auch in diesem Fall.

Letztendlich sind Menschen in Beziehungen Partner. Und als solche schauen sie gemeinsam, dass die Beziehung läuft und das gemeinsame Leben funktioniert. Es hilft nicht einer dem anderen, sondern man ist füreinander da. Gegenseitig. Und macht, was gemacht werden muss. Gemeinsam. Jeder, was er kann, nicht nur, was er gerne möchte – oder grad gut als Hilfe verkaufen kann.

Ein Aushängeschild einer christlichen Partei wird zum vierten Mal Vater. Daran ist per se nichts auszusetzen, nur: Die Mutter ist nicht seine Frau, sondern ein einmaliger (?) Ausrutscher. Da hat es der gute Mann mit der christlichen Nächstenliebe etwas zu wörtlich genommen, möchte man spotten – wäre das Ganze nicht so traurig und das in vielerlei Hinsicht.

Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, das sei seine Privatangelegenheit, hätte weder mit seiner Politik was zu tun, noch hätte es uns was anzugehen. Dem möchte ich entgegenhalten, dass es nunmal an mich herangetragen wurde durch die Medien und ich mir dadurch natürlich meine Gedanken dazu mache. Ist so ein Mensch tragbar? Politiker sollten ja gewisse Werte vertreten, sollten für etwas stehen, man sollte ihnen trauen können. Kann man das, wenn es einer auf einer so elementaren Ebene an Ehrlichkeit und Integrität fehlen lässt?

Könnte man hier das Argument „Er ist auch nur ein Mensch/Mann“ gelten lassen? Dass Seitensprünge keine Seltenheit sind, ist Fakt, das müssen wir nicht wegdiskutieren. Eigentlich möchte ich den moralischen Zeigefinger gar nicht so sehr bemühen, aber er regt sich, weswegen ich dieses Feld verlasse und mich einem anderen zuwende. Der Politiker bezeichnet das Ganze als „grossen Fehler“. Da wächst nun also ein Kind heran, dass irgendwann mal lesen kann, dass es sein Dasein einem grossen Fehler verdankt. Eine solche Äusserung öffentlich finde ich mehr als bedenklich, sie ist menschlich dumm und unbedacht. Sie ist für das heranwachsende Leben ein Stempel, den es irgendwann mal an sich entdecken wird – und er wird sich kaum wegwischen lassen. Aber es geht noch weiter. Seiner Frau beichtete er alles erst kurz vor der Geburt. Sie will nun zu ihm stehen. Und er will für das Kind sorgen, er hätte sogar die Vaterschaft anerkannt und die finanzielle Unterstützung geregelt. Wenn man das so liest, klingt es fast so, als ob man nun applaudieren müsste ob der Weitsichtigkeit und Gutherzigkeit des edlen Mannes – dabei hat er nur das Mindeste getan, was man in einer solchen Situation überhaupt verlangen kann. Aber die Medien klopfen ihm fast auf die Schultern, indem sie es eben nicht anprangern, nur so quasi sachlich berichten.

Man denke mal ein paar Monate zurück. Da wurde ein Tunnel eröffnet und eine Frau trug einen Mantel, der nicht ganz vorteilhaft erschien. Wie haben die Medien gezetert und geschrien. Wie haben sie sich über ihren Kleidergeschmack lustig gemacht, sie durch den Kakao gezogen. Dann wurde auch noch über den (viel zu hohen – wovon zahlt sie das? Von zu hoch angesetzten Geldern, die den Steuerzahler schröpfen???) Preis geschimpft. Ein Skandal, könnte man denken, den sich diese Politikerin erlaubt hat. Wie viel besser macht es da dieser Politiker (notabene derselben Partei), der einfach mal fremdgeht, alle belügt, hintergeht und dann auch noch einen grossen Fehler produziert. Immerhin bereut er es ja.

Ein Thema ist in aller Munde: Das Burkaverbot. Stimmen werden laut, es müsste dringend umgesetzt werden, denn als Zeichen der Unterdrückung – als solches werden Burkas hingestellt – seien Burkas nicht mit unseren westlichen Werten vereinbar. Auf welche Werte beruft man sich genau? Mehrheitlich wohl auf zwei: Die Gleichstellung von Mann und Frau (im Sinne von „alle Menschen sind gleich und keiner dem anderen Untertan) und auf die Freiheit (die der Frau wird als eingeschränkt betrachtet).

Für unsere Breitengrade ist das Bild einer von Kopf bis Fuss verhüllten Frau in der Tat eher fremd und der Gedanke, sich freiwillig so zu kleiden, erscheint abwegig. Und: Was wir uns nicht vorstellen können, das kann es nicht geben, woraus folgt: Nie und nimmer tragen diese Frauen das freiwillig, die müssen quasi gezwungen werden dazu. Wer aber zwingt? Als Täter steht schnell der Mann auf dem Tapet, dieser stützt sich auf den Koran, ergo haben wir die zwei Hauptverdächtigen: Religion und Männer. Und die armen Frauen sind die Opfer im Umzug, die sich von beiden unterbuttern lassen. Mit dieser Argumentation spricht man den Frauen jegliche Kompetenz, selber zu denken ab. Es kann nicht sein, dass sie selber den Koran so auslegen und sich für diese Kleidung entscheiden. Es kann auch nicht sein, dass sie für sich in dieser Art Kleidung etwas sehen, das ihnen entspricht. Es muss Unterdrückung sein, denn sonst würden sie mit hochhackigen Schuhen und knappem Mini durch die Gegend laufen.

Ich möchte nicht verneinen, dass es Länder gibt, die sehr patriarchalisch aufgebaut sind, in denen Frauen kaum einen oder keinen Stellenwert haben. Es gibt viele Länder, in denen noch heute Buben die Krone der Schöpfung, Mädchen der vernachlässigbare Abschaum sind, den man genau so behandelt. Dies sind aber bei weitem nicht nur Länder, in denen die Burka an der Tagesordnung ist. Ich möchte aber auch nicht verneinen, dass es Männer gibt, die ihre Frauen in Burkas zwingen. Idioten, die ihre Frauen unterdrücken, gibt es auf der ganzen Welt, die brauchen dazu auch keine Burka. Sie können sich auch an einem zu kurzem Rock, an einem zu grossen Dekolleté, an zu vielen Kilos auf den Rippen oder einem schlecht geführten Haushalt stören und entsprechend reagieren. Wollen wir das auch verbieten? Bloss: Wie erkennt man es auf der Strasse?

Was bei der ganzen Diskussion um das Burkaverbot auffällt, ist, dass es nicht um die Burka an sich geht, sondern nur darum, sie auf unseren Strassen, in unseren Ländern zu verbieten. Was die Frauen dann zu Hause machen, ist egal, das kümmert wenig. Vielleicht so ein bisschen, aber nicht wirklich sehr. Geht es also bei der ganzen Diskussion wirklich um die Rechte der Frau oder aber mehr um unsere eigenen Befindlichkeiten? Ist es nicht viel mehr so, dass uns der Anblick von so viel fremder Kultur so verstört, dass wir uns mit uns selber nicht mehr wohl fühlen? Wie sollen wir darauf reagieren? Wie gehen wir damit um? Was fordert das von uns und wie reagieren wir darauf? All diesen Fragen können wir entgehen, wenn wir das Fremde einfach verbannen. Dann haben wir wieder unsere schöne kleine Welt, die wir kennen und in der wir uns wohl fühlen.

Um der Freiheit willen eine Kleidung zu verbieten, ist in etwa so, wie das Wasser aus dem Swimmingpool zu lassen, wenn man schwimmen gehen will.

Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Conny bleibt zu Hause, Felix verdient die Brötchen. Die beiden sind happy und überzeugt, Kind Franz wird es auch sein. Nun kommt Sabine, Connys Freundin, und sagt: „Wie kannst du nur so ein antiquiertes Lebensmodell wählen? Heute gehen Frauen arbeiten, Kinder in die Krippe. Wofür haben wir sonst gekämpft? Sag deinem Felix, er soll seiner Verantwortung nachkommen und auch was tun.“. Gut, Conny redet mit Felix und sie entschliessen, modern zu sein. Zwar wollen das beide nicht, aber was tut man nicht alles, um mit der Zeit zu gehen.

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Conny und Felix werden Eltern. Das Kind ist geplant, das Modell bestimmt. Sie sind modern, Felix bleibt zu Hause, Conny verdient die Brötchen. Beide sind happy und überzeugt, Kind Frieda wird es auch sein. Nun kommt Hermann, Felix’ Freund, und sagt: „Was bist du für ne Lusche, ein echter Mann bleibt nicht zu Hause. Conny und Felix kriegen sich in die Haare, das Ende ist noch offen… immerhin wäre eine alleinerziehende Mutter mit Beruf und Kind in der Krippe modern.

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So oder so: Franz oder Friede kommen auf die Welt. Einer muss zumindest am Anfang zu Hause sein, dem neuen Erdenbürger den Einstand in derselben Erde zu ermöglichen. In der Schweiz ist es nun amtlich: Das muss die Mutter sein, denn der Vater kriegt keinen Vaterschaftsurlaub. Das geht gar nicht. Eltern müssten selber entscheiden können, wer den Urlaub nimmt. Klar nicht beide, denn sonst wäre bald die ganze Welt auf Urlaub.

War da nicht was von wegen „vor dem Gesetz sind alle gleich“? Und waren Frauen nicht auch gemeint mit „alle“? Männer waren es ja schon immer. Nur: Hier offensichtlich nicht. Der Schweizer Nationalrat kann sich gegen ein Grundrecht stellen und dem Mann Rechte absprechen, welche die Frau hat. Was genau zählen Grundrechte in einem Land, in dem man sie einfach mal so umstossen kann? Klar, wir bringen keinen um und sind auch sonst recht moderat und meist neutral… aber das soll einfach mal so gehen?

Mein Vorschlag:

Ein Kind kommt auf die Welt. Es hat einen Erzeuger und eine Erzeugerin. Die sind in der Pflicht. Mit der Geburt sollte geregelt sein, wie das Leben des Kindes finanziert wird. Egal, wer nun was macht im Leben, egal, ob die Liebe hält oder nicht. Das wäre Eigenverantwortung. Aber das ist wohl naiv oder unromantisch. Je nach eigenem Standpunkt. Trotzdem fände ich es den einzig gangbaren Weg. Für das Kind, für das Individuum und für den Staat. Das löst nie die emotionalen Probleme, die sind und bleiben, aber sie wären weniger vermischt.

 Fazit:

Was ich mit all dem sagen wollte? Elternteile sollten unabhängig vom Geschlecht gleiche Rechte, Pflichten und Möglichkeiten haben. Die Reihenfolge ist nicht hierarchisch, ich musste eine wählen. Das hiesse, alle gleicht zu behandeln. Alles andere ist Bullshit!

Du bist ein toller Mensch. Ich bin gern mit dir zusammen.

Wer hört es nicht gerne. Wer möchte nicht gemocht werden? Der Mensch ist ja grundsätzlich ein soziales Wesen (auch wenn ich bei mir ab und an daran zweifle, da ich sehr gerne allein bin, Zeit für mich brauche, Jubel und Trubel eher meide.

Und doch: Es ist schön, wenn man Menschen um sich hat, mit denen man gerne zusammen ist, gerne spricht, auf einer Welle schwingt. Umso trauriger ist es, wenn diese plötzlich auf Distanz gehen. Nicht, weil man etwas falsch gemacht hätte, nur, weil man eine Frau ist, die keine Beziehung will.

Das schmerzt. War man nicht mal ein toller Mensch? Gilt das nur so lange, wie man als „Objekt“ verfügbar ist? Ich weiss, das ist sehr plakativ und krass ausgedrückt, aber irgendwo stimmt die Reduktion doch. Klar, es kann keiner für seine Gefühle. Klar ist auch, dass es schmerzen kann, mit jemandem zu „verkehren“ (das ist nicht zweideutig gemeint), in den man unerwidert verliebt ist. Nur verliebt sich ja nicht gleich jeder aufs erste Wort. Und es ist mir nun doch schon einige Male passiert.

Sind Frauen per sei einfach mal Beziehungsobjekte? Oder gar doch nur Sexobjekte? Wo bleibt das „Mit dir kann ich gut reden“, „du bist intelligent“ und „ich fühle mich wohl in deiner Gesellschaft“, wenn die Option auf mehr stirbt? Stirbt mit? War nie da und nur Schleimerei?

So oder so: Es bleibt ein schaler Geschmack zurück und ab und an der Gedanke, mich generell zurückzuziehen, da ich darauf einfach keine Lust mehr habe.

Menschen wollen weiterkommen. Sie forschen, sie suchen den Fortschritt und finden ihn. Durch dieses Forschen ist es gelungen, das Waschbrett gegen eine Maschine auszutauschen, Krankheiten auszurotten und zum Mond zu fliegen. Alles positive Dinge. Grundsätzlich. Allerdings hat so mancher Fortschritt auch seine Tücken, denn er lässt neue Fragen entstehen: War die Atombombe ein grosser Fortschritt oder doch die grösste selbstgeschaffene Gefahr der Menschheit? Muss man lebenserhaltende Massnahmen anwenden, weil man es kann, oder tangieren sie die Würde des Menschen? Und wo liegt die Grenze?

Die neuste Frage, die sich stellt: Ist die Früherkennung des Geschlechts eines Embrios ein Segen oder ein Fluch? Die Freiheit der Frau, zu entscheiden, ob sie das Kind kriegt, geht damit soweit, das nicht gewünschte Geschlecht abzutreiben. Wir kommen der Planung des perfekten Kindes näher. Bald sind es wohl auch Haarfarbe, Augenfarbe und IQ, die passen müssen, um über Leben und Tod zu entscheiden.

Soll man also deswegen die Freiheit der Frau, über die man erst kürzlich abgestimmt und sich dafür entschieden hat, einschränken? Ist das Verbot Ärzten gegenüber, das Geschlecht vor der abgelaufenen Frist, in der ein Schwangerschaftsabbruch gesetzlich erlaubt ist, bereits eine Einschränkung der Freiheit der Frau? Dann wäre sie ja durch die Unmöglichkeit der Früherkennung auch eingeschränkt gewesen. Was natürlich zutrifft. Ist die staatliche Einschränkung schlimmer als die natürliche? Weil nun etwas, das möglich ist, verunmöglicht wird und der Staat die Hand drüber hat? Allerdings hat er wohl auch viel zur Forschung beigetragen (durch Geld, Infrastruktur, etc.), die den Fortschritt überhaupt erst ermöglicht hat – hat er dadurch ein Recht erworben, dessen Einsatz zu steuern?

Wenn man für die Freiheit der Frau stimmt, ihr Kind abtreiben zu dürfen, dann muss man ihr wohl folgerichtig auch die Gründe für diesen Abbruch überlassen. Wer würde sonst bestimmen dürfen, was ein triftiger Grund ist und was nicht? Ist der blosse Wunsch nach einem Jungen schon Grund genug, ein Mädchen abzutreiben? Wäre die dringende Notwendigkeit eines männlichen Erben und zu wenig Geld, noch ein 15. Mädchen zu ernähren, Grund genug? Ist eine Behinderung akzeptabel als Begründung und wie schwer müsste sie sein? Grenzen zu ziehen ist nie einfach, da jede Grenze eine Ungerechtigkeit mit sich bringt. Die auf der einen Seite werden anders behandelt als die auf der anderen. Und meist ist die Grenze relativ willkürlich – sie basiert auf den kulturellen Gegebenheiten, auf Gesetzen, auf Ein- und Ansichten und Wertvorstellungen. Und keines von all dem ist absolut und zeitlos, sondern immer der Zeit und dem Ort geschuldet, in denen sie vorherrschen.

Was also ist die Lösung? Es gibt wohl keine einfache. Aufhören zu forschen wird man nicht, da es erstens noch so viele Themen und Gebiete gibt, die dringend erforscht werden sollten (Krankheiten, etc.). Zweitens ist der Forschertrieb im Menschen zu tief angelegt, als dass er ihn einfach abstellen könnte. Er will weiter, will höher, will alles. Immer. Das hat seinen Preis. Ausgerottete Krankheiten bedeuten mehr Menschen, da die Menschen älter werden. Soziale und finanzielle Probleme sind die Folge. Medizinischer Fortschritt führt zu Ermessensfragen, welche die Würde des Menschen, Entscheidungen über Leben und Tod und vieles mehr mit sich bringen. Technischer Fortschritt bringt Hilfsmittel im Alltag, aber auch Waffen und damit Zerstörung auf die Welt. Es bleibt wohl dabei, dass alles immer zwei Seiten hat. Und ab und an liegt die Antwort auf die sich öffnenden Fragen nicht einfach auf der Hand oder es gibt schlicht keine befriedigende.

Ich bin eine Frau. Als Kind wäre ich lieber ein Junge gewesen. Das hätte irgendwie mehr Spass gemacht. Ich mochte Autos, mochte es, auf Bäume zu klettern, spielte Fussball. Beim Friseur liess ich mir immer Jungenfrisuren schneiden, mein grösstes Kompliment war, als ein Vater seinem kleinen Kind auf der Schaukel sagte, der Junge auf der Schaukel nebenan (er meinte mich) stosse es sicher mal an.

Das hat sich irgendwann ausgewachsen. Ich bin Frau und ich bin es gerne.Vor allem aber bin ich Mensch. Ich kann und mag Dinge, weil ich Mensch bin, nicht weil ich Frau bin. Ich habe mich bislang gegen Feminismus gesträubt, weil ich vieles davon zu plakativ finde, es für mich zu sehr nach Geschlechterkampf aussieht und ich finde, es wäre langsam an der Zeit, ein Miteinander anzustreben. Ich will keine Männer bekämpfen, ich will auch nicht überall ein „-in“ anhängen, denn ich sehe darin keinen positiven Effekt auf das tatsächliche Leben. Den kann nur ein Umdenken in den Köpfen haben. Bin ich naiv?

Als ich mein Studium mit Prädikat abschloss, kriegte ich zu hören, dass ich wohl bei der Prüfung einen kurzen Rock getragen hätte, um es zu erreichen. Als ich mein Stipendium für die Dissertation erhielt, gingen gewisse Statements in dieselbe Richtung. Dass beim Abschluss der Dissertation nur noch Witze wie „Wo hast du den Titel gekauft?“ kamen, war wohl eher der Zeit um Gutenberg denn eines Umdenkens in Sachen Geschlechterpolitik zu verdanken (?).

Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Bewegung des Feminismus mehr den Männern als den Frauen nützt. Während die Frauen sich abstrampeln, ihre Werte und Ansprüche in den schillerndsten Farben und bei Lichte betrachtet den unmöglichsten Auswüchsen zu zementieren, klagen die Männer an allen Fronten über nicht mehr klare Rollenmodelle, Verhaltensmaximen und sonstige Zipperlein. Nachdem sie sich so zum Opfer der Zeit erklärt haben – viele Psychologen springen auf den Zug auf und begründen fleissig, wie arm der arme Mann doch sei -, gehen sie dazu über, noch kantiger und markiger zu pointieren. Sie dürfen ja nun, sie sind ja so arm. Und wenn sie nicht arm sind, dann sind sie Mann und holen sich doch das Weibchen, wie eines Tages ein Chefredakteur, der ein Treffen vereinbarte, was von Frau und offener Beziehung faselte und Annäherungsversuche startete. Auf mein Intervenieren, dass ich durch Leistung, nicht durch anderes ankommen möchte, meinte er: „Es ist das Gesamtpaket…“

Ich mag Männer. Sehr. Schliesslich bin ich mit einem verheiratet und bin zudem Mutter eines absolut gewünschten Sohnes. Ich bin nach wie vor keine Befürworterin des Feminismus, allerdings verstehe ich die Beweggründe dafür. Nur: Es wird nie besser werden, wenn einer immer gegen den andern kämpft. Dadurch entsteht immer nur Druck und dieser provoziert Gegendruck. Was wirklich nötig ist? Ein Miteinander. Vor allem anderen sind wir Menschen. Erst danach teilen wir uns auf in Frauen und Männer. Und nein, Frauen und Männer sind nicht gleich, sie sollen es auch nicht sein. Aber: Sie haben denselben Wert und sollen mit denselben Massstäben gemessen werden.

Spätestens als ich diese Frau mit schriller Stimme quer über den grossen Anlegeplatz des Schiffes laut „Liebling! rufen hörte, wusste ich: Ich hasse Kosenamen. Für einen erwachsenen Menschen? Das ist lächerlich. Wozu soll das gut sein? Wieso ist ein Mann ein Bärchen, Stier, Tiger, Mäuschen, Schätziputz oder sonstiges und nicht einfach Klaus, Karl, Heinz, Thomas oder Gianluca? Was will man ihm damit sagen?

Und: Fühlt man sich besser, wenn man Schatz, Spatz, Herz oder Liebling ist statt einfach nur Susi, Claudia, Sabine oder Hildegard? Ein Kosename ist persönlicher? Ich finde, eher das Gegenteil ist der Fall. Jeder kann Schatz heissen, Ilse heisse ich (wenn dem denn so wäre) – vielleicht ein paar mit mir, aber so kann nicht jede heissen, denn die heissen Berta, Heidi oder Erika.

Und drum: Wer mich liebt, soll mich nennen, wie ich heisse. Ich brauche keine Kosenamen, keine Verkleinerungen, Verniedlichungen oder sonstigen Veränderungen. Wer mich liebt, soll das beweisen und sich nicht mit abgestumpften Übernamen behelfen. Ich meine ja nur.

Heute las ich einen Artikel über den perfekten Mann. Die Frage lautete, ob ein guter Mann entweder vergeben oder schwul sei. Mal abgesehen davon, was das denn für Frauen bedeuten würde, ob alle guten frei rumlaufen und wie die Hühner nach dem leckersten Korn suchen oder aber auch vergeben respektive nicht an der Männerwelt interessiert wären, fand ich den Ansatz etwas gar plakativ und wenig durchdacht.

Perfekte Männer gibt es nicht. Sorry, ist so. Es gibt auch keine perfekten Frauen, darum eh keinen, der ein Anrecht auf einen perfekten Mann hätte. Insofern hat die Natur das prima gerichtet, passt alles. Frau habe es so an sich, Männer zu erziehen und zu reparieren, lese ich. Dem würde ich gerne widersprechen, habe mich aber selber kürzlich ertappt. Ich schaute eine Doku über einen eigenwilligen, rebellischen, spannenden Schriftsteller, hübsch, anziehend, aber: Chaotisch, ungekämmt, nachlässig. Ich dachte so bei mir, wie ich ihn kämmen, anders anziehen, die Wohnung aufräumen lassen und angepasster werden liesse. Und merkte schon beim Denken, dass dann die ganze Spannung weg wäre.

Ich vermute, genau das passiert auch oft in Beziehungen. Man lernt ein stimmiges Gesamtpaket kennen und fängt dann an, Details zu verändern. Lassen sie sich ändern, stimmt nachher das Paket nicht mehr, ist nichts mehr davon da, was einen mal anzog. Lassen sie sich nicht ändern, stören wir uns an der Sturheit. Ich möchte fast selbstkritisch behaupten, dass Frauen noch ein wenig mehr dazu neigen. Dies nur unter uns, soll keiner erfahren und ich habe das nie gesagt.

In eine Beziehung zu gehen und zu denken, dass dieser eine Mensch dann all das abdeckt, was ich mir vom Leben wünsche und vorstelle, ist gar illusionär bei Lichte betrachtet, in Tat und Wahrheit aber wohl genau das, was wir machen. Und fehlt etwas, hacken wir drauf rum, blasen es auf und lassen die ganze Beziehung damit davonfliegen. Weil sie nichts taugt. Weil er nichts taugt, zumindest genau in dem Bereich, an dem wir uns gerade festbeissen, nicht. Wir können Stunden damit verbringen, zu jammern, weil unser Bauch wabbelt, die Brüste asymmetrisch sind und der Po aus der Form geraten ist. Wir hadern mit Macken von uns und wollen doch geliebt werden. Seine Macke ist aber das Killerkriterium. Die geht gar nicht. Fair? Niemand sagte, das Leben sei fair.

Nur: Ob wir so glücklich werden? Ich wage es zu bezweifeln. Ein kluger Mann sagte mir mal, dass man von einem Partner drei Dinge wünschen kann, die er abdeckt. Mehr ist nicht drin. Man muss sich also gut überlegen, wo die eigenen Prioritäten liegen. Dabei auf Gegensätze zu setzen, könnte die Sache schwierig machen. Sicherheit und Risikofreude schliessen sich irgendwie aus. Problematisch wird es wohl, wenn über die Jahre die Prioritäten ändern. Das ist oft die Klippe, über die Beziehungen stürzen. Sätze wie „Wir haben uns auseinandergelebt.“ stehen dann im Raum.

Was oft folgt? Das Leben als Single. Und die Klage: Alle guten Männer sind vergeben oder schwul. Und damit fangen wir wieder vorne an. (Einfach wieder oben anfangen zu lesen). Bei Beziehungsfragen: Einfach fragen. Irgendwas fällt mir immer ein. Wie man sieht.

Was von der Liebe bleibt

Inhalt

Liebster,
Eine Trennung, sagte man, ist nie abgeschlossen, kommt nie plötzlich. Man sagt, eine Trennung beginnt mit ihrem Gegenteil. Sie beginnt genau im sanftesten Moment, bei der ersten Begegnung, beim ersten Blick. Ich möchte glauben, eine Trennung kennt kein Ende, und der letzte Tag, die letzte Nacht wiederholen sich unaufhörlich, mit jedem Warten, jeder Wiederkehr, immer dann, wenn du mir fehlst, immer dann, wenn ich deinen Namen sage.

Eine Frau schreibt dem Mann Briefe, der sie eines Morgens einfach verlassen hat. Für sie unverständlich, wie er einfach gehen konnte, schreibt sie ihm jeden Tag, ruft ihm die Beziehung zurück in die Erinnerung, erzählt, wie es ihr geht, was in ihr vorgeht. Sie steckt die Briefe in den Briefkasten seiner Wohnung und hofft, so das Band der Liebe aufrecht zu halten oder sogar weiterzuknüpfen. Leider wohnt heute jemand anders in der Wohnung, leert ein anderer Mann diesen Briefkasten. Marcos ist selber getrennt lebend. Seine Beziehung zerbrach, zurück blieb eine kleine Tochter, die ihm fremd ist, mit der er wenig anfangen kann, vor der er sogar Angst hat. Und irgendwie scheint ihm das ganze Leben mit allen Entscheidungen fremd.

Die Dinge geschahen, ohne dass er auch nur die geringste Kontrolle gehabt hätte, dachte er. Immer gab es jemanden, der die Entscheidungen für ihn traf. Die Hochzeit, die Idee seiner Frau, sie hatte ihn so sehr bedrängt, dass er irgendwann zugestimmt hatte; dann die Tochter, keine einzige Frage oder Ankündigung, ob er das denn auch wolle, ob er einverstanden war […] eine Aneinanderreihung von Beschlüssen in seiner Abwesenheit.

Marcos liest die Briefe, die nicht für ihn bestimmt sind. Er fühlt sich mehr und mehr in die Geschichte hineingezogen, wartet täglich auf den nächsten Brief, lässt seine Gedanken um die Frau drehen, die sie geschrieben hat. Zum ersten Mal fühlt er sich involviert. In eine Geschichte, die nicht seine ist und ihm doch nahe geht. Kann man sich in Briefe verlieben?

Carola Saavedra ist auch mit diesem Roman ein tiefgründiger und feinfühliger Roman gelungen. Es ist ein Roman, der die ganze Klaviatur des Lebens spielt, von der Liebe über Beziehungen, Trennungen hin zum Neuanfang. Blaue Blumen handelt vom Miteinander der Geschlechter. Es handelt von einem Mann, der immer wieder denselben Typ Frau in sein Leben lässt und sich dann nicht einlassen kann, weil er sich daneben klein fühlt,

Obwohl wir Erfahrungen sammeln, machen wir immer wieder dieselben Fehler

und von einer einer Frau, die liebt, obwohl sie hassen wollte, die darüber nachdenkt, wie kommen konnte, was kam. Sie setzt sich auseinander, durch die Briefe sieht man ihr Inneres.

Marcos Geschichte wird in der dritten Person aus Marcos Sicht erzählt. Der Leser verfolgt das Geschehen durch seinen Blick, sitzt in seinem Kopf und erfährt seine Gedanken. Es entsteht das Bild eines Mannes, der sich aus dem eigenen Leben ausgeschlossen fühlt, der keine Verantwortung für dieses übernimmt, weil er findet, er sei in allen Entscheidungen übergangen worden. Er baut keine Beziehung zu seinem Kind auf, ist eher gestört, wenn dieses bei ihm ist, da er es ja eigentlich auch nie gewollt hatte.

Statt sich in sein eigenes Leben zu stürzen, sich mit diesem auseinanderzusetzen, lässt er sich nun auf das Leben der unbekannten Briefschreiberin ein, lebt und fühlt mit ihr, ist mehr und mehr angezogen von ihr – was Frauen in seinem Umfeld nicht vermögen, weswegen auch seine jüngste Beziehung zerbricht.

Zurück bleiben Fragen – Fragen danach, was Liebe sei und wann sie ende. Fragen, ob in Beziehungen immer einer Täter, einer Opfer ist, einer, der bestimmt, einer, der mitläuft. Es steht die Frage im Raum, wann Beziehungen enden und wieso. Wer das bestimmt und was danach kommt – überhaupt kommen kann. Und die Frage, wo die Liebe hingeht, wenn sie geht, und wo der Hass anfängt. Am Schluss des Buches bleiben ganz viele Fragen offen und man hat das Gefühl, dass dies eigentlich erst der Anfang war – irgendwie.

Fazit:
Ein Buch mit vielen Fragen zum Leben, zur Liebe, zu Beziehungen. Tiefgründig und klug hinterlässt es am Schluss viele Fragen. Empfehlenswert.

Zum Autor
Carola Saavedra
Carola Saavedra, geboren 1973, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Sie hat in Deutschland Kommunikationswissenschaft studiert. 2013 erschien bei C.H.Beck ihr Roman Landschaft mit Dromedar. Für diesen erhielt sie den Rachel de Queiroz-Preis und war unter den Finalisten für die renommierten Literaturpreise Jabuti und São Paulo de Literatura. Die Zeitschrift „Granta“ zählt sie zu den zwanzig besten jungen Autoren und Autorinnen Brasiliens.

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier: Carola Saavedra – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
SaavedraBlumenGebundene Ausgabe: 223 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (12. März 2015)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406675676
Preis: EUR  18.95/ CHF 26.90

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Ich habe etwas gelesen. Das kommt ja nicht so selten vor bei mir, dieses Mal war das Lesen schwierig (ok, auch das ist nicht so selten, ich bin wohl etwas heikel). Das Schwierige lag dieses Mal daran, dass ich immer Paroli bieten wollte (das ist übrigens auch das Hauptübel, wenn ich an Lesungen, Diskussionen, ähnlich Dozierendem bin). Zu jedem Satz hatte ich was zu sagen, zu allem ein Gegenwort. Lesen mit Gegenworten im Kopf ist schwierig, da die eigenen Worte ziemlich laut im Kopf rumoren, während die Augen über die Buchstaben fliegen.

Worum es ging? Was ein Mann denkt, wenn er schweigt. Die Welt hat es schwarz auf weiss publiziert.

Schon nach kurzem rief alles in mir: NEIN. Ich wäre froh um einen Mann, der nicht fragt, wie meine Arbeit war. Arbeit irgendwo da draussen in der Welt ist schon anstrengend genug: All die Menschen, all der Lärm. Der Weg dahin unter Menschen, all die Gedanken zu den Menschen, die durch meinen Kopf schwirren. Wenn ich dann – wieder mit Bus und mit vielen Menschen und vielen Gedanken – heim komme, will ich nur eines: RUHE. Ich mag nicht erzählen, mag keine Inquisition über alltägliche Arbeit – die mir notabene Spass macht, die beste aller Arbeiten überhaupt ist, keine Frage – und doch kein Paradies, da ja all das oben Beschriebene mit hineinspielt – und nun habe ich den Überblick über Bindestriche und Klammern und Einschübe verloren und wenn ich ihn nicht verloren hätte, würde ich es nicht zugeben, da ich mich dann als Thomas-Mann-Leser und Sprach-Enthusiasten outen würde, weshalb ich einfach mal – ))-,,, anfüge und weiter gehe…

Tage sind ja meist eher alltäglich. Zumindest meine. Und ich muss gestehen, dass ich froh drum bin, da das Leben – zumindest meines – genug Neues bereit hält, und ich das restliche Neue gerne selber bestimme. Und: Ich erzähle davon, wenn es erzählenswert ist, ich muss nicht ausgefragt werden.

Aber ich las weiter. Nicht lange, schon stiess ich auf das nächste Widerworte Provozierende: „Ganz der Vater“ war es überschrieben. Mein Papa erzählt immer, dass er ungern spricht, darum im Militär immer der Erste war, der telefonieren durfte, weil alle wussten: Er hält sich kurz. Nur: Immer, wenn ich zu Besuch bin, denke ich so innerlich, wie schön ruhig es zu Hause ist, da Papa erzählt und erzählt und erzählt – unter anderem jedes Mal die Geschichte vom Militär.

Ich lese nun nicht mehr weiter, da ich weiss, ich käme nicht weit, schon würde sich wieder ein „Aber“ regen. Und ich möchte heute keinen Roman mehr schreiben, denn eigentlich hatte ich ja beschlossen, überhaupt keinen mehr schreiben zu wollen, da ich schlicht nicht zum Romanschreiben geschaffen bin, sondern lieber mal kurz in die Welt rufe, was mir so durch den Kopf geht. Und das habe ich hiermit getan.

Nur: Durch den Kopf geht mir nun die Frage, ob ich nicht im Innersten eigentlich ein schweigsamer Mann sei… irgendwie finde ich mich darin wieder…

Nie zu spät für einen Neuanfang

Rebecca dachte eigentlich selten ans Sterben, doch ans Geld dachte sie ständig. Sie hatte Angst, noch ewig weiterleben zu müssen, verarmt, ihr früherer Ruhm nur noch eine Fussnote in einer Doktorarbeit, die kein Mensch mehr las.

Rebecca Winter, einst gefeierte Fotografin, erfindet ihr Leben neu. Im Alter von 60 ist sie geschieden, lebt in einer New Yorker Wohnung, die sie sich nicht mehr leisten kann und auch die Erfolge bleiben aus. Sie mietet ein heruntergekommenes Haus auf dem Land, vermietet ihre Wohnung – so hofft sie, finanziell über die Runden zu kommen. Und sie hofft weiter, dass sich ihr neue Wege auftun, wie ihr Leben weiter gehen kann.

Neuer Lebensabschnitt, neuer Ort – alles ist neu in Rebeccas Leben, alles nicht ganz gewünscht, sondern aus der Situation heraus passiert. Anna Quindlen erzählt in diesem Roman von den Brüchen im Leben einer Frau und davon, wie sie damit umgeht. Da Brüche oft nicht gewollt sind, bleibt es nicht aus, dass eine gewisse Wehmut, das Gefühl von Angst mitschwingt. Trotzdem erschlagen diese Gefühle nicht, sind sie nicht dominant und die Geschichte nicht düster.

Dem Roman fehlt Tempo, fehlt das wirklich Packende, Mitreissende. So plätschert das Leben der Rebecca Winter dahin, als Leser fühlt man sich ein wenig wie der Zuschauer auf der Gartenbank, der dem Nachbarn beim Leben zusieht – allerdings ist das Leben nicht immer spannend und in einem Roman hätte ich mir mehr erhofft. Trotzdem ist es auch ein Buch, das Mut macht, das zeigt, dass es nie zu spät ist, einen Neuanfang zu wagen, dass dieser sogar eine Chance sein kann.

Fazit:
Die Geschichte einer Frau im Umbruch. Ein Buch darüber, dass man immer neu anfangen kann. Interessantes Thema, die Geschichte hätte mehr Tempo vertragen.

 

Zum Autor
Anna Quindlen
Anna Quindlen, Jahrgang 1952, gehört in den USA zu den wenigen ganz großen Autorinnen, die sowohl die Literaturkritik als auch das breite Publikum begeistern. Ihre Romane und Sachbücher erobern regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten. Für ihre Kolumnen in der New York Times erhielt sie 1992 den Pulitzer-Preis. Ihr Bestseller »Die Seele des Ganzen« (1995) wurde unter dem Titel »Familiensache« mit Meryl Streep verfilmt. Ihr neuester Roman »Ein Jahr auf dem Land« rangierte in den USA monatelang in den Top-Ten und verkaufte sich eine viertel Million Mal.

Angaben zum Buch:
QuindlenGebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (2. März 2015)
Übersetzung: Tanja Handels
ISBN-Nr.: 978-3421046666
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90

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Wieder einmal definiert eine Frau, was sich für Frauen gehört und was nicht. Und sie schreibt einen Artikel darüber. Eigenes Geld zu verdienen sei eine Frage der Würde. Sagt sie. Frau muss sich also Würde verdienen, sie kommt ihr nicht ihres Daseins wegen zu. Die gute Schreiberin zeichnet eine Welt in schwarz und weiss. Da gibt es entweder die selber arbeitenden Würdenträgerinnen (und Arbeit ist nur, was man ausser Haus und für Geld tut) und die verwöhnten Weibchen, die sich würdelos aushalten lassen, nichts anderes können als mit der Kreditkarte zu winken.

Als man sich für Emanzipation stark machte, ging es darum, dass Frauen dieselben Rechte erhalten sollen wie Männer. Es sollen ihnen genauso viele Möglichkeiten offen stehen wie Männern auch. Dass das Schaffen der Möglichkeiten ihnen aber die Wahl nehmen soll, sich frei zu entscheiden, stand da nirgends. Genau das passiert aber heute. Wer sich für ein traditionelles Rollenmodell entscheidet, wird gleich als wenig emanzipiert (im besten Fall), wenn nicht gar als Verräter an der Sache (im schlimmsten) hingestellt.

Noch heute ist es so, dass sehr viele Betreuungsaufgaben in der Familie (von Kindern bis hin zu pflegebedürftigen Familienmitgliedern) an Frauen hängen. Für Arbeit daneben ist oft kaum Zeit oder Kraft. Dieser Umstand ist sicher nicht ideal, vor allem, wenn er aus der Not heraus Rollen aufzwingt, die so nicht gewollt sind. Der Frau, die in dieser Rolle ist, nun noch die Würde abzusprechen und sie zusätzlich noch kleinzumachen, macht die Situation sicher nicht besser. Da diese Frauen aber nichts verdienen, tut die Verfasserin genau das.

Und dann gibt es noch Familien, in denen Rollen verteilt sind. Einer arbeitet ausser Haus, einer im Haus. Einer betreut mehrheitlich die Kinder, der andere arbeitet für Geld. Beide müssen (und wollen) sich auf einander verlassen können, denn nur so funktioniert das. Bei dem Modell sei die Frau nicht auf Augenhöhe. Sie sitzt also quasi automatisch auf einem tieferen Level als der Mann. Und ohne verdientes Geld entbehrt sie auch der Würde. Heisst es im Artikel. Komischerweise spielt dieser das Modell für den Mann nicht durch. Was, wenn der Hausmann ist? Klar ist das nicht so häufig, aber es gibt auch das.

Artikel wie dieser sind es, die Frauen in Modelle zwingen. Fügen sie sich nicht, sind sie unten durch. Und es sind selten Männer, die solche Artikel schreiben, die solche Verhaltensmaximen aufstellen für Frauen. Und genau mit solchen Artikeln wird bewirkt, dass eben die Betreuungsaufgaben, die Frauen (oft unentgeltlich) übernehmen, nichts wert ist, gering geschätzt wird. Für mich ist diese Sicht menschenverachtend und frauenverachtend.

 

Heute erhielt ich eine Mail. Adressiert an Frau Dr. XXXX. Noch heute liest sich der Titel komisch, nach nunmehr vier Jahren, die ich ihn trage. Einerseits freut es mich, dass ich es trotz aller Widrigkeiten geschafft habe, ihn zu kriegen, andererseits ist es mir irgendwie peinlich, ihn zu führen. Meist verschweige ich ihn, ihn zu nennen fühlt sich so grosskotzig an.

Ich schloss mein Studium unter erschwerten Umständen als Alleinerziehende mit Kleinkind ab. Eigentlich wäre mein Traum gewesen, zu promovieren, aber unter den Bedingungen? Von den Einen hörte ich, ich hätte nun lange genug studiert, ich solle endlich mal arbeiten (ich hatte mein Studium mit sehr viel Arbeit nebenher verdient), von anderen kriegte ich zu hören, dass ein solcher Titel eh nichts bringe und ich mir diese Träume nicht leisten könne.

Und ja, ich konnte es mir nicht leisten, wenn ich nicht eine Möglichkeit fand, wie die Arbeit an meiner Dissertation bezahlt war. Ich hatte Glück und fand sie: Zuerst erhielt mein Forschungsantrag ein Stipendium für ein Jahr, dann eines für zwei Jahre vom SNF. Zwar musste ich auch da wieder kämpfen, da gewisse Herren in gewissen Positionen meinten, als alleinerziehende Mutter könne ich das eh nicht schaffen und würde die gesprochenen Gelder nur für Schoppenmilch und Windeln ausgeben (SIC!), aber ich packte diese Hürde. Und alle späteren auch. Tagsüber war ich Mutter, nachts wälzte ich Bücher. Zwischendrin raste ich als freie Journalistin durch die Gegend und schrieb Artikel.

Die Arbeit war im Kasten, die Promotion gelungen. Freude? Wollte irgendwie nicht aufkommen. Gefeiert wurde der Abschluss nie. Was ich zu hören kriegte, waren spöttische Fragen, ob man mich nun Frau Doktor nennen müsse, oder, ob ich bei der Prüfung einen kurzen Rock getragen und dem Professor schöne Augen gemacht hätte. Was ich auch hörte war, ob ich nun endlich lange genug zur Schule gegangen sei und es mal mit Arbeit versuchen wolle.

Und da sitze ich also. Die Mail vor mir. Und ja, irgendwie bin ich stolz, habe ich den Weg gemacht. Ich bin stolz, trotzte ich allen Widrigkeiten. Ich bin aber auch traurig. Tief drin hätte ich es schön gefunden, hätte mal irgendjemand gesagt, er sei stolz auf mich. Hätte mit mir gefeiert. Auf den Abschluss angestossen. Die Zeit zurückdrehen kann ich nicht. Aber ich kann endlich mal hinstehen und sagen: Ja, ich habe diesen Titel und ich bin verdammt stolz darauf. Ich habe ihn hart erarbeitet und ich darf ihn tragen. Niemand muss mich so nennen, aber es muss sich auch niemand darüber lustig machen.

Das wäre ein guter Anfang. Und danach packe ich alle anderen wunden Punkte an und lasse mir nirgends mehr die Butter vom Brot nehmen.